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Don´t mess around with art critics

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Don´t mess around with art critics

Señor Bartavi stand in der großen Halle und betrachtete mit ernstem Blick ein Bild. Das tat er nun bereits seit geschlagenen 49 Tagen. Und bis vor Kurzem war er sich relativ sicher gewesen, bald zum inhaltlichen Kern des Kunstwerks durchzubrechen. Zum Wesen dessen, was der Künstler hinter diversen Schichten Farbe vor dem ungeschulten Auge der breiten Masse verborgen hielt. Bartavi hielt sich alleine im Museum auf. Das war einer der vielen Vorzüge, die sein Beruf als angesehener Kunstkritiker so mit sich brachte. Dass er bis spät in die Nacht Bilder betrachten konnte. Und da er alleine war, kam auch niemand in die unangenehme Situation, sich zu den markerschütternden Seufzern Bartavis irgendwie verhalten zu müssen.
Die Sache war ernst und es muss Bartavi wirklich hoch angerechnet werden, dass er sich ziemlich wacker hielt. Seine Sicht der Dinge, die zeit seines Lebens auf Vernunft und rational-naturwissenschaftlichen Überzeugungen beruht hatte, war vor wenigen Minuten ohne Vorwarnung krachend in sich zusammengestürzt. Denn für das, was sich soeben erbarmungslos vor ihm offenbart hatte, gab es im Prinzip nur eine einzige angemessene Erklärung. Und die hatte nicht mehr viel mit einem vernunftbasierten Weltbild zu tun, sondern bewegte sich irgendwo zwischen der Rache eines eingeschnappten Gottes oder zumindest einer höheren Macht, die sich in einem schummrigen Hinterzimmer explizit gegen ihn, Señor Salvator Bartavi, verschworen haben musste. Aus Gründen wohlgemerkt, die sich dem leidgeprüften Bartavi momentan nicht einmal ansatzweise erschlossen. Er bewegte den Kopf zur Seite, kniff ein Auge zu und führte jeweils Daumen und Zeigefinger seiner Hände zu einem improvisierten Rahmen zusammen. Dabei wusste er nicht einmal, was das noch bewirken sollte. Eine Veränderung der Perspektive vielleicht? Es blieb beim kläglichen Versuch und Baratvi ließ kraftlos die Schultern hängen. Das führte dazu, den kleinen Mann noch ein wenig kleiner wirken zu lassen, und bildete einen interessanten Kontrast zu dem ausufernden Gemälde, welches sich beinahe übergroß vor ihm auftat. Vermutlich hatte das auch irgendetwas Künstlerisches. Andererseits, was verstand er schon davon? Geschlagen zog sich Bartavi einen Stuhl heran und entzündete eine Zigarette. Eine Freiheit, die er sich trotz absolutem Rauchverbot im Angesicht seiner vollständigen Niederlage zugestand. Resigniert blies er den Rauch aus und betrachtete die Leinwand vor sich. Moderne Kunst. Überschaubare Farbwahl. Klare Linien und geschwungene Formen. Weiß und verschieden nuancierte Blautöne. Interessanter Stil, das mit Sicherheit. Auf jeden Fall das Werk eines Künstlers, der wusste, was er tat. Sicherlich auch schwierig zu lesen. Er nahm einen weiteren Lungenzug, wie um sich zu wappnen, und machte sich daran, einen weiteren mutigen Anlauf zu unternehmen. Dazu stieg er umgedreht auf den Stuhl und blickte durch seine Beine hindurch in Richtung Gemälde. Eine veränderte Perspektive. Und die hatte es in sich. Da war nun leider nichts zu machen. Entmutigt stieg er wieder herab und stand wie verloren in der großen Halle. Das Bild befand sich in einem nahezu perfekten Winkel an der Wand. Die Ausleuchtung entsprach dem hohen Standard des Hauses. Allerdings trübte der Umstand, dass es leider verkehrt herum aufgehängt worden war, merklich den Gesamteindruck. Dass dieser Fehler zum einen durch ihn selbst verursacht und zu allem Überfluss seit mittlerweile 49 Tagen unbemerkt geblieben war, ließ Bartavi an seinen altgedienten Überzeugungen einer gerechten Welt zweifeln. Er hatte das schwere Ding natürlich nicht höchstselbst an der Wand angebracht, aber er hatte die Entgegennahme betreut und die Aufhängung persönlich begutachtet. Spätestens da hätte er als Experte eingreifen müssen. Aber, und hier lag das Problem, er hatte es nicht bemerkt.

