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Die Reise

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09.09.2015
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Die Reise

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt. Überquellende Autobahnen sind mir ein Graus, darum breche ich frühzeitig auf. Er zieht mich noch einmal fest an sich. Weiße Atemwolken steigen aus seinem Mund, als er mir eine gute Reise und viel Erfolg wünscht. Beides kann ich gebrauchen, doch ich könnte nicht definieren, was Erfolg in meinem Falle bedeutet. Egal, was immer wir erfahren werden, wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Ich freue mich auf meine kleine Schwester, Sabrina. Und ich spüre die Erleichterung darüber, dass wir Geschwister uns wieder nahe sind. Auch wenn ich in Babelsberg lebe, treffen wir uns häufiger als in den Jahren zuvor. Was uns einst trennte, verbindet uns heutzutage. Und es sieht so aus, als hätten wir in all den Jahren nur in den Startlöchern auf die Chance gelauert, über die Sache mit Vater zu reden.

Bei Muttis Siebzigstem vor zwei Jahren hatten wir uns wieder mal die Köpfe heiß diskutiert und spekuliert. Als Sabrina das Wort Akteneinsicht aussprach, herrschte für einen Augenblick Schweigen.
„Nicht dein Ernst? Horch und Guck?“, fragte Robert dann.
„Warum nicht?“, sagte sie ruhig. „Ich denke, wir brauchen Klarheit.“
„Klarheit?“ Er lachte bitter und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was willst‘n finden, Schwesterchen, wenn der Fall nie aufgeklärt wurde.“
„Irgendwas“, sagte Sabrina und zuckte die Schultern. „Alles ist besser als das Rätselraten.“
„Bringt doch nichts, das Buddeln im Morast, Mensch Leute. Gibt bloß Mord und Totschlag, wenn du liest, dass dein bester Freund dich bespitzelt hat“, sagte Robert.
Ich schaltete mich ein. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Du bist doch derjenige, der immer vermutet hat, dass man uns nach Strich und Faden verarscht hat.“
„Kinder!“, sagte Mutti, „irgendwann muss es doch auch mal gut sein.“ Bisher hatte sie still
dabeigesessen. „Die alten Wunden aufreißen, was soll das denn bringen?“
Sabrinas Augen blitzten, als sie Rehabilitation sagte, ganz langsam, jede Silbe betonend. Sie hatte recht, wir sollten endlich etwas tun, anstatt in Endlosschleifen zu palavern.
„Fast dreißig Jahre ist das jetzt her“, sagte ich. „Und die Leute zeigen immer noch mit Fingern auf uns. Das klebt doch an uns wie Hundescheiße.“
Mutti warf mir einen tadelnden Blick zu.
„Macht doch, was ihr wollt“, sagte Robert.
Und das taten wir auch. Sabrina und ich stellten einen Antrag an die Birthler-Behörde.

Das Verkehrsaufkommen auf dem Berliner Ring ist erträglich. Nachdem ich am Dreieck Potsdam auf die A9 aufgefahren bin, versuche ich mich zu entspannen, löse meine klebrigen Finger vom Lenkrad. Das ist ein Teil der Strecke, die er zweimal die Woche fuhr. Hier kannte er jeden Baum, jedes Gebäude, jedes Schlagloch. Er erschien mir immer beschwingt, wenn er auf Tour ging, so als würde eine Last von ihm abfallen.
Das Autoradio dudelt vor sich hin. In den Nachrichten geht es um Chile. Die Erde hat schon wieder gebebt. 7,2 auf der Richterskala. Die Berliner Polizei steht kurz vor der Aufklärung des Raubüberfalls auf das Pokerturnier im Hyatt. Ich drehe die Lautstärke höher. Am Wochenende haben bewaffnete und maskierte Männer eine Viertelmillion Euro erbeutet. Nicht zu fassen, wie dilettantisch sich die Gangster angestellt haben. Einer läuft ohne Sturmhaube direkt in eine Überwachungskamera. Ein Augenzeuge im Rollstuhl notiert sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs.
Da hatten die Täter, die '79 in die Spedition einbrachen, in der unser Vater arbeitete, schon mehr Glück. Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Verbrecherischer Diebstahl von Volkseigentum. Ein spektakuläres Ereignis für den Kreis, das schnell die Runde machte. Eine eigenartige Mischung aus Sensationsgier, Empörung und Bewunderung hatte die Menschen erfasst. Als wären sie zutiefst dankbar dafür, dass endlich etwas Verruchtes passierte, das sie aus ihrer Lethargie riss und die Fantasie beflügelte.

Meine Eltern hatten die Küchentür hinter sich geschlossen. Zum ersten Mal bedauerte ich, dass anstelle der Mauerdurchbrüche echte Türen vorhanden waren. Nun zog es zwar nicht mehr im Anbau, doch von den interessanten Unterhaltungen wurde ich ausgesperrt. Durch die Milchglasscheibe konnte ich die Schemen der beiden erkennen. Vater redete mit den Händen, ab und zu stand er auf, lief zwei, drei Schritte, setzte sich wieder.
Als ich die Küche betrat, hörte ich ihn gerade noch sagen: „… mein Bier auch Daheim trinken können. So eine verfluchte Scheiße.“
Er sah mich an, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem ertappt, und leckte an der Fingerspitze. Dann blätterte er weiter Scheine auf die Wachstuchdecke, einige Hunderter, stopfte den Packen in seine Zweitbrieftasche, die für die Kundengelder. Die Leute aus der Umgebung rannten uns die Bude ein. Er gefiel sich in der Rolle. Herbert Knaup, der Retter all der Vergessenen im Süden der Republik. Ein Robin Hood in der real existierenden Mangelwirtschaft, der in der Hauptstadt Konsumgüter beschaffte und mit dem betriebseigenen LKW beförderte.
„Man muss nur die richtigen Leute kennen“, sagte er immer. „Und gute Argumente haben.“ Dabei rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander und lachte, sodass sein Goldzahn blitzte.
Ich überlegte, ob ich das Thema überhaupt anschneiden sollte. „Der Einbruch sorgt ja tüchtig für Wirbel. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was auf Arbeit und im Bus los war.“
Mutti murmelte: „Die übertrumpfen sich gegenseitig. Was der eine nicht weiß …“
Vater nickte abwesend und sagte wie zu sich selbst: „Tja, da ham se tatsächlich eingebrochen. Die verdammten Schweine.“
„Weiß man denn schon was Genaues?“, fragte ich und dachte sofort, dass ich keinen Deut besser war als all die übrigen Neugierdsnasen.
„Uns informiert man wohl?“ Vater lachte bitter. „Jeder Kollege soll vernommen werden. Die Kripo dreht jeden Stein um, das sag ich euch … bis sie was finden.“ Er knetete und rieb seine Hände, betrachtete sie, als wüsste er nicht, was er nun mit ihnen anfangen sollte. „Die Brüder haben sich ausgekannt. Wahrscheinlich Betriebsangehörige.“
Mutti war immer noch damit beschäftigt, Vaters Reiseproviant vorzubereiten. „Wo tu ich denn den Bohnensalat hin?“ Sie stellte die Frage so, als hinge von der Antwort der Weltfrieden ab.
Normalerweise würde Vater jetzt sagen: „Oh, jedes Böhnchen ein Tönchen“, und dazu meckern wie eine junge Ziege. „Lass dir was einfallen!“, war alles, was er brummte.
Dann stand er abrupt auf. Wir hörten ihn die Treppe hochpoltern und schauten uns verständnislos an.
Umgezogen, glatt rasiert und mit streng nach hinten gekämmten Haaren kam er zurück. Eine Rasierwasserwolke umgab ihn. Plötzlich hatte er es eilig. Er schnappte sich die Aktentasche aus speckigem Leder, mit der er immer aussah wie ein abgehalfterter Buchhalter.
„Na, dann. Bis Donnerstag.“ Vater stieg in seinen Jelcz, die Hauptstadt rief.

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer, ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.

Eine Woche später saßen wir um Omas Küchentisch. Sie hatte Kiefernscheite nachgelegt und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Die Herdplatte glühte und ich zog meine Strickjacke aus, weil die Hitze unerträglich wurde. So wie das Schweigen. Ich wollte schreien und wäre es nur, um überhaupt einen menschlichen Laut zu hören.
„Iss was!“, sagte Oma und deutet mit der Messerspitze auf die Büchse Leberwurst, die sie geöffnet hatte. „Von Schuberts, Hausschlachtung.“
In dem alten Steinkrug hatte sie ein Pilsner mit Zucker und Ei verquirlt und goss die bauchigen Senfgläser voll. Zum Glück schmeckte die trübe Brühe besser, als sie aussah. „Also noch immer nix?“, fragte Oma.
Mutti schüttelte den Kopf, ganz vorsichtig, als hätte sie Angst, ihre sortierten Gedanken könnten wieder durcheinandergeraten.
„Was der Kerl sich nur denkt?“, nuschelte Oma mit vollem Mund und schnitt sich noch ein Dreieck vom Leberwurstbrot ab. „Nach’m Westen abhaun, zuzutrauen wär‘s ihm ja.“
„Hör auf, Mutter!“, sagte Mutti leise. Nur die steile Falte zwischen den Augen verriet ihren Ärger. „Da muss etwas passiert sein, sonst wär er längst zurück.“
Es lief eine Fahndung nach unserem Vater. Gefahr der Republikflucht. Natürlich vermutete nicht nur die Kripo, sein Verschwinden könnte etwas mit dem Einbruch zu tun haben. Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es keine Rolle spielte, welche Nachricht überbracht wurde, Hauptsache, es wurde überhaupt eine überbracht. Und ich schämte mich dafür.
Wir schauten uns erschrocken an, als es klingelte. Ich lief zur Haustür. Zwei fremde Männer standen vor mir. Gut gekleidet. Ernster Blick.
Mutti war mir gefolgt, schob mich sanft zur Seite. „Geh wieder rein!“
„Guten Abend. Frau Knaup?“, hörte ich einen der beiden in meinem Rücken sagen. „Wir müssen Ihnen …"
Ich lehnte mich von innen gegen die Küchentür. Meine Knie zitterten und ich fiel kopfüber in ein tiefes schwarzes Loch.

Die Abfahrt Coswig kommt näher. Sechs Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen. Wie jedes Mal, wenn ich diese Stelle passiere. Nie bin ich vorbereitet. Nie werde ich vorbereitet sein. Hier irgendwo in den Wäldern ist es geschehen. Die Bilder in meinem Kopf sind schlagartig da, lassen sich nicht vertreiben. Es nieselt. Novemberkälte. Stille im Wald. Nur ab und zu knackt ein Ast unter Vaters Sohlen, als er sich durch das Dickicht schiebt. Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.

Mutti verbarg ihr Gesicht in den Händen. Sie war nachmittags von einer Befragung oder Zeugenvernehmung, oder wie immer sie das nannten, nach Hause gekommen.
„Hier! Lies!“ Sie sah mich mit geröteten Augen an, schob das Stück Papier über den Tisch und putzte sich die Nase. Dann schaute sie aus dem Fenster in den regnerischen Tag, folgte den Spuren der Regentropfen, die über die Scheibe rannen, und schüttelte ununterbrochen den Kopf.
Wortlos nahm ich das Blatt, das aussah wie aus einem Schulheft gerissen. Der Abschiedsbrief. Eine Kopie. Das Original wurde sicherlich graphologisch bewertet. Für mich gab es keinen Zweifel, unverkennbar die Schönschrift unseres Vaters. Als hätte es noch eines allerletzten Beweises bedurft, dass er nicht zurückkommen würde.
Mein Herz hämmerte laut an den Brustkorb, als ich die Zeilen überflog. Ich las ein zweites Mal, konzentrierter, analytischer. Das waren also seine letzten Gedanken, sein letzter Wille. Wie hilflos muss er sich gefühlt haben, alleine in der Fahrerkabine, auf dem einsamen Parkplatz. Der Wortlaut gibt Rätsel auf, in den abgebrochenen Sätzen, zwischen den Zeilen steckt so viel Verzweiflung. Ich bin unschuldig … habe mit dem Einbruch nichts zu tun. Haltet zusammen … Verzeiht mir … will keine Verhöre auf mein Gewissen laden. Das sollte also die Erklärung dafür sein, dass er Mutti mit einem Berg Schulden und dem Nesthäkchen Sabrina sitzen ließ. Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Verstand. Das war doch nicht der kampflustige Vater, wie ich ihn kannte, der Vater, der gerne mal aneckte, der lauthals hinausposaunte: „Alles Lumpen und Verbrecher.“ Hier schrieb doch ein erbärmlicher Feigling mit Muffensausen.
„Aber, wenn er unschuldig ist, wieso fürchtet er die Verhöre?“, fragte ich.
„Wer ist schon unschuldig?“, murmelte Mutti.
Mehr würde ich von ihr nicht erfahren.
Nach einer Weile zuckte sie mit den Schultern und sagte: „Nichts weiß ich, gar nichts.“

Willkommen im Freistaat Thüringen. Ich bin froh, als ich endlich am Kreuz Erfurt auf die A71 auffahre. Es ist mir die liebste, irgendwie wirkt sie so unberührt, wie frisch gewaschen. Die Gegend wird hügelig und bewaldet. Als ich die Scheibe herunterlasse, riecht der Fahrtwind nach Schnee und Heimat.
Das Schöne an Tunneln ist, dass sie irgendwann zu Ende sind. Doch der nächste liegt vor mir. Beinahe achttausend Meter Röhre. Ich drossle die Geschwindigkeit und starre auf die beiden Höhleneingänge, die wie die Augen eines lauernden Tieres zurückglotzen. Während ich in den Tunnel eintauche, glaube ich zu ersticken, lebendig begraben zu werden.

Sabrina und ich flankierten Mutti auf dem Weg zur Leichenhalle, in der der Verräter aufgebahrt lag. Kies knirschte unter unseren Sohlen.
„Wollt ihr ihn noch mal sehen, Abschied nehmen?“, fragte Mutti und sah durch Sabrina und mich hindurch.
„Nee, lieber nicht“, sagte Sabrina scheu.
Ich schüttelte den Kopf.
„Vielleicht besser so. Behaltet ihn so in Erinnerung …“
Nach der Obduktion hatte die Staatsanwaltschaft den Leichnam endlich frei gegeben, allerdings nur zur Erdbestattung. Angeblich konnte keine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Doch Robert und Mutti klammerten sich an die Hoffnung, dass auch Gerichtsmediziner irren können.
Muttis Lippen zitterten, doch sie ging aufrecht die Stufen nach oben. Ich bewunderte ihre Stärke und fragte mich, wie sie es schaffte, nicht die Kontrolle zu verlieren.
Mir hatte sie zwei Faustan verabreicht. Der Schmerz verlor für kurze Zeit seine scharfen Kanten. Und so stand ich aufrecht wie ein Soldat vor dem Kiefernsarg und schaute mit trockenen, brennenden Augen in die Gesichter, bis sie zu einer bleichen Masse verschwammen.
Der Trauerredner sprach über den Mann im Sarg, als hätte er ihn zu Lebzeiten persönlich gekannt. Er pries seine Vorzüge: ein hilfsbereiter Kollege, ein fürsorglicher Familienvater. Kein Wort über Feigheit oder Schuld, kein Wort über den Strick um seinen Hals.

Suhl ist mir fremd, so als wäre ich noch nie hier gewesen. Es hat sich einiges verändert in den letzten zwei Jahrzehnten. Wenn ich das Navi nicht hätte, wäre ich verloren. Eingepfercht in den engen Talkessel wirkt die Stadt, als wolle sie ausbrechen aus dem Korsett. Heute sind es Discounter, die eine Nummer zu groß wirken, damals sozialistische Vorzeigebauten, eifrig aus dem Boden gestampft. Selbstüberschätzung im Großen wie im Kleinen.
Das Trauma meiner Jugend hat mich gerade eingeholt. Ich stehe inmitten des Chaos und schmecke den Mörtelstaub auf der Zunge. Vater hat große Pläne mit dem Elternhaus von Mutti. Anbauen. Modernisieren. Wir hausen zu fünft in einer provisorischen Küche und zugigen Schlafzimmern. Auf den Möbeln liegt eine permanente Staubschicht. Es geht nicht vorwärts, irgendetwas fehlt immer: Estrich, Fliesen, Türen, Fenster, Geld. Beinahe nicht vorstellbar, denn wenn jemand in der Lage ist, das Notwendige zu organisieren, dann unser Vater mit seiner florierenden Ich-AG, am Rande der Legalität. Mein Mund ist trocken und ich nehme die Flasche vom Beifahrersitz. Das Wasser schmeckt nach Zement.
Sie haben Ihr Ziel erreicht, verkündet das Navi erneut, als ich in der Parkbucht zum Stehen komme. Eine halbe Stunde zu früh. Um den Kopfschmerz zu lindern, massiere ich die Schläfen. Es hat zu schneien begonnen, keine Seltenheit für Anfang März in dieser Höhe. Pulverschnee legt sich auf die Frontscheibe, sodass die Umrisse des nüchternen, einfallslosen Sechzigerjahrebaus verwischen. Das perfekte Gebäude für die Aufbewahrung von brisantem Material. Zweckdienlich, klinisch kalt.

Und mit einem Mal sitze ich wieder im Wartburg, der auf dem kleinen Platz zwischen dem Gemüseladen und der Mohren-Apotheke steht. Wie jeden Freitag hole ich Mutti von der Arbeit ab, um gemeinsam zum Wochenendeinkauf zu fahren. Allmählich kriecht mir die Kälte in die Knochen. Gerade als ich nachschauen will, wo sie bleibt, öffnet sie die Wagentür.
„Musstest lange warten, heute, was?“, sagt sie abgehetzt, als hätte sie einen Hundert-Meter-Lauf hinter sich, doch sie lächelt. Die Windschutzscheibe ist von der Atemluft beschlagen, mit der bloßen Hand wischt Mutti über das Glas und schaut hinaus. Ich reiche ihr einen Baumwolllappen.
„Siehst du? Da drüben, den hellen Wartburg?“ Mutti macht eine Bewegung mit dem Kopf.
Gegenüber entlang des Bürgersteigs parkt eine Reihe Autos, nichts Ungewöhnliches.
„Na und“, sage ich, „wer soll das sein?“
„Na, wer wohl? Meine Schutzengel.“
„Die Kripo?“
„Nicht direkt“, sagt Mutti.
Es dauerte eine Weile, bis der Groschen bei mir fällt. „Die Stasi? Was wollen die denn von dir?“ Mir wurde heiß und ich trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad. „Und das erwähnst du mal so ganz nebenbei?“
Mutti lässt sich mit der Antwort Zeit. „Ich soll darüber nicht sprechen. Außerdem sag ich’s dir ja gerade.“
„Die denken tatsächlich immer noch, wir haben das Geld.“ Mein Lachen hörte sich an wie das Schnauben einer aufgeregten Stute.
„Die stecken fest“, sagt sie hilflos, als wäre es ihr Mitverschulden, und sie wirkt, als würde sie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben.
„Acht Jahre“, sage ich, „acht Jahre fischen die schon im Trüben. Und den Pappnasen fällt nix Besseres ein, als wehrlosen Witwen aufzulauern.“
„Die kommen aus Suhl“, erzählt Mutti ruhig weiter, als wäre das ein Grund, der die Observation rechtfertigen würde. „Manchmal fahren sie einfach im Schritttempo neben mir her, manchmal, wenn sie noch Fragen haben, bringen sie mich auch zum Bahnhof.“
„Das glaub ich jetzt nicht.“ Ich schüttle den Kopf. Das Gespräch erscheint mir unwirklich, fast wie ein böser Traum. Ich bin nicht sicher, was mich mehr aufbringt, Muttis Gleichmut oder die allgegenwärtige Präsenz und die unverhohlene Drohung: Irgendwann kriegen wir euch!

