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Großstadtmärchen

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Großstadtmärchen

Valera sah aus wie jedes andere Mädchen. Sie hatte schönes glänzendes Haar, das sie sich über die Schulter werfen konnte, sie trug ein prachtvolles Kleid, mit dem sie um neidische Blicke werben konnte und sie hatte scharfe, helle Augen, die voller Neugier und voller Abenteuerlust in diese Welt sehen konnten. Doch Valera war nicht wie jedes andere Mädchen. Ihr schönes glänzendes Haar war ihr gleichgültig und für die Blicke der anderen interessierte sie sich nicht und ihre scharfen Augen sahen nicht voller Neugier und Abenteuerlust in diese Welt, sondern voller Angst und voller Sorgen. Der schwere Schatten eines Unwetters lag auf ihrem heranwachsenden Geist, ein Fluch lastete auf ihrer Familie. Sie saß immer alleine auf einer Bank im Kastanienpark und starrte traurig auf ihre Füße und manchmal auch in den Himmel. Sie war beschäftigt mit ihren stürmischen Gedanken, die ihr fast den ganzen Tag raubten. Wir können diese Gedanken nicht näher einordnen, denn auch Valera konnte es nicht; sie rasten vorbei, blieben ungenau. Sie ließen sich nicht beherrschen oder kontrollieren und nahmen viel von ihrer Zeit. So saß Valera allein und wartete und schwieg und war doch schwer beschäftigt. Die anderen hatten Mitleid mit ihr, weil sie immer so alleine war, aber Gesellschaft lehnte sie stets ab. "Nee, hab noch viel zu tun", sagte sie dann oder: "Sorry, keine Zeit." Sie wich ihren Blicken aus und sagte: "Ein andern mal vielleicht." Und ihre traurigen Augen sahen ihnen hinterher, weil Valera wusste, dass sie eines Tages böse sein und nicht mehr zu ihr kommen würden. Dennoch lehnte sie jedes Mal ab. Sie glaubte, niemand würde verstehen, dass sie viel Zeit für sich und ihre stürmischen Gedanken brauchte. Wenn sie diese Zeit nicht im Kastanienpark verbrachte, dann verbrachte sie sie auf ihrem Balkon oder einfach in ihrem Bett. Manchmal blieb sie einen ganzen Tag in ihrem Bett und manchmal auch zwei. Und dort wollen wir unsere Geschichte beginnen. Nicht an einem Tag, an dem Valera darin liegen bleibt, sondern an einem ganz besonderen Tag in ihrem Leben.


Die Sonne schien im flachen Winkel durch die Fenster, der Abend war schon gekommen. Valera starrte auf ihre Matratze. Sie hatte Hunger. Sie hatte großen Hunger und bald würde ihr Körper sich auf einen leeren Magen einstellen. Also könnte sie noch eine Weile durchhalten und dann wieder einschlafen. Aber das hatte sie gestern schon durchgezogen und langsam machten die Kopfschmerzen sich auch in ihrem restlichen Körper breit. Sie stand auf und warf sich ihre Jacke über. Der nächste Laden war nicht weit und mit gesenktem Kopf und mit traurigem Blick ging Valera die Straße hinunter. Sie nahm eine Tüte Kartoffelchips und dazu noch eine Packung Milchbrote, obwohl ihr Geld dafür nicht reichte. Vielleicht würde der Verkäufer wieder ein Auge zudrücken. Vor ihr stand ein älterer Mann in der Schlange und weil Valera immer den Kopf hängen ließ und weil sie immer zu Boden sah, bemerkte sie den Geldschein, der zwischen den Beinen des Mannes hinabsegelte. Natürlich machte Valera ihn darauf aufmerksam, nie wäre sie auf die Idee gekommen, das Geld zu nehmen. Sie brauchte es nicht, denn es war ihr ganz gleichgültig, womit sie ihren Hunger stillte. Der Mann hatte große, gütige Augen und zwei Ringe in jedem Ohr und einen in der Nase. Ein buntes Tattoo schlängelte sich seinen Hals hinauf und verschwand unter seinem ergrauenden Haar.

"Ha! N Fuffi. Den hättste dir och einsteckn könn, Kleene!" Der Mann lachte und sah dann an Valera hinab. "Is dat dein Abendbrot, Mädchen? Komm, jib her, ick bezahl dir det." Und er nahm Valera die Kartoffelchips und die Milchbrote aus der Hand und schüttelte den Kopf und draußen gab er ihr die Sachen zurück und schüttelte noch einmal den Kopf.

"Mädchen, so kannste doch nich satt werdn. Komm, ick lad dich auf ne Currywurscht ein. Die haste dringend nötig, wenn ick dich so anseh." Und der Mann ließ keine Widerrede zu und lud Valera zum Essen ein.
Sie wusste nicht, warum sie diesem fremden Mann vertraute. Vielleicht war es die väterliche Stimme oder der großzügige Ausschnitt seines Hemdes oder die dick aufgetragenen Brauen über seinen großen, gütigen Augen. Er musterte Valera noch einmal von oben bis unten und bestellte dann eine große Portion für sie, eine Portion für Krieger und Kämpfer und Valera aß alles bis auf den letzten Rest.

"Ick bin übrigens Karl", sagte Karl und rieb sich den Bauch. Valera sagte auch ihren Namen, aber Karl nannte sie weiterhin nur 'Kleene'. "Hier. Holste uns noch wat zu trinken?" Er gab ihr Geld und nach ein paar Minuten kam sie mit zwei kleinen Schnapsflaschen zurück.

"Ha! So ists richtig, Kleene! Du weißt, wat jut is, wa? Na los, runter damit!" Und sie leerten die Fläschchen in einem Zug und weil Karl noch mehr Durst hatte, holte er noch mehr. Eine Weile standen sie schweigsam und beobachteten die untergehende Sonne.

"Sag mal, haste keene Eltern, die dich füttern könn?"

Valera schwieg und als es den Anschein hatte, sie würde gar nicht mehr antworten, sagte sie: "Bin früh von Zuhause weg."

"Verstehe", sagte Karl und er sah auch so aus, als verstände er es. "Wat is mit deinen Freunden? Is da keener bei, der sich mal ne Zeit um dich kümmern könnt? Bis de wieder fit bist?"

"Nein", antwortete Valera.

"Verstehe." Er zog die Augenbrauen zusammen und suchte nach den richtigen Worten.
"Also, wenn de mitkomm willst, ick treff mich nachher mit n paar Freundn. Sind allet keene Unmenschen. Wie wärt, wenn die Nacht heut uns jehört? Na ja, überlegs dir. Würd dir mal juttun, wenn ick dich so anseh. Man kann ja nich immer nur den Kopp hängen lassen." Und Valera ließ den Kopf hängen und verschränkte ihre Arme. Aber Karl hatte das Funkeln in ihren Augen nicht übersehen.

"Na, komm! Ick hol uns noch jedem wat Juted und denn wolln wa los." Karl lachte und ging Nachschub holen. Als er aufbrach, nickte er Valera zu und sie zögerte und dachte über sein Angebot nach. Doch es war nur zum Schein, das Kind in ihr hatte schon eine Entscheidung getroffen und so kam sie an seine Seite.

Inzwischen war es Nacht geworden und die bunten Lichter der Stadt erhellten ihren Weg und die warmen Gedanken der Wanderlust erhellten ihren Geist. Karl führte sie über Stock und Bordstein in eine Gegend, darin die Stadt erst jetzt erwachte. Himmel und Menschen waren schon dort und die meisten von ihnen warteten in einer langen Reihe vor einem hell erleuchteten Gebäude. Die Fassade bröckelte und war bunt bemalt und die gesprungenen Fenster waren abgedunkelt. Valera konnte die Musik schon hören, die dumpfen Trommelschläge, den wilden Rhythmus. Anstatt sich in die Reihe zu stellen, ging Karl mit ihr an den vielen Wartenden vorüber. Die Menschen standen beisammen zu zweien oder auch in großen Gruppen, geduldig oder ungeduldig, locker oder angespannt, sie redeten und feierten und lachten und niemand ließ den Kopf hängen. Und an allen gingen sie vorüber, bis sie vor einem großen, breiten Mann standen, der den Eingang bewachte, ein Ungetüm von einem Mann, ein Riese. Karl nickte dem Riesen zu und der nickte zurück und öffnete ihm die Tür. Valera durfte mit ihm gehen und sie spürte die Blicke der Menschen auf sich. Sie sah sich noch einmal um und sie sah ihre neidischen Gesichter und ihre neugierig gereckten Hälse. Für einen Augenblick stand die Welt still um sie herum und ein eigentümliches Gefühl wuchs in ihrer Brust, beinahe schon hätte sie gelächelt.

