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Hier beginnt es

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10.09.2016
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Hier beginnt es

»… und schneller als du denkst, bist du Teil der Familie«, sagte Birgit, die Hände am Lenkrad, und kicherte. Ich konnte nicht anders, als sie mit ihren perückenartigen Zöpfen, dem jugendlichen Kleidungsstil und großmütterlichen Gesicht auf Anhieb zu mögen. Ihr Englisch war besser als meines und der schwedische Akzent, der von einer mädchenhaften Stimme getragen wurde, passte nicht zur Ausdrucksweise, wie ich sie bei meinen Gastgebern in Malmö kennengelernt hatte. Das hier war nicht die Großstadt, das war gut zehn Kilometer von Skövde entfernt bei Axvall am Hornborgasjön. Die Karosserie klapperte, als wir den Weg hinauf zum Hof über eine von Nacktschnecken gepflasterte Straße fuhren – eine Plage, wie Birgit mehrfach betonte, während die Schneckenkörper beim Überfahren unter den Reifen rumpelten. Um die Alleen von Kirschbäume erstreckten sich Felder, versprengte Waldstücke mit Findlingen darin. Ich zählte drei Häuser.
Eine schlammige Einfahrt und wir erreichten das Grundstück. Birgit parkte neben einer Egge und einem Holzverschlag. Beim Aussteigen kam mir die Luft kälter vor als noch am Bahnhof in Skövde, von dem Birgit mich abgeholt hatte. Hier roch es feucht – nach Pilzen und Kaminfeuer. Ich zog meinen Rucksack und die Tüte von unserem Stadteinkauf aus dem Kofferraum. Birgit führte mich zu einem länglichen Gebäude, das sie als ‚Scheune‘ bezeichnete.
»Schön hier«, sagte ich.
»Es gibt viel Platz«, begann sie. »Wenn du willst, musst du nie wieder weg.«
Ich lachte verhalten, um Birgit nicht zu kränken. Länger als die geplanten zwei Wochen hatte ich nicht vor zu bleiben.
»Wer arbeitet hier noch?«, fragte ich.
»Lernst du noch kennen.«
Unterhalb der Scheune lag Birgits Hof. Ein Schuppen in Ochsenblutrot, dahinter ein freistehendes Schwedenhaus, eine Art Villa Kunterbunt inmitten eines verwilderten Gartens. Wie auf den Fotos im Internet, dachte ich.
»Ihr schlaft in der Scheune«, sagte Birgit. »Da drüben in meinem Haus essen wir.«
Sie schloss die Scheune auf, ging über schmale Treppenstufen voran, bis wir einen Sparrendachboden betraten, in dem es nach Holz und Duftkerzen roch. Ringsum bezogene Betten.
»Such dir eins aus.«
»Wer schläft dort drüben?«, fragte ich. In der Ecke stand ein Bett, auf dem eine Waschtasche, Hemden und eine zusammengeklappte Handsäge lagen.
»Andersch«, antwortete Birgit. »Komm runter, wenn du fertig bist.«
»Zum Haus?«, fragte ich.
Birgit nickte. Noch einmal lächelte sie, dann verabschiedete sie sich. Licht fiel durch die Gaubenfenster. Ich packte meinen Rucksack aus, legte mich aufs Bett, schloss die Augen, horchte in den Raum hinein.

Rasiert, im dicken Pullover lief ich die Gehwegplatten von der Scheune zu Birgits Haus hinab. Durch die Fenster sah ich sie in der Küche stehen. Neben ihr eine zierliche Frau, sicher zwanzig Jahre jünger, mit grau meliertem Haar, das zu ihrem jugendlichen Gesicht nicht passte. Ich trat ein, eine Türglocke erklang. Birgit grüßte und stellte mich der Frau als den neuen Dauergast vor.
»Ich bleib nur zwei Wochen«, sagte ich. Die Frau nickte aufmerksam.
Ihr Name war Sophie, sie arbeitete als Lehrerin in einer katholischen Schule bei Graz, betonte jedoch gleich, dass sie nicht besonders gläubig sei. Wir einigten uns darauf, in Birgits Anwesenheit Englisch zu sprechen. Sophie trug ein breites Haarband aus blauem Stoff und wenn sie lächelte, konnte man ihr Alter an den zahlreichen Falten um ihre Augen ablesen. Ich fand es seltsam, dass sie wie eine junge und alte Frau zugleich aussah. Während wir Gemüse für ein einfaches Ofengericht schnitten, fragte Sophie mich aus. Ich erzählte, dass ich studierte, nach Halle bei Leipzig gezogen sei, um vom Lehramt zur Germanistik zu wechseln; Leipzig wäre das neue Berlin. Sie sei nie in Berlin gewesen, meinte sie. Sophie befragte mich mit einer Neugier, die ihr den Anschein verlieh, sich mindestens so sehr für die Lebensentwürfe anderer zu interessieren wie ich. Dass sie viele Jahre als Lehrerin gearbeitet hatte, fand ich beeindruckend. Ich fragte mich, wie man so mutig oder unsicher sein konnte, auch im fortgeschrittenen Alter und mit gewissem gesellschaftlichen Erfolg wieder etwas Neues vom Leben einzufordern oder zumindest danach Ausschau zu halten. Wie ehrlich Sophie von ihrem Alleinsein in der Steiermark sprach, dem Wunsch, Schwedisch zu lernen und mit den Händen zu arbeiten, machte sie mir sympathisch. Sie war eine kleine, hagere Person und ihre Wangen färbte ein Netz roter Äderchen. Ihr freundliches, sorgenvolles Gesicht und wie sie mich ohne Aufdringlichkeit nach meinem Leben ausfragte, das berührte mich. Birgit hatte sich zurückgelehnt, sagte kaum etwas. Es brauchte kein Wort, um einen Eindruck von ihrem und Sophies Verhältnis zu gewinnen. Während Birgit unserem Gespräch lauschte, sah ich, wie starr das Lächeln in ihren Mundwinkeln hing. Sie musste Sophies Freundlichkeit und Interesse gut kennen. Sicher galt die Beharrlichkeit, mit der Sophie ihre Fragen stellte, auch für die Arbeit bei Birgit. Trotz allem war das nicht ihr Hof. Auch wenn ich erfuhr, dass Sophie Birgit eine Miete zahlte, jetzt, da sie für ein halbes Jahr zum Arbeiten und Schwedischlernen hergekommen war, ahnte ich, dass ein solches Zusammenleben nicht ohne territoriale Grenzkonflikte ablief.
Während das Gemüse im Ofen fiepte, erzählte Birgit von ihrer Tochter in Göteborg, dem indonesischen Vater und geschiedenen Ehemann und wie sie das Grundstück nahe des Hornborgasjöns für einen Spottpreis gekauft hatte. Die Anfangszeit sei einsam gewesen, aber nach und nach habe sie gelernt, dass man selbst hier draußen eine Familie finden könne. Sophie und Birgit warfen sich ein Lächeln zu. Sie interessiere sich für die Kraft von Edelsteinen, redete von Esoterik und Nachhaltigkeit. Ich hörte ihr zu, widersprach jedem Satz innerlich, während ich nach außen zu allem nickte, ihre Annahmen sogar mit eigenen Argumenten fütterte. Einerseits hielt ich diese Dinge für Hokuspokus, andererseits wollte ich mir meinen Zynismus abgewöhnen. Ich befürchtete etwas Existentielles nur deshalb zu verpassen, weil es mit rationalem Denken zu leicht zu entkräften war. Die Eieruhr schrillte und wir tischten auf.

Das Ofengemüse wurde mit frischem Rosmarin und Thymian aus dem Garten garniert. Ich erfuhr, dass außer Sophie und mir nur ein Däne namens Andersch, mit dem ich das Schlaflager teilte, bei Birgit arbeitete. Er lebte hier schon über ein Jahr, würde heute Nacht von einem Ausflug zurückkehren. Da das Thema keinen Gesprächsstoff brachte, fragte ich nach meiner Arbeit, brüstete mich noch einmal damit, vor meinem Studium Erfahrungen in einer Tischlerei gesammelt zu haben, was ich Birgit bereits in einer E-Mail ausgebreitet hatte.
»Andersch ist auch Tischler«, sagte Birgit. »Ihr könnt zusammenarbeiten. Für Tischler gibt es hier so viel Arbeit. Da wirst du in einem Jahr nicht mit fertig.«
»Es muss ja nur für zwei Wochen reichen«, sagte ich grinsend. Birgit verstand den Seitenhieb nicht oder ignorierte ihn absichtlich.
»Du könntest auch den Schuppen mit Rötfärg streichen und wenn du ein Schatz bist, kratzt du mir das Moos vom Dach. Hier oben …«, sie deutete mit einem ihrer wurstigen Zeigefinger über sich.
Eine Weile noch saßen wir zusammen, aßen, tranken Wein. Birgit spielte uns etwas auf der Gitarre vor, sang mit ihrer piepsigen Stimme dazu, und ich musste mich anstrengen, nicht loszuprusten, auch wenn ich nicht gerade besser sang. Birgit hatte ein unfreiwilliges Talent, Witze zu erzählen. Mit unschuldigem Gesichtsausdruck mimte sie die dänische Prinzessin, die sich bei ihrem letzten Staatsbesuch durch ihr fehlendes Rhythmusgefühl lächerlich gemacht hatte. Ihre drallen, zugleich runzeligen Hände klatschte Birgit ineinander, als ob sie nach Fliegen schlüge. Sophie und ich konnten uns nicht einkriegen vor Lachen. Wie vor zwei Kleinkindern wiederholte Birgit ihren Witz ein zweites und drittes Mal, es funktionierte. So verbrachten wir unseren ersten Abend.
Auf dem Weg zur Scheune und ins Bett schmunzelte ich noch immer, schmeckte den klebrigen Wein auf der Zunge. Im Duschraum neben Sophies Quartier im Erdgeschoss wusch ich mir das Gesicht, freute mich über das Wimmeln der Spinnen, die mit leeren Netzen fetter Beute harrten; es bedeutete, auf dem Land zu sein. Andersch war noch nicht zurückgekehrt. Ich warf mich ins Bett, knipste das Licht aus und schlief so fest wie lange nicht.

*​

Die Melodie des Handyweckers trällerte mich aus dem Schlaf. Ich hörte ein Schnarchen. In dem zuvor leeren Bett lag nun der Rückkehrer, mir sein breites Kreuz zugewandt. Schnell zog ich mir etwas über, schlich mich hinaus in die Kälte. Nebel hing in den Wipfeln der Tannen, troff von Fensterscheiben und Hauswänden. Am Himmel hinter einer Wand aus Grau leuchtete die Sonne, ein fast weißer Kreis. Ich spazierte zur Villa Kunterbunt, als lebte ich hier schon seit langem. Die Türglocke erklang, an der Anrichte stand Birgit, die mit ihrem Kopf beinahe die niedrige Decke der Küche berührte. Gemeinsam deckten wir für vier Personen ein. Sophie, das blaue Stirnband im Haar, stieß mit zwei Tassen voller Himbeeren dazu. Wie sich herausstellte, war das Pflücken ihr morgendliches Ritual, für das sie gern etwas früher als alle anderen aufstand.
Birgit hatte den Ofen zum Heizen geöffnet. Wir aßen Müsli mit Joghurt und Beeren, als Andersch hereinpolterte. Er war ein kräftiger, für sein Alter gut aussehender Mann mit blauen Augen, breitem Kinn und grauem Stoppelbart. Er trug eine Beanie, eine Daunenweste über einem eng anliegenden Longsleeve, das die muskulösen Oberarme betonte. Alles in allem sah er aus wie jemand, den ich mir als Bergführer einer hochalpinen Tour vorstellte. Er grüßte, hielt mir seine Hand hin. Dann umarmte er Birgit und Sophie, was seiner groben Erscheinung etwas Herzliches verlieh. Kurz fühlte ich mich fremd angesichts der Vertrautheit zwischen den Dreien. Andersch verströmte einen herben Männergeruch, etwas, das ich mochte, selbst aber nicht an mir hatte. Er trank seinen Kaffee mit einem Schuss Milch, sah über die Müslischüssel gebeugt wie ein kleiner Junge aus.
Nach dem Frühstück gab es eine Arbeitsbesprechung. Sophie würde die Beete umgraben, Andersch und ich den Schuppen vorm Haus mit Rötfärg, dem Schwedenrot, streichen. Birgit hatte etwas in der Stadt zu erledigen, versprach noch einen Eimer Farbe mitzubringen und eine Feuerschale für das Fest in drei Wochen.
»So lange bleibst du aber«, sagte sie mit gespielter Strenge.
Was sollte ich anderes tun, als zu nicken?

Mit einem Rundholz rührte Andersch im Brei, der den Namen Ochsenblutrot verdiente. Die alte Farbe trugen wir mit improvisierten Schleifklötzen ab, kamen im Rhythmus der Arbeit ins Gespräch.
»Wo bist du gewesen?«, fragte ich.
»Ich mach einen Film«, sagte Andersch. »Hier oben gibt es viele Hobos, die in den Wäldern leben. Alte Leute, die sich von Beeren und Pflanzen ernähren. Ich mach eine Doku über ein paar von ihnen. Einige kennen mich und machen mit. Ich glaub, das schauen sich eine Menge Leute an.«
Ich war überrascht und begeistert, das Andersch kein Bergführer, sondern, wie es schien, eine Art Künstler war. Er erzählte, dass er als Maler in Kopenhagen gelebt habe, seine Wohnung, zugleich Atelier, momentan aber untervermiete. Dann zeigte er mir Bilder seiner Gemälde auf dem Handy. Das waren große Leinwände. Dunkle Farben, die abstrakte Bildräume eröffneten, dennoch einen Sinn für Figürlichkeit sowie ein technisch überzeugendes Raum- und Körpergefühl verrieten. Andersch wischte zu einigen mit Rötel gefertigten Skizzen. Er habe auch als Zeichenlehrer gearbeitet. Das sei die Freiheit. Kein großes Geld, dafür ein Leben nach eigenen Prinzipien.
»Ganz interessant«, sagte ich. »Ich hab auch mal versucht zu zeichnen, aber das hier ist wirklich was. Mein Vater macht übrigens Filme. Für Arte, das ist in Deutschland eine große Nummer. Vielleicht kann ich euch vermitteln.«
Anderschs Augen wurden größer, er nickte hastig, erzählte, dass er sich schon eine Kamera gekauft habe und bald mit dem Filmen beginne. Ich dachte an die Auflagen, von denen mein Vater gesprochen hatte. Mindestens eine Szene mit Drohnenflug, Intro-Musik mit Streichern, jemand für die Kamera, jemand fürs Drehbuch, jemand für Produktion und Postproduktion. Andersch dachte vielleicht, man bräuchte nichts zu tun, als zu ein paar Aussteigern in den Wald zu spazieren, sie zu überreden, vor die Kamera zu treten, und am Ende schnitt man einen Film daraus und verdiente einen Haufen Geld. Je mehr ich darüber nachdachte, desto unredlicher kam mir das Projekt vor. Ich hielt es für voyeuristisch, zumal ich Anderschs Motive nicht einschätzen konnte. Er glaubte also, viele Leute wollten das sehen. Worum ging es ihm? Schon bereute ich, ihm den Kontakt angeboten zu haben. Einerseits beeindruckte mich sein Mut, andererseits war ich mir sicher, dass das Projekt noch im Entstehen versanden würde. Während Andersch weiter überzeugt auf mich einredete, versuchte ich mir vorzustellen, gemeinsam mit ihm an dem Projekt zu arbeiten.
»Du gibst mir seine E-Mail, ja?«
»Ich such sie dir die Tage mal raus«, log ich.
Bis zum Mittag strichen wir die Stirnseite des Schuppens. Birgit war zurückgekehrt, wir kochten Bandnudeln mit Lachs, Salbeibutter und Tomaten aus dem Garten. Noch immer dachte ich über das Gespräch mit Andersch nach. Ich fühlte mich nicht bereit, die Dinge anders zu sehen, dachte an Halle, an die Germanistik, die ich gegen das Lehramt, die sichere Bank, eingetauscht hatte. Ich war vierundzwanzig und was hatte ich bisher auf die Beine gestellt? Neuerdings versuchte ich mich im Schreiben, hatte die Idee, mit der Germanistik einen Job als Lektor zu finden. Die Geschichte zehntausender Arbeitsloser, das war mir bewusst. Doch neben meinen Zweifeln besaß ich auch so etwas wie Hoffnung, bröckelnd zwar, aber stark genug, um mich zu immer neuen Unwägbarkeiten anzuspornen.
Das Ausstreichen der Farbe mit dem Malerpinsel beruhigte mich. Andersch arbeitete sich zur Nord-, ich zur Südseite vor. Nach einer Weile war er ganz hinter seiner Wand verschwunden. Den übrigen Nachmittag bekam ich ihn nicht zu Gesicht, in meinem Kopf war es ruhiger geworden. Mit lockerer Handbewegung verstrich ich den letzten Rest Farbe, sah, wie die anderen Stellen nach und nach zu einem kreidigen Rot antrockneten. Es war eine Binsenweisheit, doch es brauchte wirklich wenig, um glücklich zu sein.

Den Nachmittag hatte ich frei. Ich setzte mich in den Garten, genoss die vom Tag übrigen Sonnenstrahlen, wanderte mit ihnen wie eine Kompassnadel, bis auch sie hinter den Tannen verschwunden waren. Vor dem Essen hatte ich Zeit, in einem meiner mitgebrachten Bücher zu lesen. Lieber aber machte ich einen Spaziergang. Ich kam an zwei Ameisenhaufen vorbei, einer Pferdekoppel, trug innere Monologe aus, bis niemand mehr was zu sagen hatte.
Erst in der Dämmerung kehrte ich zum Hof zurück. Andersch hatte einen Salat zubereitet, wir tranken, unterhielten uns. Als Birgit die Gitarre rausholte, ging Andersch ins Bett. So saßen wir eine Weile zu dritt. Ich nahm die Gitarre, Birgit sang und Sophie verlangte Zugabe um Zugabe. Birgit erzählte von den Leuten, die in den letzten Jahren bei ihr gearbeitet hatten. Alle wären sie in ihr altes Leben zurückgekehrt.
»Aber ich glaube, du bist ein bisschen mutiger«, sagte sie und zwinkerte mir zu.