„Schlechter Stil“, murmelte Bartavi vor sich hin, meinte damit aber weniger die Leistungen des Künstlers, sondern vielmehr den fragwürdigen Humor jener schicksalsgetriebenen Kräfte, die er hinter diesem Anschlag auf den guten Geschmack vermutete. Ohne den Blick von der Leinwand zu wenden, ließ Bartavi seinen Zigarettenstummel auf den penibel sauberen Boden fallen. Das war ja nun mittlerweile auch schon egal.
Grimmig zündete er sich sofort die nächste Kippe an und betrachtete mit bösem Blick das Bild. Schlecht harmonierende Farbtöne, alles in allem. Überhaupt, an sich langweilig. Überschätzt und überholter Stil. Ein Unfall, das wars. Ein Unfall in Blau. Selbst für ein modernes Kunstwerk völlig unangemessen hier zu hängen. Und dabei war es im Grunde genommen auch egal wie herum. Und dieser Trübsinn in Blau sollte dennoch das Ende seiner Karriere bedeuten, das war einigermaßen klar. Das Gespött der Leute würde er werden. Er, der ein gefeiertes Kunstwerk falsch herum aufhängen ließ, um ganze 49 Tage davor herumzuschleichen und nach irgendeinem tieferen Sinn zu suchen. Einem Sinn, den es höchstwahrscheinlich nicht gab. Nicht auszudenken, was die Fachpresse aus dieser Geschichte machen würde. Bartavi schloss die Augen und kämpfte gegen einen plötzlichen Schwindel, der ihn erfasste.