Die Tür fiel hinter Valera zu und eine magische Welt offenbarte sich ihr. Alles war getaucht in buntes, flackerndes Licht und überall war Musik zu hören. Sie gingen durch schmale Gänge, deren Wände voll Graffiti waren, durch den Warteraum, in dem die Menschen in muffligen Sesseln ihren Liebsten harrten, durch die Garderobe, die in riesige rote Vorhänge gekleidet war, durch den kleinen Tanzsaal, in dem die Feiernden im Kreise standen und zwei in ihrer Mitte um den lauteren Jubel warben. Der große Tanzsaal verführte Valera am meisten, ehrfürchtig blieb sie am Eingang stehen und beobachtete das frohe Treiben. Sie wollte die ganze Nacht dort stehen bleiben, doch Karl zog sie weiter in den Barbereich. Er ging zu einer Gruppe Männer am Tresen. Sie begrüßten sich und sie küssten sich auf die Wangen und sie küssten sich auf den Mund.
"Komm, Valera! Dat sind Gassi, Bernd und Emilè." Gassi trug Ringe in den Lippen und eine Weste, die seinen Oberkörper entblößte, Bernd zeigte stolz die roten Strumpfhosen unter seinem Rock und Emilè hatte einen dichten schwarzen Bart und war geschminkt wie eine Frau. Sie nahmen Valera in ihre Mitte und schon hatten sie fünf volle Gläser auf dem Tresen. Sie stießen an und lachten und tranken und erzählten Geschichten aus ihrem Leben.
Gassi hieß eigentlich Yusuf und wurde Gassi genannt, weil er immer alle mit auf die Straße holte, wenn er mit seiner alten Dalmatinerdame um die Blöcke zog. Mit seiner Hundestimme sagte er dann: "Komm runter, Gassi!"
Zum zweiten Male hatte Bernd dieselbe Frau geheiratet und kurz darauf gemerkt, dass Röcke ihm viel besser standen als Hosen. Seine Frau hatte ihn in ihrem schönsten Rock erwischt und so sehr daran gezerrt, dass er zerriss. Auf Kosten Karls gab er das Schauspiel zum Besten und mit den komischsten Grimassen zupfte und zog er an dessen Sachen. Und Valera sah nicht mehr zu Boden und ihre Augen waren nicht mehr traurig, denn sie lachte, ja, sie lachte, wie sie noch nie in ihrem Leben gelacht hatte, ein gewaltiges, hemmungsloses Lachen, ein Lachen, das so sehnsüchtig und so lange schon gelacht werden wollte.
Emilè hatte zeit seiner Jugend in einem Internat für schwer Erziehbare gewohnt. Man hatte ihm eingeredet, dass seine Vorliebe für das Schminkkästchen eine Krankheit wäre, und auf Besserung hoffend, hatte er sich selbst gegeißelt. Sieben Jahre lang war er in Therapie gewesen, sieben Jahre lang hatte er sich nachts heimlich das Gesicht bemalt und voller Abscheu über sein eigenes Wesen sich dafür geschämt. Erst als er den Ordensleiter mit einem anderen Mann beim Liebesspiel entdeckte, begann er in Frage zu stellen, was ihn in Frage stellte. Da erkannte er für sich, dass auch die anderen ihre verruchten Eigenarten hatten und dass es bittere Lüge, ein Vergehen an der eigenen Seele ist, einen Hehl daraus zu machen. Mit nie dagewesenem Eifer, mit nie erlaubter Freiheit hatte er sich neu entdeckt und lieben gelernt. Geschminkt wie eine Frau war er fortan zu den Sitzungen gegangen, allen Züchtigungen zum Trotz, bis er endlich des Internats verwiesen wurde.
Sie erzählten und erzählten und nahmen nicht alles ernst, was Ernst des Lebens war. Valera lachte und lachte und wollte nicht aufhören zu lachen und als sie außer Atem war und eine Pause brauchte, nahm Karl sie beiseite. Eine Weile starrten sie auf den Tresen und gingen ihren Gedanken nach. Karl spielte mit seinem Glas und zog die Augenbrauen zusammen.

"Weißte, wat mein Vadder jemacht hat, wenn er mich mit de Puppen von meener Schwester erwischt hat? Hat jesacht, ick soll mir n Kleid anziehn jehn, und wie ick die Hosen runter hat, hat er mir den Arsch mitm Lederjürtel verhauen. Ha! Det kennste nur aus alten Filmen, wa? Hat mich in Wandschrank jesperrt und jesacht, ick soll drüber nachdenken, wat ick falsch jemacht hab. N janzen Tach hab ick da jesessen. Bin aber nich drauf jekomm." Valera sah ihn an mit ihren scharfen Augen, sagte aber nichts. "War noch ne andere Zeit damals. Aber jeändert hat sich eigentlich nischt. Und wenn er ..."

"Lass gut sein, Karl." Er verzog den Mund und spielte wieder mit seinem Glas. "War nich böse gemeint. Ich weiß, was du wissen willst. Es is nich so schlimm, wie du denkst."

"Na! Da machste mir aber n janz andern Eindruck." Und Valera ließ den Kopf hängen und machte einen ganz anderen Eindruck. Einen Moment starrten sie wieder in ihre Gläser.

"Hör ma. Ejal, wat et is, wenn de die Zeit brauchst, denn musste se dir nehmen. Da hilft allet nischt. Wird ne harte Zeit. Klar. Wirst ne Menge Jeduld brauchen. Manche Dinge brauchen vor allem Zeit. Nur den Kopp hängen lassen sollste och nich dein janzet junget Leben lang, musst auch hin und wieder n bisschen Spass ham da draußen. Aber wenn de et besser machen willst wie deene Eltern, denn musste da durch. Irgendeener muss ja ma anfang, sonst jeht det ewig so weiter. Nur Jeduld, Kleene, denn wird det schon."
Valera verstand Karls magische Worte, eine Zauberformel, die den Fluch brechen mochte, der auf ihrer Linie lastete. Während sie darüber nachsann und die Worte sich einprägte, ging ein lauter Aufschrei durch das Haus. Nebenan im großen Tanzsaal jubelte Die Menge, jubelte wie tausend Sieger und zehntausend Krieger. Karl bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, dass die Zeit gekommen war, in den Strudel der Feiernden sich zu werfen.

"Komm, jenucht von dem Zeuch! Heut is det ejal, heut ham wa Spass!" Und er nahm Valera bei der Hand und Bernd bei der anderen Hand und der nahm Gassi bei der freien Hand und Emilè rannte vorne weg. Im großen Tanzsaal war die Musik am lautesten und das flackernde Licht am buntesten und vom Himmel regnete es künstlichen Nebel herab. Wann immer er auf die Menschen niedergelassen wurde, jubelten und schrien sie lauter noch als die Musik. Die Menschen feierten und sie tanzten und tobten wie stürmische Gedanken und Valera tanzte noch viel wilder, sie tanzte, als wär sie lang schon eingesperrt und sie tanzte, als wär sie bald erneut gefangen.
Da waren zwei Tänzer in Bärenkostümen und manch einer wich mit aufgerissenen Augen und seltsam verkrampftem Gesicht vor ihnen zurück und manch einer fühlte verträumt an ihrem Bärenfell. Valera aber legte jedem einen Arm um die Schulter und sprang mit ihnen einen Bärentanz. Sie zog und zerrte an ihnen, bis beide nicht mehr konnten und ehrfürchtig sich vor ihr verbeugten und vor ihr knieten. Da war ein Mädchen im Rollstuhl, das Valera an die Hände nahm und mit sich führte. Sie drehten sich im Kreise und jubelten, als der Nebel von der Decke fiel. Sie drehten sich und drehten sich, bis beiden schwindlig wurde und Valera sich auf den Schoß des Mädchens setzen musste. Das Mädchen lachte ebenso schön und sehnsüchtig wie Valera und als sich ihre Blicke trafen, wurden beide ernst und ihre Augen sahen voller Neugier auf das funkelnde Wunder in der anderen Blick. Die Musik wurde leiser und leiser und gerade als ihre Lippen sich berührten, donnerte sie erneut los. Da sprang Valera auf und rannte durch die Menge. Da war ein Junge, der ihr sehr gefiel und um dessen ungeteilte Aufmerksamkeit sie sich bemühte. Immer näher tanzte sie um ihn herum, warf sich ihre glänzenden Haare über die Schulter, suchte seine dunklen Augen. Wenn er sich näherte, wich sie vor ihm zurück, drehte ihm den Rücken zu. Es war ein urtümliches Ritual, ein Liebestanz. Da war eine Tänzerin, die so wild und furchtlos tanzte wie Valera und ihr zur Kontrahentin wurde. Sie sahen sich böse an und zeigten sich die kalte Schulter. Wann immer sie sich in die Quere kamen, schubsten sie sich mit dem Hintern voneinander fort, um gleich darauf den Tanz erneut zu wagen. Keine wollte weichen, keine sich die Blöße der Niederlage geben, im ganzen Land gab es nur noch diese zwei und diesen einen Kampf. Immer finsterer wurden ihre Blicke, immer fantasievoller die Verwünschungen, immer wilder und immer gröber wüteten sie. Als es gefährlich wurde, warfen die Männer sich dazwischen und beendeten den heißen Streit. Valera sprang wieder durch die Menge in eine andere Ecke des Saals, den Zwist schon bald vergessen. Sie entdeckte Emilè, um den ein ganzes Heer von Jubelnden sich drängte. Er stand auf dem Kopf und drehte sich und er schwang seine Beine in den seltsamsten Turnübungen hin und her. Er drehte sich und drehte sich wie ein Kreisel, bis er aufstand und mit gequälter Miene sich den Rücken hielt. Er wurde mit riesigem Jubel für seine Aufopferung belohnt, alle im Kreis applaudierten und verbeugten sich vor ihm, als er tief gebückt von hinnen zog. Da waren junge Männer und Frauen mit Sonnenbrillen, die sich von der Musik in ihre ganz eigene Welt verführen ließen, da waren Tänzer, die vom Tanz nicht viel verstanden und dennoch jeden Schritt genossen, da waren Fremde, die sich bald Freunde nannten, da waren Einzelgänger und ganze Chöre, Könige und Narren, Träumer und Erwachende und mit allen tanzte Valera und sie jubelte und schrie mit ihnen, wenn der Nebel von der Decke fiel. Und so tobte und sprang und lachte Valera, bis der Morgen hereinbrach und bis Karl ihr den Alkohol verbot und sie nach Hause brachte.

