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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können

Senior
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Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können

Robert Steinhäuser tötete fünfzehn Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Die meisten der Opfer waren Lehrer des Erfurter Gymnasiums, in dem er das Blutbad anrichtete. Dirk sagte damals zu Michael: Jetzt geht die Scheiße hier auch los. Da hast du dir ja einen Beruf ausgesucht. Michael hatte entgegnet, bei allem Entsetzen, bei aller Tragik, das dürfte wohl einmalig bleiben.
Ein paar Jahre später machte Tim Kretschmer Löcher in fünfzehn weitere Menschen, darunter Leute, die an diesem Tag einfach das Pech hatten, ihm zu begegnen. Für seine Tour de Tod durch Winnenden benutzte er die Waffen seines Vaters.
Das wird sich allein schon deshalb nicht einschleifen, weil du hier nun mal nicht so einfach an Gewehre und Pistolen kommst, hatte Michael nach Erfurt gesagt. Nach Winnenden sagte Dirk: Aber du kommst dran. Wenn du's willst, kommst du dran.

Seitdem achtete Michael auf jedes Zeichen, jeden Stillen ohne Freunde, jede Kränkung, jedes Pickelgesicht in der letzten Reihe, das tote Bäume in seinen Notizblock kritzelte, jede Spuckkugel im Haar, jede fiese Bemerkung. Einmal hatte er mit dem Projektor das Bild einer Büste von Nero an die Wand geworfen. Bei dieser Büste wirkte der Bart des Kaisers wie ein Doppelkin. Jemand sagte: „Sieht aus wie ...“, und die Klasse lachte über das arme Schwein, dessen Name gerade gefallen war.
Michael merkte sich all das nicht, um den Geächteten zu helfen. Er war seit zwanzig Jahren Lehrer. Die Gemeinheit von Kindern und Jugendlichen war wie Krebs. Er ließ dich nur denken, du hättest ihn kleingekriegt, um über dein dummes Gesicht zu lachen, wenn er zurückkommt.
Den Ausgestoßenen war nicht zu helfen, soviel hatte er inzwischen in der Schule gelernt. Genauso gut hätte er versuchen können, Gewitter abzuschaffen.
Es ging nicht um die Kinder, nicht mehr. Um seinetwillen achtete er auf die Menetekel. Es gab Dinge, die machten ihm Freude im Leben. Der Beruf gehörte nicht länger dazu, aber sein Mountainbike zum Beispiel und Woody-Allen-Filme. Und Elder Scrolls. Das alles war er nicht bereit, gegen das große Gar nichts zu tauschen, jedenfalls nicht jetzt schon und nur, weil er nicht richtig hingesehen hatte.

Dirk zog ein enttäuschtes Gesicht, wenn Michael inzwischen über die Schule redete. Er war damals so stolz gewesen auf den kleinen Bruder. Abitur und Studium und das bei ihren Eltern, der Glasmüll meist alles braun.
Als Dirk drei Jahre rein musste wegen des Überfalls auf diese schmierige Bargeld-auch-für-Zahngold!-Bude, hatte Michael ihn in der JVA besucht. Da hatte Dirk gesagt, er sei jetzt auch Beamter, ihm zahlt fast alles der Staat.

Wenn sie sich heute sahen, lange nach Dirks Auszeit, sagte Michael: „Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können. Ich weiß auch nicht, ob das schon immer so war oder ob das nur heute so ist. Aber ich hab echt Angst, dass ich da irgendwann meinen Monolog halte über das Sozialgefüge des Mittelalters und dann knallt es auf einmal auf dem Flur oder einer steht einfach auf und schießt mir in den Bauch, da verreckt man ganz langsam und elendig. Und in jeder Klasse und in jedem Kurs sitzt einer, dem traue ich's zu. Ein paar von den Mädchen auch. Die eine hat ein riesen Feuermal im Gesicht, die nennen sie Fleckenteufel. Nicht alle, aber einer reicht und es ist mehr als einer. Sie ist immer cool aber ich sehe das in ihren Augen, dass sie gerade stirbt drinnen und am liebsten mit einer Planierraupe über die Schule würde. Mir tut das auch leid, aber ich hab ihr das Ding ja nun mal nicht ins Gesicht gepflastert, sondern die Natur. Ich hab mal kurz geschrien, als einer einfach aufgestanden ist. Der wollte nur aufs Klo und so ab der siebten Klasse wollen sie dir zeigen, dass sie machen, was sie wollen, darum hat er nicht gefragt und ist einfach aufgestanden. Und ich hab gedacht, jetzt ist es soweit. Irgendwann ist es so weit. Da steht einer auf und das war's. Dann verbieten sie irgendeinen Ego-Shooter, aber da habe ich dann auch nichts mehr von.“

In manchen Klassen saßen sogar mehrere, die er im Auge behielt. Eine ungewöhnliche Geste und sein Puls schlug im Takt alter Metallica-Platten. Warum musste da jemand ausgerechnet jetzt in den Rucksack greifen, bei einem Test noch dazu? Alles, was benötigt wurde, sollte auf dem Tisch sein. Zettel, Stift, etwas zu trinken.
Die 10c war eine solche Klasse, die er „multipel belastet“ nannte, zu Hause in seinen privaten Notfallplänen. Amokläufer, wohin er auch sah.
In dieser Klasse saß Elli, der Fleckenteufel. Johann, der seinen Darminfekt unterschätzt und draußen in der Weitsprunggrube beim Aufkommen in die Hose geschissen hatte. Nils, der mit seinen viel zu großen Schneidezähnen aussah wie ein Nagetier und den ein talentierter Zeichner mit Filzstift als riesige Ratte auf die Tür zur Sporthalle gemalt hatte. Tarek, klug aber stank nach Schweiß. Sina, die sie während der Klassenfahrt nach Schliersee beim Masturbieren erwischt hatten.
Michaels Hand glitt in die hellbraune Tasche, die Dirk ihm zum Referendariat geschenkt hatte, weil sie „so richtig oldschool nach Lehrer“ aussah. Er wollte eine Notiz machen für seine Pläne: Vorsicht, wenn jemand mitten im Test in den Rucksack packt (wozu??).
Sein Daumen strich über den Rand eines Stapels Klassenarbeiten aus der 8a. Englisch, sein anderes Fach. Die Arbeit war ganz gut ausgefallen, keine fünf. Well done. Auf dem Stapel glänzte silbern der Taurus-Jagdrevolver, kaum größer als seine Hand.
Dirk hatte Recht gehabt, irgendwie kommst du dran. Ein Jäger als Kumpel beim Mountainbiken, ein paar Bier nach einer langen Strecke und du schläfst einfach nicht als Erster ein und greifst zu.
Michael wusste nicht, wie viele oder wer in Klasse es so oder so ähnlich gemacht hatte, aber er wusste, dass er nicht erschossen werden wollte.
„Geht's Ihnen nicht gut, Herr Rettschlag?“
Elli fragte das. Sie dachte wohl, er hätte sie angestarrt wegen ihres Flecks. Sie dachte jeder, der Augen hat, guckt sie an, immer. Aber er sah den Jungen neben ihr an. Manuel. Der hatte es gesagt, in der Sechsten, als Kaiser Nero Thema gewesen war.
Sieht aus wie Sie, Herr Rettschlag.
Was es ihn für Kraft gekostet hatte, sich nicht ans Doppelkinn zu fassen. Was dieser Beruf ihn gekostet hatte. Was diese Schüler ihn gekostet hatten. Und jetzt wollten sie ihm zur Krönung in den Bauch schießen oder in den Kopf oder in den Rücken, dann überlebte er vielleicht aber saß im Rollstuhl und das war es dann mit dem Mountainbike fahren.
Michael wollte leben. Seinetwegen sollten sie die neue Haftbefehl nicht indizieren. Er würde sich wehren.
„Herr Rettschlag?“
Elli, du hast da was im Gesicht.
Er stand auf.
 
