Was ist neu

Gegenüber

Mitglied
Beitritt
20.02.2008
Beiträge
4
Zuletzt bearbeitet:

Gegenüber

Der Vorhang bewegte sich fast unmerklich hinter den geschlossenen Fenstern gegenüber, wie ein Nebelstreif, den ein Windhauch über einer Moorlandschaft ein Stück mit sich trägt. Ein erschrockenes Durchzucken in der Magengegend. War da auch ein Schatten hinter der Scheibe? Rasch löschte sie das Licht der Schreibtischlampe, nachdem die Finger zerstreut über ein paar Blätter geflattert waren. Ein leichtes Unsichtbarwerden. Die einzige Lichtquelle versiegte, soweit war es gekommen.
Schlechtes Gewissen ist etwas Nagendes, beinahe eine subtile, kleine Form von Angst. Seit Wochen hatten ihre Augen kaum über Buchrücken und Blätterränder hinausgeblickt, jetzt ließ das nagende Gefühl sie aufhorchen. Das Licht begann erneut, seinen gelblichen Schimmer über den Tisch auszubreiten. Sie stand auf, ein paar geschriebene Zeilen schwebten unbeachtet zu Boden. Ihre Aufmerksamkeit galt nur noch denen, die sich in altmodisch-schnörkeliger Schrift auf einfachem Karopapier ausgebreitet hatten:

Liebe Nachbarin, Sie kennen mich möglicherweise flüchtig, ich wohne in der Wohnung im dritten Stock gegenüber der Ihrigen. Ich sehe, Sie haben keine Vorhänge und besitze selbst so viele. Schauen sie doch vorbei oder rufen sie an (…), ich würde sie ihnen gerne überlassen, natürlich ohne Bezahlung.

Darunter ein unzählige Male geschriebener Name. Das Datum darüber mahnend und längst verflossen. Arbeit rechtfertigte sie sich vor sich selbst Lernen. Bis über beide Ohren. Das schlechte Gewissen sandte Bilder von verschwendeten Nachmittagen voller Farben, von lauten Klängen und bunten tanzenden Menschen, von verspäteter Rückkehr aus blaugrünen Traumwelten.
Sie holte eine Flasche Wein aus der Küche, band hastig ein rotes Band um den Hals und kräuselt es mit einem scharfen Messer. Höchste Zeit.
Unhöflich, die späte Reaktion. riefen die bunten Nachmittage. Ich mag Vorhänge nicht. säuselten die Buchrücken und Blätterstapel. Und dann war da noch ein Gefühl, das einer leisen Rührung gleichkam. Zwischen den karierten Buchstaben verbarg sich eine offene Freundlichkeit, Fürsorge. Vielleicht auch Langeweile. Wer weiß, vielleicht Einsamkeit.

Ein Stockwerk abwärts und nicht einmal dreißig Schritte bis zum Rückgebäude. Das hätte schon früher sein sollen. Die Dame kannte sie nur als Schatten im Fensterrahmen, sie kannte das graugewellte Haar, die kirschfarbene Sofadecke, die wie eine Zunge von Zeit zu Zeit über den Rahmen hängt und dann und wann ein Winken. Auch später war sie nicht sicher, ob ihre Unruhe durch das Unbekannte des Jetzt entstanden war oder durch das Unerwartete, das ihr noch begegnen würde.
Drei Stockwerke höher zerriss das Klingeln die Stille. Ihr war als hörte sie einen winzigen Laut, mehr ein sachtes Beben oder Rauschen. Der schmale Finger tauchte wieder zu dem kleinen Knopf rechts der Tür, hielt aber noch einen Moment inne. Wartete sie lange genug, würde sie nicht mehr sicher sein, ob sie überhaupt geklingelt hatte. Ein zweiter Riss in der Stille.
Kalter grauer Steinboden, rostfarbene Wände, die Kälte auszuatmen schienen. Sie hatte die Dame doch eben noch hinter dem Vorhang ausgemacht… hatte sie überhaupt? Sie schluckte, die kalte Weinflasche in der Hand.
Zögerlich rief sie etwas, aber die Worte prallten an der lackierten Tür zurück und versicherten ihr, dass der Vorhang sie getäuscht hatte. Langsam drehte sie sich um, hörte noch kurz die Stille und stieg die Treppe wieder hinab.