*​

Bereits vor einer Woche hatten Andersch und ich den Schuppen fertiggestrichen. Nun arbeitete ich auf dem Dach der Villa Kunterbunt, legte die Beine links und rechts über den Dachfirst, hatte mal Glück, mal Pech mit dem Wetter. Mit einer Harke und anderem zweckentfremdeten Werkzeug kratzte ich dicke Ballen Moos von den Schindeln. Wenn das Mittagessen vorbereitet wurde, rauchte ich meist noch eine von Anderschs selbstgedrehten Zigaretten, stieg die Leiter hinab, um in der Küche zu helfen.
Heute waren wir zu zweit. Während Sophie ein Fenchelgratin vorbereitete, machte ich mir die Hände beim Schneiden der Roten Bete schmutzig.
»Was hältst du eigentlich von Andersch?«, fragte Sophie unvermittelt.
Ich legte das Messer neben das Holzbrettchen. Sophie schaute mich erwartungsvoll an.
»Ist da was zwischen euch?«, fragte ich.
»Woher weißt du das?«
Ich wusste es nicht, hatte ins Blaue hinein gefragt. Eine Chance, mich zu erklären, bekam ich nicht. Sophie wirkte plötzlich aufgeregt.
»Du darfst es Birgit nicht erzählen, okay?«
»Ja, natürlich«, sagte ich, wollte sie beruhigen. Ich wusste nicht, was sie auf einmal hatte.
»Seit wann?«, fragte ich. Sophie schüttelte den Kopf, als könnte sie darüber nicht weiter sprechen. Ich konnte nur vermuten, was dahinter steckte.
»Es ist von seiner Seite sowieso nicht so richtig«, meinte sie.
»Hat er das gesagt?«
»Ich glaube, er ist nicht der Beziehungs-Typ.«
In dem Punkt wollte ich Sophie nicht widersprechen. Die Beschreibung passte zu gut zu dem Bild, das ich mir von Andersch gemacht hatte.
»Und warum darf Birgit es nicht wissen?«, fragte ich mit gesenkter Stimme.
»Du behältst es wirklich für dich?«
Ich nickte.
»Also, ich glaube, sie hatten mal was. Auf jeden Fall steht sie auf ihn.«
»Meinst du echt?«, fragte ich.
»Klar. Siehst du nicht, wie sie ihn anschaut?«
»Vielleicht denkst du das nur. Sie sind fünfzehn Jahre oder mehr auseinander.«
»Das macht doch nichts.«
In diesem Moment kam Andersch herein, die Türglocke erklang und Sophie schaute aufs Fenchelgratin, als wäre nichts gewesen.
Beim Mittagessen im Garten versuchte ich in Anderschs und Birgits Gesichtern Beweise für Sophies Vermutungen zu finden. Tatsächlich lag da etwas in Birgits Blick, aber ob es das war, für das Sophie es hielt, wusste ich nicht. Das Gespräch hatte einen Eindruck davon hinterlassen, dass die Verhältnisse selbst in einer so kleinen Gruppe komplizierter waren, als es auf den ersten Blick erschien. Birgits Hof war ein Rückzugsort, aber deshalb noch lange kein Paradies. Hier machten wir uns nützlich und tatsächlich schmeckte das Essen besser, wenn man meinte, es sich mit den eigenen Händen verdient zu haben. Aber wenn wir einmal ehrlich waren, kam nur ein kleiner Teil davon aus dem Garten, das meiste hingegen aus dem Supermarkt in Skövde. So lange sich die Speisekammer auf magische Weise füllte, konnten wir so tun, als wäre es anders. Im Grunde aber lebten wir von der Mietfreiheit und dem Gehalt, das Birgit als Krankenschwester verdiente, in einem Land, das es sich leistete, sein Pflegepersonal gut zu bezahlen.

Für den nächsten Tag gab Birgit uns frei. Sie wolle ihren Urlaub genießen, uns überreden, mit ihr auf den Mineralienmarkt bei Falköping zu fahren. Andersch blieb mit der Ausrede zurück, noch ein paar Bretter für den Anbau des Schuppens zuschneiden zu wollen. Zu dritt in Birgits Volvo fuhren wir über die Nacktschnecken, die Landstraße vorbei am Hornborgasjön und roten Bauernhäusern, bis wir nach einer halben Stunde den Parkplatz vorm Mineralienmarkt erreichten.
Mit Stoff bespannte Stände erstreckten sich auf einem ungepflasterten Pfad zwischen weißen Reihenhäusern. Wir trödelten von Stand zu Stand. Neben Edelsteinen, Magnetiten, geschliffenem Katzengold und Sandsteinklumpen gab es Schmuckeier, Traumfänger, Topflappen und Kochlöffel. Einige Menschen hier sahen wie Zauberer aus, trugen schmale, runde Brillen, selbstgenähte Kleidung, die Frauen gestrickte oder gefilzte Pulswärmer, die Männer weißen oder grauen Bart, zumindest aber schulterlanges Haar. Birgit suchte einen Rosenquarz. Mehr als zweitausend Kronen, etwa zweihundert Euro, wollte sie nicht ausgeben, doch ein großes Exemplar könne selbst die Energie eines toten Raumes, manchmal sogar eines ganzen Hauseswiederbeleben. Ich stellte Birgits Ansichten nicht in Frage. Wenn sie daran glaubte, wären die zweihundert Euro sicher gut investiert. Auch ich ließ mich hinreißen, etwas zu kaufen. Für fünfzehn Kronen erstand ich ein buntes Ei, das man schütteln konnte, wodurch eine Glocke im Inneren erklang. Ich fand das einen guten Preis.
Im langen Gemeindehaus in der Mitte des Marktes kehrten wir ein. Dort gab es zwei verschiedene Sorten Kuchen und rabenschwarzen Filterkaffee, den man beliebig oft nachfüllen konnte. Die Schweden seien große Kaffeetrinker, meinte Birgit, und das leuchtete mir ein, schließlich musste man ja mit irgendetwas gegen die zunehmend kurzen Tage vorgehen. Ich genoss es, hier mit Birgit und Sophie zu sitzen, glaubte, dass wir eine gute Clique abgaben. Birgit ließ sich von uns überzeugen, den größten Quarz zu kaufen, Sophie stocherte eine halbe Stunde lang in ihrem Blechkuchen herum und ich füllte mir fasziniert von der Möglichkeit alle paar Minuten Kaffee nach.

*​

Fast zwei Wochen waren vergangen, seitdem Birgit mich am Bahnhof in Skövde abgeholt und mit auf ihren Hof genommen hatte. Der Dachfirst der Villa Kunterbunt war mein fester Arbeitssitz geworden. Andersch war nicht ganz schwindelfrei und Sophies Kreislauf zu unbeständig, um in der Höhe zu arbeiten. Das Mooskratzen war also wie geschaffen für mich. Birgit dankte es mir, indem sie sich gelegentlich auf die Anhöhe stellte, das Dach überprüfte und anerkennend mit dem Kopf nickte.
An einem Sonntag saßen wir zu zweit in der Küche, tranken Tee und aßen Kekse. Ich hatte das vage Gefühl, dass Sophie und Andersch nicht zufällig zur gleichen Zeit auf dem Hof verschwunden waren. Birgit tunkte ihren Keks in den Tee, saugte die aufgeweichte Masse mit den Lippen an.
»Du kannst hier bleiben«, sagte sie. Es klang, als hätte ich sie darum gebeten, und ich überlegte, ob ich das vielleicht getan hatte.
»Du meinst hier?«, fragte ich.
Birgit nickte.
»Danke.«
»Also bleibst du?«
»Ich weiß nicht.«
Birgit schob mir die Kekse rüber, doch ich lehnte ab.
»Ich wünsche mir sehr, dass du bleibst.«
»Aber was soll ich hier machen?«
»Nichts«, sagte Birgit und schaute mich eindringlich an. »Du kannst ein Buch schreiben, du kannst Schweden erkunden, du kannst die Vögel im Hornborgasjön beobachten, wandern gehen, Leute einladen und mit mir ein Energiezentrum in der Scheune errichten.«
»Bis auf das Letzte klingt das ziemlich verlockend«, sagte ich. Ich musste grinsen und Birgit zum Glück auch.
Jetzt nahm ich mir einen Keks, schaute Birgit kauend an und sie mich. Obwohl nichts versprochen war, wirkte sie zufrieden. Ich brauchte Bedenkzeit.

Der Sonntag war wie dafür gemacht, meine Angelegenheiten zu sortieren. Ich lief zwischen den Beeten, pflückte Himbeeren, setzte mich zum Grübeln in den Garten. Bereits so manche Chance hatte ich mir verbaut. Das schlechte Abitur, die abgebrochene Lehre. Meine Eltern unterstützten mich, doch auch ihre Geduld kannte ein Ende. Ich jobbte, aber wie lange konnte ich mir das Studium noch leisten? Vielleicht war es die letzte Gelegenheit. Ohne Ausbildung keine Perspektive. Daran glaubte ich zwar nicht, aber wohin würde mich diese Querdenkerei führen? Jetzt dachte ich vielleicht, ich könne das System austricksen. In zehn Jahren aber wäre ich bereits deutlich älter, das System hingegen hätte sich wieder einmal verjüngt.

Meine Gedanken hatten mich nicht gerade aufgebaut. Ich fühlte mich durcheinander, wollte nicht weiter nachdenken, starrte geradeaus. Mit spitzen Schritten kam Sophie durchs Gras gelaufen, setzte sich neben mich.
»Wo bist du gewesen?«, fragte ich.
»Hab ein bisschen gelesen«, sagte Sophie.
»Ich dachte, du wärst vielleicht mit Andersch.«
Sophie errötete, sagte nichts dazu.
»Und du?«, fragte sie.
»Ich denk darüber nach, ob ich mal wieder abbrechen sollte …«
»Du willst nach Hause?«
»Ich weiß nicht, was ich will. Das ist das Problem«, sagte ich.
Sophie nickte verständnisvoll. Ich wartete darauf, dass sie mir einen Ratschlag erteilte, vergeblich.
»Ich mag es hier«, sagte ich. »Vielleicht muss ich die Chance einfach nutzen.«
»Welche Chance?«, fragte Sophie.
»Birgit hat mich gefragt, ob ich bleiben will. Dauerhaft.«
»Einfach so?« Ich meinte Empörung in Sophies Frage zu hören.
»Ja, einfach so.«
»Glaubst du nicht, dass es dir langweilig wird?«
»Nein, glaube ich nicht. Ich bin ja auch ein langweiliger Typ.«
Sophie lachte. »Dann solltest du es dir wirklich überlegen. Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass das hier ein Paradies für Langweiler ist.«
»Okay, dann bin ich auf jeden Fall dabei«, sagte ich.
Wieder lachte Sophie und ich fühlte mich bereits ein ganzes Stück besser.
»Du solltest einen Spaziergang machen. Dann wirst du schon darauf kommen.«

Auf dem Weg die Straße hinab zum Hornborgasjön knipste ich mit der alten Olympus, die mein Vater mir geschenkt hatte. Auf den Bildern würden unter anderem die Scheune, die schlammige Einfahrt und natürlich die Nacktschnecken zu sehen sein. Den restlichen Weg schaute ich mir lieber auf die Füße, anstatt versehentlich auf einer von ihnen auszurutschen. Auf einem der Felder an der Straße nach Skövde staubte ein Traktor mit breitem Mähdrescher. Dahinter, ein, zwei Kilometer entfernt, lag der See. Ich lief an der Straße entlang, orientierte mich an einem Schild mit Runenzeichen, das hier auf Sehenswürdigkeiten hindeutete, nicht wie bei uns zu Hause. So kam ich auf einen Hof, wo eine Frau in Gummistiefeln und Holzfällerjacke die Hand zum Gruß hob. Hinter dem Hof führte ein Pfad über Wiesen mit grasenden Kühen weiter. Die Tiere glotzten neugierig, trabten auf mich zu und ich vor ihnen weg. Aus sicherer Distanz fotografierte ich ihre Gesichter.
Die Anhöhe war mit Moos überwachsen, behauene Steine lagen zu einem Kreis ausgebreitet, ein Schild informierte darüber, dass dies einmal ein ritueller Ort gewesen sei. Ich schaute ins Land, zum Hornborgasjön, bis zu den Wäldern, die noch dahinter an einem weit entfernten Horizont lagen. Einen geeigneteren Ritualort konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen. Ich dachte an vieles, bloß nicht an lästige Entscheidungen und Probleme, knipste noch ein paar Fotos und kehrte über denselben Weg, den ich gekommen war, zurück.

An diesem Abend saßen wir in voller Runde am Tisch. Sophie und Andersch sahen zufrieden aus, Birgit machte ein langes Gesicht. Wir aßen Auflauf mit Brokkoli, Mandeln und Muskat. Ich hatte nichts zu sagen und blieb auch nicht zum Gitarrenspiel. Die Spinnen im Bad ekelten mich und das Bett fühlte sich zu klein an. Der Hof, die drei, das war ja ganz schön, lud zum Träumen ein. Aber wohin führten diese Träume? Ich stellte mir Andersch vor, mit seinem Fahrrad und der »neuen Kamera« im Wald, mit Ende vierzig noch allein, unfähig, einer Person wie Sophie die Karten offen auf den Tisch zu legen. Griesgrämig und mit der Frage, ob der Zyniker in mir wieder einmal gesiegt hatte, schlief ich ein.

*​

Soweit es ging, wich ich Gesprächen mit Birgit aus. Ich bekam einen Anruf von meinen Eltern. Sie erklärten, ich hätte die Rückmeldephase verpasst, stünde kurz vor der Exmatrikulation. Es wäre schon gut, wenn ich nächste Woche zurückkäme und alles regelte, ich müsste solche Angelegenheiten im Übrigen so langsam selbst in die Hand nehmen. Es war mir peinlich, auch wenn es das sicher nicht musste.
Meine Arbeit auf dem Dach der Villa Kunterbunt war so gut wie abgeschlossen. Nur noch ein kleines Feld musste ich freikratzen, als Birgit aus der Küche auf die Anhöhe trat und mit den Händen zum Trichter geformt verkündete, sie habe gerade mit einem Freund telefoniert, der das Problem auch kenne. Es gebe da ein Mittel zum Sprühen, das die Sache in wenigen Stunden erledige. Das Moos falle quasi von selbst ab. Sie schaute mich mit dem Blick eines Clowns vorm Scherbenhaufen an, bereit, einen Witz zu reißen und sich neuen Dingen zuzuwenden. Ich hielt die Hacke hoch, zuckte die Achseln, setzte ein Lächeln auf, während in mir eine kleine Welt zusammenbrach.
Gemeinsam mit Andersch begann ich die Planung einer Außendusche, versuchte nicht weiter an das Moos auf der Villa Kunterbunt zu denken. Birgit wollte, dass die Dusche wie ein Totempfahl aussieht, aus dem geschnitzten Maul eines Frosches sollte Wasser fließen. Ich schätzte, meine Berichte vom Praktikum in der Tischlerei hatten Eindruck geschunden. Tatsächlich hatte ich bis auf ein paar Stöcke fürs Knüppelbrot in meinem Leben wenig Nennenswertes geschnitzt. Nach einigen Zeichenversuchen überließ ich Andersch die Sache, zog mich raus mit der Ausrede, dass wir uns nur gegenseitig auf die Füße träten. Birgit kündigte für den Nachmittag den Besuch eines Freundes an.
Bei Kaffee und Kuchen im Garten lernten wir Kristoffer kennen. Wenn er die Tasse zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, hatte ich den Eindruck, der Henkel müsste abbrechen. Menschen von Kristoffers Ausmaßen kannte ich bislang nur aus Filmen. Er war größer als Birgit, noch breiter, ohne beleibt zu sein. Sein Gesicht war faltig wie das einer Bulldogge und er trug eine breite Silberkette um den Hals, saß völlig deplatziert und in sich gekrümmt auf dem Gartenstuhl. In breitem Akzent, der sich um Deklination und Zeitformen nicht scherte, berichtete er von seiner Fahrt, der Familie in Norwegen. Es stellte sich heraus, dass er die letzten zwei Jahre als Automechaniker mit seinem Truck und einem Bauwagen auf dem Anhänger durch Schweden gereist war.
»Mama geht’s nicht gut. Zeit nach Hause zu gehen«, brummte er.
Es rührte mich, wie verletzlich der große Mann sich gab. Ich erfuhr, dass er hergekommen war, um Birgit seinen Anhänger zu verkaufen und nach Norwegen zurückzukehren.
»Wie lange bleibst du?«, fragte Birgit.
»Zum Fest, wenn ich darf.«
»Wenn du nicht wieder alles alleine aufisst …« Birgit schmunzelte.
Kristoffer zog einen Mundwinkel hoch und sein Gesicht schien nur noch aus Falten zu bestehen. Man merkte, dass er sich schämte.

Für Andersch und mich bestanden die Vorbereitungen für das Fest darin, die Feuerschale auszurichten und aus einigen Brettern und Stämmen Sitzbänke und Hocker zu zimmern. Sophie und Kristoffer schlugen Feuerholz, Birgit kaufte Maiskolben, Steaks und Flusskrebse, bereitete Marinaden und einen Krebssalat mit Mayonnaise, viel Dill und Rogen vom Seelachs vor. Ich spürte, dass es Zeit war, mit Birgit zu reden, doch ich konnte mich nicht überwinden, den ersten Schritt zu tun. So verging der letzte Tag vorm Fest.