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AWM

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Servus @Proof die Geschichte hat was. Gut finde ich sie nicht. Ich finde, die Geschichte müsste länger sein und auch szenischer. Da könnte man viel mehr daraus machen, wenn man mehr in die Szenen geht und das langsam aufbaut, wie er immer paranoider wird. Ich fände es auch greifbarer, wenn du dir (schon viel früher) einen Amok-Kandidaten rauspickst und die Paranoia des Protas auf den konzentrierst.
Positiv: Der Titel ist super und hat mich sofort angelockt und dein Humor gefällt mir auch.
Robert Steinhäuser tötete fünfzehn Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Die meisten der Opfer waren Lehrer des Erfurter Gymnasiums, in dem er das Blutbad anrichtete. Dirk sagte damals zu Michael: Jetzt geht die Scheiße hier auch los. Da hast du dir ja einen Beruf ausgesucht. Michael hatte entgegnet, bei allem Entsetzen, bei aller Tragik, das dürfte wohl einmalig bleiben.
Ein paar Jahre später machte Tim Kretschmer Löcher in fünfzehn weitere Menschen, darunter Leute, die an diesem Tag einfach das Pech hatten, ihm zu begegnen. Für seine Tour de Tod durch Winnenden benutzte er die Waffen seines Vaters.
Das wird sich allein schon deshalb nicht einschleifen, weil du hier nun mal nicht so einfach an Gewehre und Pistolen kommst, hatte Michael nach Erfurt gesagt. Nach Winnenden sagte Dirk: Aber du kommst dran. Wenn du's willst, kommst du dran.
Ich finde den ganzen Einstieg nicht gut. Das ist ja den meisten Lesern bekannt und auch nicht mehr aktuell. Ich fand das deshalb langweilig. Du umreißt da schnell die Entwicklung, die dann auch die wachsende Paranoia deines Protas rechtfertigen soll, die du für meinen Geschmack nicht genug zeigst. Es gibt einfach zu wenige Szenen.
Seitdem achtete Michael auf jedes Zeichen, jeden Stillen ohne Freunde, jede Kränkung, jedes Pickelgesicht in der letzten Reihe, das tote Bäume in seinen Notizblock kritzelte, jede Spuckkugel im Haar, jede fiese Bemerkung, ein Bild der Büste von Kaiser Nero, bei der man seinen Bart für ein Doppelkinn halten konnte, und jemand sagte: „Sieht aus wie ...“, und die Klasse lachte über das arme Schwein, dessen Name gerade gefallen war.
Hier legst du die Fährte. Klassischer Krimi-Trick. In der langen Aufzählung soll der entscheidende Hinweis untergehen. Aber es funktioniert in diesem Satz für mich nicht. Erstens grammatikalisch wegen des "jeden" und zweitens, weil das so herausgestellt am Ende des Satzes steht und sehr ungewöhnlich ist. Ich bin da einfach ins Stocken geraten und dachte, ich habe was falsch gelesen.
Michael merkte sich all das nicht, um den Geächteten zu helfen. Er war seit zwanzig Jahren Lehrer. Die Gemeinheit von Kindern und Jugendlichen war wie Krebs. Er lässt dich nur denken, du hättest ihn kleingekriegt, um über dein dummes Gesicht zu lachen, wenn er zurückkommt.
Den Ausgestoßenen war nicht zu helfen, soviel hatte er inzwischen in der Schule gelernt. Genauso gut hätte er versuchen können, Gewitter abzuschaffen.
Die Kausaltität war mir hier erst nicht klar. Vor allem, weil du nach "zurückkommt" einen Absatz machst, obwohl ja der folgende Satz die Erklärung für seine Nicht-Hilfe ist.
In dieser Klasse saß Elli, der Fleckenteufel. Johann, der seinen Darminfekt unterschätzt und draußen in der Weitsprunggrube beim Aufkommen in die Hose geschissen hatte. Nils, der mit seinen viel zu großen Schneidezähnen aussah wie ein Nagetier und den ein talentierter Zeichner mit Filzstift als riesige Ratte auf die Tür zur Sporthalle gemalt hatte. Tarek, klug aber stank nach Schweiß. Sina, die sie während der Klassenfahrt nach Schliersee beim Masturbieren erwischt hatten.
Du hast interessante und witzige Charaktere in deiner Story. Fände es gut, wenn du dich da auf ein zwei konzentrierst und sie uns näherbringst.
Michaels Hand glitt in die hellbraune Tasche, die Dirk ihm zum Referendariat geschenkt hatte, weil sie „so richtig oldschool nach Lehrer“ aussah. Er wollte eine Notiz machen für seine Pläne: Vorsicht, wenn jemand mitten im Test in den Rucksack packt (wozu??).
Sein Daumen glitt über den Rand eines Stapels Klassenarbeiten aus der 8a. Englisch, sein anderes Fach. Die Arbeit war ganz gut ausgefallen, keine fünf. Well done. Auf dem Stapel glänzte silbern ein Taurus-Jagdrevolver, kaum größer als seine Hand.
Fand den Absatz komisch und musste ihn mehrere Male lesen. Ich stelle mir das so vor, dass er da hineintastet ohne hinzusehen. Das liegt glaube ich an dem wiederholten glitt. Auch finde ich es aus seiner Perspektive komisch "ein" Revolver zu schreiben. Er weiß ja ganz genau, was das für einer ist. Das ist für ihn die Lebensversicherung. Und hier liest sich das, als ob er den zum ersten Mal in seiner Tasche entdeckt.