Es war ihm zwar selbst niemals gelungen, in die höchsten Sphären künstlerischer Gestaltung vorzudringen, aber er hatte es immerhin bewerkstelligt, eine respektierte Instanz in Kunstfragen zu werden. Ein Experte, der gerne zurate gezogen wurde und dessen Meinung mitunter aufstrebenden Talenten den letzten Ruck gab. Oder aber dessen stets sachlich formulierte Kritik dafür sorgte, die Unglücklichen zurück in den finsteren Abgrund der Mittelmäßigkeit zu stoßen. Und für diese Position hatte er doch einiges an Blut, Schweiß und Tränen gelassen, zumindest metaphorisch gesprochen. Und nun schickte sich ein Künstler, dessen Namen er nicht einmal aussprechen konnte, an, ihn mit seinem Machwerk, das weder auf dem Kopf noch sonst wie irgendeinen Reiz entfalten konnte, vor aller Welt lächerlich zu machen.
Wenn er es nicht besser wüsste, würde er beinahe so weit gehen und behaupten, dass dieses blaue Unwerk nur aus einem einzigen Grund erschaffen worden war. Nämlich um ehrlichen Kunstkritikern wie ihm das Leben schwer zu machen. Mittlerweile ging Bartavi wie ein Tiger in seinem Käfig vor dem Gemälde auf und ab. Dabei rauchte er derart wuterfüllt, dass einem dabei glatt jegliche Lust am Tabakgenuss verloren gehen konnte.
Wusste er es denn überhaupt besser? Was sprach in dieser Welt, in der mittlerweile doch alles mehr oder weniger den Bach herunterzugehen schien, denn überhaupt dagegen anzunehmen, dass irgendwo ein Künstler seiner zur fast vollständigen Bosheit gesteigerten Arroganz nur noch dadurch Ausdruck verleihen konnte, ein derartiges Bild zu erschaffen? Ein Machwerk, das einzig dem Zweck diente, dem edlen Berufsstand des Kunstkritikers einen dicken Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
„Dieses verdammte Schwein!“, zischte Bartavi, sichtlich um Fassung bemüht. Das verschwenderisch aufgetragene Blau schrie ihm beinahe entgegen, dass er seinem Schöpfer auf den Leim gegangen war. Es lachte ihn aus.
Ein Blitzangriff. Eine heimtückische Attacke, die ihn unvermittelt getroffen und quasi mit heruntergelassenen Hosen überrumpelt hatte. Aber den Teufel würde er tun, sich diesem ungerechtfertigten Angriff zu beugen! Dazu brauchte es eindeutig härtere Bandagen!
Dieses Machwerk musste verschwinden. Nicht nur, weil es einen Schatten auf ihn selbst warf, sondern auch deshalb, weil es sich nicht um ein Kunstwerk, sondern um eine Kriegserklärung handelte. Ein Geschoss, welches aus dem Hinterhalt auf ihn abgefeuert worden war. Einzig seinem standhaften Charakter war es zu verdanken, dass er sich überhaupt noch aufrecht hielt. Schwankend zwar, aber ungebrochen.
Bartavi kniff die Augen zusammen. Es hätte ihm bereits vor 49 Tagen auffallen müssen. Diese Aggressivität, die sich hinter den blauen Linien verbarg. Völlig indiskutabel, dass dieser Akt des Unfriedens eine Reaktion seinerseits erforderlich machte. Gab es überhaupt etwas Edleres als den Angegriffenen, der sich mutig und entschlossen zur Wehr setzt? Bartavi bezweifelte es und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er blieb bei einer Kunstinstallation hängen, die neben einigen verschweißten Werkzeugen auch aus einer Axt bestand. Die Würfel waren gefallen. Es war an der Zeit, Tatsachen zu schaffen und ein deutliches Zeichen an diejenigen zu senden, die meinten, man könne sich über die Kunst lustig machen. Oder über ihn!
Kurz bevor er den Zorn des Gerechten frei entfaltete, musste Bartavi aber für einen Moment in sich gehen. Ihm wurde gewahr, dass er im Begriff war mit einer Axt, die er aus einer künstlerischen Installation zweckentfremdet hatte, ein übergroßes Gemälde zu zerhacken. Zugegebenermaßen war eine derartig rasant verlaufende Eskalation des Abends heute Morgen so noch nicht absehbar gewesen. Dann fiel sein Blick zurück zu seinem blauen Feind und Bartavi schritt zur Tat.

Der nächste Tag war für den Museumsdirektor einer jener Tage, die man rückblickend für den deutlich zu hohen Blutdruck im Alter verantwortlich machen konnte. Irgendwelche Spinner waren in der vergangenen Nacht in das Gebäude eingedrungen und hatten eines seiner wertvollsten Bilder zerstört. Mit einer Axt. Die sie vorher ohne besondere Sensibilität aus einer ebenso kostbaren Kunstinstallation herausgebrochen hatten. Das Bild war, wie konnte es auch anders sein, nur geliehen und der Direktor sah bereits eine Armee von Anwälten, die sich mit gewetzten Messern auf ihn zu stürzen drohten. Außerdem hatte sein Kunstexperte, der allseits bekannte und geschätzte Señor Bartavi ohne Angabe von Gründen und vermutlich einer seiner exzentrischen Launen folgend, seine Kündigung eingereicht. Es gab Tage, dachte er, da blieb man besser im Bett.
 
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Hallo zusammen, zunächst muss ich zu dieser Geschichte einige Dinge voranstellen. Bisher wurde ich unter anderem für meine ausufernden Satzkonstruktionen und meine (zugegeben) mangelhafte Zeichensetzung kritisiert. Daher habe ich mich dieses Mal wirklich darum bemüht, die Sätze einfacher und vor allem kürzer zu gestalten. Mit Sicherheit befinden sich dennoch noch einige Zeichenfehler im Text. Das ist einfach eine meiner großen Schwächen. Aber auch hier habe ich versucht, Fehler so gut es geht zu vermeiden. Ich hoffe, die Geschichte ist dieses Mal lesbarer und freue mich über Kritik. Viele Grüße, Habentus
 
Monster-WG
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10.07.2020
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Hallo @Habentus,

vielen Dank für diese Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe! Den Zusatz in deinem Kommentar bräuchte es, finde ich, gar nicht: Die Story ist sehr gut verständlich und die Sprache ist so gelassen-ironisch, das erinnert mich ein bisschen an Joseph Roth.