*​

Die Sitzbänke waren uns gelungen. In meinem Praktikum hatte ich selbst nie etwas gebaut, meist nur gehobelt, abgerichtet oder geschliffen. Zur Probe setzte ich mich hin, wippte ein bisschen. Andersch sah es und grinste, wohl weil er ahnte, dass es mir etwas bedeutete. Ich drehte mich um, Birgit kam auf uns zu. Sie wirkte unzufrieden, vielleicht war etwas im Haus passiert.
»Können wir mal sprechen?«, fragte sie.
Ich fühlte den Klumpen in der Brust, ahnte, was los war. Nebeneinander und ohne etwas zu sagen, gingen wir ins Haus. Birgit nahm einen Kessel vom Herd, goss dampfendes Wasser in zwei Becher, stellte mir einen mit einem Teebeutel und einem Stück Zucker auf den Tisch. Ich setzte mich und sie sich dazu.
»Du bist schlimmer als Andersch«, sagte sie.
»Weil ich keine Ansagen mache?«
Birgit versenkte den Teebeutel, danach das Stück Zucker im Becher.
»Ich weiß, dass du hier hingehörst«, sagte sie. »Aber du bist furchtbar unentschlossen.«
»Es geht ja hier auch um etwas«, erwiderte ich. Ich fand es ungerecht, dass sie mir einen Vortrag hielt, obwohl es offensichtlich sie war, die etwas von mir wollte. Woher wusste sie eigentlich, wohin ich gehörte? Hatte sie das im Horoskop gelesen?
»Du denkst dir vielleicht, was will ich mit diesen alten Leuten, irgendwo draußen in Schweden.«
»Ja, das denke ich mir. Hast du eine Antwort darauf?«
»Die habe ich dir schon längst gegeben«, sagte Birgit, nippte an ihrem Tee.
Ich spürte, dass es stimmte. Ich war unentschlossen. Im Grunde stellte mein ganzes Studentenleben den Versuch dar, nichts zu riskieren, aber doch genug, um mich hinterher als Individualisten zu fühlen. Das war feige. Da hatte Birgit recht. Doch recht zu haben, reichte hier nicht aus.
»Ich muss weitermachen«, sagte ich, nahm meinen Tee und ging.

Die Gäste kamen am Nachmittag. Das waren Nachbarinnen, Kolleginnen von Birgit, ihre beste Freundin aus Göteborg, die ihren Hund, einen anhänglichen Malteser, mitbrachte. Ein Freund von Andersch war auch mit dabei. Auf drei aneinandergereihten Tischen bauten wir das Buffet auf, Andersch breitete die mit Chili, Knoblauch und Limettenzesten marinierten Steaks auf einem mitgebrachten Grill aus. Erst jetzt kam ich auf die Idee zu fragen, was hier überhaupt gefeiert wurde. Ein nachträgliches Kräftskiva, das Krebsfest zum Start der Saison.
»Und warum Steaks?«, fragte ich.
Andersch schaute mich unschuldig an.
Die meisten Gäste hatten ebenfalls Krebssalate, Branntwein oder Bier mitgebracht. Ich kostete vom Krebssalat, den sie Skagenröra nannten. Ein Geschmack, der mich an Besuche in Lübeck erinnerte. Dazu ein Schluck Aquavit.
Ich unterhielt mich mit Birgits bester Freundin, einem Nachbarn und mit Kristoffer, der allein eine halbe Bank einnahm. Er hatte sich das Glas aufgefüllt, erzählte von seiner großen Zeit als Mechaniker im norwegischen Team beim Rennen von Dakar.
»Manchmal muss man sich was trauen«, sagte er. »Sonst wacht man irgendwann auf und …«
Er schaute mich nicht an, mehr ins Feuer, das vor uns in der Schale loderte. Es war eines dieser Gespräche, bei denen bedeutungsschwere Dinge gesagt wurden, lange Pausen entstanden und kurze, aber nachdenkliche Repliken folgten. Ich hörte Kristoffer gern zu, weil er offensichtlich etwas erlebt hatte. Wenn ich mir die Runde so besah, dachte ich, sie alle hätten was zu erzählen, ich hingegen kam mir undefiniert, fast farblos vor. Kristoffer boxte mir gegen die Schulter. »Ich hab was für dich«, sagte er.
Wie der Zwerg neben dem Riesen liefen wir den Hof hinauf zur Scheune. Dahinter hatte Kristoffer seinen Truck mit dem Bauwagen auf dem Anhänger geparkt. Ich staunte, ließ mir erklären, wie die Konstruktion funktionierte. Kristoffer stieg auf den Anhänger, der leicht nachgab. Das passende Gefährt, dachte ich. Kristoffer öffnete eine Tür am Bauwagen, trat ein, winkte mich her. Der Gang war eng, doch breit genug, dass Kristoffer darin gehen konnte. Es gab eine Dusche, eine Sitzecke und einen Schrank aus Pressspanplatte. Kristoffer kramte in einer Kiste und in noch einer, bis er fündig wurde. Er hielt ein beiges Stück Stoff in der Hand, kletterte aus dem Wagen und ich hinterher.
»Hab ich damals geschenkt bekommen«, sagte er und entfaltete den Stoff. Es war ein T-Shirt. Es zeigte das Logo des Beduinen, darunter der Schriftzug Dakar.
»Probier mal an«, sagte er.
»Das kannst du mir nicht schenken.«
Kristoffer nickte, als hätte ich etwas anderes gesagt.
Ich zog meinen Pullover, das T-Shirt aus und zog mir das von Kristoffer über. Es passte mir perfekt.
»Hast du es jemals getragen?«
Kristoffer schüttelte den Kopf.
»Warte mal hier«, sagte ich und rannte zur Scheune.

Es war kein angemessener Tausch, abgesehen davon, dass Kristoffer nichts im Gegenzug verlangt hatte. Dennoch war es mir sofort eingefallen und sicher würde er sich darüber freuen.
Kristoffer hielt das Schmuckei zwischen Daumen und Zeigefinger, schüttelte es, worauf die Glocke im Inneren erklang, und wieder zog sich das Gesicht beim Grinsen zu einer Landschaft aus Falten zusammen. Er reichte mir seine Hand und ich schlug ein.

Wir kehrten zum Lagerfeuer zurück, Kristoffer ließ sich von Andersch ein Steak in die Hand geben. Plaudernd saßen sie dort mit ihren Tellern und Schnaps in den Gläsern. Als ich mich in den Kreis neben Sophie setzte, unterbrach Birgit ihr Gespräch.
»Ich will euch mal jemanden vorstellen«, sagte sie. Ruhe kehrte ein.
»Da vorne sitzt einer, den ihr kennenlernen solltet. Fragt ihn selbst nach seinem Namen.« Die Leute schauten mich an, mit halbem und vollem Lächeln, und ich saß da in meinem neuen T-Shirt, über das ich den Pullover bis zum Erfrieren nicht ziehen würde, fühlte ihre Blicke auf mir wie bei einem Tribunal.
»Der Junge hat was Besonderes«, sagte Birgit. »Ihr hättet es sehen sollen. Die Beine rechts und links hat er dort oben auf meinem Dach gesessen.« Einige Leute lachten. Ich fühlte mich nicht beschämt, im Gegenteil, es war ein Lachen, das ich für Anerkennung hielt.
»Immer dasselbe. Kurz vor Mittag zündet er sich eine Zigarette an und, wenn er denkt, dass niemand ihn beobachtet, dann schaut er in die Ferne und dann kann man es in seinem Gesicht sehen.«
»Was?«, fragte jemand.
»Leider muss er zurück. So sind die Dinge nun mal.«
Ich sah Kristoffer nicken, Sophie kniff mir in die Seite, woraufhin ich einen Mundwinkel hochzog.
»Ich danke dir sehr für die schönen Wochen«, sagte Birgit und warf mir einen Luftkuss zu.
Ein Gast klatschte, die anderen nach und nach auch, der Malteser bellte vor Schreck. Ich schämte mich für diese unverdiente Rede, diesen unverdienten Applaus und diese unverdienten Freunde. Dann räusperte ich mich.
»Ich habe euch auch was zu sagen.«
 
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Lieber @Friedrichard ,

oh je, da hatte ich einen Dreher drin und habe den guten Bas vorgezogen. Und dann in der Zwischenzeit bist du einfach mit dem zweiten sehr schönen Kommentar angerückt. Danke, Friedel. Es steht auch sehr weit oben auf der Weihnachtsliste: nochmal zu Armin, der ahlen Pippinide, zurückkehren. Aber jetzt zu deinen Kommentaren und vorab noch ein großes Dankeschön!! :gelb:

aber wir kennen uns jetzt lange genug, dass Du weißt, dass ich zur Ironie neige

Tät ich nie denken. (Das müsste mit KonjunktivII sogar richtig sein.)

in ich beim Svenska Knæckebrød (also bisschen Loriot) und dann in Bullerbyn (oder Villa Kunterbunt, die sich auf schwedisch – ich hab mal nachgeschaut – wieder wie Loriot und laut“malerisch“ anhört: „Villa Villekulla“ und dann ist es doch eine „bierernste“ Angelegenheit und arg viel Beschreibungsliteratur

hehe, ja. Ich habe manchmal noch so ein Bild wie aus alten Pippi Langstrumpf und Michel Lönneberga Filmen. Warme, sommerliche Farben. Hier wurde ich auch stutzig beim Lesen: 'Beschreibungsliteratur'. Das klang für mich erstmal nach scharfer Kritik. So wie 'Heimatfilm' bloß für Literatur. Ich habe das nachgeschaut und nicht viel gefunden. Proust soll ein Vertreter sein und dann aber auch so jemand wie Stifter (also doch bieder-erbaulich?). Sehr konträr, dachte ich (also Proust und Stifter). Kannst du was dazu sagen (also zur Beschreibungsliteratur oder was du darunter verstehst. – nur wenn du Lust hast, ich schreib auch zurück, hehe)?

Nun, ich fahre nicht gerne Auto, werd auch nie einen "Führer"schein brauchen, aber da entsteht der falsche Eindruck, dass eine überrollte, „zerquetschte“ Nacktschnecke oder ihre ganze Verwandtschaft ein rumpelndes (Synonyme zu „rumpeln“: poltern, grollen, bullern [Bullerbyn halt], rumoren) Geräusch von sich gäben.
Ich behaupte mal, trotz tauben Ohres, der/die zerspritzende/n Körper schmatzte/n bestenfalls ...

Ja, das muss ich wohl ändern, weil da irgendwie alle dran zweifeln. Dabei kann ich das förmlich hören, wenn ich es mir vorstelle. Naja, es gibt ja schon einen Widerstand kurz vor dem Zerplatzen, es ist vielleicht wie bei einer Frucht, die man überfährt. Weiß auch nicht ...

Vllt liegts an mir – aber kann man Feuchtigkeit „riechen“? Eherwird ein anderer Sinn angesprochen, ein "Fühlen" auf der Haut.

Auch das ist von einigen angesprochen worden. AWM fands gut. Aber ich verstehe schon, dass das etwas gewagt ist. Etwas synästhetisch. Vielleicht werde ich da in einer Überarbeitung noch etwas genauer.

feuchtes Holz, die Lagerfeuer und Feuer in den Kohten hab ich als Pfadfinder gemocht ... Kann auch ne berauschende Wirkung haben.

Haha, wie das? Klingt auf jeden Fall gut.

Es brauchte keine Worte, um einen Eindruck von ihrem und Sophies Verhältnis zu gewinnen.
Ich komm da gern als Vergleich mit der Frage „haben sie Kinder?“, die ich nur verneinen kann, ohne zu lügen - es sei denn, man rechnete zumindest einen Enkel mit ein ...

ich habe lange über diese synaptische Verkettung gegrübelt, aber bin nicht schlau daraus geworden :D

Hier der Wechsel zwischen Konj. I und II
Die Anfangszeit wäre einsam gewesen, aber nach und nach habe sie gelernt, dass man selbst hier draußen eine Familie finden könne.
besser "sei" statt "wäre"

Ja, habe die Regeln nochmal nachgeschlagen (warum jetzt erst?). ist geändert. Vielen Dank dafür. Dass du als Einziger darauf kommst, deutet darauf hin, dass nicht viele da so sensibel Fehler aufspüren (oder es zumindest nicht zeigen).

Birgit hatte ein unfreiwilliges Talent[,] Witze zu erzählen.
(Abhängigkeit des Infinitivs vom Substantiv!)

Hab ein Komma gesetzt, danke! Durch die Abhängigkeit hat es natürlich mehr was von einem eigenständigen Satz, was wahrscheinlich die Argumentation ist.

Ihre drallen, zugleich runzeligen Händen klatschte Birgit ineinander, als ob sie nach Fliegen schlug.
Typische als-ob-Situation, un-wirklich, besser also Konj. irrealis „schlüge“ (oder als würde-Kostruktion)

Habe ein 'schlüge' daraus gemacht. AWM hat das auch schon kritisiert.

Indikativ vs. Konj. ...
Er erzählte, dass er als Maler in Kopenhagen gelebt hatte, seine Wohnung, zugleich Atelier aber momentan untervermiete.
Okay, „dass“ lässt den Indikativ zu – aber das zwote Vollverb verrät doch die indirekte Rede ...

ändere ich in 'habe'. Danke (vor allem für den Anlass, die Regel nochmal nachzuschauen).

Mit lockerer Handbewegung verstrich ich den letzten Rest Farbe, sah[,] wie die anderen Stellen nach und nach zu einem kreidigen Rot antrockneten.
(deutlicher würde das vllt. als "...verstrich ich den letzten Rest Farbe und sah[,] wie

Komma ist gesetzt. 'Und' habe ich aber nicht eingefügt. Mir gefällt es mit Doppelkomma besser.

die mich ein wenig anstieß in meiner eigenen Biografie, als ich unentschlossen war,

Was für ein schöner Nebensatz. 'Als ich unentschlossen war'. Ja, das beschreibt es ganz gut.

sechs Wochen während der Semesterferien statt daheim in einem erlernten Beruf (und folglich nach Tarif bezahlt zu werden) in Norwegen nördlich von Bergen verbringen zu können in der fünf-Tage-Woche und sechs-Stunden-Arbeitstag im Straßenbau.

Ich meine, du hast das mal erzählt. Spannend jedenfalls. Solche Geschichten/Anekdoten sind oft die besten, finde ich.

Was ich ausschlug und stattdessen im nördlichen Ruhrgebiet in einer Baumschule arbeitete, in der Hoffnung, bisschen mehr über die heimische Flora zu erfahren und tatsächlich den Umgang mit der Sense an der Böschung der Hollandbahn lernte,

Tja, aber etwas bekommen, hast du ja scheinbar. Wäre ja auch komisch, wenn alles so romantisch wäre, wie man es sich ausmalt.

dass ich mir heute immer noch einbilde, auf dem steilsten Weinberg der Welt zu Cochem ganz gut zurecht zu kommen oder gar arbeiten zu können.

Das ist doch ein schönes Gefühl. Und dafür ist die kleine Enttäuschung es sicher wert gewesen :-)

bei dem ich nicht sicher bin aufgrund der anfänglichen Adjektivitis, ob ich bei einem Debütanten durchgehalten hätte.

O Jott. Das doch nochmal umschrauben. Aber so richtig sehe ich es nicht ein. Aber das knöpfe ich mir definitiv in einer Überarbeitung nochmal vor!

Aber im Verlauf der Geschichte stellten sich die Ansätze zur Beschreibungsliteratur als begründet heraus als nützliche Ergänzungen.

Ja, nochmal die Frage, wie du das mit der Beschreibungsliteratur verstehst :-) und weshalb als 'nützliche Ergänzung'. Ich wittere hier spannende Erkenntnisse.

Dafür gingen dann ziemlich viele Versuche im Konjunktiv in die Hose (wenn ich das mal so sagen darf)

:crying:

»Andersch«, antwortete Birgit tonlos
Bezug genommen wird, denn es bedeutet trotz seiner Form kein „Schweigen“ oder gar „lautlos“, sondern dürfte von der „Betonung“ abgeleitet sein und evtl. eine leise, wenn auch nicht unbedingt flüsternde Stimme meinen. Die Stimme ist „unbetont“ und bietet keinen dramaturgischen Wechsel (lohnt sich, in einer Theatergruppe mitzumachen).

Ohne Betonung ist ja schon eine Akzentuierung, wenn alles andere Singsang hat.

Der erste Versuch im Konj. gelingt
Sie sei nie in Berlin gewesen, meinte sie.
wenn es auch sicherlich weniger eine Meinung als eine Behauptung ist („behaupte“ ich mal)

ja, das stimmt. Ich wollte 'behaupten' nicht verwenden, weil dann (für mich) die Gültigkeit noch mehr infrage steht.

Erste Flüchtigkeit
Sophie befragte mich mit einer Neugier, die ihr den Anschein verlieh, sich mindestens so sehr für die Lebensentwürfe[...] anderer zu interessieren wie ich.
reine Flüchtigkeit
Eigentlich ziemlich früh für Flüchtigkeiten wie gerade und jetzt hier
Ihre drallen, zugleich runzeligen Hände[...] klatschte Birgit ineinander, als ob sie nach Fliegen schlug.
Un

die tun mir sehr leid, sind ausgebessert. Ich glaube, die sind bei der Überarbeitung entstanden. Hier die Verbform geändert und da die Endung etc. nicht angepasst.

Kleines Zwischenlob, denn die Regel mit den „komplexen“ Prädikaten gelingt
»Ich hab auch mal versucht zu zeichnen, aber das hier ist wirklich was.
Sie lassen sich oft (vllt. sogar immer) auch umgekehrt formulieren „… hab auch mal zu zeichnen versucht ...“

Juchhu, danke! :-)

Vor dem Essen hatte ich Zeit[,] in einem meiner mitgebrachten Bücher zu lesen.
Birgit dank[t]e es mir, indem sie …
»Ich dachte[,] du wärst vielleicht mit Andersch.«
Ich würde so[...]weit gehen, zu sagen, dass das hier ist ein Paradies für Langweiler ist.«

Mehr Unsauberheiten. Unfassbar, wie gut du das siehst.

das Beispiel am Bauplan meiner Einleitung) empfehl ich im Zweifel immer auseinander und die Fehlerquote sinkt von 0,9 auf 0,1. Nun – was wäre also hier zu tun oder zu unterlassen
Soweit es ging, wich ich Gesprächen mit Birgit aus.

