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Ein Mann mit Format

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26.08.2002
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Anmerkungen zum Text

Eine Miniatur: satirische Glosse

Ein Mann mit Format

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Als der ehemalige Sozi und Greenpeace-Aktivist Andreas Böglmeier unabsichtlich den Schreibtisch seiner 18-jährigen Tochter Flavia durchsuchte, fand er eine aus der FAZ ausgeschnittene und mit Herzchen bemalte Heiratsanzeige und konstatierte schon nach wenigen Zeilen, dass die Zivilisation womöglich aus dem Gleichgewicht geraten war.

«Er sucht Sie - kein Jet-Set! ER ist einer unserer jungen, dynamischen Top-Männer deutscher Unternehmerelite, Anfang 30 und 182 Zentimeter groß. Mit einem Wort: ein junger Weltmann, unbeeindruckt von Neid und öffentlicher Kritik. Durch sein von ihm geführtes Familienunternehmen hat er sich einen eigenen Namen gemacht, der die lange Tradition verantwortungsvoller Herkunft auf moderne Weise fortführt – kreativ und mit sozialem Gewissen! Dennoch ist er niemand, der ständig mit Moral anfängt. Seine weltmännische Souveränität lässt ihn jede Situation mit Lachen meistern: ob bei Diskussionen über die Ursachen der zu hohen Kindersterblichkeit in Afrika, bei Rechtsstreitigkeiten wegen Grundwasserverseuchung oder beim Sektempfang im Rathaus vor Ort – sein Snobismus, charmant in gelassener Nachsicht verpackt, sollte ihr Herz im Nu gewinnen! Seine intelligent vor dem Finanzamt ins Ausland geretteten Kapitalerträge machen ihn zudem unabhängig von politischem Gezänk im Heimatland.»

Böglmeier hielt inne und besann sich, dass es ihm stets wichtig gewesen war, oppositären Argumenten nicht ganz verschlossen zu begegnen. Dann seufzte er und las weiter.

«Traditionsbewusstsein und Familiensinn lassen ihn auf die Frau mit Klasse hoffen, die globalorientiert gleichermaßen Luxus und ein aktives Society-Life international und «en famille» genießt. DIE FRAU an seiner Seite … forever! Sie sollte perfekt und zufrieden aussehen, akustisch nicht aus dem Rahmen fallen – women are to be seen, not to be heard – und sich als seine Prinzessin auf Festen und Geschäftsessen präsentieren. Last but not least erwartet sie das Vergnügen, die Zukunft der Landeselite in die Welt zu setzen und zu formen.
Rufen Sie uns an! Gern auch Anfragen von Eltern, die ihre Tochter als Member of High Society sehen können!
Institut Pecunamore, im Winter 2025.»

Böglmeier schüttelte den Kopf, blickte einige Sekunden auf das Papier … und griff zu seinem Handy.

 

Hallo @FlicFlac ,

eine neue Satire. Fein, ich hab das Häppchen gern gelesen und bei dir weiß ich, dass du das Genre beherrschst, muss mir also keine großen Gedanken machen, ob Satire oder nicht.

Ein paar Dinge, die mir auffielen:

Als der ehemalige Sozi und Greenpeace-Aktivist Andreas Böglmeier
Und was ist er jetzt?
unabsichtlich
haha
durchsuchte,
klar, unabsichtlich :D nett gemacht.
und konstatierte, dass die Zivilisation womöglich aus dem Gleichgewicht geraten war.
Wie das? Weil er schon genau weiß, was in der Annonce steht? Heiratsanzeigen gab es schon immer. Und womit soll denn das Gleichgewicht gestört sein? Da müsste etwas mehr Futter rein, finde ich. Aber, so wie ich dich kenne, wirst du mir erklären, weshalb ich falsch liege.
«Er sucht Sie - kein Jet-Set!
Er sucht Sie würde mir komplett ausreichen, dass mit dem Jet-Set finde ich eher verwirrend und drüber.
Dennoch ist er niemand, der ständig mit 'Moral anfängt'
Diese Aussage finde ich nicht gelungen, an Moral würde ich bei diesem Heiratskandidaten ja nun gar nicht denken. Leider kann ich dir keinen Verbesserungsvorschlag machen, weil mir nichts einfällt, was du stattdessen nehmen könntest.
sollte ihr Herz im Nu gewinnen!
Gefühlt würde ich "ihr" hier groß schreiben.
Böglmeier hielt inne und besann sich, dass es ihm stets wichtig gewesen war, oppositären Argumenten nicht ganz verschlossen zu begegnen. Dann seufzte er und las weiter.
Dieser Zwischenschub, den du ja auch unter anderem aus stilistischen Gründen machst, ist mir zu verkürzt. Vielleicht noch einen Gedanken vorweg über Böglmeier und was er jetzt fühlt und denkt? In welcher Stimmung ist er?
Böglmeier schüttelte den Kopf,
Wenn er den Kopf schüttelt, aber zum Handy greift, dann soll ich am Ende Rätselraten machen, ob er für seine Tochter in dem Institut,