Gruß!
AWM
 
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Hi @Proof ,

durch den Aufbau der Geschichte, beginnend mit allgemeinen Informationen über Schilderungen des Schulalltags bis zu dem verängstigten Lehrer, bleibt mir leider nach dem Lesen nicht viel in Erinnerung von dem Protagonisten.

Daher schließe ich mich der Meinung von @AWM an, lasse den Leser die Entwicklung von Michael erleben, vom motivierten, naiven Lehrer bis zum verängstigten/paranoiden Menschen, so wie du ihn am Ende schilderst.

Vielleicht hierbei auch die ein oder andere Szene außerhalb der Schule, wie übertragen sich z.B. seine Ängste auf sein Privatleben? Die allgemeinen Informationen könntest du einbinden, in dem er z.B. morgens einen entsprechenden Artikel in der Zeitung liest und mit seiner Frau darüber spricht.

Gerade mit diesem, leider immer mal wieder aktuellen Thema, könntest du eine starke Wirkung beim Leser erzeugen. Mit deiner aktuellen Darstellung gelingt dir dies, zumindest bei mir, nicht. Die Erzähldistanz zum Protagonisten ist zu groß, sein Erleben ist m.E. der Schlüssel hierzu.

Viele Grüße,
Rob
 
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Wortkrieger-Team
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Lieber Proof,
hier schreibst du völlig anders als sonst.
Man ist versucht, die üblichen Kriterien anzulegen, dir zu sagen, szenischer schreiben, den Charakter intensiver abbilden, sowas alles, aber das würde an deinem Text, so wie ich ihn empfinde, vorbeigehen.
Und wie empfinde ich ihn? Als eine distanzierte, kühl berichtende, fast sezierende Schilderung, dass vielleicht in jedem ein Schuldiger, ein möglicher Amokläufer stecken könnte, er zu dem wird, wovor er am meisten Angst hat. Und ja, das ist schon eine sehr gruselige Idee.

Ich persönlich mag das gerne, manchmal ist es ja auch gut, wenn man über die Entstehung eines Verbrechens und Schuld schreibt, distanziert zu bleiben. Man empfindet die Tragik dieser persönlichen Entwicklung auf eine eigenartige Weise sehr stark zwischen den Zeilen in dieser nüchternen Aufzählung.
Allerdings gibt es zwei Dinge zu bedenken. Erstens hat dein Text noch ein paar Holperer. Vom Tipp- oder Rechtschreibfehler bis hin zu inhaltlichen Unklarheiten. Gut, manches an Unverständnis mag auch an mir liegen. Trotzdem, du kannst ja mal schauen.
Und der zweite Punkt, da bin ich mir momentan aber gar nicht so sicher, ich fühle mich zum Einen auf eine sehr eigenartige Weise an Ferdinand von Schirach erinnert, wenn ich diesen Text lese, andererseits stört mich dann die etwas schnoddrige Sprache, da denke ich manchmal, hier passt es nicht, überspannt den Bogen. Aber das ist im Moment vielleicht auch ein sehr vages Gefühl, was sich wieder ändern kann oder ich lege blöde Maßstäbe an, ich weiß es grad nicht.

Wie auch immer, ich finde es jedenfalls mutig und wichtig, eine Sache mal anders anzugehen. Mir gefällt es insgesamt.

Ich mach mal noch paar Details, wo ich einen Vertipper gefunden habe, oder was nicht verstehe oder holprig fand, wie immer, nimm, was dir richtig erscheint.

Dirk sagte damals zu Michael: Jetzt geht die Scheiße hier auch los. Da hast du dir ja einen Beruf ausgesucht. Michael hatte entgegnet, bei allem Entsetzen, bei aller Tragik, das dürfte wohl einmalig bleiben.
Da hätte ich PQP eingesetzt: Damals hatte Dirk zu Michael gesagt ...
ich denk mal, erleichtert schneller die zeitliche Orientierung.

ein Bild der Büste von Kaiser Nero, bei der man seinen Bart für ein Doppelkinn halten konnte, und jemand sagte: „Sieht aus wie ...“, und die Klasse lachte über das arme Schwein, dessen Name gerade gefallen war.
Okay, das ist natürlich sehr herausgehoben. Man weiß oder ahnt, das wird wichtig werden. Das finde ich aber nicht schlimm, ich finde es nur holprig präsentiert. Liegt an dem Relativsatz, den du da eingeschoben hast. "Bei dem ..." das klingt nicht gut. Das würde ich irgendwie umgehen oder vielleicht sogar weglassen.
Außerdem liegt das Holpernde aber auch daran, dass du vorher diese Aufzählung machst über die Indizien und Anzeichen. Eine Büste allein ist aber kein Anzeichen oder Indiz, sondern nur die Bemerkung, der Vergleich oder die Reaktion des Betroffenen ist es. Und das geht durch deine Satzkonstruktion unter und schließt sich dadurch nicht flüssig genug an.
Vielleicht so: Seitdem achtete Michael auf jedes Zeichen, jeden Stillen ohne Freunde, jede Kränkung, jedes Pickelgesicht in der letzten Reihe, das tote Bäume in seinen Notizblock kritzelte, jede Spuckkugel im Haar, jede fiese Bemerkung, jeden Vergleich eines armen Schweins mit der Büste von Kaiser Nero, die über dem Schulportal hing.

Michael merkte sich all das nicht, um den Geächteten zu helfen.
Das geht mir zu schnell, es braucht vielleicht nicht viel, nur sehr wenig, aber ein Lehrer, dem sowas auffällt, der bemüht sich doch darum, den armen Tröpfen zu helfen, vielleicht stellvertretend für ihn selbst. Aber er tut es in aller Regel, um es dann aufzugeben. Abgeklärt und desillusioniert. Und das geht hier so komplett unter.

Er war seit zwanzig Jahren Lehrer. Die Gemeinheit von Kindern und Jugendlichen war wie Krebs. Er lässt dich nur denken, du hättest ihn kleingekriegt, um über dein dummes Gesicht zu lachen, wenn er zurückkommt.
Der Vergleich mit dem Krebs ist stark. ich hatte nur Schwierigkeiten, den Krebs und den nachfolgenden Satz zusammenzukriegen. Du hast grammatikalisch alles richtig gemacht, kannst ja trotzdem mal prüfen und gucken, ob noch andere drüberfliegen, und ob du ggf eine andere, eindeutigere Verbindung hinkriegst.

