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Die Totenglocke

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05.07.2020
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Die Totenglocke

1​
Der Totengräber Erwin Huber saß in seiner kleinen Küche und dachte darüber nach, dass er ohne falsche Bescheidenheit ein vom Schicksal geplagter Mann war. Regen prasselte gegen das Fenster, während er mit sehnigen Fingern und ernster Miene seine Pfeife stopfte. Von Zeit zu Zeit ließen markerschütternde Laute den Hund zusammenzucken, der ansonsten wie ein Teppich in der Ecke lag. Verursacher der unschönen Geräusche war Huber selbst, der darum bemüht war, grüne Schleimklumpen hervorzuwürgen und in einen Eimer zu spucken. Zu allem Überfluss beutelte ihn seit einigen Tagen ein hartnäckiger Schnupfen. Doch selbst ohne die unerfreulichen Begleiterscheinungen seiner Erkältung befand er sich derzeit in einem echten Stimmungstief.
Kürzlich war seine Frau Lisbeth verstorben, und obwohl sie sich weder besonders nahe gestanden noch im Verlauf ihrer turbulenten Ehe allzu viel zu sagen gehabt hätten, vermisste Huber sie irgendwie. Zugegeben, sie war wirklich nicht einfach gewesen, und ihre unnachgiebige Art, besonders in letzter Zeit, stand in einem kaum zu leugnenden Zusammenhang mit diversen Altersschüben seinerseits. Aber dennoch, es war einfach nicht mehr dasselbe. Vor drei Tagen hatte er sie höchstselbst in ihr schmales Grab befördert. Da sich ihr kleines Haus auf dem Friedhof befand, hatte er Lisbeth immerhin nicht allzu weit tragen müssen. Trotzdem war es ein durch und durch unschönes Gefühl gewesen, berufliches und privates derart zu vermengen. Davon abgesehen war ansonsten zum Glück aber alles recht routiniert abgelaufen. Bis auf den starken Regen vielleicht, der ihn völlig durchnässt und den Friedhof in eine Schlammgrube verwandelt hatte. Aber Huber verstand, dass man im Leben manchmal gewisse Abstriche machen musste. Strömender Regen auf der Beerdigung seiner Frau erschien ihm daher sogar einigermaßen angemessen.
Anschließend hatte er sich aufgemacht, um sich nach allen Regeln der Kunst zu besaufen. Denn das, so vermutete er, entsprach dem allgemein anerkannten Trauerstandard frisch verwitweter Ehemänner. Nachdem sein alter Körper schließlich tief in der Nacht irgendwann die Reißleine in Form einer gnädigen Ohnmacht gezogen hatte, erwachte er am nächsten Morgen auf dem Boden vor seinem Bett. Ihm war, als wäre etwas sehr Schweres über seinen Kopf gefahren, und zu allem Überfluss kündigte sich bereits besagter Schnupfen an.
Zwei Tage waren seither vergangen, und Huber saß mit unvermindert schlechter Laune in der Küche, rauchte Pfeife, spuckte Schleim und war dazu übergegangen, sich selbst leidzutun. Das erschien ihm in Anbetracht der Umstände angemessen. Am heutigen Abend störte allerdings etwas ganz empfindlich Hubers sonstige Routine des allgemeinen Trübsinns. Schlimmer noch, das unaufhörliche Klingeln einer kleinen Glocke jagte ihm Schauer über den Rücken.

Der Tod ist an und für sich nichts Erstrebenswertes, gehört aber in der Regel dazu. Wirklich unschön wird es allerdings, wenn man sich in einem Sarg wiederfindet, bevor man das Zeitliche gesegnet hat. Leider kommt genau das in seltenen Fällen vor. Insbesondere Menschen mit geradezu erstaunlich ausufernden Schlafgewohnheiten werden, wenn sie Pech haben, vorschnell für tot erklärt, im Schnellverfahren betrauert und anschließend fachgerecht verscharrt. Es braucht schon starke Nerven, sich vorzustellen, was es heißt, völlig unverhofft im eigenen Sarg aufzuwachen und festzustellen, dass da vermutlich irgendwas grundsätzlich schief gelaufen ist. Nach einigen äußerst unschönen Vorfällen, aufsehenerregenden Gerichtsprozessen und nachdem ein panischer Totengräber in bester Absicht die örtliche Kirche niedergebrannt hatte, kam man überein, ähnliche Vorfälle in Zukunft tunlichst vermeiden zu wollen.
Abhilfe versprach die sogenannte Totenglocke. Wobei der Begriff Totenglocke im Grunde genommen das Thema verfehlt. Denn eigentlich ging es ja gerade darum, dass zu Unrecht Bestattete die Möglichkeit bekamen, im Zweifelsfall nach irgendwem zu läuten, um mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass sie eben nicht tot waren. Es hätte also vermutlich Rettungsglocke oder präziser noch, Hinweisglocke einer zu Unrecht für tot erklärt und allzu vorschnell begrabenen Person heißen müssen. Aus Gründen der Einfachheit einigte man sich aber recht schnell auf den deutlich schmissigeren Begriff der Totenglocke.
An und für sich stellte sich diese Glocke als eine sinnvolle Ergänzung im Bestattungshandwerk heraus. Erwin Huber war in seiner jahrzehntelangen Karriere als Bestatter zudem bisher auch noch nie in die Verlegenheit geraten, auf ein verzweifeltes Läuten reagieren zu müssen. Heute Abend aber, seit etwa zwei Stunden, klingelte es beinahe ununterbrochen. Und da er nun mal der Einzige war, der auf diesem Friedhof die Berechtigung besaß, Menschen zu vergraben und ergo auch derjenige, der das letzte Grab ausgehoben hatte, brauchte es nicht allzu viel Denkleistung zu erahnen, wer da nach ihm klingelte.

