- Anmerkungen zum Text
Hallo zusammen, das ist mein erster Text hier im Forum. Ich bin 15 Jahre alt und freue mich über jede Art von ehrlicher Kritik und Tipps, wie ich mich handwerklich verbessern kann! Ich habe im Text ein paar bewusste fehler, wie stuuuunden, die bitte nicht beachten. Außerdem sind ein paar übergange sehr abrupt, das ist aber auch bewusst.
Exakt 255 bis 258
Ich weiß nicht, ich bin einfach außerhalb der Norm. Oder rede ich mir dies nur ein? Aber sich das einzureden entspricht doch nicht der Norm – das heißt, ich bin anders. Aber dann rede ich es mir doch nicht ein und bin deswegen nicht anders, weil ich es mir nicht einrede. Jetzt habe ich es: Die Antwort liegt nicht in der Logik, sondern in der Erzeugung des Satzes.
Das laute, metallische Geräusch des zufallenden Tors weckt mich aus diesem Gedankengang. Es ist ca. 6:40 Uhr, das heißt, in 9 Minuten muss ich neben lauter bekannten Unbekannten stehen und das gleiche Ziel verfolgen. Ich habe vergleichsweise ein recht schnelles Tempo, das lässt mich wenigstens motiviert wirken. Jetzt ist schon die Ecke in Sichtweite; ich bin immer gespannt, wie viele draußen an einem kalten Ort stehen, nur um pflichtvoll zu erscheinen. Jetzt gehöre ich auch zu den Pflichtvollen. Der Bus ist da, aber viel zu spät. Wie spät, spielt keine Rolle.
Der Bus ist voll, aber ich habe einen schönen Stehplatz in Sicht. Die Bustüren gehen auf und das familiäre Geräusch der Türen ertönt; er ist wie ein Windstoß, der uns alle auf 15 m² vereint. Ich drängle mich gewissenslos vor, aber keiner öffnet seinen Mund, nicht mal für ein Wort. Der Stehplatz ist meiner – bis zur Schule. Diese kleine Freude wird direkt von dem krächzenden Geräusch des Motors übertönt, er ist nicht zu überhören. Der Bus ist hell, aber dunkel – ich bin eine Antimücke.
Ich quäle mich durch den vollen, wirklich vollen Bus nach draußen. Jetzt erblicke ich ein kaltes Konstrukt; es ist zwar nicht grau, wirkt aber so. Es ist das Gegenteil meines Stehplatzes. Ich gehe rein, davor sitzt ein Rabe, er ist schwärzer als sonst. Er ist aber stehplatzerisch. Ich begrüße meine Freunde? Ich betrete die Klasse. Ich „warte“ auf den Lehrer. Ich erledige eine Aufgabe, der Rest der Stunde denke ich an meinen Nachmittag. Meinen Mitschüler scheint der Nachmittag nicht so zu interessieren.
Die Stuuuunden sind vorbei, ich eile aber nicht zum Bus. Aus welchem Grund auch immer stresst mich ein verpasster Bus keineswegs. Sondern die drängelnden 56 (Mit-)Schüler. Ich steige pünktlich in den Bus, trotz meines 2-km/h-Tempos. Endlich Nachmittag.
Der Bus ist am heutigen Morgen so voll wie noch nie, ich merke erst jetzt die zwei Raben vor mir, aufgestellt wie Basalt-Statuen und mich anstarrend. Als Einziger. Ich merke, wie exakt 17 an mir vorbeigehen.
Wenn keiner weiß, dass du existierst, also keiner bist, bist du dann real? Ich nehme an, du bist nicht real für die synchronisierte Subjektivität, in deiner Realität schon. Wenn du jetzt von mehr Personen wahrgenommen wirst, bist du dann realer, weil du in vielen Realitäten integriert bist, oder zählt nur deine? Die sonst warme, kalte Scheibe im Klassenzimmer spendet mir diesen Gedanken.
Ich wundere mich, dass ich alleine sitze. Im Dunkeln? Nur ich. Der Tisch neben mir erscheint lebendiger als die anderen. Die Form erinnert mich an einen Raben. Der Tisch verschlingt mich rabisch. Ich klinge novellisch. Das Problem ist, eine unerhörte Gegebenheit ist rein subjektiv. Wer was gehört hat oder nicht. Warte, es kann keine unerhörte Gegebenheit geben, rein formal, weil in dem Moment, in dem ich mir eine ausdenke, dann kenne ich sie ja schon, sie ist nicht unerhört.
