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Editiert im Februar 2026
Ein verschossener Elfmeter
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Ganz genau zweiundvierzig Minuten vor Anpfiff der Europaliga-Halbfinalbegegnung zwischen VfL Blussia Bögendammbach und dem FC Bazilla erschien Kasimir B. mit einem gelben Schaufelfahrzeug des städtischen Bauamts im Stadion an der Bögendammstraße.
Nur kurz hielt er an, schaute hoch zu den Rängen, die sich allmählich mit Zuschauern füllten, und schien zu überlegen. Aber schon einen Moment später schüttelte er den Kopf und fuhr weiter bis zum Spielfeldrand. Er stieg aus und nahm einen Stoß Markierungsstangen sowie eine Rolle rotweißes Band, bevor er sich aufmachte in den Strafraum der Nordkurve. Nachdem er etwa in der Gegend des Elfmeterpunkts die Baustelle abgesteckt hatte, holte er sich Spitzhacke und Schaufel und begann mit dem Ausheben der Grube.
Die Ordner, die in der Nähe standen, versuchten mehrere Minuten lang zu übersehen, wie Kasimir B. sich mit professioneller Arbeitsweise maulwurfsgleich ins Grün wühlte. Zunächst sahen sie ihn nicht, weil es nicht sein konnte, dass er da war. Danach suchten sie nach einer rationalen Erklärung für sein Tun, aber das war, als suchten sie nach einer günstigen Straßenbahnverbindung zum Mond.
Als ihnen dämmerte, dass die Situation nicht von selbst einfach aufhören würde, schritten sie zur Tat.
Kasimir B. hatte kurz innegehalten und wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn. Er stand bereits fast bis zur Hüfte in seinem Loch.
„Was zur Hölle tun Sie da?“, schrie der oberste Ordner ihn an und fuchtelte mit den Armen.
„Ich? Ich grabe ein Loch“, sagte B. „Ich bin von der Stadt.“
„Das geht nicht!“, sagte der Ordner. „Sie können da jetzt nicht ein Loch graben – kommen Sie sofort heraus und machen Sie das wieder zu, Sie geisteskranker Narr! Welcher Idiotenhaufen hat das angeordnet?“
B. seufzte. Er war es leid, ständig rumzudiskutieren mit Leuten, die keine Ahnung hatten.
„Da müssen Sie sich an die Stadt wenden“, sagte er.
„An die Stadt wenden?!“, sagte der Ordner. „Wozu zur Hölle sollte die Stadt hier ein Loch graben lassen?“
„Weil hier ein Hydrant hinkommt“, sagte B.
„Ein Hydrant!? Gleich fängt das Spiel an!“
Das interessierte B. nicht im Mindesten. Er war daran gewöhnt, sich nicht durch logische Überlegungen durcheinanderbringen zu lassen. Wenn er etwas in seinem Leben gelernt hatte, so dies: Es gab eine Ordnung in der Welt, und diese war schriftlich festgehalten. Er neigte nicht zu langen Debatten. Wenn Kollegen etwas von ihm Behauptetes bezweifelten, genügte stets ein knapper Hinweis, dass er das in der Zeitung gelesen hatte, um die Diskussion zu beenden.
So hatte ihn auch vor drei Jahren seine Frau in der Waschmaschinengeschichte nicht zurückhalten können. B. hatte in einer Fachzeitschrift nämlich gelesen, dass man mit Benzin praktisch alles reinigen könne. Er entschloss sich, die völlig verdreckte Waschmaschine mal gründlich zu säubern, schüttete zwei Glas Reinbenzin in das Fach für Weichspüler, startete den Hauptwaschgang und überlebte die Explosion, weil er mit seiner Frau beim Einkaufen war.
