- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 25
Faust - Ein Drama mit zwei Pakten
Faust - Ein Drama mit zwei Pakten (neu)
Vor dem Dom steht Faust, der eine Zigarette raucht und alle vier Sekunden auf seine Uhr schaut. Das junge Gretchen verkauft Rosenkränze für den Pfarrer und sieht in Faust einen potentiellen Käufer für ihr christliches Merchandise.
„Wollen Sie, werter Herr“, spricht sie ihn an, „vielleicht einen Rosenkranz kaufen und somit der Kirche helfen? Alles, was Ihr gebt, wird Euch später, wenn Ihr bei Ihm seid, hundertfach zurückgezahlt.“
„Nein Kleine, geh weg!“
„Warum seid Ihr so unhöflich? Glaubt Ihr denn nicht an Gott?“
„Kindchen, nun komm mir mal nicht gleich mit der Gretchenfrage.“
Margarete sieht sich Faust etwas genauer an und denkt: Wenn er wohl dreißig Jahre jünger wär und ein wenig mehr gepflegt, könnt ich glatt meine Mutter für eine Nacht mit ihm vergiften.
„Was macht Ihr hier, werter Herr?“
„Du hast ja eine Menge Fragen. Bist du von der GdMiwK?“
Sie schüttelt den Kopf und fragt sich: GdMiwK, was ist das?
„Pass auf. Ich muss mit einem Freund noch mal weg. Komm morgen wieder. Gleiche Zeit, gleicher Ort.“
„Abgemacht?“
„Ja.“
„Lass uns den Pakt mit einem Handschlag besiegeln.“
„Okay“, sagt Faust und gibt ihr die Hand.
„Ich bin übrigens die Margarete, auch Gretchen genannt.“
„Heinrich, Dr. Heinrich Faust.“
Mephistopheles, der aus modischen Gründen weder seinen Pferdefuß noch seine beiden Raben dabei hat, überquert den Domplatz. Er stolpert über einen einzeln herumliegenden Ziegel und flucht.
„Wer hat denn ... ? Verflixt und zugenäht. Wer auch immer diesen blöden Felsen hier hin gestellt hat, deine Seele krieg ich auch noch!“
Gretchen erkennt sofort die wahre Identität des Herren mit der roten Hahnenfeder am Hut.
„Oh mein Gott! Der Teufel!“, ruft sie aus, fällt um und liegt direkt vor Faustens Füßen.
„Siehst du?“, sagt Mephistopheles. „Nach all den Jahren hat meine umwerfende Wirkung auf Frauen nicht nachgelassen. Allerdings scheint mir dieses Exemplar, mit wohl grade vierzehn Jahr, ein wenig jung und unerfahren für einen Kavalier wie mich zu sein.“
Faust sieht Mephistopheles eine Sekunde lang an, schüttelt dann kurz den Kopf und schnipst seine Zigarette weg.
„Mephistopheles, tritt beiseite. Ich bin Arzt.“
Er nimmt ihre Hand, legt zwei Finger an ihr Handgelenk und sieht auf die Uhr.
„Nein, sage mir, was soll das werden?“, fragt Mephistopheles mit einem leicht verächtlichen Ton.
Der stark bewölkte Himmel, der eben noch klar war, reißt an einer Stelle auseinander und ein breites Lichtbündel strahlt auf den Dom. Eine Stimme, die ebenfalls von oben zu kommen scheint, sagt:
„So ein Ärger, die Zentralsteuerung für das göttliche Lichtbündel ist kaputt und die Typen von der GdMiwK streiken mal wieder. Hach, blöde Gewerkschaft. Und wo zum Teufel ist der Hall in meiner Stimme?“
„Wer will denn da mir wieder die Schuld in Schuhe schieben?“, fragt Mephistopheles beleidigt.
Ein lauter Knall lässt die Häuser rings um den Domplatz erschüttern, der göttliche Lichtstrahl erfasst die drei Figuren auf dem Platz und die Stimme sagt, jetzt mit einem Hall, der nur einem Gott gebührt:
„Finger weg! Das ist meine Seele!“
„Nicht solange ich auf Erden wandle“, entgegnet Faust. „Hier ist meine Magie mächtiger als deine.“
Mephistopheles sieht auf den reglosen Körper, winkt ab und sagt:
„Sie ist gerichtet!“
„Sie ist erlöst!“, protestiert die Stimme von oben.
„Sie ist nur ohnmächtig!“, sagt Faust.
„Mist!“, flucht die Stimme von oben.