Nachdem Huber seinen ersten Schrecken einigermaßen überwunden hatte, beschloss er, es dem Hund gleichzutun und die Ereignisse mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit zu strafen. Abwarten, rauchen und bloß nicht in Panik geraten, war die Devise. Mit zittrigen Händen machte er sich also daran, eine weitere Pfeife zu stopfen und bemühte sich ansonsten, das enervierende Läuten zu überhören. Nach einer weiteren geschlagenen Stunde musste er sich allerdings eingestehen, dass diese Taktik so nicht aufzugehen schien. Stattdessen klingelte es unvermindert weiter und Huber verlor zunehmend die Nerven. Sogar der Hund, der ansonsten durch eine bemerkenswerte Passivität im Alltag glänzte, hatte sich mittlerweile emporgehievt und demonstrativ aus der Küche zurückgezogen.
Huber zwang sich, die Situation, gedanklich zu erfassen. Da draußen läutete die Totenglocke an Lisbeths Grab. Insofern schwer nachvollziehbar, als dass seine Frau mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mausetot war. Sein musste! Das hatte er schließlich höchstselbst zu Genüge überprüft. Möglich war natürlich, dass der Wind die Glocke zum Klingeln brachte oder aber sich irgendein neugieriges Tier in der Schnur verfangen hatte. Andererseits war es draußen nicht windig und kein Tier das er sich vorstellen konnte, war dermaßen ungeschickt, stundenlang mit einer Kordel herumzuringen.
Es half nichts. Er würde nachschauen müssen. Huber spie einen großen Schleimklumpen aus und erhob sich ächzend von seinem Platz. Nachdem er die Stiefel angezogen und einen schweren Ölmantel übergeworfen hatte, pfiff er nach dem Hund. Er wartete vergeblich auf eine Reaktion, denn der hatte offensichtlich beschlossen, dass ihn das alles nichts anging. Leise über diese unverhohlene Art der Meuterei fluchend, und mit einem Spaten in der Hand, stapfte Huber schlecht gelaunt hinaus in den Regen.

Huber war kein abergläubischer Mensch. Das konnte er sich ja alleine schon aus beruflichen Gründen nicht erlauben. Aber, als er jetzt mit langsamen Schritten über den nassen Rasen stapfte, verspürte er starkes Unwohlsein. Der Versuch, die eigene Angst mit grimmiger Entschlossenheit zu übertünchen, scheiterte. Sein zögerlich gemurmeltes, „Das wollen wir doch mal sehen“, kam reichlich zittrig über die Lippen und Huber beschloss, besser zu schweigen. Schließlich stand er vor dem Grab seiner kürzlich verstorbenen Ehefrau. Abgesehen vom Prasseln der Regentropfen und seinem rasselnden Atem war alles ruhig.
Misstrauisch beobachtete er die Glocke, die provozierend unschuldig an einer Kordel hing. Hatte er sich die ganze Sache womöglich doch nur eingebildet? Hatten ihm seine angestrengten Nerven einen Streich gespielt? Zugegeben, in den letzten Tagen stand er gewissermaßen etwas neben sich. Oder doch der Wind? Just in dem Moment, in dem sich Hubers Verstand und eine vage Hoffnung auf einen vorsichtigen Kompromiss geeinigt hatten, erklang die Glocke von Neuem. Vor Schreck machte er einen beachtlichen Satz rückwärts, rutschte dabei im nassen Gras aus und setzte sich mit einem lauten Platschen auf den Friedhofsboden. Was vielleicht witzig ausgesehen hätte, wurde durch die Tatsache geschmälert, dass sich hier soeben wahrlich Unerhörtes zutrug. Denn das Klingeln konnte ja nur eines bedeuten. Dort unten war jemand lebendig und weigerte sich, dem Beispiel seiner klaglos ruhenden Nachbarn zu folgen und zu schweigen wie ein Grab.

An etwas wie eine unsterbliche Seele, ein Leben nach dem Tod oder ähnlichen Schnickschnack verschwendete Huber unter normalen Umständen keinen Gedanken. Zudem wusste er, dass die Verabreichung größerer Mengen Arsen in der Regel unweigerlich zum Tode führt. Umso empörter war er daher, sich nun im nassen Gras mit dem absurden Gedanken herumschlagen zu müssen, dass Lisbeth nach ihm klingelte und ergo nicht so tot war, wie es angemessen gewesen wäre. Huber versicherte sich erneut, dass er ganz ohne Zweifel ein Mann war, den das Schicksal unbarmherzig prüfte.