Es klopft an die Seitenscheibe und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Sabrina steht neben dem Fahrzeug, ganz in Pudertönen. Die blonde Kurzhaarfrisur frech gestylt. Sie ist das junge, helle Pendant zu mir. An mir ist alles dunkel. Siehst gut aus, kleine Schwester, denke ich zärtlich. Während ich aussteige, merke ich, wie verspannt meine Arme und Beine sind.
„Wie war die Fahrt?“, fragt Sabrina. Sie hält einen Schirm über mich. Bei unserer Umarmung ist er im Wege. Wir lachen.
„Ganz okay.“
„Meine auch.“
Sie hakt sich bei mir unter und sagt unvermittelt: „Erzähl mir was von Papa!“
Damit habe ich nicht gerechnet und ich suche den Boden ab, als könnte ich die Antwort zwischen den Schneekristallen finden.
„Mm, er war … er war unglaublich. Von einer Sekunde zur anderen konnte seine Stimmung ins Gegenteil umschlagen. Na ja, ein Choleriker halt. Er hat mir den vollen Suppenteller aufgesetzt, als ich mich geweigert habe, die eklige Kartoffelsuppe zu essen. Da war ich vier oder fünf.“
„Wusst ich’s doch. Dass du die Nummer bringst“, sagt sie und grinst mich an. „So, und jetzt was Schönes!“
Ich muss lächeln. „Gut. Kennste die?“, sage ich und stupse sie am Oberarm. „Als ich vierzehn war, und Robert elf …“
„Logisch war er elf“, unterbricht sie mich.
„Ja, also, … Robert elf, da fanden wir auf dem Dachboden ein Versteck. Stangenweise Ernte 23 und Marlboro, kartonweise Dujardin und Jägermeister. Namen, die wir damals nur aus der Fernsehwerbung kannten, aber nicht von den Tausend Tele-Tips.“
„Westware“, sagt Sabrina.
„Klar. Robert behauptet, aus ‘nem Intershop an der Autobahn. Auf jeden Fall hat Robert sich reichlich bedient und mit seinen Freunden geteilt. Die haben gequalmt wie die Stadtsoldaten. Glaub es oder nicht! Zu meiner Jugendweihe standen dann Schnaps und Zigaretten in rauen Mengen auf den Tischen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.“
„Heiße Ware, ganz schön riskant“, sagt Sabrina.
„Denke schon. Vielleicht brauchte Vater den Nervenkitzel. Wird seine stille, private Rebellion gegen das System gewesen sein, wollte es schädigen. Was weiß ich.“
„Idiotisch. Und dann hat er Schiss vor den Verhören?“
„Ja, der Rebell tritt die Flucht an, bringt seine Familie in Teufels Küche“, sage ich und der Zorn grummelt wieder in meinen Eingeweiden.
„Na, dann komm! Es wird Zeit. Vielleicht finden wir ein paar Hinweise.“
Sie schließt den Schirm, schüttelt den Schnee ab, während ich die Pendeltür festhalte. Vielleicht bekommen wir eine Ahnung, wer der Mann war, den wir Vater nennen.
Sabrina schaut mich eindringlich an, legt ihre Hand auf meinen Arm. „Bereit?“, fragt sie.

Bilder tauchen auf, schieben sich vor das Gebirge meiner Wut. Wir umringen stumm das offene Grab. Robert balanciert eine Schubkarre voll Mörtel über die wackelige Bohle, strauchelt kurz. Vater lacht, sein Goldzahn blitzt in der Sonne. „Los weiter! Keine Schwachheiten spüren lassen, Großer!“ Wir wandern durch den Wald. Vater hat einen Arm um Muttis Schulter gelegt, mit der anderen Hand schlenkert er einen Dederonbeutel, in dem Sabrinas Töpfchen steckt. Wir schreien die Bäume an: „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ Sabrina plappert alles nach. Robert und ich dürfen auf der Pritsche des LKW mitfahren, obwohl das verboten ist. Doch darum schert sich Vater einen feuchten Kehricht. Wir schieben die Plane zur Seite, stecken unsere Köpfe nach draußen und winken, wenn wir einen Passanten sehen. Ich spaziere zwischen meinen Eltern, sie halten meine Hände. „Flieg, Engelchen flieg“, ruft Papa vergnügt. Ich jauchze, mir wachsen Flügel und schon schwebe ich durch die Luft.

Ich schließe die Augen. Ich bin bereit.

 
Verwendete Wörter
Kopfüber, Zeuge, Rollstuhl, Lapislazuli, Flügel
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Liebe @peregrina,

wow, ich fürchte, ich kann gar nicht so viel Sinnvolles beisteuern, weil die Geschichte sicher noch ne Weile bei mir sacken wird. Wir teilen ja unsere Herkunft miteinander, auch wenn ich erst sechs war, als die Mauer dann fiel, und an meine Kindheit tatsächlich fast ausschließlich schöne Erinnerungen habe. Ich kenne natürlich ein paar Geschichten meiner Eltern, mit meinen Großeltern wurde darüber aber nur sehr selten gesprochen. Ich sag mal so - meine Eltern und ich sind sehr offen zueinander, die Generation davor ist verschlossener. In der 12. Klasse habe ich ein Referat in Geschichte gehalten über die Stasi - das hat mich voll überrollt. Ich wusste natürlich immer, dass es das gab, aber als ich mich dann intensiv damit beschäftigt und meine Mom ausgefragt habe, was und wieviel sie denn damals davon mitbekommen hat, da hat's mich schon ganz schön umgehauen.

So - genug von mir - nun zu dir: Den Aufbau, also das Wechselnde zwischen deiner Erzählerin auf dem Weg nach Suhl und den Rückblenden, fand ich gut und passend - tatsächlich auch genau im richtigen Gleichgewicht. Auch wie du rausgehst, gefällt mir, denn da bleibt offen, was sie finden werden. Das mag für den einen unbefriedigend sein, für mich passt es aber genau zu deiner Geschichte, wo ja vieles vage ist, nicht greifbar.

Und ich spüre die Erleichterung darüber, dass wir Geschwister uns wieder nahe sind. Auch, wenn ich in Babelsberg lebe, treffen wir uns häufiger als in den Jahren zuvor. Was uns einst trennte, verbindet uns heutzutage. Und es sieht so aus, als hätten wir in all den Jahren nur in den Startlöchern auf die Chance gelauert, über die Sache mit Vater zu reden.
Das Markierte wäre für mich ein Streichkandidat, das kommt mir - vor allem aus der Ich-Perspektive heraus - zu erklärend vor.

„Irgendwas“, sagte Sabrina und zuckte die Schultern. „Alles ist besser als das Rätselraten.“
Ja, die ewige Frage, ob man die Wahrheit auch dann wissen will, wenn sie weh tut. Als ich 15 war, hat ein Lehrer, den ich sehr mochte und der mich die ganze Schulzeit über begleitet hat, mir nach einer Schüleraustauschreise in mein Erinnerungsbuch geschrieben: "Die Wahrheit mag oft schmerzhaft sein, aber sie ist immer der gradlinige Weg." Ich war damals schon ab und zu etwas zu direkt :D Aber, auch wenn dieser Satz natürlich ein bisschen pathetisch ist, es ist eine Prämisse, die ich versuche, so oft wie möglich einzuhalten.
Im Falle von Familienwahrheiten ist das noch mal viel komplexer, da hängt ja ein ganzes Konstrukt dran, nicht nur die eigene Lebensweise. In meiner Familie gibt es auch Dinge, über die ich unbedingt mal schreiben will, manche Sachen habe ich erst vor kurzem erfahren und die haben mich echt überrumpelt, aber ich schaff's irgendwie noch nicht. Umso mehr Respekt, wie du das hier gemacht hast. Ich kann mir gut vorstellen, wie das Thema Stasiakten eine Familie spalten kann, wie die eine Seite lieber so weiterleben möchte, während die andere eben sagt: Alles ist besser als diese Ungewissheit.

Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Diebstahl von Volkseigentum im schweren Falle. Ein spektakuläres Ereignis für den Kreis, das schnell die Runde machte. Eine eigenartige Mischung aus Sensationsgier, Empörung und Bewunderung hatte die Menschen erfasst. Als wären sie zutiefst dankbar dafür, dass endlich etwas Verruchtes passierte, das sie aus ihrer Lethargie riss und die Fantasie beflügelte.
Auch das leuchtet mir total ein. Das darf man nicht - aber irgendwie auch cool, dass hier jemand rebelliert.

Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht.
Das mag ich. Der Affe, der die Augen verschließt, wie es ihre Familie lange Zeit getan hat. Und der sich nun über sie lustig macht - vielleicht genau deshalb. Weil sie schon viel länger hätte aktiv werden wollen/sollen?

Wenn ich das Navy nicht hätte, wäre ich verloren.
Navi

Ein weißer Film legt sich auf die Frontscheibe, sodass die Umrisse des nüchternen, einfallslosen Sechzigerjahrebaus verwischen. Das perfekte Gebäude für die Aufbewahrung von brisantem Material. Zweckdienlich, klinisch kalt.
Starke Szene. Mit Streichkandidat ;)

An mir ist alles dunkel, ein Schattenwesen in Grau.
Das ist mir ein Tick too much. Weshalb sieht sie sich so? Also warum so pathetisch? Weil sie so lange nichts unternommen hat? Das erschließt sich mir nicht so ganz, also weshalb sie offensichtlich so schlecht von sich denkt - und generell finde ich den zweiten Teil des Satzes entbehrlich.

Das Ende finde ich richtig gut. Dieser Absatz mit den gebündelten Kindheitserinnerungen, die Sehnsucht nach dieser Harmonie, die da mitschwingt, und dann:

Ich schließe die Augen. Ich bin bereit.

Habe ich sehr gern gelesen!
Liebe Grüße
RinaWu

 

CoK

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Hallo @peregrina

Es freut mich, eine Geschichte von Dir hier zu lesen. Ich habe darauf gewartet und so kurz vor Schluss kam Dein Beitrag.
Deine Geschichten in den Challenge vorher habe ich gelesen und sie haben mir gut gefallen.
Genau wie diese hier. Ein Familienschicksal. Kindheitserinnerungen, Vergangenheitsbewältigung und ein Regime, dass so viel Schuld auf sich geladen hat.
Mir gefällt deine Art zu schreiben und zu beschreiben.
Manchmal hatte ich etwas Schwierigkeiten mit dem Orts und Zeitenwechsel.

„Na, dann Komm! Es wird Zeit. Vielleicht finden wir ein paar Hinweise.“
Sie schließt den Schirm, schüttelt den Schnee ab, während ich die Pendeltür festhalte. Vielleicht bekommen wir eine Ahnung, wer der Mann war, den wir Vater nennen.
Sabrina schaut mich eindringlich an, legt ihre Hand auf meinen Arm. „Bereit?“, fragt sie.
Einer meiner Lieblingssätze.

Ich habe die Geschichte sehr gerne gelesen.
Liebe Grüße CoK

.

 
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09.09.2015
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Liebe @RinaWu,

ein Wow zurück, für das schnelle Reagieren. Und natürlich heißen Dank für deinen Komm.

Wir teilen ja unsere Herkunft miteinander, auch wenn ich erst sechs war, als die Mauer dann fiel, und an meine Kindheit tatsächlich fast ausschließlich schöne Erinnerungen habe.
Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsre Heimat ist das Korn … und so weiter.
Ein unschuldig anmutender Text, eine eingängige Melodie, wie die Lerchen haben wir im Kinderchor gesungen. Kürzlich hab ich mir aus einer Laune heraus das Lied aufgerufen, war überrascht wie fix die Vergangenheit lebendig wurde. Und dann ist mir eine Gänsehaut gewachsen und gewundert hab ich mich, dass wir die plumpe ideologische Manipulation der letzten Zeile nicht damals schon als solche entlarvt haben: … und wir lieben die Heimat, die schöne. Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.

In der 12. Klasse habe ich ein Referat in Geschichte gehalten über die Stasi - das hat mich voll überrollt. Ich wusste natürlich immer, dass es das gab, aber als ich mich dann intensiv damit beschäftigt und meine Mom ausgefragt habe, was und wieviel sie denn damals davon mitbekommen hat, da hat's mich schon ganz schön umgehauen.
Ich befürchte, dass man als ganz normaler „Bürger“ das Thema Stasi irgendwie nicht richtig an sich herangelassen hat, oder seine Witze drüber gemacht hat, um ihm die Schwere zu nehmen. Affengehabe eben.
Und für dein Referat hast du sicher recherchiert und erfahren, dass die Stasi als Schild und Schwert der Partei bezeichnet wurde, und dass sie drei verschiedene Aufgabenbereiche hatte, sie u.a. also auch als offizielles Strafverfolgungsorgan fungierte, das die VP „unterstützte“. Ich wusste das beispielsweise bis vor Kurzem nicht. Bei all den zu verurteilenden Dingen, die dem Verein angelastet werden können, wollte ich mich hier nicht zum Ankläger aufschwingen. Ich hab mich als Autor bemüht, eine neutrale Position einzunehmen. Wie die Schweiz. :D
Den Aufbau, also das Wechselnde zwischen deiner Erzählerin auf dem Weg nach Suhl und den Rückblenden, fand ich gut und passend - tatsächlich auch genau im richtigen Gleichgewicht. Auch wie du rausgehst, gefällt mir, denn da bleibt offen, was sie finden werden. Das mag für den einen unbefriedigend sein, für mich passt es aber genau zu deiner Geschichte, wo ja vieles vage ist, nicht greifbar.
Gut zu wissen, dass du das so einschätzt. Gegenwart und Rückschau sollten sich die Waage halten. Selber bin ich ein großer Rückblendenfan, aber ich weiß auch, dass viele Leser diese Methode, eine Geschichte aufzuziehen, gar nicht mögen. Dem kann ja etwas Träges, gar Verwirrendes innewohnen.
Und das offene Ende, bei dem bin ich mir im Klaren, dass es nicht geliebt werden wird. Ich mag das eigentlich auch gar nicht, wenn man als Leser so im Regen stehen gelassen wird. Aber du sagst es, hier passt das Ungewisse zum Thema. Das sehe ich genauso. Auch wenn Unterlagen zu bestimmten Sachthemen bzw. Personen aufgefunden und aufbereitet werden, ist nicht gesagt, dass sie vollständig sind oder gewünschte Antworten liefen. Es ist eine Chance, an Informationen zu kommen, doch es gibt keine Garantie.
Es existiert übrigens eine Schlussvariante dieser Geschichte, in der die Schwestern eine wichtige Info finden, die etwas mehr Licht ins Dunkel bringt. Aber das Ende fühlte sich für mich aufgepfropft und unecht an, wie rosa Zuckerguss über einen Misthaufen gegossen. Und auch so, als wollte ich auf Teufel komm raus die Lesererwartungen nach Auflösung befriedigen.

Das Markierte wäre für mich ein Streichkandidat, das kommt mir - vor allem aus der Ich-Perspektive heraus - zu erklärend vor.
Über sämtlich Kürzungsvorschläge denke ich unbedingt nach. Streichen kann ich gut.

Ich kann mir gut vorstellen, wie das Thema Stasiakten eine Familie spalten kann, wie die eine Seite lieber so weiterleben möchte, während die andere eben sagt: Alles ist besser als diese Ungewissheit.
Ich kenne einige Leute, die vom ersten Tag an, als sie die Möglichkeit gehabt hätten, ihre eigene Akte einzusehen, abgewinkt haben. Wozu?, interessiert mich nicht, ist Geschichte.
Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Diebstahl von Volkseigentum im schweren Falle. Ein spektakuläres Ereignis für den Kreis, das schnell die Runde machte. Eine eigenartige Mischung aus Sensationsgier, Empörung und Bewunderung hatte die Menschen erfasst. Als wären sie zutiefst dankbar dafür, dass endlich etwas Verruchtes passierte, das sie aus ihrer Lethargie riss und die Fantasie beflügelte.
Auch das leuchtet mir total ein. Das darf man nicht - aber irgendwie auch cool, dass hier jemand rebelliert.
Ich hoffe, du meinst mit Rebellion nicht den Einbruch. :lol:
Der Staat, die Partei hatten großes Interesse, schwere Straftaten, wie zum Beispiel Mord, Einbruchdiebstahl geheim zu halten. Kriminelle Energie, die passte nicht zu dem überlegenen, sauberen sozialistischen Menschenbild. Umso spektakulärer und aufwühlender war es dann, wenn doch Informationen durchgesickert sind. Denn für dumm hat sich keiner verkaufen lassen und angenommen, dass im Arbeiter- und Bauernstaat die Kriminalität gegen Null tendierte.

Das mag ich. Der Affe, der die Augen verschließt, wie es ihre Familie lange Zeit getan hat. Und der sich nun über sie lustig macht - vielleicht genau deshalb. Weil sie schon viel länger hätte aktiv werden wollen/sollen?
Schöne Interpretation.

Ein weißer Film legt sich auf die Frontscheibe, sodass die Umrisse des nüchternen, einfallslosen Sechzigerjahrebaus verwischen. Das perfekte Gebäude für die Aufbewahrung von brisantem Material. Zweckdienlich, klinisch kalt.
Starke Szene. Mit Streichkandidat ;)
Zu viel Erklärung oder was? Schneefall verfehlt wohl nie seine Wirkung?

An mir ist alles dunkel, ein Schattenwesen in Grau.
Das ist mir ein Tick too much. Weshalb sieht sie sich so? Also warum so pathetisch? Weil sie so lange nichts unternommen hat? Das erschließt sich mir nicht so ganz, also weshalb sie offensichtlich so schlecht von sich denkt - und generell finde ich den zweiten Teil des Satzes entbehrlich.
Weil die Erzählerin nicht an diese Phantastereien glaubt, dass der Vater ein Unschuldslamm ist. Sie denkt negativ über ihn, nicht über sich. Sie kann den Suizid nicht vergeben. Vielleicht hast du recht und das Schattenwesen ist ein Quäntchen drüber. Klingt irgendwie nach Vampir.

Das Ende finde ich richtig gut. Dieser Absatz mit den gebündelten Kindheitserinnerungen, die Sehnsucht nach dieser Harmonie, die da mitschwingt, und dann:
Ich schließe die Augen. Ich bin bereit.
Doch, da freue ich mich. Hab auch ziemlich lange gebastelt, um die KG so aufzulösen, damit der Schluss etwas Zuversichtliches bekommt ohne zuckrig zu werden.

Danke für deine Mühe und deine fixen Gedanken, weißt schon, der erste erlösende Komm. Hat mich sehr gefreut, von dir zu lesen.

Liebe Grüße von peregrina

 
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Hey Peregrina,

was mir bei deinen Geschichten immer auffällt, sind die Satzanfänge und generell die stimmige Formulierung von aufeinander folgenden Aussagen und Ausführungen. Ich weiß nicht, wie ich das besser benennen kann. :schiel: Dafür gibt es bestimmt ein oder zwei Fachwörter. Dadurch entsteht ein richtig guter Lesefluss und die Erzählung wirkt, obwohl ihrer inhaltlichen Schwere, nicht Berichtartig. Das gefällt mir sehr. :)

Du nimmst bedeutende Themen, wie die Bespitzelung durch die Staatssicherheit und den Verlust des Vaters und gehst damit von Szene zu Szene, setzt dabei Puzzleteile aneinander und obwohl ich am Ende nicht weiß, was Herbert in den Tod trieb bzw. was ihm tatsächlich zugestoßen ist, habe ich da so ein Gefühl der Zufriedenheit, wenn ich die Schwestern Arm in Arm die Stufen des zweckdienlichen Sechzigerjahrebaus hochsteigen sehe.
Richtig gut ist auch, dass du den Paps nicht als Heiligen darstellt. Nur diesen Goldzahn, den finde ich schrecklich. :|

Die Pappkameraden von Horch & Guck, fand ich gut. Über die Äußerungen der Familie vielleicht eine Spur zu sehr als Witzfiguren dargestellt, der Ernsthaftigkeit und der real ausgehenden Gefahr nicht gerecht werdend. Aber das mag ihre Art der Trauerbewältigung sein.
Meine Eltern haben ihre Akten auch eingesehen. Laut meiner Mutter war da unglaublich viel Terminbuchführung ohne erkennbare Relevanz enthalten. Wer weiß ...

