Ein unangemeldeter Besuch
Der Sensenmann trat durch die Wohnzimmertür, als wäre sie aus Rauch.
„Ich bin gekommen, dich zu holen. Mach dich bereit!“
Der Mann auf dem Sofa sprang auf und ließ die Fernbedienung fallen. „Aber ich will noch nicht sterben!“, rief er mit einer Mischung aus Panik und Empörung.
Der Sensenmann seufzte, seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen unter der Kapuze. „Das sagen alle. Nenn mir einen Grund, warum du nicht sterben willst!“ Seine Stimme klang dumpf, als käme sie aus einer Gruft.
„Ich … Ich habe dreißig Jahre in die Rentenkasse eingezahlt!“ Der Mann gestikulierte wild mit den Armen.
„Das ist kein Grund“, erwiderte der Sensenmann. „Wenn du nichts Besseres hast?“ Er hob die Sense.
„Warte! Mein Puzzle. Es ist fast fertig. Da fehlen höchstens noch hundert Teile.“ Der Mann grinste unsicher.
Der Sensenmann schüttelte langsam den Kopf, während er sein Werkzeug wieder auf dem Boden aufstützte. „Ist das dein Ernst? Du meinst also, ein fast fertiges Puzzle ist ein Grund, am Leben zu bleiben? Hast du sonst noch was auf deiner To-Do-Liste?“
„Ähm … ja! Ich habe Guppies!“
„Du hast Guppies?“ Der Sensenmann neigte den Kopf zur Seite. „Ist das eine Geschlechtskrankheit?“
„Nein! Das sind Fische.“ Der Mann deutete auf ein Aquarium neben dem Fernseher, in dem bunte kleine Fische ahnungslos herumschwammen. „Die müssen gefüttert werden. Sonst sterben sie!“
„Wo ist das Problem? Ich kümmere mich darum.“
„Moment! Ich hab mein Keksrezept noch nicht perfektioniert … und „Ex und Hopp“ geht erst in drei Staffeln zu Ende … und ich will noch Kniffel-Champion werden … und die Weltherrschaft in „Stellaris“ übernehmen … und … “
Der Sensenmann hob seine knochige Hand. „Und vermutlich willst du auch noch anfangen, Sport zu treiben.“
„Ähm … ja, genau.“
„Dass ich nicht lache.“
„Aber ich meine es ernst. Wirklich! Gleich morgen wollte ich loslegen.“
Ein Moment der Stille entstand. Die Guppies schwammen in ihrem Aquarium herum und stupsten gegen die Scheibe, als wollten sie sich einmischen.
„Weißt du was“, sagte der Sensenmann, „ich gewähre dir einen Aufschub.“
Der Mann schnappte nach Luft. „Ein… einen Aufschub? Perfekt.“
Der Sensenmann nickte. „Unter einer Bedingung. Du bringst dein Puzzle zu Ende. Sagen wir, in fünf Stunden.“
„Das schaffe ich. Einverstanden. Sehr großzügig von dir.“
„Dann ist es abgemacht.“ Kaum hatte der Sensenmann das gesagt, verschwand er, als hätte ihn jemand ausradiert.
„Ich hab einen Aufschub.“ Der Mann lachte nervös, dann ließ er sich nach einem Blick auf die Uhr auf dem Boden nieder und begann, die überall verstreuten Puzzleteilchen zu sortieren.
Eine Stunde verging, dann noch eine.
„Himmel!“, murmelte der Mann, „warum gibt es so viel Himmel.“ Er kratzte sich am Kopf, drehte und wendete die Puzzleteilchen hin und her. Nach drei Stunden stand er auf, streckte sich und ging zum Kühlschrank. „Bloß was trinken“, murmelte er.
Aus „bloß“ wurden zwanzig Minuten, aus zwanzig Minuten eine Folge „Ex und Hopp.“ Dann noch eine.
„Gleich geht’s weiter“, sagte er zu niemandem. Ein Blick auf die Uhr. Er erschrak. Kaum zehn Minuten noch. Er drückte die „Pause“-Taste und stürzte sich auf das Puzzle. Mit fliegenden Fingern griff er nach passend scheinenden Teilen, quetschte sie in Lücken, zerrte sie wieder heraus. Der Himmel – fast makellos, bis auf eine winzig kleine, dunkle Stelle.
Jemand räusperte sich. Der Sensenmann saß auf dem Sofa und fixierte ihn mit glühenden Augen. „Die Zeit ist um.“
„Du – du bist schon wieder da“, stotterte der Mann. „Es war kaum zu schaffen. Zu viel Himmel. Zu wenig Zeit. Ein Momentchen noch. Ich bin fast fertig.“
„Ich war nie ganz weg. Ich hab dir zugesehen.“ Der Sensenmann erhob sich und griff nach seiner Sense.
Der Mann schluckte. „Ich kann noch …“
„Du verstehst nicht.“ In der ruhigen Stimme des Sensenmannes lag Endgültigkeit, aber auch eine Spur Bedauern. Er hob die Sense.
Im Aquarium schwammen die Guppies herum, als wäre nichts geschehen.