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Hunger

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Hunger

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land der Herren vom Land der Fürstin trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Er vernahm das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem stand weiß in der Luft. Er roch Blut, Schweiß und Urin.
Vergeblich suchte er nach einem Versteck. Hier hatten sie in Sommernächten nach der Feldarbeit geschlafen. Doch der Winter hatte alles entblößt. Ein zweiter Pfeil traf ihn in den Rücken. Er brach auf die Knie. Seine Sicht verschwamm und er zog die Arme vors Gesicht. Laub raschelte und die Hunde stürzten sich auf ihn. Ihre Fänge schlugen in seinen Arm und Oberschenkel. Über ihm saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer von ihnen in einen roten Apfel biss. Saft tropfte in den Schnee.

*​

Mit einem weißen Tuch tupfte sich der Verwalter die Soße von den Lippen, ehe er ein weiteres Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen. Dann erhob er sich, sah seine Frau an und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte den Verwalter wohlig an das Zertreten morschen Holzes. Er sattelte auf, presste seine Schenkel sanft gegen die Flanken und trabte auf die Straße hinaus, die zu den Höfen der Bauern führte. An der Weggabelung entschied er sich für den ebeneren Weg, der oberhalb der bäuerlichen Gemarkung verlief. Den Herzoglichen Weg nannte er ihn, denn er fühlte sich wie ein Herzog und nicht wie ein Landherr, wenn er ihn im Galopp beritt. Ein Ruck. Ehe er verstand, flog der Verwalter vornüber, konnte die Arme nicht einmal vor sich werfen, fiel schmetternd auf Brust und Schulter. Ein dumpfes Knacken. Mit verschwommenem Blick sah er das Pferd vor sich im Schnee liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil. Er versuchte sich aufzurichten, die Beine gehorchten ihm nicht. Müde, faltige Gesichter beugten sich über ihn. Er sah den Hufschmied, den Vetter des Landarbeiters und einige ihm weniger bekannte Leute. Als er den Mund öffnete, setzte der Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte.

*​

Der Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin jagten sich die Böschung hinab zu den gefrorenen Flussläufen. Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee brachen. Der Zöllnerjunge glaubte, sein Herz zerspränge, seine Kräfte versagten. Also ergab er sich, indem er sich die Arme vors Gesicht hielt. Eine Hand packte ihn am Gelenk und zerrte daran, bis er nachgab. Sie lachten. Dann presste ihn der Sohn der Landgräfin an den Fesseln in die Schneedecke und er leistete ihm nur so viel Widerstand, wie es ihm angenehm war. So lagen sie da und er fühlte seine kalte Hand auf der Wange und ihre Lippen berührten sich.

*​

Im Galopp ritten die Männer über das Land und ihre Schwerter blitzten in der Sonne. Ohne an Tempo zu verlieren hielten sie auf den Brückenkopf zu, der die östlichen Besitzungen mit den Ländereien der Gräfin verband. Der Zöllner sah sie von weitem herannahen und pfiff durch die Finger, um den jungen Knecht aufzuwecken. Als der nicht reagierte, zog er ihn am Ohr, und weil der Zöllner seit einem Jagdunglück verstummt war, zeigte er auf die Herren, um ihre Ankunft zu verkünden. Sofort sprang der Knecht auf, um die Seilwinde zu bedienen. Knarrend rührten sich die Ketten der Zugbrücke. In dem Moment, als sie in der Bodenfassung versank, setzten die Pferdehufe auf. Ohne ihre Reihe zu verlassen oder den Zöllner zu grüßen, galoppierten die Herren auf die Brücke. Schweigend beobachteten der Zöllner und sein Knecht den Zug.
Die Reiter hielten auf den Sitz der Fürstin zu, der sich über dem Wald erhob und sie mit steinernen Stufen in den Trab zwang. Knappen nahmen ihre Pferde und Schwerter entgegen und geleiteten sie zum Bergfried. Ein Vorsteher führte sie an den Wachen vorbei in den Tafelraum. Dort saß die Fürstin mit dem neuen Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Die Herren verneigten sich formhalber, aber nicht allzu tief.
Einer von ihnen trat hervor. „Die Dörfer brennen.“

*​

In den Flammen und dem Rauch und den verhallenden Schreien kauerte ein Kind unter einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an Vater oder Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war. Noch ehe es auf den Kohlwagen kletterte, schlug ein Pfeil ganz dicht neben ihm in einen der Kohlköpfe ein. Das Kind drehte sich nach dem Schützen um, doch er war nicht zu sehen.

 
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Hallo @Carlo Zwei ich mag historisch angehauchte Texte sehr gerne und war deswegen direkt gespannt, wie du das angehst!