Das Sujet ist offensichtlich: moderne Kunst, abstrakte Malerei, was-will-der-Künstler-uns-damit-sagen usw. usf. Da muss man aufpassen, dass man nicht ins Klamaukige, Mario-Barth-hafte verfällt, und ich finde, das tust du wirklich gut. Die Story ist kein "Moderne Kunst, was soll der Quatsch?"-Scherz, erlaubt sich aber doch das eine oder andere Augenzwinkern - das Durch-die-Beine-Schauen fand ich super! Auch die 49-Tage-Absurdität ist schön. Davon dürfte es gerne noch etwas mehr geben.

Ein paar Kürzungen wären sicher angebracht, in kürzerer Form würde diese Story, glaube ich, stärker wirken.

Das Ende würde, finde ich, eine kleine Pointe vertragen: Es gibt ja nun diejenigen, die sagen, dass ein Kunstwerk das Produkt eines Prozesses ist - das Gemälde, die Skulptur, die Partitur usw. - und es gibt diejenigen, die sagen, dass ein Kunstwerk der Schaffensprozess selbst ist, und das Produkt ist dann quasi ein Epi-Phänomen. (D.h.: Nicht "Die Nachtwache", wie sie im Museum hängt, ist das Kunstwerk, sondern Rembrandts Schaffen der "Nachtwache".) Der Direktor könnte an dieser Stelle natürlich auch hingehen und verkünden, dass nicht zwei Kunstwerke zerstört, sondern, dass zwei Kunstwerke vollendet worden sind.

PS. -- Hoppla, völlig übersehen: Warum der englische Titel?

Hatte Spaß:

Christophe
 
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Monster-WG
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Hi @Habentus,

noch eine kleine inhaltliche Sache:

„Und bis vor Kurzem war er sich relativ sicher gewesen, bald zum inhaltlichen Kern des Kunstwerks durchzubrechen. Zum Wesen dessen, was der Künstler hinter diversen Schichten Farbe vor dem ungeschulten Auge der breiten Masse verborgen hielt.“

Ich war nur mal am Rand mit moderner Kunst und Kunstgeschichte befasst — das Folgende ist also eher eine Vermutung als eine Gewissheit: Aber ich glaube nicht, dass Kunsttheoretiker bei aktuellen Sachen von einem („objektiven“) inhaltlichen Kern ausgehen würden. Siehe Umberto Ecos Offenes Kunstwerk und dann die komplette Postmoderne. Das heißt: Dein Kritiker sucht vermutlich, das ja! - aber nicht nach einen inhaltlichen Kern.

Ohgott, das klingt so abgehoben, sorry!

Christophe
 
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Monster-WG
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Aber ich glaube nicht, dass Kunsttheoretiker bei modernen Sachen von einem („objektiven“) inhaltlichen Kern ausgehen würden.
Eigentlich schon.
Michael Stitz beschrieb das so, bei einem Werk Kandinskys (vgl Wikipedia) :
„Das Musikalische seiner Malerei ist bei der Betrachtung der Werke gar nicht zu überschätzen. Kandinsky hörte die Farben.[5] Titel wie ‚Komposition VIII‘ sind nicht Verlegenheitsbeschriftungen, sondern Hinweis auf das Streben Kandinskys das ‚Geistige in der Kunst‘ zu malen. Geradezu zwangsläufig mussten sich dabei die Gegenstände auflösen, führte der Weg in die Abstraktion.“

Als ehemalige Kunst-LK-Teilnehmerin erinnert mich die Reinsteigerung in seine Wut sehr an meinen damaligen Lehrer. Die weiteren Erinnerungen erspare ich jetzt mal dem Internet.