Ja, ist wohl eine gute Idee. Das wird noch brauchen, bis das ganz intuitiv sitzt (vielleicht bis zur nächsten Rechtschreibreform?).

er konjunktiefe Elternblock aus I und II
Sie erklärten, ich habe die Rückmeldephase verpasst, stehe kurz vor der Exmatrikulation. Es wäre schon gut, wenn ich nächste Woche zurückkäme und alles regele, ich müsse solche Angelegenheiten im Übrigen so langsam selbst in die Hand nehmen. Es war mir peinlich, auch wenn es das sicher nicht musste.
Worinnen ich allein das „wäre schon gut“ als Wunsch und Bitte im Konj. II stehen ließe. Und es geht weiter

"konjunktief":cool:;)

also meinst du, weil da ein Wechsel drin ist? Es ist ja indirekte Rede. Das heißt grundsätzlich müssten 'habe' und 'stehe' passen. 'Wäre' passt auch, weil es Wunsch oder Möglichkeit ist(?), 'zurückkäme' in der Fortsetzung dieses Wunsches ja vielleicht auch(?). Dann müsste aus 'regele' wahrscheinlich 'regelte' werden(?) und 'müsse' müsste ja als indirekte Rede eigentlich wieder richtig sein(?). Ich fasse zusammen: regele --> regelte (?)

Danke, dass du das Thema auf den Tisch bringst. Mit Kompetenz!

Birgit wollte, dass die Dusche wie ein Totempfahl aussähe, aus dem geschnitzten Maul eines Frosches solle Wasser fließen.
Modalverben wie „wollen“, aber auch die Konjunktion „dass“, aber auch „sollen“ lassen in diesem Fall sogar den Indikativ zu

also 'aussehe'? Würdest du das denn wählen, weil es sauberer ist?

Es gab eine Dusche, eine Sitzecke und einen Schrank aus Pressspa[...]nplatte.
Das wars für heute.

auch super, danke dir! Die Jensspahnplatte. Okay, 'das wars für heute'.

Mein Tipp, gelegentlich das Institut für deutsche Sprache unter
grammis - Institut für Deutsche Sprache (IDS)
nutzen, Frage eingeben und schauen. Geht schneller, als mühselig übers Stichwortverzeichnis im Duden rumzuwühlen.

Friedrichard: Mein Tipp – Der Duden.
Carlo: ... :)

hehe, ist es ja nicht. Das schaue ich mir mal an und erspare mir dadurch vielleicht ja mal künftig (wahrscheinlich nicht) das ein oder andere Fettnäpfen. Vielen Dank, dass du noch ein zweites Mal drüber gegangen bist. Und das bei einem so langen Text. Und dass du immer so viel Geduld hast! :gelb:

Gern gelesen vom

Danke, Friedel. Ich deinen Kommentar auch.

der vorsorglich ein schönes Wocenende wünscht

Und dir eine schöne, restliche Woche.

Lieben Gruß
Carlo
 
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Tät ich nie denken. (Das müsste mit KonjunktivII sogar richtig sein.)

Naja, möcht ich ma‘ sagen,

lieber Carlo,

aber „Beschreibungsliteratur“ ist alles andere als negativ gemeint und kann man durchaus buchstäblich nehmen, beginnend bei Äußerlichkeiten von Personal und Inventar. Da ist dann auch die Gefahr groß, von Adjektivitis befallen zu werden. Gerne nehm ich die „Gartenlaube“ und „Groschenromane“ als Beispiel, die aber in meinen Augen immerhin Bevölkerungsschichten ansprechen, die halt einfach gestrickt sind und so immerhin ans „Lesen“ kommen. Nicht jeder mag James Joyce und in der Gartenlaube hat übrigens auch Theodor Fontane veröffentlicht – frag mich aber nicht, was … Ganghofer fällt mir dann noch ein. Von den Frauensleuten die Marlitt.

Es brauchte keine Worte, um einen Eindruck von ihrem und Sophies Verhältnis zu gewinnen.
Ich komm da gern als Vergleich mit der Frage „haben sie Kinder?“, die ich nur verneinen kann, ohne zu lügen - es sei denn, man rechnete zumindest einen Enkel mit ein ... soll heißen, warum Pluralbildung („keine Worte“), wo ein (einziges) Wort reicht?

Hab ein Komma gesetzt, danke! Durch die Abhängigkeit hat es natürlich mehr was von einem eigenständigen Satz, was wahrscheinlich die Argumentation ist.
Vor der Reform der RS gabs den „Infinitivsatz“, Warum der Ausdruck nicht mehr verwendet wird, ist mir ein Rätsel ...

Birgit wollte, dass die Dusche wie ein Totempfahl aussähe, aus dem geschnitzten Maul eines Frosches solle Wasser fließen.
also 'aussehe'? Würdest du das denn wählen, weil es sauberer ist?
nee, nicht unbedingt indirekte Rede durch den Konj. I, sondern Indikativ, sie will, dass die Dusche so aussieht! Beim "sollen" noch deutlicher, sozusagen das 13. Gebot, aus seinem Maul "soll Wasser fließen"
Mit Konj. irrealis bringt der Autor Zweifel hinein. Wollen und sollen lässt wie können nur zwo Werte zu: Entweder man kann's oder eben nicht.

Sollt' ich was vergessen haben - meld Dich ruhig. Sieht auf einmal (ich hatte Deine Antwort hierrein kopiert) so kurz aus ...

Tschüssikowski

Friedel
 
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Lieber @Christophe ,

danke, dass du dich nochmal zu Wort gemeldet hast. Jetzt weiß ich, was du meins und muss mir überlegen, ob ich das Lob annehmen kann :D

"Kritisch": Ich meine das ganz positiv

Das freut mich.

Der Text ist vielschichtig und lässt unterschiedliche Lesarten zu.

Ich glaube, dass so ein psychologischer Konflikt Leerstellen produziert. Und die guten Lesenden füllen das dann. Im Sinne: Wenn sich schon jemand hinsetzt und in sortierter Sprache so etwas hinschreibt, dann wird es da schon einen doppelten Boden geben. Es gibt aber auch noch so Geschichten, wo diese Lesarten ganz deutlich ausgeprägt sind (ohne das sie dabei plakativ wirken). Sowas kann @Peeperkorn richtig gut. Und die Geschichte Roth von Achillus kann das auch. Dagegen sind die Lesarten hier eher fadenscheinig. Trotzdem freue ich mich über deine Aussage. Vor allem weil sie behauptet, dass man selbst in so einem 'realistischen', wenig symbolischen Setting so etwas haben kann.

"Eskapismus": Okay, erwischt, hier schwingen meine eigenen Vorstellungen mit. :Pfeif: Ich finde, dass dein Protagonist eher eine Weg-von- als eine Hin-zu-Motivation hat: Er weiß, dass er mit seinem Studium usw. unzufrieden ist, und also baut er sich eine Idee von einem einfachen Leben in Skandinavien zusammen.

Das ist schon richtig. Hier verläuft der schmale Grad: ist man bereit, die Prämisse der Geschichte anzunehmen oder ist man eher genervt davon. Ich weiß es nicht. Ich kann das, was du schreibst auf jeden Fall verstehen. Viele, nicht alle Geschichten von mir haben solche Anteile.

Will er die nächsten 40 Jahre auf dem Dach sitzen? :sconf: Das meinte ich, als ich schrieb, er sei mir unsympathisch geworden - er kommt, zumindest für mich, rüber wie ein verkrachter Mittzwanziger, der sich ziemlich naive Lösungen für seine beneidenswerten Luxusprobleme ausdenkt.

Ich musste erstmal ‘verkracht' nachschlagen :D Ich hatte auch überlegt, ihn etwas jünger zu machen, vielleicht sollte ich das auch tun. Aber eigentlich passt es ja auch ganz gut, weil er dadurch ebenso 'verkracht' ist, wie die übrigen Hofbewohner. Aber da hängt auch schon etwas dran, was Peeperkorn auch beschrieben hat. Die Frage nach der Fallhöhe des ganzen.

Das macht deinen Text nicht schlecht,

Danke dir :-)

Schön, dass du dich nochmal gemeldet hast.
Viele Grüße und bis bald!
Carlo


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Jetzt zu dir, @Peeperkorn . Vielen vielen Dank für deinen Kommentar!

Hab ich gerne gelesen, das verspricht viel.

Dankeschön. Ich merke natürlich auch, dass die Texte länger werden. Da sind die übrigen Anmerkungen, gerade das mit der Fallhöhe, wichtig. Es freut mich aber natürlich sehr, dass dir das vom Rhythmus und Tempo zusagt.

Es zeigt meines Erachtens, dass du bereit bist für den längeren Text, das atmet gut

Das nehme ich gerne an :D Ich habe auch wieder Lust, den Twiggy-Text weiterzuschreiben, obwohl mich dein Kommentar nochmal zum Nachdenken gebracht hat, eben die Sache mit der Fallhöhe. Am liebsten würde ich eine Kurzgeschichte schreiben und versuchen, das umzusetzen, was du schreibst, anstatt mit viel Zeitaufwand lange, passable und ein kleines bisschen langweilige Erzählungen zu Romanen auszuschreiben. Gleichzeitig macht es ja auch einfach Spaß solche längeren Texte vorzuplanen und mit langem Atem umzusetzen.

1. Sinnlichkeit

Erstmal als Rückmeldung: mir hat dieser Kommentar nach deinen drei Kriterien viel gegeben und ich höre mir von dir sehr gerne umfassende Amerkungen an.
Alle drei Punkte, Sinnlichkeit, die Unterscheidung der Tell-Passagen und die Fallhöhe habe ich für mich übersetzt und versucht mir das einzuprägen (auch weil ich gerade an nichts Neuem schreiben kann, weil ich erstmal an anderen auch unliterarischen Baustellen fertig werden muss). Aber dieses Einprägen wird sich bemerkbar machen, glaube ich.

Die Sinnlichkeit ist ein ganz wichtiger Punkt für mich. Diesmal will ich es mir wirklich einprogammieren. Beim (Be-)Schreiben immer innehalten, an alle Sinne denken; wie riecht das, wie liegt das im Ohr, in der Hand, unter den Füßen. Was sehe ich wirklich. Wie schmeckt das.
Das ist für jeden Text nur bereichernd, denke ich. Also ein ganz wichtiger Punkt.

2. Tell

Bevor ich's vergesse:

Dunkle Farben, die abstrakte Bildräume eröffneten, dennoch einen Sinn für Figürlichkeit sowie ein technisch überzeugendes Raum- und Körpergefühl verrieten.
Vorsicht auch bei abstraktem Bildungstell!
:lol::lol: sehr gelacht.

Ich muss mich sortieren. Bislang sehe ich drei Unterschiede.
1. Ein Tell, dass tief ins emotionale Empfinden der Figur dringt (das waren die Stellen, wo du das Tell für angemessen hältst).
2. Ein Tell, dass Befindlichkeiten herausstellt, die in einer Szene nur mit viel gestischem Aufwand (oder eben durch Dialog) zu zeigen wären (diese Sachen hast du als legitime Abkürzungen wahrgenommen).
3. Emotionale Zuschreibungen jeder Art, die Befindlichkeiten auf einzelne Adjektive reduzieren. Da benutze ich Verbindungen mit 'sein' – das schwächste und zugleich praktischste Verb überhaupt. Kann mit jedem Adjektiv zu einer großen Aussage aufgebauscht werden. Einfacher geht es nicht. Ähnlich ist dieses objekthafte Zuschreiben von Eigenschaften. "Sophies Freundlichkeit und Interesse sind offensichtlich". Das ist etwas geschickter als die Sache mit 'ist + Adjektiv', aber trotzdem nicht gut. Hier liegt auch der Zusammenhang von Adjektiven und Tell bzw. der Grund für die allgemeine Furcht vieler Schreibender vor Adjektiven.

Der Unterschied zwischen 1. und 3. liegt im Detail bzw. der Innerlichkeit in den Beispielen zu 1. und der Abstraktheit und Äußerlichkeit deiner Beispiele zu 3.

2.
ist der Kompromiss. Das hat etwas mit Textökonomie zu tun. Ist zwar nicht wirklich etwas anderes als 3., aber es dient eben zum Beispiel dem Tempo und Rhythmus.

Das heißt, es sollte mir gelingen, 3. zu entlarven bzw. zu vermeiden. Adjektive und 'große', 'bedeutungsbreite' Substantive sind da sicher gute Hinweise. Das tritt in Beschreibungen auf, wird vom Prot. oder Erzähler anderen Subjekten zugeschrieben. Gut funktioniert das Tell in den präzisen, innerlichen Momenten, den verräterischen Selbst- und Fremdanmerkungen. Eine unvermittelte Backpfeife, mehr nicht. Besser mehrere solche Backpfeifen.

Und jetzt nehme ich mir eine Minute, um das zu verinnerlichen :D

Selbstverständlich werde ich den Text nochmal nach solchem Tell des dritten Typs durchsuchen und Tell erster Güte draus machen oder Dialog oder Handlung. Es sei denn, es ist doch das Tell vom Typ 2 (ich merke, das ist jetzt schon eines dieser schön verkorksten Systeme). Und immer schauen, ob man nicht mal im Nebensatz zu einer kleinen Backpfeife ausholen kann.

3. Fallhöhe

Auch darüber habe ich nachgedacht. Da habe ich auch ein bisschen was verinnerlich. Gut, nochmal zwei drei Sachen dazu zu schreiben.

Ich kann das sehr verstehen. Manchmal nutze ich Bilder, auch Situationen, die ich kenne, um genauer beschreiben zu können. Jetzt denke ich, ich muss mehr lügen. Natürlich dürft ihr das dann nicht merken :D Aber ja, es gibt hier wenig oder so gut wie kein Sex, keine Roughness, keine Gewalt. Da wird ein bisschen reflektiert und ich denke, dass ist auch ganz schön. Aber es darf natürlich auch mit höheren Einsätzen gespielt werden. Das würde ich jetzt so gern, damit zurück zum Anfang, in einer neuen Story umsetzen. Gleichzeitig bin ich dem Twiggy-Text, finde ich, die Fortsetzung schuldig. Außerdem habe ich gerade eh viel zu viel anderes zu tun. Was immer ein 'leider' ist und ja trotzdem auch wichtig, wenn man nicht irgendwann unter der Brücke schreiben will :lol: (da kommt dann wenigstens die Roughness ganz von selbst ...).


Lieber Peeperkorn, vielen vielen Dank für deine Zeit und den schönen Kommentar.
Viele Grüße und bis dann!
Carlo
 
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Monster-WG
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Hey @Carlo Zwei

Ein Tell, dass tief ins emotionale Empfinden der Figur dringt (das waren die Stellen, wo du das Tell für angemessen hältst).
2. Ein Tell, dass Befindlichkeiten herausstellt, die in einer Szene nur mit viel gestischem Aufwand (oder eben durch Dialog) zu zeigen wären (diese Sachen hast du als legitime Abkürzungen wahrgenommen).
3. Emotionale Zuschreibungen jeder Art, die Befindlichkeiten auf einzelne Adjektive reduzieren. Da benutze ich Verbindungen mit 'sein' – das schwächste und zugleich praktischste Verb überhaupt. Kann mit jedem Adjektiv zu einer großen Aussage aufgebauscht werden. Einfacher geht es nicht. Ähnlich ist dieses objekthafte Zuschreiben von Eigenschaften. "Sophies Freundlichkeit und Interesse sind offensichtlich".
Diese Tell-Geschichte (nicht die von Schiller, sondern das vorliegende Problem) beschäftigt mich schon auch sehr, weshalb ich froh bin, von dir noch ein paar Gedanken dazu zu lesen. Ja, vielleicht ist es eine Frage der Intensität und der Innerlichkeit, das ist schön formuliert.

Mein Ansatz war eigentlich eher ein anderer: Tell ist meines Erachtens dann gut, wenn es ins Allgemeine tendiert. Beispiel: "Mit einer Wärme, die nur Menschen eigen ist, die viel gelitten haben, nahm sie mich bei sich auf". Ist jetzt nur so dahingeschrieben und nicht wirklich toll. Aber für mich wäre das ein Kandidat für gutes Tell, weil dieser Nebensatz "die nur Menschen eigen ist ..." einerseits etwas Allgemeines über das Menschsein aussagt, anderseits etwas darüber, wie der Erzähler die Welt sieht. Hier steht nicht die Wärme im Vordergrund (und muss daher auch nicht gezeigt werden), sondern die Art und Weise, wie der Erzähler über menschliche Wärme denkt. Und - ich versuche das mit dem zu verknüpfen, was du schreibst - dadurch entsteht eine Innerlichkeit, da spannt sich ein Innenraum im Erzähler auf, den es nicht gäbe, wenn man ihn die Wärme der anderen Person einfach zeigen liesse. Hier wäre das ein Innenraum hinsichtlich der Sicht- und Denkweise des Erzählers. Und wie gesagt: Wichtig finde ich, dass das Tell über die Szene hinausweist, in die es eingebettet ist.

Die Sache mit dem "Sein". Ich weiss gar nicht, ob das zu dieser Tell-Geschichte notwendig dazu gehört. Ich denke, es hat eher grundsätzlich mit erzählerischer Eleganz zu tun. Wie verpacke ich Informationen? "Demian ist gross." ist halt immer plumper als z.B. "Demians Grösse stand in keinem Verhältnis zu ..." oder "Mit seiner Grösse hätte Demian ..." etc. Aber das gilt ja nicht nur für Tell, sondern auch zum Beispiel für Beschreibungen. "Das Kleid hatte rote Punkte" vs. "Die roten Punkte auf ihrem Kleid tanzten ..." etc. Ich denke grundsätzlich, dass Adjektive / Tell weniger auffällig daherkommen, wenn sie von starken Verben begleitet werden. Ist eine Frage der Gesamtkomposition, der die einfachen Gegenüberstellungen von Show/Tell oder adjektivlastig/schlicht nicht gerecht werden. Es kommt darauf an, welche Wörter da sonst noch im Text herumstehen.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
Monster-WG
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Birgit hatte ein unfreiwilliges Talent, Witze zu erzählen.
Vielleicht "Birgit hatte dieses unfreiwillige Talent, Witze zu erzählen" ?
Nebel hing in den Wipfeln der Tannen, troff von Fensterscheiben und Hauswänden.
Vielleicht "troff an Fensterscheiben" ?
Auf dem Weg zur Scheune und ins Bett schmunzelte ich noch immer, schmeckte den klebrigen Wein auf der Zunge. Im Duschraum neben Sophies Quartier im Erdgeschoss wusch ich mir das Gesicht, freute mich über das Wimmeln der Spinnen, die mit leeren Netzen fetter Beute harrten; es bedeutete, auf dem Land zu sein. Andersch war noch nicht zurückgekehrt. Ich warf mich ins Bett, knipste das Licht aus und schlief so fest wie lange nicht.