Ich steige direkt mal ein:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen des Herzogs trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Deutlich vernahm er das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem beschlug und er roch das Blut, den Schweiß und den Urin.
Ich bin da zwiegespalten. Einerseits trägt das zur Atmosphäre bei. Andererseits versuch ich mich in die Situation hereinzubegeben. Da fällt es mir dann schwer, zu glauben, dass eine Person in der konkreten Situation (voller Adrenalin in Todesangst) solche sinnlichen Details wie Geruch wahrnimmt. Aber möglich ist das vermutlich schon.

Und während sein Blick noch umherirrte, traf ihn ein zweiter Pfeil mit einer Wucht in den Rücken, dass er stöhnend auf die Knie sank.
Würde ich streichen. Ich frage mich auch, ob stöhnen hier das passende Wort ist. Weiß nicht, stell mir da eher einen erstickten Schrei oder ein Ächzen vor.
Laub raschelte auf und Mäuler voller Zähne bissen nach seinem Arm und Oberschenkel.
Mäuler voller Zähne klingt in meinen Ohren ein wenig ungeschliffen. Ich habe aber leider auch keinen besseren Vorschlag im Gepäck :/

Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren zufrieden in einen roten Apfel biss, dass einige Safttropfen zu den Seiten auf den schneebedeckten Boden fielen.
Das ist sicherlich gewollt von dir und vielleicht auch eine Geschmakcsfrage, aber mir ist das hier zu dick aufgetragen. Also nicht nur, dass die Herren ihren Hunden zusehen, nein, der eine muss auch noch genüsslich in einen Apfel beißen UND die Tropfen fallen in den Schnee, just in dem Augenblick, als der Mann stirbt. Aber wenn das der Ton des Textes sein soll, ist es im Gesamten vielleicht auch ganz passend. Bin noch unschlüssig.

Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war,
Wieso offenkundig? Woran bemerkt man das als Leser? Oder auch er in der Situation. Ich meine, er kennt ja seine Frau. Warum also hier erwähnen? Und für den Leser ist es ja eben nicht offenkundig.

Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war, und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte den Verwalter wohlig an das Zertreten morschen Holzes. Er sattelte auf
Mir ging das zu schnell. Gefühlt war ich gerade noch beim Essen, schon sitzt er auf dem Pferd. Du hast einen Absatz drin und der Fehler liegt wahrscheinlich bei mir, aber ich frage mich, warum überhaupt die Voranstellung mit seiner Frau und dem Braten? Warum nicht gleich im Stall starten und Verwirrung umgehen?

Ein Zischen.
Mit verschwommenem Blick sah er das tote Tier vor sich liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil.
Für mich passen das Zischen und das Seil nicht zusammen. Ich dachte erst an ein Geschoss, einen Pfeil, der ihn erwischt hat, aber offensichtlich ist er ja durch das Seil gestürzt, bzw. sein Pferd und er ist deswegen abgworfen worden. Mir ist auch nicht klar, warum das Pferd sofort tot sein soll. Es ist über das Seil gestolpert, aber durch den Sturz direkt gestorben? Möglich, aber bin hier trotzdem gestolpert (höhö)

Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee wateten, der hier tiefer wurde.
Würde ich streichen.

bewaldete Bergfestung
Habe hier Schwierigkeiten mit dem Bild. Die Festung wird ja nicht bewaldet sein, sondern die Umgebung drumherum, oder?

Dort saß die Fürstin mit ihrem sabbernden Bruder, dem neuen Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Tja, hier habe ich gestutzt. Ich hab das nicht zusammenbekommen. Ist der Bruder, derjenige Verwalter, der überfallen wurde? Und deswegen sabbert er jetzt (weil verletzt?). Wenn nicht, warum ist er der neue Verwalter und warum erwähnst du, dass er sabbert? Es mag an mir liegen, aber das habe ich nicht so ganz verstanden.

In den Flammen und dem Rauch und dem Schreien und Töten kauerte ein Kind unter einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an Vater oder Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war
Hier hatte ich Schwierigkeiten. Ich kann mir vorstellen, dass der Hunger so groß wird, dass man erhebliche Lebensgefahr eingeht, um etwas zu essen zu besorgen. Aber hier scheint mir der Überfall auf das Dorf ja noch in Gange zu sein, oder? Da ist das für mich schlicht nicht vorstellbar, dass er während des Überfalls an Kohl denkt. Davor - klar. Danach - absolut. Aber in dem Augenblick der Attacke - glaub ich nicht. Bzw. den Gedanken daran finde ich sogar noch nachvollziehbar (auch während des Angriffs), aber er klettert doch nicht aus seinem Versteck, während um ihn herum die Hölle los ist? Da wartet er doch zumindest ein bisschen ab.