Mir gefällt die Geschichte gut, trotz der zwiespältigen Erinnerungen und kam auch flüssig durch den Text.
Schachtelsätze sind mir nicht negativ aufgefallen, Kommas überlasse ich anderen :shy:
In der Mitte wurde es mir lediglich kurz ein bisschen lang, du erzählst die Reinsteigerung in die Schuld des Künstlers schon sehr ausführlich, mein Lehrer war da schneller im Umschwung :Pfeif:
 
Monster-WG
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Hi @feurig,

Danke für den Hinweis — ich kenne mich da nicht wirklich gut aus, du hast sicher recht. :Pfeif:

Viele Grüße

Christophe
 
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05.07.2020
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Zunächst einmal vielen Dank an @Christophe und @feurig für eure Kommentare! Hat mich wirklich sehr gefreut! Nun also der Reihe nach:
Die Story ist sehr gut verständlich und die Sprache ist so gelassen-ironisch, das erinnert mich ein bisschen an Joseph Roth.
Das ist wirklich ein Kompliment, das ich sehr gerne annehme!

Die Story ist kein "Moderne Kunst, was soll der Quatsch?"-Scherz, erlaubt sich aber doch das eine oder andere Augenzwinkern
Es ging mir zum einen, wie du schon sagst genau darum, moderne Kunst mal in den Fokus zu stellen. Da gibts ja durchaus unterschiedliche Meinungen zu 😉 Aber tatsächlich ist sowas ähnliches wohl wirklich mal passiert. Also ein Bild wurde in einem Museum verkehrt herum aufgehängt und erst Wochen später korrigiert. Ob es zu ähnlichen Reaktionen kam, ist mir allerdings unbekannt... Ich fand die Vorstellung aber einfach witzig und wollte da eine kleine Geschichte draus machen.

Ein paar Kürzungen wären sicher angebracht, in kürzerer Form würde diese Story, glaube ich, stärker wirken.
Ja, da hast du vermutlich recht. Ich bin aber noch unsicher, an welcher Stelle eine Kürzung sinnvoll ist. Tipps?

Es gibt ja nun diejenigen, die sagen, dass ein Kunstwerk das Produkt eines Prozesses ist - das Gemälde, die Skulptur, die Partitur usw. - und es gibt diejenigen, die sagen, dass ein Kunstwerk der Schaffensprozess selbst ist, und das Produkt ist dann quasi ein Epi-Phänomen.
Ich fand deine und auch die Gedanken von @feurig zum Thema wirklich interessant. Ehrlich gesagt bin ich beim Schreiben nicht ganz so tief ins Thema eingetaucht. Auch deshalb habe ich deine vorgeschlagene Pointe am Schluss so nicht benutzt. Alles in allem wäre das aber auch eine Möglichkeit ein Ende zu finden. Vlt. setze ich mich da nocheinmal dran.

Ohgott, das klingt so abgehoben, sorry!
Überhaupt nicht! Im Gegenteil freue ich mich, wenn sich aufgrund einer kleinen Geschichte Menschen finden und sich gedanklich mit dem Thema weiter beschäftigen! Danke dafür!

Als ehemalige Kunst-LK-Teilnehmerin erinnert mich die Reinsteigerung in seine Wut sehr an meinen damaligen Lehrer. Die weiteren Erinnerungen erspare ich jetzt mal dem Internet
Ja, auch ich kann mich an exzentrische Kunstlehrer und Lehrerinnen erinnern... :)

In der Mitte wurde es mir lediglich kurz ein bisschen lang, du erzählst die Reinsteigerung in die Schuld des Künstlers schon sehr ausführlich, mein Lehrer war da schneller im Umschwung :Pfeif:
Das fällt mir auch auf, allerdings bin ich nicht sicher was konkret gekürzt werden könnte. Auch weil die Geschichte an sich ja schon relativ kompakt ist. Aber ich werde noch überlegen.

Danke für deine Anmerkungen!
 
Senior
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«O, suprême Clairon plein de strideurs étranges,
Silences traversés des Mondes et des Anges:
– O l'Oméga, rayon violet de Ses Yeux!»
aus: Rimbaud «Voyelles»​

Wenn er es nicht besser wüsste, würde er beinahe so weit gehen und behaupten, dass dieses blaue Unwerk nur aus einem einzigen Grund erschaffen worden war. Nämlich um ehrlichen Kunstkritikern wie ihm das Leben schwer zu machen.