Den Ausgestoßenen war nicht zu helfen, soviel hatte er inzwischen in der Schule gelernt. Genauso gut hätte er versuchen können, Gewitter abzuschaffen.
Ja genau, sowas meine ich, da hätte ich mir vorher irgendwas gewünscht, eine Maßnahme, einen Versuch.

Das alles war er nicht bereit, gegen das große Gar nichts zu tauschen, jedenfalls nicht jetzt schon und nur, weil er nicht richtig hingesehen hatte.
das große Garnichts

Abitur und Studium und das bei ihren Eltern, der Glasmüll meist alles braun.
Bedeutet das, die Eltern haben viel Alkohol getrunken? Aber sind denn die Flaschen mit Alkohol alle braun?

Als Dirk drei Jahre rein musste wegen des Überfalls auf diese schmierige Bargeld-auch-für-Zahngold!-Bude, hatte Michael ihn in der JVA besucht.
Das rein ist ein kleines Beispiel für eine umgangssprachliche Formulierung, die mir nicht zu passen scheint.

Da hatte Dirk gesagt, er sei jetzt auch Beamter, ihm zahlt fast alles der Staat.
ihm zahle
Auch wenn Dirk sich sicherlich nicht in gewählten Konjunktiven ausdrücken würde, Michael tut das bestimmt. Und der Erzähler schon gleich. :)

Wenn sie sich heute sahen, lange nach Dirks Auszeit, sagte Michael: „Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können. Ich weiß auch nicht, ob das schon immer so war oder ob das nur heute so ist. Aber ich hab echt Angst, dass ich da irgendwann meinen Monolog halte über das Sozialgefüge des Mittelalters und dann knallt es auf einmal auf dem Flur oder einer steht einfach auf und schießt mir in den Bauch, da verreckt man ganz langsam und elendig.
Mögliche Streichkandidaten

Und in jeder Klasse und in jedem Kurs sitzt einer, dem traue ich's zu. Ein paar von den Mädchen auch. Die eine hat ein riesen Feuermal im Gesicht, die nennen sie Fleckenteufel.
zu umgangssprachlich

Sie ist immer cool KOMMA aber ich sehe das in ihren Augen, dass sie gerade stirbt drinnen und am liebsten mit einer Planierraupe über die Schule würde.
Tarek, klug aber stank nach Schweiß.
entweder aber er stank nach Schweiß
oder: Tarek, klug, aber nach Schweiß stinkend.

Dirk hatte Recht gehabt, irgendwie kommst du dran. Ein Jäger als Kumpel beim Mountainbiken, ein paar Bier nach einer langen Strecke und du schläfst einfach nicht als Erster ein und greifst zu.
Ich kapiere die Bezüge überhaupt nicht. Weiß nicht, auf was und wen sich das hier bezieht.

Michael wusste nicht, wie viele oder wer in Klasse es so oder so ähnlich gemacht hatte, aber er wusste, dass er nicht erschossen werden wollte.
Nicht nur sehr umgangssprachlich, sondern was meist du denn hier? Einen Amoklauf?

Sie dachte KOMMA jeder, der Augen hat, guckt sie an, immer.
dann überlebte er vielleicht KOMMA aber saß im Rollstuhl und das war es dann mit dem Mountainbike fahren.
Michael wollte leben. Seinetwegen sollten sie die neue Haftbefehl nicht indizieren.
Ich verstehe das nicht.

Bis die Tage, Proof
 
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28.12.2009
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Hallo @Proof,

ungewöhnlicher Text von dir. Du hast immer so realistische Settings, die so unverfroren beiläufig daherkommen, und dann einem danach die Schuhe ausziehen. Da passieren ja oft ungeheuerliche Dinge, die man aber erst ganz langsam wirklich begreift, das macht deine Horrortexte so untergründig und gut. Hier, dieser neue Text, der wirkt auf mich eher wie eine Meditation über ein brennend wichtiges Thema: Amoklauf, oder wie kann es dazu kommen, was sind die Mechanismen? Du näherst dich aus der Sicht des Lehrers, der nicht ausgeliefert sein will, der vorbereitet sein will, und im Grunde ist er über diese Resignation und auch Vorsicht schon paranoid geworden.

Du hast dich hier gegen eine strikt szenische Erzählweise entschieden.

Dirk zog ein enttäuschtes Gesicht, wenn Michael inzwischen über die Schule redete. Er war damals so stolz gewesen auf den kleinen Bruder. Abitur und Studium und das bei ihren Eltern, der Glasmüll meist alles braun. Als Dirk drei Jahre rein musste wegen des Überfalls auf diese schmierige Bargeld-auch-für-Zahngold!-Bude, hatte Michael ihn in der JVA besucht. Da hatte Dirk gesagt, er sei jetzt auch Beamter, ihm zahlt fast alles der Staat.
Das ist sehr stark, da würde ich gerne mehr von lesen. Ich möchte auch erfahren, wie die miteinander umgehen, in welcher Atmosphäre das stattfindet, das wirkt hier etwas zu knapp und kurz, um sich richtig entfalten zu können. Mir fehlt einfach ein wenig den Prozess, den Michael nimmt, bevor er so richtig paranoid wird. Ich denke auch oft, wenn ich die Zeitung lese, meine Güte, ab sofort nimmst du deinen Revolver mit - aber es gehört dann noch mal mehr dazu, das auch wirklich zu tun. Ich glaube deinem Protagonisten diese Entwicklung, nur würde ich sie gerne bewiesen sehen, da müsste mehr Strecke sein. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie er an den Revoler kommt? Einem Jägerkumpel, der nach ein paar Bier eingeschlafen ist, den Revolver klauen - warum hat der den bei einer Radtour dabei, das ist illegal? Und man müsste das sofort bei der Polizei melden, du kommst in Teufels Küche, wenn sie bei einer Überprüfung deinen Tresor aufmachen und da fehlt eine Waffe, die in der WBK steht.

