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Die Begegnung

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24.02.2008
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Die Begegnung

Die Begegnung

Vereinsamte Stühle.
Eine quietschende Eingangstür. Ein teilnahmsloser Garderobenständer. Abgestandene Getränke auf der Theke. Ein lustloser Aschenbecher vor mir auf dem Tisch. Ein teures Bier.
13.45 Uhr.
Ich erkannte sie sofort, als sie durch die Schwingtür der Bahnhofsgaststätte kam. Sie trug vor ihrer nicht mehr ganz weißen Schürze auf einem Tablett zwei große Teller mit dampfender Ochsenschwanzsuppe und balancierte sie geschickt durch die spärlich besetzten Tischgruppen zu einem älteren Ehepaar, das hier wohl auf die nächste Zugverbindung wartete.
Wie ich damals.
Mein Gott, wie lange war das her?
20 Jahre? Oder mehr?
Sollte ich mich vielleicht irren?
Aber nein, das war sie.
Annegret.
Annegret Richter. Kein Zweifel.
Ihr immer noch recht beschwingter Gang, der sich seit meiner Jugend in meinem Hirn festgeschrieben hatte, ihre braunen, etwas kürzer geschnittenen Haare und dann, ja, das Muttermal am Hals, eine kleine, unscheinbare, rötliche Stelle … sie musste es einfach sein.
Unwillkürlich musste ich daran denken, dass sie es war, die einmal die Hauptrolle in meinen nächtlichen pubertären Träumen gespielt hatte.
Vor fast vergessener Zeit.
Damals, Ecke Korneliusstraße, Leopoldplatz.

Sie wohnte genau gegenüber in der 3. Etage. Wir drückten bei schlechtem Wetter unsere Nasen an den Fensterscheiben platt, schnitten Grimassen, gingen gemeinsam zur Schule und spielten bei schönem Wetter hinten auf dem Hof bei den Mülltonnen Himmel und Hölle.
Vor einer Ewigkeit.

Annegret setzte die Ochsenschwanzsuppe teilnahmslos vor den alten Leuten ab und sagte: „Kann ich gleich abkassieren? Es ist Schichtwechsel.“

Später war ich so verliebt, dass ich mir in meinen naiven Träumen immer eingebildete, es sei mein Recht als Erster mit ihr zu schlafen. Manchmal malte ich mir dann unter der Bettdecke heimlich aus, wie es wohl sein würde.
Es klappte nie.

Ich fingerte nervös nach meinen Zigaretten und zündete mir eine an.
Sollte ich sie ansprechen?

Der erste Kuss drüben bei den Bahngleisen, das schlechte Gewissen, morgens, wenn ich meiner Mutter in die Augen sehen musste, unser abendlicher Bummel in die Südstadt zu der kleinen Pommesbude, die Portion zu 50 Pfennig mit Ketchup, Händchen haltend, all das tauchte plötzlich in meinen Gedanken wieder auf.
Sie musste doch merken, wie sehr ich sie mochte.

„Wollen Sie auch etwas essen?“, sprach mich die Kellnerin an, die mich bediente, und putzte dabei gedankenverloren mit einem Lappen die Tischplatte.
„Nein, danke“, antwortete ich. „Noch ein Bier bitte.“

Mit Schaudern dachte ich an jenen Vorfall, als ich Annegret in eifersüchtiger Wut in der kleinen italienischen Eisdiele, unserem täglichen Treffpunkt, die Erdbeermilch über ihr Kleid schüttete und sie beschimpfte, weil sie keine Hemmungen hatte sich mit diesem Motorradtypen aus dem Nachbarort vor mir abzuknutschen.
Er war einundzwanzig, ich vielleicht sechzehn.
Und er brachte mir dann auch das blaue Auge bei, das meine Mutter in helle Aufregung versetzte.
Annegret wechselte später noch oft ihre Freunde.
Zu oft.
Ob sie ahnte, was in mir vorging, wie ich litt?
Ich glaube nicht.

