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Der ungeschriebene Vertrag

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06.06.2026
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Erste Veröffentlichung mit der Hoffnung auf konstruktives Feedback. Kapitel aus meinem aktuell rasant entstehenden Buch "Brain Zaps". Aus der Seele in den Laptop gekloppt. Danke schon mal fürs Mitschwingen. LG

Der ungeschriebene Vertrag

Wie kann ich etwas vermissen, das ich nie hatte? Die Frage sitzt. Und nach mehreren zehrenden Sitzungen und Gesprächen über mein Gefühl, wo es sitzt und was es in meinem Körper macht, kann ich ohne Umschweife sagen: Das Vermissen von etwas mir völlig Fremdem reißt mir das Herz heraus und hinterlässt ein tiefes, schwarzes, waberndes Loch.

Ich bin die Tochter meiner Eltern. Wenn du mich fragen willst, wem ich ähnlicher bin, kann ich es dir nicht sagen. An sich kann ich jeden Schritt einem Teil von beiden zuordnen. Rechne ich noch die prägenden weiteren Bezugspersonen mit ein, sitzen wir noch Tage hier. Sag mal, was denkst du, wie viele Trennungen kann ein Kind tragen? Tragen plus er. Was ist der Unterschied wenn du etwas trägst oder erträgst? Tragen tue ich etwas aktiv, ertragen eher passiv. Wieso musste ich als Kind tragen und umschreibe es noch heute so? Nach 1,5 Jahren Therapie dürfte ich mir doch zugestehen, dass es da einiges zu ertragen gab. Tragen, ertragen... Weil ich kein Opfer bin und es auch nicht gewesen sein möchte. Aber schmerzende, prägende Erlebnisse, die du nicht tragen konntest und trotzdem ertragen musstest, verschwinden nicht, nur weil du ein anderes Wort dafür findest. Da kannste nichts machen, es ist passiert, aber was de machen könntest: hinsehen. Ja, schön rein in die ganzen Stories. Das Ertragene zu verdrängen erschafft nämlich die Löcher. Du musst hinsehen, aufarbeiten, durch den Schmerz. Luftschloss sprengen, Schulden beichten, noch ein Luftschloss sprengen, Trauerarbeit, Gefühle benennen, noch mehr Trauerarbeit, das System sprengen bzw. aus ihm aussteigen, dann wieder trauern und so weiter. Angeblich soll das Aufarbeiten und Trauern, Aufarbeiten und Trauern und Fühlen und nochmal Hinsehen sogar die Löcher stopfen. Ich bin noch nicht ganz überzeugt und gleichzeitig weiß ich keinen anderen Weg. Ich sage Weg, weil Ausweg klingt nach Hoffnung. Und mit der Hoffnung bin ich vorsichtig geworden. Sie macht Versprechen, die sie später wieder einsammelt. Nicht mein Stil. Ich bin doch nicht dumm. Und schon gar nicht opfere ich mich meinen eigenen Fehlversprechungen. Julia hat die Therapie auf 100 Stunden erhöht. 60 Stunden reichen nicht, weil ich kein Opfer bin.

Ja klar. Ich war nie ein Kind. Ich war immer zwei Kinder. Mein Bruder kam und blieb, als ich dreizehn Monate alt war. Ab dem Tag seiner Geburt wusste ich, wie ich mich zu benehmen hatte. Er war mir wichtig, er war mir genauso willkommen wie meine Mutter. Ich kümmerte mich, ich regelte. Die Familie musste zusammengehalten werden. Es gab ja damals nur uns drei. Aufopferung. Auf und Opferung. Was für ein Wort? Meine Mutter jedenfalls war das Auf und Opfer. Sie warf sich hin, bezahlte die Miete, kaufte das Essen. Ich bin sehr stolz, wie sie das geschafft hat, so ganz alleine. Ich war ihr keine Hilfe. Nicht weil ich nicht wollte. Weil Kinder eben nicht arbeiten dürfen. Die müssen zur Schule. Oder spielen. Oder Kind sein. Oder, oder, oder was genau Kinder eben so machen. Ich hätte ihr gerne alles abgenommen. Ich war ein tüchtiges Kind. Ich konnte alles, ich wollte alles und zwar immer mit Blick auf die Mama. Ihr sollte es gut gehen, das war mir wichtig.

Wenn du mich heute fragst, ob ich Hilfe brauche, transformiert sich das Loch in meinem Brustkorb zu einem Haufen spitzer Steine, die stechen ins Herz und brauchen Platz. Ich winde und verbiege mich dann, denn die Frage alleine... ja, was macht sie mit mir? Leute, es geht mir fantastisch. Ein autonomeres Wesen habt ihr noch nicht getroffen. Wenn hier irgendwer keine Hilfe braucht, dann bin das ich. Ich bin die Tüchtige in deiner Story, ich bin stark, einfühlsam, verständnisvoll. Also eigentlich bin ich alles, was du brauchst. Ich stehe zu Diensten. Ich breche keine Verträge und schon gar nicht diesen einen Dienstleistungsvertrag. Vertragsgegenstand: Zuständig sein. Laufzeit: Unbefristet.


Anmerkung: Erste Veröffentlichung mit der Hoffnung auf konstruktives Feedback. Kapitel aus meinem aktuell rasant entstehenden Buch "Brain Zaps". Aus der Seele in den Laptop gekloppt. Danke schon mal fürs Mitschwingen. LG

 

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