Mein Stachel tut langsam weh, ich sitze schon mein ganzes Leben drauf. Ich erwarte die 3 Raben. Ohhh nein, ein toter Rabe, ich und der Tisch trauern. Ein anderer Rabe fliegt auf mich zu. Was soll das, ich bin kein Rabe. Oder?
Ich sitze in der Klasse. Das ist jetzt der 1. Rabe, der den Schulhof betritt. Warum ich das mache? In der Klasse sitzen. Ja, warum? Ich werde gestört beim Denken: „Hallo, aufwachen!“. Ich bin der einzige Wache, wenn ich mich umblicke. Selbst die Worte sind so müde, dass sie nicht bei mir ankommen.
2 Raben. „Genügt dir ein Verweis oder willst du auch noch von der Schule geschmissen werden?“ Was meint er? Seine Worte wirken so wach. Er hat mir gar nicht diese Worte zugeworfen, sondern... irgendwem, was soll’s.
3 Raben mittlerweile. Der Lehrer spricht mich an: „Alles okay bei dir?“. Ah, schon wieder jemand anderes.
4 Raben. Oder 4 bis 1? Ich gehe nach vorne, um meine Hände zu waschen. Der Lehrer spricht wieder. Was hat er zu sagen? Nichts. Ich gehe weiter. Wohin? Zu meinen Raben. Wo sind sie? Die Raben sind allesamt weg. Woo sind die Raben hin?
Wo sind alle? Ich sitze alleine im Klassenzimmer. Ich wurde unmöglich vergessen. Es ist exakt 6:41 Uhr. Ich gehe aus dem Zimmer. Ein Junge läuft mir entgegen, ich rufe „Stopp!“, bevor wir zusammenprallen. Er ist gerade durch mich gelaufen. Warum? Was bin ich? Ich gehe endgültig aus dem Schulgebäude. Mittlerweile sind 11 Personen durch mich hindurchgelaufen. Ich bin wahrlich außerhalb der Norm. Ich freue mich aber nicht. Ich spüre gar nichts. Es ist einfach stimmig.
Ich erkunde die Innenstadt. In der Ferne sehe ich etwas, es sieht nicht menschlich aus. Ich komme näher, um es zu betrachten, es sieht aus wie eine Kreuzung.
„Hallo“, sagt einer. Redet er mit mir? Wie geht das?
„Kannst du mich sehen?“, erwidere ich, meine Stimme klingt heiser, aber hallig.
„Ja, natürlich“, rufen alle 21, als wären sie eine Einheit.
„Wir sind aussortiert worden aus der Menschlichkeit, wir sind kaputte Gedanken“, erklärt der Mittlere. Sie sagen diese Sachen ganz nüchtern.
„Passiert das mit jedem?“, antworte ich.
„Ja, wir sind alle gleich. Jeder auf der Welt denkt, er sei anders, aber tief drinnen denken sie gleich, alle sind draußen nur angepasst“, entgegnete er mir.
„Okay, danke für die Informationen“, bedanke ich mich.
Ich gehe wieder an den Geburtsort zurück. Mir ist dies nie aufgefallen, aber das geht wahrscheinlich jedem so. Wo sind eigentlich die ganzen Raben hin? Ich betrachte jeden Menschen genau beim Laufen, sie sind wie ich. Ich habe ein Ziel. Das unterscheidet mich, vermute ich mal anzunehmen.
Ich betrete das Klassenzimmer, alle Mitschüler und der Lehrer sitzen drinnen. Ich kann mich aber ungestört auf meinen Platz setzen, keiner vermisst mich. Aber so war es schon immer, merke ich erst jetzt. Ich kann mich zwar exakt an mein altes Ich erinnern, aber es wirkt so weit weg. Ich sehe immer noch meine altbekannten Schulsachen vor mir, einen Block, einen Stift. Es löst in mir etwas Logisches aus, ich will ein Buch schreiben. Ich überlege lange, aber dann setze ich den Stift an und schreibe in einem Ruck einen Text.
Ich schaue raus, irgendwas wirkt auf mich. Ich bin nicht außerhalb der Norm, werde trotzdem nicht von der synchronisierten Subjektivität wahrgenommen. Was bin ich? Ich sehe die Blätter draußen im Wind wehen. Warum fallen sie nicht unter diesem Druck? Sie werden vom Ast gehalten. Ich bin ein Blatt, aber ich habe keinen Ast, und der Druck des Windes ist extrem stark. Ich sitze mittlerweile am Fensterbrett, nachdem ich mein altes Ich kurz habe aufblitzen sehen. Und ich werde loslassen.