Die Glocke klingelte weiter. Huber hatte sich mittlerweile aufgerappelt und stand zitternd vor dem Grab, unschlüssig, was nun zu tun sei. Den Spaten hielt er zur Verteidigung gegen jene Unsäglichkeit, die gerade dabei war, sein über die Jahre gehegt und gepflegtes Weltbild handstreichartig niederzureißen, fest umklammert. Dass man sich mittlerweile offenbar nicht einmal mehr auf so etwas Unbestreitbares wie den Tod verlassen konnte, war schlecht. Noch schlechter war, dass, sollte dort unten tatsächlich Lisbeth rumoren womöglich einseitiger Klärungsbedarf bestand. Nicht völlig zu Unrecht, wie er zugeben musste. Lisbeth hatte vermutlich das starke Bedürfnis, über die Details ihres Ablebens sprechen zu wollen. Und da er selbst einen gewissen, um nicht zu sagen, ganz entscheidenden Anteil daran hatte, würde die ganze Sache ziemlich sicher in Streit ausarten. Aber es half ja nichts. Mit einem Gesicht weiß wie die Wand in seiner kleinen Küche, machte er sich daran, den ersten Spatenstich zu setzen. Dann hielt er inne, was die Glocke sofort mit einem energischen Klingeln kommentierte.
Was tat er hier eigentlich? War er wirklich im Begriff, den Sarg seiner verstorbenen Frau auszugraben? Mitten in der Nacht? Im strömenden Regen? Und nachdem die Totenglocke ihm immerhin ziemlich eindeutig die Möglichkeit aufzeigte, dass Lisbeth erstens einigermaßen lebendig und zweitens aller Wahrscheinlichkeit nach äußerst ungehalten war? Und ihm fiel daraufhin nichts Besseres ein, als in den Regen zu stapfen und mit dem Graben zu beginnen? Na herzlichen Glückwunsch, Herr Huber. Er setzte den Spaten ab. Die Glocke klingelt noch ein wenig energischer.
Überhaupt, was dachte er sich eigentlich bei der ganzen Sache? In der guten alten Zeit waren er und seine Vorstellungen über die Welt sich doch zumindest darin einig gewesen, alles Metaphysische, Untote oder Geisterhafte als nicht vorhandenen Unfug zu benennen. Und jetzt stand er auf dem Friedhof und verriet, mir nichts, dir nichts, seine eisernen Überzeugungen. Nur weil ein hartnäckiger Wind ihn seit etwas über drei Stunden auf dem falschen Fuß erwischte. Mit einer einzigen wütenden Bewegung riss Huber die Glocke von der Kordel und das Klingeln stoppte abrupt. So! Schluss mit diesem Quatsch! Mit grimmiger Entschlossenheit stapfte er zurück in Richtung Hütte. Allerdings ohne sich noch einmal umzudrehen. Man wusste ja schließlich nie.

Um dem reichlich verkorksten Abend die entscheidende Wendung zu verpassen, hatte Huber beschlossen, die nächsten Stunden dem Vorhaben zu widmen, sich besinnungslos zu trinken. Daher war er schon ziemlich beschwipst, als es klopfte. Huber schaute die Tür an. Huber schaute seinen Hund an. Der wiederum blieb seiner bisherigen neutralen Linie treu und widmete sich mäßig interessiert einigen Staubflusen auf dem Fußboden. Huber schluckte, notierte innerlich ein weiteres unwiderlegbares Indiz für die mannigfaltigen Verfehlungen seines Haustieres und stand schwankend auf. Mit langsamen Schritten und Schmerzen in den Gliedern bewegte er sich in Richtung Tür. Dabei fühlte er sich, als ginge er die letzten Schritte zum Galgen. Er ahnte, dass die Sache womöglich unschön für ihn zu Ende gehen würde.


2​
Einige Tage später bemerkte man im Dorf, dass der Huber wohl schon einige Zeit nicht mehr gesehen worden war. Seit dem Tod seiner Frau, wenn man´s genau nahm. Ach, das war ja auch so eine Sache gewesen. Zu jung, um einfach so zu sterben. Und eigentlich viel zu jung für diesen alten knarzigen Eigenbrötler. Na ja, einig war man sich jedenfalls darin, dass diese Lisbeth wohl auch ein ziemliches Biest gewesen sein musste. Immer darauf bedacht, ihren Kopf durchzusetzen. Geradezu aufrührerisch. Ja, der Huber hatte es sicherlich nicht leicht gehabt. Ein Mann, den das Schicksal wirklich forderte. Aber, dass die ganze Sache dann so enden musste? Das war auch nicht in Ordnung. Unangenehm, diese ganze Unruhe. Immerhin war all die unnötige Aufregung jetzt hoffentlich zu Ende.

Für manche der Frauen im Ort lagen die Dinge etwas anders.
Oft waren sie mit Lisbeth zusammen gewesen und hatten über ihre Männer gesprochen. Ach, ihre dummen und brutalen Männer. Die ihrer Überforderung und Angst oft einzig durch körperliche Gewalt Ausdruck zu verleihen wussten. Ob in der Kneipe oder zuhause. Es war stets ein trauriger und erbärmlicher Anblick. Lisbeth war es aber gewesen, die nicht bereit gewesen war, die Dinge so hinzunehmen, wie sie eben lagen. Lautstark machte sie sich über die Männer lustig. Und allen voran über Erwin Huber. Die anderen Frauen bewunderten Lisbeth dafür, aber sie bekamen es auch mit der Angst, denn sie kannten den Huber. Und sie kannten auch die Spuren der Gewalt, die er an Lisbeths Körper hinterließ.
„Irgendwann schlägt er dich tot“, warnten sie.
Lisbeth ließ sich aber nicht einschüchtern. Spöttisch wies sie die anderen darauf hin, dass der Alte jeden Tag noch älter und gebrechlicher wurde und zu Derartigem vermutlich schon überhaupt nicht mehr in der Lage war.
„Der müsste mich schon vergiften um noch eine Chance zu haben. Und das wäre auch nur der letzte erbärmliche Versuch, das Unvermeidliche aufzuhalten.“
„Und was ist das Unvermeidliche?“, fragten die anderen.
„Dass die Zeiten sich geändert haben“, schloss Lisbeth mit ernster Miene.


3​
Im Nachklang an die Ereignisse gingen die Meinungen über das, was sich bei Hubers zugetragen haben musste, auseinander. Der unglückliche Milchbauer Ferdinand, der nur seinem verstorbenen Vetter einen Besuch hatte abstatten wollen, war nachts, nichts ahnend, beinahe in das offene Grab Lisbeth Hubers gestürzt. Laut eigener Aussage aufgrund schummriger Lichtverhältnisse und tief stehender Nebelschwaden. Weil er sturzbetrunken gewesen war nach einhelliger Meinung der meisten, die ihn kannten.
Jedenfalls konnte Ferdinand über Derartiges wirklich gar nicht lachen und machte sich unverzüglich auf, den Huber darum zu bitten, doch für etwas mehr Ordnung zu sorgen. Schließlich war der Friedhof ein Ort der Einkehr und Ruhe und nicht, um nichts ahnend in fahrlässigerweise offenstehende Gräber zu stürzen und sich dabei womöglich noch den Hals zu brechen. Ferdinands Beschwerden, die er in Richtung der offenstehenden Haustür lallte, liefen allerdings ins Leere. Denn im Inneren lag Erwin Huber auf dem Boden, die Kordel der Totenglocke um den Hals und ohne jeden Zweifel nicht mehr in der Lage, Ferdinands Bitte nachzukommen. Ferdinand machte sich stolpernd vom Acker, fiel bei sich zunächst durch die Haustür, anschließend ins Bett und schlief seinen Rausch aus. Am nächsten Tag ging er noch einmal die Ereignisse der letzten Nacht durch. Nachdem die schummrige Erinnerung sich langsam durch den vom Restalkohol immer noch etwas benebelten Geist gekämpft hatte, schlug er Alarm.

Eine tapfere Delegation aus dem Dorf machte sich gegen Mittag auf, um beim Huber mal nach dem Rechten zu sehen. Bei der Hütte angekommen bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Huber lag mit einer Kordel um den Hals erwürgt im Eingang. Sein Gesicht war bläulich angelaufen, und mit den geplatzten Äderchen in den Augen bot er wirklich keinen sonderlich erbaulichen Anblick. Das Ende der Kordel war um einen der Dachbalken gewickelt worden. Höchstwahrscheinlich also Selbstmord. Warum das Grab von Lisbeth Huber aber völlig zerwühlt und zum großen Schrecken der Anwesenden leer war, blieb unklar. Ebenso unverständlich war den Beteiligten, was Huber dazu veranlasst haben mochte, mit nasser Erde die Worte, „die Zeiten haben sich geändert,“ auf seinen Fußboden zu schmieren, bevor er sich erhängt hatte. Lisbeths Leiche blieb ebenso wie der Hund verschwunden.

Nachdem der Arzt, ein übergewichtiger Zyniker und alles in allem ein schlechter Mensch angerückt war, um den Toten zu untersuchen, berichtete er den Anwesenden anschließend böse grinsend von seinen Erkenntnissen. Huber hatte sich offenbar nicht nur zu Tode stranguliert, sondern vermutlich um ganz sicher zu gehen, auch noch Unmengen von Arsen geschluckt.
„Der hat´s wohl wirklich drauf angelegt, dieses Jammertal ein für alle Mal zu verlassen, was?“, wieherte der Doktor, während es den Dorfbewohnern eiskalt den Rücken herunterlief.
„Na ja man kann für den armen Teufel jedenfalls nur hoffen, dass das Erwürgen nicht zu lange gedauert hat. Das Gift muss in seinen Gedärmen ja ordentlich für Furore gesorgt haben, das ist mal sicher!“
Damit schloss der Arzt wenig fachmännisch und jovial lächelnd seine Ausführungen, spuckte aus und schickte sich an, in die nahe Stadt zurückzukehren.

Selbst Jahre nach den dramatischen Ereignissen waren sich die allermeisten noch immer uneins darüber, was sich im Hause Huber wirklich abgespielt haben mochte. Aber wie sooft war man alleine schon, um die eigenen Nerven zu schonen, stillschweigend zu der Entscheidung gelangt über die ganze Sache, doch besser den gnädigen Mantel des Schweigens zu bereiten. Allerdings hatten sich die Zeiten im Ort ganz eindeutig geändert, und nicht wenige der Frauen trugen kleine Kordeln mit einem Glöckchen am Handgelenk.
 