Textstellen, die ich mir notiert habe:

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt.
Der wirkt noch besser, beim zweiten Lesen. ;)

Da hatten die Täter, die 79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück. Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Diebstahl von Volkseigentum im schweren Falle.
KraftverkehrsAMT vielleicht? Das kapier ich nicht.

Mutti war immer noch damit beschäftigt, Vaters Reiseproviant vorzubereiten. „Wo tu ich denn den Bohnensalat hin?“ Sie stellt die Frage so, als hinge von der Antwort der Weltfrieden ab.
So gut.

Eine Woche später saßen wir um Omas Küchentisch. Sie hatte Kiefernscheite nachgelegt und wischte sich die Hände an der Schürze ab.
Logo, die Omi in der Dederonschürze.
Ich mag deine eingestreuten Details aus der Zeit. Die Dosis passt für mich.

In dem alten Steinkrug hatte sie ein Pilsner mit Zucker und Ei verquirlt und goss die bauchigen Senfgläser voll.
Bitte was?! :sick: Das klingt furchtbar.

„Was der Kerl sich nur denkt?“, nuschelte Oma mit vollem Mund und schnitt sich noch ein Dreieck vom Leberwurstbrot ab. „Nach’m Westen abhaun, zuzutrauen wär‘s ihm ja“.
„Hör auf, Mutter!“, sagte Mutti leise. Nur die steile Falte zwischen den Augen verriet ihren Ärger. „Da muss etwas passiert sein, sonst wär er längst zurück.“
Super Stelle.

Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es keine Rolle spielte, welche Nachricht überbracht wurde, Hauptsache, es wurde überhaupt eine überbracht. Und ich schämte mich dafür.
Die hier auch. Ah, ich muss aufpassen, nicht den halben Text zu zitieren. :}

Die Abfahrt kommt näher. Acht Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen.
Ist dieses Rätselraten notwendig? Die Strecke von Berlin bis Hermsdorfer Kreuz, dann weiter ins Greizer Hinterland fahre ich blind. Aber hier stehe ich vielleicht auf dem Schlauch?
Sie haben ihr Ziel erreicht, verkündet das Navi, als ich in der Parkbucht zum Stehen komme.
Das verkündet das Navi üblicher Weise schon rund 200 Meter vor den Zielkoordinaten.

Um den Kopfschmerz zu lindern, massiere ich die Schläfen.
Könntest du streichen.

Es hat zu schneien begonnen, keine Seltenheit für Anfang März in dieser Höhe. Ein weißer Film legt sich auf die Frontscheibe,
"Film" passt für mich nicht. Das impliziert eine flüssige Konsistenz.

Und mit einem Mal sitze ich wieder im Wartburg, der auf dem kleinen Platz zwischen dem Gemüseladen und der Mohren-Apotheke steht. Wie jeden Freitag hole ich Mutti von der Arbeit ab, um gemeinsam zum Wochenendeinkauf zu fahren.
An diesem Bild bleib ich hängen. Mit dem Auto zur Kaufhalle? Wie dekadent. ;) Ich seh da volle Dedaronbeutel und Einkaufsnetze, die an Fahrradleckern baumeln oder die Stufen der Straßenbahn hochgehievt werden.

Sabrina steht neben dem Fahrzeug, ganz in Pudertönen. Die blonde Kurzhaarfrisur frech gestylt.
Hah. Da war ich kurz in den 80ern und dachte, es ist eine Rückblende.

Wir wandern durch den Wald. Vater hat einen Arm um Muttis Schulter gelegt, mit der anderen Hand schlenkert er eine Einkaufstasche, in der Sabrinas Töpfchen steckt.
Auch hier wieder so ein Detail. Gib es zu, die Erinnerung ist echt. :)
Für mich wäre die Tasche ein Beutel. Das kann aber aus meiner persönlichen Begriffserinnerung stammen.

Hach, man muss ja immer aufpassen, diese Zeit nicht zu rosarot darzustellen. Aber andererseits sind da doch neben Stasiüberwachung und Mangel an Gütern selbstverständlich auch die schönen, persönlichen Erinnerungen. Diese Balance ist dir gut gelungen, finde ich. :)

Sehr gern gelesen.
Viele Grüße
wegen

 
Monster-WG
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10.07.2019
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Hallo @peregrina :-)

eine tolle Geschichte.

Sprachlich lese ich eine sehr solide, eine gut austarierte Geschichte, ohne das Bemühen nach schönen Sätzen, die glänzen wollen, sondern nach dem Einfangen einer bestimmten Stimmung. Der Suizid des Vaters ist irgendwie verstrickt zwischen halblegalen Geschäften, einem spektakulären Kriminalfall und der Organisation des Alltags in einer "real existierenden Mangelwirtschaft". Aber auch in die Geheimnisse einer Familie, in der vieles nicht ausgesprochen wird oder nicht ausgesprochen werden kann.

Das Ende - wahrscheinlich hängt es davon ab, wie man deine Geschichte liest. Liest man sie als "Suche nach Aufklärung" ist das Ende unbefriedigend. Liest man sie als Familiengeschichte, ist das Ende sehr gut. Die Hoffnung der Schwestern, über Akteneinsicht den Suizid zu verstehen, wird nichts erklären. Sie müssen einen Weg finden, wie sie mit dem Suizid und Vertrauensverlust umgehen können. Da steckt der Antrieb vieler guter Familiengeschichten drin, ein Geheimnis lässt sich nicht aufklären, aber immer und immer wieder versucht die Familie, es doch zu tun. Es kann auch nicht gelingen, weil es um Vertrauen geht und nicht um eine logische Kette an Ereignissen. Hoffnung, die nicht einlösbar ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schwestern befriedigt die Außenstelle der Birthler-Behörde in Suhl verlassen werden, vielleicht für einen Moment, spätestens abends stellen sich neue Fragen, Vorwürfe, was weiß ich.

Ich nehme dir das Setting vollständig ab, die Welt, die nach bestimmten Regeln funktioniert. Zur historischen Authentizität kann ich gar nichts sagen, ich habe nicht in der DDR gelebt, ich weiß nicht, wie sich der Sozialismus anfühlt. Was ich an vielen Geschichten über die DDR nicht mag, ist ihr Messen an der westdeutschen Norm. BRD ist das Normale, DDR die Abweichung. Sind oft Geschichte über und nicht vom Alltag der DDR. Die DDR wird nur als Abweichung der BRD verstanden, ach guck, das war ja anders dort, entweder geht's ins Pittoreske ("Ach guck mal! Knusperflocken!") oder ins Politische (Stasi). Die Details des DDR-Alltags (Valutamittel, real existierend) flechtest du in deine Geschichte angenehm unaufgeregt ein. Sie passen; die Authentizität entsteht aus dem Familienalltag. Nicht durch das Einwerfen von paar DDR-Begriffen oder dem Erwähnen der Stasi.

Alle Hinweise zu sprachlichen Details sind absolut subjektiv.

Das klebt doch an uns wie Hundescheiße.“
Da hatten die Täter, die '79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück.
Meine Eltern hatten die Küchentür hinter sich geschlossen. Zum ersten Mal bedauerte ich, dass anstelle der Mauerdurchbrüche echte Türen vorhanden waren. Nun zog es zwar nicht mehr im Anbau, doch von den interessanten Unterhaltungen wurde ich ausgesperrt.
Marke Eigenbau, der Hausbau, das ging oft nur über gute Kontakte, zumindest habe ich das gehört. Die hatte der Vater. Das ist das, was ich als authentisch empfinde.

Eine Rasierwasserwolke umgab ihn.
Hm, Rasierwasser reicht vielleicht, er roch nach Rasierwasser. Ist ja eher ein reduziertes Setting, das eine Sprache verwendet, die im Alltag verwendet wird.

Wachstuchdecke
Was sonst?^^

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.
Für mich die beste Stelle. Interessant, entschuldige meine katholische Naivität, aber Heiligensymbole sieht man im ent-christlichten Osten selten. Aber gut, jetzt wende ich ein Klischee an.

Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Fleisch.
Hm, hier hätte ich nicht Fleisch erwartet sondern eher "Gedanken" oder "Denken". Ich verstehe, du möchtest physischen Schmerz erzeugen, aber es ist ja ein psychischer, seelischer Schmerz, der hier entsteht.
Es nieselt. Novemberkälte. Stille im Wald. Nur ab und zu knackt ein Ast unter Vaters Sohlen, als er sich durch das Dickicht schiebt. Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.
Auch das eine tolle Stelle. Dickicht würde ich aber ersetzen, die Worte zuvor sind zu einfach für Dickicht, man benutzt ja im normalen Sprachgebrauch Dickicht nicht so oft. Oder, falls du es behalten willst, ins Dickicht schiebt. Aber gut, Ansichtssache.
Beinahe achttausend Meter Röhre.
Rennsteigtunnel oder?

Das Schöne an Tunneln ist, dass sie irgendwann zu Ende sind. Doch der nächste liegt vor mir. Beinahe achttausend Meter Röhre. Ich drossle die Geschwindigkeit und starre auf die beiden Höhleneingänge, die wie die Augen eines lauernden Tieres zurückglotzen. Während ich in den Tunnel eintauche, glaube ich zu ersticken, lebendig begraben zu werden.

Das "Doch" würde ich streichen. Auch das "eintauchen", das wird ja gerne bei Lichtwechseln verwendet, aber - subjektiv - ich mag es nicht, weil sie nicht in den Tunnel "eintaucht" sondern profan einfährt. Tauchen ist für mich immer mit einer Flüssigkeit assoziiert, im nächsten Satz verwendest du aber "begraben". Aber Kleinigkeit ist das.
Wenn ich das Navy nicht hätte, wäre ich verloren.
Navi.
Heute sind es Discounter, die eine Nummer zu groß wirken, damals sozialistische Vorzeigebauten, eifrig aus dem Boden gestampft. Selbstüberschätzung im Großen wie im Kleinen.
Die mag ich, die Stelle.

Und mit einem Mal sitze ich wieder im Wartburg, der auf dem kleinen Platz zwischen dem Gemüseladen und der Mohren-Apotheke steht. Wie jeden Freitag hole ich Mutti von der Arbeit ab, um gemeinsam zum Wochenendeinkauf zu fahren. Allmählich kriecht mir die Kälte in die Knochen. Gerade als ich nachschauen will, wo sie bleibt, öffnet sie die Wagentür.
Wartburg? Eher reiche Familie? Oder wende ich ein Klischee an? Macht aber schon Sinn. Der Vater als der raffinierte Beschaffer.
„Die stecken fest“, sagt sie hilflos, als wäre es ihr Mitverschulden, und sie wirkt, als würde sie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben.
„Acht Jahre“, sage ich, „acht Jahre fischen die schon im Trüben. Und den Pappnasen fällt nix Besseres ein, als wehrlosen Witwen aufzulauern, …“
„Die kommen aus Suhl“, erzählt Mutti ruhig weiter,
Hm, vielleicht lese ich das auch falsch, aber der Vergleich mit den Mühlsteinen ist meiner Ansicht nach zu stark. Aber gut, subjektiv.
Ich muss lächeln. „Gut. Kennste die?“, sage ich und stupse sie am Oberarm. „Als ich vierzehn war, und Robert elf, …“
„Logisch war er elf“, unterbricht sie mich.
Ja, das sind diese kleinen Spitzen zwischen den Schwestern, die deine Figuren nie statisch werden lassen. Es sind ja oft solche sehr kleinen Sätze, in denen die Konflikte, die Probleme, die Einstellungen eines Menschen zeigen, alltäglich und belanglos dahinerzählt. Sabrina wirkt wie eine Prüferin: Erzähl mir was, ich werde es bewerten und auf Fehler korrigieren!

Zu den Rückblenden. Ja, schwierige Sache. Deine Geschichte tariert ja zwischen Rückblenden und erzählerischer Gegenwart sehr gut aus. Das mag vielleicht auch an der "Inhaltslosigkeit" der Gegenwart liegen, sie fährt auf der Autobahn, Tunnel kommt, Abfahrt kommt. Die Geschichte wird ja mehr in der Rückblende erzählt als in der Gegenwart. Mir gefällt das.

Unabhängig von deiner Geschichte bin ich mir bei der direkten Rückblende als erzählerisches Mittel unsicher, ob sie nicht oft einen erzählerischen Mangel kaschiert. Das meine ich nicht negativ und und ich wirke hier wie ein Oberexperte, will ich nicht, ich kanns auch nicht anders, ich würde es gerne "anders tun können". Ich glaube, eine sehr gute von einer sehr, sehr guten Kurzgeschichte unterscheidet sich davon, dass Vergangenes in der erzählerischen Gegenwart erzählt wird. Nicht aus der Gegenwart. Die Rückblende tut genau das. Sie imitiert ja das, was im Kopf der Protagonistin jetzt passiert und unterbricht den Erzählfluss, greift eine andere Ebene auf, einen anderen Zeitfaden. Ich bin zumindest überrascht, wie selten die direkte Rückblende in vielen Romanen eingesetzt wird. Aber gut, das ist subjektiv, vielleicht lese ich auch oft "rückblendenfreie Romane". Da wird lieber ein Zeitsprung von einem Jahr ins nächste, übernächste Jahr genutzt, ein harter Cut, der nach vorne treibt. Natürlich wirkt eine Rückblende immer sehr gut als Erklärung, warum das so und so passiert, aber oft dient diese Erklärung als Effekt ("So sah das mal aus und jetzt sieht es so aus") oder als Stopfen eines vermeintlichen Logiklochs ("Die Leserin denkt bestimmt, dass Peter sich unlogisch verhält, also erkläre ich das mit einem Ereignis in der Kindheit, aber weil ich nicht weiß, wie ich dieses Ereignis in der Kindheit darstellen soll, wähle ich eine Rückblende). Wie gesagt @peregrina - ich sage nicht, dass das schlecht ist, deine Geschichte ist wirklich gut und gehört für mich zu den Favoriten dieser Challenge. Es soll nur ein Hinweis sein, bestimmte Mittel des Erzählens, die recht einfach zu schreiben sind, zu überdenken. Genug "gesenft".

Lg
kiroly

 
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Hallo liebe @CoK,

vielen Dank, dass du mir einen Besuch abstattest und gleich mit so netten Worten beginnst.

Es freut mich, eine Geschichte von Dir hier zu lesen. Ich habe darauf gewartet und so kurz vor Schluss kam Dein Beitrag.
Ja, vor Toresschluss, das kannste laut sagen. Zum einen liegt das daran, dass ich alles, aber wirklich alles bis zum letzten Tag aufschiebe und zum anderen hab ich gezweifelt, ob ich die Geschichte wirklich einstellen soll.

Deine Geschichten in den Challenge vorher habe ich gelesen und sie haben mir gut gefallen.
Na, du verstehst es ja, mich zu überraschen. Damit hätte ich bestimmt nicht gerechnet.

Manchmal hatte ich etwas Schwierigkeiten mit dem Orts und Zeitenwechsel.
Das sollte eigentlich nicht sein. Ich hab da noch mal drüber geschaut – und klar – für mich ist alles klar.
Normalerweise mach ich mit einer Leerzeile aufmerksam, dass in der Zeit gesprungen wird.
Bei einigen Rückblenden bleibe ich im Präsens bzw. füge eine Leerzeile ein, wenn nur ein neuer Gedanke aufgenommen, die Zeitebene nicht verlassen wird. Das werden die Stellen sein, nehme ich an, die du meinst. Wenn du magst und Zeit findest, kannst du mir die Übergänge, die für Unklarheiten sorgen, bitte mal zeigen?

Vllt. kommt ja noch eine Rückmeldung von jemand, dem es ähnlich wie dir geht.

„Na, dann Komm! Es wird Zeit. Vielleicht finden wir ein paar Hinweise.“
Sie schließt den Schirm, schüttelt den Schnee ab, während ich die Pendeltür festhalte. Vielleicht bekommen wir eine Ahnung, wer der Mann war, den wir Vater nennen.
Sabrina schaut mich eindringlich an, legt ihre Hand auf meinen Arm. „Bereit?“, fragt sie.
Einer meiner Lieblingssätze.

Da sind die beiden Schwestern nicht mehr nur Teil einer Familie, die irgendwann auseinandergefallen war, sondern sie sind sich wieder ganz nah, eine verschworene Einheit sozusagen.

Vielen Dank für deinen Leseeindruck, ich hab mich sehr über ihn gefreut.

Liebe Grüße von peregrina


Hallo @wegen, hallo @kiroly, ein bisschen Geduld, morgen geht’s weiter.

 
Monster-WG
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Hallo liebe @peregrina,

zuerst Mal ein fettes Dankeschön für Deinen Besuch und Dein tolles Feedback bei meiner Geschichte. Hab mich sehr darüber gefreut und gehe am Wochenende ausführlich darauf ein. Jetzt wollte ich Dir und Deiner Geschichte erstmal einen Gegenbesuch abstatten. Ich mag Deine Geschichte. Sie hat mich gleich von Anfang an gefangen genommen und meine Neugierde geweckt. Ich mag Deinen Schreibstil, die Dichte des Textes. Die Rückblenden finde ich sehr gelungen. Du zeigst ihre Gedanken und Gefühle, wodurch ich Nähe zu ihr aufbauen kann. Auch die Thematik finde ich sehr interessant.

Hier ein paar Anmerkungen:

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt. Überquellende Autobahnen sind mir ein Graus, darum breche ich frühzeitig auf. Er zieht mich noch einmal fest an sich. Weiße Atemwolken steigen aus seinem Mund, als er mir eine gute Reise und viel Erfolg wünscht. Beides kann ich gebrauchen, doch ich könnte nicht definieren, was Erfolg in meinem Falle bedeutet. Egal, was immer wir erfahren werden, wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Ich freue mich auf meine kleine Schwester, Sabrina. Und ich spüre die Erleichterung darüber, dass wir Geschwister uns wieder nahe sind. Auch, wenn ich in Babelsberg lebe, treffen wir uns häufiger als in den Jahren zuvor. Was uns einst trennte, verbindet uns heutzutage. Und es sieht so aus, als hätten wir in all den Jahren nur in den Startlöchern auf die Chance gelauert, über die Sache mit Vater zu reden.

Sehr schöner Einstieg. Ich war sofort in der Szene, konnte mir alles bildlich vorstellen. Meine Neugierde war sofort geweckt.

Fast dreißig Jahre ist das jetzt her“, sagte ich. „Und die Leute zeigen immer noch mit Fingern auf uns. Das klebt doch an uns wie Hundescheiße.“
Mutti warf mir einen tadelnden Blick zu.
„Macht doch, was ihr wollt, “, sagte Robert.
Und das taten wir auch. Sabrina und ich stellten einen Antrag an die Birthler-Behörde.

Die familiären Beziehungen bringst Du sehr glaubwürdig rüber.
Und auch hier war ich weiterhin neugierig, wollte wissen, was da los ist.

Das Verkehrsaufkommen auf dem Berliner Ring ist erträglich. Nachdem ich am Dreieck Potsdam auf die A9 aufgefahren bin, versuche ich mich zu entspannen, löse meine klebrigen Finger vom Lenkrad. Das ist ein Teil der Strecke, die er zweimal die Woche fuhr. Hier kannte er jeden Baum, jedes Gebäude, jedes Schlagloch. Er erschien mir immer beschwingt, wenn er auf Tour ging, so als würde eine Last von ihm abfallen.
Das Autoradio dudelt vor sich hin. In den Nachrichten geht es um Chile. Die Erde hat schon wieder gebebt. 7,2 auf der Richterskala. Die Berliner Polizei steht kurz vor der Aufklärung des Raubüberfalls auf das Pokerturnier im Hyatt.

