Was ist neu

Hilflos

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09.09.2020
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Anmerkungen zum Text
Hallo ich bin neu in der Runde und freue mich über offenes und ehrliches Feed-back. Hoffe ich habe keine Regeln übersehen.
Vielen Dank im Voraus!

Hilflos

Den Blick gesenkt, den Rücken gerade, sitze ich am Frühstückstisch, wie es von mir erwartetet wird. Ich tauche den Löffel in meine Plastik Schale – denn das Porzellan ist zu schade für uns sagt Mama – und zucke zusammen als ein schabendes Geräusch ertönt. Mats sitzt neben mir und zieht die Schultern hoch. Unsere Blicke treffen sich, als wir beide aufsehen. Sofort drückt Mama unsere Köpfe nach unten. Papa mag es nicht, wenn wir den Blick heben oder ein Geräusch verursachen, denn dann weiß er wieder, dass es uns gibt und kann nicht so tun, als wären wir Luft. Die Uhr an der Wand tickt. Es verstreichen drei Minuten, bevor ich mich wieder traue den Löffel in meine Müsli-Schüssel zu tauchen. Erleichtert atme ich aus und lasse die Schultern sinken. Papa hat heute einen guten Tag. Das ist selten.
Das schabende Geräusch von Papas Stuhl dröhnt mir in den Ohren, als er aufsteht, die Zeitung faltet und auf den Tisch wirft.
»Bis später, Schatz«, sagt er, küsst Mama kurz auf den Mund und geht zur Küche hinaus.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 7:45 Uhr – wie immer. Papa fährt gleich zur Arbeit, aber vorher besucht er sie noch. Mats, Chris und ich erheben uns eilig und räumen die Küche auf. Ich bin der Älteste von uns und am längsten hier. Chris wohnt erst seit einem Jahr bei uns. Mama und Papa brauchten das Geld. Also haben sie ein weiteres Pflegekind aufgenommen. Während ich das Geschirr spüle, höre ich an den knarrenden Stufen wie Papa die Treppe herunterkommt und Sekunden später das Haus verlässt. Fast zeitgleich fängt sie an zu weinen, wie jedes Mal. Mats der abtrocknet, ballt die Hand zur Faust. Tränen schimmern in seinen Augen, während Chris seine Hand in mein Hemd krallt. Unsere Blicke heften sich an die Decke. Hilflos. Verzweifelt. Zur Untätigkeit verdammt. Ihr Zimmer ist genau über uns im ersten Stock, aber wir dürfen nicht hinauf. Unsere Betten stehen in einer schmalen Kammer im Keller. Papa hasst es, dass er seine Sauna unseretwegen aufgeben musste, weswegen er an seinen Sauna-Tagen, wenn er aus der Sauna seines Fitnessstudios kommt besonders gemein ist.
»Steht da nicht so rum jämmerliche Taugenichtse«, ruft Mama und haut mir auf den Hinterkopf. Ich bin der Älteste von uns Kindern und habe daher die Verantwortung. Mama und Papa hatten schon viele Kinder, aber ich bin am längsten hier. Mit fünf bin ich hergekommen, jetzt bin ich dreizehn. Mats kam vor drei Jahren. Mama sagt sie braucht Jungs zum Arbeiten aber Papa mag keine Jungs. Er mag lieber Mädchen, deswegen haben sie vor ein paar Monaten Florence geholt. Das Weinen ignorierend, waschen wir zu Ende ab. Dann bereite ich das Frühstück für Florence vor bestehend aus einem Brötchen mit Salami und einem Kinderpinguin, den wir für sie aufgehoben haben, gehe ins Wohnzimmer und bringe es Mama, die auf dem Sofa sitzend abwesend auf die Wand starrt. Sie hasst die Morgen, wenn Papa Florence besucht.
»Mama das Frühstück für Florence«, sage ich und halte ihr das Tablett hin.
»Dieses Miststück soll doch sehen, wo es bleibt«, zischt Mama und ihre Lippen verziehen sich zu einem schmalen Strich. Dann erinnert sie mich an meinen alten Teddybären, dessen Mund aus einem ausgefransten Faden besteht. Ich stelle das Tablett in die Küche und mache mich an meine Aufgaben.
Der Tag verläuft wie jeder andere. Wir räumen alles auf, bis auf den ersten Stock, aber dort ist auch nur ihr Zimmer und das Schlafzimmer von Mama und Papa. Und wir dürfen nicht hinauf.
Um drei schläft Mama schließlich auf dem Sofa ein.
»Mats pass auf, wenn Mama sich rührt, dann ruf leise«, sage ich und greife das Tablett. Die Schokolade am Kinderpinguin ist bestimmt längst geschmolzen und matschig.
»Was hast du vor?«, fragt er und seine blauen Augen sind wie bei Florence Puppen riesengroß.
»Sie braucht was zu essen«, antworte ich und ignoriere das brennende Gefühl in meinem Bauch. Aber wenn Mama nicht aufwacht geht alles gut. Papa kommt erst um halb fünf, also wird niemand wissen, dass ich oben war. Ich nehme den Teller, auf dem ich ein zweites Brötchen mit Käse anrichte, da es nun schon Mittag ist und Florence noch immer nichts zu essen hatte und gehe langsam die Treppe hoch. Ganz vorsichtig, damit die Stufen nicht Knarzen. Mama hat einen leichten Schlaf. Oben angelangt, wende ich mich nach rechts. Hinter der weißen Tür herrscht Stille. Ich drehe den Knauf und öffne sie. In der Mitte des Raumes steht ein Bett, sonst ist nichts im Raum. Florence kauert am Bettende in eine Decke gewickelt. Ihre großen braunen Augen sind geöffnet und schwimmen in nicht vergossenen Tränen.
»Ich habe hier etwas für dich«, flüstere ich und hoffe, dass Mama noch schläft. Ich kenne schließlich die Strafe für meinen Regelverstoß.
»Schatz ich bin wieder zu Hause, ich habe heute früher Schluss gemacht«, schallt die tiefe klare Stimme von Papa hinaus. Er ist zurück.
 