Die Kellnerin brachte mein Bier.
Annegret ging zur Registrierkasse und tippte einen Betrag ein.

Wir vertrugen uns natürlich wieder. Aber ich musste jetzt immer häufiger bei ihren Eltern lügen, um ihre heimlichen Rendezvous zu tarnen.
Na ja, vergessen und vorbei.
Eines Tages zog sie weg. Ich machte gerade Abitur.
Sie sei schwanger, hieß es.
Ihren späteren Mann habe ich nie kennen gelernt. Ich schrieb ihr noch ein paar Mal, Briefe ohne Antwort, dann war Schluss.

Ich nippte an meinem Bier, drückte dann energisch meine Zigarette im Aschenbecher aus, hob den Arm und rief ihr zu:
„Hallo,…!“
Sie drehte sich um, murmelte „Moment“ und kam dann langsam an meinen Tisch.
„Wenn Sie zahlen wollen, meine Kollegin kommt gleich“, sagte sie gelangweilt.
Zum ersten Mal blickte sie mir in die Augen, hielt meinem Blick stand und ich hatte für einen Moment den Eindruck, als wolle sie lächeln.
„Annegret“, sagte ich, „erkennst du mich nicht?“
Sie zögerte und ihr Blick sank auf den hässlichen Linoleumfußboden.
Dann hob sie den Kopf wieder und antwortete:
„Ich … ich heiße Monika. Sie müssen mich verwechseln. Sie hatten zwei Pils? Das macht …“
„Aber Annegret“, unterbrach ich sie aufgeregt, „weißt du nicht mehr, …damals, … in der Korneliusstraße,… wir wohnten gegenüber …“
„Was glauben Sie eigentlich, wie viele Leute mich auf diese Weise hier täglich ansprechen?“
Ich verstummte und spielte achtlos mit dem Bierdeckel herum.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen.
„Bringen Sie mir eine Ochsenschwanzsuppe“, sagte ich schließlich kühl.
„Ochsenschwanzsuppe ist alle. Was ist nun, zahlen Sie?“
Ich wühlte in meiner Tasche und gab ihr das Geld für die Biere.
„Der Rest ist für Sie.“
Sie blickte mich an.
Lange.
Sehr lange.
„Es ist besser so, Ralf“, sagte sie leise.

 

Hi Xeranda,

Als Neuling möchte ich dir ein schnelles Kompliment für die nachdenklich-melancholische Geschichte machen - gefällt mir sehr! Die Stimmung der Location und die Zeitsprünge sind stimmig, alles in allem echt gelungen.

Eine Sache ist mir aufgefallen:

tippe einen Betrag ein.
-> tippte den Betrag ein.

Liebe Grüße, L.

 

Hallo Laury,

vielen Dank für die aufmunternden Worte. Den Tippfehler habe ich schon korrigiert.
Liebe Grüße, xeranda

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo xeranda!

Du baust in deiner Geschichte eine sehr schöne Stimmung auf, das hat mir gefallen.
Am Anfang waren mir die Sätze zu kurz, zu abgehakt. Bis dann der erste längere Satz mit dem Ehepaar kommt. Danach wechselst du ab zwischen kurzen und langen Sätzen, das ist in Ordnung.

Die Geschichte an sich ist wohl relativ alltäglich: Ein Mann trifft seine Jugendliebe wieder, die nicht mit ihm reden möchte. Ihre Gründe dafür liegen im Dunkeln.
Ralf erscheint mir jedoch gesichtslos. Ich kann ihn mir nicht vorstellen. Er führt innere Monologe, erzählt von Annegret. Von ihm weiß ich nur, dass er in sie verliebt und sehr eifersüchtig war. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Das klingt jetzt vielleicht negativer, als ich es meine.
Die Atmosphäre hat mir gefallen, die Szene auch.

Grüße
Die Papierkugel

 

Hallo xeranda,

zunächst heiße ich dich herzlich willkommen auf kurzgeschichten.de und finde, um gleich zum Thema zu kommen, deine Geschichte rundum gut.

Du behandelst schnörkellos ein Thema, das, in welcher Form auch immer, uns allen irgendwann im Leben passiert, nämlich die Aufarbeitung und der Umgang mit Vergangenem. Reicht es, sich einfach nur an schöne oder nicht so schöne Zeiten zu erinnern? Oder möchte man anknüpfen an dieser Vergangenheit? Und, was könnte alles passieren, wenn man anknüpft, quasi andockt an das Alte, wird es dann neu? wird es anders? gar besser? Wird man erlöst von seiner Sehnsucht, wenn man es probiert hat?

Das muss sich ja keineswegs nur auf sog. alte Lieben beziehen, sondern kann sehr viele Lebenssachverhalte betreffen. Insoweit ist dieses Thema immer wieder spannend und auch die Art, wie es der jeweilige Autor angeht.

Mir haben deine kurzen für meine Begriffe treffenden Dialoge gut gefallen. Sie wirkten authentisch, denn nix ist schlimmer bei der wörtlichen Rede, wenn die Protagonisten gestelzt und unnatürlich reden, wobei und das ist eben die Kunst beim Schreiben, die Dialoge ja niemals 1:1-Wiedergaben der Realität sind. Das würde kein Mensch lesen wollen, wollte man wortgetreu wiedergeben, was man so daher sabbelt. :D

Im Gegensatz zu Papierkugel fehlt mir nix beim Protagonisten. Er ist mir plastisch genug, weil der Fokus deiner Geschichte ja nur einen Ausschnitt seines Seins beleuchtet und da würde mir mehr Input an Charakterzügen des Protagonisten so vorkommen, als verwässere es den Plot.
Dieses Festhalten an der alten Sehnsucht nach Annegret ist gut eingefangen von dir, diese Hoffnung und Wehmut, die mitschwingt bei seinen Gedanken, die zieht sich wunderbar durch die Geschichte und bringt eine gewisse Spannung hinein, die mir gefällt. Ich romantisches Nilpferd liebe Geschichten, in denen ich mitfiebern kann, ob sie sich kriegen oder nicht. :D

Der Titel deiner Story ist etwas arg belanglos. Mir fällt zwar jetzt auch nicht der innovative Hit ein, biete aber trotzdem an: Bahnhof der Vergangenheit oder Bahnhof der Sehnsucht oder Lebensmomente ...

Weiter so...

Lieben Gruß
lakita

 

Hallo lakita, hallo Papierkugel,

vielen Dank für eure lieben Beiträge. Ich freue mich, dass euch meine Geschichte gefallen hat. Eure konstruktive Kritik nehme ich dankend auf. Auf jeden Fall machen eure Zeilen Mut neue Geschichten einzustellen.

Liebe Grüße, xeranda

 

Hallo Xeranda!

Der lustlose Aschenbecher und der teilnahmslose Garderobenständer am Anfang sind mir etwas zu abstrakt. Was darauf folgt, gefällt mir jedoch sehr, besonders der Schluss ist perfekt gelungen!
Als Titel würde ich etwas Persönlicheres wählen, nicht nur ein häufig benutztes Wort wie "Begegnung". Dir fällt bestimmt noch was Besseres ein, so gut, wie du schreiben kannst!

gruss merettschen

 

Hi xeranda,

ich bin Anfänger, lese mich durch Kurzgeschichten.de. Das Thema Deiner Geschichte ist nicht neu, aber sie ist schön geschrieben, ehrlich. Ich musste sofort an meine Verflossene denken, und an das, was wir so alles erlebt haben, damals...in der Marienstraße...!

Und: ich möchte garnicht wissen, wieviele Herzen ich schon gebrochen habe. Et kütt wie et kütt sach ich mal!

lg Schuld

 

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