Mir gefällt es, wie Du ihre Gedanken auf der Fahrt beschreibst, dazu die Rückblenden, dann aber auch wieder die trivialen Gedanken z.B. über die Nachrichten. Sie taucht immer wieder in die Vergangenheit ein und lenkt sich dann wieder ab. Das finde ich sehr plausibel.

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.

Eine sehr schöne Stelle :thumbsup:

Eine Woche später saßen wir um Omas Küchentisch. Sie hatte Kiefernscheite nachgelegt und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Die Herdplatte glühte und ich zog meine Strickjacke aus, weil die Hitze unerträglich wurde. So wie das Schweigen. Ich wollte schreien, und war es nur, um überhaupt einen menschlichen Laut zu hören.

Hier bin ich ganz nah bei Deiner Prota. Du brinst mir ihr Innenleben nahe, zeigst mir, wie sie sich fühlt. Sehr gut.

„Hör auf, Mutter!“, sagte Mutti leise. Nur die steile Falte zwischen den Augen verriet ihren Ärger. „Da muss etwas passiert sein, sonst wär er längst zurück.“

Sehr dramatisch. Ich hab mitgefiebert.

Es lief eine Fahndung nach unserem Vater. Gefahr der Republikflucht. Natürlich vermutete nicht nur die Kripo, sein Verschwinden könnte etwas mit dem Einbruch zu tun haben. Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war.

Sehr gut beschrieben. Ich fühle mit.

Guten Abend. Frau Knaup?“, hörte ich einen der beiden in meinem Rücken sagen. „Wir müssen Ihnen …
Ich lehnte mich von innen gegen die Küchentür. Meine Knie zitterten und ich fiel kopfüber in ein tiefes schwarzes Loch.

Auch hier bin ich ganz nah bei Deiner Protagonistin.

Die Abfahrt kommt näher. Acht Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen. Wie jedes Mal, wenn ich diese Stelle passiere. Nie bin ich vorbereitet. Nie werde ich vorbereitet sein. Hier irgendwo in den Wäldern ist es geschehen. Die Bilder in meinem Kopf sind schlagartig da, lassen sich nicht vertreiben. Es nieselt. Novemberkälte. Stille im Wald. Nur ab und zu knackt ein Ast unter Vaters Sohlen, als er sich durch das Dickicht schiebt. Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.

Auch diese Szene hat mich sehr beeindruckt.

Wortlos nahm ich das Blatt, das aussah wie aus einem Schulheft gerissen. Der Abschiedsbrief. Eine Kopie. Das Original wurde sicherlich graphologisch bewertet. Für mich gab es keinen Zweifel, unverkennbar die Schönschrift unseres Vaters. Als hätte es noch eines allerletzten Beweises bedurft, dass er nicht zurückkommen würde.

Hier hab ich mitgelitten.

Mein Herz hämmerte laut an den Brustkorb, als ich die Zeilen überflog. Ich las ein zweites Mal, konzentrierter, analytischer. Das waren also seine letzten Gedanken, sein letzter Wille. Wie hilflos muss er sich gefühlt haben, alleine in der Fahrerkabine, auf dem einsamen Parkplatz. Der Wortlaut gibt Rätsel auf, in den abgebrochenen Sätzen, zwischen den Zeilen steckt so viel Verzweiflung. Ich bin unschuldig … habe mit dem Einbruch nichts zu tun. Haltet zusammen … Verzeiht mir … will keine Verhöre auf mein Gewissen laden. Das sollte also die Erklärung dafür sein, dass er Mutti mit einem Berg Schulden und dem Nesthäkchen Sabrina sitzen ließ.

Ich spüre die Nähe zu Deiner Prota. Am liebsten würde ich sie trösten. Toll rübergebracht. Ich spüre die Verzweiflung der Prota/ der Familie.

Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Fleisch. Das war doch nicht der kampflustige Vater, wie ich ihn kannte, der Vater, der gerne mal aneckte, der lauthals hinausposaunte: „Alles Lumpen und Verbrecher.“ Hier schrieb doch ein erbärmlicher Feigling mit Muffensausen.

Auch eine tolle Stelle.

Willkommen im Freistaat Thüringen. Ich bin froh, als ich endlich am Kreuz Erfurt auf die A71 auffahre. Es ist mir die liebste, irgendwie wirkt sie so unberührt, wie frisch gewaschen. Die Gegend wird hügelig und bewaldet. Als ich die Scheibe herunterlasse, riecht der Fahrtwind nach Schnee und Heimat.
Das Schöne an Tunneln ist, dass sie irgendwann zu Ende sind. Doch der nächste liegt vor mir. Beinahe achttausend Meter Röhre. Ich drossle die Geschwindigkeit und starre auf die beiden Höhleneingänge, die wie die Augen eines lauernden Tieres zurückglotzen. Während ich in den Tunnel eintauche, glaube ich zu ersticken, lebendig begraben zu werden.

Sehr schön beschrieben.

Mir hatte sie zwei Faustan verabreicht. Der Schmerz verlor für kurze Zeit seine scharfen Kanten. Und so stand ich aufrecht wie ein Soldat vor dem Kiefernsarg und schaute mit trockenen, brennenden Augen in die Gesichter, bis sie zu einer bleichen Masse verschwammen.

Und auch das find ich toll geschrieben.

Mein Mund ist trocken und ich nehme die Flasche vom Beifahrersitz, nehme einen Schluck. Das Wasser schmeckt nach Zement.

Doppelung.
... trinke einen Schluck.

Auch das Ende hat mich sehr berührt. Ich bin voll des Lobes, der Text ist fehlerfrei, sprachlich topp und ich wurde nicht einmal aus dem Lesefluss gerissen. Toll gemacht.

Vielen Dank für die schöne Geschichte!

Ganz liebe Grüße und einen tollen Tag,
Silvita

 

CoK

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Hallo @peregrina

Das sollte eigentlich nicht sein. Ich hab da noch mal drüber geschaut – und klar – für mich ist alles klar.
Normalerweise mach ich mit einer Leerzeile aufmerksam, dass in der Zeit gesprungen wird.
Es sind die Szenenwechsel, mit denen ich mich schwergetan habe. Mit der Leerzeile ist schon klar nur das häufige Wechseln, da musste ich aufpassen.
Da ich aber die Einzige bin, der es so geht zu gehen scheint. Liegt es an mir.
Tut mir leid, dass ich dir Mühe gemacht habe und Du es deshalb überprüft hast.

Liebe Grüße CoK

 
Seniors
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Hallo @peregrina ,

dein Stückchen DDR-Geschichte, verpackt in die Frage, was der Vater damals wirklich mit der Straftat zu tun hatte, ist dir gut gelungen. Ich war mittendrin dabei bei deiner Protagonistin und habe mit ihr gefühlt. Insoweit halte ich deine Geschichte für gelungen.

Aber und dieses Mal nach nochmaligem Lesen geht es mir immer noch so, mir fehlt der spannendste Teil, nämlich die Auflösung. Du fütterst mich ja die ganze Zeit über damit an, dass mit dem Vater damals etwas seltsam war, sein merkwürdiges, eigentlich ja gar nicht zu ihm passendes Selbstmordende, das vielleicht keines war und der gemeinsame Gang der Schwestern in diese Behörde.
So würde ich als Resümee sagen: alles gut, aber das Ende ist unbefriedigend.
Ich sehe ein, du wolltest eigentlich nur den Weg von der Entscheidung bis vor die Tür der Behörde schildern und den Leser auf die Gedankenreise der Protagonistin mitnehmen.
Mir reicht das nicht, obwohl ich mich bis zu dem aus meiner Sicht vorzeitigem Ende sehr ansprechend unterhalten gefühlt habe.


Egal, was immer wir erfahren werden, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.
Hier erzeugst du Spannung.
über die Sache mit Vater zu reden.
Spannung wird weiter aufgebaut.
wenn du liest, dass dein bester Freund dich bespitzelt hat“, sagte Robert.
Ging es um Bespitzelung? Oder ging es nicht vielmehr um die Frage, ob der Vater einer der Straftäter war?
Dann blätterte er weiter Scheine auf die Wachstuchdecke, einige Hunderter, stopfte den Packen in seine Zweitbrieftasche, die für die Kundengelder. Die Leute aus der Umgebung rannten uns die Bude ein. Er gefiel sich in der Rolle. Herbert Knaup, der Retter all der Vergessenen im Süden der Republik. Ein Robin Hood der real existierenden Mangelwirtschaft, der beschaffte, transportierte und gerecht umverteilte.
Diese Szene verstehe ich nicht. Weswegen wurde den Leuten die Bude eingerannt? Ganz am Ende der Geschichte gibt es diesen Hinweis darauf, dass er Westwaren gelagert hatte. Aber meinst du genau das damit? Und wie kam er denn da dran? DAS ging doch eigentlich damals nicht legal oder? Ich finde, an diesem spannenden Punkt erfahre ich zuviel, was noch mehr Fragen auslöst, die aber nicht beantwortet werden.
Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es keine Rolle spielte, welche Nachricht überbracht wurde, Hauptsache, es wurde überhaupt eine überbracht.
Ein guter Satz. Das kann man der Protagonistin nachfühlen, dass sie endlich wissen möchte, was mit dem Vater ist. Hauptsache, man kann endlich eine Aufklärung bekommen.
Der Schmerz verlor für kurze Zeit seine scharfen Kanten.
Guter Satz mit den scharfen Kanten. Sehr treffend, auch wenn ich das Medikament nicht kenne.
mit seiner florierenden Ich-AG, am Rande der Legalität.
Hier wirst du schon konkreter. Aber hängt diese Ich-AG mit den Scheinen, die er zählt zusammen?
Die haben gequalmt wie die Stadtsoldaten.
Herrlicher Satz. Sofort Bild vor Augen.
Zu meiner Jugendweihe standen dann Schnaps und Zigaretten in rauen Mengen auf den Tischen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.“
„Heiße Ware, ganz schön riskant“, sagt Sabrina.
Sabrina, wo war die zur Jugendweihe der Protagonistin? Ich war davon ausgegangen, dass sie alle noch im Familienverbund zusammen geblieben waren.


Wirklich gut geschriebene Geschichte, bei der mir was fehlt. Aber das wiederhole ich jetzt nicht.

Lieben Gruß

lakita

 
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09.09.2015
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Hey @wegen,

schön, dass du mir deine Gedanken da lässt. Danke für deine Zeit und die Mühe.

was mir bei deinen Geschichten immer auffällt, sind die Satzanfänge und generell die stimmige Formulierung von aufeinander folgenden Aussagen und Ausführungen.
Ach, weißt du, ich bin ein furchtbarer Pedant und klopfe alles, was ich fabriziere, auf Logik ab, achte auf die Bezüge von er, sie, es und so was halt.

Ich weiß nicht, wie ich das besser benennen kann. Dafür gibt es bestimmt ein oder zwei Fachwörter.
Überraschungsfreie Einseitigkeit?

Dadurch entsteht ein richtig guter Lesefluss und die Erzählung wirkt, obwohl ihrer inhaltlichen Schwere, nicht Berichtartig. Das gefällt mir sehr.
Ach so! Danke! Dann sind wohl meine Glättungsversuche doch nicht in die Hose gegangen.
Du nimmst bedeutende Themen, wie die Bespitzelung durch die Staatssicherheit und den Verlust des Vaters und gehst damit von Szene zu Szene, setzt dabei Puzzleteile aneinander und obwohl ich am Ende nicht weiß, was Herbert in den Tod trieb bzw. was ihm tatsächlich zugestoßen ist, habe ich da so ein Gefühl der Zufriedenheit, wenn ich die Schwestern Arm in Arm die Stufen des zweckdienlichen Sechzigerjahrebaus hochsteigen sehe.
Gut zu wissen, dass das offene Ende nicht unbefriedigend auf dich wirkt. Die Gestaltung passt ja zum Thema wie die Faust aufs Auge. Es bleibt eine Illusion, Antworten, Klarheit, Gewissheit zu bekommen. Und schon gar nicht aus dem aufgefundenen Material. Aber so sind wir Menschlein. Immer auf der Suche, meist nach dem Warum.

Richtig gut ist auch, dass du den Paps nicht als Heiligen darstellt. Nur diesen Goldzahn, den finde ich schrecklich. :|
Der Zahn muss sein, er gehört zu seiner schillernden Fassade.

Die Pappkameraden von Horch & Guck, fand ich gut. Über die Äußerungen der Familie vielleicht eine Spur zu sehr als Witzfiguren dargestellt, der Ernsthaftigkeit und der real ausgehenden Gefahr nicht gerecht werdend. Aber das mag ihre Art der Trauerbewältigung sein.
Vll. hilft in manchen Situationen wirklich nur Witze machen, spotten, um dem Bedrohlichen seine Macht zu nehmen.
Meine Eltern haben ihre Akten auch eingesehen. Laut meiner Mutter war da unglaublich viel Terminbuchführung ohne erkennbare Relevanz enthalten. Wer weiß ...
Soweit ich weiß, ging es erst mal ums Sammeln von Informationen. Gewohnheiten, Vorlieben, auch von Leuten, die irgendwann mal von Nutzen sein könnten, die man unter Druck setzen konnte bzw. deren Reputation durch das Wissen zerstört werden konnte. Unvorstellbar in welcher Breite und mit welcher Akribie das Karteikartensystem angelegt war.
Na ja, sowieso abartig und krank das Ganze, wenn man das dichte Netz aus IMs betrachtet.

peregrina schrieb:

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt.
Der wirkt noch besser, beim zweiten Lesen.
Über den roten Osten musste ich auch grinsen.

peregrina schrieb:

Da hatten die Täter, die 79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück. Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Diebstahl von Volkseigentum im schweren Falle.
KraftverkehrsAMT vielleicht? Das kapier ich nicht.
Tja, wie nennt man den Betrieb? Die offizielle Bezeichnung VEB Kraftverkehr XYZ. Das Transportunternehmen wurde im Volksmund schlicht Kraftverkehr genannt.

Logo, die Omi in der Dederonschürze.
Ich mag deine eingestreuten Details aus der Zeit. Die Dosis passt für mich.
Okay. War mein Besuch im DDR-Museum nicht vergeblich. :cool: Jemand, der die Zeit nicht erlebt hat, wird die historische Staffage nicht erkennen, dem wird aber auch nichts fehlen im Text. DeDeRon, hihi. Im Westen Deutschlands hieß der gleiche Scheiß Perlon und in den USA Nylon. Was macht man, wenn die Patente vergeben sind? Man nennt sein Kind kreativ nach dem Land, in dem es lebt.

peregrina schrieb:

In dem alten Steinkrug hatte sie ein Pilsner mit Zucker und Ei verquirlt und goss die bauchigen Senfgläser voll.
Bitte was?! Das klingt furchtbar.
Kalorienarm :lol:und gibt Kraft. Brauchste kein Leberwurstbrot. Probiers heute Abend doch mal aus.

peregrina schrieb:

Die Abfahrt kommt näher. Acht Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen.
Ist dieses Rätselraten notwendig? Die Strecke von Berlin bis Hermsdorfer Kreuz, dann weiter ins Greizer Hinterland fahre ich blind. Aber hier stehe ich vielleicht auf dem Schlauch?
Der Name der Abfahrt gibt der Erzählerin einen Stich, immer, wenn sie da lang fährt. Das ist das Gebiet, in dem Herbert tot aufgefunden wurde. Soll ich konkret werden und eine Abfahrt auf der Strecke benennen? Wäre eine Idee.

peregrina schrieb:

Sie haben ihr Ziel erreicht, verkündet das Navi, als ich in der Parkbucht zum Stehen komme.
Das verkündet das Navi üblicher Weise schon rund 200 Meter vor den Zielkoordinaten.
Ja, 200 Meter vorher, schon, aber ich meine, unseres plappert noch mal: bestemming bereikt, wenn wir direkt vor dem Haus stehen. Muss ich noch mal drauf achten

peregrina schrieb:

Um den Kopfschmerz zu lindern, massiere ich die Schläfen.
Könntest du streichen.
Aber dann weiß der Leser doch nicht, dass sie Kopfschmerzen hat! :confused:

peregrina schrieb:

Es hat zu schneien begonnen, keine Seltenheit für Anfang März in dieser Höhe. Ein weißer Film legt sich auf die Frontscheibe,
"Film" passt für mich nicht. Das impliziert eine flüssige Konsistenz.
Könnte weißer Teppich wählen, haha, sehr witzig. Wie wär‘s mit Pulverschnee?
Aber Filme sind nicht in jedem Falle flüssig, denk mal an die von ORWO.

An diesem Bild bleib ich hängen. Mit dem Auto zur Kaufhalle? Wie dekadent. Ich seh da volle Dedaronbeutel und Einkaufsnetze, die an Fahrradleckern baumeln oder die Stufen der Straßenbahn hochgehievt werden.
Die Erzählerin bringt die Mutter nach Hause und vorher wird so richtig zugeschlagen.

peregrina schrieb:

Wir wandern durch den Wald. Vater hat einen Arm um Muttis Schulter gelegt, mit der anderen Hand schlenkert er eine Einkaufstasche, in der Sabrinas Töpfchen steckt.
Auch hier wieder so ein Detail. Gib es zu, die Erinnerung ist echt.
Ja, ich gestehe: Das Töpfchen im Beutel gab es tatsächlich.

Für mich wäre die Tasche ein Beutel. Das kann aber aus meiner persönlichen Begriffserinnerung stammen.
Danke! Passt schon! Ich hab den Beutel übernommen, anstelle von Einkaufstasche sollte da entweder Stoffbeutel oder ganz authentisch DeDeRonbeutel stehen. Ich mach das mit dem Dederon, da hab ich mich jetzt festgebissen. :thumbsup:

Hach, man muss ja immer aufpassen, diese Zeit nicht zu rosarot darzustellen. Aber andererseits sind da doch neben Stasiüberwachung und Mangel an Gütern selbstverständlich auch die schönen, persönlichen Erinnerungen. Diese Balance ist dir gut gelungen, finde ich.
Tja, das war das Leben, man kannte es nicht anders, hat sich mit den Versorgungslücken und der Bevormundung irgendwie arrangiert, denke ich (von Mensch zu Mensch natürlich in Abstufungen), hat das sowieso nicht greifbare Phänomen Stasi weitmöglichst ausgeblendet oder über all das gespottet. Bis an einem bestimmten Punkt die Augenwischerei nicht mehr funktionierte. Daran hat natürlich Gorbatschow mit seinen Reformgedanken wesentlichen Anteil.

Danke für dein Feedback, hat mir sehr geholfen und natürlich musste ich an einigen Stellen schmunzeln.

Liebe Grüße von peregrina


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Hallo @kiroly ,

vielen Dank für deinen Besuch und deinen wertvollen Komm. Nach dieser Einschätzung schaute ich beschämt zu Boden.

eine tolle Geschichte.
Sprachlich lese ich eine sehr solide, eine gut austarierte Geschichte, ohne das Bemühen nach schönen Sätzen, die glänzen wollen, sondern nach dem Einfangen einer bestimmten Stimmung. Der Suizid des Vaters ist irgendwie verstrickt zwischen halblegalen Geschäften, einem spektakulären Kriminalfall und der Organisation des Alltags in einer "real existierenden Mangelwirtschaft". Aber auch in die Geheimnisse einer Familie, in der vieles nicht ausgesprochen wird oder nicht ausgesprochen werden kann.
Das hast du gut zusammengefasst. Ich bin fast ein bisschen überrascht, wie exakt du u.a. die Sprachlosigkeit der Familie herausgelesen hast. Gerade, weil ich im ersten Abschnitt Folgendes gestrichen habe: … die Zeit der Sprachlosigkeit hinter uns liegt.