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Hey, willkommen bei den Wortkriegern!

Du schreibst in Deinem Profil, dass Du Deine Hemmschwelle überwinden und mit Deinen Geschichten in die Öffentlichkeit willst - super! Vielleicht tut das manchmal weh, aber langfristig lohnt es sich.

Deshalb nehme ich jetzt mal kein Blatt vor den Mund: Ich fand die Geschichte enttäuschend. Ein schwieriges Thema, aus dem Du viel mehr hättest machen können.

Vieles an der Story kommt mir sehr konstruiert vor. Als wolltest Du unbedingt diesen einen Effekt erreichen, hm, wie schafft man das, ah, mit diesem Klischee und mit diesem. Beispielsweise, dass die Pflegeeltern die Kinder aufnehmen, um Geld zu bekommen. Das ist eine Milchmädchenrechnung - in der Regel zahlt man drauf.

Überhaupt ist es ein schwieriger und langwieriger Prozess, Pflegeeltern zu werden - ich habe mich einmal damit befasst, deshalb weiß ich es. Es ist verbunden mit zahlreichen Workshops und Lehrgängen und es findet, vor allem in der Anfangszeit, eine engmaschige Betreuung durch das Jugendamt statt. Die Kinder werden nach Vermittlung nicht einfach abgehakt, der Kontakt bleibt weiterhin bestehen.
Und beide Eltern, Mama und Papa, vermitteln mir in Deiner Geschichte nicht glaubhaft den Eindruck, dass sie intelligent genug sind, das Jugendamt über Jahre hinweg so schwer täuschen zu können.
Die Kinder werden ja auch zur Schule gehen - dort besteht Kontakt zu geschultem Lehrpersonal. Ist in all den Jahren dort niemandem etwas aufgefallen?
Und wieso versuchen sie nicht selbst, Hilfe zu bekommen? Sie schweigen und erdulden nur, obwohl zumindest der Protagonist sehr genau zu wissen scheint, dass hier ein großes Unrecht geschieht.

Was die Rechtschreibung angeht, machst Du viele Fehler.. hier ein paar in den ersten Absätzen, weiter wollte ich nicht alles auflisten.


sitze ich am Frühstückstisch wie es von mir erwartetet wird
Komma

und zieht ängstlich die Schultern hoch
Das ist zwar grammatikalisch richtig, aber das Adverb braucht es eigentlich nicht. Show, don't tell.

als wir beide Aufsehen
aufsehen

Die Uhr an der Wand tickt und so weiß ich, dass drei Minuten verstreichen, bevor ich mich wieder traue den Löffel in meine Müsli-Schüssel zu tauchen
Mach zwei Sätze draus. Sonst: traue KOMMA den

»Bis später Schatz«,
Komma

Mats, Chris und ich erheben uns in eilig und räumen die Küche auf
ohne in

Chris wohnt erst seit einem Jahr bei uns, weil Mama und Papa das Geld brauchten, haben sie ein weiteres Pflegekind aufgenommen.
Mach zwei Sätze draus.

wenn er aus der Sauna seines Fitnessstudios kommt besonders gemein ist.
Wie ist er denn gemein? Erzähl davon!

einem Kinder Pinguin
Ein Kinderpinguin? Oder ein Kinder Pingui? :)

Ich denke, wenn Du die Story überarbeitest, kann sie gut werden. Versuch, feinfühliger zu sein, weniger klischeehaft. Schau in Deine Figuren hinein. Du kannst überzeichnen - aber bleib glaubhaft.

Einen Ansatz von dem Grauen, dass Du vermitteln möchtest, kann ich spüren. Konzentrier Dich da drauf!

Bleib dran!

Peace
Mel
 
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Hallo Mel,

vielen Dank für das Feedback, das hilft mir wirklich sehr. Es fällt mir oft schwer mit Abstand an die Geschichten heranzugehen und darum mein Schritt mich bei Wortkrieger anzumelden. Tatsächlich kenne ich mich mit der Thematik um die Pflegekinder nicht sonderlich gut aus, aber finde deine Bemerkungen spannend und werde auf jeden Fall mal recherchieren.