*​
Die Melodie des Handyweckers trällerte mich aus dem Schlaf. Ich hörte ein Schnarchen. In dem zuvor leeren Bett lag nun der Rückkehrer, mir sein breites Kreuz zugewandt. Schnell zog ich mir etwas über, schlich mich hinaus in die Kälte. Nebel hing in den Wipfeln der Tannen, troff von Fensterscheiben und Hauswänden. Am Himmel hinter einer Wand aus Grau leuchtete die Sonne, ein fast weißer Kreis. Ich spazierte zur Villa Kunterbunt, als lebte ich hier schon seit langem. Die Türglocke erklang, an der Anrichte stand Birgit, die mit ihrem Kopf beinahe die niedrige Decke der Küche berührte. Gemeinsam deckten wir für vier Personen ein. Sophie, das blaue Stirnband im Haar, stieß mit zwei Tassen voller Himbeeren dazu. Wie sich herausstellte, war das Pflücken ihr morgendliches Ritual, für das sie gern etwas früher als alle anderen aufstand.

Ich zitiere mal eine längere Passage, da sich die Stimmung, der "vibe" der Szene ändert. Der Abend endet gut gelaunt. Der nächste Morgen beginnt mit Nebel, Nadelwald und weißer Sonne. Vielleicht macht es mehr Sinn, mit der Landschaftsbeschreibung, Beschreibung der Atmosphäre, zu beginnen. So verdeutlichst du einen Stimmungswechsel. Die jetzige Beschreibung empfand ich, eingerahmt von den Verben "trällern" und "spazieren" unpassend, das bleibt aber subjektiv.

Spontan, glaube ich, wäre ein Einstieg im reduzierten Stil angebrachter. Nebel in den Tannenwipfeln, Nebel an Scheibe, Scheune, Villa ... Andere Frage: Wie ist der Nebel? Drückt er gegen die Häuser, drückt er gegen den Protagonisten an? Oder schwebt er einfach, nicht störend sondern akzeptiert als morgendlicher Standard der lokalen Witterung? Aber Nebel ist keine Tür, der kann nicht nur ziehen oder drücken

Sophie geht im Wald Beeren pflücken. Hier könntest du die Witterung wieder aufgreifen: Vielleicht ein banaler Satz wie "dachte, ich werde nicht nass, aber bei dem Nebel hier." Dementsprechend würde ich Andersch in die Szene nicht "hineinpoltern" lassen. Dein Ich-Erzähler könnte sich eher wundern, warum Andersch plötzlich anwesend wirkt, sowas wie Sein Eintreten hatte ich nicht bemerkt. Er saß vertraut zwischen den dreien, seinen riesigen Oberkörper über eine Schüssel Müsli gebeugt und roch herb, herb und männlich, männlich und ....
Mit einem Rundholz rührte Andersch im Brei, der den Namen Ochsenblutrot verdiente. Die alte Farbe trugen wir mit improvisierten Schleifklötzen ab, kamen im Rhythmus der Arbeit ins Gespräch.
»Wo bist du gewesen?«, fragte ich.
»Ich mach einen Film«, sagte Andersch. »Hier oben gibt es viele Hobos, die in den Wäldern leben. Alte Leute, die sich von Beeren und Pflanzen ernähren. Ich mach eine Doku über ein paar von ihnen. Einige kennen mich und machen mit. Ich glaub, das schauen sich eine Menge Leute an.«

Das Beeren-Wald-Motiv könntest du weiter aufgreifen. Vielleicht kann Andersch noch ein bisschen selbstüberzeugter wirken. Dein Ich-Erzähler besitzt ja eine besondere fachliche Kompetenz in der ganzen Geschichte, er weiß, wie unglaublich aufwendig ein kleiner Dokumentarfilm sein kann. Das könntest du stärker betonen und den Oberkreuzkörper Andersch ziemlich lächerlich aussehen lassen. "Hab' schon einen Kurs gemacht, Dokumentarfilm für Anfänger, voll gut. Am wichtigsten ist das Frontallicht", sagte Andersch. So hatte mein Vater nie über seine Filme geredet. Ich glaube, er konstruierte sie mehr, weit weg von seinem emotionalen Ich. Eher Filmtechniker als Künstler.
Den Nachmittag hatte ich frei. Ich setzte mich in den Garten, genoss die vom Tag übrigen Sonnenstrahlen, wanderte mit ihnen wie eine Kompassnadel, bis auch sie hinter den Tannen verschwunden waren.
Der Nebel hat sich aufgelöst. Vielleicht kannst du das noch erwähnen?
Bereits vor einer Woche hatten Andersch und ich den Schuppen fertiggestrichen. Nun arbeitete ich auf dem Dach der Villa Kunterbunt, legte die Beine links und rechts über den Dachfirst, hatte mal Glück, mal Pech mit dem Wetter.

Zur nächsten Szene folgt ein Sprung von einer Woche. Das könntest du länger einleiten, wie sich das Wetter entwickelt hat, ob Nebeltage folgen ... irgendwie sowas.

Das Gespräch hatte einen Eindruck davon hinterlassen, dass die Verhältnisse selbst in einer so kleinen Gruppe komplizierter waren, als es auf den ersten Blick erschien. Birgits Hof war ein Rückzugsort, aber deshalb noch lange kein Paradies.
Ich mag diese Stelle, sie leuchtet auf eine analytische Denkweise des Ich-Erzählers. So eine analytische Art tendiert oft zum Auflösen des subjektiven Blickwinkels, sie strebt ins Objektive. Das könnte er über das Studium erlernt haben, andererseits könnte das auch ein Wesensmerkmal sein.
Für den nächsten Tag gab Birgit uns frei.
Vielleicht gehe ich ein Stückchen zu weit, aber Birgit ist die Herrscherin des Alltags. Sie bestimmt, was gemacht wird, wann es gemacht wird und wer was wie macht. Ausgerechnet die Unentschlossenheit des Ich-Erzählers greift Birgits Macht aber an. Birgit versucht, ihren Willen über die Sehnsüchte des Erzählers durchzudrücken (Ich glaube du bist mutiger -> Erzähler will ja mutig sein, da er unter seiner Unentschlossenheit, seinem Schweben-in-der-Wolke leidet). Dass der (legendäre) Mineralienmarkt in Falköping nicht unbedingt in seinem Interessensgebiet liegt (analytischer Wesenszug), könntest du länger skizzieren.


Der Sonntag war wie dafür gemacht, meine Angelegenheiten zu sortieren.
Warum? (Fiese Frage, ich weiß)

orientierte mich an einem Schild mit Runenzeichen, das hier auf Sehenswürdigkeiten hindeutete, nicht wie bei uns zu Hause. So kam ich auf einen Hof, wo eine Frau in Gummistiefeln und Holzfällerjacke die Hand zum Gruß hob.
Vielleicht assoziiere ich hier sehr krummschiefig, aber "Runenzeichen" + "nicht wie bei uns zu Hause" + "Hand zum Gruß", das verweist auf Nationales, Völkisches. Hm, aber vielleicht assoziiere ich da zu stark.

Griesgrämig und mit der Frage, ob der Zyniker in mir wieder einmal gesiegt hatte, schlief ich ein.
Hm, so zynisch empfand ich deinen Erzähler nicht. Im Grunde beschreibt er sich selbst als Zyniker, oder besser, er etikettiert sich selbst als solcher, ohne dass ich beim Lesen letzteren Eindruck bestätigt bekam.
Soweit es ging, wich ich Gesprächen mit Birgit aus. Ich bekam einen Anruf von meinen Eltern. Sie erklärten, ich habe die Rückmeldephase verpasst, stehe kurz vor der Exmatrikulation.
Hm, aber weiß er das selber nicht? Oder gab es keine E-Mail von der Universität? Oder sind die Eltern so freundlich und überweisen die Gebühr an die Universität?
»Wir lange bleibst du?«, fragte Birgit
Die Gäste kamen am Nachmittag.
Ich frage mich, ob die Idee mit dem Fest schon früher eingeführt werden könnte. Sozusagen als Spannungs-Endpunkt. Das erinnert mich zwar an Asterix und Obelix, andererseits entsteht für den Leser ein Orientierungspunkt. Irgendwas wird ja auf dem Fest passieren; irgendeine Entscheidung wird zu treffen sein. Einige Kommentatoren hatten ja kritisiert, dass die Geschichte orientierungslos wirkt, man weiß nicht, in welche Richtung sie führt. Einerseits könnte man das als Spiegel der inneren Befindlichkeit interpretieren; andererseits empfand ich deine Geschichte leichtgängig zu lesen, da könnte das Fest als Endpunkt ganz gut passen.

***

Lieber @CarloZwei, mein Kommentar klingt kritischer als er ist. Ich zweifle nicht an der Geschichte als solche, ich habe sie gerne gelesen. Nimm' dir einfach, was du gebrauchen kannst.

Lg
kiroly
 
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Hey Leute,

tut mir sehr leid, dass ich mich bislang noch nicht gemeldet habe. Es ist gerade so viel zu tun, dass jede freie Minute eine Einladung zum Aufholen liegengebliebener Arbeit ist. Jammer, Jammer, Jammer. Jedenfalls habe ich eure Rückmeldungen sehr genossen und freue mich sie alle ausführlich zu beantworten und mich hier auch wieder unter euren Geschichten blicken zu lassen. Ich hoffe, ihr könnt es mir nachsehen.

Liebe Grüße
 
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Moin Carlo!

Ich hab deine Story sehr gerne gelesen. Ich weiß nicht, inwiefern du bereits etwas geschliffen hast bzw. wie aktuell die anderen Kommentare sind, aber ich hatte beim Lesen tatsächlich großes Vergnügen und das Gefühl, in deiner Story zu versinken. Das ist wirklich sehr viel wert.
Mich erinnerte das vom Lesegefühl her ein wenig an Murakami, was ich sehr positiv meine, zusätzlich steckt viel Eigenes von dir im Stil. Ich finde den Text wirklich gut gemacht und du wirkst als Autor dahinter sehr reif und sicher, als ob du so deinen Duktus gefunden hättest. Für mich funktionkieren auch die Tell-Teile, das wirkt sehr rund und einfach gut gemacht.
Was ich besonders stark finde hier sind die Figuren. Wie filigran du sie zeichnest und wie verdammt echt sie wirken. Jeder hat hier seine eigene Agenda, seine eigenen Träume, Ziele und Befindlichkeiten. Das ist sehr geil gemacht. Wie du die Figuren kochen lässt und sie nacheinander ins Szenario kommen lässt, wie lebendig und echt das Geschehen wirkt habe ich genossen.
Also in den Bereichen hab ich Null auszusetzen. Da bist du bereit, noch länger aufzuziehen, mMn.

Now critics. Manche Vorredner haben das mit Fallhöhe zusammengefasst, die ihnen ein wenig fehlt. Ich weiß nicht, ob ich das auch so titulieren würde, denn das fokussiert sich für mich zu stark auf die Sache, dass „zu wenig auf dem Spiel“ stehen würde.
Aber mir fehlt auch ein wenig etwas zum Ende der Geschichte. (Dass das Kritik auf sehr hohem Niveau ist, weißt du)
Ich finde den inneren Konflikt des Prots absolut ok und erzählenswert, aber dieser Konflikt ist mir noch zu sehr „im Inneren“ und zu wenig „greifbar“ - das ist wie der Unterschied zwischen Show und Tell, mMn. Also der Prot hat den konkreten Konflikt, dass er nicht weiß, wohin im Leben. Das ist - wenn man so will - ein sehr abstrakter Konflikt: er bezieht sich erstmal nicht auf „Dinge“ im Außen, an denen man das (auch szenisch) zeigen könnte. Du tust das dann, indem die Host ihn dabehalten will. Aber das ist mir für den Text und seinem anderen Aufbau zu wenig. Wenn dein Prot wollen würde, könnte er einfach gehen und es würde sein Leben nicht weiter beeinträchtigen. Du versuchst den Konflikt und seine Lösung weiter im Außen passieren zu lassen, indem dieser riesige Typ auftaucht (btw ist er wirklich extrem geil beschrieben) und ihm das Trikot schenkt. Aber - so geil die Idee mit dem Trikot auch ist -, ist das keine „Lösung“ für den Konflikt des Prots für mich. Ich spüre die Veränderung in ihm hier nicht. Es ist etwas, das im Außen passiert, was ihm - wortwörtlich - übergestülpt wird, für das er aber nichts getan hat, nichts geopfert oder gewagt hat. Die Szene ist super und könnte mMn als Startschuss für deinen Prot gut sein, als Inspiration, dass er jetzt wirklich etwas ändert. Aber diese Veränderung - und das möchte ich letztendlich sagen - müsste im Außen passieren und überwunden werden, damit sie erstens für uns Leser szenisch sichtbar wird, zweitens damit wir Leser der inneren Veränderung vertrauen können (wie ein Beweis) und drittens glaube ich einfach, dass innere Konflikte (im echten wie fiktiven Leben) tatsächlich nicht durch Nachdenken gelöst werden können, sondern nur durch Erleben, Durchleben, „Tun“.
Ich denke, du hast dir das auch schon gedacht, aber mir passiert leider zum Höhepunkt der Story zu wenig im Außen und zu viel Nachdenken im Innern. So spüre ich vom Bauchgefühl her seine Veränderung „nicht genug“, sie steht für mich am Ende der Geschichte noch ein wenig zu viel als Behauptung da.
(Das in dem Text noch umzubauen erwarte ich nicht von dir, aber vllt bringt dir meine Kritik für kommende Projekte etwas ;))

Ich möchte noch mal betonen, wie stark ich die Figurenzeichnungen, die Sprache und den Erzählton an sich fand. Ich finde die Geschichte schon jetzt sehr gut, wäre diese Veränderung im Prot noch mehr nachvollzieh- oder fühlbar, wäre sie für mich perfekt.

Sehr gern gelesen,
zigga
 
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Lieber Carlo,

Ein gut geschriebener Text. Ich beneide Deine Art, so reflektiert, glaubwürdig und komplex zu schreiben. Die Figuren, die Szenen bauen sich sehr plastisch vor mir auf. Mir macht die Sprache Spaß. Die Leute auf dem Hof finde ich faszinierend, sehr interessante Charaktere. Du wirfst Fragen auf, die ich spannend finde, aber lässt sie im Raum schweben, was etwas Poetisches, aber auch Unbefriedigendes hat. Am Ende bleiben mir die Figuren wie eingemeißelt im Kopf, aber die Geschichte selbst verwischt schon direkt nach dem Lesen, was ich schade finde.

Du könntest mehr am Spannungsaufbau arbeiten. Vieles ist toll formuliert, aber der große Spannungsbogen, das Warum fehlt mir. Und so habe ich manchmal schneller gelesen, um zu den eigentlichen Dingen vorzustoßen.

Das Ganze könnte ich mir auch als Film vorstellen. Die Atmosphäre mag ich sehr.

Manchmal empfinde ich den Protagonisten als leicht herablassend. Einerseits mag er wohl seine neuen Mitbewohner, interessiert sich aufrichtig für sie, findet auch manches cool an ihnen, andererseits hat er etwas Sezierendes an sich. Die Leute sind mehr als doppelt so alt wie er und er ist ständig am Beobachten und Bewerten. Und dann gefällt mir, wie er sich selbstkritisch seinen Zynismus eingesteht, was ihn mir wieder sympathisch macht.

Wie man auf dem Land leben kann und sich vor Spinnen im Bad ekelt, finde ich etwas naturentfremdet und typisch Städter-mäßig.

ch konnte nicht anders, als diese wuchtige Frau mit ihren perückenartigen Zöpfen, dem jugendlichen Kleidungsstil und großmütterlichen Gesicht auf Anhieb zu mögen. Ihr Englisch war besser als meines und der schwedische Akzent, der von einer mädchenhaften, zugleich krächzenden Stimme getragen wurde, passte nicht zur geschliffenen Ausdrucksweise, wie ich sie bei meinen Gastgebern in Malmö kennengelernt hatte.
>> Dieser "barocke", adjektivüberladene Satz im Intro gefällt mir. Er hat etwas schrulliges, was ich charmant finde. Ja, ich habe jetzt selbst die Adjektivdichte ungebührlich erhöht...;) Auf jeden Fall hast Du mich mit diesem Satz als Leserin eingefangen. Besonders die perückenartigen Zöpfe haben mich fasziniert, ein toller Gegensatz, sehr bildhaft und Filmstills poppten in meinem Kopf auf. Zum Beispiel Wenzels Storch Sommer der Liebe. ;) Auch fragte ich mich, ob die Haare perückenhaft aussahen oder nur sehr dick waren. Und der Gegensatz wuchtige Frau < > Zöpfe gefiel mir. Das kontrastierende Element setzt Du fort: da ist die mädchenhafte Stimme, die nicht nur etwas krächzendes hat, sondern weder zu dem Wuchtigen passt noch zu der geschliffenen Ausdrucksweise. Ein reizvoller Mehrfachkontrast.
Sophie trug ein breites Haarband aus blauem Stoff und wenn sie lächelte, konnte man ihr Alter an den zahlreichen Falten um ihre Augen ablesen. Ich fand es seltsam, dass sie wie eine junge und alte Frau zugleich aussah.
>> tolle Beschreibung, die auch viel über den Protagonisten selbst aussagt.
Ich fragte mich, wie man so mutig oder unsicher sein konnte, auch im fortgeschrittenen Alter und mit gewissem gesellschaftlichen Erfolg wieder etwas Neues vom Leben einzufordern oder zumindest danach Ausschau zu halten.
>> Hmm, warum sollte man nicht auch im "fortgeschrittenen Alter" mutig, unsicher, neugierig, flexibel, fordernd, einfach lebendig sein?
Sie war eine kleine, hagere Person und ihre Wangen färbte ein Netz roter Äderchen.
>> gut beschrieben.
Während das Gemüse im Ofen fiepte
>> die Personifizierung liebe ich. Sie ist völlig schräg und lässt mich schmunzeln.
Einerseits hielt ich diese Dinge für Hokuspokus, andererseits wollte ich mir meinen Zynismus abgewöhnen.
>> :)
r war ein kräftiger, für sein Alter gut aussehender Mann, mit blauen Augen, breitem Kinn und grauem Stoppelbart. Er trug eine Beanie, eine Daunenweste über einem eng anliegenden Longsleeve, das die muskulösen Oberarme betonte. Alles in allem sah er aus wie jemand, den ich mir als Bergführer einer hochalpinen Tour vorstellte.
>> tolle Beschreibung. Einerseits sehr konkret (Beanie, Longsleeve), dann so allgemein, wie es nur sein kann: (blaue Augen, breites Kinn) und der Vergleich mit dem Bergführer macht es sehr griffig.
Mehr als zweitausend Kronen, etwa zweihundert Euro, wollte sie nicht ausgeben, doch ein großes Exemplar könne selbst die Energie eines toten Raumes, manchmal sogar eines ganzes Haus wiederbeleben.
>> Einer meiner Lieblingssätze! Ein starkes Bild. Und in diesem Satz wird mir die Birgit noch mal richtig deutlich. Sie sieht das Potential des Steins und doch ist sie auch etwas geizig (wahrscheinlich zu Recht, weil sie wohl zu wenig verdient) und möchte ihn nicht kaufen.

