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Endstation 7
Es war ein üblicher Arbeitsmontag im Krankenhaus. Wir saßen zum Dienstbeginn im kahlen Aufenthaltsraum. Emma war mir zugeteilt als Partnerin.
Das Diensthandy klingelte. Ein Patient musste zu einer Untersuchung gebracht werden. Ich notierte die Daten auf meinem Notizblock, trank meinen Kaffee aus und Emma checkte noch ihre E-Mails. Anschließend nickte sie mir zu und wir verließen das Zimmer. Auf dem langen Korridor des Krankenhauses herrschte Ruhe. Um diese Zeit ist hauptsächlich die Pflege auf den Gängen.
„Beim Kickboxen ist es wichtig, den Gegner zu lesen.“, sagte sie. „Ungefähr so.“ Sie posierte breitbeinig auf dem Flur, dann kickte sie ihren Fuß über den Kopf. Zwischen Pflegepersonal und Sterilium. Während sie noch am kämpfen war, tat sich in meinem Kopf eine Wolke auf. „Das wird ein Schub“, dachte ich. Die Realität wandelte sich. Der Flur wurde dunkler. Die Lichter gedimmt. Ich erkannte Emma als Dämon. „Alles ok bei dir?“, fragte er mich „Du siehst so niedergeschlagen aus.“ Der Abstieg nahm seinen Lauf. Der Dämon verspottete mich. Er wusste, dass ich ihm unterlegen war. Sein Lächeln strahlte Zufriedenheit aus. Seine Worte waren wie gut platzierte Schläge. Sie gingen tief unter die Haut. Er legte seinen dünnen Arm um meinen Hals und fragte mich: „Was hast du denn?“ „Nichts.“ Der Versuch, mich aus seinem Würgegriff zu befreien, scheiterte. „Du siehst so deprimiert aus.“ Das traf mich. Ich taumelte, wie ein Boxer nach einem Volltreffer. Mein Kopf war ungedeckt, so dass er ein leichtes Ziel war. „Was hast du vor?“ rätselte er. „Nichts“ wiederholte ich, nach den Seilen tastend. „Ist wirklich alles ok?“ Er prügelte auf mich ein. Es machte ihm sichtlich Spaß. Hilflos sah ich ihm dabei zu. „Lach‘ doch mal n bisschen.“ Es schnürte mir die Luft ab. „Ich hab grad andere Sorgen.“, wehrte ich mich. Mein Mund wurde trocken. Das Reden viel mir schwer. „Du bist viel zu ernst.“, lachte er. „Tja.“ meine Deckung fiel. „Dann heul‘ doch einfach“, sagte er und tänzelte leichtfüßig um mich herum. „Lass‘ doch einfach gut sein.“, schnaufte ich. In der Hoffnung, er hätte Erbarmen. Dem war nicht so. „Ich will ja nur, dass es dir gut geht.“ „Ich will das aber nicht.“, brach es aus mir heraus. Überrascht über meine Aussage, starrte ich den Dämon an. Er zuckte mit den Achseln. „Wie du willst.“ Dann holte er aus. Dunkle Nebelschwaden taten sich auf. Mir wurde schummrig. Das Leben verließ meine Augen. Ich ging zu Boden.