LG
R. D. Felk
 
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Hi @R. D. Felk ,

damit es realistischer wirkt, könnte es um die richtigen Kinder des Ehepaars gehen, nicht um Pflegekinder. Ich kenne zwar die Voraussetzungen und Regularien nicht, aber es wirkt tatsächlich so, als könnten sie sich jeweils kurzfristig und unkompliziert ein weiteres Kind dazuholen.

Die bedrückende und schlimme Situation wird auch in der bisherigen Darstellung deutlich, aber ich glaube, der Geschichte würde es gut tun, wenn du ihr ein paar Szenen mehr gibst und dir einen Handlungsverlauf überlegst. Nur als spontane Ideen: Die Kinder planen einen Fluchtversuch, oder versuchen, einem Lehrer von den Misshandlungen zu erzählen, wissen aber nicht, ob sie ihm trauen können.

Nur eine Szene kann zwar auch einen Eindruck hinterlassen, aber der ist schnell wieder weg, gerade wenn mir die Protagonisten kaum näher gebracht werden und ich demnach auch kaum mitfiebere, was passieren wird.

Mit der bisherigen Version hast du m.E. schon mal einen guten Anfang gemacht, den du nach und nach weiterentwickeln könntest.

Viele Grüße!
Rob
 
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Hallo @R. D. Felk

du hast dir ein wichtiges Thema vorgenommen. Die Jugendfüsorge agiert seit ihrer Entstehung in einem schwammigen Feld zwischen Hilfe und Missbrauch der Kinder. Diesen Widerspruch hatte schon Charles Dickens als Thema erkannt und wurde immer wieder von aufmerksamen Zeitgenossen journalistisch oder literarisch verarbeitet. Die Zustände in bundesdeutschen Kinderheimen in den 60er Jahren motivierten gar eine Journalistin zum gewaltsamen Widerstand gegen die politischen Strukturen, die sie dafür verantwortlich machte. Ein anderer Aspekt ist, dass tausendfache Folter und Missbrauch in DDR-Kinderheimen bis heute nicht strafrechtlich verfolgt wurde. Immer mit der Begründung, das alles was ein Jugendamt beschließe, zum besten des Kindes geschehe.

Der Knackpunkt bei diesem Thema ist die Hilflosigkeit der Personen, denen vorgeblich durch Heimerziehung oder Vermittlung in Pflegefamilien geholfen werden soll.
Deshalb ist es eine gute Entscheidung von Dir, das Erleben aus der Perspektive eines betroffenen Kindes zu berichten. Du stellst die ständig präsente Angst, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, gut dar. Anfangs gelingt es mir auch leicht, mich einzufühlen. Mir gefällt der Erzählton, er passt gut zum Thema und der Perspektive.

Dann machst du aber den Fehler, der manchen Autoren unterläuft, die ein wichtiges Thema vermitteln wollen: Du vergisst, dass die Leser eine Handlung benötigen, die sie durch das Thema trägt. Im Grunde schilderst du eine Situation, die Atmosphäre und die Gefühle der Figur, aber das wird schnell langweilig, wenn die Figur nirgendwo hingeht, wohin ich ihr folgen kann oder will.
Es herrscht statische Hoffnungslosigkeit. Und es wird immer schlimmer und trauriger ...
Hier fehlt eine gewisse Dynamik. Zum Beispiel: Ein Versuch der Figur, auszubrechen. Das könnte auch über die Pflegemutter geschehen. Die scheint ja nicht sehr glücklich mit der Situation zu sein.
Dabei ist es zweitrangig, ob der Protagonist erfolgreich ist, mit dem was er tut. Hauptsache, er tut etwas.

Bleib dran!

Schönen Gruß!
Kellerkind

Und wieso versuchen sie nicht selbst, Hilfe zu bekommen?
Doch über so viele Jahre hinweg, mit so vielen Kindern und dann durch Pflegeeltern und nicht durch die leiblichen Eltern, das halte ich nicht für realistisch.
Das ist der typische Tritt in den Arsch, den Pflegekinder im Anschluss an jahrelangen Missbrauch vom Jugendamt bekommen. Danke für Deine hervorragenden Beispiele von Plattitüden zu diesem Thema.
 
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26.03.2003
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@R. D. Felk
Bleib dran! Ich würde gerne eine zweite Version lesen. Es ist ein wichtiges und sehr bedrückendes Thema und ich finde es gut, dass Du dich daran wagst.

@Kellerkind
Ich hatte auch geschrieben, dass es leider eine viel zu hohe Anzahl von Missbrauchsfällen gibt, die nie aufgedeckt werden, das hättest Du mit zitieren können. Aber ich sehe, was Du meinst und Du hast recht. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass Kindemissbrauch in unserer Gesellschaft nicht vorkommt. Tut es, leider.
Die Umsetzung in der Geschichte halte ich trotzdem für verbesserungsfähig.
 

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