Deine Figuren hast Du in dieser Geschichte außerordentlich gut beschrieben. In dieser Hinsicht vielleicht Deine beste Geschichte. Andere fand ich hingegen spannender, obwohl ich Deine Geschichten selten "wirklich spannend" finde. Lesenswert auf jeden Fall und Deine schöne Sprache, der ruhige Ton hat etwas, was ich sehr mag.

LG Petdays
 
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Moin @Carlo Zwei!

Ich habe eben deine Geschichte gelesen, und sie hat mir wirklich gut gefallen! Finde den Text angenehm unaufgeregt und sehr echt - ich kann mich voll in deinen Protagonisten hineinversetzen.

Habe mir keine vorigen Kommentare angesehen, jedoch beim Überfliegen gesehen, dass du momentan nicht zum Überarbeiten kommst. Ich lasse dir trotzdem auch meine Eindrücke und Verbesserungsvorschläge da, hoffe, dass sie sich nicht zu sehr mit anderen überschneiden.

Birgit spielte uns etwas auf der Gitarre vor, sang mit ihrer piepsiger Stimme dazu, und ich musste mich anstrengen, nicht loszuprusten, auch wenn ich nicht gerade besser sang.
piepsigen
Kurz fühlte ich mich fremd angesichts der Vertrautheit zwischen den dreien.
Mein Gefühl sagt mir, dass "dreien" groß geschrieben werden sollte.
Ich hielte es für voyeuristisch, zumal ich Anderschs Motive nicht einschätzen konnte.
hielte sollte wohl hielt sein? Ein Konjunktiv würde hier wenig Sinn machen...
Ich wusste nicht, was sie auf einmal hatte.
Könnte man sicher eleganter schreiben.
Im Grunde aber lebten wir von der Mietfreiheit und dem Gehalt, dass Birgit als Krankenschwester verdiente, in einem Land, das es sich leistete, sein Pflegepersonal gut zu bezahlen.
Das falschgeschriebene "dass" würde ich durch ein "welches" ersetzen, um eine Wiederholung des Wortes zu vermeiden.
Neben Edelsteinen, Magnetiten, geschliffenem Katzengold und Sandsteinklumpen, gab es Schmuckeier, Traumfänger, Topflappen und Kochlöffel.
Ich habe das Gefühl, dass das Komma vor "gab" weg kann/muss.
ür fünfzehn Kronen erstand ich ein buntes Ei, das man schütteln konnte, wodurch eine Glocke im Inneren erklang.
Oder ohne zweites Komma: ..., deren innere Glocke beim Schütteln erklang. (oder so ähnlich)
Ich fand das einen guten Preis.
Klingt unelegant.
»Ich dachte, du wärst vielleicht mit Andersch.«
Keine Ahnung, ob das ein Akzent ist, aber der Satz wirkt für mich unvollständig - entweder "bei Andersch" oder "mit Andersch zusammen (gewesen)"...?
Sophie errötete, sagte nichts dazu.
In diesem Part schreibst du schon recht oft etwas mit "sagen" - warum nicht "Sophie errötete und schwieg"?
Ich wartete darauf, dass sie mir einen Ratschlag erteilte, doch der kam nicht.
Könnte man auch durch ein simples "vergeblich" ersetzen.
Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass das hier ist ein Paradies für Langweiler ist.«
Ein "ist" zu viel.
Auf den Bildern zu sehen, wären unter anderem die Scheune, die schlammige Einfahrt und natürlich die Nacktschnecken.
Das erste Komma kann glaube ich weg. (Ist "wären" hier korrekt?)
Ich stellte mir Andersch vor, mit seinem Fahrrad und der „neuen Kamera“ im Wald, mit Ende vierzig noch allein, unfähig, einer Person wie Sophie die Karten offen auf den Tisch zu legen.
Du benutzt ja in deinem Text die typografischen Anführungszeichen - müsstest du sie dann nicht auch hier verwenden?
Tatsächlich hatte ich bis auf ein paar Stöcke fürs Knüppelbrot in meinem Leben wenig Nennenswertes geschnitzt.
Knüppelbrot habe ich noch nie gehört :D Kenne das nur als Stockbrot - ist das Akzent?
Nebeneinander und ohne etwas zu sagen, gingen wir ins Haus.
Glaube das Komma ist überflüssig.
Ich fand es ungerecht, dass sie mir einen Vortrag hielt, obwohl sie es offensichtlich war, die etwas von mir wollte.
Ich wüde es umformulieren in "..., obwohl es offensichtlich sie war, ..." um die Betonung auf "sie" zu legen.
Ich spürte, dass sie recht hatte. Ich war unentschlossen. Im Grunde stellte mein ganzes Studentenleben den Versuch dar, nichts zu riskieren, aber doch genug, um mich hinterher als Individualisten zu fühlen. Das war feige. Da hatte Birgit recht. Doch recht zu haben, reichte hier nicht aus.
Die erste Version könnte man in "..., dass sie richtig lag." ändern.
Kristoffer kramte in einer Kiste und in noch einer, bis er fündig wurde.
Oder: kramte in zwei Kisten..
, und wieder zog sich das Gesicht unterm Grinsen zu einer Landschaft aus Falten zusammen.
Das Bild wirkt bei mir etwas seltsam. Klingt, als wäre das Grinsen eine Maske, eine Schicht, die auf dem Gesicht liegt. Besser könnte es funktionieren mit, etwa, "...das Gesicht beim Grinsen..."
Ein Gast klatschte, die anderen nach und nach auch,
Alternative: die anderen machten nach und nach mit

Das Ende gefällt mir sehr gut, es ist sehr menschlich und man kann sich die Situation sehr gut vorstellen - die Offenheit finde ich auch super!

Beste Grüße,
rainsen

PS: Was ich noch vergessen hatte: Das "Hornborgasjön" erwähnst du so oft, dass ich mir zumindest einen Nebensatz zur Beschreibung gewünscht hätte, da ich keine Ahnung habe, was das sein soll - ein See? eine Ebene? ein Sumpf? (Zumindest glaube ich, dass du es nicht beschrieben hast)
 
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So, nochmal ein kräftiges Sorry für das lange Warten auf Antwort. Ging einfach nicht, zu viel um die Ohren, was jetzt wenigstens zum Teil abgeschlossen ist. Hätte das beim Einstellen der Geschichte sehen müssen, aber war eben nicht.

He @Rob F ,

danke fürs Lesen und für deinen Kommentar.

Zum einen finde ich es bis dahin doch recht zusammenfassend/tellig bezogen auf die Dialoge. Gerade Dialoge bieten doch eine gute Möglichkeit, den Leser die Personen "erleben" und kennenlernen zu lassen. Also warum hierbei dieser Erzählstil?

Ja, das stimmt schon. Sehr tellig. Für einige hier hat das gut gepasst. Aber auch Silvita, wenn ich mich recht erinnere, hatte angemerkt: "Mehr Dialog."
Ich sehe das Problem um ehrlich zu sein bei dieser Geschichte nicht so sehr. Zumindest nicht zu Anfang. In der Mitte könnte das weniger sein, das gebe ich zu. Was hier wichtiger ist, finde ich, ist das mit der Fallhöhe bzw. den geringen äußeren Konflikten, was Zigga zuletzt schrieb. Das könnte dem einen Kick geben.
Aber grundsätzlich gebe ich dir schon recht. Dialoge sind toll und zeigen oft eine ganze Menge. Ich weiß auch, dass man damit potenziell mehr Leute abholt und hab auch Lust beim nächsten Mal, was das angeht, wieder etwas mehr reinzubuttern.

zu gemächlich, und es sind m.E. zu wenig Andeutungen, was noch spannendes passieren könnte.

Das fällt für mich mit den äußeren Konflikten bzw. der Fallhöhe zusammen. Kann den Punkt verstehen. Mehr Spannung geht immer.

Bei einem Geruch bringe ich die Wörter feucht / Pilze / Feuer irgendwie nicht zusammen.

nehme ich mal so auf.

Birgit führte mich zu einem länglichen Gebäude, dass sie als ‚Scheune‘ bezeichnete.
das

danke

Vielen Dank, Rob F. Habe auch Lust, mal wieder bei dir vorbeizuschauen. Hatte einige Stories gesehen, aber ebensowenig Zeit gehabt wie fürs Beantworten der hier ausstehenden Kommentare ... Aber nun ja vielleicht wieder etwas mehr. Bis bald erstmal!



-----


Jetzt zu dir @Isegrims ,

und auch nochmal ein dickens Entschuldigung. So ist es manchmal, plötzlich hält einem jemand oder etwas eine Pistole auf die Brust und die Prioritäten verschieben sich drastisch.
Danke jedenfalls für deinen schönen Kommentar :-)

vieles bereits gesagt zu dieser Geschichte und im Prinzip schließe ich mich denen an, die den Text loben.

Freut mich, dass du es prinzipiell mochtest

Gleich am Anfang wörtliche Rede und dann wird meine Lesebrille von Adjektiven geradezu verklebt.

ja, das wurde einige Male schon kritisiert. Andere sehen das Problem erstaunlicherweise gar nicht. Aber, ich glaube, da muss ich schon was dran machen. Es geht sicher auch anders. Und es ist auch nicht unbedingt nötig so einzusteigen; auch wenn ich selbst zugegebenermaßen da nicht so das Problem sehe. Vielleicht ein blinder Fleck.

3.) der Perspektive zusammenhängt: ein Ich-Erzähler lässt eben kaum "konkurrierende" Charakterzeichnung zu, wenngleich es natürlich der manchmal einfachere Weg ist, eine Geschichte zu erzählen, schließlich kann man ganz nahe ranzoomen und Identifikation ermöglichen.

Da sprichst du eine Schwierigkeit an. Das stimmt. Der Preis, den man zahlt. Man kann das schon in Gesten machen, denke ich (siehe Jimmys aktuellen Text, ist ja auch Ich-Perspektive und die Tochter ist trotzdem eindrücklich).

Vielen Dank für deinen Leseeindruck und deine Anmerkungen. War viel Gutes dabei :)

LG
Carlo

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Habe die anderen Kommentare nicht vergessen. Versuche heute oder eben Stück für Stück aufzuholen :D Habt alle einen guten Tag!
 
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10.09.2016
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Hey @Silvita ,

eine verspätete Antwort auf deine Rückmeldung. Schön, dass du nochmal vorbeigeschaut hast.

Hier Dein Text:
»… und schneller als du denkst, bist du Teil der Familie«, sagte Birgit, die Hände am Lenkrad, und kicherte. Ich konnte nicht anders, als diese wuchtige Frau mit ihren perückenartigen (darunter kann ich mir z.B. gar nichts vorstellen) Zöpfen, dem jugendlichen Kleidungsstil und großmütterlichen Gesicht auf Anhieb zu mögen. Ihr Englisch war besser als meines und der schwedische Akzent, der von einer mädchenhaften, zugleich krächzenden (darunter kann ich mir auch nichts vorstellen und frage mich, wie wichtig ist das für die Geschichte) Stimme getragen wurde, passte nicht zur geschliffenen Ausdrucksweise, wie ich sie bei meinen Gastgebern in Malmö kennengelernt hatte. Das hier war nicht die Großstadt, das war gut zehn Kilometer von Skövde entfernt bei Axvall am Hornborgasjön. Klappernd (Vorschlag: Der Wagen klapperte, als wir ...) fuhren wir den Weg hinauf zum Hof über eine von Nacktschnecken gepflasterte (Vorschlag: überall lagen Nacktschnecken herum) Straße – eine Plage, wie Birgit mehrfach betonte, während die Schneckenkörper beim Überfahren unter den Reifen ihres alten Volvos rumpelten. Um die Alleen tragender Kirschbäume (Vorschlag: Die Alleen wurden von Kirschbäumen voller Früchte gesäumt) erstreckten sich Felder, versprengte (Vorschlag: Hier und da Waldstücke) Waldstücke mit Findlingen darin. Ich zählte drei Häuser.

Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast. Den klappernden Wagen könnte ich mir gut vorstellen zu übernehmen. Der Absatz kommt dann aber nochmal im Ganzen unter die Werkbank ...
Das mit den Nacktschnecken passt mir als Beschreibung nicht so in den Erzählfluss. Aber ich kann das ja mal im Hinterkopf behalten, die Stelle nochmal etwas klären. Deine Idee das weiter mit Verben anzureichern (... von Alleen gesäumt) ist gut. Verben enthalten ja immer Handlung, dehnen aber auch. Vielleicht würde es dann alles etwas lang werden. Aber mal sehen. Bin dann immer eher ein Freund des Streichens und Umschreibens hehe.

Lol :) Das kann schon sein, dass ich Dialog-affin bin. Für mich wirken die Figuren in den Dialogen halt greifbarer.

Ist ja auch toll, wenns gut gemacht ist.

Ich muss sagen, dass ich in den letzten Jahren hauptsächlich Krimis, Thriller, Psychothriller lese. Das ist natürlich ein anderes Tempo mit viel Aktion und auch viel Dialogen.

sicher keine schlechte Schule. Es ist auch schwierig, alle Text mit demselben Anspruch zu lesen. Das wird einfach dem nicht gerecht, dass die Texte auch bestimmte LeserInnen implizieren.

Danke, dass du nochmal mit dabei warst :)

------


Hey @feurig ,

ja, vielen Dank erstmal, dass du wieder vorbeigeschaut hast. Nach dem langen Twiggy-Text jetzt wieder so ein Brocken. Und bitte verzeih mir, dass ich so lange nicht geschrieben habe. Das kam auf einen Schlag. Bumm und der Schreibtisch ist voll. Danke jedenfalls fürs Lesen und Anmerken.

grundsätzlich mag ich den nach innen gewandten Ton der Geschichte, allerdings muss ich zugeben, dass ich bereits im ersten Absatz einmal abgebrochen habe und bei etwa der Hälfte nach unten gescrollt habe, wie lang die Geschichte denn (noch) ist.

ja, freut mich, das mit dem Ton. Aber er scheint dich nicht gecatcht zu haben.

Ich glaube sogar, dass viel von dem, was du mit der Geschichte transportierst, bei einer dialoglastigen Darstellung auf der Strecke bleiben würde.

ja, das denke ich halt auch. Finde interessant, dass es da aber so viele unterschiedliche Meinungen gibt.

Mein Stocken im ersten Absatz ist noch recht leicht erklärt: Wenn wir transportierten Inhalt und Länge vergleichen, ist er einfach zu lang.

Ja, nehme ich erstmal so auf. Vielleicht hat sich da schon etwas widergespiegelt. Ein erster Eindruck von der Geschichte, der dir bereits vermittelt hat, dass sie insgesamt zu lang ist, oder so.

weil es doch eine Menge Widersprüche gibt, bzw. Kontext, den ich immer wieder anpassen muss, weil es anders ist, als erstmal geschildert.

Das fand ich spannend. Sind auf jeden Fall gute Hinweise.

Du leitest recht lang ein, dass noch weitere Menschen auf der "Villa Kunterbunt" arbeiten.
»Wer arbeitet hier noch?«, fragte ich.
»Lernst du alle kennen.«
Hier klingt es nach vielen Personen, die dort leben.
»Ihr schlaft in der Scheune«, sagte Birgit.
Hier immer noch.
»Such dir eins aus.«
Da ich noch im Kontext von vielen Personen bin, irritiert mich diese Anweisung erstmal.

Ja, vielleicht kann man das klären. Muss natürlich schauen, dass es dadurch nicht zu viel verrät.

Während das Gemüse im Ofen fiepte, erzählte Birgit von ihrer Tochter in Göteborg,
Wirklich? So lange fiept das Gemüse im Ofen? Ist das nicht nervig?

hehe. Ja, dieses Wort 'Während'. Vielleicht zwei Sätze, mal schauen.

Ich erfuhr, dass außer Sophie und mir nur ein Däne namens Andersch, mit dem ich das Schlaflager teilte, bei Birgit arbeitete.
Jetzt erst erfahren wir, dass da eh nur zwei wohnen. Warum Sophie aber nicht in der Scheune schläft, bleibt mir bis zum Schluss ein Rätsel.

Das könnte man vielleicht explizieren. Danke.

»Andersch ist auch Tischler«,
Auch?

sie verallgemeinert das, gesteht dem Protagonisten zu Tischler zu sein, auch wenn er nur etwas mit Holz umgehen kann.

Birgit hatte ein unfreiwilliges Talent Witze zu erzählen. Mit unschuldigem Gesichtsausdruck mimte sie die dänische Prinzessin,
Von der Beschreibung der Szene würde ich nicht auf "unfreiwilliges" Talent sondern eher auf "angeborenes" Talent tippen. Unfreiwillig wäre es ja, wenn sie jemanden zum Lachen bringt, ohne, dass sie es will und das gibt die Szene so nicht her.

Das stimmt schon. Vielleicht muss ich noch klarer schreiben, was das Unfreiwillige daran ist. Es ist das, was auch passiert, weil sie so eine leicht groteske Erscheinung abgibt. Eine alte Frau mit langen blonden Haaren, leicht untersetzt mit einer quiekenden Stimme. Da ist auch im 'freiwilligen' Witzeerzählen eine zweite 'unfreiwillige' Ebene der Komik.