Dass sie den nächsten Tag im Bett verbrachte, müssen wir kaum erwähnen und auch nicht, dass sie ein vernünftiges Mädchen war und alle Freuden dieser Welt in Maßen genoss. Wenn ihre stürmischen Gedanken sie nicht plagten, dann dachte sie fortan mit einem Lächeln auf den Lippen an diese Nacht und an solche, die noch erlebt werden wollten. Und vielleicht würde sie sich nun öfter aus ihrem Bett erheben und vielleicht würde sie nun zustimmen, wenn sich jemand zu ihr setzen wollte und vielleicht würde sie nun etwas weniger den Kopf hängen lassen, um die Wunder auf ihrem Weg nicht zu versäumen. Doch jetzt braucht Valera Ruhe, denn sie hat noch eine schwere Zeit vor sich. Lassen wir sie schlafen und wünschen wir ihr viel Kraft und Geduld.

 

MRG

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12.03.2020
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Hallo @Putrid Palace,

ich habe deine Geschichte gelesen und muss dir mitteilen, dass ich nichts damit anfangen konnte. Mein größtes Problem ist die Charakterzeichnung von Valera. Einerseits wird sie als psychisch krank oder zumindest als eingeschränkt vorgestellt mit ihren stürmischen Gedanken und andererseits ist sie auf einmal total offen, unbeschwert und lässt sich von Karl abfüllen. Das passt für mich absolut nicht zusammen. Meistens ist es ja so, dass Leute wie Valera, die zweite Welt gar nicht erst kennen und auch überhaupt nicht fühlen können. Daher zweifle ich stark an, dass sie da auf einmal so den Schalter umlegen kann.

Das zweite Problem liegt in meinen Augen in einigen Klischees: Es gibt das schwache Mädchen, das von ihrem "Ritter" Karl von ihrer Krankheit errettet wird. Natürlich gibt er den Ton an und sorgt dafür, dass sie alles mitmacht. Mich konnte das nicht überzeugen, tut mir leid, dass ich das so offen sagen muss.

Ich gehe im Detail auf meinen Leseeindruck ein:

Valera sah aus wie jedes andere Mädchen.
Finde ich als ersten Satz nicht so vielversprechend, da kommt für mich noch kein Konflikt raus und ich habe nicht sofort den Wunsch, zu wissen, was da als nächstes wohl passiert.

Ihr schönes glänzendes Haar war ihr gleichgültig und für die Blicke der anderen interessierte sie sich nicht und ihre scharfen Augen sahen nicht voller Neugier und Abenteuerlust in diese Welt, sondern voller Angst und voller Sorgen.
Für meinen Geschmack zu viele "und", das klingt nicht gut, finde ich.

Sie saß immer alleine auf einer Bank im Kastanienpark und starrte traurig auf ihre Füße und manchmal auch in den Himmel.
Hier ist dann der Konflikt und ich finde, dass das schon Potential hat. Du hast eine tragische Figur, die mit sich selbst zu kämpfen hat, dabei total isoliert ist und es funktioniert alles nicht.

Wir können diese Gedanken nicht näher einordnen, denn auch Valera konnte es nicht; sie rasten vorbei, blieben ungenau. Sie ließen sich nicht beherrschen oder kontrollieren und nahmen viel von ihrer Zeit.
Mein Vorschlag wäre hier, dass du den Satz verlängert, um so auch diese rasenden Gedanken mit der Satzlänge darzustellen.

Und ihre traurigen Augen sahen ihnen hinterher, weil Valera wusste, dass sie eines Tages böse sein und nicht mehr zu ihr kommen würden.
Das ist für mich entscheidend, weshalb die Geschichte im weiteren Verlauf nicht für mich funktioniert. Sie schafft es einfach nicht, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen und ist total gehemmt. Ich finde das dann nicht glaubwürdig, dass sie einfach so den Schalter umlegen kann.

Manchmal blieb sie einen ganzen Tag in ihrem Bett und manchmal auch zwei. Und dort wollen wir unsere Geschichte beginnen. Nicht an einem Tag, an dem Valera darin liegen bleibt, sondern an einem ganz besonderen Tag in ihrem Leben.
Finde ich etwas unglücklich formuliert, das liest sich so einleitend und hat mir als Leser die Spannung etwas genommen. Das kann allerdings auch nur an meinem eigenen Geschmack liegen.

Aber das hatte sie gestern schon durchgezogen und langsam machten die Kopfschmerzen sich auch in ihrem restlichen Körper breit.
Das Wort "durchgezogen" finde ich nicht besonders elegant, das klingt so umgangssprachlich. Bin hier als Leser kurz gestolpert.

Sie wusste nicht, warum sie diesem fremden Mann vertraute. Vielleicht war es die väterliche Stimme oder der großzügige Ausschnitt seines Hemdes oder die dick aufgetragenen Brauen über seinen großen, gütigen Augen.
Und ich als Leser weiß auch nicht, weshalb sie diesem fremden Mann einfach so vertraut. Das kommt mir zu plötzlich und ergibt sich nicht aus der Geschichte. Später stellt sich dann heraus, dass Karl in gewisser Weise ihr rettender Ritter ist. Mir war das zu klischeehaft.

"Ick bin übrigens Karl", sagte Karl und rieb sich den Bauch.
Hier kannst du das zweite Karl durch "er" ersetzen, würde ich sagen, weil sich das sonst doppelt gemoppelt liest.

Und sie leerten die Fläschchen in einem Zug und weil Karl noch mehr Durst hatte, holte er noch mehr.
Und auf einmal wird hier richtig gesoffen? Aber das kann ich mir so gar nicht vorstellen, bei einer Person, die Angst hat, die Kontrolle zu verlieren und sich nicht auf andere Menschen einlassen kann (ich habe jetzt einfach als Leser das so herausgelesen, dass das ein möglicher Grund sein könnte, korrigier mich da gerne).

Als er aufbrach, nickte er Valera zu und sie zögerte und dachte über sein Angebot nach. Doch es war nur zum Schein, das Kind in ihr hatte schon eine Entscheidung getroffen und so kam sie an seine Seite.
Das "Kind in ihr" finde ich irgendwie auch etwas kitschig, hat mich nicht abholen können.

Sie sah sich noch einmal um und sie sah ihre neidischen Gesichter und ihre neugierig gereckten Hälse. Für einen Augenblick stand die Welt still um sie herum und ein eigentümliches Gefühl wuchs in ihrer Brust, beinahe schon hätte sie gelächelt.
Das hat mich auch total rausgeworfen: Erst schaut sie anderen Leuten traurig hinterher, weil sie es einfach nicht hinbekommt, mit ihnen eine menschliche Beziehung aufzubauen und auf einmal genießt sie die Blicke anderer und ihre eigene Schönheit? Das passt für mich einfach nicht zusammen.

Der große Tanzsaal verführte Valera am meisten, ehrfürchtig blieb sie am Eingang stehen und beobachtete das frohe Treiben. Sie wollte die ganze Nacht dort stehen bleiben, doch Karl zog sie weiter in den Barbereich.
Ich hatte sie eher als schüchterne Person eingeschätzt und auch ziemlich neurotisch, da passt es für mich nicht ins Bild, dass sie den Tanzsaal so genießt. Ist ihr das nicht viel zu überwältigend und laut?

Sie nahmen Valera in ihre Mitte und schon hatten sie fünf volle Gläser auf dem Tresen. Sie stießen an und lachten und tranken und erzählten Geschichten aus ihrem Leben.
Natürlich wird sind in die Mitte genommen ... ich weiß ja nicht, ich konnte damit nicht so viel anfangen.

Und Valera sah nicht mehr zu Boden und ihre Augen waren nicht mehr traurig, denn sie lachte, ja, sie lachte, wie sie noch nie in ihrem Leben gelacht hatte, ein gewaltiges, hemmungsloses Lachen, ein Lachen, das so sehnsüchtig und so lange schon gelacht werden wollte.
Eine psychische Veränderung geht nicht so schnell, das dauert Jahre. Da wundert es mich dann, dass das von einem auf den anderen Augenblick passiert. Ich finde das nicht glaubwürdig.