Das Ende - wahrscheinlich hängt es davon ab, wie man deine Geschichte liest. Liest man sie als "Suche nach Aufklärung" ist das Ende unbefriedigend. Liest man sie als Familiengeschichte, ist das Ende sehr gut.
Ich sag‘s mal so; Wär‘s ein Krimi oder Thriller ginge diese Nichtauflösung gar nicht.

Die Hoffnung der Schwestern, über Akteneinsicht den Suizid zu verstehen, wird nichts erklären. Sie müssen einen Weg finden, wie sie mit dem Suizid und Vertrauensverlust umgehen können. Da steckt der Antrieb vieler guter Familiengeschichten drin, ein Geheimnis lässt sich nicht aufklären, aber immer und immer wieder versucht die Familie, es doch zu tun.
Liegt doch in unsrer Natur, dass wir immer wieder Antworten wollen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schwestern befriedigt die Außenstelle der Birthler-Behörde in Suhl verlassen werden, vielleicht für einen Moment, spätestens abends stellen sich neue Fragen, Vorwürfe, was weiß ich.
Absolut korrekt. Selbst wenn eine Ungereimtheit beseitigt werden kann, tun sich zehn neue Fragezeichen auf. Da schlägt man die Unterlagen auf und landet in einem Dschungel von Protokollen in Amtsdeutsch. Wenn man Glück oder Pech hat, kann man die Durchschläge entziffern, erfährt, dass jemand aus der Verwandtschaft IM war und Details belangloser Gespräche vom letzten Kaffeekränzchen an seinen Führungsoffizier gemeldet hat.

Ich nehme dir das Setting vollständig ab, die Welt, die nach bestimmten Regeln funktioniert. Zur historischen Authentizität kann ich gar nichts sagen, ich habe nicht in der DDR gelebt, ich weiß nicht, wie sich der Sozialismus anfühlt.
Ich würde gerne Worte für dieses Anfühlen finden, wird nix.
Aber niemals würde ich über ein Szenario schreiben, das ich nicht kenne oder über das ich nicht recherchieren kann. Da lauern zu viele Stolperfallen, das Abenteuer wäre mir zu groß.

Was ich an vielen Geschichten über die DDR nicht mag, ist ihr Messen an der westdeutschen Norm. BRD ist das Normale, DDR die Abweichung. Sind oft Geschichte über und nicht vom Alltag der DDR. Die DDR wird nur als Abweichung der BRD verstanden, ach guck, das war ja anders dort, entweder geht's ins Pittoreske ("Ach guck mal! Knusperflocken!") oder ins Politische (Stasi).
So kann ich das jetzt nicht bestätigen. In letzter Zeit hab ich mir verstärkt Filme, die in der Ex-DDR handeln, reingezogen. Ist ja immer ganz putzig, wenn Jahrestag der Dt. Einheit gefeiert wird. Der Turm, Ballon, Der gleiche Himmel, Der Preis der Freiheit und wie sie alle heißen.
Fand die Umsetzung ganz gut gemacht und vor allem mag ich das, wenn ich dann sagen kann: Ach nee, das ist aber sehr überzeichnet oder war gar nicht so oder nicht zu fassen, so gestelzt wurde wirklich geredet. Wenn zum Beispiel die Parolen eines Parteitages geistlos wiederholt wurden, ohne den Inhalt zu begreifen.

Aber ich schweife ab, all das war ja nicht Thema meiner Geschichte, es geht um die Familie, um Unausgesprochenes, und die Suche nach Erkenntnissen und auch darum, dass es wichtig ist, zusammenzurücken. Vielleicht ist das sogar die wichtigste Botschaft, sehe ich gerade.

Alle Hinweise zu sprachlichen Details sind absolut subjektiv.
Klar, trotzdem werde ich sie ernsthaft prüfen.

peregrina schrieb:

Meine Eltern hatten die Küchentür hinter sich geschlossen. Zum ersten Mal bedauerte ich, dass anstelle der Mauerdurchbrüche echte Türen vorhanden waren. Nun zog es zwar nicht mehr im Anbau, doch von den interessanten Unterhaltungen wurde ich ausgesperrt.
Marke Eigenbau, der Hausbau, das ging oft nur über gute Kontakte, zumindest habe ich das gehört. Die hatte der Vater. Das ist das, was ich als authentisch empfinde.
Die Beziehungen waren wichtig, korrekt. Die Hilfe von Freunden, Verwandten bei privaten Baumaßnahmen nicht zu unterschätzen. Der Aspekt ist mir durchgeflutscht: Man hielt zusammen, unterstützte sich, schaute nicht missgünstig übern Zaun, wenn beim Nachbar ne Kirsche mehr am Baum hing.

peregrina schrieb:

Eine Rasierwasserwolke umgab ihn.
Hm, Rasierwasser reicht vielleicht, er roch nach Rasierwasser. Ist ja eher ein reduziertes Setting, das eine Sprache verwendet, die im Alltag verwendet wird.
Zu den den blumigeren Ausreißern sag ich später noch was.

peregrina schrieb:

Wachstuchdecke
Was sonst?^^
Das nackte Holz der Tischplatte? Wachstuch passt doch in die Zeit, ist nun überholt. Sag jetzt nicht, dass bei dir eine Wachstuchtischdecke auf dem Küchentisch liegt?:D


peregrina schrieb:

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.
Für mich die beste Stelle. Interessant, entschuldige meine katholische Naivität, aber Heiligensymbole sieht man im ent-christlichten Osten selten. Aber gut, jetzt wende ich ein Klischee an.
Ach, ich denke, erstens war man da schon flexibel, zweitens findet die Reise 2010 statt. Ich kenne genug Leute, die nach der Wende zum Christlichen Glauben zurückfanden. Außerdem steckt in meiner Erzählerin eine Zynikerin (eigentlich in der Autorin), und wenn man wollte, könnte man interpretieren, der Affe als Ersatz für einen Heiligen schrammt knapp an Gotteslästerung vorbei.

peregrina schrieb:

Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Fleisch.
Hm, hier hätte ich nicht Fleisch erwartet sondern eher "Gedanken" oder "Denken". Ich verstehe, du möchtest physischen Schmerz erzeugen, aber es ist ja ein psychischer, seelischer Schmerz, der hier entsteht.
Recht hast du. Ich lass mir was einfallen.

peregrina schrieb:

Es nieselt. Novemberkälte. Stille im Wald. Nur ab und zu knackt ein Ast unter Vaters Sohlen, als er sich durch das Dickicht schiebt. Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.
Auch das eine tolle Stelle. Dickicht würde ich aber ersetzen, die Worte zuvor sind zu einfach für Dickicht, man benutzt ja im normalen Sprachgebrauch Dickicht nicht so oft.
Sondern? Gebüsch ist ja sexuell besetzt, hihi, und Unterholz trifft es auch nicht hundertpro. Für mich sticht übrigens Dickicht nicht aus dem restlichen Text hervor.
Und wenn Herbert sich ins Dickicht schiebt, muss er sich ja auch wieder rausschieben. Kann er sich da nicht gleich durchschieben?

peregrina schrieb:

Beinahe achttausend Meter Röhre.
Rennsteigtunnel oder?
Logo!

peregrina schrieb:

Das Schöne an Tunneln ist, dass sie irgendwann zu Ende sind. Doch der nächste liegt vor mir. Beinahe achttausend Meter Röhre. Ich drossle die Geschwindigkeit und starre auf die beiden Höhleneingänge, die wie die Augen eines lauernden Tieres zurückglotzen. Während ich in den Tunnel eintauche, glaube ich zu ersticken, lebendig begraben zu werden.
Das "Doch" würde ich streichen. Auch das "eintauchen", das wird ja gerne bei Lichtwechseln verwendet, aber - subjektiv - ich mag es nicht, weil sie nicht in den Tunnel "eintaucht" sondern profan einfährt. Tauchen ist für mich immer mit einer Flüssigkeit assoziiert, im nächsten Satz verwendest du aber "begraben". Aber Kleinigkeit ist das.
Ich finde das interessant, was da gerade zwischen uns beiden vorgeht. Immer dann, wenn ich versuche, aus meiner geglätteten, nüchternen Sprache auszubrechen, willst du mich einfangen. Ach, ich würde liebend gern unangepasst, verrückt, blumig poetisch, innovativ, inkonsequent, gegen den Strich gebürstet schreiben. Vor allem mit Adjektiven um mich werfen und Verben dort verwenden, wo sie nicht hingehören und man sie am wenigsten vermutet.

So, genug Gefühlsausbruch. Da ich Einheitlichkeit mag, Titel, sprachliche Gestaltung und Thema nicht gegeneinander antreten sollten, gehe ich zumindest in mich. Im Namen der Kohärenz des Textes versuche ich deine Vorschläge umzusetzen.

peregrina schrieb:

Und mit einem Mal sitze ich wieder im Wartburg, der auf dem kleinen Platz zwischen dem Gemüseladen und der Mohren-Apotheke steht. Wie jeden Freitag hole ich Mutti von der Arbeit ab, um gemeinsam zum Wochenendeinkauf zu fahren. Allmählich kriecht mir die Kälte in die Knochen. Gerade als ich nachschauen will, wo sie bleibt, öffnet sie die Wagentür.
Wartburg? Eher reiche Familie? Oder wende ich ein Klischee an? Macht aber schon Sinn. Der Vater als der raffinierte Beschaffer..
Nee, der Vater hat die Familie mit Kreditschulden hinterlassen und ja, die Erzählerin fährt mittlerweile Wartburg, lebt in wohlhabenden Verhältnissen. Ich denke, kein Klischee.

peregrina schrieb:

Ich muss lächeln. „Gut. Kennste die?“, sage ich und stupse sie am Oberarm. „Als ich vierzehn war, und Robert elf, …“
„Logisch war er elf“, unterbricht sie mich.
Ja, das sind diese kleinen Spitzen zwischen den Schwestern, die deine Figuren nie statisch werden lassen. Es sind ja oft solche sehr kleinen Sätze, in denen die Konflikte, die Probleme, die Einstellungen eines Menschen zeigen, alltäglich und belanglos dahinerzählt. Sabrina wirkt wie eine Prüferin: Erzähl mir was, ich werde es bewerten und auf Fehler korrigieren!
Ach, interessante Schlussfolgerung. Sabrina ist schon der vernünftigere, realistischere, erwachsenere Part, obwohl sie viel jünger ist. Viel aufgeschlossener und weniger nachtragend als die Ich-Erzählerin.

Ich hab Sabrina den Redefluss unterbrechen lassen, weil ich es albern fand, dass eine Schwester der anderen den Altersunterschied ihrer Geschwister mitteilt. Es war mir jedoch wichtig, dass der Leser weiß, Robert ist noch ein Kind, als er wie ein Schlot raucht.

Zu den Rückblenden. Ja, schwierige Sache. Deine Geschichte tariert ja zwischen Rückblenden und erzählerischer Gegenwart sehr gut aus. Das mag vielleicht auch an der "Inhaltslosigkeit" der Gegenwart liegen, sie fährt auf der Autobahn, Tunnel kommt, Abfahrt kommt. Die Geschichte wird ja mehr in der Rückblende erzählt als in der Gegenwart. Mir gefällt das.
Super! Genau, du sagst es, während der Fahrt passiert ja kaum etwas Erwähnenswertes. Ich finde das reizvoll, die wirkliche Geschichte mit Hilfe von Rückblenden zu erzählen. Ein bisschen hab ich mich mit Erzählmustern beschäftigt: Rahmenhandlung, Hakeneröffnung, weißt schon. Und ich las, dass beim Einsatz von a-chronologischen Erzählmustern Vorsicht geboten ist, sie bergen auch Tücken, erst recht bei der KG.
Aber ich liebe sie nun mal, die a-chronologischen Muster, keine Ahnung, was bei mir nicht stimmt.

Mit deinen weiteren Gedanken zur direkten Rückblende muss ich mich später intensiv befassen. Da komme ich wahrscheinlich noch mal auf dich zu, wenn ich alles durchdrungen habe und ich eine Ahnung habe, wie die Umsetzung in der Praxis aussehen könnte.
Ich wollte schließlich auch noch ein paar Worte zu anderen Challenge-Beiträgen loswerden. :D

Vielen Dank fürs Lesen meiner KG und die lobenden Worte.

Liebe Grüße peregrina

 
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13.07.2017
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Hey peregrina,
ich komm noch mal kurz vorbei. :)

peregrina schrieb:
Da hatten die Täter, die 79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück. Die Beute: Lohngelder und Valutamittel. Diebstahl von Volkseigentum im schweren Falle.
KraftverkehrsAMT vielleicht? Das kapier ich nicht.
Tja, wie nennt man den Betrieb? Die offizielle Bezeichnung VEB Kraftverkehr XYZ. Das Transportunternehmen wurde im Volksmund schlicht Kraftverkehr genannt.
Ich hätte VEB Kraftverkehr besser einordnen können. Den damaligen Volksmund mit dem heutigen Leserverständnis gleichzusetzten, könnte an dieser Stelle schwierig sein.
peregrina schrieb:
Die Abfahrt kommt näher. Acht Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen.
Ist dieses Rätselraten notwendig? Die Strecke von Berlin bis Hermsdorfer Kreuz, dann weiter ins Greizer Hinterland fahre ich blind. Aber hier stehe ich vielleicht auf dem Schlauch?
Der Name der Abfahrt gibt der Erzählerin einen Stich, immer, wenn sie da lang fährt. Das ist das Gebiet, in dem Herbert tot aufgefunden wurde. Soll ich konkret werden und eine Abfahrt auf der Strecke benennen? Wäre eine Idee.
Ja, die Bedeutung für sie hatte ich verstanden. Das hast du gut rübergebracht. Nur diese nebulöse 8 Buchstaben-Erwähnung hat mich ins Grübeln gebracht.
peregrina schrieb:
Sie haben ihr Ziel erreicht, verkündet das Navi, als ich in der Parkbucht zum Stehen komme.
Das verkündet das Navi üblicher Weise schon rund 200 Meter vor den Zielkoordinaten.
Ja, 200 Meter vorher, schon, aber ich meine, unseres plappert noch mal: bestemming bereikt, wenn wir direkt vor dem Haus stehen. Muss ich noch mal drauf achten
Dann genügt vielleicht ein "erneut"?
peregrina schrieb:
Um den Kopfschmerz zu lindern, massiere ich die Schläfen.
Könntest du streichen.
Aber dann weiß der Leser doch nicht, dass sie Kopfschmerzen hat! :confused:
Warum massiert man sich denn sonst die Schläfen? :Pfeif:
peregrina schrieb:
Es hat zu schneien begonnen, keine Seltenheit für Anfang März in dieser Höhe. Ein weißer Film legt sich auf die Frontscheibe,
"Film" passt für mich nicht. Das impliziert eine flüssige Konsistenz.
Könnte weißer Teppich wählen, haha, sehr witzig. Wie wär‘s mit Pulverschnee?
Aber Filme sind nicht in jedem Falle flüssig, denk mal an die von ORWO.
haha. ORWO musste ich googeln. Dafür war ich dann doch noch zu jung bei der Wende.

Viele Grüße
wegen

 
Monster-WG
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04.03.2018
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Liebe @peregrina,

schön, Dich hiererorts zu treffen, die Challenges sind Dein Ding, scheint es. ;) Du hast eine Geschichte über das Leben in der DDR im Gepäck, derzeit ein überhaupt nicht angesagtes Thema, fast ein vergessenes. Gerade deshalb schön, hier darüber zu lesen, da spricht viel Erfahrung aus den Zeilen, erlebte Wirklichkeit. Ein Rendezvous mit der (Deiner?) Vergangenheit.

Auch, wenn ich in Babelsberg lebe, treffen wir uns häufiger als in den Jahren zuvor.
Das Komma hinter dem auch, wofür ist das? Ist das eine Apposition, da sie nur zeitweise in Babelsberg lebt?

Bei Muttis Siebzigsten vor zwei Jahren
Muttis Siebzigstem (Geburtstag)

Als Sabrina das Wort Akteneinsicht aussprach
Könntest Du in Apostrophe packen oder kursiv stellen. Ist ja schon wichtig.

„Nicht dein Ernst? Horch und Guck?“, fragte Robert dann.
Der Redebegleitsatz geht knackiger. Robert wurde laut, oder so was.

Alles ist besser als das Rätselraten.“
„Bringt doch alles nichts, das Buddeln im Morast, Mensch Leute
Könnte weg.

Gibt bloß Mord und Totschlag, wenn du liest, dass dein bester Freund dich bespitzelt hat“
Gänsefüßchen zu viel.

Du bist doch derjenige, der immer vermutet hat, dass man uns nach Strich und Faden verarscht hat
Bräuchte es nicht, ist schon ein sehr gewählter Duktus, finde ich.

Am Wochenende hatten bewaffnete und maskierte Männer eine Viertelmillion Euro erbeutet.
Zeitentwirx. Da es in den Nachrichten läuft, ist es noch aktuell, also haben? Im nächsten Satz schreibst Du auch haben. Und hier:
Einer läuft ohne Sturmhaube direkt in eine Überwachungskamera. Ein Augenzeuge im Rollstuhl notiert sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs.
Jetzt im Präsens? lief und notierte bitte! Nebenbei cool zwei Begriffe abgehakt. :D

Da hatten die Täter, die '79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück.
Was führ Insider?

Die Beute: Lohngelder und Valutamittel.
Valutamittel finde ich auch ungewöhnlich.

Volkseigentum im schweren Falle
in schwerem Fall?

Zum ersten Mal bedauerte ich, dass anstelle der Mauerdurchbrüche echte Türen vorhanden waren. Nun zog es zwar nicht mehr im Anbau, doch von den interessanten Unterhaltungen wurde ich ausgesperrt.
Verstehe das so, dass es eine Zeitlang keine Türen gab, Hinweis auf Mangelwirtschaft(Galt das auch für Türen) oder lese ich da zu viel rein?

Vater redete mit den Händen, ab und zu stand er auf, lief zwei, drei Schritte, setzte sich wieder, verbreitete Unruhe.
Würde ich nicht brauchen, ist eine Zusammenfassung dessen, was Du vorher zeigst.

Er sah mich an, als hätte ich ihm bei etwas Verbotenem ertappt, leckte am Zeigefinger.
ihn. Das Bild, das ich bekomme, ist, dass er seinen Finger ableckt wie ein Eis, dabei feuchtet er nur die Fingerspitze an?

all die übrigen Neugierdsnasen.
bin ich drüber gestolpert. Schnüffelnasen vielleicht?

„Lass dir was einfallen!“, war alles, was er brummte.
Die Frage ist ihm ja lästig, warum sagt er nicht knapp: "Egal."

Vater stieg in seinen Jelcz, die Hauptstadt rief.
Kannte ich nicht, gegoogelt.

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer(Komma) ist ein blauer Affe aus Lapislazuli.

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.
Der Einschub ist mir zu kurz, die Prota taucht einmal kurz an die Präsens-Oberfläche und sofort wieder ab in die Vergangenheit. Es wirkt so, als bräuchtest Du das nur, um den Affen aus Lapislazuli unterzubringen. Lass auch der Gegenwart ein wenig Luft, sonst wirkt das so, als wäre die Rahmenhandlung im Präsens für deinen Text zweitrangig.

Ich wollte schreien, und war es nur, um überhaupt einen menschlichen Laut zu hören.
sei es nur.

In dem alten Steinkrug hatte sie ein Pilsner mit Zucker und Ei verquirlt und goss die bauchigen Senfgläser voll. Zum Glück schmeckte die trübe Brühe besser, als sie aussah.
Jesses, das am frühen Morgen. :sick:

„Nach’m Westen abhaun, zuzutrauen wär‘s ihm ja“.
Punkt nach vorne holen. abzuhaun?

Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war.
Geht das? Kann eine Ungewissheit Gewissheit geben?
Vllt. wir wussten nur, dass wie nichts wussten. Funktioniert für mich eher. Oder den Halbsatz ganz streichen, den braucht es gar nicht.

Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.
Schön.

Wortlos nahm ich das Blatt, das aussah(Komma) wie aus einem Schulheft gerissen.

dass er Mutti mit einem Berg Schulden und dem Nesthäkchen Sabrina sitzen ließ
Ich denke, er hat durch seine Geschäfte gut verdient?

Hier schrieb doch ein erbärmlicher Feigling mit Muffensausen.
Ups, schon eine deutliche Ansage. Das ist ja aus der Gegenwart erzählt, sind die Gefühle noch so präsent?

Sabrina und ich flankierten Mutti auf dem Weg zur Leichenhalle, in der der Verräter aufgebahrt lag.
Auch hier eine deutliche Wertung, und das mit über dreißig Jahren Abstand.

wie sie es schaffte, nicht die Kontrolle über sich zu verlieren
überflüssig.

Mein Mund ist trocken und ich nehme die Flasche vom Beifahrersitz, nehme einen Schluck. Das Wasser schmeckt nach Zement.
könnte weg.

Sie haben ihr Ziel erreicht, verkündet das Navi
Würde den Halbsatz kursiv setzen.

und sie wirkt, als würde sie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben.
Gesicht? Sprache? Wie äußert sich das?

Und den Pappnasen fällt nix Besseres ein, als wehrlosen Witwen aufzulauern, …“
Komma kann weg.

Irgendwann kriegen wir euch!
Auch den würde ich kursiv setzen.

Bei unsrer Umarmung ist er im Wege
Spricht was gegen unserer?

Er hat mir den vollen Suppenteller aufgesetzt
? Über den Kopf geschüttet?

„Als ich vierzehn war, und Robert elf, …“
Das Komma braucht es doch nicht, oder?

aber nicht von den Tausend Tele Tipps
Insider. Tausend-Tele-Tipps?

Ich bin dem gerne gefolgt, weil es interessant war, dem zu folgen, finde aber schade, dass Du quasi ausblendest, als die Gegenwart eine Rolle spielen könnte, denn das tut sie leider nicht. Sie ist nur Umrahmung für die Schilderung von Vergangenem. Der Text schaut fast nur nach hinten, ist da eine wenig aus dem Gleichgewicht, denn die Gegenwart zeigt die Prota fast nur im Auto, ohne dass etwas Entscheidendes geschieht. Überspitzt gesagt: Autobahntunnel, bisschen Radio, paar Schneeflocken, paar Erinnerungen am Wegesrand.
Es gibt für mich einen Absatz, wo die Gegenwart Bedeutung erhält: "Es klopft an die Seitenscheibe ..." und dann ist der Text auch schon vorbei.
Der Konflikt ist benannt und ausgebreitet: das unklare Schicksal des Vaters und die Folgen für die Familie. Wurde er aus Rache oder Neid umgebracht oder war er der Feigling, für den die Prota ihn immer noch hält? Oder war er IM und wurde aus dem Weg geräumt, weil er über die Stränge schlug? Oder war er auch Fluchthelfer, der erwischt wurde. Mir fehlt da ein Twist als Grund, warum Du die Geschichte aus dem Heute erzählst.
Du führst uns die lange Autobahnstrecke nach Thüringen, wir sind mit dem Kopf im Setting, fiebern mit, was nun geschieht und dann war´s das. Da fühle ich mich als Leser ein wenig um die Auflösung betrogen. Klar, das Ende einer KG sollte offen sein, auch deutungsoffen, mir ist das zu offen, das geht in Richtung Raten. Was mir fehlt, ist ein Fakt, der ihre Reise rechtfertigt, denn am Ende bin ich so schlau wie zuvor, mit dem Unterschied, dass ich das Familienleben von damals kennengelernt habe.
Es wäre ja auch denkbar, den Plot ganz in der Vergangenheit spielen zu lassen, fände ich bei genauerer Überlegung fast besser, weil ich dann näher an den Figuren wäre, dann wäre es kein Rückblick, sondern hautnahe Schilderung des Erlebten, die Handlung ließe sich zuspitzen, weil die Prota als Ich-Erzählerin nicht mehr weiß als der Leser.
Also, schöner Text mit guten Einblicken in das Leben in der DDR, bin dem gerne gefolgt, in der Anlage des Plots oder am Ende für mich persönlich unvollständig. Peace, l2f

 
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Liebe @Silvita!

Vielen Dank fürs Reinschaun in die Geschichte, für deine Einschätzung und die netten Worte.

Ich mag Deine Geschichte. Sie hat mich gleich von Anfang an gefangen genommen und meine Neugierde geweckt.
Danke! Das Feedback ist mir wichtig. Jeder Autor will den Leser ködern und halten. Es wäre schade, wenn er nach den ersten drei Sätzen abspringen würde.
Ich mag Deinen Schreibstil, die Dichte des Textes.
Beinahe befürchte ich, dass man tatsächlich schon von einem Stil sprechen kann. Ob man das mag oder nicht, wie ich erzähle, steht auf einem anderen Blatt. Ich stelle fest, dass ich zunehmend kribbeliger, unzufriedener werde. Ich erlebe zu viel Ordnung, Symmetrie in meinen Texten. Es kommt mir vor, als würde ich sprachlich auf der Stelle treten. Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal muss ich mehr wagen. :D
Die Rückblenden finde ich sehr gelungen. Du zeigst ihre Gedanken und Gefühle, wodurch ich Nähe zu ihr aufbauen kann.
Prima, wenn das bei dir funktioniert hat, ist von Haus aus immer kritisch mit Rückblenden zu arbeiten, weil sie gerade in Kurzgeschichten, die ohnehin knappe Handlung zerstückeln. Der Leser muss sich ständig neu orientieren und die Zeitsprünge können auch zu Irritationen führen.
Was das Zeigen von Gefühlen anbelangt, bin ich momentan nicht sicher, ob ich das konsequent durchgehalten habe.
Auch die Thematik finde ich sehr interessant.
Na, da bin ich wirklich froh. Hatte damit gerechnet, dass man vor dem ollen-Kamellen –Aufguss zurückschreckt. So nach dem Motto: Muss man denn dieses untergegangene Land immer wieder aus der Versenkung holen. Irgendwann muss es doch auch mal wieder gut sein, oder in der Art.

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt. Überquellende Autobahnen sind mir ein Graus, darum breche ich frühzeitig auf. Er zieht mich noch einmal fest an sich ... Und es sieht so aus, als hätten wir in all den Jahren nur in den Startlöchern auf die Chance gelauert, über die Sache mit Vater zu reden.
Sehr schöner Einstieg. Ich war sofort in der Szene, konnte mir alles bildlich vorstellen. Meine Neugierde war sofort geweckt.
Ja, die Bedeutung des Einstiegs unterschätzen wir beide nicht. :thumbsup:

Mir gefällt es, wie Du ihre Gedanken auf der Fahrt beschreibst, dazu die Rückblenden, dann aber auch wieder die trivialen Gedanken z.B. über die Nachrichten. Sie taucht immer wieder in die Vergangenheit ein und lenkt sich dann wieder ab. Das finde ich sehr plausibel.
Ja, ich habe die lange Fahrt gewählt, weil es wirklich glaubwürdig ist, dass sich die Erzählerin an die Geschehnisse erinnert. Der Zweck der Reise steht ja im unmittelbaren Bezug zum Gedankenfluss. Was halt wiederum unglaubwürdig ist, dass sie sich in kausalchronologischer Folge an die Ereignisse erinnert. Im richtigen Leben erinnert man sich ja bruchstückhaft, wirr und ungeordnet an Vergangenes. Um solche Flashbacks einzustreuen braucht‘s schon viel Erfahrung.

peregrina schrieb:

„Hör auf, Mutter!“, sagte Mutti leise. Nur die steile Falte zwischen den Augen verriet ihren Ärger. „Da muss etwas passiert sein, sonst wär er längst zurück.“
Sehr dramatisch. Ich hab mitgefiebert.
Vielleicht sollte ich mich mal an einen Krimi trauen.

peregrina schrieb:

Mein Mund ist trocken und ich nehme die Flasche vom Beifahrersitz, nehme einen Schluck. Das Wasser schmeckt nach Zement.
Doppelung.
... trinke einen Schluck.
Danke! Ist mir nicht aufgefallen.
Auch das Ende hat mich sehr berührt. Ich bin voll des Lobes, der Text ist fehlerfrei, sprachlich topp und ich wurde nicht einmal aus dem Lesefluss gerissen. Toll gemacht.
Ich hab noch keine Methode gefunden, wie ich mit so viel positiver Kritik umgehen soll. Das gesunde Misstrauen ist ständig am Wispern. Was es mir zuflüstert, verrate ich dir vielleicht ein anderes Mal.:)

Herzlichen Dank für dein Interesse. Und ich freu mich wirklich, dass dir die Geschichte gefällt.

Herrliches Wochenende und liebe Grüße von peregrina


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Liebe @CoK,

danke für deine erneute Rückmeldung.

Es sind die Szenenwechsel, mit denen ich mich schwergetan habe. Mit der Leerzeile ist schon klar nur das häufige Wechseln, da musste ich aufpassen.
Da ich aber die Einzige bin, der es so geht zu gehen scheint. Liegt es an mir.
Kann ich mir vorstellen, dass es ab und an anstrengend ist, der Erzählerin zu folgen.
Es ist beinahe ein „Markenzeichen“, vor allem bei älteren Texten von mir, dass ich den Leser in ein verändertes Setting und/oder eine neue Zeitebene werfe, ohne Erläuterungen: Am Montag danach … drei Tage später … Wir standen in Theos Rosengarten … und und und zu geben.

Das wurde immer mal bemängelt. Ganz alleine stehst du also nicht.

Ich denke aber, nach kurzer Orientierungslosigkeit findet man sich trotzdem gut zurecht.

Tut mir leid, dass ich dir Mühe gemacht habe und Du es deshalb überprüft hast.
Und Mühe hast du mir ganz bestimmt nicht gemacht.
Sind Hinweise, denen ich nachgehen muss. Ist doch spannend, den Text zu prüfen und anzupassen.

Ein sonniges Wochenende und liebe Grüße von peregrina


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Hallo @lakita

herzlichen Dank für deinen Komm und deine hilfreichen Gedanken.

dein Stückchen DDR-Geschichte, verpackt in die Frage, was der Vater damals wirklich mit der Straftat zu tun hatte, ist dir gut gelungen. Ich war mittendrin dabei bei deiner Protagonistin und habe mit ihr gefühlt. Insoweit halte ich deine Geschichte für gelungen.
Gut, inzwischen scheine ich Gefühle zu können.
Aber und dieses Mal nach nochmaligem Lesen geht es mir immer noch so, mir fehlt der spannendste Teil, nämlich die Auflösung. Du fütterst mich ja die ganze Zeit über damit an, dass mit dem Vater damals etwas seltsam war, sein merkwürdiges, eigentlich ja gar nicht zu ihm passendes Selbstmordende, das vielleicht keines war und der gemeinsame Gang der Schwestern in diese Behörde.
Ich versteh dich nur zu gut, mit diesem abrupten Ende wird unsere gesunde Neugier, unser ständiges Fragen nach dem Warum und Wieso nicht befriedigt. Ich empfinde diese Art von Geschichten auch als Zumutung. Schließlich liest und liest man, weil die Auflösung interessiert. Man fiebert mit und dann zack, vorbei, April, April, Klappe zu, Affe tot.

Mir ist das mal in einem Krimi/Thriller passiert, da hat die Autorin ein mysteriöses Kindheitserlebnis des Ermittlers durch den gesamten Roman mitgeschleppt, bestimmt über 500 Seiten, das für mich viel mehr Fragen aufwarf als der eigentliche Mordfall. Sie hat das Geheimnis nicht gelüftet. Seitdem lass ich die Schriftstellerin links liegen. Will nur sagen, ich weiß um die Problematik.

So würde ich als Resümee sagen: alles gut, aber das Ende ist unbefriedigend.
Ich sehe ein, du wolltest eigentlich nur den Weg von der Entscheidung bis vor die Tür der Behörde schildern und den Leser auf die Gedankenreise der Protagonistin mitnehmen.
Mir reicht das nicht, obwohl ich mich bis zu dem aus meiner Sicht vorzeitigem Ende sehr ansprechend unterhalten gefühlt habe.
Ich nehme das Lob und den Tadel gerne entgegen.

Auch wenn mir bewusst war, was ich damit anrichten kann, hab ich mich für diese Schlussvariante entschieden. Sie passt einfach zur Thematik Erkenntnisgewinnung durch Akteneinsicht.
Es gibt eine Fassung, da finden die Schwestern einen Hinweis in den Unterlagen. Der löst den Fall natürlich nicht gänzlich, aber die beiden sind beruhigter. Dieser Schluss war so abartig märchenhaft. An anderer Stelle hab ich geäußert, es fühlte sich für mich an, als ob ich Zuckerguss über einen Misthaufen gießen würde.
Ich wollte mich einfach nicht verbiegen, nur um die Leser-Erwartung zu erfüllen.

peregrina schrieb:

Egal, was immer wir erfahren werden, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.
Hier erzeugst du Spannung.
peregrina schrieb:
über die Sache mit Vater zu reden.
Spannung wird weiter aufgebaut.
Das Feedback ist mir wirklich wichtig, dass das Unternehmen Spannungsaufbau aufgegangen ist. Ohne diese kleinen Happen, kann ich den Leser ja nicht anfüttern und ich verliere ihn möglicherweise frühzeitig.

peregrina schrieb:

wenn du liest, dass dein bester Freund dich bespitzelt hat“, sagte Robert.
Ging es um Bespitzelung? Oder ging es nicht vielmehr um die Frage, ob der Vater einer der Straftäter war?
Berechtigte Frage, ob Roberts Reaktion logisch ist, hatte ich natürlich nachgedacht.

Es war ja lange Zeit so, dass mit dem Begriff Akteneinsicht zunächst die Frage gekoppelt war, stand man als Person im Fokus bzw. gab es in meinem nahen Umfeld Personen, die Informationen weitergaben.
Robert spricht aus, was ihn im Verbund mit Staatssicherheit den Leuten zuerst in den Sinn kam.

Außerdem kann man in der wörtlichen Rede schön zeigen, wie schnell und gerne man im RL aneinander vorbeiredet.

Schließlich und endlich geht es der Familie im Dialog sowohl um die Frage, ob und wie ist der Vater bei dem Einbruch involviert als auch darum, stand er schon vor dem Einbruch unter Beobachtung bzw. wurde die Familie im Zuge der Ermittlungen observiert.

Und Menschen, die Akteneinsicht erhalten, finden ja nicht unbedingt das, wonach sie suchen.

peregrina schrieb:

Dann blätterte er weiter Scheine auf die Wachstuchdecke, einige Hunderter, stopfte den Packen in seine Zweitbrieftasche, die für die Kundengelder. Die Leute aus der Umgebung rannten uns die Bude ein. Er gefiel sich in der Rolle. Herbert Knaup, der Retter all der Vergessenen im Süden der Republik. Ein Robin Hood der real existierenden Mangelwirtschaft, der beschaffte, transportierte und gerecht umverteilte.
Diese Szene verstehe ich nicht. Weswegen wurde den Leuten die Bude eingerannt? Ganz am Ende der Geschichte gibt es diesen Hinweis darauf, dass er Westwaren gelagert hatte. Aber meinst du genau das damit? Und wie kam er denn da dran? DAS ging doch eigentlich damals nicht legal oder? Ich finde, an diesem spannenden Punkt erfahre ich zuviel, was noch mehr Fragen auslöst, die aber nicht beantwortet werden.
Ups! Das wird nicht deutlich? Muss ich noch mal nachlegen. Der Vater bringt Waren wie Waschmaschinen, Spiegelschränke aus der Hauptstadt mit. Die Umverteilung im Land, sagen wir mal, war etwas ungerecht. Die Hauptstadt war das Schaufenster, dort gab es eher Konsumgüter zu kaufen. Der Vater erwirbt die Waren also in Berlin legal, bringt sie in den Süden der Republik. Er kennt die richtigen Leute, wie Verkaufsstellenleiter oder hat in den Betrieben direkte Kontakte. Da fließen kleinere Trinkgelder. Das Geld, das der Vater einpackt ist von einem Menschen, der ein Elektrogerät mitgebracht haben möchte.

peregrina schrieb:

Der Schmerz verlor für kurze Zeit seine scharfen Kanten.
Guter Satz mit den scharfen Kanten. Sehr treffend, auch wenn ich das Medikament nicht kenne.
Keine Ahnung, ob das Medikament noch unter diesem Namen erhältlich ist. Ein leck-mich-am-Arsch-Mittel, Wirkstoff Diazepam.

peregrina schrieb:

mit seiner florierenden Ich-AG, am Rande der Legalität.
Hier wirst du schon konkreter. Aber hängt diese Ich-AG mit den Scheinen, die er zählt zusammen?
Ja, natürlich. Ich-AG ist ja aus der Rückschau eine ironische Bezeichnung für die Hilfsbereitschaft des Vaters.
Auf jeden Fall mach ich diese Unklarheit noch etwas deutlicher, :lol: Entschuldigung!, räum ich aus.
Ganz am Ende der Geschichte gibt es diesen Hinweis darauf, dass er Westwaren gelagert hatte. Aber meinst du genau das damit? Und wie kam er denn da dran? DAS ging doch eigentlich damals nicht legal oder? Ich finde, an diesem spannenden Punkt erfahre ich zuviel, was noch mehr Fragen auslöst, die aber nicht beantwortet werden.
Nein, das ist Diebesgut aus einem Intershop an der Autobahn. Ein anderer Geschäftszweig des Vaters, von dem offensichtlich nur Robert Genaueres weiß.
Möglicherweise erwarte ich zu viel Hintergrundwissen beim Leser. Andererseits will ich auch nicht den Vorwurf bekommen, dem Leser gar keinen Spielraum für seine Spekulationen zu lassen.

peregrina schrieb:

Zu meiner Jugendweihe standen dann Schnaps und Zigaretten in rauen Mengen auf den Tischen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.“
„Heiße Ware, ganz schön riskant“, sagt Sabrina.
Sabrina, wo war die zur Jugendweihe der Protagonistin? Ich war davon ausgegangen, dass sie alle noch im Familienverbund zusammen geblieben waren.
Noch zu klein, als dass sie sich an die Zeit erinnern könnte. Ein Nesthäkchen, das noch aufs Töpfchen macht, während die beiden Großen schon die Bäume anschreien.
:lol:


Liebe lakita, noch mal heißen Dank für deine Mühe und die wichtigen Hinweise. Ich mag deine klugen Kommentare und deine einfühlsame Art, mir deine Kritikpunkte näher zu bringen.

Ein entspanntes Wochenende mit viel Sonne und liebe Grüße in den Norden,

peregrina


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Hallo @wegen,

danke für deine Rückmeldung, lass uns endlich Nägel mit Köpfen machen!

Ich hätte VEB Kraftverkehr besser einordnen können. Den damaligen Volksmund mit dem heutigen Leserverständnis gleichzusetzten, könnte an dieser Stelle schwierig sein.
Auf deine Verantwortung setze ich VEB ein.
Ja, die Bedeutung für sie hatte ich verstanden. Das hast du gut rübergebracht. Nur diese nebulöse 8 Buchstaben-Erwähnung hat mich ins Grübeln gebracht.
Auch hier werde ich eine Ortschaft benennen, ich schau mir die A9 noch mal genauer an. Warum so tun, als wäre da ein Schatz vergraben?:D
Dann genügt vielleicht ein "erneut"?
Hach, das Leben kann so unkompliziert sein!

