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Hunger

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10.09.2016
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Hunger

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen des Herzogs trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Deutlich vernahm er das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem beschlug und er roch das Blut, den Schweiß und den Urin.
Vergebens suchte er nach einem Versteck. Hier hatten sie in Sommernächten nach der Feldarbeit geschlafen. Doch der Winter hatte alles entblößt. Und während sein Blick noch umherirrte, traf ihn ein zweiter Pfeil mit einer Wucht in den Rücken, dass er stöhnend auf die Knie sank. Unter Tränen hörte er das Nahen der Hunde. Schützend zog er Arme und Beine vor den Leib. Laub raschelte auf und Mäuler voller Zähne bissen nach seinem Arm und Oberschenkel. Über dem blutigen Schauspiel vor ihren Augen saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren zufrieden in einen roten Apfel biss, dass einige Safttropfen zu den Seiten auf den schneebedeckten Boden fielen.

*​

Mit einem weißen Tuch tupfte sich der Verwalter die Soße von den Lippen, ehe er ein weiteres Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war, und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte den Verwalter wohlig an das Zertreten morschen Holzes. Er sattelte auf, presste Hacken und Beine sanft gegen den Pferderücken und trabte auf die Straße hinaus, die zu den Höfen der Bauern führte. An der Weggabelung entschied er sich für den ebeneren Weg, der oberhalb der bäuerlichen Gemarkung verlief. Den Herzoglichen Weg nannte er ihn, denn er fühlte sich wie ein Herzog und nicht wie ein Landherr, wenn er ihn im Galopp beritt. Ein Zischen. Ehe er verstand, flog der Verwalter vornüber, konnte die Arme nicht einmal vor sich werfen, fiel schmetternd auf Brust und Schulter. Ein Knacken, kaum lauter als das Brechen trockener Äste. Mit verschwommenem Blick sah er das tote Tier vor sich liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil. Er versuchte sich aufzurichten, die Beine gehorchten ihm nicht. Müde, faltige Gesichter beugten sich über ihn. Er sah den Hufschmied, den Vetter des Landarbeiters und einige ihm weniger bekannte Leute. Als er den Mund öffnete, setzte der Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte.

*​

Der Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin jagten sich die Böschung hinab zu den gefrorenen Flussläufen. Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee wateten, der hier tiefer wurde. Der Zöllnerjunge glaubte, sein Herz zerspränge, seine Kräfte versagten. Also ergab er sich, indem er sich die Arme vors Gesicht hielt. Eine Hand packte ihn am Gelenk und zerrte daran, bis er nachgab. Sie lachten. Dann presste ihn der Sohn der Landgräfin an den Fesseln in die Schneedecke und er leistete ihm nur so viel Widerstand, wie es ihm angenehm war. So lagen sie da und er fühlte seine kalte Hand auf der Haut und ihre Lippen berührten sich.

*​

Im Galopp ritten die Männer über das Land, einander in Reihe hinterher, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne. Ohne an Tempo zu verlieren hielten sie auf den Brückenkopf zu, der die östlichen Besitzungen mit den Ländereien der Gräfin verband. Der Zöllner sah sie von weitem herannahen und pfiff durch die Finger, um den jungen Knecht aufzuwecken. Als der nicht reagierte, zog er ihn am Ohr, und weil der Zöllner seit einem Jagdunglück verstummt war, zeigte er auf die Herren, um ihre Ankunft zu verkünden. Sofort sprang der Knecht auf, um die Seilwinde zu bedienen. Unter knarrenden Geräuschen rührten sich die Ketten der Zugbrücke und in dem Moment, als sie in der Bodenfassung versank, setzten die Pferdehufe auf. Ohne ihre Reihe zu verlassen oder den Zöllner zu grüßen, galoppierten die Herren hindurch und auf die Brücke. Schweigend beobachteten der Zöllner und sein Knecht den Zug.
Die Reiter hielten auf den Sitz der Fürstin zu, der sich als bewaldete Bergfestung vor ihnen aufbaute und sie mit steinernen Stufen in den Trab zwang. Knappen nahmen ihre Pferde und Schwerter entgegen und geleiteten sie zum Bergfried. Ein Vorsteher führte sie an den Wachen vorbei in den Tafelraum. Dort saß die Fürstin mit ihrem sabbernden Bruder, dem neuen Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Die Herren verneigten sich formhalber, aber nicht allzu tief.
Einer von ihnen trat hervor. „Die Dörfer.“

*​

In den Flammen und dem Rauch und dem Schreien und Töten kauerte ein Kind unter einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an Vater oder Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war. Noch ehe es auf den Kohlwagen geklettert war, schlug ein Pfeil ganz dicht neben ihm in einen der Kohlköpfe ein. Das Kind drehte sich nach dem Schützen um, doch er war nicht mehr zu sehen.

 
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Hallo @Carlo Zwei ich mag historisch angehauchte Texte sehr gerne und war deswegen direkt gespannt, wie du das angehst!

Ich steige direkt mal ein:

Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen des Herzogs trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Deutlich vernahm er das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem beschlug und er roch das Blut, den Schweiß und den Urin.
Ich bin da zwiegespalten. Einerseits trägt das zur Atmosphäre bei. Andererseits versuch ich mich in die Situation hereinzubegeben. Da fällt es mir dann schwer, zu glauben, dass eine Person in der konkreten Situation (voller Adrenalin in Todesangst) solche sinnlichen Details wie Geruch wahrnimmt. Aber möglich ist das vermutlich schon.

