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Fernsicht bei Föhn

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07.10.2015
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Fernsicht bei Föhn

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma. Sie bezog sich damit auf die Landschaft, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, oder auf das Weltgeschehen, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte. In beiden Fällen erschien es mir nicht ganz richtig.

Was die Landschaft anging, wohnten einige meiner neuen Klassenkameraden in höheren Lagen. Bei uns war es vom Wetter abhängig, ob man das Gebirge überhaupt sah, die Schneeflächen der höheren Gipfel verschwammen meist im Dunst. Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern. Ohne dass man weitere Anstrengungen aufbringen musste, schwang etwas Tatkräftiges mit, eine Art Herausforderung, ein Vorsprung, der nicht aufzuholen war.
Zu uns ins Dorf kam man jedenfalls nicht, um Ferien zu machen. Ich konnte es mir wirklich nicht vorstellen, dass man aus dem Ausland anreiste, um hier von einem der Bauernhöfe aus auf die flachen Weiden zu schauen, das war dann doch zu gewöhnlich. Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma zwar, und das war ja beinahe richtig, eine halbe Stunde Fahrt war es vielleicht, eine Viertelstunde, bis man dahin kam, nur fehlte eben gerade noch ein Schritt, ein entscheidender, wenn man ehrlich war.

Hinterm Haus begann die Weide. Wenn man bis über den Bach ging, kam links der Wald und ein ganzes Stück weiter unten die Bundesstraße. Bis dahin erstreckte sich die Wiese breit, frei, leicht abschüssig, so dass man weit über sie hinwegsehen konnte. Die Autos auf der Straße unten waren von unserem Haus aus gesehen ganz klein.
Man konnte über den Zaun steigen, mit dem Hund über die Wiese gehen, über den Bach, dann in den Wald und hinten über die Höfe wieder zurück. Das war schon was, das konnte nah dran sein, wenn die Sonne tief stand, die Wärme einen einhüllte, wenn man dann noch auf der Holzbrücke stand und der Bach genug Wasser führte, so dass er über die Kiesel einen Schwall bildete, dann waren das Momente, in denen fehlte nicht viel. Die Wiese wirkte von unserem Haus aus betrachtet dennoch flach, das konnte man nicht anders sagen, und die Berge am Horizont, so klar man sie an Föhntagen sehen konnte, blieben selbst dann noch weit entfernt. Ja, das war es wohl, selbst wenn man die Berge sah, selbst wenn man auf dem Balkon stehen, mehrere Viertausender benennen und sogar annehmen konnte, dass eine der weißlichen Spitzen dort weit hinten der Gipfel des Mont Blanc war, so war es alles in allem bei uns in der unmittelbaren Umgebung einfach zu flach.

Auf das Weltgeschehen bezogen hatte ich solche Einwände nicht. Wenn man es so betrachtete, fehlte nicht unmittelbar etwas, es gab hier keine Unruhen, Hungersnöte oder Putsche, das war richtig. Es war eher so, dass die Bezeichnung Paradies für den begrenzten Raum zu groß gefasst erschien. Er reichte nicht aus, um abzusichern, dass uns solche Ereignisse nichts anhaben konnten.
„Ich wundere mich, dass sie ihn noch nicht umgebracht haben“, sagte meine Oma sogar selbst, wenn Gorbatschow in der Tagesschau kam. Sie sagte nie viel mehr als das, nie etwas über die Folgen, die das haben würde, aber ich war sicher, dass es dann Krieg gab, wenn es geschah. Und dann hingen wir drin und es war nichts mehr mit dem Paradies, weil dann die Atombomben abgeworfen würden. Da brachte es auch nichts, dass hier bei uns – nämlich weil, sagte meine Oma, die Schweiz zu nah war--, keine Bomben fallen würden. Sie würden nicht die Gefahr eingehen, versehentlich die Schweiz zu treffen. Das war zwar schon gut, dass immerhin die Schweiz so nah war, und ich hatte mir das auch schon selbst überlegt, dass der Krieg dann vielleicht nicht ganz bis hierher käme oder dass man, wenn man schnell genug war, es wenigstens über die Grenze schaffte. Aber was dann?
Ich liebte es, darüber zu staunen, dass ein Krieg, der die ganze Welt zerstören würde, vor solchen Grenzen halt machte, und es beruhigte mich trotz allem, darüber nachzudenken, was es bedeutete, dass es selbst in diesem Fall noch Regeln gab, die nur eingehalten wurden, weil es sie eben gab, die man nicht brach, weil man auch im Krieg irgendwo anständig bleiben wollte, einfach nur deswegen, nicht weil es einen Unterschied machte. Das konnte schon helfen, sich das zu überlegen. Das hieß ja, dass es selbst dann noch etwas gab, was irgendwie eine Rolle spielte. Nur, wenn man ehrlich war, brachte das trotzdem alles nichts, weil dann, wenn Gorbatschow umgebracht wurde und die Atombomben explodierten, sowieso alles kaputt ging, und was nicht kaputt ging, das war verseucht, so dass man nicht mehr leben konnte. Und ein Paradies auf Zeit, das war ja wohl keins.

Wir sahen immer die Tagesschau, meine Oma und ich und der Opa Rudolf. Manchmal verpasste er den Anfang, weil er in der Küche nach dem Essen aufräumte. Durch die geschlossene Schiebetür hörten wir die Teller klappern. Dabei kamen die wichtigsten Meldungen immer am Anfang. Ich war jedes Mal gespannt, wenn der Zeiger auf der Uhr im Fernsehen die Sekunden abzählte, ich wartete unruhig auf die Erleichterung, die sich gleich einstellen würde, wenn glücklicherweise nicht zuerst Gorbatschow kam, den sie gerade umgebracht hatten, sondern beispielsweise die Eröffnung der Olympischen Spiele in Seoul.
Beruhigend war ja auch, dass die Ordnung in der Küche wichtiger war, als die Gefahr, in der Gorbatschow und wir mit ihm unablässig schwebten, denn das konnte eigentlich nicht sein, dass der Opa Rudolf es riskierte, den Ausbruch des Dritten Weltkriegs zu verpassen, nur weil die Spülmaschine noch nicht fertig eingeräumt war. Jedes Mal war ich aufgeregt, bevor die Tagesschau losging, ich spürte die Ungeduld als Kribbeln im Leib, während im Fernsehen diese Uhr zu sehen war, mit den Punkten, die um sie herumliefen, um die Sekunden anzuzeigen, und die Gefahr wuchs. Nur war es am Ende doch unwahrscheinlich, dass es gerade heute geschah.

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma, und wenn sie damit den Garten meinte, fand ich das am ehesten zutreffend. Nicht weil es wirklich mehr stimmte, sondern weil offensichtlich war, dass sie es nicht so meinte. Weil da am wenigsten etwas fehlte, was man unbedingt noch hätte dazusagen müssen. Sie meinte in dem Fall wirklich nur den Garten, und das passte dann schon irgendwie. Das klang dann mehr so, als würde sie sagen: Schau, es ist doch einfach schön hier, das hatte nicht dieses Umfassende, dieses Besitzergreifende, Übergriffige, wie ich vielleicht gesagt hätte, wenn ich solche Worte damals hätte finden können.
Jetzt im Spätsommer waren die Johannisbeersträucher abgeerntet. Es war die Zeit der Brombeeren. Sie waren dick und saftig, man bekam schwarze Flecken an den Fingern und an den Handflächen beim Pflücken. Auch die Wespen mochten die Brombeeren, aber vor Wespen hatte ich damals schon keine richtige Angst mehr. Sowieso gingen sie am liebsten an die Brombeeren ganz oben, die die meiste Sonne abkriegten und die schon zu weich zum Essen waren, eben weil ich nicht gut drankam. Ich hätte mich schon kräftig in die Sträucher reindrücken müssen, wenn ich da oben hätte drankommen wollen, und das lohnte sich nicht, vor allem nicht bei den vielen Dornen. Meine Oma und der Opa Rudolf gingen im Grunde nur ein einziges Mal raus zum Pflücken, an dem Tag, an dem wir zusammen die Hecke abernteten. Bis dahin hatte ich sie für mich.
Ein bisschen musste ich aufpassen, nicht zu tief hineinzugreifen, im Innern der Sträucher saßen die Spinnen in ihren Netzen. Schlimm war das nicht, ich musste gar nicht tief reingreifen, ich konnte einfach von außen her pflücken. Die Hecke ging über die ganze Breite des Hauses.
Da war die Hauswand, dann hinter dem Nussbaum die Brombeerhecke, dann der Zaun und dahinter die Kuhweide.
Die Brombeeren waren riesig. „Lass ein paar dran. Dein Opa Rudolf kann sonst keine Marmelade kochen.“ Meine Oma lachte und winkte vom Schlafzimmerfenster aus. Sie hatte das hellblaue Nachthemd an, die dünnen weißblonden Haare standen ihr um den Kopf. Ich winkte zurück. Sie meinte das nicht ernst, sie wollte mir zeigen, dass sie mich sah und sich daran freute, wie mir die Brombeeren schmeckten. Wir wussten das beide. Ich pflückte nur die gut erreichbaren, alleine diese ging schon nicht zu Ende.

Im Garten am unteren Rand, nicht die Seite zur Kuhweide hin, sondern die zur Streuobstwiese, stand eine Baumgruppe. So groß war der Garten, dass sogar ein Wäldchen darin Platz hatte. Die Brombeeren, die Johannisbeerbüsche, das Wäldchen. Walnussbäume und Haselnusssträucher, Zwetschgenbäume, Mirabellen. Zwei Apfelbäumchen, die lustig aussahen, klein wie sie waren, aber kaum trugen. Das lag an den Wühlmäusen, sagte meine Oma, die an den Wurzeln knabberten. Kein anderer Garten war so groß.
Und ein Gemüsebeet gab es, das lag neben dem Wäldchen. Nach Tschernobyl, sagte die Oma, hatten mein Onkel Michael und der Opa Rudolf die ganze Oberfläche abgetragen und schubkarrenweise an der Rückseite des Wäldchens abgeladen. „Sie sind sofort rausgegangen, gleich am Morgen, bevor das Gift in den Boden ziehen konnte, das war wichtig, dass sie es gleich gemacht haben. Was die geschuftet haben, meine Männer, alle Achtung.“ Die abgetragene Erde häufte sich hinter dem Wäldchen. Der entstandene Wall war ungefähr so hoch wie ich.
Ich war mir nie völlig sicher, ob meine Oma wirklich den ganzen Garten meinte, wenn sie sagte, dass Michael und Rudolf die oberste Erdschicht abgetragen hatten, oder doch nur das Gemüsebeet. Es erschien mir zunehmend unmöglich, an einem Tag, einem Morgen sogar, zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch zu zweit das alles zu schaffen, wie oft musste man dafür mit dem Spaten in die Grasnarbe stechen und die Wurzeln durchtrennen, ich wusste, welche Kraft das kostete. Später kam mir die Vermutung, dass meine Oma das absichtlich ungenau ausdrückte, weil sie die Vorstellung pflegen wollte, der Garten sei auf diese Weise restlos von der Radioaktivität gesäubert worden, das ganze Grundstück eine Oase, obwohl die beiden Männer in Wirklichkeit nur das Beet bearbeitet hatten. Denn im Grunde reichte es ja aus, dass das Gemüse nicht in der Strahlung Wurzeln schlug. Ich konnte das jedenfalls nachvollziehen, dass sie sich so ausdrückte. Es war ja nicht gelogen. Sie hätte mir gesagt, wie es war, wenn ich nachgefragt hätte.