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CoK

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24.08.2020
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Hallo@

Deine Geschichte fand ich schön und angenehm zu lesen. Schon der Titel die Totenglocke ,erinnerten mich an die Geschichten von Edgar Allen Po. Mir gefiel deine Sprache und ich konnte mir die einzelnen Szenen gut vorstellen.
Das Adjektiv „schön" ist bei einer Geschichte die eine Taphephobie bei mir auslöste, vielleicht auch mit ansprechend zu ersetzen.
Was mir noch aufgefallen ist und das ist natürlich nur meine subjektive Meinung und ich bin im Üben solche Kommentare abzugeben.
e. Von Zeit zu Zeit ließen markerschütternde Laute den Hund zusammenzucken,

Ich verbinde markerschütternd Laute nicht mit einem Spucken in einen Eimer.
für mich wäre das eher eklig.

schmissigeren Begriff der Totenglocke.

Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Man nannte sie einfach Totenglocke.

Was ich auch nicht so ganz verstanden habe warum das Läuten der Totenglocke sein Weltbild durcheinander brachte? Es gab doch in den letzten zwei Jahrhundert sehr viele nachgewiesene Fälle von lebendig begrabenen Menschen.

Dein Schluss hat mir gut gefallen. Für mich unter anderem ein offenes Zeichen der Emanzipation der Frauen mit dem Tragen des kleinen Glöckchens am Arm.

Ich habe deine Geschichte sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße KoC
 
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10.07.2020
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Hallo @Habentus,

vielen Dank für diese Geschichte! Es ist verdammt schwer, Horror und Humor zusammenzubringen - und das gelingt dir hier ziemlich gut, finde ich. Dieser verschnörkelte Erzählstil passt hervorragend zum schrägen, gruselig-absurden Plot und macht beim Lesen sehr viel Spaß. So in etwa könnte eine Gruselgeschichte von Wolf Haas klingen, und das ist in meiner Welt ein phänomenales Kompliment. ;-)

Eine Frage:

Der Protagonist heißt Erwin Huber, so wie der hier - ist das ein Zufall oder habe ich einen ganz entscheidenden Witz übersehen?

Ein paar Highlights:

Da sich ihr kleines Haus auf dem Friedhof befand, hatte er Lisbeth immerhin nicht allzu weit tragen müssen. Trotzdem war es ein durch und durch unschönes Gefühl gewesen, berufliches und privates derart zu vermengen.

Das ist saukomisch.

Insbesondere Menschen mit geradezu erstaunlich ausufernden Schlafgewohnheiten werden, wenn sie Pech haben, vorschnell für tot erklärt, im Schnellverfahren betrauert und anschließend fachgerecht verscharrt. Es braucht schon starke Nerven, sich vorzustellen, was es heißt, völlig unverhofft im eigenen Sarg aufzuwachen und festzustellen, dass da vermutlich irgendwas grundsätzlich schief gelaufen ist.

Dito.

Dass man sich mittlerweile offenbar nicht einmal mehr auf so etwas Unbestreitbares wie den Tod verlassen konnte, war schlecht. Noch schlechter war, dass, sollte dort unten tatsächlich Lisbeth rumoren womöglich einseitiger Klärungsbedarf bestand. Nicht völlig zu Unrecht, wie er zugeben musste. Lisbeth hatte vermutlich das starke Bedürfnis, über die Details ihres Ablebens sprechen zu wollen. Und da er selbst einen gewissen, um nicht zu sagen, ganz entscheidenden Anteil daran hatte, würde die ganze Sache ziemlich sicher in Streit ausarten. Aber es half ja nichts.

Wieder - super!

Eine dreiste Idee:

Teil 1 hat die eine oder andere Stelle, die man verschlanken könnte, wirkt aber insgesamt wie aus einem Guss, macht viel Spaß - und erzählt, finde ich, fast alles, was erzählenswert ist. Bitte nicht falsch verstehen: Die Teile 2 und 3 sind durchaus interessant und unterhaltsam! Aber ich frage mich, ob die Story nicht stärker würde, wenn du sie auf Teil 1 beschränkst (inklusive, natürlich, einer kleinen Pointe am Ende).

So viel von mir - eine schöne Geschichte, bald ist Halloween, gell.

Christophe
 
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26.12.2014
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Hi Habentus,

(schwarz-)humoriger Text, könnte noch etwas Punch vertragen. Unoriginell wie ich bin, schließe ich mich Christophe an - der erste, in sich geschlossen wirkende Teil würde eigentlich schon reichen. Denn in den folgenden Teilen fügst du nichts hinzu, was die Story noch steigert; im Gegenteil, eigentlich möchte ich gar nicht so genau wissen, wie Lisbeth gewesen ist, die Andeutungen in Teil 1 reichen vollkommen aus! Und insbesondere das Ende ist, da spreche ich mit intonierter Anspruchshaltung, zu vorhersehbar. Was ich hier vermisse, ist ein Twist.

Abhilfe versprach die sogenannte Totenglocke.

Etwas schade, wenn auch kein Verderben für die Story, ist, dass die Totenglocke ein bloße, ziemlich sinnfreie Erfindung ist. Wenn man das aber akzeptiert, funktioniert der Text gut.

Verursacher der unschönen Geräusche war Huber selbst

Sehr hübsch, diesen Mutterwitz hast du drauf, da könnte ich noch mehrere Stellen nennen. Wenn es dir gelänge, die Geschichte noch einen Tacken hinterhältiger zu machen, dann wäre sie richtig klasse.

Doch selbst ohne die unerfreulichen Begleiterscheinungen seiner Erkältung befand er sich derzeit in einem echten Stimmungstief.