War geschriebenes Wort für ihn Gesetz, so war geschriebenes Wort, das noch dazu von einer öffentlichen Behörde stammte, sogar Naturgesetz. Mit diesem Gesetz im Rücken reichte er den Ordnern nun seine Auftragspapiere, in denen eindeutig stand, dass er die verantwortungsvolle Aufgabe hatte, hier für einen Hydranten zu sorgen, und blickte auf den Pulk von Leuten, der sich inzwischen um die Gruppe scharte – Reporter, Fotografen und dann noch irgendwelche anderen Leute, die gestikulierten, lachten oder nach Polizei riefen.
„Ja begreifen Sie denn nicht? Die Hausnummer muss falsch sein!“, sagte der Ordner nach einem Blick auf das Papier. „Bestimmt muss der Hydrant in die Bögendammstraße 10 oder 14, verstehen Sie? Es ist ganz bestimmt ein Fehler!“
Er trat auf B. zu, fast wie um ihn zu packen, da hob B. die Spitzhacke – und sofort war allen klar, dass er die Grundordnung der Republik gegen jeden Angreifer auch mit dem Einsatz seines Lebens verteidigen würde. Auf dem Papier stand deutlich Bögendammstraße 12. In Kürze würde hier ein Hydrant stehen.
Während die Teams auf den Platz liefen, hatten sich die Stadionleitung, das Management des Heimvereins, der UEFA-Beobachter, das Schiedsrichtertrio und die Einsatzleitung der Polizei zu einer Kurzkonferenz am Spielfeldrand eingefunden. Die Zeit drängte: noch zwölf Minuten bis zum Anpfiff.
Die Einsatzleitung der Polizei war dafür, erst mal Gewalt anzuwenden und die Rechtslage später zu klären. Das gefiel jedoch dem Vereinsmanagement nicht, weil international über zwanzig Fernsehstationen damit begonnen hatten, live zu übertragen – die Bilder eines hässlichen Gewalteinsatzes gegen einen Kasimir B., der sich mit einer Spitzhacke verteidigte, würden dem Image der Blussia Bögendammbach vielleicht schaden. Sie wandten sich an den UEFA-Beauftragten mit der Frage, ob das Spiel vielleicht verschoben werden könne?
Der Beauftragte und die Schiedsrichter diskutierten kurz und erklärten dann, dass den Statuten zufolge ein Spiel verschoben werden könne bei sintflutartigen Regenfällen, Vulkanausbrüchen, einem Flugzeugabsturz direkt über dem Stadion, dem Angriff eines amerikanischen Bombergeschwaders oder einer Invasion von Marsmenschen in unmittelbarer Nähe. Von städtischen Baustellen im Strafraum aber sei in den Statuten nicht die Rede, deshalb komme ein Verschieben des Spiels wohl kaum infrage.
Man beschloss, anzupfeifen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs waren bei Anpfiff 24 Männer auf dem Platz: die Spieler, der Schiedsrichter und ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Der sich in der 29. Minute beim Stand von 1:1 – während es auf der anderen Seite einen Eckball gab – auch noch den Schaufelbagger holte.
Nach einem zerfahrenen Spiel mit vielen Unterbrechungen schied Blussia Bögendammbach aus der Europaliga aus. Die Vereinsleitung ließ noch am selben Abend prüfen, ob und wie der Hydrant im Strafraum wieder zu entfernen sei.
Der Bögenhausener Bote schrieb in seinem Sportteil anderntags:
„Nach dem 0:0 im Hinspiel beim MC Bazilla schied unser Team unglücklich mit 1:1 aus dem laufenden Wettbewerb aus und verpasste das Finale. Dabei gab der Unparteiische in der 90. Minute einen klaren Strafstoß für die Heimmannschaft, bestand jedoch darauf, dass dieser vom Elfmeterpunkt des tatörtlichen Strafraums aus durchzuführen sei, wo aus Gründen, die noch zu klären sein werden, zu diesem Zeitpunkt eine zwei Meter tiefe Baugrube klaffte, aus der heraus der Elfmeterschütze das Tor verfehlte.“
(Videoversion siehe oben)
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