Wie die letzten vergingen auch die folgenden Tage, als säße sie in einem Karussell. Belastung und Beschwingtheit wechselten sich so rasant ab, dass ihr schwindelte. Die Abende rochen nach Grillkohle, Gitarre, Heu und Sommer, die Tage nach raschelndem Papier, Kopfschmerztabletten und Kaffee. Das Auf und Ab glich einem wogenden Meer, in dem vieles in Vergessenheit versank.
Der rot unterstrichene Tag hatte sich lange mit mühseligen Schritten vorangeschleppt, jetzt sprang er wie eine Gazelle auf sie zu und plötzlich umfing er sie.

Sie schob die Essenz der schier Ewigkeiten dauernden Mühen andächtig in den trügerisch-unscheinbaren Briefkasten, atmete befreit durch und machte sich beschwingt auf den Weg zurück. Der Rest des Sommers lag vor ihr wie ein üppiges Buffet, ungetrübt, farbenfroh, lachend. Sie grüßte den griechischen faltigen Obsthändler, der ihr oft Erdbeeren zusteckte und strebte freudig auf den grauen Wohnkomplex zu.

Plötzlich wurde das Federn der Schritte gebremst. Die Wände wechselten die Farbe. Blau, grau, blau, grau…
Die Finger suchten nach dem Schlüssel in der Tasche, die Augen tasteten über den Krankenwagen an der Straße.
Der russische Hausmeister gestikulierte wild auf einen schreibenden Arzt ein, seine Ratlosigkeit bekam durch den Mangel an Sprache etwas Wildes. Zwei Männer kamen aus dem Rückgebäude. Zwischen ihnen eine schmale Trage, die unter einem farblosen Sichtschutz verschwand.
Dritter Stock. Niemand weiß ob sie das sagte oder fragte. Ein unzählige Male geschriebener Name drang russisch gefärbt an ihr Ohr.
Die Beine waren unsagbar schwer, als sie die grauen Stufen hinaufstieg.

Die hellen Finger, die sonst wie Tauben über den Schreibtisch geflattert waren, sammelten nun schwermütig die darauf liegenden Blätter ein, formatierten sie zu einem sauberen Rechteck und warfen es in den Papierkorb, in dem eine schmerzliche, leere Flasche, halb gekippt wie ein sinkendes Schiff, lag.
Vom grünen Glas hob sich deutlich das rotglänzende Ringelband ab.

 

Hallo Laury
und herzlich Willkommen auf kg.de

Deine Geschichte hat Stimmung und Spannung, passt also im Großen und Ganzen.
Aber ein paar Einwände hätte ich schon:

Der Vorhang bewegte sich fast unbemerkt
Hier, glaube ich, wäre "unmerklich" die richtige Wahl.

Ein erschrockenes Durchzucken.
Sorry, aber mit diesem Miniatursatz kann man (zumindest ich) nicht viel anfangen. Wie darf man sich das vorstellen? Wie ist man durchzuckt?

Schlechtes Gewissen ist etwas nagendes,
Nagendes

Ich sehe sie haben keine Vorhänge und besitze selbst so viele.
Ich sehe, Sie haben keine Vorhänge und ich besitze selbst so viele.

Du verwendest gerne Metaphern und beschreibende Adjektive. Ist prinzipiell nichts dagegen zu sagen, aber mE nach übertreibst du manchmal.
Z.B.

Der perlmuttfarbene schmale Finger
Wem sollte das interessieren? Vor allem im Kontext zu gerade der Geschichte, die du hier erzählst.
Solche Sachen kommen ganz gut in Liebesgeschichten, aber hier ... nein.

Vom grünen Glas hob sich deutlich das rotglänzende Ringelband ab
Dieser Satz hat zwar etwas Lyrisches, ist aber ansonsten nicht von Nöten.