Mephistopheles scheint zunächst das Interesse an Gretchen verloren zu haben und schlägt vor:
„Dann lass sie liegen, Doktor. Wir gehen solange auf einen Espresso in die Hexenküche.“
Gretchen erwacht plötzlich wieder aus ihrer Ohnmacht, ein Ziegel rutscht vom Dach des Doms und streckt sie für immer nieder. Zwei in weiß gekleidete Gestalten, die sich eigentlich immer schwarz anziehen wollten, es aber nicht bei der „Gewerkschaft der Männer in weißen Kleidern“ durchdrücken konnten, erscheinen plötzlich und wie aus dem Nichts auf dem Domplatz und nehmen Margarete mit. Mephistopheles ist entrüstet über so viel Verschwendung:
„Oh, wie schade. Ohne je vom Bösen oder der Sünde gekostet zu haben, in so jungen Jahren dahingerafft. Du kannst so entsetzlich grausam sein“, schluchzt er, schüttelt den Kopf und sieht in den bewölkten Himmel mit dem Lichtstrahl. Mit einem göttlich triumphalen Hall, der erneut die Häuser erzittern lässt, sagt die Stimme:
„Jetzt ist sie erlöst!“
Der Lichtstrahl über dem Domplatz erlischt und die Wolken ziehen sich, die Erde verdunkelnd, zusammen.
„Eine Seel', für die ich noch einen großen Plan gehabt, jagt mir der Herr tatsächlich ab. Der kleine Gott bleibt stets von gleichem Schlag, und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.“
„Nein mein Freund, sie wird nur wieder eins mit der Natur. Nur unreiner Kohlenstoff und Wasser von komplizierter Struktur“, entgegnet Faust.
„Warum haben diese Akademiker eigentlich auf alles eine Antwort?“
„Du hast mich lange warten lassen. Ich stehe schon seit dreiundzwanzig Minuten hier.“
„Ich musste noch was mit deinem Schöpfer klären.“
„Was soll das? Du weißt doch, dass ich nicht an Kreationismus glaube.“
„Nicht Gott, bei dem Goethe war ich. Es hat ihn gerade erwischt. Er wollte alles: Macht, Erfolg und am Ende verlangt dieser Tölpel auch noch einen guten zweiten Teil. Das war zu viel. Alles, was er noch sagte, war: 'Mehr Licht!' Pah, Akademiker.“
Er hebt seine Hand und richtet seinen Zeigefinger aufwärts zu dem mit Wolken bedeckten Himmel und fügt an:
„Am Ende wollen sie dann doch zu Ihm.“
„Wo gehen wir eigentlich hin?“
„Auf einen Espresso in die Hexenküche. Das sagte ich doch bereits.“
„Espresso. Das ist nichts als italienischer Kaffeeersatz. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich so etwas trinke.“
„Der Goethe hat wohl sechzig Jahre an dir geschrieben. Wir müssen dir eine Menge Staub vom Leibe schütteln. Da stößt selbst meine Magie an ihre Grenzen. Der Espresso von der Hex' hingegen, macht dich wieder jung, dynamisch und agil.“
„Deine Hand drauf?“
„Um Lebens oder Sterbens willen bitt ich mir ein paar Zeilen aus.“
„Auch was Geschriebenes forderst du Pedant? Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes Wort gekannt?“
„Ist doch nur ein jedes Blättchen gut. Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.“
„Erstens: Warum reden wir plötzlich so gestelzt. Und zweitens: Hast du als Student etwa niemals Plasma gespendet? Weißt du denn nicht, wie höllisch es schmerzt, wenn dir jemand in den Finger piekst?“
„Nun hab dich nicht so mädchenhaft.“
Mephistopheles schlägt die Hände vor das Gesicht, schüttelt ungläubig den Kopf und sagt:
„Verdammte Akademiker.“
„Und ist denn deine Nadel überhaupt steril? Hast du überhaupt nur eine Ahnung was eine unsaub-“
„Okay, okay, okay. Das reicht. Du hast gewonnen. Ich denke, es genügt dieses Mal, wenn wir uns nur die Hand geben. Aber lass uns vorher noch kurz mit einem Weinchen in Auerbachs Keller auf unseren Pakt anstoßen.“
„Nein, lieber nicht. Da kann ich mich seit der Sache mit dem Weinfass nicht mehr sehen lassen.“
Es beginnt zu regnen. Faust und Mephistopheles verlassen den Domplatz und machen sich auf zur Hexenküche, wo nun dem alten Faust mit italienischem Kaffeeersatz die Falten aus dem wellblechartigen Gesicht gedengelt werden.
Goethe, der ebenfalls einen Espresso nötig hätte, stolpert klatschnass mit einer Weinflasche über den Platz und ruft:
„Mehr Licht! Macht gefälligst mehr Licht! Ich bin nicht umsonst jahrelang Geheimrat gewesen. Vor mir hat sich nichts zu verschließen! Da steckt doch wieder diese GdMiwK dahinter, gemeiner Pöbel.“
Nach Johann Wolfgang von Goethes Faust I und II.
So könnte man's auch verstehen. Das war eine Anregung von flashbak, die ich aufgegriffen und weiter verarbeitet habe.
Ich meine, deshalb gibt es jetzt wohl nichts mehr zu meckern.