Im Text wird ja implementiert, dass Amokläufe sich aus einer extremen Form des Mobbing entwickeln, dass die Täter also durch die Umstände zu dem gemacht werden. Ich weiß nicht, ob man das immer so sagen kann. In Columbine kam vieles mehr hinzu, ich hatte da so ein Sachbuch gelesen, Amok im Kopf, da geht es so um die These, dass diese beiden Typen erst aufeinandertreffen mussten, um sich dann so dermaßen zu radikalisieren, das sind Dynamiken und Effekte, die man wahrscheinlich noch gar nicht richtig verstanden hat. Vielleicht wäre es wahrscheinlicher, dass so ein Lehrer sich auch nach so etwas umsieht; wer mit wem abhängt, und was die so lesen und tun und auf was die steil gehen. Es müsste da einen kontrollierenderes Ich geben, vielleicht auch mehr Innensicht, so bleibst du halt stark auf Distanz, was ja sicherlich auch so gewollt ist. Aber bei aller Lakonie würde ich mir hier mehr wünschen von deinen Figuren, weil das Thema eben so spannend und im Grunde auch selten ist.

Gruss, Jimmy
 
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Die Geschichte ist gut geschrieben, die Wandlung des Lehrers vom einst gelassenen Lehrer zu dem paranoiden Menschen am Ende deiner Geschichte wirkt glaubwürdig.
Allerdings war ich enttäuscht, dass am Ende gar nichts passiert ist, da die Geschichte unter der Kategorie Horror gepostet wurde, hatte ich irgendwie erwartet, dass der Lehrer selbst zum Amokläufer wird, beispielsweise, weil ein Schüler in seine Tasche greift und einen Füller herausnehmen will, und dann schießt der Lehrer, der wegen seiner wachsenden Paranoia immer eine Waffe in der Tasche hat oder so.....
Das hätte die Geschichte richtig interessant gemacht, wenn der Lehrer durch die Angst vor seinen Schülern (für ihn könnte ja jeder ein potenzieller Amokläufer sein) selbst zum Mörder wird.
Vom Ende war ich sehr enttäuscht, eben weil gar nichts Besonderes passiert ist, bei der Paranoia des Lehrers hatte ich echt erwartet, dass er total austickt und zumindest einen Schüler tötet.
Aber dein Schreibstil ist gut, man kann sich beim Lesen gut vorstellen, wie der Lehrer sich vor seinen Schülern immer mehr fürchtet.
 
Senior
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Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können
und ggfs. bleiben werden, wobei mancher erst mit der Zeit seine dunkle Seite entdeckt,

lieber oder doch böser, böser @Proof!

Nun, Du merkst, ich verzichte mal wieder auf meinen Verzicht auf „Horror“ zu verzichten, weil „Amok“ eine historische Dimension hat und das Wort erstmals im 16. Jh. im europäischen Sprachraum auftaucht für eine eigentlich auch in Europa bekannte Verhaltensweise aus dem Malaiischen „amuk“ (≈ „im Kampf sein Letztes geben“*, nach anderer Auffassung „Wut“**) kommt. Beobachtet hatte man nämlich, dass die Kampftaktik der Krieger in eigener Todesverachtung und mit eben dem Kampfruf „amuk“ auf Gegner stürzten und ob des eigenen Todesmutes oft genug den Gegner in die Flucht schlugen. Dabei verdrängte man, dass dieses Verhalten eine uralte Taktik ist, wenn auch unsere Vorfahren sich vorm Gefecht besoffen und vor dem Schlachten erst den Kriegslärm setzten, indem neben dem eigenen Gebrüll das Schwert gegen den Schild gehauen ward. Und spinne ich den historisch-sprachlichen Faden fort, wäre es an sich eine Opfer sparende Methodik und das Wort ein Missgriff für individuelle Störungen, die allein mit der zwoten Variante zu übersetzen wäre und allein den Schrecken übrig ließe. Aber schon die Römer ließen sich nur einmal erschrecken ...

Ansonsten – alles schon gesagt neben der Flusenlese durch Novak, da kann es jetzt zu Doppelungen kommen. Zwomal genäht hält dann auch besser. Aber die Zahl der Flusen zeigt eigentlich an, dass es ein Schnellschuss (um im Jargon zu bleiben) von Dir war.

Michael hatte entgegnet, bei allem Entsetzen, bei aller Tragik, das dürfte wohl einmalig bleiben.
Indirekte Rede, besser Konj. I, „das dürfe“, bei Konj. II spricht der Autor, der an Michaels Entgegnung zweifelt ...

Für seine Tour de Tod durch Winnenden benutzte er die Waffen seines Vaters.
„Tour de Tod“ klingt wie Pidgin oder doch deutsch-kreolisch, wenn welsche und deutsche Brocken vermengt werden … Klar, „tour de meurtre“ (letzteres klingt ungefähr „de mördre“, könnte also jeder "verstehen")

Das alles war er nicht bereit, gegen das große Gar nichts zu tauschen,…
„Garnichts“

Da hatte Dirk gesagt, er sei jetzt auch Beamter, ihm zahlt fast alles der Staat.
Da spricht wieder der Autor, lass doch Dirk weiter indirekt sagen „zahle“

Sie ist immer cool[,] aber ich sehe das in ihren Augen, dass sie gerade stirbt drinnen und am liebsten mit einer Planierraupe über die Schule würde
Und ich hab gedacht, jetzt ist es soweit. Irgendwann ist es so weit.
Das erste Mal ist es so wenig Konjunktion wie im korrekten zwoten Versuch … Empfehlung von mir, wenn Probleme zwische Konjunktion oder unbestimmter zeit/örtlicher Angabe: Immer auseinander schreiben, die Konjunktion wird so selten gebraucht, dass die Fehlerquote von 0,9 auf 0,1 sinkt.

Die 10c war eine solche Klasse, ….
...
Sein Daumen glitt über den Rand eines Stapels Klassenarbeiten aus der 8a.
Üblicherweise mit Leerzeichen zwischen Jahrgang und Repräsentanten des Alfabets, ausgerechnet bei einer Realschule („Eifel…“) find ich aber – gewesener Realschüler aus‘m Pott – Deine Schreibweise. ...

Sie dachte[,] jeder, der Augen hat, guckt sie an, immer.
Kann nur indirekte Rede sein, also besser Konj. I. Wäre es direkte Rede (was ja beim Denken eher ein stiller Vorgang ist) stünde dort ein anderes Personalpronomen ...

Manuel. Der hatte es gesagt, in der Sechsten, als Kaiser Nero Thema gewesen war.
„sechsten“, weil eigentlich die verkürzte „sechste“ Klasse. Warum nicht wie bei der „8 a“ kurz „6.“!?

