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Copywrite Ein Nachmittag aus dem Leben eines Chamäleons

Monster-WG
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Ein Nachmittag aus dem Leben eines Chamäleons

»Was in Bangladesch passiert, bekommt auch keiner mehr mit«, sagt Nick.
»Wahrscheinlich nicht, ist kein Thema mehr«, antworte ich.
»Hauptsache, wir können uns immer neue Klamotten kaufen. Woher die kommen und wie giftig das alles ist … Scheiß drauf, ist ja nicht bei uns, oder?« Wir sitzen auf dem Rasen. Nick schaut Richtung Sonne und blinzelt. Neben ihm liegt der Teller mit den Schlieren der BBQ-Sauce und dem halb verkohlten Curry-Griller. Zum Essen hat er die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben.
»Nee, da fragt keiner nach.« Ich antworte mechanisch, Taste drücken, nicken.
Es hat seit Tagen nicht geregnet, dennoch ist der Boden unter meinen Oberschenkeln angenehm kühl. Anfang April, das Gras fängt an zu sprießen. Ich fühle das dunkle Grün.
»Weißt du, dieses ganze Corona-Gedöns, das lenkt nur ab, als gäb's nur noch das. Auch vom Klimawandel, schon mal aufgefallen?« Seine sonore Stimme ist angenehm, so lange er ruhig bleibt, war sie immer schon.
»Ja, ist wohl so.« Die Sonne brennt auf meiner Haut, zu heiß für die Jahreszeit.
»Okay Google. Wer ist Greta Thunberg …?« Nick nimmt einen Schluck von seinem König Alkoholfrei. Hinter seiner Halbglatze flimmert die Luft über dem Grill. Dahinter fliegt ein einsames Flugzeug zwischen den Strommasten hindurch wie an einer Schnur gezogen.
Als Kind hatte ich Styropor-Flieger, die geradeausflogen, wenn das Gummi in der Lücke im Rumpf aufgedreht war. Wir versuchten, an den Flügeln zu schnitzen, damit sie etwas anderes taten, als geradeaus zu fliegen, aber dann blieben sie nicht in der Luft.
»Und wenn sich in den Lagern einer mit dem Virus ansteckt, dann ist das nicht mehr aufzuhalten, … oder in Afrika – aber ist ja zum Glück weit weg. Zum Glück, nicht wahr, Che?«
Er zieht am Mundstück und lässt eine Dampfwolke aufsteigen. Die Ray Ban hat er wieder vor die Augen geschoben. Ich sehe mich im dunklen Glas, ein Auge schaut nach vorne, das andere zurück. Hinter mir der weiße Vorstadt-Bungalow, oben neben dem Kamin die rostige Antenne, an der Schäfchenwolken hängen.
Zwei Schritte vor, einen zurück, vor vor, zurück, und die Zunge schnellen lassen. Auf dem Weg in meinen Mund wird er Vaporizer und Flasche verlieren, und die Brille wird ihm von der Nase rutschen, weil die Zunge sich aufrollt, während sie ihn zerdrückt.
»Okay Nick, ich muss los. Danke für das Bier.«

Auf der Rückfahrt steige ich 'Neue Mitte' aus. Das stählerne Gebilde der Station wirkt wie das hingespuckte Raumschiff-Gewölle eines kosmischen Raptoren. Alles liegt verlassen in der Sonne, auch der 'Platz der guten Hoffnung'. Der Gasometer dahinter wirkt deplatziert, Zeuge einer anderen Zeit, dennoch lässt er mich Heimat fühlen. Auf seiner Seite prangt ein riesiges giftgrünes Banner, unten steht 'Der schöne Schein'. In Gedanken füge ich ein trügt hinzu. Es flattert in der Luft neben dem Turm, bevor es verblasst. Vor vor, zurück. Seltsam unwirklich in dieser menschenleeren Steinwüste.
Meine Kehle ist trocken, sehne mich nach einem richtigen Bier. Eins, dem Gehirnfrost folgt. Alles hat geschlossen, kurz denke ich, nur ich bin noch übrig, der letzte Mensch auf Erden. Mein Job? Aufräumen, wie Wall-E.
Dort wo ich stehe, war früher Alt Oberhausen und anstelle der postmodernen Klötze stand dort die GHH. Mein Vater sagte nie 'Gutehoffnungshütte', sondern immer 'Gehört Hauptsächlich Haniel'. Das änderte sich erst, als der Betrieb schloss und er mit seiner Arbeit auch den Spott verlor.