Zum Beispiel könnte es sein, dass solche etwas "tellige" Passagen den Text ausbremsen. Vorschlag hier, schneide dem Text noch etwas "Tell"-Fett von den Knochen.

Huber war kein abergläubischer Mensch. Das konnte er sich ja alleine schon aus beruflichen Gründen nicht erlauben.

Hier zum Beispiel auch, der zweite Satz. Wieso kann er als Totengräber nicht abergläubisch sein?

Das war schön zu lesen. Guter Text.
M.
 
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05.07.2020
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Zunächst mal vielen Dank für euere Kommentare @CoK, @Christophe und @Manlio. Darüber freue ich mich tatsächlich sehr! Danke auch für eure Anmerkungen und guten Ideen. Ich bin grade am Überlegen, die Geschichte vielleicht tatsächlich noch umzustellen. Allerdings fände ich es schade, wenn dadurch der Kern (eine emanzipierte Frau die ihre Befreiung sozusagen in die eigene Hand nimmt) etwas flöten geht. Tatsächlich habe ich ein versucht, den Text in zwei unterschiedliche inhaltliche Teile zu trennen. Einen ersten (etwas witzigen) Teil und einen zweiten kurzen Teil (der die Geschichte aus einer etwas ernsteren Perspektive betrachtet und die Hintergründe offenlegt). Es kann aber gut sein, dass das so einfach nicht funktioniert und ich die Geschichte auf den ersten Teil eindampfe und den Kern des zweiten Teils in eine eigene Geschichte umwandle (mit einer ernsthafteren Sprache). Bin mir eh unsicher gewesen, ein recht ernstes Thema mit Humor aufzulockern.
Nun aber der Reihe nach:

Ich verbinde markerschütternd Laute nicht mit einem Spucken in einen Eimer.
für mich wäre das eher eklig
Meinte damit, dass die Geräusche durch ein markerschütterndes Würgen zustande kommen. Allerdings streiche ich vlt. den Satz um den Text ein wenig zu verschlanken.

Was ich auch nicht so ganz verstanden habe warum das Läuten der Totenglocke sein Weltbild durcheinander brachte? Es gab doch in den letzten zwei Jahrhundert sehr viele nachgewiesene Fälle von lebendig begrabenen Menschen.
Ja das kann ich verstehen. Ich fürchte das kam nicht so gut durch. Es ging mir hier darum darzustellen, dass Huber (gedanklich) nach jeder Möglichkeit sucht, die Wahrheit auszublenden. Er verweist auf den Wind (obwohl es nicht windig ist) der seit drei(!) Stunden die Glocke erklingen lassen würde, er verweist darauf, dass es keine Geister oder sonstiges geben könne und er versucht sich auch einzureden, dass Lisbeth unmöglich noch am Leben sein kann. Konsequenz ist, dass er die Glocke abreißt und somit versucht, der Situation zu entkommen (easy solution).

Dein Schluss hat mir gut gefallen. Für mich unter anderem ein offenes Zeichen der Emanzipation der Frauen mit dem Tragen des kleinen Glöckchens am Arm.
Das freut mich sehr! Denn darum ging es ja eigentlich. Allerdings bin ich mir unsicher, ob diese Thema evtl. etwas zu plump in solch einer Geschichte verarbeitet wurde. Wie gesagt evtl. wandle ich da was um.



vielen Dank für diese Geschichte! Es ist verdammt schwer, Horror und Humor zusammenzubringen - und das gelingt dir hier ziemlich gut, finde ich. Dieser verschnörkelte Erzählstil passt hervorragend zum schrägen, gruselig-absurden Plot und macht beim Lesen sehr viel Spaß. So in etwa könnte eine Gruselgeschichte von Wolf Haas klingen, und das ist in meiner Welt ein phänomenales Kompliment. ;-)
@Christophe vielen Dank für dein Kompliment! Das gibt mir viel! Zu deiner Frage, ob es sich bei Erwin Huber um einen zufälligen Namen handelt. Ja. Ich dachte an einen Namen der auf dem bayrischen Land geläufig ist. Allerdings habe ich mir nochmal Bilder von DEM Erwin Huber angeschaut und es könnte sein, dass eine gewisse Ähnlichkeit besteht...

Teil 1 hat die eine oder andere Stelle, die man verschlanken könnte, wirkt aber insgesamt wie aus einem Guss, macht viel Spaß - und erzählt, finde ich, fast alles, was erzählenswert ist. Bitte nicht falsch verstehen: Die Teile 2 und 3 sind durchaus interessant und unterhaltsam! Aber ich frage mich, ob die Story nicht stärker würde, wenn du sie auf Teil 1 beschränkst (inklusive, natürlich, einer kleinen Pointe am Ende).
Ja, habe ich oben ja bereits erwähnt. Ich sehe auf jeden Fall deinen Punkt. Vermutlich baue ich die Geschichte dann nochmal um. Vlt. wollte ich einfach zu viel einbauen und habe die Story damit inhaltlich ein wenig überfrachtet.

Denn in den folgenden Teilen fügst du nichts hinzu, was die Story noch steigert; im Gegenteil, eigentlich möchte ich gar nicht so genau wissen, wie Lisbeth gewesen ist, die Andeutungen in Teil 1 reichen vollkommen aus!
@Manlio auch dir vielen Dank für deine Anmerkungen! Ja da seid @Christophe und du euch ja einig. Ich verstehe schon was ihr meint. Bin daher am Grübeln, wie ich das ganze kürzen und umstellen könnte.