Valera verstand Karls magische Worte, eine Zauberformel, die den Fluch brechen mochte, der auf ihrer Linie lastete.
Hier ist dann das Märchenhafte, was ich allerdings leider als kitschig wahrgenommen habe.

Da war ein Junge, der ihr sehr gefiel und um dessen ungeteilte Aufmerksamkeit sie sich bemühte. Immer näher tanzte sie um ihn herum, warf sich ihre glänzenden Haare über die Schulter, suchte seine dunklen Augen. Wenn er sich näherte, wich sie vor ihm zurück, drehte ihm den Rücken zu. Es war ein urtümliches Ritual, ein Liebestanz.
Auch das, finde ich ziemlich klischeehaft: Die Schöne, die von ihrem Ritter befreit wird und dann sucht sie sich einen Prinzen. Falls du das so beabsichtigt hast, funktioniert es leider für mich nicht (möglicherweise bin ich auch einfach der falsche Leser).

Und so tobte und sprang und lachte Valera, bis der Morgen hereinbrach und bis Karl ihr den Alkohol verbot und sie nach Hause brachte.
Und wieder ist es Karl, der ihr sagt, wo es lang geht und er verbietet ihr den Alkohol. Finde ich zu klischeehaft.

Wenn ihre stürmischen Gedanken sie nicht plagten, dann dachte sie fortan mit einem Lächeln auf den Lippen an diese Nacht und an solche, die noch erlebt werden wollten.
Ist das nicht ein Widerspruch in sich?


Ich hoffe, dass du etwas mit dem Kommentar anfangen kannst. Mir hat es oft geholfen, echte Rückmeldungen zu bekommen, auch wenn die nicht unbedingt so waren, wie ich es mir erhofft hatte. Bleibe weiter dran und tagge mich gerne, falls du eine Überarbeitung machst.

Wünsche dir eine gute Restwoche.


Beste Grüße
MRG

 
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30.12.2020
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Hey @Putrid Palace,
es gibt einige Aspekte an deinem Text, die ich gelungen finde. Generell ist die Idee schön, wenn man auf Märchen steht. Das Märchenhafte hast du mE gut durch den Text ziehen können, es war mir nicht zu kitschig, denn du hast an vereinzelten Stellen immer wieder mit klassischen Märchen-Motiven gespielt. Trotzdem werde ich mit dem Text nicht warm, den v.a. das Stetting, die Beziehungen und die Entwicklung deiner Prota haben mich verwirrt. Hier mal Anmerkungen zu ein paar Stellen, die ich rausgegriffen hab, vielleicht ist ja was für dich dabei :)

Der 1. schwere Schatten eines Unwetters lag auf ihrem heranwachsenden Geist, 2. ein Fluch lastete auf ihrer Familie. mit: Und ihre traurigen Augen sahen ihnen hinterher, weil Valera wusste, dass sie eines Tages böse sein und nicht mehr zu ihr kommen würden.
1. find ich schön, erzeugt ein Bild
2. also das mit dem Fluch macht für mich keinen Sinn. Du machst ja nichts damit. Sie kommt zwar total depri und eigenbrötlerisch rüber, aber das ist kein konkreter Fluch und inwieweit das Einfluss auf die Familie nimmt, erklärst du auch nicht. Danach sagst du glaub ich, dass sie nie mit anderen spricht, weil sie wegen des Fluchs bald böse sein wird oder so, aber das ist für mich nur eine reingeschmissene Info, die sich nicht auf den Text auswirkt. Besonders am Ende ist ja eh wieder alles gut, da wird der Fluch vergessen.
"Sorry, keine Zeit."
Ab hier kam ich mit dem Setting nicht so klar. Erstmal Cinderella-Atmosphäre, dann sagt Cinderella "Sorry". Gut, ist ein Märchen in der Großstadt, aber ich kann mir nicht vorstellen, in welchen Aspekten die Großstadt vom Märchen beeinflusst wird - wann ich Stadt und Märchen trennen oder zusammenfügen muss.
langsam machten die Kopfschmerzen sich auch in ihrem restlichen Körper breit.
Kopfschmerzen sind nicht im Rest des Körpers. Vielleicht dass sich die Schmerzen von ihrem Kopf aus auch im Körper ausbreiten
Er musterte Valera noch einmal von oben bis unten und bestellte dann eine große Portion für sie, eine Portion für Krieger und Kämpfer und Valera aß alles bis auf den letzten Rest.
find ich sehr schön
da hab ich mich aber auch gefragt, wie der das so schnell erkannt hat. Sie steht ja nur deprimiert rum mit dem Milchbrötchen in der Hand?
'Kleene'. "Hier. Holste uns noch wat zu trinken?" Er gab ihr Geld und nach ein paar Minuten kam sie mit zwei kleinen Schnapsflaschen zurück
Wie alt ist sie eigentlich? Ich war irgendwie bei minderjährig.
Is da keener bei, der sich mal ne Zeit um dich kümmern könnt? Bis de wieder fit bist?"
Auch hier: wie erkennt er, dass sie nicht fit ist?
Karl führte sie über Stock und Bordstein in eine Gegend, darin die Stadt erst jetzt erwachte.
da bin ich mir nicht sicher, wie ich dieses "darin" finden soll. Ich mag solche poetischen Formulierungen ja richtig gerne, kann aber schnell verwirrend klingen
Sie sah sich noch einmal um und sie sah ihre neidischen Gesichter und ihre neugierig gereckten Hälse. Für einen Augenblick stand die Welt still um sie herum und ein eigentümliches Gefühl wuchs in ihrer Brust, beinahe schon hätte sie gelächelt.
Das ist mE kein "die Welt steht still"-Moment. Das kannst du ggf. weglassen. Die Entwicklung von V. wird auch eher undeutlich beschrieben. Ich bekomme nicht wirklich mit, warum sie jetzt gern beneidet wird. Nur weil sie Menschen gefunden hat, denen sie sich zugehörig führt? Das kann auf jeden Fall ihre Selbstakzeptanz fördern, aber das ist so etwas übertrieben.
begann er in Frage zu stellen, was ihn in Frage stellte.
Sehr schön
jubelte Die Menge
"die" klein
Karl bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, dass die Zeit gekommen war, in den Strudel der Feiernden sich zu werfen.
auch hier eine gute Stelle. Ich kann mit gut vorstellen, dass Lesern:innen diese Vermischung von Alltags- und Märchensprache aufstoßen könnte, aber ich finds töffte.
Und vielleicht würde sie sich nun öfter aus ihrem Bett erheben und vielleicht würde sie nun zustimmen, wenn sich jemand zu ihr setzen wollte und vielleicht würde sie nun etwas weniger den Kopf hängen lassen, um die Wunder auf ihrem Weg nicht zu versäumen.
Das meinte ich zu Beginn. Die Entwicklung ist schon wirklich schnell und mE zu undurchsichtig.

Kurzum ist es meiner Meinung nach ein bisschen zu viel von allem. Gut, das ist bei Märchen so (immer noch eine Schippe drauf), aber du hast viel Inhalt in wenig Szenen gepackt. Trotzdem: deine Idee mag ich und die Verknüpfung beider Schreibstile :)

LG und ein schönes Wochenende,
Waldläufer

 
Monster-WG
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10.07.2019
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Hallo @Putrid Palace :-)

ich gebe dir einen subjektiven Eindruck deines Texts. Irgendwo ist es ja arrogant, etwas anzuprangern, das man selber nicht kann. Versteh' ich. Sehe meinen Eindruck, meine Ideen nicht als Ratschläge von oben sondern von der Seite an, wie ein Flyer, der dir im Eingang eines S-Bahnhofs mitgegeben wird.

Auf mich scheint die Geschichte aus vier Teilen zu bestehen:

1. Valera sitzt im Park
2. Valera trifft Karl, der sie in einen Nachtclub mitnimmt
3. Valera erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben das Nachtleben
4. Valera liegt im Bett

Irgendwas in Valera verändert sich durch das Nachtleben. Die eigenbrötlerische, traurige, zurückgezogene, weltfremde Valera wird durch eine Zufallsbegegnung in das Nachtleben hineingeworfen, entpuppt sich als fröhliches, betrunkenes, tanzendes Feierbiest und wacht am nächsten Tag im Bett auf. Hier die Frage: Wie hat sich Valera verändert? Was ist das Gefühl des letzten Satzes, das du dem Leser mitgibst? Aufbruch in die Zukunft, Optimismus, Spaß und Hedonie oder Selbstkritik, Resignation, Schuld und Unsicherheit?

Ich denke, du könntest den Text kürzen und ihn auf wenige Szenen, vielleicht diese vier Szenen reduzieren. Ich bin jetzt extrem arrogant: Ich denke, der Text könnte auf 30% reduziert werden. Hilfe, ich klinge wie ein Lehrer, sorry.