Die Wühlmäuse machten mir keine Sorgen, auch weil die beiden Apfelbäumchen wohl nicht an ihnen zugrunde gingen. Ich kannte bisher keine Wühlmäuse und fand es nur schade, dass man nie eine sah, weil sie unter der Erde lebten. Nur die Löcher sah man.
Mehr störten mich die Schnecken. Wenn das Gras noch kurz war und es regnete nicht, dann kamen sie zum Glück am Tag nicht heraus, sondern erst wenn es dunkel und kühler wurde, aber dann ging ich sowieso nicht mehr durch den Garten. Nur an schattigen und feuchten Stellen war es immer besser, aufzupassen. „Die Nachbarn legen Schneckenkorn aus“, sagte meine Oma, „deswegen kommen die so gerne zu uns. Bei uns suchen sie Zuflucht. Was soll man machen.“ Am Ende war sie stolz darauf, dass die Schnecken kamen, weil es zeigte, dass es im Garten kein Gift gab.
Dulden konnte man sie trotzdem nicht. Wenn die Schnecken abends hervorkrochen, ging Opa in Gummistiefeln raus. Ohne Pause hörten wir die Gartenschere klacken, mit der er sie zerschnitt. Die Schnecken wurden dadurch nicht weniger, aber es war unbedingt nötig, jeden Abend mit der Schere durch den Garten zu gehen, egal welches Wetter war, zur Not noch mit der Taschenlampe im Dunkeln. Denn sie wurden nicht weniger, das bemerkten wir alle, aber sonst wurden sie noch mehr.
Im vorangegangenen Jahr, das war noch bei meinen Eltern, bin ich mit dem Fahrrad über eine Schnecke gefahren, die ich im Dämmerlicht für einen dieser leuchtend orangen Radiergummis gehalten habe. Ich bin sogar absichtlich drübergefahren, weil mich das leuchtende Ding angelockt hat, ganz grundlos eigentlich, der leuchtende Radiergummi, der da lag, und dann habe ich auch schon gesehen, wie die Innereien herausgedrückt worden sind, wie Blasen, wie blasiger Schleim, aber irgendwie auch fester. Warum hab ich das nur gemacht, dachte ich, denn ich habe wirklich absichtlich einen ganz kleinen Schlenker gemacht, das Vorderrad ein bisschen rübergezogen, um diesen Radiergummi, der da auf dem Weg lag, zu erwischen, sonst wäre ich eigentlich vorbeigefahren. Warum hab ich das nur gemacht, dachte ich, sogar fast noch bevor die Haut aufplatzte unter dem Druck des Reifens, unter dem Gewicht des Fahrrads, auf dem ich saß. Da hielt nichts mehr zusammen, das war alles dieser Brei, was da herauskam, ich hab das genau gesehen, obwohl das nur ein Moment war. Nur war es danach nicht vorbei, ich musste die ganze Zeit dran denken. Das fühlte sich an, als wäre ich damit in Kontakt gekommen, als hätte ich diese schleimigen Blasen angefasst, und ich bekam das nicht wieder ab.
Natürlich schaute ich nicht zu, wenn Opa Rudolf die Schnecken im Garten zerschnitt, aber ich musste es mir immer vorstellen, wie das Zeug da herausquoll, weil ich so genau wusste, wie es aussah. Wie sich das Tier zusammenzog und wie das überhaupt nichts half, weil es schon völlig offen war. Dieses Formlose unter der Hülle, das war das Widerliche. Magen, Darm, eine Art Herz, wenn Schnecken so etwas hatten; dass diese Brühe etwas war, etwas Bestimmtes sein sollte, was jetzt aber keinen Sinn mehr hatte, sondern nur einfach herausquoll, und dass das Tier das nicht bei sich halten konnte, das ekelte mich.
„Die sind morgen weg“, sagte Opa Rudolf über die zerschnittenen Schnecken, „die fressen die Vögel.“ Ich glaubte das nicht ganz, wir hatten Vögel im Garten, aber so viele wiederum auch nicht. Trotzdem beruhigte es mich, dass er das sagte. Die Vögel fraßen bestimmt von den zerschnittenen Schnecken, und das war schließlich das Gute, dass ich nicht wusste, wie viel oder wie schnell sie fraßen, es konnte immer noch sein, dass die Vögel morgens früh, bevor ich aufstand und es sehen konnte, die meisten aufpickten.
Opa Rudolf und meine Oma merkten, dass es mir unbehaglich war, wenn die Schnecken zerschnitten wurden. „Das ist das Humanste“, sagten sie, „das geht schnell, viel zu schnell, als dass es wehtun könnte.“ Ich fand das schon auch wichtig, dass es nicht weh tat, aber wichtiger war, dass die Schnecken weg waren am nächsten Tag und man nichts von ihnen sah.
Wirklich war dann auch meist nichts zu sehen. Mit der Zeit erkannte ich die schwarzen eingetrockneten Teile, die trotzdem manchmal am Gras hingen, als die übriggebliebenen Schneckenhälften, aber das war nicht schlimm, weil sie klein geschrumpelt waren und ohne Schleim.

Es war wichtig, dass Opa Rudolf die Schnecken zerschnitt, denn ich bekam jetzt Onkel Michaels altes Zimmer. Dort standen von früher Kleiderschränke, ein Schreibtisch und ein richtiges Bett. Omas Arbeitszimmer war für die Ferien gut, das kleine Sofa reichte für mich, wenn man die Armlehnen herunterklappte. Jetzt waren es aber nicht mehr die Ferien, jetzt wohnte ich hier, da sollte ich auch ein ordentliches Zimmer haben. Und Onkel Michaels Zimmer lag im Untergeschoss, das Fenster endete ebenerdig. Soweit durfte es nicht kommen, dass ich das Fenster öffnete, und dann krochen die Schnecken über den Rahmen.
Sonst mochte ich das Zimmer. Ich mochte Onkel Michaels Sachen um mich herum, die Möbel, die Gitarre an der Wand. Wenn ich den Arm, so weit ich konnte, aus dem Fenster streckte, konnte ich die Hand aufs Gras legen, das hinter den Kiesplatten begann. Von den Geräuschen der Autos auf der Bundesstraße unten ließ ich mich mitnehmen, irgendwo weit weg. Die Straße selbst sah man hinter Walnussbaum und Brombeerhecke von hier unten nicht.

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma, als wir nebeneinander auf der Terrasse im Liegestuhl lagen. Ich legte meine Hand in ihre und sie erzählte mir etwas über die Sterne und über die Geborgenheit, die ich bei ihr und beim Opa Rudolf jetzt gefunden hatte. Man sah viel mehr Sterne, als in der Stadt, viel mehr sogar, als anderswo im Dorf, weil hinter unserem Haus nichts mehr kam außer der Weide und der Streuobstwiese. Das Licht im Wohnzimmer war aus, die Schiebetür zur Küche geschlossen, so dass es um uns herum ganz dunkel war und die Sterne am Himmel standen, dicht wie eine Decke, immer mehr wurden es, je länger man hinsah. Meine Oma nannte mir die Sternbilder, brachte mir bei, was eine Supernova war und ein Schwarzes Loch. Wir machten uns zusammen Gedanken darüber, was es bedeutete, dass die Sterne, die wir sahen, vielleicht schon längst tot waren, und ob das nicht hieße, dass sie nie vergingen, dass sie immer erreichbar blieben, wenn man sich nur weit genug entfernt dachte.

Nur war es eben trotz allem nicht das Paradies. Das stimmte nicht, wenn meine Oma das sagte. Vielleicht hätte ich damals doch gleich widersprechen sollen. Vielleicht wäre es dann nicht so gekommen, Jahre später, als ich aufhörte, ein Kind zu sein, dass ich ihr so deutlich sagen musste, ich könne es nicht mehr hören. Oder es wäre trotzdem so weit gekommen, ich weiß es nicht, aber ich hätte zumindest nicht schreien müssen. Und das würde ich mir wünschen, im Nachhinein, dass ich wenigstens nicht hätte schreien müssen. Sie konnte für das alles ja nichts.

 

Hallo @erdbeerschorsch

Erinnerungen an die 80er-Jahre, die Angst eines Kindes und seiner Grosseltern vor dem kalten Krieg und den Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe. Die Oma sagt, sie seien sicher vor alldem, in ihrem beschaulichen Dörfchen, nahe der Schweizer Grenze, das bei ihnen hier sei das Paradies. Als Kind glaubt der Prot das, aber als er erwachsen wird oder ist, merkt er dann, dass seine Oma geflunkert hat. Er kann es nicht mehr hören, es macht ihn zornig, denn es gibt kein Paradies auf Erden, man findet es vielleicht höchstens nach dem Tod (das steht da nicht explizit, dass man es nicht auf Erden finden kann, ist nur meine Interpretation). Seine Oma hat ihm das alles schöngeredet.

Ich finde den Text gut geschrieben, es gibt aber hie und da ein paar Hiccups. Ich schreibe nachher mal raus, was ich so gefunden habe bzw. über was ich gestolpert bin. Deine Geschichte habe ich gerne gelesen, obwohl das sonst nicht unbedingt mein Ding ist, weil mir das irgendwie ein wenig zu brav und ereignislos ist, aber dennoch bin ich drangeblieben. So ein klein wenig konnte ich auch in eigenen Erinnerungen schwelgen, obwohl erst '87 geboren, aber das vermittelte Gefühl, diese Nostalgie auch, hat mich schon angesprochen. Ich finde, das ist Dir gut gelungen. Ich glaube, dass ich als Kind mit dem Fahrrad auch schon extra Schnecken überfahren habe, um zu schauen, was passiert. Es gab also einige Stellen in deiner Story, wo ich direkt anknüpfen konnte. Das Setting an sich, am Rande dieses Dorfes, hat mir auch ganz gut gefallen. Die Umgebung wird durch deine Beschreibungen schön lebendig und ich konnte mir das gut vorstellen.

Der Titel 'Fernsicht bei Föhn' passt für mich irgendwie nur zur ersten Hälfte des Textes, danach geht es um etwas anderes, um den Garten, die Früchte, die er hervorbringt und die Schnecken etc. Ich finde das einen schönen Titel, aber irgendwie ist er für die Geschichte zu wenig aussagekräftig. Diese Fernsicht wird ja nicht wieder aufgegriffen. Oder soll sich die darauf beziehen, als Kind eben diese Fernsicht zu haben, im Sinne von 'alles ist möglich' und als Erwachsener verengt sich dieser Blick irgendwo, jeder lebt zwischen seinen eigenen Leitplanken? Kann gut sein, dann würde es besser passen, aber den Föhn gibt's ja nach wie vor ... Allerdings kommt die Erwachsenensicht des Protas auch gar nicht zum tragen, da ist ja nur ein kleiner Hinweis am Schluss, dass er findet, das mit dem Paradies sei eben gelogen gewesen (versteh mich nicht falsch, die braucht's nicht, ich versuche hier für mich nur den Titel herzuleiten).