Institut Pecunamore, im Winter 2025.»
übrigens schön satirischer Name, anruft?
Um dann was zu tun? Sie zu beschimpfen? Oder das Ding für seine Tochter klarzumachen?
Mich irritiert nicht das offene Ende, sondern sein Kopfschütteln.


Lieben Gruß

lakita

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @lakita,

Herzlichen Dank für deine schnelle Kommentierung!

eine neue Satire. Fein, ich hab das Häppchen gern gelesen und bei dir weiß ich, dass du das Genre beherrschst, muss mir also keine großen Gedanken machen, ob Satire oder nicht.
Ja, danke, würde das Ganze als kleine satirische Glosse sehen. Also ja: für mich passt der tag. Ist jetzt nichts 'Literarisches', die 'Figuren' sind wieder, wie du es mal treffend beschrieben hast, keine echten 'fiktionalen' Personen, sondern Typen.

unabsichtlich
haha
Danke, solche kleinen Paradoxien mag ich. Ist schon die erste Selbstlüge.

und konstatierte, dass die Zivilisation womöglich aus dem Gleichgewicht geraten war.
Wie das? Weil er schon genau weiß, was in der Annonce steht? Heiratsanzeigen gab es schon immer. Und womit soll denn das Gleichgewicht gestört sein? Da müsste etwas mehr Futter rein, finde ich. Aber, so wie ich dich kenne, wirst du mir erklären, weshalb ich falsch liege.
Nö, dein Einwand ist berechtigt. Ich füge noch ein 'nach den ersten Zeilen' oder was ähnliches ein, wegen der chronologischen Logik. Danke für den Hinweis! Sehr exakt beobachtet.

Edit: schon erledigt :)

«Er sucht Sie - kein Jet-Set!
Er sucht Sie würde mir komplett ausreichen, dass mit dem Jet-Set finde ich eher verwirrend und drüber.
Das ist wegen des Paradox wichtig. Der Einstieg sagt "kein Jet Set", was folgt ist die Beschreibung eines typischen 'Jet Setters'.

Dennoch ist er niemand, der ständig mit 'Moral anfängt'
Diese Aussage finde ich nicht gelungen, an Moral würde ich bei diesem Heiratskandidaten ja nun gar nicht denken
Ja eben, Lakita. Das widerlegt die vorige Aussage, er hätte 'soziales Gewissen'. Sofort im nachfolgenden Satz. Und es heißt da ja auch eigentlich, dass er weniger mit Moral 'anfängt'/anfangen kann.

sollte ihr Herz im Nu gewinnen!
Gefühlt würde ich "ihr" hier groß schreiben.
Ja, könnt passen. bin noch unschlüssig.

Böglmeier schüttelte den Kopf,
Wenn er den Kopf schüttelt, aber zum Handy greift, dann soll ich am Ende Rätselraten machen, ob er für seine Tochter in dem Institut,
Das wollte ich offen lassen, aber höchstwahrscheinlich ruft er an, um seine Tochter 'anzubieten'. Das Kopfschütteln zeigte dann einen Rest inneren ("Sozi"-)Widerstands an, widerspricht der Handlung, die folgt. So ist das gedacht. Er lässt sich pragmatisch auf den Verrat seiner früheren Ideale ein.