Ich hörte ein Schnarchen. In dem zuvor leeren Bett lag nun der Rückkehrer, mir sein breites Kreuz zugewandt.
Sag doch einfach, dass es Andersch ist. Er weiß inzwischen, dass es nur einen weiteren Schläfer in der Scheune gibt und er weiß, dass der Andersch heißt.

Das hatte, glaube ich, noch jemand gefordert. Verstehe ich aber nicht so ganz. Es eben auch ein prosaischer Erzähltton. Dadurch wird im Gegensatz ja nur nochmal transportiert, dass er zurückgekehrt ist. Aber ich werde das ignorieren, wenn mehr als einer das sagt. Die Stelle schaue ich mir nochmal an.

Er war ein kräftiger, für sein Alter gut aussehender Mann,
Du erwähnst sein geschätztes Alter später, "für sein Alter gut aussehend" ist an dieser Stelle daher für mich nicht einzuschätzen.

guter Punkt. Es gibt schon noch andere Hinweise (Bergführer und so). Trotzdem bleibt die Spanne des möglichen Alters relativ weit.

Er erzählte, dass er als Maler in Kopenhagen gelebt hatte
Ich referenziere mich auf den Anfang. "Andersch ist auch Tischler"?

Hmm, ja, da könnte auf jeden Fall noch die Information hin, dass er beides macht. Gut gesehen auf jeden Fall. Danke!

Ach, sie ist gar keine Aussteigerin sondern fährt jeden Tag zur Arbeit in die Stadt? Das kommt mir hier ein bißchen spät.

Das ist auch ein guter Punkt. Das würde ich auf jeden Fall nochmal versuchen, geschickt umzustellen. Auch da finde ich es wichtig, was das mit der Erwartung/Spannung macht. Das halt in einer Weise einzubringen, dass die Atmosphäre und dieses merkwürdige an Birgits Unterton nicht verloren geht.

Danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast. Gute Beobachtungen, finde ich.
Viele Grüße
Carlo
 
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Beitritt
10.09.2016
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Liebe @Kanji ,

lange ist der Kommentar nun schon da, aber erst jetzt schaff ich es, dir zu antworten. Das tut mir sehr leid, das war nicht so geplant ... Ich hoffe, du hast in der Zwischenzeit gut ins neue Jahr gefunden, mal schauen, was draus wird.
Erstmal vielen, vielen Dank für deinen Kommentar. Einer von der Sorte, bei denen es mir in den Fingern kribbelt und ich denke: Der/die Coach hat das Ding mit dir ausdiskutiert, Zeit wieder in den Ring zu steigen.

Ich bin also ziemlich gespannt und denke, mich erwartet wie sich das im Verlauf so ausmacht mit denen beiden.
Ich verwerfe meine Idee, ein Coming-out-of-age zu lesen, obwohl er mit 24 dafür ja auch schon zu alt wäre
Es kommt aber genau das Vorherzusehende. Damit arrangiere ich mich und langweile mich (ich habe ein schönes Verhältnis zur Langeweile) mit dem Protagonisten bei langweiligem Zeitvertreib, wie Moos vom Dach kratzen und Holz streichen, denn du erzählst mir vom Alltag unter Fremden in der Fremde, aber eben auch nur so viel, als dass die Geschichte vorankommt.

fand es sehr spannend, diese Entwicklung deines Leseeindrucks geschildert zu bekommen. Da denke ich, der Junge muss auf jeden Fall jünger sein (und es muss klar werden, warum er die Dinge dann trotzdem einigermaßen reflektiert betrachtet). Ich freu mich, dass du dich mit ihm gelangweilt hast, hehe. Trotzdem habe ich hier schon etwas wenig Butter aufs Brot geschmiert, das gebe ich zu.

also der Carlo, der das „Schwarz im Wellengang“ erfand,

krass, dass du ausgerechnet diese Geschichte erwähnst. Ich habe ja ein komisches Verhältnis zu der. Das war so ein Versuch mit viel Konflikt zu schreiben. Richtig gemocht habe ich die Geschichte nach ihrer Besprechung nicht mehr. Aber dass du sie hervorholst, ändert vielleicht ja etwas daran. Vielleicht schaue ich da nochmal rein :-)

Du hast ihm keinen Namen gegeben. Man soll ihn selbst danach fragen. Das ist schon fies, nur weiß ich nicht, warum du das machst?

Ich fand das einen ganz netten Kniff. Ich finde, das transportiert dieses Identifikationspotential des Ich-Erzählers. Der Name ist austauschbar, vor allem mit dem, der es liest. Das ist natürlich nicht Geschlechterneutral. Obwohl ich auch nicht davon ausgehe, dass die Identifikation wegen des Geschlechtes großartig unterschiedlich ist.

Natürlich verstehe ich, dass hier für deinen Protagonisten alles beginnt. Du hast es erzählt. Geschichten können das und dennoch wünschte ich, ich hätte es erfahren können
ich fühlte mich ausgeschlossen, habe sie bloß beobachtet und durch die Augen deines Protagonisten gesehen und merke, dass ich genauso schlau bin wie zuvor: junger Mann nimmt sich eine kurze Auszeit, um sein Leben auf die Reihe zu kriegen, Mama und Papa im Nacken und schlußendlich fängt am Ende ... was an? Du muss zugeben, du mutest mir, als Leserin allerhand zu.

Mehr Dialog haben einige gefordert vor allem mehr Fallhöhe, mehr äußeren Konflikt. Ich selbst würde nicht sagen, dass das hier nicht erfahrbar wird, sondern eher, dass das, was erfahren wird, ein bisschen wenig ist. Eben wenig Butter und recht viel Brot. Aber ist dann auch wieder meine Interpretation. Nehme das aber erstmal genau wie du es schreibst auf und versuche das wirken zu lassen.

Ein verspätetes, aber nicht weniger großes Dankeschön, liebe Kanji, und bis ganz bald :gelb:
Carlo
 
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Beitritt
10.09.2016
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Lieber @josefelipe ,

au Mann. Dein Kommentar ist Balsam. Das hat sehr gut getan (erinnere ich mich – denn die Antwort bin ich ja jetzt schon lange schuldig).

Jedenfalls ging mir Deine Geschichte nicht aus dem Sinn.
Das Volumen ist mächtig für eine Kurzgeschichte, aber nicht abschreckend. Ich kann auch ein zehngängiges Menü essen, wenn mich die einzelnen Gänge überzeugen.
Meisterstück

:read: --> :D

Wer der reinen Lehre folgt bzgl. Adjektivüberladung, mag sicherlich recht haben – bei Deiner breit ausgewalzten Geschichte stört mich das nicht. Im Gegenteil: So entsteht ein Bild, mit dem ich etwas anfangen kann.

Das freut mich. So sehe ich es nämlich auch ein bisschen. Ich denke mir: hier ist das doch in Ordnung. Andererseits haben Viele das anders gesehen und da muss ich mich schon fragen, ob ich mir gerade bei diesem langen Text einen solchen Bruch mit professionellen Lesegewohnheiten erlauben kann.


Großes Kompliment – ich finde das spannend, wenn man die Entwicklung eines (noch :D) jungen Mitglieds verfolgen kann.

Danke, José. Du hast echt eine motivierende Art zu kommentieren. Na gut, ich bin ja auch wirklich nicht schlecht weggekommen diesmal, da kann ich das leicht sagen :lol:
Als ich deinen aktuellen Text gelesen habe, dachte ich mir, das unsere Geschichten, so verschieden sie auch sind, ein ähnliches Tempo haben, und dann habe ich mich noch gefragt, ob wir gerade ein ähnliches Verständnis vom Verfassen solcher Erzählungen teilen. Das genau zu benennen, könnte ich versuchen; ob es das aber trifft, weiß ich nicht.

Danke dir für deinen Kommentar, José
Carlo
 
Monster-WG
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20.08.2019
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Lieber @Carlo Zwei

eine verspätete Antwort auf deine Rückmeldung. Schön, dass du nochmal vorbeigeschaut hast.

Gern geschehen :)

Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast. Den klappernden Wagen könnte ich mir gut vorstellen zu übernehmen. Der Absatz kommt dann aber nochmal im Ganzen unter die Werkbank ...
Das mit den Nacktschnecken passt mir als Beschreibung nicht so in den Erzählfluss. Aber ich kann das ja mal im Hinterkopf behalten, die Stelle nochmal etwas klären. Deine Idee das weiter mit Verben anzureichern (... von Alleen gesäumt) ist gut. Verben enthalten ja immer Handlung, dehnen aber auch. Vielleicht würde es dann alles etwas lang werden. Aber mal sehen. Bin dann immer eher ein Freund des Streichens und Umschreibens hehe.

Ich freu mich, dass Dir einige Vorschläge gefallen haben und Du Dir den Absatz noch mal vornehmen willst. :)

Ist ja auch toll, wenns gut gemacht ist.

Das stimmt.
Aber eben - Geschmäcker sind verschieden. Ich hab gesehen, dass manche der Kommentatoren meinte, es sei gut so ohne viele Dialoge

sicher keine schlechte Schule. Es ist auch schwierig, alle Text mit demselben Anspruch zu lesen. Das wird einfach dem nicht gerecht, dass die Texte auch bestimmte LeserInnen implizieren.

Danke, dass du nochmal mit dabei warst

Ja, das stimmt.

Sehr gern geschehen.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag,
liebe Grüße Silvita
 
Mitglied
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10.09.2016
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@kiroly :gelb:

Ich hatte dich ja schon gebrieft. Fast habe ich selbst nicht mehr gedacht, dass ich das mit der Antwort nochmal hinkriege ... Vielen Dank für deine zwei ausführlichen und sehr guten Kommentare. Ich gehe mal alles der Reihe nach durch.


ich sehe sie als ein Zwischenstadium zu einem längeren, zu einem größeren Projekt an

meintest du jetzt den Text als längere Erzählung oder dass der Text selbst noch (unvollendeter) Teil eines größeren Projektes ist. Tatsächlich sehe ich ihn auch in so einer Entwicklung hin zu längeren Texten. Ich hatte auch Lust darauf, dass es länger wird. Der Twiggy-Text ist ja mittlerweile auch auf 100.000 Zeichen (offline). Möchte mir eben auch gerne den längeren Textumfang erschließen, schauen, was da für mich möglich ist.

als die Annäherung an eine vollkommene Pyramidenform über das Reduzieren vieler einzelner Stufen.

das fand ich eine sehr spannende Anmerkung. Gefühlsmäßig hat mich das angesprochen, obwohl ich gar nicht genau weiß, wie du das verstehst. Sowas ist spannend. Du meinst, dass der Text aus einer groben, sich immer weiter verfeinernden Struktur entstanden ist bzw. geschrieben wurde, oder? Denn genau das ist er.

wo der berühmte große Konflikt auftaucht

ja, den sucht man hier etwas vergeblich. Aber das ist, finde ich, auch ein Manko des Textes. Ich bin froh, dass er trotzdem für einige hier gut funktioniert. Ich denke, um es noch einmal mit Peeperkorn und Zigga zu sagen. Hier fehlt die etwas Fallhöhe, besonders der äußere Konflikt. Alles vorhanden, aber ein bisschen zu wenig eben.

sehr gut im Sinne einer windstillen Atmosphäre, einer Ruhe

Das freut mich. Das ist es auch, was mich den Text mögen und mich am Ende auch dazu stehen lässt.

An manchen Stellen, glaube ich, übertreibst du es aber mit den Beschreibungen. Dazu gleich mehr.
auf Grund deiner Detailtreue und den Beobachtungen (obwohl es manchmal etwas viel wird)

ich habe ja eher den Verdacht, wie mir das schon einige Male vorgekommen ist, dass zu wenig Konflikt eine Fülle an Beschreibungen zu einem gewissen Teil faul werden lässt. Die Sprache steht dann nur noch im Weg herum. Meine Interpretation ist also, dass in dem Maße, wie du Beschreibungen als zu viel empfindest, das Verhältnis von Konflikt und Beschreibungen nicht stimmt.

Perückenartige Zöpfe einer Birgit - Villa Kunterbunt (stimmt das)?

Das ist Zufall. Aber irgendwie auch nicht. Ich finde, dass ist ja genau das, was eine Komposition auch leistet. Die Dinge sind aufeinander abgestimmt. Sodass sie eben zusammenpassen. Dass dann solche Korrelationen dabei herauskommen, liegt für mich meist im Bereich des Unbewussten. Es passt natürlich zu Birgit, so unpassend zu sein (Alte Frau – junges Äußereres, das die Erscheinungen des Alters aber nicht verdeckt, wodurch so eine auch groteske Anmutung entsteht).

Lehre zum Tischler abgebrochen (und nennt das selbst-euphemistisch "Erfahrungen in einer Tischlerei"), erfährt jetzt aber, dass Andersch ein gestandener Tischler ist. Andererseits erfahre ich wenig, wie dein Ich-Erzähler mit dieser Information umgeht.

Das ist gut. Wenn ich das überarbeite, kommen dazu noch ein paar Sätze.

Der Prota kommt und Birgit hat sich alles bestens überlegt, alles ist bereit für ihn. Was motiviert Birgit dazu? Pure Einsamkeit, irgendwas anderes, Geselligkeit? Alleine schon ihr Hang zur Esoterik ... sie sucht etwas, was sie nicht finden kann. Sehr weit hergeholt sehe ich im Ich-Erzähler eine junge Birgit, die unter ähnlicher Orientierungslosigkeit litt

Das haben einige gefragt und die Frage ist richtig. Deine Antwort ähnelt dem, wie ich es mir gedacht hatte. Ja, das ist so eine Art Eingebung, aber vielleicht ist da auch so etwas wie Lookism im Spiel. Das ist ein junger, reflektierter Kerl, der vielleicht einfach eine Attraktivität ausstrahlt. Aber ich bin dir dankbar, dass du das nochmal herausstellst. Ich denke diese Motivationsebene nutze ich oft und sie ist für viele LeserInnen halbwegs unverständlich. Und wenn erst einmal entlarvt wird, dass auch äußere Faktoren einer Figur Sympathien einbringen, so bringt das wiederum ja gerade das Gegenteil bei LeserInnen, die das zurecht als unverdient erachten.

Deine Perspektive gewinnt, mMn, immer dann an Stärke, wenn der Protagonist sich und andere beobachtet:
Die Stärke in deinem Text dieser Perspektive sehe ich ja gerade im Selbstreflexiven, in der Darstellung des "Ich-will-so-sein-bin-aber-so", in der Kontrolle des eigenen Verhaltens und im Überraschtsein, etwas gesagt zu haben, was man nicht sagen wollte.

Danke für diesen Hinweis. Der ist sehr wertvoll, weil er das Augenmerk auf das 'Besondere' dieser Figur legt.

Vor allem letzteren Satz finde ich sehr gut: Hier will jemand sich verbessern, hier will jemand anders sein und reagiert im Gespräch anders.

Andererseits frage ich mich, ob du die Ich-Perspektive wirklich benötigst. Ausgehend von diesem Satz ...

Sehr gute Frage. Wahrscheinlich hätte es auch ein personaler Erzähler getan. Aber einen sehr großen Unterschied macht das, glaube ich, nicht. Auch dieses Problem würde ich auf das mit der Fallhöhe und dem äußeren Konflikt schieben wollen.

Vielleicht "nach Pilz und Feuer"? Nach Pilzen, das klingt in deinem "sehsinn-lastigen" Text zu optisch, muss olfaktorischer werden

ist ein guter Vorschlag. An der Stelle muss ich auf jeden Fall nochmal was machen. Ich glaube, AWM war der einzige, der das so, wie es ist, gut fand.

Das hier war nicht die Großstadt, das war gut zehn Kilometer von Skövde entfernt bei Axvall am Hornborgasjön.
Vielleicht reicht ja Skövde, oder der Hornborgasjön?

Ja, kann ich schon mal pauschal abnicken. Ist immer gut, am Anfang mit Begriffen und Figuren auszudünnen und hier ist es ja sogar Schwedisch.

Noch einmal lächelte sie ihr Großmutterlächeln und verabschiedete sich.
Vielleicht an späterer Stelle. Birgit ist für den Leser zu frisch, hier kommt eine Mütterlichkeit in Birgits Charakter, die ich als unpassend empfand. Aber das rein subjektiv.

Vielleicht richtig. Muss ich mir nochmal anschauen.

Birgit grüßte und stellte mich der Frau als den neuen Dauergast vor.
Nur eine Idee

ach, glaube, das macht keinen Unterschied.

Das Ofengemüse wurde mit frischem Rosmarin und Thymian aus dem Garten garniert.
Das würde ich abändern. Da redet Frank Rosin.

heheh, stimmt. Ja, das kommt raus.

Die Eieruhr schrillte und wir tischten auf.
Vielleicht: Die Eieruhr schrillte. Wir tischten auf. [Ende der Szene, Absatz]

Noch unsicher. Ist wahrscheinlich die bessere Lösung.

Vielleicht "Birgit hatte dieses unfreiwillige Talent, Witze zu erzählen" ?
Nebel hing in den Wipfeln der Tannen, troff von Fensterscheiben und Hauswänden.
Vielleicht "troff an Fensterscheiben" ?

Noch unsicher

Ich zitiere mal eine längere Passage, da sich die Stimmung, der "vibe" der Szene ändert. Der Abend endet gut gelaunt. Der nächste Morgen beginnt mit Nebel, Nadelwald und weißer Sonne. Vielleicht macht es mehr Sinn, mit der Landschaftsbeschreibung, Beschreibung der Atmosphäre, zu beginnen. So verdeutlichst du einen Stimmungswechsel. Die jetzige Beschreibung empfand ich, eingerahmt von den Verben "trällern" und "spazieren" unpassend, das bleibt aber subjektiv.
Spontan, glaube ich, wäre ein Einstieg im reduzierten Stil angebrachter. Nebel in den Tannenwipfeln, Nebel an Scheibe, Scheune, Villa ... Andere Frage: Wie ist der Nebel? Drückt er gegen die Häuser, drückt er gegen den Protagonisten an?
Oder schwebt er einfach, nicht störend sondern akzeptiert als morgendlicher Standard der lokalen Witterung?
Sophie geht im Wald Beeren pflücken. Hier könntest du die Witterung wieder aufgreifen: Vielleicht ein banaler Satz wie "dachte, ich werde nicht nass, aber bei dem Nebel hier."