Und jetzt wollten sie ihm zur Krönung in den Bauch schießen oder in den Kopf oder in den Rücken, dann überlebte er vielleicht[,] aber saß im Rollstuhl und das war es dann mit dem Mountainbike fahren.
Die beiden Nebensätze rufen nach dem „aber“ eigentlich nach Konj., was sich fürs „überlebte“ ja schon andeutet in der Identität Prät. = Konj. II, wobei der Konjunktiv nix mit der Zeitenfolge zu tun hat und eher eine Art grammatischer Wahrscheinlichkeitsrechnung ist zwischen 0 (irreal, Lüge) und 1 (real, Wahrheit) und den Wahrscheinlichkeitsgraden dazwischen (weniger oder mehr möglich, wahrscheinlich)

Seinetwegen sollten sie die neue Haftbefehl nicht indizieren.
Da rangen in Deinem Kopf Singular und Plural miteinander ...

Wie dem auch wird, heißes Thema seit der Steinzeit und wahrscheinlich noch früher ...

bis bald

Friedel

* Amok

** Amok, beides vom gleichen Tag zitiert, wobei hier eine Reduktion vorgenommen wird zu „eine[r] kulturspezifische[n] psychische[n] Störung in Malaysia, den Philippinen, Java und Teilen Afrikas, die eher bei Männern als bei Frauen auftritt“
 
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10.09.2016
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Hey @Proof ,

Er war seit zwanzig Jahren Lehrer. Die Gemeinheit von Kindern und Jugendlichen war wie Krebs. Er lässt dich nur denken, du hättest ihn kleingekriegt, um über dein dummes Gesicht zu lachen, wenn er zurückkommt.
Wenn du hier im Präteritum bleiben würdest, dann sagt es für mich mehr Michael als der Erzähler, was ich hier gut gefunden hätte.

Insgesamt finde ich die Idee auch sehr spannend und auch wie du das erzählst, mit deinem eigenen Ton, den drastischen Vergleichen etc., dem grenzwertigen Humor (der die schwierige Gratwanderung in der Regel besteht).
Tatsächlich, glaube ich, ist mein Problem mit dem Text, dass der Tonfall, den ich einerseits spannend finde, für mich andererseits nicht zum Thema passt. Da würde ich es mir reduzierter und näher an Michaels Wahrnehmung wünschen.

So kurz
Carlo
 
Senior
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01.09.2005
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Moin,

ich starte allgemein. Das hier ist so eine "Geil, das probiere ich jetzt auch"-Geschichte. Eigentlich bin ich aus dem Alter raus, aber manchmal packt es mich. Ich hab mich an Brian Keene orientiert, der hat so ein paar Storys, zwei, drei Seiten lang, in denen nichts Nennenswertes (in Sachen Horror) passiert, Rasenmähen oder so oder die Katze ist gestorben, und im letzten Absatz ist der Erzähler dann ein Serienkiller oder was auch immer. Tatsächlich waren in der Anthologie, die ich von Keene gelesen habe, mehrere Einträge dieser Machart, sodass man irgendwann denkt, schon auch ein bisschen One Trick Pony jetzt, aber es ist eigentlich immer effektiv und macht Spaß.

Vor allem gefallen hat mir der Beschwerdebrief eines Senior Citizen, der sich über die unmögliche Belegschaft eines nahen Supermarktes aufregt, und zum Schluss heißt es, mal verkürzt, und darum habe ich dann meinen Army-Revolver vom Dachboden geholt und jetzt sind sie alle tot, es tut mir leid wegen der Unordnung im Geschäft, mit freundlichen Grüßen etc. Diese Geschichte ist voller Szenen, ohne dass sie tatsächlich im klassischen Sinne auserzählt werden, und ich behaupte mal, das ist hier auch so. Du hast einen Lehrer, der vor einer Klasse steht, die einen Test schreibt, einen Besuch im Gefängnis, eine Geschenkübergabe nach dem Referendariat, nur eben alles nicht mit Situationsbeschreibung und Dialog, wie man das gerade in der Unterhaltungsliteratur bei neun von zehn Geschichten hat. Auch, weil es eben sehr kurz ist. Der Drang, in der Form mal etwas ganz Bestimmtes auszuprobieren, überwog hier die Beschäftigung mit dem Inhalt. Zuerst jedenfalls. Das hat mit Sicherheit nicht perfekt geklappt, wann tut es das schon, aber die Geschichte nachträglich zu "verszenen", würde halt voll an dem vorbeigehen, was ich wollte.


@AWM:

Der Titel ist super
Auf die Gefahr, dass es blöd klingt: Finde ich auch. Dabei war das so ein Münzwurf. Zuerst hieß die Geschichte Irgendwann Schüsse. Dann fiel mir Irgendwann werden sie kommen von @jimmysalaryman ein. Ich dachte, es könnte vielleicht so aussehen, als würde ich seinen Titel kopieren. Beim Drüberlesen auf der Suche nach einem anderen sprang mich dieses Zitat an, dass die Story ja auch echt gut zusammenfasst. Erst zwei Tage später fiel mir auf, dass der Rhythmus derselbe ist wie ...

Das ist ja den meisten Lesern bekannt und auch nicht mehr aktuell.
Aber für die Figuren in der Geschichte ist das zu dem Zeitpunkt hochaktuell. Ich könnte abkürzen mit "nach Erfurt" oder so, da werden aber andere sagen "Häh? Erfurt? Ägypten?" Man muss ja immer auch entscheiden, wie viel man als bekannt voraussetzt. Mir schien das hier das sicherere Pferd.

Erstens grammatikalisch wegen des "jeden"
?

Die Kausaltität war mir hier erst nicht klar.
Ich finde den Absatz lesefreundlicher.

Fände es gut, wenn du dich da auf ein zwei konzentrierst und sie uns näherbringst.
So richtig hat die Geschichte nur einen Charakter, das ist Michael. Der Rest ist Kanonenfutter.

Das liegt glaube ich an dem wiederholten glitt.
An der Stelle habe ich kurz vor VÖ noch geschraubt, so ist das glaube ich passiert. Ich mache beim zweiten Mal strich.

Und hier liest sich das, als ob er den zum ersten Mal in seiner Tasche entdeckt.
Das'n Punkt!


@Rob F:

Ich vernehme in deiner Kritik hauptsächlich den Ruf nach "klassischen" Szenen, hoffe, es ist okay, wenn ich an dieser Stelle einfach mal aufs Intro verweise. Falls das damit nicht geklärt ist, melde dich einfach nochmal, will dich hier nicht abspeisen.


@Novak:

hier schreibst du völlig anders als sonst.
Jupp.