Das Kind drehte sich nach dem Schützen um, doch er war nicht mehr zu sehen.
Warum mehr? Hat das Kind ihn vorher gesehen?

Momentan ist deine Geschichte für mich noch eher ein moodboard. Das Thema Hunger zieht sich durch, aber so ganz verbunden scheinen mir die einzelnen Passagen noch nicht zu sein. Zum Beispiel hat sich die Szene mit den beiden Söhnen für mich noch zu zufällig angefühlt, zu wenig mit dem Rest verwoben. Auch glaube ich, dass es dem Text guttun würde, ihn vielleicht ein bisschen mehr auszubauen. So passiert da ja recht viel in recht kurzen Abständen.
Und dann habe ich noch überlegt, ob es nicht gut wäre, wenn du dich auf eine Figur konzentrierst (zB den Verwalter) und den dann in die verschiedenen Erzählstränge (mit dem übergreifenden Thema Hunger) einbaust? Könnte mir vorstellen, dass der Text davon profitieren würde. Wert wäre das in meinen Augen in jedem Fall, weil das Thema und das historisch angehauchte Setting für eine gute Geschichte viel hergeben.

Beste Grüße
Habentus

 

Hey @Habentus ,

danke für den super hilfreichen Blick. Ich habe versucht, alle deine Anmerkungen umzusetzen, weil ich fast alles davon nachvollziehen konnte. Wenn du Lust hast, schau gerne noch mal drauf, wie es geworden ist. Ansonsten will ich dir auf jeden Fall nochmal für das genaue Lesen danken! :)

Was den letzten Vorschlag angeht: Da bin ich unschlüssig. Für mich ist der Text keine klassische Kurzgeschichte mit einer Leitfigur, sondern eher eine Komposition aus mehreren Bildern, die zusammen ein Motiv umkreisen. Wenn ich ihn stark auf eine Figur zuschneiden würde, wäre es im Grunde ein anderer Text. Reizvoll ist die Idee auf jeden Fall – aber ich habe im Moment weder die Zeit noch den Wunsch, ihn so grundlegend umzubauen. Und ehrlich gesagt mag ich ihn in seiner jetzigen Form ganz gern. :D

Beste Grüße
Carlo Zwei

 

Hallo @Carlo Zwei

Schönes 'Panorama', habe ich gerne gelesen, schön dicht erzählt, die Bilder werden sofort lebendig. Das fand ich gut gemacht. Auch die Wechsel zwischen den Charakteren -- obwohl auf engem Raum -- fand ich nicht störend und konnte jeweils gut folgen. Am Ende der Absätze, so finde ich, wird der Schmerz jeweils ausgekostet:

Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren in einen roten Apfel biss. Saft tropfte in den Schnee.
Als er den Mund öffnete, setzte der Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte.
Einer von ihnen trat hervor. „Die Dörfer brennen.“
Das fand ich sehr passend, auch zum Leitmotiv des Textes. Hunger wird in verschiedenen Formen behandelt: Körperlich (das Kind, der Kohl), sozial (der Untergeordnete/Leibeigene wird von Hunden zerfleischt, während der Herr genüsslich einen Apfel isst), erotisch (Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin, spielerisches Ringen, Fesseln) und machtpolitisch (die Münzen, der Weg des Herzogs, das Treffen mit der Fürstin, das brennende Dorf). Letzteres ist wohl das stärkste Hungermotiv im Text, jedenfalls so, wie ich ihn gelesen habe. Auch scheinen sich diese Hungerformen gegenseitig zu bedingen: Der machtpolitische Hunger der Herrschenden erzeugt den sozialen und körperlichen Hunger der Untergeordneten.

Kritisch könnte man anmerken, dass die Absätze immer auf dasselbe hinauslaufen und es sich dadurch wiederholend oder etwas vorhersehbar liest. Nichtsdestotrotz, ich fand das schon gut gemacht, ist mir jetzt nur gerade aufgefallen nach dem Lesen. Das hier liest sich dann als Gegensatz zur sonstigen Gewalt:

So lagen sie da und er fühlte seine kalte Hand auf der Wange und ihre Lippen berührten sich.

Ein paar mitgeschriebene Anmerkungen:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen der Fürstin trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte.
Der erste Satz ist bisschen ein Ungetüm, das ist sicherlich auch eine Geschmacksfrage, aber ich finde, durch die Kommas holpert der ein wenig und erschwert einen geschmeidig(er)en Einstieg. Ich finde vor allem den unterstrichenen Einschub ein wenig zu viel, vielleicht daraus einen anschliessenden zweiten/separaten Satz machen?

Doch der Winter hatte alles entblößt.
Sehr schöne Formulierung! Gefällt mir ausgesprochen gut.