Warum massiert man sich denn sonst die Schläfen?
Gute Frage! Da fällt mir auf Anhieb keine Ausrede ein.

Herzliche Grüße und ein Wochenende wie aus dem Bilderbuch wünscht
peregrina

Hallo @linktofink, schön, dass es dich zu meiner Geschichte verschlagen hat. Für mich bist du der Mann, der immer den Finger in die Wunde legt, und das meine ich ganz und gar liebevoll.

Du wirst dich noch gedulden müssen, bis meine Antwort kommt.
Adios peregrina

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Liebe @peregrina

Vielen Dank fürs Reinschaun in die Geschichte, für deine Einschätzung und die netten Worte.

Gern geschehen.

Danke! Das Feedback ist mir wichtig. Jeder Autor will den Leser ködern und halten. Es wäre schade, wenn er nach den ersten drei Sätzen abspringen würde.

Sehr gerne. Da hast du auf jeden Fall Recht. Als Leser ist es auch immer schön, auf einen gelungenen Einstieg zu treffen, der einem sofort in die Geschichte zieht.

Beinahe befürchte ich, dass man tatsächlich schon von einem Stil sprechen kann. Ob man das mag oder nicht, wie ich erzähle, steht auf einem anderen Blatt. Ich stelle fest, dass ich zunehmend kribbeliger, unzufriedener werde. Ich erlebe zu viel Ordnung, Symmetrie in meinen Texten. Es kommt mir vor, als würde ich sprachlich auf der Stelle treten. Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal muss ich mehr wagen.

Das ist halt immer Geschmackssache. Es gibt so viele unterschiedliche Autoren und Leser.
Echt? Ach, das ist aber schade mit der Unzufriedenheit.
Was das Alleinstellungsmerkmal angeht - find ich echt schwierig. Ich bin ja begeisterte Krimi und Thriller Leserin und hab zig Bücher von den unterschiedlichsten Autoren gelesen. Alleinstellungsmerkmal? Auf Anhieb kann ich Dir nur 3 Autoren nennen, bei denen man sofort spürt, dass sie das Buch geschrieben haben. Wobei einer von den 3en auch Bücher geschrieben hat, die dann wieder total anders sind. Alle haben eins gemeinsam - einen tollen Schreibstil. Aber wirklich erraten, wer es geschrieben hat - das könnte ich definitiv nur bei ganz wenigen.
Aber klar, um seinen eigenen Stil zu verfeinern, muss man auf jeden Fall Risiken eingehen und experimentieren.

Prima, wenn das bei dir funktioniert hat, ist von Haus aus immer kritisch mit Rückblenden zu arbeiten, weil sie gerade in Kurzgeschichten, die ohnehin knappe Handlung zerstückeln. Der Leser muss sich ständig neu orientieren und die Zeitsprünge können auch zu Irritationen führen.
Was das Zeigen von Gefühlen anbelangt, bin ich momentan nicht sicher, ob ich das konsequent durchgehalten habe.

Bei mir auf jeden Fall.
Ja, da hast Du Recht, was Rückblenden angeht. Da muss man Hölle aufpassen. Du hast das super umgesetzt. Für mich hat es gepasst. Und auch die Gefühle sind bei mir angekommen.

Na, da bin ich wirklich froh. Hatte damit gerechnet, dass man vor dem ollen-Kamellen –Aufguss zurückschreckt. So nach dem Motto: Muss man denn dieses untergegangene Land immer wieder aus der Versenkung holen. Irgendwann muss es doch auch mal wieder gut sein, oder in der Art.

Lol :D Also dann dürfte man wohl über ganz viele Themen nix mehr schreiben.

Ja, die Bedeutung des Einstiegs unterschätzen wir beide nicht

Das stimmt :thumbsup:

Ja, ich habe die lange Fahrt gewählt, weil es wirklich glaubwürdig ist, dass sich die Erzählerin an die Geschehnisse erinnert. Der Zweck der Reise steht ja im unmittelbaren Bezug zum Gedankenfluss. Was halt wiederum unglaubwürdig ist, dass sie sich in kausalchronologischer Folge an die Ereignisse erinnert. Im richtigen Leben erinnert man sich ja bruchstückhaft, wirr und ungeordnet an Vergangenes. Um solche Flashbacks einzustreuen braucht‘s schon viel Erfahrung.

Ich finde die Wahl sehr gelungen, genauso wie die Umsetzung.

Vielleicht sollte ich mich mal an einen Krimi trauen.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen.
Und da ich großer Krimifan bin, wäre ich natürlich begeistert.

Danke! Ist mir nicht aufgefallen.

Sehr gerne. Kenn ich von mir auch. Bei den eigenen Texten ist man manchmal betriebsblind.

Ich hab noch keine Methode gefunden, wie ich mit so viel positiver Kritik umgehen soll. Das gesunde Misstrauen ist ständig am Wispern. Was es mir zuflüstert, verrate ich dir vielleicht ein anderes Mal

Das würde ich zu gerne erfahren :)
Freu Dich über das Lob. Es kommt ehrlich und von Herzen.

Herzlichen Dank für dein Interesse. Und ich freu mich wirklich, dass dir die Geschichte gefällt.

Gern geschehen.
Das ist schön.

Vielen Dank. Ich wünsche Dir auch ein wundervolles Wochenende.

Ganz liebe Grüße,
Silvita

 

MRG

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12.03.2020
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Guten Abend @peregrina,

bin beeindruckt von deiner Geschichte. Die gehört jedenfalls zu meinen Favoriten. Ich bin darin versunken, war von deiner sprachlichen Präzision begeistert und auch das offene Ende fand ich passend. Besonders gut fand ich die Atmosphäre, die du aus der Autofahrt und den Erinnerungen gebastelt hast. Ich hatte fast selbst das Gefühl, im Auto zu sitzen und die Gedanken bzw. Erinnerungen an mir vorbeifliegen zu sehen. Wahnsinn, wie gut auch deine Beschreibungen sind, das war ein Lesevergnügen. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Verbesserungsvorschläge, bis auf eine Minikleinigkeit. Das kam mir alles sehr vollendet und durchdacht vor.

Der Himmel färbt sich im Osten bereits rot, als Jan meine Reisetasche in den Peugeot hievt. Überquellende Autobahnen sind mir ein Graus, darum breche ich frühzeitig auf. Er zieht mich noch einmal fest an sich.
Dein erster Absatz erfüllt seine Funktion, es ist klar, dass sie losfahren wird und auch da Ziel ist klar:

Ich freue mich auf meine kleine Schwester, Sabrina.
Sie will zu ihrer Schwester und Spannung baust du für mich als Leser auch auf:

Und es sieht so aus, als hätten wir in all den Jahren nur in den Startlöchern auf die Chance gelauert, über die Sache mit Vater zu reden.
Denn darum geht es ja, hier steckt der Konflikt drin. Ja, der erste Absatz hat sehr gut für mich funktioniert.

„Was willst‘n finden, Schwesterchen, wenn der Fall nie aufgeklärt wurde.“
Ich finde es gelungen, wie du immer mal wieder etwas in den Dialogen fallen lässt. In diesem Fall hat das für mich betont, dass da noch etwas nicht geklärt ist, das hat auch mich mysteriös gewirkt und zu meinem Spannungserleben beigetragen.

Nicht zu fassen, wie dilettantisch sich die Gangster angestellt haben. Einer läuft ohne Sturmhaube direkt in eine Überwachungskamera. Ein Augenzeuge im Rollstuhl notiert sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs.
Ich mag dieses Fließende ihrer Gedanken, habe ich gerne gelesen und ganz wie nebenbei hast du auch den Rollstuhl eingebaut.

Die Leute aus der Umgebung rannten uns die Bude ein. Er gefiel sich in der Rolle. Herbert Knaup, der Retter all der Vergessenen im Süden der Republik. Ein Robin Hood in der real existierenden Mangelwirtschaft, der in der Hauptstadt Konsumgüter beschaffte und mit dem betriebseigenen LKW beförderte.
Die Charakterisierung des Vaters ist dir gelungen, ich finde das sehr stimmig und besonders gut fand ich auch später die Beschreibung, dass er wie ein abgehalfterter Buchhalter aussah.

„Weiß man denn schon was Genaues?“, fragte ich und dachte sofort, dass ich keinen Deut besser war als all die übrigen Neugierdsnasen.
Deine Protagonistin hat etwas Hartes an sich, sie geht hart mit sich und der Welt ins Gericht. So habe ich das verstanden.

Die Kripo dreht jeden Stein um, das sag ich euch … bis sie was finden.“
Du hast hier schon dir Kripo platziert, um sie dann später wieder aufgreifen zu können.

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer, ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht.
Eine sehr starke Stelle, finde das Wort "Lapislazuli" auch bemerkenswert natürlich eingebaut. Denke das liegt daran, dass der Fokus nicht auf dem Stein an sich liegt, sondern eben auf dem Schutzpatron der Autofahrer.

Nach’m Westen abhaun, zuzutrauen wär‘s ihm ja.“
Das steht im Raum, das ist die Anklage gegen den Vater, wenn ich das richtig herauslese.

Es lief eine Fahndung nach unserem Vater. Gefahr der Republikflucht. Natürlich vermutete nicht nur die Kripo, sein Verschwinden könnte etwas mit dem Einbruch zu tun haben.
Hier greifst du dann wieder die aktive Kripo auf, ja ich kann das als Leser total gut nehmen und ich finde das plausibel. Generell hatte ich das Gefühl, dass du dir sehr sicher bist, was das Erzählen deiner Geschichte angeht.

Die Abfahrt Coswig kommt näher. Sechs Buchstaben auf der Ankündigungstafel, die für einen atemlosen Moment sorgen. Wie jedes Mal, wenn ich diese Stelle passiere. Nie bin ich vorbereitet. Nie werde ich vorbereitet sein.
Unglaublich, würde auch gerne so schreiben können. Ich habe das richtig genossen, hatte auch einen atemlosen Moment wegen deiner Verwendung der Sprache.

Es nieselt. Novemberkälte. Stille im Wald. Nur ab und zu knackt ein Ast unter Vaters Sohlen, als er sich durch das Dickicht schiebt. Er kennt sich in der Gegend nicht aus. Er hat sich überhaupt nicht mehr ausgekannt. Und wir auch nicht.
Gänsehautstelle.

Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Verstand.
Ich mag diese Stelle hier richtig gerne! Die spitzen Buchstaben, die zuschnappen. Ja, großartig.

Nach der Obduktion hatte die Staatsanwaltschaft den Leichnam endlich frei gegeben, allerdings nur zur Erdbestattung. Angeblich konnte keine Fremdeinwirkung festgestellt werden.
Die Betonung liegt auf angeblich, sie wollen es nicht wahrhaben, es nicht akzeptieren. Das macht auch die Spannung in deinem Text aus und dass du es am Ende nicht einfach auflöst finde ich stark. Habe von Malcolm Gladwell gehört, dass die Geschichten, die uns am meisten beschäftigen, zumeist nicht aufgelöst werden. Ich finde, dass deine Geschichte in diese Kategorie gehört, ohne dass ich mich als Leser betrogen gefühlt habe.

Eingepfercht in den engen Talkessel wirkt die Stadt, als wolle sie ausbrechen aus dem engen Korsett. Heute sind es Discounter, die eine Nummer zu groß wirken, damals sozialistische Vorzeigebauten, eifrig aus dem Boden gestampft. Selbstüberschätzung im Großen wie im Kleinen.
Du kannst so schön schreiben, ist mein erster Text von dir und ich bin hin und weg. Ja, was soll ich sagen. Gut, dass ich erst alle Geschichten lese, bevor ich abstimme. :)

Es hat zu schneien begonnen, keine Seltenheit für Anfang März in dieser Höhe. Pulverschnee legt sich auf die Frontscheibe, sodass die Umrisse des nüchternen, einfallslosen Sechzigerjahrebaus verwischen. Das perfekte Gebäude für die Aufbewahrung von brisantem Material. Zweckdienlich, klinisch kalt.
Das meinte ich oben mit den Beschreibungen. Du hast da bei mir einen Nerv getroffen, ich lese das einfach gerne, fühle mich richtig gut abgeholt und habe fasziniert in meinen Laptop geschaut bei deiner Geschichte.

„Die kommen aus Suhl“, erzählt Mutti ruhig weiter, als wäre das ein Grund, der die Observation rechtfertigen würde.
Ich hatte den Tonfall im Ohr, interessant.

Sie hakt sich bei mir unter und sagt unvermittelt: „Erzähl mir was von Papa!“
Mit der Frage habe ich nicht gerechnet
Hier wie oben angekündigt die Kleinigkeit: Wenn ich es richtig sehe ist es eine Aufforderung und keine Frage, oder? Da bin ich ganz kurz gestolpert.

Vielleicht bekommen wir eine Ahnung, wer der Mann war, den wir Vater nennen.
Solche Sätze sind doch der Hammer.

Ja, mein Kommentar ist nicht optimal, was Verbesserungsvorschläge angeht. Liegt einfach daran, dass ich es für eine fein ausgearbeitete Geschichte auf einem hohen sprachlichen Niveau halte. Mich hast du abgeholt. Vielen Dank für das Lesevergnügen, ich muss mir unbedingt deine restlichen Geschichte anschauen.


Beste Grüße
MRG

 
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Monster-WG
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Hi @peregrina

Die einzige Geschichte der Challenge, die ich noch nicht gelesen hatte. Hat sich gelohnt zu warten bis zum Schluss. Da schwingt eine Menge mit, die Verwundungen einer ganzen Generation. Ein wirklich relevanter Text, dankeschön, der zudem sprachlich und dramaturgisch ausgezeichnet umgesetzt wurde.

Zwei Punkte möchte ich dir mitgeben.
Der Text baut eine Menge Spannung auf. Ich Leser möchte gerne wenigstens ein Teil der Wahrheit über den Vater kennenlernen, ach was, möglichst alles, besonders das, was sich aus den Stasiakten ergibt, aber nichts kommt, die Geschichte endet im Vagen, was ich enttäuschend finde, auch etwas mutlos.

Dann das mit den Zeiten, dieser Wechsel aus Präsens und Präteritum. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um damit zurechtzukommen, zumal du auch noch historisches Präsens benutzt. Über eine längere Strecke sind die von dir gewählten Lösungen gut, aber im Rahmen einer Kurzgeschichte könnte man zumindest darüber nachdenken, ob es Alternativen gibt.

Paar Stellen:

„Nicht dein Ernst? Horch und Guck?“, fragte Robert dann.
„Warum nicht?“, sagte sie ruhig. „Ich denke, wir brauchen Klarheit.“
Horch und guck, ist das ein spezieller Ausdruck?
Einer läuft ohne Sturmhaube direkt in eine Überwachungskamera. Ein Augenzeuge im Rollstuhl notiert sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs.
na ja, das hätte auch einer fotografieren können, der nicht im Rollstuhl sitzt
Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer, ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.
auch der Lapislazuli ist eher ein Zufallsprodukt
In dem alten Steinkrug hatte sie ein Pilsner mit Zucker und Ei verquirlt und goss die bauchigen Senfgläser voll. Zum Glück schmeckte die trübe Brühe besser, als sie aussah.
wow, muss ich probieren, für solche Rezepte bin ich immer empfänglich
Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem es keine Rolle spielte, welche Nachricht überbracht wurde, Hauptsache, es wurde überhaupt eine überbracht. Und ich schämte mich dafür.
schöne Beobachtung
ch bin unschuldig … habe mit dem Einbruch nichts zu tun. Haltet zusammen … Verzeiht mir … will keine Verhöre auf mein Gewissen laden. Das sollte also die Erklärung dafür sein, dass er Mutti mit einem Berg Schulden und dem Nesthäkchen Sabrina sitzen ließ. Die geneigten Buchstaben wurden spitz und scharf wie Reißzähne, schnappten zu, bissen sich fest in meinem Verstand.
feiner Vergleich
„Aber, wenn er unschuldig ist, wieso fürchtet er die Verhöre?“, fragte ich.
„Wer ist schon unschuldig?“, murmelte Mutti.
bisschen erwartbar, diese Antwort
Als ich die Scheibe herunterlasse, riecht der Fahrtwind nach Schnee und Heimat.
Das Schöne an Tunneln ist, dass sie irgendwann zu Ende sind.
während das frisch klingt
Das Trauma meiner Jugend hat mich gerade eingeholt. Ich stehe inmitten des Chaos und schmecke den Mörtelstaub auf der Zunge. Vater hat große Pläne mit dem Elternhaus von Mutti. Anbauen. Modernisieren. Wir hausen zu fünft in einer provisorischen Küche und zugigen Schlafzimmern.
hier das mit dem historischen Präsens im Rahmen einer Erinnerung, okay, kann man machen
Ich spaziere zwischen meinen Eltern, sie halten meine Hände. „Flieg, Engelchen flieg“, ruft Papa vergnügt. Ich jauchze, mir wachsen Flügel und schon schwebe ich durch die Luft.
Engelchen Flieg, wer mochte das nicht, eine schöne Erinnerung!

Liebe Grüße
Isegrims

 
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Lieber @linktofink,

schön, dass du meine Geschichte kommentiert hast. Herzlichen Dank dafür. Ich finde deine Gedanken immer sehr spannend.
Sorry, dass ich so spät mit der Antwort dran bin.

schön, Dich hiererorts zu treffen, die Challenges sind Dein Ding, scheint es. ;)
Nicht wirklich! Der Aufruf zur Challenge ist wie ein letzter Tritt, um in die Gänge zu kommen, etwas zu fabrizieren. Und damit auch wieder mal andere Texte zu besprechen.
Du hast eine Geschichte über das Leben in der DDR im Gepäck, derzeit ein überhaupt nicht angesagtes Thema, fast ein vergessenes.
Erlebe ich anders, zumindest filmisch umgesetzt. Sicherlich auch, weil mein Fokus ein anderer ist.
Gerade deshalb schön, hier darüber zu lesen, da spricht viel Erfahrung aus den Zeilen, erlebte Wirklichkeit. Ein Rendezvous mit der (Deiner?) Vergangenheit.
Ein Rendezvous mit Joe Black!

Insgesamt habe ich mich gewundert, wie viele dumme kleine leichtsinnige Fehler ich übersehen habe. Danke fürs Auslesen. Verirrte Kommas sind auch eingefangen, Dativ- und Akkusativ-Gemetzel beendet. In diesen Fällen muss man nachsichtig mit mir umgehen. Wo ich herkomme, schert man sich nicht um so Nebensächlichkeiten wie Grammatik, da spricht man, wie der Schnabel gewachsen ist.

Die Vorschläge zur kursiven Schreibweise hab ich übernommen. Danke! Hätte ich auch selber drauf kommen können. :)

peregrina schrieb:

Am Wochenende hatten bewaffnete und maskierte Männer eine Viertelmillion Euro erbeutet.
Zeitentwirx. Da es in den Nachrichten läuft, ist es noch aktuell, also haben? Im nächsten Satz schreibst Du auch haben. Und hier:
Haben ist besser, stimmt!

peregrina schrieb:

Einer läuft ohne Sturmhaube direkt in eine Überwachungskamera. Ein Augenzeuge im Rollstuhl notiert sich das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs.
Jetzt im Präsens? lief und notierte bitte!
Möchte ich nicht.
Ich möchte die Stelle nicht so geleckt. Es kommt doch vor, dass wir Vergangenes im Denken und Sprechen so behandeln, als liefe es im Augenblick ab.
Wow, der traut sich was, stellt eine total abgefahrene Geschichte ein! Sagt man doch, auch wenn das Einstellen schon vor längerer Zeit geschah.