Punkte:

"Außen-Wir, Massenplural"

Sie saß immer alleine auf einer Bank im Kastanienpark und starrte traurig auf ihre Füße und manchmal auch in den Himmel. Sie war beschäftigt mit ihren stürmischen Gedanken, die ihr fast den ganzen Tag raubten. Wir können diese Gedanken nicht näher einordnen, denn auch Valera konnte es nicht; sie rasten vorbei, blieben ungenau.
Das Außen-Wir ("Wir können diese Gedanken ..."), das in der Germanistik sicherlich einen phantastischen Namen trägt (vlt kommentierendes Wir oder der Massenplural), kreuzt in deinem Text sehr selten auf. Ich denke jedoch, dass ein Massenplural einen Text radikal vereinnahmen will, der Massenplural will den Text strukturieren, denn er schafft eine vollkommen andere Perspektive auf einen Text und Perspektive .. mit Perspektiven stehen Texte. Der Massenplural will dominieren. Idee: Vielleicht streichst du es komplett? Oder du führst es als Strukturelement zu den einzelnen Szenen auf.

"Stürmische Gedanken"

Der schwere Schatten eines Unwetters lag auf ihrem heranwachsenden Geist, ein Fluch lastete auf ihrer Familie. Sie saß immer alleine auf einer Bank im Kastanienpark und starrte traurig auf ihre Füße und manchmal auch in den Himmel. Sie war beschäftigt mit ihren stürmischen Gedanken, die ihr fast den ganzen Tag raubten. Wir können diese Gedanken nicht näher einordnen, denn auch Valera konnte es nicht; sie rasten vorbei, blieben ungenau.
Ist natürlich eine vertrakte Angelegenheit. Einerseits erwähnst du stürmische Gedanken, andererseits sitzt sie alleine und traurig auf der Bank. Das innere Energielevel so bei einer Million, das äußere bei - 0. Sehr, sehr kompliziert. Mal naiv gefragt: Braucht sie die stürmischen Gedanken? Sie kann doch ganz einfach alleine im Park sitzen, traurig sein, du spielst ein bisschen mit der märchenhaften Sprache ... sicher, kein neues Thema, aber eines, das deinen Text der Geschichte anpassen lässt.

In einem Nachtclub verhält sich jeder anders. Das ist ja gerade die Essenz eines Nachtclubs, des Nachtlebens im Allgemeinen: Die Vernunft darf vor dem Nachtclub auf den nächsten Montag warten. And Action! Da braucht es meiner Ansicht nach keine vorgeschobene Erklärung, warum sie sich plötzlich so anders verhält.

"Das Besondere an Valera"

Doch Valera war nicht wie jedes andere Mädchen. Ihr schönes glänzendes Haar war ihr gleichgültig und für die Blicke der anderen interessierte sie sich nicht und ihre scharfen Augen sahen nicht voller Neugier und Abenteuerlust in diese Welt, sondern voller Angst und voller Sorgen.
Sehr früh erklärst du, warum Valera anders als die anderen ist. Hier könntest du an den Details schrauben. Sie sah Grün als Blau und Blau als Grün. Unter Stille krümmte ihr ganzer Körper vor Lärm und wo ihre Mitschülerinnen von großer Freiheit, Familie und Berufswahl sprachen, nahm Valera einen Tag wahr, der überstanden werden muss.

Sehr übertrieben, ich weiß, aber vielleicht kannst du ein ganz besonderes Detail, körperlich, seelisch, perzeptiv einbauen.

"Formulierungen"

Sie hatte großen Hunger und bald würde ihr Körper sich auf einen leeren Magen einstellen.
Hm, naja, der Hunger entsteht ja durch einen leeren Magen.
Ha! N Fuffi. Den hättste dir och einsteckn könn, Kleene!" Der Mann lachte und sah dann an Valera hinab. "Is dat dein Abendbrot, Mädchen? Komm, jib her, ick bezahl dir det."
Den Dialekt würde ich streichen. In längeren Sätzen (sehr subjektiv, meine Ansicht) empfinde ich Dialekt immer als störend. Als kleines Element, okay, aber nicht in der Länge.

Das war's!
Lg aus Leipzig
kiroly

 
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Hallo @MRG ,

danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich versuche auf die einzelnen Punkte einzugehen, werde mir aber nicht jeden vornehmen. Wenn ich etwas weglasse, dann fällt mir da vllt nicht das passende ein oder es wurde schon alles gesagt, aber ich habe mir auf jeden Fall alles angesehen und zu Herzen genommen.

Generell muss ich sagen, dass mir im Nachhinein vieles an meiner eigenen Geschichte in einem anderen Licht erschien. Ich denke, ich habe den Fehler gemacht, mir nicht genügend Zeit für die Geschichte zu nehmen, sie nicht lange genug ruhen zu lassen. Ich sehe ein, dass einige Aspekte der Geschichte einfach nicht so funktionieren, wie ich es mir gedacht habe.

Mein größtes Problem ist die Charakterzeichnung von Valera. Einerseits wird sie als psychisch krank oder zumindest als eingeschränkt vorgestellt mit ihren stürmischen Gedanken und andererseits ist sie auf einmal total offen, unbeschwert und lässt sich von Karl abfüllen.
Interessant, dass das so rüberkam. Konkretisierung wird wohl eines der großen Themen bei der Überarbeitung sein. Da habe ich es mir zu einfach gemacht, muss manche Tatsachen genauer unter die Lupe nehmen und vor allem genauer beschreiben.
Finde ich als ersten Satz nicht so vielversprechend, da kommt für mich noch kein Konflikt raus und ich habe nicht sofort den Wunsch, zu wissen, was da als nächstes wohl passiert.
Es war als "banaler Anfang" gedacht. Es sollte gerade diese an sich uninteressante Formulierung für Fragen sorgen. Das war jedenfalls der Plan, ist wohl nicht so gut angekommen :hmm:
Für meinen Geschmack zu viele "und", das klingt nicht gut, finde ich.
Ein weiteres großes Thema für die Überarbeitung und eine Sache, die mich diese Geschichte jetzt schon gelehrt hat, ist die Erzählstimme. Sie kommt überhaupt nicht so rüber, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich merke das heute mit etwas mehr Abstand selbst, die Geschichte hört sich ganz anders an, als sie es beim Schreiben getan hat. Gut, dass Du den Finger drauflegst.

Hier ist dann der Konflikt und ich finde, dass das schon Potential hat. Du hast eine tragische Figur, die mit sich selbst zu kämpfen hat, dabei total isoliert ist und es funktioniert alles nicht.
Wie gesagt: Konkretisierung. Ich werde wohl genauer darauf eingehen müssen, was ihr Problem ist.

Mein Vorschlag wäre hier, dass du den Satz verlängert, um so auch diese rasenden Gedanken mit der Satzlänge darzustellen.
Interessante Idee.

Das ist für mich entscheidend, weshalb die Geschichte im weiteren Verlauf nicht für mich funktioniert. Sie schafft es einfach nicht, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen und ist total gehemmt. Ich finde das dann nicht glaubwürdig, dass sie einfach so den Schalter umlegen kann.
Auch das fällt für mich in die Kategorie: Konkretisierung. Wenn ich es schaffen kann, ihre Probleme genauert zu definieren, dann gelingt es mir vllt auch, ihren Gefühlswandel authentisch darzustellen. Nach meiner Idee ist Valera sehr zurückgezogen, weil sie mit inneren Konflikten zu kämpfen hat, der Drang nach menschlicher Nähe ist aber dennoch normal vorhanden und wird unterdrückt. Es gibt keine Barriere, die Karl überwinden müsste, keine soziale Abspaltung seitens Valeras, sie braucht nur ein wenig Vertrauen, jemanden, der sie mitreißt. So jedenfalls die Idee, blöd, dass es nicht so angekommen ist :hmm:
Finde ich etwas unglücklich formuliert, das liest sich so einleitend und hat mir als Leser die Spannung etwas genommen. Das kann allerdings auch nur an meinem eigenen Geschmack liegen.

Das Wort "durchgezogen" finde ich nicht besonders elegant, das klingt so umgangssprachlich. Bin hier als Leser kurz gestolpert.
Ja, sehe ich ein.
Und ich als Leser weiß auch nicht, weshalb sie diesem fremden Mann einfach so vertraut. Das kommt mir zu plötzlich und ergibt sich nicht aus der Geschichte. Später stellt sich dann heraus, dass Karl in gewisser Weise ihr rettender Ritter ist. Mir war das zu klischeehaft.
Das mit dem rettenden Ritter finde ich interessant. Das war so nicht gedacht, aber es passt gut zu einem Märchen. Aber ja, natürlich soll Karl in gewisser Weise der rettende Ritter sein. Auch wenn das wirklich nach Klischee klingt. Die Idee, dass Valera hier gerettet wird, war aber shcon intendiert, es ist ziemlich straight forward und das soll es auch sein. Vllt schaffe ich es, ihn ein wenig polarisierender zu gestalten.