Als er den Mund öffnete, setzte der Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte.
Autsch! :aua: Die Stelle fand ich richtig gut, tat mir (fast) körperlich weh beim Lesen!

Der Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin jagten sich die Böschung hinab zu den gefrorenen Flussläufen. Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee wateten.
Nenn mich pingelig, aber für mich beissen sich 'jagen' und 'waten' hier ein wenig. Jagen ist klar schnell, gehetzt, waten dagegen ist eher eine langsame Bewegung, etwas eher Träges, so stelle ich mir es zumindest vor.

So lagen sie da und er fühlte seine kalte Hand auf der Wange und ihre Lippen berührten sich.
Ai, ich hoffe, die beiden werden nicht erwischt und der Sodomie angeklagt ;)

Im Galopp ritten die Männer über das Land, einander in Reihe hinterher, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne.
'einander in Reihe hinterher' klingt seltsam und umständlich in meinen Ohren.

Unter knarrenden Geräuschen rührten sich die Ketten der Zugbrücke
Auch das ist eher umständlich formuliert, finde ich. Vielleicht: Knarrend rührten sich die Ketten der Zugbrücke oder Die Ketten der Zugbrücke knarrten und in dem Moment [...]

Ohne ihre Reihe zu verlassen oder den Zöllner zu grüßen, galoppierten die Herren hindurch und auf die Brücke.
Brauchst Du das 'hindurch' wirklich? Es könnte auch weg, denke ich.

das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war. Noch ehe es auf den Kohlwagen geklettert war,
Die beiden 'war' so kurz aufeinander finde ich stilistisch nicht so prickelnd. Vielleicht Noch ehe es auf den Kohlwagen klettern konnte [...] Nun ja, schwierig, vielleicht ist mein Vorschlag jetzt auch nicht das Gelbe vom Ei :D

Soweit von meiner Seite! Alles nur Korinthen, fand den Text gelungen.

Beste Grüsse,
d-m

 
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Lieber @Carlo Zwei ,

klasse, mal wieder was von dir zu lesen! Ich hab grad gemerkt, dass ich gar nicht so irre viele Texte von dir kenne (meine ich jedenfalls).

Eigentlich ein Sujet und Setting, das ich sehr mag und super spannend finde. Leider muss ich ganz ehrlich sagen, dass der Text noch - für dich ungewöhnlich - extrem unausgereift aussieht. Und zwar unter vielen Aspekten. Ich denke, wenn du dich noch mal mit einigem Elan reinknien würdest, könnte was Feines draus werden!


Ich geh mal den Anfang durch, als Beispiel:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen der Fürstin trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte.
Es gibt ja diese Technik, im ersten Satz zwei ganz weit entfernte Ebenen oder Sachverhalte mit einem eye catcher / Schocker zu verbinden. Ich empfinde das meist etwas brechstangig, so auch hier. Mir liegen hier auch noch die ich sag mal 'Zoomeinstellungen' zu weit auseinander, von fern / unpersönlich auf nah / Prota-Körperteil. Ich denke, sowas muss ganz extrem schmerzhaft sein, und selbst mit Schock ... boa. Diese Bolzen, ich weiß nicht. Ich jedenfalls fühle da auch nix, als Leser.

Sein Atem beschlug.
Das ist einfach faktisch falsch. Eine Scheibe beschlägt vom Atem. Atem selbst kann als Wölkchen in der Luft gefreieren / kondensieren, das ist aber was ganz anderes. Sowas kenne ich von dir gar nicht ...

Blut, Schweiß, Urin lagen in der Luft.
Ist mir zu viel Verschiedes auf einmal, hier böte sich auch eine stärker personale Sicht an. Bekomme kein Duftbild bei diesem Mix. Kann man schwachen Blutgeruch bei Urin überhaupt noch riechen? Urin/Schweiß okay.

Vergeblich suchte er nach einem Versteck.
Vielleicht bissl szenischer? Ist sogar mir zu prosaisch.

Hier hatten sie in Sommernächten
Eigentlich ist diese Sommerinfo Latte, weil du ja willst auf den Grund, warum die Äste blank sind = kein Versteck mehr bieten. Die Mittelinfos spielen dabei keine Rolle. Hier wäre doch der Anschluss:
Doch der Winter hatte alles entblößt.
Entblösst klingt in diesem Zusammenhang für mich schon nach purple prose.

Ein zweiter Pfeil traf ihn in den Rücken. Er brach auf die Knie. Unter Tränen hörte er das Nahen der Hunde.
Wenn er das so beiläufig hinnimmt (Wäre das physisch möglich? Hm. Armbrustbolzen, oder? Puh.), sollte er dringend davon einen Schock erlitten haben. Dann spürt man keinen Schmerz, selbst bei extrem heftigen Verletzungen (been there, done that, wenn auch nicht mit Pfeil irgendwo :D). Im Schock können Leute aber nicht weinen. Entweder, oder.
Bei dem Weinen ist imA auch Kitschalarm.