Als eine distanzierte, kühl berichtende, fast sezierende Schilderung, dass vielleicht in jedem ein Schuldiger, ein möglicher Amokläufer stecken könnte, er zu dem wird, wovor er am meisten Angst hat.
Vielleicht hatte ich das im Kopf, nur anders gefasst: "Und dann Peng! Ist aber der LEHRER der Amokläufer! Ha! Das ist der Hammer! Hoffe ich."

Wie auch immer, ich finde es jedenfalls mutig und wichtig, eine Sache mal anders anzugehen. Mir gefällt es insgesamt.
Danke!

Man weiß oder ahnt, das wird wichtig werden.
Das finde ich spannend, weil du das ja nicht als Erste sagst. Dieser Rückgriff auf die Nero-Büste hat sich entwickelt, das war nicht geplant, als sie das erste Mal auftauchte. Jetzt frage ich mich: Wenn ich sie am Ende rausnehme und jemandem die Geschichte zeige, sagt der dann, hier hätte ich erwartet, dass das nochmal eine Bedeutung bekommt, das wird so herausgehoben?

Liegt an dem Relativsatz, den du da eingeschoben hast.
Ich könnte einen eigenen draus machen, aber ganz weglassen, das Doppelkinn brauche ich ja schon.

Eine Büste allein ist aber kein Anzeichen oder Indiz,
Ich koppele es mal vom Rest ab.

Und das geht hier so komplett unter.
Es sind ja zwei Jahrzehnte im Job vergangen, bis er zu diesem Schluss gelangt ist. Steter Tropfen. Vllt baue ich ein besonders prägendes Beispiel ein, das ihn das Handtuch hat werfen lassen.

kannst ja trotzdem mal prüfen
Konjunktiv? Er ließ dich nur denken ...

eine Maßnahme, einen Versuch
s.o.

Aber sind denn die Flaschen mit Alkohol alle braun?
Nee. Ich dachte an in Deutschland in der Mehrheit braune Bierpullen.

Mögliche Streichkandidaten
Stilistisch hast du eigentlich recht, aber gesprochen ist Sprache ja oft aufgebläht, weil man die Sätze nicht nachträglich feilt, sondern sie raushaut, wie sie einem durch den Kopf gehen.

zu umgangssprachlich
Er ist Akademiker, aber da reden zwei Brüder miteinander.

sondern was meist du denn hier?
Wer wusste, wie viele Kinder bereits auf ähnlichem Wege an eine Waffe gekommen waren.

Ich verstehe das nicht.
Haftbefehl? Der Rapper? Das neue Album von Haftbefehl = "Die neue Haftbefehl"

Vielen Dank für eure Kritiken, Kommentare, Korrekturen!

Später mehr!

@jimmysalaryman:

Das ist sehr stark, da würde ich gerne mehr von lesen.
Das höre ich ab und an und grundsätzlich freut mich das auch, aber man trifft ja immer auch die Entscheidung, wo man den Schwerpunkt setzt. Für mich war das in dieser Version der Geschichte die "Der Lehrer ist es!"-Pointe, da habe ich mich drauf konzentriert und mich an anderer Stelle kurz gefasst.

Mir fehlt einfach ein wenig den Prozess, den Michael nimmt, bevor er so richtig paranoid wird.
Ich hab das schon stark verkürzt. Man könnte auch sagen: Ein bisschen einfach gemacht. In der erwähnten Geschichte mit dem Supermarkt-Amokläufer ist es eine finale Krebsdiagnose, die das Fass zum Überlaufen bringt. Das wird nicht gesagt, aber das steht zwischen den Zeilen. Vllt brauche ich sowas in der Art auch. Oder eine Handvoll Zwischenfälle mit rabiaten Schülern.

Einem Jägerkumpel, der nach ein paar Bier eingeschlafen ist, den Revolver klauen - warum hat der den bei einer Radtour dabei, das ist illegal? Und man müsste das sofort bei der Polizei melden, du kommst in Teufels Küche, wenn sie bei einer Überprüfung deinen Tresor aufmachen und da fehlt eine Waffe, die in der WBK steht.
Das habe ich nicht erwähnt, ich dachte, das steckt in den "paar Bier" drin, dass sie die bei dem Jäger zu Hause getrunken haben und nicht während der Tour. Das könnte ja zu dem Zeitpunkt erst ein paar Tage her sein und der Jäger sucht den wie Bolle und ist peinlich berührt, weil er denkt, er hat die Waffe besoffen verlegt, da will er erst sicher gehen, bevor er Alarm schlägt.

Ich hab aber beim Schreiben tatsächlich gedacht, was du wohl zu der Stelle sagen würdest, nachdem du hier vor Kurzem erst eine Geschichte mit Jagd-Setting auseinander genommen hast. Ursprünglich hatte Michael die Waffe von Dirk bekommen. Dann dachte ich, dass der das doch merken muss, dass der Bruder immer merkwürdiger wird, und dann fragt er auch noch nach 'ner Knarre. Das mit dem Jagdrevolver schien mir - relativ - nachvollziehbar. Sagen wir nachvollziehbar mit Schwächen.

dass Amokläufe sich aus einer extremen Form des Mobbing entwickeln, dass die Täter also durch die Umstände zu dem gemacht werden. Ich weiß nicht, ob man das immer so sagen kann.
Kann man nicht. Terroristen, Serienkiller, Amokläufer: Das ist immer ein Geflecht von Ursachen, im Nachhinein der Perfect Storm, aber eben erst dann. Da geht bestimmt auch mal einer zum Hassprediger, kommt hinterher raus, zuckt die Schultern und denkt: Pf, was für'n Spinner. Und das, obwohl er doch drei anderen Punkten in seinem Psychogramm zufolge absolut anfällig sein müsste für den Scheiß.

Da liegt so eine gewisse Ironie drin, dass Michael diese vereinfachten Begründungen erwähnt: Wir indizieren das neue Far Cry und geben Slipknot Auftrittsverbot, dann kann das nicht mehr passieren. Dann bedient sich die Story aber selbst einer solch einfachen Begründung: Verdächtig ist, wem sie mal ein Furzkissen auf den Stuhl gelegt haben. Einerseits könnte das an Michaels Paranoia liegen, aber andererseits müsste er die Werdegänge und Theorien zum Antrieb von diversen Schul-Amokläufern natürlich auswendig können.

@Elbenkönigin:

wurde, hatte ich irgendwie erwartet, dass der Lehrer selbst zum Amokläufer wird,
"Da steht einer auf und das war's." - "Er stand auf."