Hier zum Beispiel auch, der zweite Satz. Wieso kann er als Totengräber nicht abergläubisch sein?
Tatsächlich hast du recht! Ich habe eine Zeit lang als Bestatter gearbeitet und kann dir bestätigen, dass ein wenig Aberglaube und Esoterik beinahe schon zum guten Ton gehört ;) Aber mir ging es darum, den Huber als kühlen, selbstmitleidigen und irgendwie leidenschaftslosen Typen darzustellen. Auch fand ichs witzig, darauf hinzuweisen, dass gerade Bestatter evtl. beruflich ein Problem haben, wenn sie an Geister usw. glauben. Aber vlt. nehme ich den Satz einfach raus.

Das war schön zu lesen. Guter Text.
Danke! :)
 
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Beitritt
19.05.2006
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Hallo Habentus!

Deine Geschichte hat mich amüsiert, auch wenn ich mir dachte, dass die ermordete Gattin auferstehen würde, als die Glocke erstmals läutete. Das Ende war dennoch überraschend, wirkte keineswegs aufgesetzt. Hübsche, humorvolle Pointengeschichte, durchgehend narrativ dargebracht, flüssig geschrieben.
Ein paar Sachen sind mir aufgefallen, die du überprüfen könntest.

Nachdem sein alter Körper schließlich tief in der Nacht irgendwann die Reißleine in Form einer gnädigen Ohnmacht zog, erwachte er am nächsten Morgen auf dem Boden vor seinem Bett.
Hier stimmt der Tempus nicht.
Müsste heißen: ... einer gnädigen Ohnmacht gezogen hatte ...

Schlimmer noch, das unaufhörliche Klingeln einer kleinen Glocke jagte ihm Schauer um Schauer über den Rücken.
Da Schauer auch Plural bedeutet, würde ich den Satz um einen Schauer kürzen.

Der Tod ist an und für sich schon nichts sonderlich Erstrebenswertes, gehört aber in der Regel einfach dazu
schon ist hier ein Füllwort und entbehrlich.
Auch sonderlich dient hier nur Füllzwecken, ebenso wie einfach.

Das hatte er schließlich Höchstselbst zu Genüge überprüft.
höchstselbst

Andererseits war es draußen nicht wirklich windig und kein Tier, dass er sich vorstellen konnte, war dermaßen ungeschickt, stundenlang mit einer Kordel herumzuringen.
wirklich ist wirklich eines der häufigsten Füllwörter. ;)
... das er sich vorstellen konnte ...

Aber als er jetzt mit langsamen Schritten über den nassen Rasen stapfte, verspürte er schon ein starkes Unwohlsein.
Aber, als er ...
Zu schon habe ich mich bereits oberhalb geäußert.
ein könnte ebenfalls entfallen.

Abgesehen vom leichten Prasseln der Regentropfen und seinem eigenen rasselnden Atem war alles ruhig.
Ein leichtes Prasseln kann ich mir kaum vorstellen.
Auch der doppelte besitzanzeigende Hinweis könnte entfallen.

Dort unten war tatsächlich jemand äußerst lebendig und weigerte sich ganz offensichtlich, dem Beispiel seiner klaglos ruhenden Nachbarn zu folgen und zu schweigen wie ein Grab.
Offenbar schweigen nicht alle Gräber. ;) Vielleicht: ... für immer zu schweigen.
Der Satz wirkt auf mich überladen. tatsächlich, äußerst, ganz offensichtlich. Könnten alle vier wegfallen, ohne dass sich die Satzausage ändern würde.

Und jetzt stand er auf dem Friedhof und verriet mir nichts, dir nichts seine eisernsten Überzeugungen.
Die Parenthese würde ich durch Komma trennen. ... verriet, mir nichts, dir nichts, seine ...
eisern zu steigern, ist neu für mich.

Aber dass die ganze Sache dann so enden musste?
dass

„Irgendwann schlägt er dich tot.“, warnten sie.
Kein Punkt vor Apostroph und Komma.

„Dass die Zeiten sich geändert haben.“, schloss Lisbeth mit ernster Miene.
Dito

Der unglückliche Milchbauer Ferdinand, der eigentlich nur seinem verstorbenen Vetter einen Besuch hatte abstatten wollen, war nachts nichts ahnend beinahe in das offene Grab Lisbeth Hubers gestürzt.
... war nachts, nichts ahnend, beinahe ...
Das füllige eigentlich könnte wegfallen.


Am nächsten Tag ging er im Kopf noch einmal die Ereignisse der letzten Nacht durch.
Wo sonst, wenn nicht im Kopf?

Das Ende der Kordel war um einen der Dachbalken umwickelt worden.
gewickelt

Selbst Jahren nach den dramatischen Ereignissen waren sich
Selbst Jahre nach ...

Netten Gruß!
 