Schützend zog er Arme und Beine vor den Leib.
Wovor will er sich schützen? Die Reaktion kann ich mir nicht vorstellen - damit straffst du ja Muskeln und Haut, ziehst die von der Verletzung weg und das muss den Schmerz ungeheuer verstärken. Er würde imA eher die Arme und den Kopf nach hinten beugen, um die Stelle der Verletzung zu entlasten.
Hab den Eindruck, du hast schon hier ganz verschiedene Sachverhalte und Reaktionen im Kopf, wovon aber nix zusammen passt.

Laub raschelte auf und Zähne schlugen in seinen Arm und Oberschenkel.
Zähne hm, da hängen ja noch Hunde dran. Ich hab hier ein lustiges Bild vor Augen, dass da Gebisse wie aus dem Kukident-Glas rumschwirren und ihn beissen. Warum verklausuliert der auktoriale Erzähler so stark, warum beschreibt er das Geschehen nicht ein wenig deutlicher, in etwas sinnlicherer Sprache / Vermittlung? Er ist doch von all dem nicht selbst betroffen.

Über ihm saßen die Herren zu Pferd.
Die hatte noch sehr weit hinter den Hunden erwartet / gesehen, das würde ich etwas smoother machen -> herankommen lassen.
Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren in einen roten Apfel biss. Saft tropfte in den Schnee.
Apfelernte ist August/Spetember, mit Schnee bist du im Januar (oder so), ich kenne von Kelleräpfeln nicht, dass die saftig genug wären.
'unter dem Zerren' finde ich auch sehr grobmotorisch, das ist mir wirklich auch plötzlich zu weit weg (der Mann = wir wissen doch schon mehr über die Person als dass man sie wie zum ersten Mal einführen sollte).

Sorry, das alles ist mir zu ruckelig, zu unpräzise und teils eben auch faktisch falsch oder an anderer Stelle zumindest fragwürdig. Das wäre alles in allem eine tolle Szene, wenn sie mehr vermitteln könnte. Ich werfe hier mit Steinen aus dem Glashaus, finde das auch immer mal wieder toll zu schreiben, hart, ruckartig, sprunghaft --- aber unterm Strich ist es nur nervig zu lesen (was ich bei eigenen Texten durch Hilfe schneller und ansonsten nach Jahren selbst sehe).

Mit einem weißen Tuch tupfte sich der Verwalter die Soße von den Lippen, ehe er ein weiteres Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen. Dann erhob er sich, sah seine Frau an und rülpste leise.
Das ist imA ein einziges Klischee. Ich hab die Szene mit Sicherheit schon in drei Dutzend Filmen gesehen. Denke, die Bosheit / Grausamkeit würde besser wirken, wenn das nicht so arg typisiert wäre.

Er sattelte auf, presste Hacken und Beine sanft gegen den Pferderücken
:confused: Hä? Um die Fersen in den Rücken zu pressen müsste er ohne Sattel auf dem Pferd stehen. Dann ginge das mit dem Rest der Beine nicht. Wenn er ganz regulär im Sattel sitzt, sind die Fersen am Bauch, und man treibt auch bei Gangarten, die schneller als Schritt sind, gegen die Flanken.
Ob und wie sanft das überhaupt geht? Pressen ist keine heftige Bewegung. Das Gegenteil wäre, dem Pferd in die Seiten zu treten, alles andere mit halbwegs Bedacht Ausgeführte hat bereits was Sanftes. Ich schreibe diese Umsicht auch nicht dieser Figur zu, das nur nebenbei.

An dem Punkt hab ich aufgehört zu lesen, weil das die zweite faktisch falsche Darstellung einer Handlung ist (1. = Atem), und ich ehrlich gesagt etwas mehr erwarte - generell, aber auch von dir.

Würde gern weiterlesen, wenn du noch mal schauen magst, was du eigentlich wie beschreibst.

Hoffe, du nimmst mir diese Kritik nicht übel, ich wäre gespannt, wie das nach einem sehr gründlichen Edit / Überarbeitung aussehen würde. Tag mich gern, falls du was machen willst (hab keinen Komm / Antwort oben gelesen).

Alles Liebe, wirklich schön, dass du wieder eingestiegen bist! Ich freue mich auf mehr.
:-) Katla

 

Hey @Katla,

danke dir fürs sehr genaue Lesen – auch wenn’s natürlich erstmal zwickt.

Ein paar Sachen finde ich voll berechtigt, vor allem die physikalischen Details (Atem, Pferd usw.). Da schau ich nochmal drauf. Wenn man über sowas stolpert, ist das nicht natürlich gut.

Bei anderen Punkten merke ich aber, dass wir vielleicht unterschiedlich drauf schauen. Der Text ist für mich weniger realistisch-physiologisch gemeint, eher wie eine Folge dichter Bilder/Tableaus. Mir geht’s jetzt nicht nur um ganz exakte Abläufe, sondern um Wucht, das Motiv und die Kontraste zwischen den Tableus. Dass es so ein bisschen springt, ist also auch eingepreist – auch wenn ich verstehe, dass das nicht jede*n mitnimmt.

Das mit dem Klischee beim Verwalter nehme ich mit. Vielleicht ist das wirklich zu dick aufgetragen. Mal sehen.

Ich geh auf jeden Fall nochmal drüber. Komplett neu aufziehen werde ich ihn aber eher nicht – dafür hängt er mir schon zu sehr am Herzen.

Danke dir nochmal fürs ehrliche Feedback.

Carlo Zwei

 
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Hallo @Carlo Zwei,
befinden wir uns hier in den Bauerkriegen? Ist es die Zeit der Reformation mit Martin Luther, Zwingli und Thomas Müntzer? Als die Bauern die Klöster schliffen. Vielleicht im Mansfeldischen? Da jedenfalls würde ich das Geschehen verorten. Ich weiß nicht, ob Du hier eine geschichtliche Epoche abarbeiten willst. Eventuell den Dreißigjährigen Krieg, der sich ja an obige Ereignisse angeschlossen hat.
Ich würde alles zeitlich und vom historischen Geschehen genauer verordnen.
Anderes Problem. Was willst Du eigentlich erreichen mit dem Text?
Ich überlege andauernd schon, was ich noch so an historischen Texten gelesen habe. Hier steht die Geschichte des Bauernkrieges, durch die ich nur halb durchgedrungen bin, weil mich der Ausgang deprimiert hat. Ansonsten habe ich massenweise zur Geschichte der Weimarer Republik und zum Faschismus gelesen.
Gruß Frieda

 

Hey @Frieda Kreuz ,

Heheh. Ja, ich hatte tatsächlich so grob den Dreißigjährigen Krieg im Kopf. Aber bewusst unausgesprochen und hintergründig.

Mir ist gerade wichtig, dass es nicht historisch festgenagelt ist. Es soll wie ein zeitloses Bild funktionieren – Macht, Hunger, Gewalt – könnte im 17. Jahrhundert spielen, aber eben nicht nur dort. Wenn ich es genauer verorten würde, müsste ich viel präziser werden. Und dann wäre es ein anderer Text.

Danke fürs Lesen und Kommentieren!

Liebe Grüße
Carlo

 

Der Text ist für mich weniger realistisch-physiologisch gemeint, eher wie eine Folge dichter Bilder/Tableaus. Mir geht’s jetzt nicht nur um ganz exakte Abläufe, sondern um Wucht, das Motiv und die Kontraste zwischen den Tableus.
Hallo Carlo,

ja, das hab ich schon gesehen und sowas lese ich sonst ausgesprochen gern. Ich plädiere auch weder für Leichtsprache, noch dieses den Leser durch jede einzelne friggin' Regung schleifen. Aber je mehr du über Wucht (durchaus Pathos, im Positiven) und die Bilder gehst, desto mehr müssen sie glänzen und in sich jeweils so perfekt wie möglich arrangiert sein. Das auch durchaus im Sinne von Abläufen.

So meinte ich es. :)

Ganz herzliche Grüße, Katla

 

Hallo @Carlo Zwei,
ich lese das als Experiment, als Patchwork aus Einzelflicken, die für mich zu lose miteinander vernäht sind. Mir fehlt da der erzählerische Überbau, der allenfalls angedeutet wird, deswegen streift mich der Text auch nur leicht. Die Bilder erinnern mich an den Halbbart von Charles Lewinsky, ein Pageturner, der die Motive deines Textes ausführlich bearbeitet. Lesenswert!
Peace, l2f

 

Hey l2f, (@linktofink )

danke fürs Lesen und den Eindruck.

Dass es eher patchworkig wirkt, ist schon Absicht – mir ging es weniger um einen geschlossenen Überbau als um das Nebeneinander von Motiven, die sich gegenseitig verstärken.

Dass dich der Text nur streift, nehme ich so mit. Ist dann wohl auch eine Frage dessen, worauf man beim Lesen anspringt.

Danke dir fürs Feedback und den Hinweis auf Lewinsky.