Versteckt hinter Palmenkübeln entdecke ich einen Terrassenausschank mit halboffener Jalousie. Wenig später rinnt mir eiskaltes Pils aus einem Plastikbecher den Hals herunter, diffundiert wie Flüssiggold in meine Magensäfte.
Das zweite Flugzeug des Nachmittags kratzt am Wolkenbauch des Himmels. Ich schaue zu, wie es dorthin fliegt, wo auch das erste hinflog. Noch bevor der Lärm verklungen ist, hole ich mir ein zweites Bier und wende mich Richtung Aquapark. In der Marina gegenüber dümpeln zwei Dutzend Sportboote, die Persenninge ausgeblichen, es riecht nach Brackwasser.
Auch am Kanal nur vereinzelte Menschenseelen. Der Virus hat es geschafft, die gesamte Innenstadt lahmzulegen. Ich frage mich, wie lange das noch so weitergehen kann und weiß doch, es gibt keine Antwort, noch weniger eine Lösung.
Ich beschließe, zu Fuß nach Hause zu gehen und nehme beim Gehölzgarten Riphorst die Brücke über Kanal und Emscher. Von hier oben ist niemand größer als mein Daumen.

Aus einem Fensterspalt am Anfang der Straße dringt ein Fetzen nasser Backstein und Rauch. 'Dirty old Town'. Pure versoffene Magie. Ich bleibe stehen, schnippe mit den Fingern und blecke die Zähne, ich kann nicht anders, Fußspitzen zucken, Knie biegen sich rhythmisch. Der Song erwischt mich unvorbereitet, meine Deckung ist unten. Wie von selbst steigen die Worte an die Oberfläche, platzen auf der Zunge und lassen mich mitsingen, von den Mauern der Gasfabrik und dem glänzenden Stahl, gehärtet im Feuer. Ich hatte vergessen, wie gut Mundharmonika und Geigen sich durch die Gehörgänge winden, sich den Weg suchen durch die Innereien, bis ich sie tief in mir höre, mit meinen Bauchohren und mich im Kreis drehe. Langsam zwirbelt sich etwas auf in meiner Körpermitte. Es wird mir helfen, eine Weile geradeaus zu gehen, statt vor vor, zurück.

Ich bin wieder siebzehn, das Bier schmeckt schal, die Kippe kratzt im Hals, aber das ist egal. Damals. Ein großes Wort mit reichlich Gepäck. Erster Rausch, erste Liebe. Erster Liebesrausch. Dazu unser Lied. Ein warmer Hauch Vergangenheit streift mein Hirn, ein Erinnerungsfetzen an eine Illusion, die Jahre schon beerdigt schien. Der Plan einer gemeinsamen Zukunft. Ein Traum, wie Teenager ihn träumen. Groß, naiv und flüchtig.
Es ist wieder da, das Versprechen, gegeben in grauer Urzeit.
'Egal, was passiert und wohin es uns verschlägt, in genau zwanzig Jahren sehen wir uns hier wieder.'
Wir hatten es geschworen, damals an unserer Lieblingsstelle am Kaisergarten. Hatten es mit Blutstropfen besiegelt und uns gegenseitig die Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. Wie konnte ich glauben, auf meinem Weg würden mir noch viele wie sie begegnen?
Eine Bank steht auch heute noch dort am Kanal, etwas zurück in zweiter Reihe. Glatte Betonseiten mit Sitzfläche aus Terrassenholz. Zu hart, um Namen in die Rückenlehne zu ritzen. Wenn es mich dorthin verschlägt, werfe ich von Ferne einen Blick darauf, gehe einen weiten Bogen und denke jedes Mal, dass die Zeit alles und jeden frisst – auch Monumente aus Beton.