Institut Pecunamore, im Winter 2025.»
übrigens schön satirischer Name, anruft?
Um dann was zu tun? Sie zu beschimpfen? Oder das Ding für seine Tochter klarzumachen?
Mich irritiert nicht das offene Ende, sondern sein Kopfschütteln.
Siehe oben. Er hat noch einen winzigen Widerstand, fügt sich aber anschließend (nur nach wenigen Sekunden) doch. Das habe ich angelegt durch die erste Entschuldigung, dass er ja immer 'oppositären Argumenten gegenüber nicht ganz verschlossen sein wollte' – Da 'legt er es sich schon zurecht'.

Herzlichen Dank dir!

Flic

 

Hallo @FlicFlac,

Satire muss drüber sein, ist klar! Ein paar Eindrücke:

und konstatierte schon nach wenigen Zeilen, dass die Zivilisation womöglich aus dem Gleichgewicht geraten war.
Das gefällt mir gut, trifft meinen Humor!
ER ist einer unserer jungen, dynamischen Top-Männer deutscher Unternehmerelite
Das Komma müsste in einem normalen Satz weg.
ein junger Weltmann, unbeeindruckt von Neid und öffentlicher Kritik.
Das ist so negativ, dass ich es mir in einer Heiratsanzeige natürlich nicht vorstellen kann. Du willst also krass überzeichnen.

Durch sein von ihm geführtes Familienunternehmen hat er sich einen eigenen Namen gemacht, der die lange Tradition verantwortungsvoller Herkunft auf moderne Weise fortführt – kreativ und mit sozialem Gewissen!
Auch hier überzeichnest du ähnlich, denn er hat sich seinen "eigenen Namen" vermutlich nur mithilfe oder aufgrund eines bestehenden Traditionsunternehmens machen können.
sein Snobismus, charmant in gelassener Nachsicht verpackt, sollte ihr Herz im Nu gewinnen!
Zielrichtung ist klar. Snobismus und Charme sind vielleicht keine Gegensätze, Snobismus verpackt in gelassener Nachsicht, mein lieber Scholli, du schilderst den Typen dermaßen
unsympathisch, aber kommt ja noch mehr:
Seine intelligent vor dem Finanzamt ins Ausland geretteten Kapitalerträge machen ihn zudem unabhängig von politischem Gezänk im Heimatland.»
OK, für mich ist das ein bisschen viel in dieselbe Richtung. Das Ende bleibt offen. Bin etwas unsicher. Gelesen habe ich es sehr gern.

Schönen Gruß

Jaylow

 

Dennoch ist er niemand, der ständig mit Moral anfängt.
Das stört mich irgendwie auch, ohne dass ich es klar begründen kann. Vielleicht, weil es eine Negation ist, und in positiven Präsentationen versucht man Negationen zu vermeiden. Oder weil danach sehr klar wird, dass er mit Moral als zu eindimensionalem Konzept nichts am Hut hat.

Seine intelligent vor dem Finanzamt ins Ausland geretteten Kapitalerträge machen ihn zudem unabhängig von politischem Gezänk im Heimatland.
So ein Überflieger würde eher "steueroptimiert" oder "jurisdiktional diversifiziert" sagen, oder beides, statt "vor dem Finanzamt gerettet". Er rettet nichts, weil er Gefahr gar nicht erst zulässt, denn der Kerl hat's voll drauf. Und irgendwie klingt Gezänk auch zu klein. Er bewegt sich wirtschaftlich auf globaler Ebene oder so.

sollte ihr Herz im Nu gewinnen!
wird ihr Herz im Nu gewinnen! Bei ihm kann nicht der Hauch von Zweifel oder Unsicherheit bestehen.

Also Bullshit-Bingo schaffst Du schon, aber vielleicht könnte man den Zettel auch ganz voll kriegen, bevor jemand merkt, 5 in einer Reihe zu haben. Hat Spaß gemacht! :)

 

Hello @Jaylow !

vielen Dank für deine differenzierten Anmerkungen – Ich gehe gern drauf ein. Und freut mich auch, dass du es gern gelesen hast – obwohl es zugegebenermaßen nicht grad 'spannend' im narrativen Sinn ist. Mir geht auf den Geist, dass solche Sachen inzwischen nicht mehr kaschiert werden, sondern stolz vor sich hergetragen werden.