Cheers
Carlo

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Carlo Zwei,

dein Text ist für mich ein Paradebeispiel dafür, wie man sprachlich systematisch gegen die Neuronen der Leser anfeuern kann. Halbwegs aus dem werblichen Texten kommend, bin ich ein großer Verfechter psychologischer Leserführung. Man will den Leser doch so eng an der Leine halten wie möglich, um ihn verlässlich dorthin führen, wo man ihn haben will. "In der Werbung" lernt man schnell, dass man diesen Kampf um die Aufmerksamkeit des Lesers nur gewinnt, wenn man wirklich alles optimiert, was man optimieren kann: Satzlänge, Satzstellung, Interpunktion ... u. dgl. m.; mit jedem noch so kleinen Detail kann man einen kleinen Schlüsselreiz setzen, sodass der Leser möglichst anbeißt bzw. nicht loslässt.

Wenn ich diese Denkweise vor Augen in deinen Text springe, wird mir schwindelig. Schau mal, wie du allein in den ersten Absätzen zwischen den Subjekten und Objekten hin- und herspringst:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land der Herren vom Land der Fürstin trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Er vernahm das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem stand weiß in der Luft. Er roch Blut, Schweiß und Urin.
Vergeblich suchte er nach einem Versteck. Hier hatten sie in Sommernächten nach der Feldarbeit geschlafen. Doch der Winter hatte alles entblößt. Ein zweiter Pfeil traf ihn in den Rücken. Er brach auf die Knie. Seine Sicht verschwamm und er zog die Arme vors Gesicht. Laub raschelte und die Hunde stürzten sich auf ihn. Ihre Fänge schlugen in seinen Arm und Oberschenkel. Über ihm saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer von ihnen in einen roten Apfel biss. Saft tropfte in den Schnee.

Keine drei Sätze lang kann der Leser einem einzelnen "Agenten" dabei folgen, wie er Dinge tut oder wie ihm Dinge zustoßen. Wir beginnen mit einem unbestimmten männlichen Subjekt und seinem Weg in den Wald, schon tauchen "Herren" auf und eine Fürstin, dann wiederum agiert ein Pfeil. Weiter geht es mit "dem Bellen der Hunde", "Hufgetrampel", und "Rufe von Männern" (im Gegensatz zu "Herren" im Satz davor). Naja, du siehst es ja selbst ...

Also ich persönlich bin bei so einem Anfang eigentlich schon raus. In meinen Augen muss ein Text um den Leser werben und Aufgabe des Autors ist es, immer so klar wie möglich zu erzählen – vor allem, wenn wirklich etwas erzählt und nicht durch formale Spielchen verdeutlicht werden soll.

Das ist auch gar keine beleidigte Haltung meinerseits, sondern eine Realität meines Hirns – ich kann da einfach gedanklich nicht mithalten; es formen sich keine konsistenten Bilder in meinem Kopf. Für mich muss zumindest anfangs ein Subjekt klar identifizierbar sein, dann erst kann ein Ablauf von Ereignissen folgen und sich letztlich Identifikation einstellen.

Du kannst dieses Problem indes sehr leicht lösen, indem du den Text überarbeitest und dafür sorgst, möglichst lange bei einzelnen agierenden Subjekten zu bleiben. Beispielsweise am Anfang, da könnte es so aussehen:

Er hörte Hunde bellen, Hufe trampeln und Männer rufen, roch Blut, Schweiß und Urin. Jetzt begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Vergeblich sah er sich nach einem Versteck um, während sein weißer Atem in der Luft stand. Hier im Wald hatten er und XY in den Pausen der Feldarbeit im Schatten geschlafen, doch jetzt waren alle Bäume kahl. Ein zweiter Pfeil traf ihn in den Rücken. Er brach auf die Knie. Seine Sicht verschwamm und er zog die Arme vors Gesicht. Die Hunde stürzten sich auf ihn und schlugen ihre Fänge in seine Oberschenkel.

Drei Herren saßen über ihm zu Pferd. Einer von ihnen biss genüsslich in einen Apfel und der Saft tropfte in den Schnee. Es war in diesem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien.

Jetzt haben wir einen Mann als klareres Subjekt und einen konsequenten Ablauf:

Verfolgung -> Verletzung -> Suche nach Versteck => direkte Spannung.
Kurz Kontext
Verschärfung der Gefahr => Höhepunkt

Auflösung der Szene mit Perspektivwechsel.

Es ist meiner Meinung nach elementar für eine klare Sprache, dass zusammenhängende Textelemente möglichst ohne Unterbrechung im Text räumlich zusammen stehen.

Beispiel – du schreibst:

Über ihm saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer von ihnen in einen roten Apfel biss. Saft tropfte in den Schnee.