Hier kannst du das zweite Karl durch "er" ersetzen, würde ich sagen, weil sich das sonst doppelt gemoppelt liest.
Na ja gut, das sollte schon so sein, aber wenn es nicht gefällt ... mal sehen.
Und auf einmal wird hier richtig gesoffen? Aber das kann ich mir so gar nicht vorstellen, bei einer Person, die Angst hat, die Kontrolle zu verlieren und sich nicht auf andere Menschen einlassen kann
Der Alkohol dient als

Das hat mich auch total rausgeworfen: Erst schaut sie anderen Leuten traurig hinterher, weil sie es einfach nicht hinbekommt, mit ihnen eine menschliche Beziehung aufzubauen und auf einmal genießt sie die Blicke anderer und ihre eigene Schönheit?
Ich wollte hier die vor sich gehende Veränderung in Valera schon andeuten und es war nicht geplant, dass diese Blicke sich auf ihre Schönheit beziehen. Frage mich, wie Du darauf kommst :D
Ich hatte sie eher als schüchterne Person eingeschätzt und auch ziemlich neurotisch, da passt es für mich nicht ins Bild, dass sie den Tanzsaal so genießt. Ist ihr das nicht viel zu überwältigend und laut?
Neurotisch ist nicht gerade das, was ich vorgesehen hatte. ->Konkretisierung
Auch das, finde ich ziemlich klischeehaft: Die Schöne, die von ihrem Ritter befreit wird und dann sucht sie sich einen Prinzen. Falls du das so beabsichtigt hast, funktioniert es leider für mich nicht
Auch interessanter Gedanke, ich sehe schon, die Geschichteläuft hier und da ganz schön aus dem Ruder :lol:
Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Verstehe ich nicht :(
Ich hoffe, dass du etwas mit dem Kommentar anfangen kannst. Mir hat es oft geholfen, echte Rückmeldungen zu bekommen, auch wenn die nicht unbedingt so waren, wie ich es mir erhofft hatte. Bleibe weiter dran und tagge mich gerne, falls du eine Überarbeitung machst.
Aber sicher kann ich damit etwas anfangen, danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Die Überarbeitung wird auf sich warten lassen, da kommt einiges auf mich zu. Auch noch eine schöne Restwoche, obwohl es eine andere ist.


MfG

 
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Hallo @Waldläufer ,

danke für Deine Zeit, klar kann ich was damit anfangen. Auch für Dich gilt: Wenn ich auf einen Punkt niocht eingehe, dann heißt das nicht gleich, dass ich das überspringe oder vergessen habe (vergessen vllt doch). Ich schaue mir alles an und nehme mir alle Punkte zu Herzen. Also los.

Einerseits war es ein schönes Spiel für mich, eine Märchenathmosphäre mit der Großstadt zu verwickeln, andererseits auch eine große Herausforderung. Schön, dass das einigermaßen Anklang gefunden hat bei Dir, dass es aber auch für Reibungsfläche sorgt, hast Du ja auch gemerkt. Ich hatte zu MRG schon gesagt, dass ich den kapitalen Fehler begangen habe, mir mit der Geschichte nicht genügend Zeit zu nehmen. Es ist immer besser, eine Geschichte nach der "Vollendigung" noch ein wenig ruhen zu lassen und später mit etwas Abstand drüberzuschauen. Ich sehe heute, dass einige Aspekte nicht so funktionioeren, wie ich es mir vorgestellt habe.

also das mit dem Fluch macht für mich keinen Sinn. Du machst ja nichts damit. Sie kommt zwar total depri und eigenbrötlerisch rüber, aber das ist kein konkreter Fluch und inwieweit das Einfluss auf die Familie nimmt, erklärst du auch nicht. Danach sagst du glaub ich, dass sie nie mit anderen spricht, weil sie wegen des Fluchs bald böse sein wird oder so, aber das ist für mich nur eine reingeschmissene Info, die sich nicht auf den Text auswirkt. Besonders am Ende ist ja eh wieder alles gut, da wird der Fluch vergessen.
Eine Kernthematik der Überarbeitung wird die Konkretisierung sein, ich sehe, dass ich hier und da Brocken hingeworfen habe, die dem Leser wenig Greifbares bieten. Ich muss ausführlicher werden und konkreter beschreiben, was ich meine. Ich sehe auch, dass dieser Teil inhaltlich etwas irreführend ist, denn nicht Valera wird böse, sondern die anderen Menschen. Das mit dem Fluch, ja, entweder lasse ich es weg oder ich führe das noch weiter aus, vllt sollte das der rote Faden der Geschichte sein, mal sehen.


Ab hier kam ich mit dem Setting nicht so klar. Erstmal Cinderella-Atmosphäre, dann sagt Cinderella "Sorry". Gut, ist ein Märchen in der Großstadt, aber ich kann mir nicht vorstellen, in welchen Aspekten die Großstadt vom Märchen beeinflusst wird - wann ich Stadt und Märchen trennen oder zusammenfügen muss.
So viel zum Thema Märchen+Großstadt. Wie gesagt, es war eine Herausforderung, ich werde an der Schweißnaht tüfteln müssen.


Kopfschmerzen sind nicht im Rest des Körpers. Vielleicht dass sich die Schmerzen von ihrem Kopf aus auch im Körper ausbreiten
Ok, ja das ist ein Argument.
da hab ich mich aber auch gefragt, wie der das so schnell erkannt hat. Sie steht ja nur deprimiert rum mit dem Milchbrötchen in der Hand?
Er sieht, dass sie ganz dürr ist, das war die Idee halt. Dachte, das wäre offensichtlich, mal sehen.
Wie alt ist sie eigentlich? Ich war irgendwie bei minderjährig.
Ein Punkt, der mich sehr beschäftigt hat. Wenn ich "Mädchen" schreibe, wird vermutlich vielen eher das Bild einer minderjährigen, vllt gar eines kleines Kindes im Kopf herum wabern. Ich habe mich schwer damit getan, nach dem einleitenden "Mädchen" ihr Alter genauer zu bestimmen, minderjährig sollte sie eig, nicht sein. Dachte, das würde sich aus dem Fakt, dass sie Alkohol kauft und ihrer eigenen Wohnung, ergeben, aber gut. Ich werde sofort deutlicher werden müssen, wie alt Valera ist.
Auch hier: wie erkennt er, dass sie nicht fit ist?
Sie steht deprimiert rum mit Milchbrötchen :lol:
da bin ich mir nicht sicher, wie ich dieses "darin" finden soll. Ich mag solche poetischen Formulierungen ja richtig gerne, kann aber schnell verwirrend klingen
Hatte mir gedacht, dass das angesprochen würde, war eine kleine Stichelei von mir. Ich werde einfach beim Vokabular unserer Zeit bleiben, denke ich.

Das ist mE kein "die Welt steht still"-Moment. Das kannst du ggf. weglassen. Die Entwicklung von V. wird auch eher undeutlich beschrieben. Ich bekomme nicht wirklich mit, warum sie jetzt gern beneidet wird. Nur weil sie Menschen gefunden hat, denen sie sich zugehörig führt? Das kann auf jeden Fall ihre Selbstakzeptanz fördern, aber das ist so etwas übertrieben.
Eine für mich sehr schwierige Stelle, habe sie runter und rüber, tausendmal verändert, ich sollte sie einfach weglassen, denn es komtm sowieso nicht das rüber, was ich sagen wollte. Sie wird beneidet, weil der Türsteher sie einfach durchlässt, das die Idee. Ich wollte die allmählich eintretende Veränderung in Valeras Gefühlswelt andeuten. Ist mir aber nicht gut gelungen diese Szene.
Das meinte ich zu Beginn. Die Entwicklung ist schon wirklich schnell und mE zu undurchsichtig.
Der Erzähler rast förmlich durch die Zeilen und Szenen, das war so nicht geplant.
Das ist auch eine Sache, die mir erst nachher aufgefallen ist und um deretwillen es wahnsinnig wichtig gerwesen wäre, die Geschichte noch ruhen zu lassen und den Text später mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Hab wenigstens was gelernt.
Kurzum ist es meiner Meinung nach ein bisschen zu viel von allem. Gut, das ist bei Märchen so (immer noch eine Schippe drauf), aber du hast viel Inhalt in wenig Szenen gepackt. Trotzdem: deine Idee mag ich und die Verknüpfung beider Schreibstile
Ich muss mich mit dem Thema Geschwindigkeit befassen, wenn ich dieses Textes Herr werden möchte, insgesamt isat der Text zu schnell und da geht vieles verloren.


Danke für Deinen Kommentar, dass Du Dir die Zeit genommen hast, ich werde das auf mich wirken lassen.

Eine schöne Woche noch,

mfG

Hallo @kiroly ,

danke für Deinen Kommentar, ein paar interessante Punkte sind das, die Du da ansprichst.

Irgendwo ist es ja arrogant, etwas anzuprangern, das man selber nicht kann.
Das denke ich nicht, oder vllt ist es nur teilweise der Fall. Man muss ja nicht alle Bilder schön finden, nur weil man nicht malen kann. Zudem sind das Schreiben und das Wahrnehmen von Texten weit genug voneinander entfernt, dass eine Unterscheidung im Können der beiden Teilgebiete sich lohnt. Ich kann ja auch nicht schreiben, also kommen wir schon überein.
ch denke, du könntest den Text kürzen und ihn auf wenige Szenen, vielleicht diese vier Szenen reduzieren. Ich bin jetzt extrem arrogant: Ich denke, der Text könnte auf 30% reduziert werden.
uiuiui auf 30% gleich. Ich habe viel "Speck" an die Kernhandlung geheftet, wenn man letztendlich nur das Skelett darstellen möchte,bleibt natürlich nicht mehr viel übrig. Der Speck dient natürlich der Atmosphäre bzw. der Immersion – oder so sollte es zumindest sein. Dass der Text dennoch so rast, wundert mich und gibt mir zu denken.