Wie dem auch sei: Jetzt folgt noch bisschen Kram, den ich mir rausgeschrieben habe.

Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen.
Beim ersten Lesen hatte ich enorme Mühe mit diesem Satz. Der ist bisschen umständlich formuliert und da steckt für mich auch zu viel drin, der ist zu voll. Ich würde da ein wenig entschlacken und das mit den roten Wolken am Himmel und dem Horizont streichen, um es besser lesbar zu machen. Vielleicht auch bisschen umstellen noch: Sie bezog sich damit auf die Landschaft, wenn zum Sonnenuntergang das Gebirge rot leuchtete, oder auf das Weltgeschehen, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte.

Bei uns war es vom Wetter anhängig, ob man das Gebirge überhaupt sah
Bei uns war es vom Wetter abhängig, oder?

Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern.
Das finde ich etwas komisch formuliert, es hatte etwas Grösseres. Vielleicht hatte es etwas Erhabenes, oder sowas? Auch das mit dem Eigentlichen. Vielleicht wesentlich? Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Erhabenes, für mich war das näher am Wesentlichen, am Kern.

Wir wohn[t]en da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma zwar
Falsche Zeitform: Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma.

Hinterm Haus begann die Weide. Wenn man bis über den Bach ging, kam links der Wald und ein ganzes Stück weiter unten die Bundesstraße. Bis dahin erstreckte sich die Wiese breit, frei, leicht abschüssig, so dass man weit über sie hinwegsehen konnte. Die Autos auf der Straße unten waren von unserem Haus aus gesehen ganz klein.
Man konnte über den Zaun steigen, mit dem Hund über die Wiese gehen, über den Bach, dann in den Wald und hinten über die Höfe wieder zurück.
Bisschen der 'über'-Overkill ... ;)

Das konnte schon helfen, sich das zu überlegen.
Sich das zu überlegen konnte schon helfen.

Wir sahen immer die Tagesschau, meine Oma und ich und der Opa Rudolf. Manchmal verpasste er den Anfang, weil er in der Küche nach dem Essen immer aufräumte.
Einmal 'immer' streichen, um die WW zu vermeiden (kurz darauf kommt noch einmal 'immer').

Ich hätte mich schon kräftig mit dem Körper in die Sträucher reindrücken müssen, wenn ich da oben hätte drankommen wollen, und das lohnte sich nicht, vor allem nicht bei den vielen Dornen.
Ja, mit dem Körper in die Sträucher reindrücken, mit was sonst?

hatten mein Onkel Michael und der Opa Rudolf die ganze Oberfläche abgetragen
wenn sie sagte, dass Thomas und Rudolf die oberste Erdschicht abgetragen hatten
Heisst der Onkel Michael oder Thomas? Oder sind das zwei verschiedene Personen?

in die Grasnarbe stechen und die Wurzeln durchtrennen, ich wusste, welche Kraft das kostete.
Der Satz ist relativ lang, ich würde ihn deshalb auftrennen. Nach 'durchtrennen' einen Punkt setzen und danach gross weiter. Das würde auch der Aussage, 'ich wusste, welche Kraft das kostete', mehr Gewicht verleihen.

Später kam mir die Vermutung
Später vermutete ich? So wie im Zitat finde ich es zu umständlich.

Warum hab ich das nur gemacht, dachte ich, sogar fast noch bevor die Haut aufplatzte unter dem Druck des Reifens, unter dem Gewicht des Fahrrads, auf dem ich saß.
Das Anhängsel scheint mir irrelevant, zu naheliegend, als das es extra ausgeführt werden müsste.

Das Licht im Wohnzimmer war aus, die Schiebetür zu[r] Küche geschlossen
zur Küche

Guten Wochenstart und Grüsse!
d-m

p.s.: Ich habe deinen Beitrag unter meiner Geschichte 'Ragamuffin' bemerkt und Dich nicht vergessen ... Danke Dir dafür! Ich brauche manchmal ein bisschen Zeit, werde aber alsbald darauf antworten.

 

Hi @deserted-monkey,

ich freue mich, dass ich dich ein zweites Mal als den ersten in den Kommentaren finde (hab grad nachgeschaut, weil irgendsoeinen Eindruck hatte). Da ist es ja umso wichtiger, dass ich es doch noch geschafft habe, vorher bei dir vorbeizuschauen.
Schön natürlich auch, dass du halbwegs was mit dem Text anfangen konntest,

obwohl das sonst nicht unbedingt [d]ein Ding ist

Ein paar Fehler hab ich schon ausgemerzt (anhängig/abhängig; Michael/Thomas; zur Küche).

Hier --

Bisschen der 'über'-Overkill ...
muss ich noch nachdenken, ich dachte: Oh ja stimmt, schnell ändern, aber ganz so schnell ging es dann doch nicht. Aber es wird sich was finden, um die Übers teilweise zu ersetzen.

Dann gibt es so ein paar Stellen, wo ich das absolut nachvollziehen kann, was du schreibst, es aber doch auch etwas gibt, was mich motiviert, sie ein Stück weit zu verteidigen.

Hier geht's um die Wortwahl:

Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern.
Das finde ich etwas komisch formuliert, es hatte etwas Grösseres. Vielleicht hatte es etwas Erhabenes, oder sowas? Auch das mit dem Eigentlichen. Vielleicht wesentlich? Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Erhabenes, für mich war das näher am Wesentlichen, am Kern.
-- Erhaben, wesentlich: Damit würde ich natürlich ein ganzes Stück aus der kindlichen Perspektive heraustreten. Das ist auch jetzt schon der Fall, aber nicht ganz so stark (für mein Empfinden). Der Text ist nicht mit der Stimme eines Kindes geschrieben, deswegen könnte es schon gehen, sich noch weiter davon abzusetzen. Irgendwie ist es mir aber ein Schritt zu weit.
Es gibt ja eine andere Stelle, wo ich eine nicht-kindliche Ausdrucksweise habe:
dieses Umfassende, dieses Besitzergreifende, Übergriffig
-- also warum nicht auch im anderne Fall? Wenn ich es mir so überlege, dann gibt es zwischen den beiden Stellen einen entschiedenden Unterschied: im ersten Fall (größere, eigentliche usw.) würde das ältere Ich das wahrschienlich nciht mehr so bezeichnen, im zweiten Fall aber schon. Das wäre (zumindest bis auf Weiteres) der Grund, warum ich das Erhabene usw. nicht so gerne nehme. (Ich kann aber verraten, dass ich mit dem Eigentlichen usw. auch nicht so ganz zufrieden bin. Vielleicht findet sich ja noch eine andere Lösung.

Hier --

Wir wohn[t]en da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma zwar
Falsche Zeitform: Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma.
-- würd ich sagen, beides geht, weil es ja keine wörtliche Rede ist. Ich könnte eine draus machen, dann wäre das als mögliche Stolperstelle weg.

Hier --

Wir sahen immer die Tagesschau, meine Oma und ich und der Opa Rudolf. Manchmal verpasste er den Anfang, weil er in der Küche nach dem Essen immer aufräumte.
Einmal 'immer' streichen, um die WW zu vermeiden (kurz darauf kommt noch einmal 'immer').
-- werd ich dir sicher im Wesentlichen noch folgen, vielleicht auch gleich schon, aber ich muss noch mal schauen, welches immer am besten weg kann. WEnn das beim Opa Rudolf wegkommt, verändert sich halt die Aussage: So, wie's jetzt formuliert ist, räumt er immer auf; ohne immer wird man vermutlich manchmal auf beides beziehen: zu spät zur Tagesschau und aufräumen. Natürlich ist die Frage, ob das irgendwie wichtig ist, dass er immer aufräumt, ich hab mir das halt so vorgestellt, aber jetzt wo ich so darüber schwadroniere, denke ich, es ist total wurscht. Kann also weg.

So wie auch das:

Ich hätte mich schon kräftig mit dem Körper in die Sträucher reindrücken müssen, wenn ich da oben hätte drankommen wollen, und das lohnte sich nicht, vor allem nicht bei den vielen Dornen.
Ja, mit dem Körper in die Sträucher reindrücken, mit was sonst?
-- Es ist sogar eine spätere Zutat gewesen, weil ich dachte, das wird dann irgendwie bildlicher. Aber nee, stimmt schon, braucht kein Mensch.

Eigentlich hab ich ja versprochen, ein paar Stellen zu verteidigen. Also mach ich das hier nochmal:

Warum hab ich das nur gemacht, dachte ich, sogar fast noch bevor die Haut aufplatzte unter dem Druck des Reifens, unter dem Gewicht des Fahrrads, auf dem ich saß.
Das Anhängsel scheint mir irrelevant, zu naheliegend, als das es extra ausgeführt werden müsste.
-- Der Gedanke, das rauszunehmen, ist schon naheliegend. Die Idee dabei ist gewesen, den Kontakt mit der Schnecke am Boden stärker zu machen: Es ist nicht der Vorderreifen, sondern sein Gewicht, dass sie plattdrückt.
Ist aber nur eine halbe Verteidigung: Ich seh schon ein, dass das so nicht richtig deutlich wird. Bis mir was Besseres einfällt. lass ich es trotzdem mal stehen. Nur der Reifen fühlt sich für mich irgendwie zu wenig an.

Und hier --

Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen.
Beim ersten Lesen hatte ich enorme Mühe mit diesem Satz. Der ist bisschen umständlich formuliert und da steckt für mich auch zu viel drin, der ist zu voll.
-- hab ich immerhin auch noch was geltend zu machen: Das ist ja schon irgendwo kitschig. Der Ich assoziiert nun aber das Eigentliche offensichtlich gerde mit den Orten, von denen -- um in der Zeit zu bleiben -- Postkarten verschickt werden. So eine Postkartenperpektive kriegt man mit dem roten Gebirge alleine sicher auch schon hin, mit den Wolken gefällt es mir aber bisher doch noch besser, gerade weil es drüber ist ...

Ja, und der Titel: Etwas passender als du finde ich ihn schon, auch für die ganze Geschichte. Trotzdem werd ich hoffentlich nicht gehauen, wenn ich sage, dass das eine Verlegenheitslösung war: Ich war dabei, die Geschichte einzustellen und hab gemerkt, dass ich gar keinen richtigen Titel hatte. ((Ich hab dir für mich als "Paradies" abgespeichert, aber der echte Titel sollte das nicht werden. Außerdem gibt es hier im Forum schon eine Geschichte, die so heißt: Paradies (ist schon etwas älter, lohnt sich aber immer noch zu lesen). Das wollte ich der geschätzten Autorin nicht rauben.))
Ähm, ja, und warum ich jetzt finde, dass der Titel nicht ganz so schlecht passt, verrate ich nicht so gern, da müsste ich zu viel erklären. Jedenfalls geht es aus meiner Sicht nicht in erster Linie um Erinnerungen an die 80er.

Übrigens ist das ja auch noch ein Thema für sich: Erinnerung an die 80er. Find ich gut, dass es für dich passt, dass ist ganz klar. Aber eigentlich sind es nur ein paar Infos aus den Nachrichten, auf die das aufbaut: Gorbatschow, Putsch in Burma, Olympische Sommerspiele - ja, und natürlich Tschernobyl, das kommt jetzt nicht aus den Nachrichten, aber ist im Grunde dieselbe Ebene (also nicht: Kassettenrekorder und Scheibentelefon). Also kurz: Wichtige Info, dass das - zumindest für dich - schon reicht, um die Zeit authentisch erscheinen zu lassen. Das ist für etwaige Ausflüge in beliebige Zeiträume ermutigend :).