Nebenbei cool zwei Begriffe abgehakt. :D
Na, ob das cool ist? Ich hatte überlegt, ob ich alle Begriffe in einen Satz packen soll. :Pfeif:

peregrina schrieb:

Da hatten die Täter, die '79 in den Kraftverkehr einbrachen, schon mehr Glück.
Was führ Insider?
Ich hab das @wegen schon erklärt. Ist ein Transportunternehmen, das offiziell VEB Kraftverkehr Suhl heißt. (Siehste Präsens, obwohl das Unternehmen nicht mehr existiert) Im Volksmund Kraftverkehr genannt, wäre also im Fließtext recht authentisch gewesen. wegen meinte, VEB müsse ergänzt werden, weil ich das Grundwissen nicht bei allen Lesern voraussetzen kann. Hatte ich zwischenzeitlich getan, ich war nicht zufrieden. Jetzt hab ich Spedition eingesetzt.

peregrina schrieb:

Die Beute: Lohngelder und Valutamittel.
Valutamittel finde ich auch ungewöhnlich.
Hab schon überlegt, ob der Begriff Devisen eingängiger wäre. Wenn alle Stricke reißen, schreib ich Westgeld, das ist lustig, aber verstehen nur die, die aus dem Osten stammen. :D

peregrina schrieb:

Volkseigentum im schweren Falle
in schwerem Fall?
Da würde ich mich ja streiten wollen! Ich denke schon, dass es so stimmt.
Verbrecherischer Diebstahl von Volkseigentum ist es nun geworden, fast Fachjargon.

peregrina schrieb:

Zum ersten Mal bedauerte ich, dass anstelle der Mauerdurchbrüche echte Türen vorhanden waren. Nun zog es zwar nicht mehr im Anbau, doch von den interessanten Unterhaltungen wurde ich ausgesperrt.
Verstehe das so, dass es eine Zeitlang keine Türen gab, Hinweis auf Mangelwirtschaft(Galt das auch für Türen) oder lese ich da zu viel rein?
Das hast du richtig verstanden, das galt gerade für Türen. Die Häuslebauer ließen sich auf ein Abenteuer ein. Baumärkte existierten nicht, so dass man fix mal fünf Türen für den Neubau besorgen konnte. Private Schreiner waren eine Lösung, aber die hatten wie Frau Katze zu tun. Geduld!

peregrina schrieb:

all die übrigen Neugierdsnasen.
bin ich drüber gestolpert. Schnüffelnasen vielleicht?
Würde den Begriff gerne vorerst behalten.

peregrina schrieb:

„Lass dir was einfallen!“, war alles, was er brummte.
Die Frage ist ihm ja lästig, warum sagt er nicht knapp: "Egal."
Weil er möchte, dass sie selber Entscheidungen trifft und nicht wegen so ’nem Pipifax um Rat fragt. Muss sie ja in der Zukunft auch ohne ihn können.

peregrina schrieb:

Mein Christophorus, der Schutzpatron der Autofahrer ist ein blauer Affe aus Lapislazuli. Er schaukelt am Innenspiegel. Es ist der, der sich die Augen zuhält. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich beobachtet und sich über mich lustig macht. Ich gebe ihm einen Schubs und er taumelt betrunken um die eigene Achse.
Der Einschub ist mir zu kurz, die Prota taucht einmal kurz an die Präsens-Oberfläche und sofort wieder ab in die Vergangenheit. Es wirkt so, als bräuchtest Du das nur, um den Affen aus Lapislazuli unterzubringen. Lass auch der Gegenwart ein wenig Luft, sonst wirkt das so, als wäre die Rahmenhandlung im Präsens für deinen Text zweitrangig.
Ist öfter mal so kurz das Verweilen im Jetzt. Aber damit das mit dem Lapis nicht so ins Auge sticht, lass ich mir vllt. noch was einfallen.

Peregrina schrieb:

Ich wollte schreien, und war es nur, um überhaupt einen menschlichen Laut zu hören.
sei es nur.
Da liegen wir beide falsch.
Präteritum: wäre es nur

peregrina schrieb:

„Nach’m Westen abhaun, zuzutrauen wär‘s ihm ja“.
Punkt nach vorne holen. abzuhaun?
In der wörtlichen Rede ist das Kauderwelsch vertretbar, denke ich.

peregrina schrieb:

Seit Tagen lebten wir in einer Blase, in der die einzige Gewissheit die Ungewissheit war.
Geht das? Kann eine Ungewissheit Gewissheit geben?
Vllt. wir wussten nur, dass wie nichts wussten. Funktioniert für mich eher. Oder den Halbsatz ganz streichen, den braucht es gar nicht.
Aber ich sage doch nicht, dass die Ungewissheit Gewissheit gibt. Ich sage, dass die Ungewissheit gewiss ist. Mal schauen, was damit wird.

peregrina schrieb:

dass er Mutti mit einem Berg Schulden und dem Nesthäkchen Sabrina sitzen ließ
Ich denke, er hat durch seine Geschäfte gut verdient?
Trinkgelder und soziale Anerkennung. Das war nicht genug, um Kredite abzutragen.

peregrina schrieb:

Hier schrieb doch ein erbärmlicher Feigling mit Muffensausen.
Ups, schon eine deutliche Ansage. Das ist ja aus der Gegenwart erzählt, sind die Gefühle noch so präsent?
peregrina schrieb:
Sabrina und ich flankierten Mutti auf dem Weg zur Leichenhalle, in der der Verräter aufgebahrt lag.
Auch hier eine deutliche Wertung, und das mit über dreißig Jahren Abstand.
Wenn ich davon ausgehe, dass die Rückblende alles, was damals war, wiedergibt, also Erinnerung an Einzelheiten, Dialoge, dann auch die Emotionen.
Es ist der Zorn von einst, der in diesen Szenen erkennbar sein soll.

peregrina schrieb:

und sie wirkt, als würde sie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben.
Gesicht? Sprache? Wie äußert sich das?
Weiß schon: Show! Da müsste ich ja den Mühlstein entfernen, den mag ich aber gerne.

peregrina schrieb:

Er hat mir den vollen Suppenteller aufgesetzt
? Über den Kopf geschüttet?
Wäre nicht exakt das, was ich sagen will. Der Suppenteller liegt wie ein Sturzhelm auf dem Kopf.

peregrina schrieb:

aber nicht von den Tausend Tele Tipps
Insider. Tausend-Tele-Tipps?
Na ja, das war die Werbesendung des DDR-Fernsehens. Ich hab‘s aber jetzt ans Original angepasst: Tausend Tele-Tips, da wurde Tip noch so geschrieben.

Ich bin dem gerne gefolgt, weil es interessant war, dem zu folgen, finde aber schade, dass Du quasi ausblendest, als die Gegenwart eine Rolle spielen könnte, denn das tut sie leider nicht. Sie ist nur Umrahmung für die Schilderung von Vergangenem. Der Text schaut fast nur nach hinten, ist da eine wenig aus dem Gleichgewicht, denn die Gegenwart zeigt die Prota fast nur im Auto, ohne dass etwas Entscheidendes geschieht. Überspitzt gesagt: Autobahntunnel, bisschen Radio, paar Schneeflocken, paar Erinnerungen am Wegesrand.
Ja und nein.
Einerseits ist die Reise in der Gegenwart das Vehikel, das die Geschehnisse von damals zum Leser transportieren soll.

Andererseits ist dieser Weg aber dennoch nicht ohne Bedeutung für die Erzählerin. Ich hatte gehofft, dass der Leser erkennt und akzeptiert, dass in ihr ein Prozess angestoßen ist, der zumindest dazu führt, dass sie ihre Haltung zum Suizid des Vaters überdenkt.

Du führst uns die lange Autobahnstrecke nach Thüringen, wir sind mit dem Kopf im Setting, fiebern mit, was nun geschieht und dann war´s das. Da fühle ich mich als Leser ein wenig um die Auflösung betrogen. Klar, das Ende einer KG sollte offen sein, auch deutungsoffen, mir ist das zu offen, das geht in Richtung Raten.
Ja, das Ende ist offen. Und das mag fies, beinahe boshaft sein. Ich verstehe deine Enttäuschung total. Aber ich traute mich, das Risiko einzugehen, denn ich bin immer noch überzeugt, ein anderes Ende passt nicht. Und ich wollte mich auch nicht verbiegen, um die Erwartungen der Leser zu erfüllen.
Mit ein bisschen Glück könnten die Schwestern nähere Hinweise finden. Aber es gibt dafür keine Garantie. So ‘ne zusammengestellte Akte ist ja keine Kristallkugel. Es muss für die Prota eine Reise zu sich selbst sein.
Stell dir vor, die beiden Schwestern vertiefen sich in die Akten, blättern, studieren stundenlang Protokolle, handschriftliche Notizen. Der Großteil des Materials ist aufgrund schlechter Qualität nicht lesbar. Passagen, die die Persönlichkeitsrechte anderer Personen verletzen, sind geschwärzt. Dann musst du lesen, dass die beiden die Außenstelle der Behörde enttäuscht verlassen. Realistisch zwar, aber so ein hoffnungsloses Ende muss nicht sein.
Was mir fehlt, ist ein Fakt, der ihre Reise rechtfertigt, denn am Ende bin ich so schlau wie zuvor, mit dem Unterschied, dass ich das Familienleben von damals kennengelernt habe.
Die Familie war auseinandergefallen, anstatt näher zu rücken. Es herrschte Sprachlosigkeit, auch über die Sache mit Vater. Aber es liegt doch in unserer menschlichen Natur, nach Erkenntnissen, Aufklärung, Gewissheit zu streben. Und so greifen die Mädels, nachdem die Eiszeit vorüber war, zum letzten Strohhalm Akteneinsicht, um eventuell noch etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
Es wäre ja auch denkbar, den Plot ganz in der Vergangenheit spielen zu lassen, fände ich bei genauerer Überlegung fast besser, weil ich dann näher an den Figuren wäre, dann wäre es kein Rückblick, sondern hautnahe Schilderung des Erlebten, die Handlung ließe sich zuspitzen, weil die Prota als Ich-Erzählerin nicht mehr weiß als der Leser.
Aber dann wäre das Ergebnis dasselbe, die Auflösung, was wirklich geschah, bliebe im Dunkeln, denn die Familie bekommt doch keinen Stand der Ermittlungsarbeit mitgeteilt.
Da müsste ich einen Erzähler installieren, der bei der Kripo ermittelt. Wäre ja dann ganz weit weg von meinem ursprünglichen Entwurf.
Also, schöner Text mit guten Einblicken in das Leben in der DDR, bin dem gerne gefolgt, in der Anlage des Plots oder am Ende für mich persönlich unvollständig.
Der Plot der KG lehnt sich an den Suche-Plot an, natürlich nicht hundert Prozent, denn meine Prota muss bis Suhl keine Hindernisse überwinden. Aber bei einer Suche ist es nun mal nicht selbstverständlich, dass die HF das Objekt der Begierde findet, in dem Falle konkrete Hinweise. Die Suche kann auch ergebnislos enden bzw. die HF findet etwas Unerwartetes. Hier lernt die HF etwas über sich: Sie erkennt, dass sie ihre Verbitterung ablegen muss. Ich dachte, ich hätte diese Botschaft ganz dezent, so mehr hinter den Zeilen, einflechten können. :Pfeif:

Weißt du, da hab ich mich etwas der Illusion hingegeben, dass man bestimmte Vorgaben auch mal unterwandern darf, dass man „Gesetze“ auch mal biegen und beugen kann.

Mal sehen, vllt. beim nächsten Mal, da könnte ich versuchen, auch noch das Ende zur vollsten Zufriedenheit der Leser zu gestalten. :lol:

Danke, dass du mir deine klugen Gedanken hier gelassen hast, lieber @linktofink.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir uns zeitnah wieder begegnen.

Alles Gute für dich und herzliche Grüße

peregrina

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Liebe @Silvita,

du verwöhnst mich ja mit deinen Besuchen. Danke für die Rückmeldung.

peregrina schrieb:

Ich stelle fest, dass ich zunehmend kribbeliger, unzufriedener werde. Ich erlebe zu viel Ordnung, Symmetrie in meinen Texten. Es kommt mir vor, als würde ich sprachlich auf der Stelle treten. Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal muss ich mehr wagen.
Das ist halt immer Geschmackssache. Es gibt so viele unterschiedliche Autoren und Leser.
Echt? Ach, das ist aber schade mit der Unzufriedenheit.
Sie ist ja auch meine Triebfeder. Würde ich mich in satter Zufriedenheit zurücklehnen, passiert ja nix mehr schreibtechnisch gesehen. Stillstand im Schaukelstuhl?

Ich bin ja begeisterte Krimi und Thriller Leserin und hab zig Bücher von den unterschiedlichsten Autoren gelesen. Alleinstellungsmerkmal?
Ich lese auch viel in diesem Genre. :thumbsup:
Aber klar, um seinen eigenen Stil zu verfeinern, muss man auf jeden Fall Risiken eingehen und experimentieren.
Du sagst es!

peregrina schrieb:

Na, da bin ich wirklich froh. Hatte damit gerechnet, dass man vor dem ollen-Kamellen –Aufguss zurückschreckt. So nach dem Motto: Muss man denn dieses untergegangene Land immer wieder aus der Versenkung holen. Irgendwann muss es doch auch mal wieder gut sein, oder in der Art.
Lol :D Also dann dürfte man wohl über ganz viele Themen nix mehr schreiben.
Richtig! Alle Felder sind schon auf die eine oder andere Weise abgeerntet. Aber es ist ja auch gut so, dass es eben diese immergrünen Themen gibt, die unser Interesse anziehen wie beispielsweise Liebe und Leidenschaft, Gewalt und Tod, Lüge und Betrug.

peregrina schrieb:

Vielleicht sollte ich mich mal an einen Krimi trauen.
Das kann ich mir sehr gut vorstellen.
Und da ich großer Krimifan bin, wäre ich natürlich begeistert.
Schwierig, schwierig! Ich hab's mal probiert, aber der KG fehlte total Spannung. Da braucht man Raffinesse und Fantasie, um den Plot zu entwerfen, womöglich spezielle Kenntnisse der Kriminalistik.
Freu Dich über das Lob. Es kommt ehrlich und von Herzen.
Danke! Ich fang gleich an, mit den Freuen, meine ich, nicht mit dem Krimi.

Alle guten Wünsche und herzliche Grüße

peregrina


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Lieber @MRG, lieber @Isegrims,

danke für euer Interesse und die tollen Impulse. Bitte Geduld bis morgen.

 
Monster-WG
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Hi @peregrina, ich nochmal.

Es wäre ja auch denkbar, den Plot ganz in der Vergangenheit spielen zu lassen, fände ich bei genauerer Überlegung fast besser, weil ich dann näher an den Figuren wäre, dann wäre es kein Rückblick, sondern hautnahe Schilderung des Erlebten, die Handlung ließe sich zuspitzen, weil die Prota als Ich-Erzählerin nicht mehr weiß als der Leser.
Aber dann wäre das Ergebnis dasselbe, die Auflösung, was wirklich geschah, bliebe im Dunkeln, denn die Familie bekommt doch keinen Stand der Ermittlungsarbeit mitgeteilt.
Da müsste ich einen Erzähler installieren, der bei der Kripo ermittelt. Wäre ja dann ganz weit weg von meinem ursprünglichen Entwurf.
Was ich meinte, war das Ganze komplett ohne Rahmenhandlung spielen zu lassen, also auch ohne Kripo-Ermittler. Aber ich sehe ein, das wäre eine ganze andere Geschichte, kein Suche-Plot sondern das Erleben einer Ausnahmesituation und die Auswirkungen des unerklärlichen Verschwindens des Vaters auf die Familie. Ich würde ihn auch verschwunden sein lassen, gar nicht aufklären, dass er sich erhängt hat.
Das Auseinanderfallen der Familie durch zermürbende Spekulationen, Anfeindungen der Nachbarn, Observation durch die Stasi, usw. könntest Du dann mMn viel unmittelbarer zeigen (und wirklich zeigen) als retrospektiv und mit großem Abstand erinnert, weißt?

Also, schöner Text mit guten Einblicken in das Leben in der DDR, bin dem gerne gefolgt, in der Anlage des Plots oder am Ende für mich persönlich unvollständig.
Der Plot der KG lehnt sich an den Suche-Plot an, natürlich nicht hundert Prozent, denn meine Prota muss bis Suhl keine Hindernisse überwinden. Aber bei einer Suche ist es nun mal nicht selbstverständlich, dass die HF das Objekt der Begierde findet, in dem Falle konkrete Hinweise. Die Suche kann auch ergebnislos enden bzw. die HF findet etwas Unerwartetes. Hier lernt die HF etwas über sich: Sie erkennt, dass sie ihre Verbitterung ablegen muss. Ich dachte, ich hätte diese Botschaft ganz dezent, so mehr hinter den Zeilen, einflechten können. :Pfeif:
Klar, nach dem "So, und jetzt was Schönes!" kommen auch einige nette Erinnerungen. Dass dadurch eine Versöhnung eingeleitet wird, ein Erkenntnisgewinn folgt, hab ich leider nicht rausgelesen, mir persönlich war das zu dezent. Da wäre für mich ein anderes Instrument sehr viel dienlicher, wie z.B. wenn die Mutter ihr einen neuen Fakt auftischt, etwas enorm Positives über den Vater, was die Prota noch nicht wusste, eine Art Geheimnis. Und dieses Geheimnis hat die Mutter ihr damals nicht offenbart, weil es sie selbst in ein schlechtes Licht rückt. Aber jetzt nach dreißig Jahren, wo sie sieht, dass die Familie wegen der Vergangenheit auseinanderdriftet, legt sie die Karten auf den Tisch, um den Riss zu heilen.
Nur mal so, um dich weiter zu quälen. :D Peace, l2f

 
Monster-WG
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Guten Morgen @peregrina

du verwöhnst mich ja mit deinen Besuchen. Danke für die Rückmeldung.

Gern geschehen.
Macht mir Spaß, bei Dir reinzuschauen :)

Sie ist ja auch meine Triebfeder. Würde ich mich in satter Zufriedenheit zurücklehnen, passiert ja nix mehr schreibtechnisch gesehen. Stillstand im Schaukelstuhl?

Ja, das stimmt.
Wobei ich denke, man entwickelt sich automatisch weiter. Manchmal ganz unbewusst. Wenn ich mir heute Texte anschaue, die ich vor zwei Jahren geschrieben hab, muss ich echt schmunzeln :D

Ich bin ja begeisterte Krimi und Thriller Leserin und hab zig Bücher von den unterschiedlichsten Autoren gelesen. Alleinstellungsmerkmal?
Ich lese auch viel in diesem Genre.

Das finde ich toll :thumbsup:

Richtig! Alle Felder sind schon auf die eine oder andere Weise abgeerntet. Aber es ist ja auch gut so, dass es eben diese immergrünen Themen gibt, die unser Interesse anziehen wie beispielsweise Liebe und Leidenschaft, Gewalt und Tod, Lüge und Betrug.

Da bin ich ganz Deiner Meinung

Schwierig, schwierig! Ich hab's mal probiert, aber der KG fehlte total Spannung. Da braucht man Raffinesse und Fantasie, um den Plot zu entwerfen, womöglich spezielle Kenntnisse der Kriminalistik.

Oja. Grad das Plotten ist echt schwer. Ich versuche seit Jahren nen Krimi / Thriller (als Roman, nicht KG) zu schreiben, und scheitere immer am PLOT.

Danke! Ich fang gleich an, mit den Freuen, meine ich, nicht mit dem Krimi.

Gern geschehen.
Kicher :) Schön, dass es mit dem Freuen klappt. Wer weiß ... Vielleicht irgendwann auch mit dem Krimi :rotfl:

Ganz liebe Grüße und einen tollen Tag,
Silvita

 

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