Gibt
… es überhaupt etwas Edleres als den Angegriffenen, der sich mutig und entschlossen zur Wehr setzt?
Die Zitate passen irgendwie auf Deinen Rückblick,
bester Habentus weit und breit:
Bisher wurde ich unter anderem für meine ausufernden Satzkonstruktionen und meine (zugegeben) mangelhafte Zeichensetzung kritisiert,
einzugehen, denn wie könnte einer, der schon selbst eine ganze Geschichte in einen Satz verpackte und ein Kleistverehrer ist, was gegen längere bis lange Satzkonstruktionen haben, solange ihr Schöpfer nicht selbst die Übersicht verliert?
Also, nicht jammern, was gegen unternehmen und sei‘s Kommaregeln lernen. Ansonsten Schwamm drüber!, und auf ein Neues!, wobei ich mir sicher bin, dass Dein Projekt „Schreiben“ gelingen wird – was immer Du Dir dazu vorgenommen hast. ‘n gewisses Maß an Sturheit gehört dazu, wie Du an meiner hiesigen Vergangenheit feststellen kannst!
Fehler machen wir alle. Der größte aber wäre, sich für unfehlbar zu halten.

Aber zu Deinem neuen Werk über die Unzulänglichkeit der Kritik und in der Folge vor allem des Publikums - „Bartavi“ ist ja beides zugleich, dass ich ihn als „teilnehmende/n Beobachter“ begleite. Immerhin versteigt er sich nicht zu den Worten des berühmten „kleinen“ Mannes, „dat kann ich auch“ (und warum tut ers dann nicht?).

Aber wie viel Kunst steckt z. B. im Werk eines Jeff Koons‘?

Dass es ein hervorragender Geschäftsmann ist, beweisen ja die Preise seiner Figurinen. Panamarenko hab ich hierorts eines meiner ersten Werke gewidmet, Beuys hab ich – lange, bevor eine Putzfrau zu Wuppertal ihrem Stande gemäß „seine“ Badewanne schrubbte und putzte - erlebt, als ich die Bewerbungsmappe (Grafik) einreichen wollte. Leider so, wie ich es einige Jahre später bei meinem Arbeitgeber erlebte: In D‘dorf wandelte eine Korona hinter dem Halbgott in Fliegerjacke wie hernach im Jupphotel in Weiß - und lauschte andächtig.

Schon der Titel ist zwodeutig, wie ich es mag: “to mess around“ also zwischen Pfusch / Murks und Albernheit, (was mich zu der ausufernden Einleitung verführt hat), (womit auch „short people“ i. S. eines Randy Newman ihren Ort finden, "Kunst" usupierend „so wat kann ich auch!“, spätestens, wenn tapeziert und ggfs. angestrichen wird – wobei seine Kunst allgemein bis zum nächsten Termin zählt. Das muss man anerkennen, denn das Wort Kunst kommt ja tatsächlich vom Verb können, so beherrscht jeder, der was kann, seine Kunst. Und war es nicht vordem schon Schiller, der in den ästhetischen Briefen jedermann die Fähigkeit zusprach, Kunst zu können?

Herr Bartavi aber scheint – wenn schon nicht nach großen Zahlen, so doch zu größeren Zahlen zu neigen, zumindest wenn er exakte sieben Wochen als „geschlagene 49 Tage“ bezeichnet (ja gut, 7 mal 7 verdoppelt die heiligeZahl) und zudem ist das bewunderte Kunstwerk blau, also in der Farbe, die gar nicht so häufig in der Natur gefunden wird, wie man so für sich meint, weil die Lichtbrechung uns was vorgaukelt über Himmel und Meer. Das Wasser im Hallenbad zu Sankt Erkrath leiht sich die Farbe von den gefliesten Beckenseiten und dem Boden.