Sodala, jetzt höre ich auch schon wieder auf.
Fazit: Ganz gern gelesen, aber ich glaube, da geht noch mehr. Schon sehr auf Zukünftiges gespannt.

lg
lev

 
Zuletzt bearbeitet:

Vielen Dank!! Puh, nicht so schlimm wie befürchtet... Ich habe gleich ein paar Verbesserungsversuche eingebaut.
Nochmals herzlichen Dank und liebe Grüße, L.

 

Hallo Laury,

Mir hat deine Geschichte eigentlich ganz gut gefallen.
Das Ende hab ich allerdings ziemlich bald vorhergesehen. Das kam nicht überraschend, ich weiß allerdings auch nicht, ob du das beabsichtigt hast.

Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich mir die Protagonistin vorstellen sollte. Schließlich habe ich mich für eine Studentin entschieden, die ihre Diplomarbeit oder so etwas schreibt.

Ein kleines weiteres Rätsel war die Frage, warum die Nachbarin die Tür nicht geöffnet hat. War sie da schon tot oder im sterben? Woher dann die Bewegung?
Dass du keine Antwort auf diese Frage lieferst, finde ich aber nicht weiter im schlimm, im Gegenteil.

Gewünscht hätte ich mir allerdings ein paar mehr Absätze. So ist es unnötig schwer, die Geschichte zu lesen, und passende Stellen für Absätze zu finden, dürfte nicht allzu schwer fallen.


Noch ein paar Anmerkungen:

Schlechtes Gewissen ist etwas Nagendes, beinahe eine subtile, kleine Form von Angst. Seit Wochen hatten ihre Augen kaum über Buchrücken und Blätterränder hinausgeblickt, jetzt ließ das nagende Gefühl sie aufhorchen.

Du wiederholst "nagend". Finde ich nicht so schön.


Darunter ein unzählige Male geschriebener Name.

Das mit dem Namen, der unzählige Male geschrieben wurde, habe ich nicht verstanden. Das Bild, das ich vor Augen bekam, war entweder wie eine Strafarbeit (unzählige Male das gleiche schreiben), oder eine Schönschriftübung. Beides ziemlich unpassend.
Warum schreibt die Dame ihren Namen so oft dahin?


Die Dame kannte sie nur als Schatten im Fensterrahmen, sie kannte das graugewellte Haar, die kirschfarbene Sofadecke, die wie eine Zunge von Zeit zu Zeit über den Rahmen hängt und dann und wann ein Winken.

Hier war ich mir beim ersten Lesen unsicher, wer hier jetzt das Subjekt ist, wer wen kennt. Beim graugewellten Haar wird es zwar ein wenig deutlich, den Satz würde ich aber dennoch umstellen.


Wie die letzten vergingen auch die folgenden Tage als säße sie in einem Karussell.

Vor "als" fehlt ein Komma.


Der rotunterstrichene Tag hatte sich lange mit mühseligen Schritten vorangeschleppt, jetzt sprang er wie eine Gazelle auf sie zu und plötzlich umfing er sie.

ich glaube, "rot unterstrichen" muss so, getrennt.


Die Wände wechselten die Farbe. Blau, grau, blau, grauDie Finger suchten nach dem Schlüssel in der Tasche, die Augen tasteten über den Krankenwagen an der Straße.

Vor und nach den drei Punkten muss ein Leerzeichen hin.


Vom grünen Glas hob sich deutlich das rotglänzende Ringelband ab.

Den Satz fand ich schön. :)


Liebe Grüße
Die Papierkugel

 

Hi Papierkugel,

Vielen Dank für die genaue Bewertung, hab' gleich weiter korrigiert...

Was die Beschreibung der beiden Figuren betrifft, möchte ich bewusst nicht ausführlicher werden. Ich hatte bei der Protagonistin tatsächlich an eine Studentin gedacht, doch im Grunde ist doch nur wichtig, dass sie Prioritäten setzt, die eine verpasste Gelegenheit zur Folge haben.

Was den letzten Satz betrifft: Da scheiden sich wohl die Geister, umso mehr freut mich dein Kompliment. ;)

Herzlichen Dank, L.

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom