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Die Fremde
Mike stand am Flughafen vor dem geschlossenen Gate. Er hatte gerade seinen Flug nach New York verpasst, weil er zu lange in der Raucherlounge gesessen hatte. Er war wütend. Er war enttäuscht. Sein Herz begann zu stechen. Ihm wurde heiß. Sein Puls begann zu rasen. Die Gefühle kochten über.
Mit geballten Fäusten schlug er wild in die Luft, während er mit einem Bein auf den Boden stampfte. Sein Kopf wurde feuerrot. “So eine Scheisse”, schrie er, so laut, dass man es wahrscheinlich noch bis zur Landebahn hätte hören können. Manche der umstehenden Leute schauten sich das Szenario irritiert an. Andere waren belustigt. Ein junges Mädchen hielt die Handykamera drauf. Und ihre Freundinnen konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Mike wurde in Minutenschnelle zur peinlichen Attraktion von Terminal A. In seinem Rausch zerriss er sein Ticket und warf es, wie Konfetti, in die Luft. Als er gerade wutentbrannt gegen die Sitzreihe im Boarding Bereich treten wollte, klopfte ihm ein bärtiger Kerl mit der Hand auf die Schulter. “Bruder, ist gut jetzt, meinst du nicht auch?”, sagte er beruhigend.
Mike zuckte erschrocken zusammen und es wurde ihm klar, dass er gerade weit über die Grenzen hinaus geschossen war. Nicht sein erstes Mal. Er hatte sich einfach nicht im Griff, wenn etwas nicht nach Plan lief. Mike sackte, sichtlich erschöpft von seinem Ausbruch, in die Sitzreihe, die er eben noch wegtreten wollte. Er kauerte dort seufzend mit gesenktem Kopf. Den Blick auf den Boden gerichtet.
Als er seinen Kopf vorsichtig wieder anhob, wie eine Schnecke, die langsam ihre Fühler ausstreckt, nachdem sie sich schützend in ihr Haus zurückgezogen hat, erblickten seine müden Augen eine junge Frau. Sie saß ihm direkt gegenüber. Neongelbe Sneaker. Weiße Jeans. Schwarze Windbreaker Jacke und eine übergroße Designer Sonnenbrille. Sie muss sich während seiner „Auszeit“ auf den Platz gesetzt haben, denn davor war die Sitzreihe leer. Ob alles okay sei bei ihm, fragte sie ihn höflich und ob er das Monokel kenne? Das sei ein Theater. Sie suchten dort immer händeringend gute Schauspieler. Mit seiner Vorstellung von gerade eben, hätte er sicher gute Chancen auf eine Festanstellung dort. Mit ernster Miene sagte er zu ihr, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern solle. Er wäre schon bedient genug. Sie antwortete:“Bleib locker Bro, ich mach doch nur Spaß.“ Man konnte an Mike‘s irritierten Gesichtsausdruck erkennen, dass er dieses Gespräch weder suchte noch ihm folgen konnte. „Natürlich würden sie so einen Freak wie dich nicht einstellen.“, sagte sie verschmitzt und ergänzte: „War nur ein Witz.“ „Was weißt du schon von Freaks?“, keifte Mike. Seine Stimmung wurde durchweg wieder schlechter. Seine Frage war überflüssig und ergab keinen Sinn, doch es war sein einziger Strohhalm, an den er sich klammern konnte. Etwas besseres fiel ihm spontan nicht ein. „Zumindest erkenne ich einen, wenn ich einen sehe“, säuselte sie. „Und du bist ein Freak“, fügte sie hinzu und lachte dabei, während sie in die Hände klatschte.
Mike spürte, wie sein Puls erneut zu rasen begann. Was bildete sich diese fremde Frau ein, über ihn zu urteilen? Was geschah hier gerade? Was wollte sie überhaupt von ihm? „Herrlich, dieser Anblick. Findest du nicht?“ fragte sie herausfordernd. Er überlegte, welchen Anblick sie wohl meinte. Der Blick durch die große Glaswand auf die Landebahnen, mit den ankommenden und abfliegenden Flugzeugen, dem geschäftigen Treiben der Angestellten beim Be- und Entladen der Flugzeuge und den Servicetechnikern auf ihren Fahrzeugen oder seinen Mitleid erregenden Anblick. Im Chaos sitzend, das Hemd aus der Hose, die Schnürsenkel offen vom Stampfen und das Flugticket vor ihm auf dem Boden verstreut. „Welcher Anblick?“, fragte er zögernd. „Alle.“ sagte sie zu seiner Verwunderung. „Glaubst du an Metaebenen?“ bohrte sie weiter nach und er antwortete sichtlich irritiert, dass er nicht wisse, auf welcher Ebene er sei. Sie lachte und wiederholte seinen Satz. „Auf welcher Ebene. Du bist ja witzig.“ Mike schwieg und senkte den Blick erneut zu Boden. Diesmal, um dem Gespräch aus dem Weg zu gehen.
Einen Augenblick später. Er wollte die Fremde gerade fragen, auf welcher Ebene sie denn sei oder was sie mit Metaebene überhaupt gemeint hatte. Doch sie war schon weg. Er schaute sich suchend um. Links. Rechts. Sein Blick fiel auf das Konfetti vor seinen Füßen. Auf einer anderen Ebene anscheinend, dachte er und beendete das Gespräch damit für sich. Er sortierte seine Kleidung, klopfte symbolisch den Staub von den Ärmeln, schnürte seine Schuhe und sammelte die Fetzen seines Tickets auf. „Dann vielleicht ein anderes Mal.“ sagte er, nicht genau wissend, ob er damit auf die Fortsetzung des Gespräch hoffte, dass ihn doch eigentlich nicht interessierte oder seine abgebrochene Reise damit meinte. Die Begegnung hatte in ihm etwas ausgelöst. Er fing an, darüber nachzudenken, wofür sie wohl gut war und was die Absichten der Fremden wohl gewesen sein mögen.
Gerade als er aus der Drehtüre des Flughafens trat, kreuzte sein Blick eine vorbeirauschende Menschenmenge. Er erkannte die neongelben Sportschuhe sofort wieder. Verdutzt sagte er:“Hey, da bist du ja“, als hätte er sie vergebens gesucht und würde sich nun über seinen Fund freuen. Sie hob ihre große Sonnenbrille am Glasrand an und schaute ihm tief in die Augen. Sie lächelte zufrieden, als hätte sie ihn schon erwartet und sagte: „Komm doch mit. Nur für Verrückte, falls dir das was sagt. Nur heute. Es gibt keine zweite Chance." Erneut traf sie ihn mit ihren Worten. Perplex stand er da, zögerte eine Sekunde, um zu überlegen, ob ihre Worte Sinn ergaben. Wer von den beiden wohl der Naivere sein mochte, fragte er sich. Sie, die einen Fremden einfach auf eine gemeinsame Reise einlud oder er, der einer mysteriösen, offensichtlich nicht ganz bei Trost, jungen Frau blindlings vertrauen sollte. Hatte er etwas zu verlieren? „Nicht denken. Mitmachen.“ rief sie ihm winkend zu und riss ihn aus seinen Überlegungen. Mittlerweile war sie mit der Menschenmenge schon weitergezogen und stand jetzt vor einem Reisebus. Das Schild mit der Aufschrift für die Destination war verschmutzt. Man konnte nicht lesen, wohin die Reise ging. Er schnappte seinen Koffer, steckte die Tüte, in die er vorhin sein zerrissenes Ticket gepackt hatte, in die Hosentasche und folgte der Fremden zum Bus.