Auf der anderen Straßenseite sitzt ein alter Mann auf einer Bank in der Sonne. Vor ihm steht ein Glas Tee auf einem Plastiktisch. Durch den blauen Mundschutz höre ich nicht, was er ruft. Er winkt. Deshalb quere ich die Straße, nähere mich, bis er mit der Hand genug signalisiert. Faltige, wache Augen. Als er spricht, wippt die Papiermaske auf und ab. Die Bänder hängen an riesigen, verkrumpelten Ohrmuscheln.
»Junger Mann, ich wollte dir nur sagen, tanze solange du kannst, das ist wichtig, oft gibt's sogar nichts Wichtigeres als Tanz und Spektakel.« Aus der offenen Doppeltür hinter ihm dringt Kantinendunst.
»Geb mir Mühe«, knurre ich launig, »bin aber ein lausiger Tänzer, der etwas versucht, was er nicht kann.«
Der Alte lacht auf. »Mühe geben ist aller Dinge Anfang ...«, sagt er, »aber reichen wird's nicht. Carpe diem, mein Lieber, nur das zählt. Glaub mir, egal wie du's anstellst, alles ist zu schnell gegessen und ausgeschissen.«
»Wohl wahr«, sage ich und denke an Pläne aus Beton. Ich versuche eine halbherzige Abschiedsgeste und komm doch nicht weg, weil ich ich bin und das auch immer Zögern mit sich bringt, vor vor, zurück.

»Am Anfang siehst du nur den Ozean«, sagt er weiter, »aber wenn du mit den Füßen nur noch in'ner flachen Pfütze stehst, dann pfeift's aus dem Orkus, dann spürst du den kalten Sog …«
»'… auf dass selbst der steilste Weinhang der Welt mitsamt der Resteifel darin ersöffe und nimmer herausfände' hat mal jemand geschrieben«, sage ich, weil mir das passend erscheint und ich es nicht vergessen habe. Der Alte schaut mich an und nickt. Zwischen den Fingern dreht er einen Zigarillo, mit dem er auf mich zeigt.
»Besonders, mein Junge«, sagt er und meint meine Chamäleonhaut, »das ist besonders.«
Pastellfarbenes Glitzern im Gegenlicht wie kleine senffarbene Sandkörner. Ich streiche über meinen Arm.
»Die Frage ist, wer willst du sein, Junge? Kannst du dir'n Gewissen leisten oder willst du'n Jemand sein? Einer, der's geschafft hat, dem die Gier aus'm Mundwinkel trieft, mit Liegeplatz in Puerto de Andratx, Prachtweib und noch prächtigerem Nachwuchs, der das Geld verkackt, das du den Ahnungslosen in deinem Büro aus'n Rippen leierst?«
»Nein, der Herr, meine Welt ist das Blätterdach der Baumkronen, wo ein steter Wind weht«, sage ich leise und nehme einen Schluck von seinem Tee, den er mit einem Kopfschütteln rübergeschoben hat. »Gibt nur Pfefferminz.« Er hatte ihn nicht angerührt.
»Mein Junge, lass dir gesagt sein, es läuft immer auf das eine hinaus«, sagt er und wird ernst. »Wer wirst du gewesen sein, am Ende deiner Tage? Fragst du dich das nie?« Damit steht er auf, nimmt seinen Stock und geht zurück in die Einrichtung.
Wenn ich nicht daran denke, sondern mit dem Kopf woanders bin, klappt es gut mit dem Laufen, ganz ohne Gezackel, selbst den Tackenberg rauf.