Und dass Dr. Murkes unbekanntes höhere Wesen, das wir alle irgendwie verehren, sich in die Arbeit Bartavis einmischt, lässt einen hinwiederum ans Schicksal (ein Wort, das ja tatsächlich vom „schicken“ herkommt!) glauben (hier wird der Name B.s übrigens verdreht,
Es blieb beim kläglichen Versuch und Baratvi ließ kraftlos die Schultern hängen.
Und in der Folge gerinnt er buchstäblich zum „kleinen Mann“, und man könnte erwarten, dass er selbst Hand anlege - womit wir bei einer wahrlich winzigen Flusenlese sind

Eine Freiheit, die er sich trotz absolutem Rauchverbot im Angesicht seiner vollständigen Niederlage zugestand.
i. d. R. verlangt „trotz“ traditionell den Genitiv, der Duden lässt gleichwohl für den süddeutschen (also allemannisch und bairischen Raum) den Dativ zu – zwangsläufig auch im Oberfränkischen, einem Überbleibsel der (karolingischen) rhein- oder salfränkischsprechenden Besatzungstruppen.

Resigniert blies er den Rauch aus und betrachtete die Leinwand vor sich.
Hätte er je hinten Augen gehabt?

Und nun schickte sich ein Künstler, dessen Namen er nicht einmal aussprechen konnte, an, ihn mit seinem Machwerk, …
Die schwache Klammer „schickte sich … an“ kannstu getrost auflösen und „anschicken“ wieder sich näher bringen – der Relativsatz wird immer noch direkt dem „Künstler“ zugesprochen werden

Es gab Tage, dachte er, da blieb man besser im Bett.
Entweder direkte oder indirekte Rede (nach „dachte er“) – oder Konjunktiv II, „da bliebe man besser im Bett,“ Oder ohne "denken"
"Es gab da Tage, da blieb man besser im Bett"
Übrigens gelegentlich auch mein Wahlspruch! Und geradezu wie ein von Schiller vergessener Satz aus den ästhetischen Schriften:
Gab es überhaupt etwas Edleres als den Angegriffenen, der sich mutig und entschlossen zur Wehr setzt?

Wie dem auch wird, gern gelesen vom

Friedel
 
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14.08.2012
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i. d. R. verlangt „trotz“ traditionell den Genitiv, der Duden lässt gleichwohl für den süddeutschen (also allemannisch und bairischen Raum) den Dativ zu
Für alle, die’s interessiert, hier ein sehr aufschlussreicher Artikel zu dem Thema.

Gern geschehen.
offshore
 
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19.05.2006
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Hi Habentus!

Sorry, für's (zu) kurze Reinschneien, der Genitivlink hat mich angelockt und dabei bin ich über den zweiten Satz deiner Geschichte gestolpert.

Señor Bartavi stand in der großen Halle und betrachtete mit ernstem Blick ein Bild. Das tat er nun bereits seit geschlagenen 49 Tagen.
Tatsächlich? Permanent? Seit 49 Tagen?
Oder: Das tat er täglich, seit geschlagenen sieben Wochen.

Netten Gruß!
 
Senior
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12.04.2007
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„trotz“ kommt sicherlich vom Verb „trotzen“ (oder seiner Substantivierung im „Trotz“) und in der Tat berichten die Grimm-Brüder unterm Stichwort „TROTZ“
„2) jünger ist der gebrauch mit dem genitiv; er ist erst um die mitte des 18. jhs. bezeugt (s. 3) und gilt bei Adelung* und Campe* noch als unrichtig; heute hat er den dativ fast ganz verdrängt: troz unsrer unzähligen moralischen schrifften noch nicht tief genug untersucht (1765) Lichtenberg nachlasz 6;
trotz der beete voll eis lächelt der rosenstraus
dann am mieder (1771)“ (Wörterbuchnetz - Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, zitiert am 3. 9.2020

Bei der Auseinandersetzung sollte man nicht vergessen, dass der Genitiv Besitz (icke, meinet Vadders Sohn) und Zugehörigkeit meint, dass ich allemal „trotz des (oder: ihres) Pickels auf der Nase ist sie hübscher als jede Trumpl" beibehalten werde, eingedenk dessen, dass im Ruhrlatein auch das Ende des Dativs eingeläutet und -geleitet wird (kannze mich glauben!). Was braucht es der lästigen vier Fälle, wenn zwo für Kreolisch ausreichen und einer für Pidgin und SMS genügt?

Da werd ich mal in den Sudelbüchern von Lichtenberg rumblättern -

tschüss

Friedel
 

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