„… und konstatierte schon nach wenigen Zeilen,dass die Zivilisation womöglich aus dem Gleichgewicht geraten war.“

Das gefällt mir gut, trifft meinen Humor!

Freut mich, dass das für dich funktioniert. Die Anzeige wird ja durch Böglmeiers Brille gesehen.


„ER ist einer unserer jungen, dynamischenTop-Männer deutscher Unternehmerelite“

Das Kommamüsste in einem normalen Satz weg.

Klar – in einem normalen Satz, aber ich wollte dieses PR-Deutsch persiflieren.



„ein junger Weltmann, unbeeindruckt von Neid undöffentlicher Kritik.“
Das ist so negativ, dass ich esmir in einer Heiratsanzeige natürlich nicht vorstellen kann.

Ist hier 'satirische' Technik. Die Anzeige verrät mehr, als sie will, unterläuft ihre eigentliche Absicht Das soll keine realistische Anzeige sein.. obwohl ich mir auch das in Bälde vorstellen kann, pure Dreistigkeit ... aber hier die hier ist auf der Basis ähnlicher Sprechmuster – überzogen.
Das hier:
„unbeeindruckt von … öffentlicher Kritik“
... soll ein Lobgesang sein, ist aber unfreiwillige Selbstentblößung, sozusagen Entlarvung im Anzeigentext, ohne dass es eines Kommentars von außen bedarf. Hier wird als Stärke dargestellt, dass der Mann keinerlei Kritikfähigkeit besitzt, aber vor Selbstgerechtigkeit strotzt. Und jede Kritik mit Hinweis auf 'Neid' (Neidebatte) abwiegelt.


„Durch sein von ihm geführtes Familienunternehmenhat er sich einen eigenen Namen gemacht …“

…vermutlich nur mithilfe eines bestehenden Traditionsunternehmens …

Ganz genau von dir erkannt. Das ist der Widerspruch, den ich zeigen wollte; solche Paradoxien im Selbstbild sind in ähnlicher Form oft zu hören. Ist hier nur verdichtet. Viele solcher Typen haben 'alles selbst geschafft' mit purer Leistung, trotzdem sie alles vom Papa geerbt haben.

„sein Snobismus, charmant in gelassener Nachsichtverpackt …“

… du schilderst den Typen dermaßenunsympathisch …

Richtig, er ist ein Typus, keine Charakterfigur mit Tiefe. Steht im Kontras zu dem, was sich ein 'Sozi-Vater' als Ehemann für die Tocher wünschen würde (möchte man meinen, aber im Text kippt das ja). Der Typ stellt als Stärke dar, selbstbewusst, was eigentlich unsympathisch ist, glaubt aber daran. Er versucht nicht zu verbergen, sondern ist stolz darauf.

„Seine intelligent vor dem Finanzamt ins Auslandgeretteten Kapitalerträge …“

Für mich ist das einbisschen viel in dieselbe Richtung.

Ja, das ist die satirische Zuspitzung. Ist die dieselbe Richtung, nur mit noch mehr Deutlichkeit. Aber offen gesagt, nicht alllzu weit von der Realität weg. Es gibt nicht wenige, die mit so was prahlen; Betrug wird hier als 'Leistung' gezeigt. Die Stelle ist die finale Demaskierung seiner Haltung.



„Das Ende bleibt offen. Bin etwas unsicher.“

Das Offene ist beabsichtigt, obwohl ich schon einige Anzeichen eingebaut habe, dass er seine Tochter nun in der High Society unterbringen will. Damit sind die Neoliberalen nicht das einzige Ziel der Satire. Nein, es geht auch um die 'ehemals' Systemkritischen, die ihre 'hochethischen' Werte hintanstellen, wenn es pragmatisch um wirtschaftliche Vorteile geht.


Die Anzeige ist überzogen, es ist ein ‚Selbstentlarvungstext‘. Kein Erzähler muss her, um zu kritisieren, das macht allein der Leser, indem er die Widersprüche und Selbstbeschönigungen (hoffentlich) entdeckt.

Danke für deine Aufmerksamkeit und das wohlwollende Feedback!

Flic

 

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