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Mitglied
Beitritt
05.07.2020
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17
Deine Geschichte hat mich amüsiert, auch wenn ich mir dachte, dass die ermordete Gattin auferstehen würde, als die Glocke erstmals läutete. Das Ende war dennoch überraschend, wirkte keineswegs aufgesetzt. Hübsche, humorvolle Pointengeschichte, durchgehend narrativ dargebracht, flüssig geschrieben.
Hallo @Manuela K. und entschuldige bitte meine späte Reaktion! Auch dir vielen Dank für deine Worte und deine hilfreichen Anmerkungen! Ich habe einige davon eingearbeitet. Allerdings bin ich versucht, die Geschichte noch ein wenig abzuändern und dann ggf. noch einmal neu hochzuladen.
Viele Grüße,
Habentus
 
Senior
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01.09.2005
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1.004
Hallo @Habentus,

der Titel hat mich schon lange angelacht. Ich hatte mit etwas Klassischem gerechnet, Kaminfeuer, draußen Sturm, Poe, Price, etc. Hatte ich Bock drauf. Inhaltlich habe ich das Erwartete auch weitestgehend bekommen.

Nur dieser Stil, diese Dauerironie. Keine Ahnung, ob du das gemacht hast, weil du findest, das Ding ist eigentlich so ausgelutscht, da braucht man schon ein bisschen augenzwinkernden Abstand. Mir war es zu viel, das wirklich so gut wie jeder Satz lustig sein soll. Meinen Humor hat das Allermeiste auch nicht getroffen, aber selbst wenn, ich glaube, da könnte die Geschichte gewinnen, wenn du dich ein ganz bisschen zurücknimmst.

Die geprügelte Frau rächt sich von jenseits des Grabes. In vielen klassischen Horrorstorys ist das ja Naturgesetz, dass Tote irgendeine Rechnung begleichen, und die Frage ist dann immer, um was für eine Art von Rechnung es geht und wie die Rache aussieht, das von den Toten zurückkommen an sich ist selbstverständlich. Das kombinierst du mit der Lebendig-begraben-Thematik, auch sehr traditionell. Mir fehlt da aber ehrlich gesagt das verbindende Element von Tat und Rachetat, das ist ja eigentlich das, was diese Geschichten ausmacht. Was hat die Totenglocke (zum zugegeben cool klingenden Begriff gleich unten noch etwas) damit zu tun, dass er seine Frau geschlagen hat?

Wenn er seinen Gürtel dafür genommen hätte und zum Schluss mit diesem Gürtel um den Hals vom Balken baumelt, das gäbe Sinn ... also vor dem Hintergrund, wie diese Geschichten gemeinhin funktionieren. So hast du die Möglichkeit des vorzeitigen Begräbnisses als falsche Fährte, die Totenglocke als geilen Old-School-Titel, aber keine stimmige Auflösung.


und ihre unnachgiebige Art, besonders in letzter Zeit,
besonders zuletzt, kurz vor ihrem Tod / Sonst klingt es für mich, als wenn sie noch lebt, und weil ich hier schon weiß, dass sie tot ist, stolpere ich.

stand in einem kaum zu leugnenden Zusammenhang mit diversen Altersschüben seinerseits.
Mir persönlich ist der Humor meist zu verkrampft. Das hier ist "jeder ihrer Anfälle hat mich fünf Jahre meines Lebens gekostet", und ich höre richtig die Anstrengung da raus, das anders, originell, witzig zu formulieren. Glossen in Tageszeitungen sind oft so, da kann ich auch selten was mit anfangen. Das findet sicher seine Leser, aber meins ist das nicht.

ihr kleines Haus auf dem Friedhof
Auf? Das wäre schon eine kurze Erklärung wert. (EDIT: Wenn wir uns so vor zwei-, dreihundert Jahren bewegen, wird natürlich ein Schuh draus, aber das war mir bis zwei Absätze später nicht klar.)

berufliches und privates derart zu vermengen.
Okay, den finde ich auch gut. (Berufliches und Privates)

Jetzt mal zum Zeitlichen: Diese Glocken sind doch ein Ding, maximal bis ins 19. Jahrhundert. ... Fix mal gegoogelt, kann auf die Schnelle keine Jahreszahl finden, aber die Zeichnung eines Hamburger Ingenieurs, der sich das Teil wohl hat patentieren lassen. Sieht für mich wie 17., 18. Jahrhundert aus. Jedenfalls kriege ich den Namen Erwin Huber nicht in die Zeit.

Wobei der Begriff Totenglocke im Grunde genommen das Thema verfehlt.
Das Ding hieß aber auch Rettungsglocke. Totenglocke bimmelt bei einer Beerdigung in der Kirche.

Was vielleicht witzig ausgesehen hätte, wurde durch die Tatsache geschmälert,
Du meinst vermutlich, dass der Witz nicht so witzig war, aber so bezieht sich "geschmälert" auf die Sache an sich, was keinen Sinn ergibt: Es wird geschmälert, dass er sich auf den Hintern setzt.

Noch schlechter war, dass, sollte dort unten tatsächlich Lisbeth rumoren womöglich einseitiger Klärungsbedarf bestand.
rumoren,

mit nasser Erde die Worte, „die Zeiten haben sich geändert,“ auf seinen Fußboden zu schmieren,
Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor, da was halbwegs Lesbares hinzubekommen. Das hier kommt dem, was ich mit verbindendes Element meinte, recht nahe. Ich denke mal, das war auch deine Absicht. Für mich ist es nicht stark genug, weil es sich bei dem Spruch nicht um etwas handelt, das sich zu Lebzeiten zwischen den beiden abgespielt hat, den kannte nur sie.

Viele Grüße
JC
 
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