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

@erdbeerschorsch

sehr schön geschrieben, intensiv und lebendig, besonders deine Liebe zum Detail hat mir gut gefallen.

Ich vermute, dass es sich um authentische Erinnerungen handelt. Für mich als Leser ist das Setting nicht immer ganz klar. Wer erzählt, das Kind oder der Erwachsene? Und ein klitzekleiner Hinweis, warum das Kind bei der Oma lebt, wäre auch nicht schlecht. Ist es regelmäßig zu Besuch? Wenn ja, warum? Wie weit weg ist das von zuhause weg? Oder wächst der Prota dauerhaft bei den Großeltern auf?

Nicht dass es wirklich wichtig wäre für den Text, aber eine Info hierzu würde mir das Gefühl nehmen, irgendwas nicht richtig verstanden zu haben. Und ich könnte mich mehr dem Text und dem Erleben des Prota widmen.

Hier meine Anmerkungen:

Genau wie desertedmonkey meine ich, dass es "Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen ..." heißen müsste.

Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen.
Sehr schöner Einstieg!
Wir wohnten da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma zwar, und das war ja beinahe richtig, eine halbe Stunde Fahrt war es vielleicht, eine Viertelstunde, bis man dahin kam, nur fehlte eben gerade noch ein Schritt, ein entscheidender, wenn man ehrlich war.
Was für ein entscheidender Schritt fehlt hier?
Ich verstehe das so, dass die Touristenregion eine Viertelstunde entfernt liegt. Ist das hier wichtig? Für den Prota ist das doch völlig irrelevant, oder? Würde ich weglassen.
„Ich wundere mich, dass sie ihn noch nicht umgebracht haben“, sagte meine Oma sogar selbst, wenn Gorbatschow in der Tagesschau kam.
Um den Leser in diese Zeit der 80er Jahre mitzunehmen (mich hats erstmal verwirrt) , solltest du hier evtl. einfügen, dass die Zeit von Gorbatschow die Kindheitszeit des Prota war, z.B. "...ja, diese Zeit war das damals"

Ich liebte es, darüber zu staunen, dass ein Krieg, der die ganze Welt zerstören würde, vor solchen Grenzen halt machte ... "Besser: halt machen sollte" oder "halt machen würde"

Im vorangegangenen Jahr, das war noch bei meinen Eltern, bin ich mit dem Fahrrad
Hier fragt man sich natürlich: Ist der Prota auf Dauer von den Eltern zu den Großeltern umgezogen? Ein kleines Stückchen Info mehr wäre hier aus meiner Sicht schön.
die ich im Dämmerlicht für einen dieser leuchtend orangen Radiergummis gehalten habe. Ich bin sogar absichtlich drübergefahren, weil mich das leuchtende Ding angelockt hat, ganz grundlos eigentlich, der leuchtende Radiergummi, der da lag, und dann habe ich auch schon gesehen, wie die Innereien herausgedrückt worden sind, wie Blasen, wie blasiger Schleim, aber irgendwie auch fester.
Insgesamt gefällt mir der Abschnitt mit den Schnecken am Besten. Er ist so schön detailliert beschrieben, dass man sich wunderbar 'mitekeln' kann.
Nur den Vergleich mit dem Radiergummi finde ich unpassend. Radiergummis 'leuchten' nicht wirklich, sind meist rot/blau und nicht lang und schmal wie Schnecken, sondern rechteckig. Den Vergleich würde ich deshalb nicht verwenden.
Sie konnte für das alles ja nichts.
Um den Kreis zu schließen, würde ich das Wort 'Paradies' noch einmal in den letzten Satz einfügen:
"Sie konnte ja nicht dafür, dass diese Welt kein Paradies war" (oder: ...dass es kein Paradies gab).


Viele Grüße
Wolfgang

 

Das „Paradies“ ist im Gegensatz zu anderen literarischen Utopien ein/e rückwärtsgewandter/s „Ort“ bzw. „Ereignis“, das der Mensch verlassen musste wie die eigene Jugend, das im verklärenden „früher war alles besser“ der Ältern immer noch mitschwingt und eher betrauert, dass man selbst nicht mehr „jung“ ist und als Utopie im Falle eines Lebens nach dem Tod die (armen) Seelen aufnimmt und belohnt (bis hin – ich zähl nicht alle auf – zu der des Morus’ und des älteren, märchenhaften Schlaraffenlandes) rückwärtsgewandt und in-sofern (oder doch so nah) etikettiert die Oma am Lebensabend da angekommen zu sein - was man paradiesisch nennen kann, aber nicht muss - in Harmonie mit der Natur der drei Generationen in ihrem hier und jetzt,

lieber 'schorsch,

also kein Wunder, dass selbst der „Kalte Krieg“ mit heute utopisch wirkenden Eigenschaften der Politikerkasten anmutet . Man störte – soweit und -fern es ging - des anderen Einflusssphäre nicht und Chrustschow traute sich gar in der Cuba-Krise, buchstäblich zurückzurudern. Wer den vermeintlichen Wettbewerb der Systeme gewonnen hat, sei mal dahingestellt. Aber mir wäre wohler, wenn statt des "eigentlich" auch mal zB ein "wirklich" auftauchte ...

Gern gelesen vom

Friedel

 

Hi @Wolfgang-42,

freut mich, dich hier zu treffen, und natürlich auch, dass es dir gefallen hat.

Obwohl in deinem Text nicht viel Kritik steht, bekomme ich den Eindruck, dass ich im Detail noch ein bisschen schrauben und feilen muss.
Da wäre einmal das hier:

Ich vermute, dass es sich um authentische Erinnerungen handelt.
Diese Vermutung finde ich für den Text nicht grundsätzlich problematisch und in gewisser Weise kann man sie sogar als pluspunkt sehen, authentisch ist im Zusammenhang sicher nichts Negatives. Aber es führt in dem Fall auf die falsche Fährte. Und da sind wir auch schon bei den Nachbesserungen, die damit mehr oder wengier zusammenhängen:
Wer erzählt, das Kind oder der Erwachsene?
Am Ende ist die Rede vom Ende der Kindheit Jahre später, im Nachhinein usw. Also ist es wohl eher der Erwachsene, der aber die Perspektive des Kindes überwiegend einnimmt. Die Funktion dieser Erwachsenenperspektive ist natürlich die Bewertung des Vergangenen. Ohne die würde, so wie ich mir den Text gedacht habe, das Entscheidende fehlen. Aber das wird wohl nicht so ganz deutlich, stattdessen führt es offenbar dazu, dass man den Text einfach als Erinnerung liest. Nicht, dass mich das überrascht, heißt aber halt, dass ich wohl noch mal ran muss.
Denn das hier --
Oder wächst der Prota dauerhaft bei den Großeltern auf? Nicht dass es wirklich wichtig wäre für den Text, aber eine Info hierzu würde mir das Gefühl nehmen, irgendwas nicht richtig verstanden zu haben.
-- ist eben doch wichtig für den Text (wie ich ihn mir gedacht habe), denn deswegen ist es eben genau nicht das Paradies. Kalter Krieg usw. sind sozusagen Stellvertreter. Ich hab mir gedacht, dass das hier --
Im vorangegangenen Jahr, das war noch bei meinen Eltern
schon ausreicht, um das klar zu machen. Tut es aber, wie es aussieht nicht.

In dem Zusammenhang würd ich gerne auch darum --

einfügen, dass die Zeit von Gorbatschow die Kindheitszeit des Prota war, z.B. "...ja, diese Zeit war das damals"
-- herumkommen, denn das würde ja gerade diese Erinnerungsperspektive noch mehr betonen. Es geht dem Ich-Erzähler gar nicht um die Zeit (also, jedenfalls so wie ich ihn mir gedacht habe). Auch ist es ja so: Wenn ich die Erinnerungsperspektive aus irgendeinem Grund ganz rausnehmen würde (angenommen, ich könnte die Bewertung anders einschleusen), dann müsste es ja auch gehen, ohne dass ich auf die Zeit extra hinweise. Anders gesagt: Ich möchte ungern, dass ein Hilfsmittel (die Erinnerungsperpektive) ein anderes Hilfmittel (diese Zeit war das damals) nach sich zieht.

Und auch das gehört zum Problem dazu:

Sie konnte ja nicht dafür, dass diese Welt kein Paradies war
-- denn "alles" sollte wie gesagt gar nicht für diese Welt stehen, sondern für den Hintegrund, warum er bei der Oma lebt.
Ich hab ja übrigens eher erwartet, dass das erstmal deutlich wäre, dass dann aber Kiritik in die Richtung kommt, dass der Grund dafür, warum er da lebt, völlig offen ist. Und das wäre richtig, der Hintergrund ist völlig offen. Das sag ich mal lieber frei heraus, nicht dass jemand hier nach versteckten Hinweisen sucht ... Die gibt's nicht, zumindest nicht absichtlich.
Und wenn diese Kritik gekommen wäre, hätte ich mich dann nach Möglichkeit frech an Interpretationsvorschlägen bedient. Aber so leicht willst du es mir nicht machen, du zeigst mir viel mehr, dass erst noch Vorarbeit ansteht. Ja, muss dann wohl sein :aua: .

Witzig auch zum Thema Authentizität: Das, worauf du dich hier beziehst --

Nur den Vergleich mit dem Radiergummi finde ich unpassend.
-- ist jetzt doch so ungefähr gewesen! Es gibt da so neonfarbene Radiergummis, die leuchten auf jeden Fall nicht weniger als so eine Schnecke ... Ist aber kein Grund, unbedingt da dran festzuhalten. Ich nehme gern was anderes, darauf kommt's nicht an. Ich bin an der Stelle wahrscheinlich nur zu faul gewesen, mir etwas allgemein Nachvollziehbareres zu überlegen ...

Dann noch was ganz anderes:

Was für ein entscheidender Schritt fehlt hier?
Ich verstehe das so, dass die Touristenregion eine Viertelstunde entfernt liegt. Ist das hier wichtig? Für den Prota ist das doch völlig irrelevant, oder? Würde ich weglassen.
Unwichtig erscheint es mir nicht, aber kann schon auch ein bisschen viel sein. Die Idee ist, dass die Oma aus der Sicht des Ichs nicht richtig liegt, aber die Wahrheit auch nicht total verdreht. Es müsste dann der ganze Abschnitt raus, also das hier:
Wir wohnten da, wo andere Urlaub machen, sagte meine Oma zwar, und das war ja beinahe richtig, eine halbe Stunde Fahrt war es vielleicht, eine Viertelstunde, bis man dahin kam, nur fehlte eben gerade noch ein Schritt, ein entscheidender, wenn man ehrlich war.
-- Und tatsächlich ist das eine gute Frage, ob das nicht lieber weg sollte ...

Schönen Dank für's (unabsichtliche) Augenöffnen!

Besten Gruß
erdbeerschorsch

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Hi lieber @Friedrichard,

ich möcht nicht sagen, ich habe dich hier erwartet, das klingt so nach Erwartungshaltung, aber vermisst hätte ich dich jedenfalls, wenn du nicht vorbeigkommen wärst!