Manchmal lässt man das Blut spritzen, manchmal überlässt man das komplett dem Leser. Es gibt Leute, die finden die zweite Variante immer besser. Ich mache beides gern und lasse die Geschichte entscheiden. Hier war's Tür zwo. Und wo ich da gerade bin:


@Friedrichard:

ich verzichte mal wieder auf meinen Verzicht auf „Horror“ zu verzichten
Verzicht ist die stete Lösung der Genarbten.

...

Hör auf zu googeln, ich hab's mir gerade ausgedacht.

weil „Amok“ eine historische Dimension hat und das Wort erstmals im 16. Jh.
Hast du eigentlich schon mal im Zugabteil Smalltalk gehalten, bist aufs Klo und als du zurückkamst, hielt einer die Tür von Innen zu?

„Tour de Tod“ klingt wie Pidgin
Ich like den Sound.

Immer auseinander schreiben, die Konjunktion wird so selten gebraucht, dass die Fehlerquote von 0,9 auf 0,1 sinkt.
Der ist notiert!

Üblicherweise mit Leerzeichen zwischen Jahrgang und Repräsentanten des Alfabets,
Sicher? Ohne gibt mehr Suchergebnisse, auch von Schulen ...

Da rangen in Deinem Kopf Singular und Plural miteinander


Vielen Dank euch allen dreien und Carlo ... du bist der Nächste!


@CarloZwei:

Wenn du hier im Präteritum bleiben würdest, dann sagt es für mich mehr Michael als der Erzähler, was ich hier gut gefunden hätte.
Good point!

Zu dem Rest kann ich jetzt nicht viel sagen, das ist ja so ein Eindruck, aber trotzdem vielen Dank auf jeden Fall!
 
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Hallo @Proof

die Grundidee der Geschichte ist sehr cool gewählt. Der Täter in der Schule ist klassischerweise immer der Schüler, und genau damit spielst du. Nachdem ich deinen Kommentar gelesen habe, verstehe ich jetzt auch besser warum du diese spezielle Art der Erzählweise verwendest. Und ich bin da bei dir, dass die für so kleine in sich geschlossene Erzählungen sehr gut funktionieren kann. Es muss ja nicht alles immer "szenisch" sein.

Dennoch glaube ich, dass in deiner Geschichte der stetige Perspektivenwechsel einen gewissen Strich durch die Rechnung macht. Am Anfang wird für mich gar nicht klar, wessen Gedanken du widerspiegelst (Dirk oder Michael), dann wechselst du in die Sicht von Michael und dann wieder zu Dirk. Nur um am Ende wieder zu Michael zu wechseln. Das kann man machen, aber dann muss das IMHO deutlicher herausgestellt werden, was mit deinem Anreißen von Handlungssträngen wiederum nicht gut vereinbar ist.

Mein Vorschlag wäre hier: Konzentriere dich auf einen Perspektive (am besten die von Michael). Auch hier kannst du den Erzähler ja verwirren.

Beispiel: Dirk und Michael sitzen beide im Knast. Dem Erzähler kannst du zuerst wieder vermitteln, dass es so wie immer ist. Michael besucht seinen Bruder. Dann lässt du die Erzählung aus Michaels Sicht entfalten. Wie schlimm die Kinder mittlerweile geworden sind. Erst am Ende erkennt man, wie vertauscht die Rollen sind. Michael hat gerade die halbe Klasse erschossen. Er ist nicht Besucher, sondern Insasse.

All das würde auch mit einer indirekteren Erzählweise und den Stilmitteln funktionieren, die du verwendet hast. Es würde aber gleichzeitig dem Leser ein wenig Verwirrung bzgl. Perspektive nehmen.

Anderer Punkt: Ich bin mir am Ende nicht ganz klar bzgl. Michaels Motivation gewesen. Erschießt er jetzt die Kinder aufgrund seiner gestiegenen Paranoia, oder weil er nachhaltig von ihnen in seiner Ehre verletzt wurde? Den Großteil der Geschichte deutest du auf ersteres hin. Das Ende mit dem Wink auf das Doppelkinn lassen aber letzteres vermuten. Und für mich sind das zwei unterschiedliche Dinge. Bei der Paranoia würde der Charakter aus einem Angstreflex heraus handeln. Beim Doppelkinn reden wir eher über angestaute Wut durch eine soziale Ausgrenzung (im Grunde Mobbing).

Den Lehrer als gemobbtes Opfer handeln zu lassen, hätte vermutlich am Ende den größeren Effekt auf den Leser. Da man hier eher die Brücke zum typischen Amokläufer ziehen kann. Dann hätte ich mir aber gewünscht, dass du diesen Punkt stärker in den Vordergrund bringst. Zum Beispiel indem du weniger auf das Gewaltpotenzial "bewaffneter" Schüler eingehst, und mehr auf den psychischen Terror, der in der Schule verbreitet wird. Den schneidest du mit deiner berühmten Aufzählung zwar an, aber beschreibst zu wenig Michaels Abneigung dagegen.

Alles klar, soviel von mir. Danke fürs Teilen der Geschichte.

Viele Grüße,
Ben
 
Senior
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01.09.2005
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996
Hallo @Ben Camp,

der stetige Perspektivenwechsel
Der erste Absatz ist streng genommen auktorial, wobei ich den eigentlich auch durch Michaels Brille sehe. Am Ende dann ein Satz Innenansicht Ellie, der aber auch von Michael stammen könnte, weil er sich so viel mit den potenziellen Amokläufern beschäftigt. So viele Wechsel sind das gar nicht, ich selbst hatte wie gesagt sogar gar keinen im Kopf.

und dann wieder zu Dirk.
Der Gefängnisbesuch? Da wird Dirk doch durch Michael betrachtet?

Er ist nicht Besucher, sondern Insasse.
Das ist tatsächlich eine ziemlich coole Idee, aber irgendwie auch eine andere Geschichte. Oder sagen wir, diese Pointe macht eine eine andere Schwerpunktsetzung innerhalb der Geschichte notwendig.

Erschießt er jetzt die Kinder aufgrund seiner gestiegenen Paranoia, oder weil er nachhaltig von ihnen in seiner Ehre verletzt wurde?
Beides offenbar.

Und für mich sind das zwei unterschiedliche Dinge.
Einerseits ja, andererseits wären wir da wieder beim Warum, wobei sich die Antwort eben aus mehreren, miteinander verwobenen Darums zusammensetzt.

mit deiner berühmten Aufzählung
Berühmt ist glaube ich ein bisschen viel des Guten.

Vielen Dank für deine Kritik!
 

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