„Hier, trink das.“ Emma hielt mir ein Glas Wasser vor das Gesicht. „Was ist denn los mit dir? So kenn‘ ich dich garnicht.“, fragte sie. Noch auf dem Boden sitzend lehnte ich mich an die Wand auf dem Flur. Das Herz raste. Kleine, leuchtende Würmchen durchquerten meine Sicht. „Keine Ahnung, war wohl gerade etwas Zuviel für mich.“, antwortete ich und trank einen Schluck. Die Realität bahnte sich langsam ihren Weg zurück. Zwei Assistenzärzte räumten dem Szenario bei. „Was hat er denn?“, fragte einer der Beiden.“Den Kopf nicht bei der Sache.“, lachte Emma. „Ah, Ganz übel sowas“, sagte der Andere. „Immer die Augen offen halten.“, sagte der Eine. „Ich hab’s genau gewusst“, rief ich. Die Realität schwand erneut. „Ihr seid alle gleich.“ Emma und die Ärzte schauten sich irritiert um. „Ihr wollt mich alle nur abzocken.“, stammelte ich erregt. „Aber ich lass mich nicht verarschen.“ Ein Professor kam hinzu. „Geht’s eigentlich noch?“ „Ich glaub er dreht grad durch.“, sagte Emma mit tellergroßen Augen.“Kommen Sie erst mal wieder hoch.“, sagte der Professor zu mir und griff nach meinem Arm. Als ich daraufhin handgreiflich wurde, sagte er zur Schwester: „Fixierung. Schnell“. Die Krankenschwester eilte in den Geräteraum. Währenddessen hielten mich zwei Ärzte, drei Pfleger, zwei Schwestern und Emma am Körper und warfen mich auf ein Krankenbett. Ich zappelte und schrie. Als das nichts brachte, drohte ich ihnen. „Ich verklag‘ das ganze verdammte Haus.“ Die Schwester kam mit der Fixierung aus dem Geräteraum. Sie streckten meine Gliedmaßen, wie bei einer Räderung. Dann legten sie die Manschetten der Fixierung um meine Gelenke. Anschließend verankerten sie die Manschetten mit Bändern am Bettrand. Ich wandte mich, wie ein Fisch, der aus dem Wasser gezogen wurde. Ich versuchte, mich gegen mein Schicksal zu wehren. Eine weitere Pflegerin kam im Eilschritt mit einer blauen Pille in der Hand. „Nehmen Sie das“, befahl sie mir „Tavor. Das hilft.“ „Hilf dir selber“ Der Fisch zuckte noch. Man zwang mich, das blaue Übel zu schlucken. Ich weigerte mich, spuckte allerlei Schimpfwörter in die Runde, biss den Kiefer zusammen und biss mir anschließend die Zunge blutig. Ich gab irgendwann kraftlos auf. Schlief vor Erschöpfung ein. Der Fisch konnte jetzt filetiert werden.
Als ich wieder wach wurde, fühlte ich die Blöße in mir. Noch immer ans Bett fixiert schaute ich mich um. Emma stand da. „Na, du Randalierer?“, sagte sie. „Kann man schon wach sein?“ Ich entschuldigte mich bei ihr für mein Verhalten. Was war nur in mich gefahren? Ich, der sonst so Ruhige, hatte eine Stunde lang eine komplette Station allein beschäftigt. Und das im Frühdienst. Wo die Zeit sowieso schon rar ist. Emma stupfte mir auf die Stirn mit dem Zeigefinger. „Hallo.“ Ich schaute sie an. Sie hatte Recht. Ich denke zu viel. „Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte ich sie. „Musst du die Ärzte fragen“, sagte sie. „Glaubst du, die werfen mich jetzt raus?“ „Ich weiß nicht. Es war schon n bisschen psycho, was du da gemacht hast.“ „Scheisse“, fluchte ich leise. Eine Ärztin betrat das Zimmer. Sie kam mit der Belegschaft zur Visite. „Guten Morgen, Herr Ostermann. Schön, dass sie wach sind. Wie geht’s Ihnen denn heute?“ Ich erklärte ihr die ganze Geschichte und wie es dazu kam. Von meinem Blackout, dem Dämon und wie ich der Überzeugung war, dass der Professor versuchte, mich zu bestehlen. Die Ärztin stellte noch ein paar Routinefragen, dann verließ sie das Zimmer wieder, mit der Belegschaft im Schlepptau. Emma und ich unterhielten uns noch ein bisschen, dann ging auch sie wieder auf ihre Station zurück. Ich lag in meinem Bett auf Station Sieben. Fixiert. Dann schlief ich wieder ein.
Zwei Jahre, eine Therapie und keinen Anfall später arbeite ich noch immer im Krankenhaus. Ich rauche jetzt kein Gras mehr. Wie wir festgestellt haben, könnte das der Auslöser für meine Schübe gewesen sein. Da ich inzwischen unkündbar bin und weil das Krankenhaus eine soziale Einrichtung ist, wurde ich versetzt in das Archiv. Der stressfreie Alltag ist eine spürbare Verbesserung für mich und mein Handicap. Manchmal treffe ich Emma auf dem Flur. Es gibt immer etwas zu erzählen in einem Krankenhaus, aber die Geschichte von meinem Aussetzer ist immer noch eine unserer liebsten Anekdoten.