Das Außen-Wir ("Wir können diese Gedanken ..."), das in der Germanistik sicherlich einen phantastischen Namen trägt (vlt kommentierendes Wir oder der Massenplural), kreuzt in deinem Text sehr selten auf. Ich denke jedoch, dass ein Massenplural einen Text radikal vereinnahmen will, der Massenplural will den Text strukturieren, denn er schafft eine vollkommen andere Perspektive auf einen Text und Perspektive .. mit Perspektiven stehen Texte. Der Massenplural will dominieren. Idee: Vielleicht streichst du es komplett? Oder du führst es als Strukturelement zu den einzelnen Szenen auf.
Ich denke, um dieses "Außen-Wir" zu etablieren wäre eine umfassende Verwendung/Vorstellung nötig gewesen. Ich habe den Erzähler eher selten in die geschichte eingreifen lassen, um weder Lesefluss zu unterbrechen, noch Immersion zu kränken. Vllt ist gerade dadurch der Erzähler ein unbekannter Störfaktor. Es ist, wie du sagst: Entweder ganz oder gar nicht.
Ist natürlich eine vertrakte Angelegenheit. Einerseits erwähnst du stürmische Gedanken, andererseits sitzt sie alleine und traurig auf der Bank. Das innere Energielevel so bei einer Million, das äußere bei - 0. Sehr, sehr kompliziert. Mal naiv gefragt: Braucht sie die stürmischen Gedanken? Sie kann doch ganz einfach alleine im Park sitzen, traurig sein, du spielst ein bisschen mit der märchenhaften Sprache ... sicher, kein neues Thema, aber eines, das deinen Text der Geschichte anpassen lässt.
Dieser Widerspruch war mich gar nicht so klar oder besser gesagt, dass das ein problem für den Leser sein könnte. Aber Deine Ideen gefallen mir, mal sehen, was ich daraus machen kann.
Sehr früh erklärst du, warum Valera anders als die anderen ist. Hier könntest du an den Details schrauben. Sie sah Grün als Blau und Blau als Grün. Unter Stille krümmte ihr ganzer Körper vor Lärm und wo ihre Mitschülerinnen von großer Freiheit, Familie und Berufswahl sprachen, nahm Valera einen Tag wahr, der überstanden werden muss.
Hatte den anderen Kommentatoren schon gesagt, dass ich an vielen Stellen konkreter werden muss, um Authentizität und Atmosphäre zu erreichen.
Den Dialekt würde ich streichen. In längeren Sätzen (sehr subjektiv, meine Ansicht) empfinde ich Dialekt immer als störend. Als kleines Element, okay, aber nicht in der Länge.
Habe ich nun auch diese Erfahrung mit gemacht. Lieber dezent den Akzent andeuten, alles andere wird eine Bürde für den Leser.


Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, auf mich wartet auf jeden Fall eine Menge Arbeit. Ich wünsche eine schöne Woche und was sonst noch so anfällt.

MfG

 
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Glückwunsch Putrid Palace,


ich finde, das ist Deine beste Story. Mach weiter so. Da steckt Seele drin. Irgendwie erinnert mich die Stelle in dem Imbissladen auch an die „Reise nach Jerusalem“, ein Film in dem es um eine Harz 4 Empfängerin geht, der das Jobcenter eine Kürzung aufgedrückt hat. In einer Filmsequenz steht sie im Späti, wie Deine Protagonistin und muss ebenfalls feststellen, dass ihr Portemonnaie leer ist.


Frieda

 

CoK

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Hallo @Putrid Palace

ich möchte mich mit einem Gegenbesuch revanchieren.
Als ich den Titel las, „Großstadtmärchen“, hab ich mich gefreut, da ich eine Märchenliebhaberin bin.
Etwas enttäuscht war ich dann, dass ich nichts märchenhaftes in deiner Geschichte gefunden habe. Alles, was du geschrieben hast, könnte sich so oder so ähnlich zugetragen haben.
Du erzählst von einem Mädchen, das entweder an einer manischen Depression oder irgendeiner anderen psychischen Krankheit leidet. (mMn) Die du zwar als Fluch bezeichnest, ich aber nie erfahre was für ein Fluch das
ist.
Sie lernt dann zugegeben auf eine etwas außergewöhnliche Art, Karl kennen, der Mitleid mit ihr hat und ihr helfen möchte. Sie lernt seine homosexuellen Freunde kennen, mit denen sie zusammen einen schönen Abend erlebt.
Obwohl es für mich kein Märchen war, hat mir deine eine Geschichte gefallen. Ich habe gerne mit Valera diesen schönen Abend erlebt.
Diese interessanten Männer und ein Teil ihrer Geschichte kennengelernt.

und ihre scharfen Augen
Was sind scharfe Augen sehen die besonders weit?
ein Fluch lastete auf ihrer Familie.
Was für ein Fluch? Diese für mich wichtige Frage, löst du nicht auf, als Leser ist das unbefriedigend.
Sie war beschäftigt mit ihren stürmischen Gedanken
Was sind das für stürmische Gedanken? Wenn man sie als stürmisch bezeichnen kann, dann kann man sie zumindest etwas beschreiben.
Doch Valera war nicht wie jedes andere Mädchen.
Warum, Du bleibst mir da zu vage.
diese Welt
Hat sie den noch eine andere?
sondern voller Angst und (voller) Sorgen.

weil Valera wusste, dass sie eines Tages böse sein und nicht mehr zu ihr kommen würden
Warum weiß sie das?
weil Valera wusste, dass sie eines Tages böse sein und nicht mehr zu ihr kommen würden. Dennoch lehnte sie jedes Mal ab.
Ich verstehe nicht warum du hier „Dennoch“ schreibst. Worauf bezieht sich das? Für mich wäre hier: sie lehnte jedes Mal ab. Passender.
Sie hatte großen Hunger und bald würde ihr Körper sich auf einen leeren Magen einstellen.
Warum muss er sich darauf einstellen wenn sie Hunger hat?
Aber das hatte sie gestern schon durchgezogen und langsam machten die Kopfschmerzen sich auch in ihrem restlichen Körper breit. Sie stand auf und warf sich ihre Jacke über
Hier habe ich bemerkt, das wurde schon mal angemerkt, dass die Kopfschmerzen nur im Kopf sein können.
Bevor ich also nochmal all das anmerke, was die Kommentatoren vor mir schon bemerkt haben, warte ich, bis du deine Geschichte verbessert hast oder auch nicht, wie auch immer.

Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.
Liebe Grüße CoK

 
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Hallo @CoK ,

danke für deinen Gegen-Gegen-Besuch, habe mich gefreut, von Dir zu lesen. Freut mich auch, dass Dir die Geschichte an sich gefallen hat, sorry, dass der Titel irreführend ist. Die (oder eine) kellektive Aussage Deiner Kritik gleicht der Deiner Vorredner, nämlich dass an vielen Stellen zu vage beschrieben wurde, der Leser zu sehr sich selbst überlassen wurde, und ich kann auch an dieser Stelle nur mein Haupt Senken und es kräftig schütteln, vor Scham versteht sich. Ich habe mir schlicht nicht genug Zeit für die Geschichte genommen, daraus deriviert ein Großteil der Mängel. Im Nachhinein habe ich (mit etwas Abstand) ein ganz anderes Bild von dem Text und konnte die Kritikpunkt nur zu gut nachvollziehen. Ich gehe näher auf Deine Punkte ein:

ich möchte mich mit einem Gegenbesuch revanchieren.
Eigentlich war das eine Revanche meinerseits. Da werde ich mich wohl revanchieren müssen.
Was sind scharfe Augen sehen die besonders weit?
Das sagt man so, oder? :confused: Die Augen sehen gestochen scharf. Nicht?
Was für ein Fluch? Diese für mich wichtige Frage, löst du nicht auf, als Leser ist das unbefriedigend
Hier das Thema mit der Konkretheit. Habe zu vage, zu lakonsich die wichtigen Fakten abgearbeitet, am Ende sind es versteckte Details. Da geht natürlich der rote Faden verloren und die eigentlich Aussage sowieso.
Was sind das für stürmische Gedanken? Wenn man sie als stürmisch bezeichnen kann, dann kann man sie zumindest etwas beschreiben.
Auch hier. Solche Dinge muss ich entweder näher erläutern oder ganz streichen. Ich habe zu wenig reflektiert mit dieser Geschicht, nur so kann es zu solchen undschönen Makeln kommen.
Warum, Du bleibst mir da zu vage.
:thumbsup:
Ich verstehe nicht warum du hier „Dennoch“ schreibst. Worauf bezieht sich das? Für mich wäre hier: sie lehnte jedes Mal ab. Passender.
Sie wusste es (dass sie irgendwann nicht mehr zu ihr kommen würden), lehnte aber dennoch ab. Ich schaus mir mal an.
Warum muss er sich darauf einstellen wenn sie Hunger hat?
Hat unser Körper erst einmal begriffen, dass es erst mal nichts zu futtern gibt, stellt er sich darauf ein und das Hungergefühl verschwindet vorerst. Vllt habe ich auch das wieder so arg lieblos in den Raum geworfen. Frage mich gerade selber, was das soll.
Hier habe ich bemerkt, das wurde schon mal angemerkt, dass die Kopfschmerzen nur im Kopf sein können.
Jap, das kann ich nachvollziehen.
Bevor ich also nochmal all das anmerke, was die Kommentatoren vor mir schon bemerkt haben, warte ich, bis du deine Geschichte verbessert hast oder auch nicht, wie auch immer.
Du legst natürlich den Finger in den Wunde, so viel ist noch nicht passiert hier, aber ich bin dran. Habe auch die anderen Kommentatoren nicht vergessen. Mit dieser Geschichte ist es übel nach hinten losgegangen, was an den genannten Problemen, aber auch an dem Stil liegt, unter dem ich sie schreiben wollte. Gelungen ist mir das "märchenhafte" nicht. Am Ende muss ich die Geschichte quasi komplett nochmal schreiben und ich bin dran. Aber ich schreibe nebenher noch drei andere Geschichten und einen Roman und diesen Kommentar und Liebesbriefe und ... lange Rede, keine Zeit: ich arbeite dran :read:

Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast und von Deinen Liebesbriefen Pause genommen hast, ich werd mich drum kümmern. Einen schönen Restsonntag noch!

MfG


Hallo @Frieda Kreuz ,

danke fürs Lesen, schön, wenn es Dir gefallen hat. Den Film kenne ich nicht, vllt schaue ich aber mal rein. Auch Dir noch einen schönen Restsonntag.

MfG

 
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Erst als er den Ordensleiter mit einem anderen Mann beim Liebesspiel entdeckte, begann er in Frage zu stellen, was ihn in Frage stellte.

Eine Haltung, die man eigentlich grundsätzlich gegen mancherlei gesellschaftliche Erscheinung einnehmen sollte,

liebe Putrid Palace,

und schön – hier besonders für Deine Antiheldin Valera, dass sich öfter als man glauben mag Alternativen finden, selbst wenn man die Nische suchen oder auf ein glückliches Zusammentreffen hoffen muss wie hier. Da ist auch der plurale Erzähler angenehm, der in seinem „wir“ Erzählerin und Publikum zu einer Einheit formt. Oder anders formuliert, Du nimmst einen jeden Leser an die Hand ...


Da ich gleich in Sachen darstellender Kunst (Theater) unterwegs bin nur ganz kurz ein bissken Flusenlese in der Reihenfolge ihres Aufscheinens

"Ein andern mal vielleicht."
wird wahrscheinlich mit der n Endung landschaftlich bedingt sein

Wenn sie diese Zeit nicht im Kastanienpark verbrachte, dann verbrachte sie sie auf ihrem Balkon oder einfach in ihrem Bett.
Unschöne Doppelung (auch sozialkritische Texte dürfen sprachlich schön sein), warum nicht „sie die[se]“?

"Ick bin übrigens Karl", sagte Karl und rieb sich den Bauch.
Vllt. besser „sagte er“, denn dass Karl Karl ist, erfahren wir ja erst mit der wörtlichen Rede, die in anderer Fassung „Er sagte: „Ick bin übrigens …“ verliefe.

Die Menschen standen beisammen zu zweien oder auch in großen Gruppen, geduldig oder ...
Das Paar ist an sich Grundlage, den Plural auf Menschen anwenden zu können …

Jetzt kommt die Ursache meines kurzfristigen Auftritts

Sie gingen durch schmale Gänge, deren Wände voll Graffiti waren, durch den Warteraum, in dem die Menschen in muffligen Sesseln ihren Liebsten harrten, durch die Garderobe, …

„harren“ erzwingt in dem Falle den Genitiv (den Fall, der Besitz anzeigt, Sohn des Vaters/der Mutter) „ihrer Liebsten“

Auf jeden Fall gern gelesen und bis bald

Friedel

ZUgabe 23.11., ca. 11 Uhr

Wir können diese Gedanken nicht näher einordnen, denn auch Valera konnte es nicht; sie rasten vorbei, blieben ungenau.

„Wir“ bedeutet Identifikation mit der Gruppe - also zumindest ein Paar und in dem Falle hier

liebe @Putrid Palace ,

Du und ich (wohl wissend, dass wir nicht die einzigen sind, welche Deinen Text [ge]lesen (haben), aber ein „wir“ grenzt sich zugleich ab von diesen „anderen“, die nicht „wir“ sind. Ich find schon bemerkenswert, wie nach Haus-, Volks- und Kunstmärchen nun ein „soziales, großstädtisches“ Märchen – ich nenn’s mal so – versucht wird, und wer sich heutzutage in abgrenzt wie Valera, bleibt schnell allein, fällt aus dem „wir“ heraus und weil Valera aussieht

wie jedes andere Mädchen

Sie hatte schönes glänzendes Haar, das sie sich über die Schulter werfen konnte, sie trug ein prachtvolles Kleid, mit dem sie um neidische Blicke werben konnteKOMMA1 und sie hatte scharfe, helle Augen, die voller Neugier und voller Abenteuerlust in diese Welt sehen konnten.
- ich sags mal vorsichtig – muss sie in einer Gesellschaft der „Singularitäten“ (der „fünf-Minuten-Berühmtheiten“ will ichs mal übersetzen) damit rechnen, nicht beachtet zu werden. Da ist Karl („Kerl“) zwar kein göttlicher oder himmlischer Zauber, sondern eine ganz konkrete Hilfe usw.

Lass mich von der Überarbeitung überraschen, aber vorweg ein Lob schon allein für bestimmte Sprachfiguren: Wo alle von „Haaren“ sprechen, greifstu zum „Haar“, das ja vom einzelnen Flusen bis zum dichtesten Haarschopf überhaupt gilt

Gern gelesen vom

Friedel

1 sie trug ein prachtvolles Kleid, mit dem sie um neidische Blicke werben konnteKOMMA und sie hatte scharfe, …
(der Nebebnsatz ist zu Ende und das „und“ verbindet zwo Hauptsätze)

 
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Hallo @Friedrichard ,

freut mich, dass Du gelesen hast und mir auch noch einen Kommentar dagelassen hast, und dann noch mit Zugabe! Du scheinst einer der Wenigen zu sein, die sich nicht an dem "Wir-Erzähler" gestört haben. Aber klar, man trifft ja nie den Geschmack eines jeden, in der Überarbeitung wird diese Erzählform aber wahrscheinlich rausfallen.

Vllt. besser „sagte er“, denn dass Karl Karl ist, erfahren wir ja erst mit der wörtlichen Rede, die in anderer Fassung „Er sagte: „Ick bin übrigens …“ verliefe.
Das war natürlich so gedacht, aber es ist von niemandem positiv aufgefasst worden, in der Überarbeitung habe ich es schon gestrichen.
Das Paar ist an sich Grundlage, den Plural auf Menschen anwenden zu können
erscheint logisch, habe es so übernommen
Unschöne Doppelung (auch sozialkritische Texte dürfen sprachlich schön sein), warum nicht „sie die[se]“?
ist gekauft
„harren“ erzwingt in dem Falle den Genitiv (den Fall, der Besitz anzeigt, Sohn des Vaters/der Mutter) „ihrer Liebsten“
Danke für die orthographischen Hinweise, besonders diesen hier, wäre mir nicht aufgefallen.


Mir ist wohl bewusst, dass ich auch Dir, sogar mehrfach, eine Revanche schuldig bin, bisher habe ich einfach nicht den passenden Text gefunden (meistens sind mir Deine Texte zu hoch ;)).

Ich wünsche noch eine schöne Woche

MfG

 
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Mir ist wohl bewusst, dass ich auch Dir, sogar mehrfach, eine Revanche schuldig bin, bisher habe ich einfach nicht den passenden Text gefunden (meistens sind mir Deine Texte zu hoch ...).

Ach Du meine Güte, liebe Putrid, da stapelstu aber arg tief. Die "Einsatzgeschichte" ist an sich ein einfacher Text - halt in einer unerwarteten Form, die dann auch noch hinhaut. Aber hier zwo Texte, die jedes Jahr aktuell werden oder sind
https://www.wortkrieger.de/threads/per-vers.40379/

https://www.wortkrieger.de/threads/die-neuen-oder-herrn-schills-komparativ-eva-und-ich.37767/

wenn ich nicht schlicht und einfach könnte - wie hätte ich da z. B. Mitarbeiterversammlungen abhalten können oder Leute in Arbeits- und/oder Steuerrecht beglücken?

Stell Dein Können und vor allem Verständnis mal nicht untern Scheffel ...

meint der

Friedel,

und damit ein fröhliches moin!

 

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