Hierzu allerdings --

mir wäre wohler, wenn statt des "eigentlich" auch mal zB ein "wirklich" auftauchte ...
-- muss ich sagen - hab's grad geprüft - es kommen einige "wirklich" im Text vor ... Ich weiß, dass ich ein paar gelöscht habe, weil es sonst echt zu viele gewesen wären. Aber es sind noch ein paar übrig. Meine Vermutung ist daher jetzt: Beides ist noch zu viel.
Mal sehen, was sich wo ausdünnen lässt.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

Servus @erdbeerschorsch,

eine richtige Wohlfühloase hast du hier erschaffen. Das Gefühl, behütet zu sein, ein Kind zu sein, kommt gut rüber - und das halte ich schon für große Kunst. Du behauptest dieses Gefühl nicht, sondern zeigst es uns anhand der vielen Detailbeschreibungen. Alles wirkt sehr authentisch. Etwas in mir sagt, dass ich dir auf eine Weise hier nichts ankreiden möchte, weil der Text persönlich wirkt, auch wie eine Erinnerung für dich.

Diese Erinnerungen haben einen Frieden in mir ausgelöst beim Lesen, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das war eine schöne Dosis gesunde, schön Kindheit - manchmal brauche ich das, um nicht völlig den Glauben an alles zu verlieren. Deswegen fand ich den Text in seiner jetzigen Form sehr schön, auch wenn ich wohl auch ein gefundener Leser gerade für ihn bin.

Also sehr gut und souverän geschrieben. Die zerschnittenen Würmer müssten für mein Geschmack ein klein wenig mehr wehtun, die Radioaktivität beängstigender sein. Dann wäre auch der Schrei zum Ende ein kleinwenig organischer, zwingender erschienen. Dieser Kontrast zur heilen Welt würde mehr Dynamik reinbringen, und letztendlich könnte dein Prot und Text resümieren. Es geht ja im Subtexg um die Frage, ist das Stück Land ein Paradies, wie die Oma behauptet, oder nicht? Es tretrn Pros und Cons auf; die Pros überwiegen lange, auch wenn ich als Leser natürlich erwachsen und skeptisch bin und das Kindliche erkenne. Bei den Cons bin ich fast der Meinung, dass die negativen Gefühle ein wenig zu wenig geschildert wurden. (Oder ist es ein Beweis seines starken Urvertrauens in die Welt?) Deswegen wirkt die Verhandlung im Subtext ein wenig statisch und sehr positiv und womöglich zu einseitig dafür, dass am Ende der Schrei kommt und der Junge es nicht mehr glaubt. Da muss schon einige negative Emotion davor vorhanden gewesen sein. Oder fühlt sich so behütete Kindheit an, dass selbst der radioaktive Erdwall keine Angst macht? Das wäre ein Gegenpunkt zu meinem „Kritikpunkt“. In dem Fall würde ich es lassen, wie es aktuell dasteht.

Vielleicht war das wirklich ein Paradies - vielleicht lebt man im Paradies, bis man ein gewisses Alter hat als Kind, bis das Schlechte, die Schlange, erstmals ins eigene Leben zieht. Soviel Textkritik, das ist souverän, authentisch geschrieben und das Gefühl der behüteten Kindheit kommt toll rüber. Aber nur meine Meinung.

Beste Grüße
zigga

 

Salut @zigga,

schön dass du hier vorbeischaust! Ich freu mich ja, dass es keine echte Kritik von dir gibt und noch mehr dass die Kritik, die du andeutest, in die richtige Richtung geht -- "richtig" klingt so platt hingestellt natürlich blöd, ich sag gleich noch was dazu.
Erst mal noch:

Etwas in mir sagt, dass ich dir auf eine Weise hier nichts ankreiden möchte
-- nur keine Scheu, zum Ankreiden steht der Text da.

Wohlfühloase, das Gefühl behütet zu sein, authentisch -- das sind, sie wie du das schreibst, ja positive Einschätzungen, die nehme ich gerne auch so mit. Das war aber gar nicht ganz die Absicht. Also, schon auch irgendwie, aber nicht ganz.

Denn hiermit:

Bei den Cons bin ich fast der Meinung, dass die negativen Gefühle ein wenig zu wenig geschildert wurden.
-- triffst du genau den Punkt, das was offensichtlich fehlt. Meine Idee war: Es gibt im Hintergrund irgendein Ereignis (unklar welches), das dazu führt, dass der Ich jetzt bei den Großeltern wohnt, aber darüber redet keiner, sondern man redet nur darüber, dass jetzt alles gut sei. Drumherum machen sich allerlei Gefahren bemerkbar, die Radioaktivität, die Schnecken, aber die werden ausgeräumt, soweit man auf sie zugreifen kann (im Garten). Das eigentliche, innerliche Problem fasst keiner an, das bricht später aus.
Deswegen finde ich eben auch deine Bemerkung --
Die zerschnittenen Würmer müssten für mein Geschmack ein klein wenig mehr wehtun, die Radioaktivität beängstigender sein.
-- sehr treffend. Denn das sollten wirklich meine Angriffspunkte für den unterschwelligen Bruch sein. Aber was da mitschwingen sollte, wird, wie's aussieht, nicht deutlich, ist also etwas zu unterschwellig ...

Ich hab jetzt einen Absatz eingefügt: Der Ich bekommt das alte Zimmer vom Onkel, weil er jetzt für immer da ist (drittletzter Absatz, falls du noch mal reinschauen willst. Ich geb hier @Wolfgang-42 und @deserted-monkey auch mal Bescheid, weil das in euren Kommentaren auch rauskam, dass die Harmonie zu sehr überwiegt).
Dieser eingefügte Absatz fühlt sich für mich ein bisschen noch wie ein Flicken an, passt für mich schon inhaltlich, aber ich fürchte, man sieht die Nahtstellen. Bin mir außerdem nicht sicher, ob das reicht.

In Reserve hätte ich sonst noch die Überlegung, sowas einzufügen wie (sinngemäß) aber jede Nacht vermisste ich meine Eltern oder auch aber es (mit der Möglichkeit für "es" etwas Konkretes einzusetzen) war nicht wie bei meinen Eltern oder irgendwas auf dieser Ebene. Ich würd aber eigentlich gerne um so eine direkte Anspielung drumrum kommen - bisher noch zumindest.

Eine ganz andere Möglichkeit wäre auch, meine ursprüngliche Absicht einfach in die Tonne zu hauen und diesen Text als überwiegend harmonischen Text stehen zu lassen, dann eher eine Studie als eine vollständige Geschichte. Dann hätte ich zwar etwas nicht erreichen können, aber nach euren wohlwollenden Beurteilungen wäre das auch wiederum kein böses Scheitern :anstoss:.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @erdbeerschorsch

und danke für diese melancholisch Geschichte.

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma.
Der Kernaussage, um die es geht, gleich reingehauen - passt für mich.
Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen.
Die Erklärung fand ich auch etwas "schwierig", bzw. musste ich langsam oder mehrmals lesen, bis das Gesagte ankahm, aber ich denke das macht den Text interessant.
In beiden Fällen erschien es mir nicht ganz richtig.
Und der Twist -> schöner Einstiegsabsatz.

Mehr störten mich die Schnecken. ...
Danke für den Absatz, dann hab ich zwei Ansätze, was ich machen kann :D

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma, ...
Ich bin zwar nicht in solch einer Idylle großgeworden, aber es hat mich dennoch an meine Kindheit erinnert. Meine Oma hat das zwar nie gesagt, aber sie lebte auch nach dem Motto Reden ist Silber und Schweigen ist Gold.
Nur war es eben trotz allem nicht das Paradies. Das stimmte nicht, wenn meine Oma das sagte.
Und in Bezug auf die Erlebnisse aus dem Krieg, war ihr Leben (meiner Oma, wie die Oma im Text zu der Aussage gekommen ist, kann ich nicht wirklich einschätzen ;) ) in den 80er/90ern bestimmt wie das Paradies!
Und das würde ich mir wünschen, im Nachhinein, dass ich wenigstens nicht hätte schreien müssen. Sie konnte für das alles ja nichts.
Ja, es gibt auch ein paar Dinge, die ich meiner Oma gern gesagt hätte.

Also, ein schön nachdenklich machender Text.

gern gelesen
Gruß
pantoholli

 

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma.

Hallo,

ist etwas verfänglich, das so kategorisch einzuführen. Da gibt es kein Nein oder Vielleicht, das ist absolut. Ich muss das glauben. Würde sie sagen: Wir leben doch im Paradies, oder?, wäre das etwas anderes. Es führt natürlich auch die ganze Szenerie auf eine gewisse Weise ein.

Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen.
Das bekomme ich auch nicht zusammen: das Wetter und das Weltgeschehen. Wie soll ich mir das vorstellen? Steht sie am Fenster und sagt das? Sitzt sie vorm Fernseher und sagt das? Das wirkt so, als würde da eine tiefere Wahrheit dahinterstehen, etwas Weises, Reines, das Paradies, aber im Grunde meint sie damit die Landschaft und den Frieden, der dort herrscht. Und wer stellt diesen Gedanken überhaupt her? Der Erzähler?
In beiden Fällen erschien es mir nicht ganz richtig.
Das sagt er. Warum erscheint ihm das nicht ganz richtig?

Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern.
Sind sie denn näher am Kern? Am Kern von was? Nee, wenn sind die doch schon entschwoben, die sind weit oben, im Dunst, sie sind so weit weg, dass ich sie nicht mehr sehen kann; das soll doch sicherlich eine Art sozialer Hierarchie herstellen, aufzeigen, oder nicht? Es hat etwas Größeres, weil weiter oben die teureren Grundstücke liegen, die Leute mit mehr Geld leben.
Ohne dass man weitere Anstrengungen aufbringen musste, schwang etwas Tatkräftiges mit, eine Art Herausforderung, ein Vorsprung, der nicht aufzuholen war.
Wer ist dieser man? Ist es nicht auch eher andersherum: diese besondere Lage ist doch sozusagen der Beweis für die Tatkraft, für die erbrachte Leistung.
Da brachte es auch nichts, dass hier bei uns -- nämlich weil, sagte meine Oma, die Schweiz zu nah war--, keine Bomben fallen würden. Sie würden nicht die Gefahr eingehen, versehentlich die Schweiz zu treffen. Das war zwar schon gut, dass immerhin die Schweiz so nah war, und ich hatte mir das auch schon selbst überlegt, dass der Krieg dann vielleicht nicht ganz bis hierher käme oder dass man, wenn man schnell genug war, es wenigstens über die Grenze schaffte. Aber was dann?
Ist seltsam, denn in den 80ern war die Gefahr des Atomkriegs eher gering; beide Supermächte hatten sogar Pläne für eine konventionelle Kriegsführung in Mitteleuropa (Fulda-Gap etc) entworfen. Ich bin ja ein Kind der Generation X und habe die 80er voll mitbekommen, als Kind und Heranwachsender. Diese Angst gab es, aber sie war doch viel unkonkreter als du hier beschreibst, finde ich. Du hattest diese Bilder im Kopf, The Day After und so, und es war klar, danach ist alles vorbei. Ich habe es so empfunden, jetzt im Nachhinein, dass die Älteren, die besser Bescheid wussten, also Eltern etc, aktiv sagten, man solle sich um so etwas keine Gedanken machen. Es war eher wie in einer der heute so populären Blasen: diese Bedrohung gab es und sie war real, aber gleichzeitig auch unendlich weit weg, nicht wirklich greif und verstehbar. Ich habe als Kind jedenfalls nie Tagesschau geguckt, das hat mich nie interessiert. Es wirkte weit draußen, wie etwas, dass ich so oder so nicht beeinflussen konnte und das deswegen mich auch nicht beeinflusste.
„Sie sind sofort rausgegangen, gleich am Morgen, bevor das Gift in den Boden ziehen konnte, das war wichtig, dass sie es gleich gemacht haben. Was die geschuftet haben, meine Männer, alle Achtung.“
Ja, auch bei Spielplätzen etc hat man das gemacht, aber das Cäsium war ja sowieso schon in der Erde, davon haben heute noch die Wildschweine was. Ich glaube, man hat das gemacht, um überhaupt irgendetwas zu machen, um sich nicht in die Hilflosigkeit zu ergeben.

