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Ein unangemeldeter Besuch

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03.08.2003
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Ein unangemeldeter Besuch

Der Sensenmann trat durch die Wohnzimmertür, als wäre sie aus Rauch.
„Ich bin gekommen, dich zu holen. Mach dich bereit!“
Der Mann auf dem Sofa sprang auf und ließ die Fernbedienung fallen. „Aber ich will noch nicht sterben!“, rief er mit einer Mischung aus Panik und Empörung.
Der Sensenmann seufzte, seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen unter der Kapuze. „Das sagen alle. Nenn mir einen Grund, warum du nicht sterben willst!“ Seine Stimme klang dumpf, als käme sie aus einer Gruft.
„Ich … Ich habe dreißig Jahre in die Rentenkasse eingezahlt!“ Der Mann gestikulierte wild mit den Armen.
„Das ist kein Grund“, erwiderte der Sensenmann. „Wenn du nichts Besseres hast?“ Er hob die Sense.
„Warte! Mein Puzzle. Es ist fast fertig. Da fehlen höchstens noch hundert Teile.“ Der Mann grinste unsicher.
Der Sensenmann schüttelte langsam den Kopf, während er sein Werkzeug wieder auf dem Boden aufstützte. „Ist das dein Ernst? Du meinst also, ein fast fertiges Puzzle ist ein Grund, am Leben zu bleiben? Hast du sonst noch was auf deiner To-Do-Liste?“
„Ähm … ja! Ich habe Guppies!“
„Du hast Guppies?“ Der Sensenmann neigte den Kopf zur Seite. „Ist das eine Geschlechtskrankheit?“
„Nein! Das sind Fische.“ Der Mann deutete auf ein Aquarium neben dem Fernseher, in dem bunte kleine Fische ahnungslos herumschwammen. „Die müssen gefüttert werden. Sonst sterben sie!“
„Wo ist das Problem? Ich kümmere mich darum.“
„Moment! Ich hab mein Keksrezept noch nicht perfektioniert … und „Ex und Hopp“ geht erst in drei Staffeln zu Ende … und ich will noch Kniffel-Champion werden … und die Weltherrschaft in „Stellaris“ übernehmen … und … “
Der Sensenmann hob seine knochige Hand. „Und vermutlich willst du auch noch anfangen, Sport zu treiben.“
„Ähm … ja, genau.“
„Dass ich nicht lache.“
„Aber ich meine es ernst. Wirklich! Gleich morgen wollte ich loslegen.“
Ein Moment der Stille entstand. Die Guppies schwammen in ihrem Aquarium herum und stupsten gegen die Scheibe, als wollten sie sich einmischen.
„Weißt du was“, sagte der Sensenmann, „ich gewähre dir einen Aufschub.“
Der Mann schnappte nach Luft. „Ein… einen Aufschub? Perfekt.“
Der Sensenmann nickte. „Unter einer Bedingung. Du bringst dein Puzzle zu Ende. Sagen wir, in fünf Stunden.“
„Das schaffe ich. Einverstanden. Sehr großzügig von dir.“
„Dann ist es abgemacht.“ Kaum hatte der Sensenmann das gesagt, verschwand er, als hätte ihn jemand ausradiert.
„Ich hab einen Aufschub.“ Der Mann lachte nervös, dann ließ er sich nach einem Blick auf die Uhr auf dem Boden nieder und begann, die überall verstreuten Puzzleteilchen zu sortieren.
Eine Stunde verging, dann noch eine.
„Himmel!“, murmelte der Mann, „warum gibt es so viel Himmel.“ Er kratzte sich am Kopf, drehte und wendete die Puzzleteilchen hin und her. Nach drei Stunden stand er auf, streckte sich und ging zum Kühlschrank. „Bloß was trinken“, murmelte er.
Aus „bloß“ wurden zwanzig Minuten, aus zwanzig Minuten eine Folge „Ex und Hopp.“ Dann noch eine.
„Gleich geht’s weiter“, sagte er zu niemandem. Ein Blick auf die Uhr. Er erschrak. Kaum zehn Minuten noch. Er drückte die „Pause“-Taste und stürzte sich auf das Puzzle. Mit fliegenden Fingern griff er nach passend scheinenden Teilen, quetschte sie in Lücken, zerrte sie wieder heraus. Der Himmel – fast makellos, bis auf eine winzig kleine, dunkle Stelle.
Jemand räusperte sich. Der Sensenmann saß auf dem Sofa und fixierte ihn mit glühenden Augen. „Die Zeit ist um.“
„Du – du bist schon wieder da“, stotterte der Mann. „Es war kaum zu schaffen. Zu viel Himmel. Zu wenig Zeit. Ein Momentchen noch. Ich bin fast fertig.“
„Ich war nie ganz weg. Ich hab dir zugesehen.“ Der Sensenmann erhob sich und griff nach seiner Sense.
Der Mann schluckte. „Ich kann noch …“
„Du verstehst nicht.“ In der ruhigen Stimme des Sensenmannes lag Endgültigkeit, aber auch eine Spur Bedauern. Er hob die Sense.

Im Aquarium schwammen die Guppies herum, als wäre nichts geschehen.

 

Hallo @Sturek,

sehr amüsante schwarzhumorige Geschichte hast du da in der Tasche, hat großen Spaß gemacht zu lesen.