Als ich aufblicke, steht sie vor mir. Ohne es zu bemerken, bin ich in sie hineingelaufen, wobei ich sonst die Straßenseite wechsele, sobald Begegnung droht. Zwei Schritt vor und einen zurück.
Ihr Fahrrad ist blau, mit einer rosa lackierten Ziegenglocke als Schelle. Ich hab eine Hand auf ihrer Hand, die wiederum den Sattel hält. Aus der offenen Haustür riecht es nach kühlem Sommerkeller. Der Boden ist schwarzweiß gewürfelt, die Wände hoch wächst alter Stucco lustro. Es gibt keine Farbe, die mich tarnen könnte. Ich ziehe die Hand weg, als hätte ich auf den heißen Herd gefasst.
»Hallo, Che«, sagt sie und erschrickt nicht weniger als ich. Ihre Stimme unverändert.
»Hier wohnst du?«, frage ich mich und merke an ihrer Antwort, ich habe laut gedacht.
»Na, wonach sieht's denn aus?«, sagt sie. »Was machst du hier?«
»Wohn um die Ecke.«
»Aha, dann werden wir uns jetzt vielleicht öfter …«, sagt sie und lächelt, »du weißt schon, über den Weg ...«
»Soll das eine Drohung sein?«, sage ich und griene. Vor vor, zurück.
»Wäre das schlimm?«, fragt sie.
»Weiß nicht«, sag ich, weil ich es wirklich nicht weiß und weil ich nicht sicher bin, ob ich riskieren will, zu wissen, was das heißt.
»Zwei Straßen weiter hat einer 'Dirty old Town' laufen, Fenster offen und so.«
Sie hält das blaue Fahrrad ganz ruhig zwischen uns, schaut mich nur an, sieht mich, dann kommt der Moment, der kommen muss, wenn man sich so lange so gut kannte wie wir. Grünblau versinkt in dunkelbraun, wir schlagen der Zeit einen Haken. Zwanzig Jahre pulverisiert.
»Willst du auf'n Kaffee mit reinkommen?«
Ich nicke langsam und schaue mit einem Auge nach hinten.
»Sag mal, bist du dagewesen?« Ich muss das fragen, vorher, weil es mich plagt und vor allem, weil ich nicht da war.
Sie wippt mit dem Kinn. »Unsere Bank ist weg, samt dem Herz in der Rückenlehne. Da steht jetzt ein Ungetüm aus Beton und rotem Holz.«
»Was ist mit ihm?«, frage ich, obwohl ich was gehört habe. Sie schüttelt den Kopf. – »Und sie?« Ich zucke mit den Schultern.
So könnte er gewesen sein, der Nachmittag aus dem Leben eines Chamäleons, wenn ich in zwei mal zwanzig Jahren zurückblicke – und sollte er so gewesen sein, werde auch ich an einem Plastiktisch sitzen, mit aufgerollter Zunge einen Zigarillo rauchen und junge Männer aufmuntern, sofern sie einen Tanz wagen.

 
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Hallo @Carlo Zwei,
nett, dein Spätbesuch. Auch wenn´s schon ein Weilchen her ist, will ich auch noch ein bissl CW fremdkommentieren.

Hat mir gut gefallen, was du da geschrieben hast. Sehr souverän und geduldig erzählt. Geduldig, weil du nicht so über die Bilder hinweghuschst, sondern verweilst und beschreibst. Das mag ich, auch wenn ich es selbst nicht immer so mache.
Danke, ich denke, das Geduldige ist teilweise auch der Prämisse, der Langsamkeit, dem Zögern des Prota geschuldet. - Einerseits. Aber recht du hast, wenn ich drüber nachdenke, sehe ich da auch bei anderen Texten eine Tendenz zu einem ruhigerem Tempo, zum tieferen Graben.

Zwischendurch dachte ich, das ist ein CW von Wir wollen, dass du aus der Kälte kommst :D Ich sehe da im Tonfall und auch strukturell (eben auch von dieser Geduld) Ähnlichkeiten. Habe ich gerne gelesen. Besonders die Begegnung mit dem Alten und dass du da nochmal diesen Erzählrahmen drum spannst.
Da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen, Jimmy schreibt viel gerader, schmuckloser, näher an dem, was ist. Über strukturelle Ähnlichkeiten muss ich mal nachdenken, wenn es die gäbe, wäre das ein gutes Zeichen.

Peace und fleißig bleiben, linktofink

 

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