Meine Oma nannte mir die Sternbilder, brachte mir bei, was eine Supernova war und ein Schwarzes Loch.
Schon eine intellektuelle Oma. Vorher wirkte sie im Text viel eher naiv auf mich.

Nur war es eben trotz allem nicht das Paradies. Das stimmte nicht, wenn meine Oma das sagte. Vielleicht hätte ich damals doch gleich widersprechen sollen.
Ich habe ein wenig ein Problem mit der Verortung deines Erzählers. Aus welcher Position spricht er hier überhaupt? Wie lange ist das her? Wie weit liegt das Erzählte zurück? Diese Nüchternheit bei der Bewertung solcher lang zurückliegenden Ereignisse kann ja nur aus einer weiten Distanz entstehen; dafür braucht man auch einen emotionalen Abstand, um das so klar benennen zu können. Das lässt sich meiner Meinung nach im Übrigen auf alle lang zurückliegenden Ereignisse anwenden: so kann man eine Kindheit immer rückblickend überhöhend dramatisieren oder betont nüchtern und sachlich schildern. Das liegt am Erzähler. Hier ist der Erzähler, bzw so wird er mir gezeigt, als ein sehr analystisches Kind dargestellt, er weiß im Grunde alles besser, er ahnt, dass das, was die Erwachsenen sagen, nicht richtig ist, im Grunde schon ein wenig altklug. Das mündet dann in der Erkenntnis, dass er seiner Oma sagen muss, dass sie ja nicht im Paradies leben würden. Das kann man auch anders sehen: ich würde sagen, denen hat es an nichts gemangelt, die hatten ein eigenes Haus mit großem Garten, haben immer im Frieden gelebt, waren nicht krank, lebten sozusagen mitten in der Natur, er ist als Kind nicht geschlagen oder gezüchtigt worden - da würde ich jetzt konstatierten, die Oma hatte aber verdammt noch mal Recht, die leben wirklich im Paradies!

Ich frage mich, was die conlusio von deinem Text ist. Was ist der Punkt, der Kern, der Fokus? Was bewegt den Erzähler dazu, anzunehmen, dass sie nicht im Paradies leben? Es wird nie erwähnt, dass vielleicht andere Menschen dafür bluten müssen, dass es ihnen so gut geht oder er zumindest langsam und allmählich darauf kommt, dass ihr Reichtum für andere Armut bedeutet. Das ist die Schilderung einer Heilen Welt, die aber heil bleibt, die nie Risse kriegt. Das ist ja nicht nur eine Fassade, die sind ja so, da wird nichts gebrochen, keiner schlägt aus der Reihe - die Sache, warum er nicht mehr bei den Eltern lebt, wird nie erwähnt, das wäre ein Ansatzpunkt. Ich verstehe einfach nicht, wie dein Erzähler zu seiner Schlussfolgerung kommt - wo ist der Riss, und was liegt dahinter. Was ist die Ursache seiner Erkenntnis, und warum ist die wichtig, zu was führt die?

Gruss, Jimmy

 

Hi @pantoholli,

seltsam: eigentlich sehe ich dich als - im Forenkontext geprochen - alten Bekannten und wir sind uns zumindest indirekt in den Kommentarspalten hier auch schon begegnet. Vorhin hab ich aber mal auf deine Webseite geschaut, ein paar Texte gelesen, gut gefunden - aber, anders als erwartet, nicht wiedererkannt. Ich hab dann gesehen, dass ich wohl noch nie was von dir kommentiert hab. Nicht unbedingt furchtbar überraschend, aber in dem Fall doch, weil ich dachte, ich hätte irgendwie ein Bild von dir als Autor, dann hab ich aber gemerkt, ich hatte gar keins. Ich hab vielleicht mal irgendwas quer gelesen, nicht richtig Zeit gehabt, aber trotzdem mal reingeschaut oder so. Jetzt hab ich jedenfalls erst gesehen, dass mir das wirklich gut gefällt, was du da schreibst. Irgendwie ist das an mir vorbeigengangen ... Wollt ich nur mal so blockartig mitgeteilt haben.

Kritik in dem Sinn gibt es ja nicht in deinem Kommentar, außer vielleicht die Überlegungen zum Einstieg. Das ist ein Beitrag zu der Frage, ob das o.k. so ist, ob das im besten Fall vielleicht sogar in irgendeiner Weise eine Spur legt, wie sich der Text entwickelt. Das ist für mich noch unentschieden, und, wenn man so will, hast du diese Unentschiedenheit sehr schön bestätigt.
In jedem Fall freut es mich, dass du mit dem Text was anfangen konntest!

Ich hab übrigens hier --

Mehr störten mich die Schnecken. ...
Danke für den Absatz, dann hab ich zwei Ansätze, was ich machen kann :D
-- sogar noch einen ganz besonderen Tipp, es gibt nämlich, wie ich bei kurzer Recherche zufällig herausgefunden habe, auch Öko-Schneckenkorn. Ich geh mal davon aus, dass die Oma in den 80ern noch nicht kennen konnte ...

Danke für's Vorbeischauen (und dafür, mir dadurch Anlass gegeben zu haben, mich bei dir umzuschauen.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

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Hi @jimmysalaryman,

du hast ein paar schwierige Fragen gestellt, ich will mal versuchen, wie weit ich mit einer Antwort komme.

Hierzu --

Das bekomme ich auch nicht zusammen: das Wetter und das Weltgeschehen. Wie soll ich mir das vorstellen? Steht sie am Fenster und sagt das? Sitzt sie vorm Fernseher und sagt das?
-- würd ich erstmal sagen: ja, zum Beispiel am Fenster und vorm Fernseher. Ich hab da rumprobiert, sie auf der Terasse sitzen zu lassen, hat mir aber nicht gefellen, nicht so alleine: wir saßen auf der Terasse oder als wir auf der Terasse saßen oder so. Da wäre für mich zu sehr die Absicht sichtbar, ein Bild zu erzeugen, zu konkretisieren, einen Ort zuzuweisen. Dabei ist die Situation gar nicht konkret. Von diesen beiden Möglichkeiten gefällt mir die abstraktere eigentlich besser, erscheint mir der wiederholten Redegewohnheit angemessener.
Bilder sind wichtig in einem Text, zumindest mir geht es manchmal aber auch so, dass ich gelgentlich den Eindruck habe, da wird jetzt nur ein Bild hingestellt, damit es eben da ist, während ich denke, das hätte ich jetzt nicht unbedingt gebraucht.
Anders wäre es natürlich, wenn sie nicht nur auf der Terasse sitzen, sondern wenn es wirklich eien ganz konkrete, beispielhafte Situation ist. Sie sitzen auf der Terasse und man sieht genau das und das. Das bräuchte dann mehr Raum. Für den Fernseher müsste das dann genauso konkret sein, sonst fehlt das Gleichgewicht. Man kann das sicher sehr schön machen, d.h. es gibt ganz sicher gute Lösungen dafür, ob ich so eine Lösung finde, weiß ich jetzt nicht, aber wahrschienlich sollte ich das mal probieren. Also so für mich, unabhängig davon, ob ich das dann hier hinstelle. Man kann so was schließlich auch ziemlich in den Sand setzen ...

Hier das --

Das wirkt so, als würde da eine tiefere Wahrheit dahinterstehen
-- nehme ich als Eindruck mal hin, hätte ich nicht unbedingt erwartet, soll jedenfalls nicht so wirken.

Hier --

Warum erscheint ihm das nicht ganz richtig?
-- bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das einfach so beantworten kann, dass ich sage: Das erklärt er im Anschluss ja. Du hast aber den ganzen Text offensichtlich gelesen und die Frage trotzdem stehengelassen. Das heißt vermutlich, dass dich an der Offenheit hier was stört. Dann würde die Antwort: warte mal, gleich wird's erklärt, nicht hilfreich. Kan als Form vielleicht ein Problem sein, soe eien Frage, so ein Vorwegnehmen des Problems, statt es sich entwickeln zu lassen.

Hier wiederum --

Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern.
Sind sie denn näher am Kern? Am Kern von was? Nee, wenn sind die doch schon entschwoben, die sind weit oben, im Dunst, sie sind so weit weg, dass ich sie nicht mehr sehen kann; das soll doch sicherlich eine Art sozialer Hierarchie herstellen, aufzeigen, oder nicht? Es hat etwas Größeres, weil weiter oben die teureren Grundstücke liegen, die Leute mit mehr Geld leben.
-- eine für mich überraschende Beobachtung. Daran hab ich gar nicht gedacht. Ich dachte mehr so - um mal ein Beispiel zu nehmen - da kommt der Schnee früher und der Schulbus belibt stecken, und in deisem Schulbus zu stelcken ist dann cooler, als durch den Regen gefahren zu sein und pünktlich zu kommen. Das wär auch ein Bild, das ich mir vorstellen könnte zu bringen, geht aber nicht, weil ja erst Spätsommer ist ...
Diese Stelle ist jetzt nicht unbedigt die, an der ich am meisten hänge, ich würde das schon auch ganz grne noch umarbeiten. Trotzdem gibt es schon auch was, was hier aus meiner Sicht dafür spricht, gerade kein konkretes Bild zu bringen - nicht nur, weil mir keins einfällt. Und das ist, dass es ja dieses vage Gefühl gibt: man hat irgendwas gesehen, erlebt, war genz gut, eindrücklich usw. aber noch nicht das echte. Ein Beipiel aus einer ganz anderen Richtung: Ich hab mal mitbekommen, wie jemand in Südamerika war, Foz do Iguacu, diese Wasserfälle zwischen Brasilien und Argentinien, und dann empfohlen hat, einen Linienbus zu nehmen, der einmal nach Paraguay reingefahren ist, an der Endstation umgedreht ist udn wieder zurückgefahren. Und da würde man dann, ohne auszusteigen, einen Eindruck kriegen vom echten Südamerika. Nur, warum war das jetz echter? Diesen Eindruck kann man sicher irgenwie beschreiben, hat mehr die Erwartung erfüllt, ärmere Lebensverhältnisse zu sehen, vielleicht mehr Indio-mäßig aussehende Gesichter an den Haltestellen (weiß ich nicht, kann sein), aber das erklärt ja nichts, dann ist ja immer noch die Frage, was daran echter sein soll. Insofern könnte die Unfähigkeit, das einem Bild festzuhalten, auch etwas Entlarvends an sich haben, Ausdruck davon sein, dass das Gefühl diffus ist und mit der Landschaft/dem Land gar nichts zu tun hat, sondern nur mit den eigenen Vorstellungen. Ich denke auch, das geht, man kann das bestimmt so machen, und wenn man es gut macht, kann das Vorteile haben gegenüber dem konkreten Bild.
Ich will diese Stelle jetzt auch nicht kleinreden, aber ich hab da nicht direkt den Eindruck, das ich das schon gut gemacht habe. Ich fand's passabel, also so, dass ich mir gesagt hab, ja, kann mal vielleicht doch erst mal so stehen lassen. Aber das Eigentliche, der Kern sind noch nicht die Wörter, die für mich da ganz perfekt passen (fast etwas zu sehr 19. Jahrhundert, 80er sind zwar Geschichte, aber nicht so ...).