Nenn mir einen Grund, warum du nicht sterben willst!“ Seine Stimme klang dumpf, als käme sie aus einer Gruft.
„Ich … Ich habe dreißig Jahre in die Rentenkasse eingezahlt!“
Humor ist eine schwierige Sache, meinen triffst du hier verdammt gut. Musste wirklich laut lachen.
„Du hast Guppies?“ Der Sensenmann neigte den Kopf zur Seite. „Ist das eine Geschlechtskrankheit?“
„Nein! Das sind Fische.“
Niveaumäßig vielleicht nicht Kilometer über der Torte ins Gesicht, aber auch das hat mich trotzdem sehr erheitert.
Fehler habe ich nicht finden können, sehr gut geschrieben, aus meiner Sicht handwerklich sauber gemacht. Eine Stelle hat mich etwas irritiert:
„Bloß was trinken“, murmelte er.
Aus „bloß“ wurden zwanzig Minuten, aus zwanzig Minuten eine Folge „Ex und Hopp.“ Dann noch eine.
Hier habe ich das "bloß" dem Trinken zugeordnet, aber er trinkt ja nicht zwanzig Minuten, sondern macht irgendwas Unwichtiges, sieht eine Folge. Beim "Ex und hopp" hätte ich ans Saufen gedacht, wenn nicht vorher das schon als Serie mit gelungenem Namen erwähnt worden wäre. Musst du mal schauen, ob diese Stelle in deinem Sinne ist.
Wer so viel Unsinn in seinem Leben verzapft, wie ist da die Moral von der Geschichte? Richtig, leider (oder zum Glück) nicht fröhlich. Aber lustig. Irgendwie musste ich an das Lied "Wieder Genauso" von Udo Lindenberg denken, in dem er einen Deal mit dem Sensenmann schließt. Aber das führt jetzt von deinem Text weg, der aus meiner Sicht sehr gelungen ist. Mir jedenfalls hat er großen Spaß gemacht!

Schönen Gruß von

Jaylow

 

Hallo @Sturek

Ich habe die Geschichte gerne gelesen. Sprachlich habe ich da eigentlich gar nichts anzumerken, also ich finde das gut geschrieben. Allerdings hadere ich etwas mit dem Inhalt. Für mich fehlt da noch Fleisch auf den Knochen, nicht nur an der Figur des Sensemannes, sondern allgemein. Ich schreibe unten mehr dazu. Ein paar Mal musste ich durchaus schmunzeln.

Die für mich witzigsten Stellen:

„Ich … Ich habe dreißig Jahre in die Rentenkasse eingezahlt!“
„Du hast Guppies?“ Der Sensenmann neigte den Kopf zur Seite. „Ist das eine Geschlechtskrankheit?“
„Himmel!“, murmelte der Mann, „warum gibt es so viel Himmel.“
Letztere Stelle fand ich eher interessant als lustig, weil Du da eine Doppeldeutigkeit drin hast, also er kriegt ja den Himmel nicht fertig, weil da die Teile gleichfarbig sind und andererseits kann man es auch so lesen (sein Ausruf "Himmel!"), dass er in den Himmel kommen möchte.

Etwas ratlos bin ich beim Ende: Da habe ich erwartet, dass eine Pointe kommt, die mich bspw. das vorher Geschehene in einem anderen Licht sehen lässt oder sowas, aber für mich versandet die Story dann so ein wenig. Mit diesem ruhigen Bild der Fische im Auqarium, wirkt es so, als blende der Text einfach weg. Vielleicht habe ich auch nur etwas falsch verstanden? Durch die für mich fehlende Pointe wirkt der Text auch zu erwartbar: Sobald der Aufschub an das Puzzle geknüpft ist, ist das Ende praktisch vorgezeichnet, was die Spannung rausnimmt. Es gibt keine echte Überraschung mehr, nur noch die Ausführung.

Die Figur des Sensemannes ist sehr klassisch, Standard. Kapuze, glühende Augen, Sense. Ich hätte es interessanter gefunden, wenn die Figur des Todes sich in einem 'Gewand' gezeigt hätte, das enger mit der Story verknüpft gewesen wäre (z.B. den Tod als Sachbearbeiter --> Rentenkasse-Spiegelung / oder den Tod irgendwie mit den Guppies verknüpfen / --> dies nur als Beispiele). So erscheint der Tod wie in jeder x-beliebigen Geschichte, der hat für mich zu wenig Eigenständigkeit. Vielleicht aber ist es ja genau so gewollt, dass der Tod halt einfach ein Klischee erfüllt (?).

Ich finde, auch der Mann mit dem Puzzle, den sich der Tod holt, bleibt etwas hinter seinem möglichen Potential zurück. Für mich würde der Text deutlich gewinnen, wenn Prokrastination nicht nur situativ, sondern als Lebensprinzip der Figur erkennbar wäre. Nur als Idee: Wie wäre es, wenn (stärker) durchscheint, dass der Mann sein ganzes Leben lang alles prokrastiniert hat und sich am Ende eben herausstellt, dass er sogar dazu in der Lage ist, den Sensemann zu überzeugen, seinen eigenen Tod aufzuschieben? Zwar schiebt er im Text bereits das Puzzle und das Füttern der Fische auf, aber ich hätte mir hier eine stärkere humoristische Zuspitzung gewünscht, dass sich herausstellt, er hat eigentlich alles in seinem Leben aufgeschoben: Erwachsen zu werden, zu heiraten, Kinder zu kriegen, einen ordentlichen Job zu finden etc. pp. Wie gesagt, nur als Idee.

Für mich bleibt die Geschichte dadurch eher eine nette Idee mit guten Dialogen, aber ohne den einen Moment, der sie wirklich (weiter-)trägt.

Beste Grüsse,
d-m

 

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