Finde es total interessant, wie du auf diese Beschreibung der Atmosphäre qua Wettererscheinungen gehst. Finde das auch sehr schlüssig und werde bei einer nächsten Überarbeitung, die Begriffe ändern und das vielleicht nochmal etwas herausarbeiten. Auch die Interaktion mit dem Nebel wie mit einem eigenen Akteur ist spannend und verlangt nach einer Richtungsentscheidung. Spontan würde ich eher auf zwei Eigenschaften des Nebels gehen: Dass man sich darin verstecken kann, er dich also abschirmt und unsichtbar macht; zweitens dass er den Blick verstellt.

Dein Ich-Erzähler könnte sich eher wundern, warum Andersch plötzlich anwesend wirkt, sowas wie Sein Eintreten hatte ich nicht bemerkt.

analog zum Nebel. Könnte funktionieren ...

er weiß, wie unglaublich aufwendig ein kleiner Dokumentarfilm sein kann. Das könntest du stärker betonen und den Oberkreuzkörper Andersch ziemlich lächerlich aussehen lassen.
"Hab' schon einen Kurs gemacht, Dokumentarfilm für Anfänger, voll gut. Am wichtigsten ist das Frontallicht", sagte Andersch.

ja, da ist bestimmt noch was drin.

Den Nachmittag hatte ich frei. Ich setzte mich in den Garten, genoss die vom Tag übrigen Sonnenstrahlen, wanderte mit ihnen wie eine Kompassnadel, bis auch sie hinter den Tannen verschwunden waren.
Der Nebel hat sich aufgelöst. Vielleicht kannst du das noch erwähnen?

Ja, auch ein wichtiger Hinweis. Bei der nächsten Überarbeitung :D

Bereits vor einer Woche hatten Andersch und ich den Schuppen fertiggestrichen. Nun arbeitete ich auf dem Dach der Villa Kunterbunt, legte die Beine links und rechts über den Dachfirst, hatte mal Glück, mal Pech mit dem Wetter.
Zur nächsten Szene folgt ein Sprung von einer Woche. Das könntest du länger einleiten, wie sich das Wetter entwickelt hat, ob Nebeltage folgen ... irgendwie sowas.

würde dann in dem Zusammenhang auch Sinn ergeben. Muss dann nur drauf achten, dass es nicht zu bedeutungsschwer wird, man dort zu viel vermutet.

Vielleicht gehe ich ein Stückchen zu weit, aber Birgit ist die Herrscherin des Alltags. Sie bestimmt, was gemacht wird, wann es gemacht wird und wer was wie macht. Ausgerechnet die Unentschlossenheit des Ich-Erzählers greift Birgits Macht aber an. Birgit versucht, ihren Willen über die Sehnsüchte des Erzählers durchzudrücken

Das trifft es ganz genau. So sehe ich sie auch. Freue mich, dass das bei dir so rübergekommen ist und du das so gut in Worte gefasst hast.

Dass der (legendäre) Mineralienmarkt in Falköping nicht unbedingt in seinem Interessensgebiet liegt (analytischer Wesenszug), könntest du länger skizzieren.

ja, auch da ist noch was drin.

Der Sonntag war wie dafür gemacht, meine Angelegenheiten zu sortieren.
Warum? (Fiese Frage, ich weiß)

hatte auch noch jemand anderes gestellt. Hab ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, wo hier das Problem liegt. Ich habe vergessen, zu schreiben, dass der Sonntag der arbeitsfreie Tag ist. Da hat er einfach Zeit (hat er natürlich auch beim Arbeiten, aber da eben in ungeteilter Aufmerksamkeit). Muss ich irgendwie noch einfügen.

orientierte mich an einem Schild mit Runenzeichen, das hier auf Sehenswürdigkeiten hindeutete, nicht wie bei uns zu Hause. So kam ich auf einen Hof, wo eine Frau in Gummistiefeln und Holzfällerjacke die Hand zum Gruß hob.
Vielleicht assoziiere ich hier sehr krummschiefig, aber "Runenzeichen" + "nicht wie bei uns zu Hause" + "Hand zum Gruß", das verweist auf Nationales, Völkisches. Hm, aber vielleicht assoziiere ich da zu stark.

haha, ich glaube, du bist der erste, der das so herausgefischt hat. Tatsächlich habe ich es genau so gemeint (nur den erhobenen Arm nicht :lol:).

Griesgrämig und mit der Frage, ob der Zyniker in mir wieder einmal gesiegt hatte, schlief ich ein.
Hm, so zynisch empfand ich deinen Erzähler nicht. Im Grunde beschreibt er sich selbst als Zyniker, oder besser, er etikettiert sich selbst als solcher, ohne dass ich beim Lesen letzteren Eindruck bestätigt bekam.

Das ist gut. Zu viel Behauptung. Sehe ich ein und nehme ich mir auch vor zu ändern.

Ich frage mich, ob die Idee mit dem Fest schon früher eingeführt werden könnte. Sozusagen als Spannungs-Endpunkt.

Die Idee kam mir während des Schreibens auch, weshalb die Ankündigung wahrscheinlich etwas zu spät einsetzt. Das könnte man eigentlich schon im ersten Absatz bringen. Gute Idee.


Danke dir für deine zahlreichen Anmerkungen. Hoffe, ich bin deinen Kommentaren halbwegs gerecht geworden. Hab ne schöne restliche Woche und lass dich nicht stressen :)
 
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Lieber Friedl,

danke, dass du dich nochmal gemeldet hast. Ja, dann bin ich ja beruhigt:

aber „Beschreibungsliteratur“ ist alles andere als negativ gemeint und kann man durchaus buchstäblich nehmen, beginnend bei Äußerlichkeiten von Personal und Inventar. Da ist dann auch die Gefahr groß, von Adjektivitis befallen zu werden.

stimmt. Und deshalb will ich das auch gar nicht als Entschuldigung nehmen. Gerade bei den ersten Absätzen, sollte das nicht sein. Da ist einfach die Abschreckungsgefahr viel zu hoch :lol:

Es brauchte keine Worte, um einen Eindruck von ihrem und Sophies Verhältnis zu gewinnen.
Ich komm da gern als Vergleich mit der Frage „haben sie Kinder?“, die ich nur verneinen kann, ohne zu lügen - es sei denn, man rechnete zumindest einen Enkel mit ein ... soll heißen, warum Pluralbildung („keine Worte“), wo ein (einziges) Wort reicht?

Das kann man sich eigentlich mal merken. Könnte von Wolf Schneider sein, hehe.

Bis bald dann!
LG
Carlo
 
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Das kann man sich eigentlich mal merken. Könnte von Wolf Schneider sein, hehe.
Wird vllt. auch sein. Aber es gibt ja auch das Gegenteil wie das einzigste oder in keinster Weise. Und wenn ich Dir sag, dass selbst Goethe solche Floskeln verwendete, relativiert sich wieder alles.

Tschüss

Friedel
 
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Lieber @Peeperkorn ,

jetzt auch hier die Rückmeldung, hat ja auch lange genug gedauert :rolleyes:
Das war ein sehr schöner zweiter Besuch, und es ist auch gar nicht schlecht, das jetzt nach einigen Monaten noch einmal zu lesen und jetzt auch zu kommentieren.

Diese Tell-Geschichte (nicht die von Schiller, sondern das vorliegende Problem)

Richtiger Literaturjoke :lol:

Tell ist meines Erachtens dann gut, wenn es ins Allgemeine tendiert. Beispiel: "Mit einer Wärme, die nur Menschen eigen ist, die viel gelitten haben, nahm sie mich bei sich auf".
weil dieser Nebensatz "die nur Menschen eigen ist ..." einerseits etwas Allgemeines über das Menschsein aussagt, anderseits etwas darüber, wie der Erzähler die Welt sieht.
dadurch entsteht eine Innerlichkeit

Das ist gut auf den Punkt gebracht. Dann hat es sogar was von Erlebter Rede. Dadurch entspricht es inneren Vorgängen der Figur bzw. Äußerungen davon. Da wird die Distanz zum Erzähler größer. Dann ist es im Wortsinn zwar 'Tell', aber es ist keine Behauptung des Erzählers, sondern eine Behauptung der Figur, die, wie du ja auch schreibst, eine bestimmte Weltsicht impliziert. Das Impliziertsein schafft dieses Gefühl von Innerlichkeit, glaube ich. Wenn man sich damit theoretisch beschäftigen wollte, wäre wohl Ansätze der praxeologischen Wissenssoziologie (Bohnsack 2007, 2008 [nach Wiki zitiert]) in den Fußstapfen Karl Mannheims interessant. Da steckt das alles drin, die haben eine komplette Sprache dafür entwickelt; du kennst das wahrscheinlich. Worüber wir hier gerade reden, ist wohl so etwas wie der 'Orientierungsrahmen'. Falls dich das interessiert kann ich dir das hier empfehlen: "Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch von Aglaja Przyborski und Monika Wohlrab-Sahr, S. 277-314" Da wird das ganze Vokabular nochmal aufgeführt (ist aber auch einigermaßen kryptisch geschrieben und auf die dokumentarische Methode gemünzt).

Damit man sich den von dir ausgeführten Punkt mal merken kann: Figuren sollen sich aus dem Fenster lehnen. Ihre Impulse, Reaktionen und Gedanken implizieren ihren Charakter.


Die Sache mit dem "Sein". Ich weiss gar nicht, ob das zu dieser Tell-Geschichte notwendig dazu gehört. Ich denke, es hat eher grundsätzlich mit erzählerischer Eleganz zu tun. Wie verpacke ich Informationen? "Demian ist gross." ist halt immer plumper als z.B. "Demians Grösse stand in keinem Verhältnis zu ..." oder "Mit seiner Grösse hätte Demian ..." etc.

das stimmt, das ist schon etwas anderes. Obwohl das 'ist' immer eine Behauptung ist, die sich erst bewist, wenn der Satz ins Aktiv gestellt und mit einem starken oder auf eine konkrete Tätigkeit hinauslaufenden Verb verbaut ist; das führt meistens auch dazu, dass die Akteure noch einmal geklärt werden. 'Ist', macht einfach nichts konkret. Eine Zeit lang habe ich mich daran ganz toll gehalten, jetzt ist es mir oft zu blöd.

"Die Seminarzeit ist vorbei."

--> "Die Dozentin beendet das Seminar und wünscht ein schönes Wochenende."

da sind plötzlich Akteure und Tätigkeiten. Nur durch die Verwendung starker oder konkreter, handlungsimplizierender Verben.

Es kommt darauf an, welche Wörter da sonst noch im Text herumstehen.

Ja, ich glaube, deswegen habe ich aufgehört da so streng drauf zu achten. Obwohl ich das Gefühl hatte, es funktioniert. Vielleicht bin ich auch zu faul..

Danke dir Peeperkorn! War spannend, nochmal darüber nachzudenken

Lieben Gruß
Carlo

----

Und dir @Silvita ,

danke für die kurze Rückmeldung :gelb: und bis bald!

Dir auch liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Carlo
 
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Hey @zigga ,

hat mich sehr gefreut. Vielen Dank für den tollen Kommentar. Ich antworte zwar jetzt erst, habe den Kommentar aber schon sehr oft durchgelesen und auch in meinen Antworten an die anderen KommentatorInnen zu verinnerlichen (bzw. zu veräußerlichen :rolleyes: ) versucht. Da sind sehr gute Punkte dabei, und auch wenn ich noch gar nichts Neues in der Schublade habe, kursieren die Gedanken schon ständig darum, wie ich diese Anregungen demnächst umsetzen kann. Vielleicht auch mal wieder in etwas handlicherem Format, aber vielleicht auch nicht :D

aber ich hatte beim Lesen tatsächlich großes Vergnügen und das Gefühl, in deiner Story zu versinken.

das freut mich sehr von dir zu hören.

ein wenig an Murakami

das nehme ich auch gerne als Kompliment. Zwar liegt die Zeit meiner großen Murakami-Verehrung schon etwas zurück, heißt aber nicht, dass ich seine Geschichten nicht noch immer sehr schätze.

Btw. hast du eine literarische Empfehlung für mich. Etwas das passen könnte? Kaue immer auf denselben Steaks rum.

sehr reif und sicher, als ob du so deinen Duktus gefunden hättest

das ist auch sehr nett. Ja, jetzt müsste da eben noch etwas mehr von diesem äußeren Konflik rein, den du beschrieben hast. Das versuche ich dann als nächstes. Aber vielleicht wird es auch mal wieder eine ganz dichte Story in einem anderen 'Duktus'.

sind die Figuren. Wie filigran du sie zeichnest und wie verdammt echt sie wirken

jippi :-)

Fallhöhe zusammengefasst, die ihnen ein wenig fehlt. Ich weiß nicht, ob ich das auch so titulieren würde, denn das fokussiert sich für mich zu stark auf die Sache, dass „zu wenig auf dem Spiel“ stehen würde.
Ich finde den inneren Konflikt des Prots absolut ok und erzählenswert, aber dieser Konflikt ist mir noch zu sehr „im Inneren“ und zu wenig „greifbar“ - das ist wie der Unterschied zwischen Show und Tell, mMn. Also der Prot hat den konkreten Konflikt, dass er nicht weiß, wohin im Leben. Das ist - wenn man so will - ein sehr abstrakter Konflikt: er bezieht sich erstmal nicht auf „Dinge“ im Außen, an denen man das (auch szenisch) zeigen könnte.
Du tust das dann, indem die Host ihn dabehalten will. Aber das ist mir für den Text und seinem anderen Aufbau zu wenig.
Aber diese Veränderung - und das möchte ich letztendlich sagen - müsste im Außen passieren und überwunden werden

spannend, wie du dich davon nochmal abgegrenzt hast. Ich denke, es hängt schon irgendwie auch zusammen. Die Fallhöhe entsteht ja auch durch einen starken (äußeren) Konflikt. Was ich aber sehr erkenntnisreich fand, war diese Trennung von innen und außen. Es stimmt, das läuft in meiner Story alles so kognitiv ab. Die Konfliktlinien, die den Plot ausmachen, die Konfrontationen (z. B. die im Gespräch mit Andersch, der so eine Art negative Identifikationsfigur darstellt) diese ganzen Sachen macht der Protagonist mit bzw. in sich aus. Das einzige ist dann wirklich die dialogische Auseinandersetzung mit Birgit, wie du ja auch schreibst. Bloß, genau wie du das auch sagst: das ist sehr wenig.

Wenn dein Prot wollen würde, könnte er einfach gehen und es würde sein Leben nicht weiter beeinträchtigen.

Das ist ein gutes Instrument zur Diagnose, ob es einen äußeren Konflikt gibt oder nicht. Du hast das benutzt und festgestellt, wie es ist. Dieser äußere Konflikt fehlt. Was ich sagen will: ich glaube, so einen Konflikt kann man von verschiedenen Seiten aus mitplanen. Ob man jetzt von der Fallhöhe (also dem, was auf dem Spiel steht) ausgeht oder von der Ausweglosigkeit oder von der Verlagerung der Konfliktlinien bzw. der Struktur des Plots nach außen (in die Welt der Sinne, der praktischen, dinglichen Auseinandersetzung) statt nach innen (ins rein psychologische, kognitive).

Aber - so geil die Idee mit dem Trikot auch ist -, ist das keine „Lösung“ für den Konflikt des Prots für mich. Ich spüre die Veränderung in ihm hier nicht. Es ist etwas, das im Außen passiert, was ihm - wortwörtlich - übergestülpt wird, für das er aber nichts getan hat, nichts geopfert oder gewagt hat.

das wäre für mich so ein Resultat aus der fehlenden Fallhöhe. Damit lässt es sich am besten erklären, finde ich.

damit sie erstens für uns Leser szenisch sichtbar wird, zweitens damit wir Leser der inneren Veränderung vertrauen können (wie ein Beweis)
drittens glaube ich einfach, dass innere Konflikte (im echten wie fiktiven Leben) tatsächlich nicht durch Nachdenken gelöst werden können

Ich glaube, Innere Konflikte sind immer nur ahnbar. Niemand verfügt über ein Werkzeug, um das zu beobachten und wenn doch (Neurologie), dann sind die dabei vorgehenden Prozesse winzig, stehen kaum in einem verstehbaren körperlichen Verhältnis zum Menschen.
Äußere Konflikte können beobachtet und eingeschätzt werden. Dadurch können Akteure bzw. Beobachterinnen (RezipientInnen) daran auf praktisch sinnliche bzw. visuelle Weise teilhaben. Sie können mit dabei (lat. inter) sein (lat. esse). BeobachterInnen interessiert es und Akteure bekommen es mit allen Sinnen zu spüren.

Ich musste das jetzt mal so theoretisch für mich runterbrechen, weil ich das Gefühl habe, mir das ganz schlecht erklären zu können. Aber ich brauche solche Erklärungen, damit ich so ein Prinzip umsetzen kann.

vllt bringt dir meine Kritik für kommende Projekte etwas ;))

Da bin ich mir sicher :gelb:

Beste Grüße
Carlo
 
Senior
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10.02.2000
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Mahlzeit @Carlo Zwei,

meinen Geschmack hast du voll getroffen. Lesen und sich wohlfühlen. So muss das. Es ist dein Stil, dir eigen und mit erkennbarer Note; stünde jetzt ein zweiter Text daneben mit unbekanntem Autor. Schweden ist aber auch wirklich gut geeignet, um mal ein wenig die Sinnfrage zu stellen. Das war mir schon als Kind beim Ansehen von Pippi, Bullerbü und Saltkrokan klar. Interessant war auch das Bild der Scheunen und das typische Rot. Keine Ahnung warum, aber mir fielen diese Scheunen der in die USA (Mittlerer Westen) ausgewanderten Schweden ein, als ich da mal mit dem Leihwagen vorbeifuhr und dachte, ich sei in Schweden.

Ein sehr schönes Stück Literatur.

Beste Grüße
Morphin
 

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