Das hier --

Ist seltsam, denn in den 80ern war die Gefahr des Atomkriegs eher gering; beide Supermächte hatten sogar Pläne für eine konventionelle Kriegsführung in Mitteleuropa (Fulda-Gap etc) entworfen.
-- ist kann ein Problem sein und wird nicht dadurch gelöst, dass ich einfach sagen könnte: Aber es bestimmt möglich, dass trotzdem ein Kind so gedacht hat. Man findet zur Not immer einen Einzelfall, muss man nur lang genug suchen. Hilft aber nichts, denn so ein Text braucht ja die Wahrscheinlichkeit. Kann ich da irgendwas geltend machen? Wahrscheinlich nicht. Ein Punkt ist zwar: die Oma und erst recht das Kind haben von diesen Plänen sicher ichts gewusst. Der Gedanke war halt, für die Entspannung steht gerade ja aucb Gorbatschow, die Oma fürchtet irgendwie, dass das schief geht, das Kind findet es vage bedrohlich und steigert sich, ohne es zu merken, in diese Erwartung rein. Möglich ist das sicher, aber ob es auch wahrscheinlich genug ist? Ich weiß nicht, welchen Eindruck man von dem Alter von dem Ich-Erzähler hat, davon hängt auch was ab, zu alt dürfte er nicht sein, zu jung auch nicht. Mit, sagen wir mal, zehn kriegt man schon einiges mit, ordnet für sich aber auch immer noch einiges ziemlich schräg ein. Oder mit neun ... Ich hab da, fürchte ich, nicht viel mehr in der Hand als diese Spekulation, ich kann sonst nur die Eindrücke registrieren, in dem Fall also deinen, dass es nicht wahrscheinlich sei.

Und dann diese zentrale Frage aus zwei Blickwinkeln --

Ich habe ein wenig ein Problem mit der Verortung deines Erzählers.
Ich frage mich, was die conlusio von deinem Text ist. Was ist der Punkt, der Kern, der Fokus?
-- auf die es, was den Fokus angeht, der Absicht nach eine klare Antwort gibt, nämlich dass er nicht mehr bei seinen Eltern lebt. Das war am Anfang wohl noch weniger deutlich, vielleicht ist es jetzt immerhin so, dass man den Ansatz wenigstens sieht, wie du ja auch sagst, aber eben mit der Kritik verbunden --
die Sache, warum er nicht mehr bei den Eltern lebt, wird nie erwähnt, das wäre ein Ansatzpunkt.
-- dass der Hintergrund nicht genannt wird.
Tja, mal schauen, ob ich dafür noch eine Lösung finde oder ob ich es aufgebe und den Text eben so stehen lasse und mitnehme, dass ich das halt nicht erreicht hab, was ich damit wollte.
Was ich mir gedacht habe, reicht mir für einen ordentlichen Riss eigentlich schon aus, nicht unbedingt für die existenzielle Tragödie, aber schon genug, dass die Reaktion gerechtfertigt wäre. Gedacht habe ich mir halt, dass der Umzug zu den Großeltern nicht ganz freiwillig ist (nicht gezwungen, aber durch irgendwelche Umstände bedingt) und dass die Eltern nicht um die Ecke wohnen. Das fänd ich in dem Alter als "Krise" schon genug, und wenn man dann darüber nicht spricht, sondern immer nur darüber, wie toll das jetzt ist, dann, würd ich sagen, kann sich das schon zum Bruch auswachsen. Das wäre also die Basis. Wenn sich herauskristallisieren sollte, dass das nicht reicht, dann müsste ich wahrscheinlich sagen: O.k., sei dem so, dann kommen wir da nicht zusammen.
Wenn es umgekehrt so sein sollte, dass es nur nicht deutlich wird, dann ginge es um die Frage, wie ich dahin komme, dass es das wird. Ich nehme mal an, dass ich das nicht mit dem plötzlichen Einfall gelöst bekomme. Ein Schritt könnte sein, dass ich mal sage, warum ich (wahrschienlich) gedacht habe, es wäre schon deutlich.
Eine Annahme ist gewesen: Man wohnt nicht einfach bei den Großeltern, weil man es da lustiger findet. Wenn ich so drüber nachdenke, würde ich daran zwar grundsätzlich festhalten, aber vielleicht ist es nicht so zwingend, vielleicht ergibt sich das auch manchmal irgendwie problemlos.
Nicht problem los wäre es für mich schon beinahe eindeutig, wenn die Eltern nicht in der Nähe wohnen, alleine eben durch die Trennung. Das würde man doch mit, sagen wir, neun, zehn, elf nicht mal eben so ohne ernsteren Hintergrund machen, oder? Wenn das so ist, würde die Entferung eine Rolle spielen. Und da, fürchte ich, spielt die persönliche Erfahrung mit rein: Großeltern waren für mich immer weit weg, was Besonderes alleine schon dadurch (wenn Schulfreunde nachmittags in die Prallelstraße zur Oma gegangen sind, hab ich immer gedacht, das ist ja dann keine richtige Oma, wenn die gleich nebenan wohnt). Hab ich also vielleicht einfach so angenommen, dass das naheliegend ist: sie sind weit weg. Es gibt einen Minihinweis:
Im vorangegangenen Jahr, das war noch bei meinen Eltern, bin ich mit dem Fahrrad (...) gefahren
-- das deutet an, dass Eltern und Großeltern nicht in direkter Nachbarschaft sind, sonst wäre da, wenn man mit dem Fahrrad rumfährt, kein Unterschied, dann würde das keinen Sinn machen: das war noch bei meinen Eltern. Aber es kann natürlich das nächste Dorf sein. Könnte also ein Teil der Lösung sein, das deutlicher zu machen, dass es ziemlich weit ist zu den Eltern. (Ich hatte die Überlegung, das in der DDR spielen zu lassen und die Eltern sind in den Westen gegangen -- hab ich mich aber nicht getraut, weil ich diese Umstände wirklich gar nicht kenne. Hat's wohl gegeben - mehr kann ich nicht sagen.)
Also die Entfernung, das müsste sich eigentlich einigermaßen dezent machen lassen.

Dann ist da noch der Grund: Warum ist er da? Das wäre ein stärkerer Eingriff, das ganz deutlich zu machen. Dann wäre in jedem Fall auch was von meiner ursprünglichen Idee weg, das Nicht-drüber-Reden so zu spiegeln, dass es eben wirklich auch nicht ausgesprochen wird. Diese Idee muss nicht unbedingt bleiben, ist aber auch nicht mal eben so eine Hinzufügung, das wäre dann schon ein ganz anderer Text - vermute ich.
Weniger stark wäre eine Andeutung, ein Symbol. Das wär aus meiner Sicht wahrscheinlich besser, aber vielleicht noch weniger leicht. Das eine oder andere Symbol sehe ich sogar auch in dem Text, kommt aber halt nicht raus, und es soll ja auch kein Suchspiel sein.
Ja, um mal langsam zum Abschluss zu kommen: Über diese Sache mit dem Grund muss ich auf jeden Fall länger nachdenken.

Jo dann: danke für's Vorbeischauen. Hat mir schon geholfen, dazu herausgefordert worden zu sein, mich zu erklären. Ist ein bisschen lang geworden, ein Indiz dafür, dass es für mich auf jeden Fall ein Gewinn ist.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

Dann ist da noch der Grund: Warum ist er da? Das wäre ein stärkerer Eingriff, das ganz deutlich zu machen. Dann wäre in jedem Fall auch was von meiner ursprünglichen Idee weg, das Nicht-drüber-Reden so zu spiegeln, dass es eben wirklich auch nicht ausgesprochen wird.

Ja, das verstehe ich und das ist auch eine sehr gute Idee. Ich sehe das aber im Text momentan noch nicht als prägend, nicht als den Fokus. Für mich wirkt es so, als spiele das eigentlich gar keine so große Rolle, und als sei das würde der Junge da alles Mögliche vollkommen überdramatisieren. Wenn du es so machen wolltest, dass die Oma ihm quasi permanent erzählt, das sei hier das Paradies, weil seine Eltern (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr da sind, dann könnte ich das eher verstehen und nachvollziehen. Dann wäre das der Riss; es wird eine Kulisse aufgebaut, um den Jungen möglichst nicht zu verstören, es muss ihm immer wieder klargemacht werden, alles ist gut. Da müsstest du natürlich noch den Verlust der Eltern einbauen: bevor er an einen Atomkrieg oder Cäsium im Boden denkt und sich fürchtet, vermisst er doch sicher seine Eltern, ihre Nähe, ihren Schutz, er sehnt sich nach dieser Keimzelle. Das bedeutet für mich, dass deinem Text irgendwie diese zweite Ebene fehlt, die läuft ja paralell dahinter ab, gleichzeitig, und so würde diese Kulisse, die die Großeltern da aufbauen und die langsam für ihn zu zerbröckeln beginnt, oder die er nie so wahrnimmt, die nie deckunsgleich ist, ja erst ihre Wirkung im Text bekommen, oder?

 

Das bedeutet für mich, dass deinem Text irgendwie diese zweite Ebene fehlt, die läuft ja paralell dahinter ab, gleichzeitig, und so würde diese Kulisse, die die Großeltern da aufbauen und die langsam für ihn zu zerbröckeln beginnt, oder die er nie so wahrnimmt, die nie deckunsgleich ist, ja erst ihre Wirkung im Text bekommen, oder?
Ja, genau, ohne die zweite Ebene bleibt es letzlich zahnlos.
Für mich ein interessantes und in der Eindeutigkeit, in der sich das hier herausschält, auch überraschendes Lehrstück in Sachen 'was denke ich mir als Autor und was ist wirklich sichtbar'.

