Hey @H. Kopper
Danke dir sehr für deinen Kommentar. Ohne kritische Rückfragen deinerseits fehlt einfach was unter einem Text, wie ich finde.
Wie dem auch sei, ich schicke das vorweg, um klarzumachen, dass es mich gerade Überwindung kostet, mich von der Mehrheitsmeinung abzusetzen, zumal du jetzt auch noch den rauen Wind der literarischen Welt ansprichst.
Keine Sache. Erstens sehe ich mich selbst immer häufiger in der Rolle des Miesepeters und mein Vorgehen ist oftmals nicht so umsichtig wie deines. Zweitens ist das im Forum eine ganz andere Sache. Hier kommt es zum Dialog, wohingegen im rauen Wind draussen du oftmals mit einem "Njet" dastehst oder einem "Meh!" ohne irgendwelche Begründung und ohne die Möglichkeit, nachzufragen und ins Gespräch zu kommen. Drittens war es jetzt gerade nur
ein Windstoss, der zugegebenermassen geschmerzt hat, aber ich weiss auch, dass es wieder sanfte Brisen und warme Lüfte geben wird.
Deine Fragen finde ich spannend, ich versuche sie der Reihe nach zu beantworten.
Die erste wäre, warum du die Dinge so im Unklaren lässt. Das Wasser im Mund, aber auch der Eimer. Mir ging es hier wie auch schon jemand in den Kommentaren, dass ich beim ersten Lesen Verständnisprobleme hatte. Ich habe dann leider den Fehler gemacht, nach dem ersten Lesen die Kommentare zu lesen, also nicht noch einmal mit dem Text auf Sinnsuche zu gehen.
Drei Punkte. Erstens wurde mir die Geschichte (über meinen Grossvater) genau so erzählt. Das Wasser im Mund, der Eimer. Für mich ist auch klar, dass sie so erzählt werden musste, ich hätte es als pietätlos empfunden, wenn sie mit mehr Realismus angereichert gewesen wäre. So habe ich es versucht, in diesen Text zu übertragen. Zweitens - und dem ersten Punkt ein Stück weit zuwiderlaufend - finde ich, dass gerade die Aussparung die grösste Wirkung haben kann. Ich bin kein Horrorspezialist, aber es wird doch häufig gesagt, dass der Stoff am besten einfährt, wenn man von der Gefahr, dem Monster nur Andeutungen sieht und der Rest wird der Fantasie überlassen.
Das bedeutet aber drittens, dass zumindest klar werden muss, was eigentlich geschieht. Und das habe ich falsch eingeschätzt. Ich dachte, Wasser im Mund gehöre zum suizidalen Allgemeinwissen (vielleicht weil ich die Story schon als Kind gehört habe). Und ich dachte, das mit dem Eimer sei sofort einsichtig. Da habe ich mich geirrt. In der erweiterten Fassung mache ich das daher expliziter, ich habe den Text gerade nicht vor mir, aber ich glaube, das Wort "Schädelstücke" kommt vor. Insgesamt: Ja, das ist eine gute Frage und ich habe bereits entsprechend angepasst.
Ich frage mich das als Leser, aber auch, wenn ich mir die Sprechsituation des Textes anschaue. Graut dem Erzähler so vor dem Inhalt des Eimers, dass er es sogar vor sich selbst nicht aussprechen kann?
In meinen Augen ist es wie gesagt eher eine Frage der Pietät. Wenn ich jemandem vom Tod eines Angehörigen erzähle, dann erwähne ich vielleicht den Hirnschlag, aber nicht den Speichel, der aus dem Mund tropfte - ausser der Sterbeprozess als solcher wäre das Thema.
Gerade das Grausame ist doch für gewöhnlich das Eindrücklichste, das Physische (Blut, Spliter etc.) ist das, was man sich am besten vorstellen kann.
Das sehe ich anders, siehe oben, Punkt 2. Oder anders gesagt: Ja, du musst es dir vorstellen, ich will es dir nicht unter die Nase reiben.
Warum spielt es eine Rolle, ob der Großvater das Wasser schon im Mund hatte oder ob er es in einem Glas mitgenommen hat?
Das sollte eine der Fragen sein, die sich mir zumindest aufdrängen, wenn ich mit solchen Nachrichten konfrontiert werde. Details, die nicht relevant sind, ich weiss. Und doch frage ich mich: Wie genau hat er das gemacht? Hat er zuvor noch gegessen? Hat er Schuhe angezogen oder ist er in Pantoffeln zur Scheune? Also für mich ist die Sache mit dem Wasser eine Frage, die sich mir stellt. Ich kann es nicht so recht erklären, aber vielleicht hofft man darauf, dass die Antwort auf eine solche Frage hilft, das Ganze besser zu verstehen. Anders gewendet: Ich wollte gerade zeigen, dass sich Menschen angesichts solcher Nachrichten eben nicht hinsetzen und eine Liste von Fragen geordnet nach ihrer Relevanz erstellen. Die Fragen schiessen durch den Kopf und gehen auch nicht mehr weg, wenn man darüber nachdenkt, ob sie relevant sind.
Warum haben all diese Leute in den Eimer geguckt?
Haben sie nicht. Nur der Pfarrer tut das. Sie standen darum herum, so hat man mir das erzählt. Ja, das hat etwas Surreales, Absurdes und genau deshalb habe ich das Bild in den Text genommen. Diese Hilflosigkeit: Der Vater im Eimer (wörtlich) und was nun?
Ob sie den Eimer später weiter benutzt haben?
Das ist doch genau eine Frage derselben Kategorie! Wie kommt man denn auf so eine irrelevante Frage?

Tatsächlich habe ich in der erweiterten Version daran gedacht, den Eimer nochmal ins Spiel zu bringen, habe aber keine nicht plakative Stelle gefunden. Deine Frage scheint mir anzuzeigen, dass wir gar nicht so weit auseinanderliegen bezüglich der Details, die in einen solchen Text reingehören. Du hast bloss an andere gedacht als ich. Aber ja, ich sehe, dass der Text und du nicht ganz auf der gleichen Spur sind, und das liegt glaub schon daran, dass der Suizid ein kleines bisschen zu verklausiert dargestellt ist.
Danke dir sehr für die Auseinandersetzung mit dem Text und deinen Input!
Lieber Gruss
Peeperkorn