Der Apfel gehört zu einem der Männer auf dem Pferd, aber diese werden im ersten Satz aufgerufen, dann kommt wieder etwas über das Opfer. So muss der Leser hüpfen und du verlierst seine direkte Imagination. Es muss eine ununterbrochene semantische Kette her wo nur irgendwie möglich:

Männer -> Apfel -> Saft

Heißt im Rückschluss: Die Erlebnisse des Opfers müssen davor oder danach abgehandelt werden:

Drei Herren saßen über ihm zu Pferd. Einer von ihnen biss genüsslich in einen Apfel und der Saft tropfte in den Schnee. Es war in diesem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien.

Der Mann hörte unter dem Zerren der Hunde auf zu schreien. Genau in diesem Augenblick biss einer der drei Herren über ihm zu Pferd genüsslich in einen Apfel und der Saft tropfte in den Schnee.

Und dass man Schachtelsätze und Substantivierungen so oder so strikt vermeiden sollte, weißte selbst ;-)

Mein Feedback schließt sich übrigens an andere Kommentare an, die fordern, den Text auszuweiten. Denn wenn man über Dinge rüberhuscht, rücken verschiedene Subjekte ja automatisch eng zusammen bzw. dann hat man automatisch schnelle Agenten- und Szenenwechsel. Der Leser braucht aber Zeit, um eine Verbindung zu Figuren aufzubauen. Also entweder handelt so ein kurzer Text von einem einzigen oder maximal zwei Subjekten/Figuren. Oder es muss mehr Text her. So sehe ich das.

Gerade bei einem historischen Text sehe ich persönlich auch überhaupt nicht den Sinn einer Kurzform. So etwas liest man doch allein deswegen, weil man in eine vergangene Zeit eintauchen will – und nicht für schnelle Miterlebnisse von willkürlichen, knapp skizzierten Figuren. Letzteres kann ein historischer Flash-Text nur dann klappen, wenn es ein Pointen- oder Moraltext ist, aber das sehe ich bei deinem Text nicht.

Naja, so sehe ich das. Sorry, klingt sehr kritisch, aber da ich den Inhalt gar nicht voll verstanden habe aus den genannten Gründen (und Texte hier generell nur einmal lese), kann ich dazu auch nicht viel sagen.

Freundliche Grüsse

Henry

 

Hallo @Carlo Zwei,

mal eine nicht so übliche Erzählweise, eine schöne Abwechslung!

Meine Notizen:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land der Herren vom Land der Fürstin trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte
Diese exakte Distanzangabe ist unglaubwürdig, der hektischen Szene nicht angemessen. Warum spielt die Landgrenze eine Rolle - sieht nicht so aus, als ob eine Überschreitung ein rettendes Ziel wäre.

Er roch Blut, Schweiß und Urin.
Warum sollte er? Das sind eher Buzz-Words, als eine szenische Information: Blut riecht man kaum, wenn man vom Pfleil getroffen wird, wird man kaum an seinen Körpergeruch denken (den man nicht wahrnimmt, wenn er schon länger vorhanden ist), Urin akzeptiere ich, wenn er sich einnässt, beim Zusammensinken mit dem neuen Geruch konfrontiert wird (dies wäre eine stärkere Szene, als die Nennnung der drei Begriffe - zumindest für mich:D).


Dann erhob er sich, sah seine Frau an und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut.
Nach "leise" einen Absatz einfügen? Der Übergang von Frau zu Pferd ist recht abrupt.

Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil.
Erst dachte ich, der Reiter wird vom Seil getroffen. Da er nach vorne fällt, muss eigentlich das Pferd gegen das Seil laufen. ("Ein Ruck. Ehe er verstand, flog der Verwalter vornüber"). Das Pferd würde nicht einfach so vor ihm im Schnee liegen, wahrscheinlich wäre es nicht tot.
+

Mir gefällt die Idee, einzelne Szenarien zu eröffnen, die, zwar voneinander unabhängig, doch gewissermaßen von einem gewissen gemeinsamen 'Geist' geprägt sind. Eigentlich geht es um Gewalt (die 'Liebesszene' ausgenommen). Das Hungermotiv sehe ich nicht als durchgängigen Aspekt, da die Geschichte aber keinen Handlungsfokus hat, brauche ich schon etwas Übergeordnetes als Erzählziel, damit das Ganze nicht als Stückwerk wirkt.

Ich mag die nüchterne Erzählform, manchmal verursacht sie aber Darstellungsbedarf, das ist wohl der Preis, der sich aus dem Stilistischen ergibt.

So habe ich den Text zwar gern gelesen, frage mich aber im Nachhinein 'warum' ich ihn hätte lesen sollen.

Beste Grüße,

Woltochinon

 

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