Schönen Gruß
erdbeerschorsch

 

Lieber @erdbeerschorsch

sehr cool, mal wieder was von dir zu lesen. Der Sound und dieses Suchende im Text gefällt mir sehr. Da folge ich gerne. Am Anfang weiß ich zwar nicht, wo die Story hinführt bzw. ob es jetzt so ein konkretes Ziel gibt oder die Suchbewegung, die der Text zeigt, schon das wesentliches Merkmal der Story ist, aber ich mag es. Ich musste den Text mit Unterbrechung lesen, weil etwas dazwischen gekommen ist. Der Text fing dann, finde ich, ab dem zweiten Drittel etwas an zu plätschern. Alles top geschrieben, das ist es nicht. Aber die Aussage kam mir zunehmend wässrig vor. Das Paradies-Motiv erschien mir dann zu sehr wie ein Kitt, der das wenig Zusammenhängende zusammenhält. Die Brombeer- und die Schneckenepisode mal beispielhaft genannt. Sie zeigen zwar, dass dieses 'Paradies' Brüche aufweist, aber für eine Erzählung mit so engem Erzählrahmen sind sie schon etwas blass, finde ich. Noch mal: geschrieben, finde ich, ist das klasse. Ich würde mir das auch als Roman durchlesen. Bräuchte aber persönlich ein bisschen mehr das Gefühl, dass mir auch wirklich etwas Wichtiges erzählt wird. Hier hatte ich fast den Eindruck – entschuldige mir das bitte, ich bin hier wirklich nur bei meiner Textwahrnehmung – das hier über die Sprache und ein paar ausgelegte Haken der Eindruck vermittelt wird, etwas Wichtiges würde erzählt werden, was sich allerdings nicht beweist und auch schon bei besagten Episoden Zweifel erregt. Dazu kommt, dass der angedeutete historische Rahmen (mir) nicht wirklich klar wird. Gorbatschow, Atombombe, Tschernobyl. Hmm. Ich glaube, ich hätte es besser gefunden, wenn der Text in diesem nüchternen Beobachten verblieben wäre. Überhaupt kein Dialog oder irgendetwas jenseits dieser Beobachtungen der Schweizer Flur gebracht hätte. Denn im ersten Drittel habe ich das so empfunden und das fand ich sehr stark. Einzelheiten:

Weiter oben zu wohnen, das hatte etwas Größeres an sich, es war mehr das Eigentliche, näher am Kern
Ohne dass man weitere Anstrengungen aufbringen musste, schwang etwas Tatkräftiges mit, eine Art Herausforderung, ein Vorsprung, der nicht aufzuholen war.
und das war ja beinahe richtig
ine halbe Stunde Fahrt war es vielleicht

Hier würde ich entschlacken, vor allem Füllwörter (kill your darlings) und auch etwas mehr zum Punkt kommen.

die Sonne tief stand, deren Wärme einen einhüllte,

würde einfach 'die' schreiben

von unserem Haus aus gesehen ganz klein.
Man konnte über den Zaun steigen, mit dem Hund über die Wiese gehen, über den Bach, dann in den Wald und hinten über die Höfe wieder zurück. Das war schon was, das konnte nah dran sein, wenn die Sonne tief stand, deren Wärme einen einhüllte, wenn man dann noch auf der Holzbrücke stand und der Bach genug Wasser führte, so dass er über die Kiesel einen Schwall bildete, dann waren das Momente, in denen fehlte nicht viel. Die Wiese wirkte von unserem Haus aus betrachtet

Hier würde ich variieren.

bei uns -- nämlich weil

Halbgeviertstrich – oder?


Er reichte nicht aus, um abzusichern, dass uns solche Ereignisse nichts anhaben konnten.
„Ich wundere mich, dass sie ihn noch nicht umgebracht haben“, sagte meine Oma sogar selbst, wenn Gorbatschow in der Tagesschau kam. Sie sagte nie viel mehr als das, nie etwas über die Folgen, die das haben würde, aber ich war sicher, dass es dann Krieg gab, wenn es geschah
Olympischen Spiele in Seoul.
Und ein Gemüsebeet gab es, das lag neben dem Wäldchen. Nach Tschernobyl, sagte die Oma, hatten mein Onkel Michael und der Opa Rudolf die ganze Oberfläche abgetragen und schubkarrenweise an der Rückseite des Wäldchens abgeladen. „Sie sind sofort rausgegangen, gleich am Morgen, bevor das Gift in den Boden ziehen konnte, das war wichtig, dass sie es gleich gemacht haben

Habe mich über die zeithistorischen Elemente gewundert. Gorbatschow steht doch gerade für Entspannung. Klar mag das auch anders emfpunden worden sein, aber irgendwie hakelt es hier für mich. Wer sollte hier Gorbatschow umbringen? Und worauf wird hier angespielt? Also Chruschtschow hätte ich auf dem Spot viel eher verstanden. Da gab es eben unter anderem die Kubakrise, da war nun wirklich alles offen. Aber danach zeichnet sich ja, trotz Zwischenfällen, recht eindeutig Entspannung ab. Dann dachte ich kurz: vielleicht spielst du auf Able Archer 83 an. Aber das passte nicht zu den Olympischen Spielen in Seoul (1988). Und dann die Tschernobyl-Referenz. Das klingt dort so, als läge das weit zurück. Dabei sind es genau zwei Jahre (1986) vom Erzählzeitpunkt aus. Würde man da nicht anders drauf hinweisen, ist das nicht quasi gerade erst passiert, Spuren davon vielleicht sogar noch sichtbar?
Hier sind für mich also historisch betrachtet, sehr viele Fragezeichen entstanden. Würde mich auf jeden Fall mega interessieren, was da deine Background-Idee war.

saßen die Spinnen in ihren Netzen. Schlimm war das nicht, weil es sowieso genug gab

Hier klingt es, als würde der zweite Satz sich auf die Spinnen beziehen und nicht auf die Brombeeren.

Jetzt im Spätsommer waren die Johannisbeersträucher abgeerntet. Es war die Zeit der Brombeeren. Sie waren dick und saftig, man bekam schwarze Flecken an den Fingern und an den Handflächen beim Pflücken. Auch die Wespen mochten die Brombeeren, aber vor Wespen hatte ich damals schon keine richtige Angst mehr. Sowieso gingen sie am liebsten an die Brombeeren ganz oben, die die meiste Sonne abkriegten und die schon zu weich zum Essen waren, eben weil ich nicht gut drankam. Ich hätte mich schon kräftig in die Sträucher reindrücken müssen, wenn ich da oben hätte drankommen wollen, und das lohnte sich nicht, vor allem nicht bei den vielen Dornen. Meine Oma und der Opa Rudolf gingen im Grunde nur ein einziges Mal raus zum Pflücken, an dem Tag, an dem wir zusammen die Hecke abernteten. Bis dahin hatte ich sie für mich.
Ein bisschen musste ich aufpassen, nicht zu tief hineinzugreifen, im Innern der Sträucher saßen die Spinnen in ihren Netzen. Schlimm war das nicht, weil es sowieso genug gab, ich musste gar nicht tief reingreifen, ich konnte einfach die äußersten pflücken, schließlich hatte ich die ganze Länge der Hecke zur Verfügung. So viel konnte ich gar nicht schaffen. Die Hecke ging über die ganze Breite des Hauses. Da war die Hauswand, dann hinter dem Nussbaum die Brombeerhecke, dann der Zaun und dahinter die Kuhweide.
Die Brombeeren waren riesig. „Lass ein paar dran. Dein Opa Rudolf kann sonst keine Marmelade kochen.“ Meine Oma lachte und winkte vom Schlafzimmerfenster aus. Sie hatte das hellblaue Nachthemd an, die dünnen weißblonden Haare standen ihr um den Kopf. Ich winkte zurück. Sie meinte das nicht ernst, sie wollte mir zeigen, dass sie mich sah und sich daran freute, wie mir die Brombeeren schmeckten. Wir wussten das beide. Ich pflückte nur die gut erreichbaren, alleine diese ging schon nicht zu Ende.

Das und auch der Part mit den Schnecken. Habe ich ja oben schon etwas zu geschrieben.

Für mich im Fazit: Ein sehr gut geschriebener Text, der mich toll in eine Stimmung mitnimmt, bei dem ich aber kaum die Story vorfinde (vielleicht aber auch Blindheit) und dadurch nicht ganz satt werde.

Beste Grüße und bis ganz bald!
Carlo

 
Zuletzt bearbeitet:

„Wir leben im Paradies“, sagte meine Oma. Sie bezog sich damit, wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten, auf die Landschaft um uns herum, oder, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte, auf das Weltgeschehen. In beiden Fällen erschien es mir nicht ganz richtig.

Ich noch ma’ ganz kurz, wenn ich darf,

bester ’schorsch hierorts & wo auch immer,

mit dem erklärenden und doch gegenüber der eingängigen Behauptung zuvor m. E. verkomplizierten Satz (auf den schon weiter oben hingewiesen wurde)

Sie bezog sich damit, …
der zB im Falle des persönlichen Vortrages - sei’s gegenüber einem Interessenten oder Publikum - vor allem allzu kompliziert wirkt. Der Leser kann zurückblättern, der Hörer nicht.

nix für ungut vom

Dante Friedchen

Nachtrag 11:25 heute 14.09.

Sie bezog sich damit auf die Landschaft und wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten - oder auf das Weltgeschehen, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma* zeigte.

*letztens noch 2020, also durchaus aktuell,

findet der Friedel

 

Lieber @Carlo Zwei,

dann will ich hier mal auch nicht länger trödeln :)
es ist ja oft so, dass man, je länger man Dinge aufschiebt, desto weniger einsieht, warum man sie gerade jetzt erledigen sollte, bis dann der Punkt kommt, an dem es eben doch wirklich mal Zeit wird. Dieser Punkt war eh schon nah, aber jetzt hast du mir dazu noch einen kleinen Anstupser gegeben ...

Nun denn, ich fass mich kurz, weil der Text schon ein bisschen in die Ferne gerückt ist und sich eh als schwieriger Patient erwiesen hat. Das meiste muss ich erst mal so stehen lassen. Vielleicht hab ich in ein paar Monaten eine Idee ...

Ich hab eine Anregung übernommen, die leicht umzusetzen war:

die Sonne tief stand, deren Wärme einen einhüllte,
würde einfach 'die' schreiben
und eine, die nicht ganz so leicht war:
saßen die Spinnen in ihren Netzen. Schlimm war das nicht, weil es sowieso genug gab
Hier klingt es, als würde der zweite Satz sich auf die Spinnen beziehen und nicht auf die Brombeeren.
-- und vielleicht auch nicht so stehen bleiben kann, wie es jetzt ist.

Für das Übrige braucht's, wie gesagt, mehr Zeit und vor allem noch mehr Abstand.

Den historischen Hintergrund will ich nicht allzu vehement verteidigen, da scheine ich mit meinen Assoziationen ziemlich allein zu sein. Der Gedanke war halt, wenn Grobatschow für Entspannung steht, könnte man doch fürchten, dass die Katastrophe kommt, wenn er ermordet wird. Historisch tragfähig ist diese Befürchtung (Katastrophe kommt) sicher nicht. Aber aus der Perspektive eines Kindes ... ?
Ach ja, und wer ihn umbringen sollte: Immerhin gab es später einen Putsch. Da finden sich bestimmt auch 1988 eine Menge Leute, die ihn sehr gerne los werden wollten.

Und lieber Friedel:
Diesen Vorschlag

Sie bezog sich damit auf die Landschaft und wenn zum Sonnenuntergang am Horizont das Gebirge und am Himmel die Wolken rot leuchteten - oder auf das Weltgeschehen, wenn die Tagesschau zum Beispiel die Unruhen in Burma zeigte.
habe ich mit herzlichem Dank nahezu im Wortlaut übernommen.

Merci für's (wiederholte) Reinschauen!


Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

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