Und während sein Blick noch umherirrte, traf ihn ein zweiter Pfeil mit einer Wucht in den Rücken, dass er stöhnend auf die Knie sank.
Würde ich streichen. Ich frage mich auch, ob stöhnen hier das passende Wort ist. Weiß nicht, stell mir da eher einen erstickten Schrei oder ein Ächzen vor.
Laub raschelte auf und Mäuler voller Zähne bissen nach seinem Arm und Oberschenkel.
Mäuler voller Zähne klingt in meinen Ohren ein wenig ungeschliffen. Ich habe aber leider auch keinen besseren Vorschlag im Gepäck :/

Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren zufrieden in einen roten Apfel biss, dass einige Safttropfen zu den Seiten auf den schneebedeckten Boden fielen.
Das ist sicherlich gewollt von dir und vielleicht auch eine Geschmakcsfrage, aber mir ist das hier zu dick aufgetragen. Also nicht nur, dass die Herren ihren Hunden zusehen, nein, der eine muss auch noch genüsslich in einen Apfel beißen UND die Tropfen fallen in den Schnee, just in dem Augenblick, als der Mann stirbt. Aber wenn das der Ton des Textes sein soll, ist es im Gesamten vielleicht auch ganz passend. Bin noch unschlüssig.

Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war,
Wieso offenkundig? Woran bemerkt man das als Leser? Oder auch er in der Situation. Ich meine, er kennt ja seine Frau. Warum also hier erwähnen? Und für den Leser ist es ja eben nicht offenkundig.

Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war, und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte den Verwalter wohlig an das Zertreten morschen Holzes. Er sattelte auf
Mir ging das zu schnell. Gefühlt war ich gerade noch beim Essen, schon sitzt er auf dem Pferd. Du hast einen Absatz drin und der Fehler liegt wahrscheinlich bei mir, aber ich frage mich, warum überhaupt die Voranstellung mit seiner Frau und dem Braten? Warum nicht gleich im Stall starten und Verwirrung umgehen?

Ein Zischen.
Mit verschwommenem Blick sah er das tote Tier vor sich liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil.
Für mich passen das Zischen und das Seil nicht zusammen. Ich dachte erst an ein Geschoss, einen Pfeil, der ihn erwischt hat, aber offensichtlich ist er ja durch das Seil gestürzt, bzw. sein Pferd und er ist deswegen abgworfen worden. Mir ist auch nicht klar, warum das Pferd sofort tot sein soll. Es ist über das Seil gestolpert, aber durch den Sturz direkt gestorben? Möglich, aber bin hier trotzdem gestolpert (höhö)

Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee wateten, der hier tiefer wurde.
Würde ich streichen.

bewaldete Bergfestung
Habe hier Schwierigkeiten mit dem Bild. Die Festung wird ja nicht bewaldet sein, sondern die Umgebung drumherum, oder?

Dort saß die Fürstin mit ihrem sabbernden Bruder, dem neuen Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Tja, hier habe ich gestutzt. Ich hab das nicht zusammenbekommen. Ist der Bruder, derjenige Verwalter, der überfallen wurde? Und deswegen sabbert er jetzt (weil verletzt?). Wenn nicht, warum ist er der neue Verwalter und warum erwähnst du, dass er sabbert? Es mag an mir liegen, aber das habe ich nicht so ganz verstanden.

In den Flammen und dem Rauch und dem Schreien und Töten kauerte ein Kind unter einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an Vater oder Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war
Hier hatte ich Schwierigkeiten. Ich kann mir vorstellen, dass der Hunger so groß wird, dass man erhebliche Lebensgefahr eingeht, um etwas zu essen zu besorgen. Aber hier scheint mir der Überfall auf das Dorf ja noch in Gange zu sein, oder? Da ist das für mich schlicht nicht vorstellbar, dass er während des Überfalls an Kohl denkt. Davor - klar. Danach - absolut. Aber in dem Augenblick der Attacke - glaub ich nicht. Bzw. den Gedanken daran finde ich sogar noch nachvollziehbar (auch während des Angriffs), aber er klettert doch nicht aus seinem Versteck, während um ihn herum die Hölle los ist? Da wartet er doch zumindest ein bisschen ab.

Das Kind drehte sich nach dem Schützen um, doch er war nicht mehr zu sehen.
Warum mehr? Hat das Kind ihn vorher gesehen?

Momentan ist deine Geschichte für mich noch eher ein moodboard. Das Thema Hunger zieht sich durch, aber so ganz verbunden scheinen mir die einzelnen Passagen noch nicht zu sein. Zum Beispiel hat sich die Szene mit den beiden Söhnen für mich noch zu zufällig angefühlt, zu wenig mit dem Rest verwoben. Auch glaube ich, dass es dem Text guttun würde, ihn vielleicht ein bisschen mehr auszubauen. So passiert da ja recht viel in recht kurzen Abständen.
Und dann habe ich noch überlegt, ob es nicht gut wäre, wenn du dich auf eine Figur konzentrierst (zB den Verwalter) und den dann in die verschiedenen Erzählstränge (mit dem übergreifenden Thema Hunger) einbaust? Könnte mir vorstellen, dass der Text davon profitieren würde. Wert wäre das in meinen Augen in jedem Fall, weil das Thema und das historisch angehauchte Setting für eine gute Geschichte viel hergeben.

Beste Grüße
Habentus

 

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