Mitglied
- Beitritt
- 10.09.2016
- Beiträge
- 892
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 13
Hunger
Erst als er den Wald erreichte, der das Land seiner Herren von den Besitzungen der
Gräfin trennte, verstand er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Deutlich
vernahm er das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem
beschlug und er roch das Blut, den Schweiß und Urin, als wäre er selbst ein Bluthund.
Vergebens suchte er nach einem Versteck. Hier hatten sie in Sommernächten nach der
Feldarbeit geschlafen. Doch der Winter hatte alles entblößt. Und während sein Blick
noch umherirrte, traf ihn ein zweiter Pfeil mit einer Wucht in den Rücken, dass er
stöhnend auf die Knie sank. Unter Tränen hörte er das Nahen der Hunde, zog Arme und
Beine schützend vor den Leib. Laub raschelte auf und Mäuler voller Zähne verbissen
sich in Rippe und Oberschenkel.
Über dem Schauspiel vor ihren Augen saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem
Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer
von ihnen in einen roten Apfel biss, dass einige Safttropfen zu den Seiten auf den
schneebedeckten Boden fielen.
Mit einem weißen Tuch tupfte sich der Verwalter die Soße von den Lippen, ehe er ein
weiteres Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das
Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau
an, die offenkundig sein Weib war, und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes war weich an und sein Stallgeruch dem Verwalter angenehm
vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den
Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte ihn wohlig an das Zertreten
morschen Holzes. Er sattelte auf, presste seine Schenkel sanft gegen die Flanken und
trabte auf die Straße hinaus, die zu den Höfen der Bauern führte. An der Weggabelung
entschied er sich für den ebeneren Weg, der oberhalb der bäuerlichen Gemarkung
verlief. Den Herzoglichen Weg nannte er ihn, denn er fühlte sich wie ein Herzog und
nicht wie ein Landherr, wenn er ihn im Galopp beritt.
Ein Ruck. Ehe er verstand, flog der Verwalter vornüber, konnte die Arme nicht einmal vor
sich werfen, fiel schmetternd auf Brust und Schulter. Ein Knacken, kaum lauter als das
Brechen trockenen Holzes. Mit verschwommenem Blick sah er das tote Tier vor sich
liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das
zwischen den Bäumen aufgespannte Seil. Er unternahm einen Versuch sich aufzurichten,
musste jedoch feststellen, dass er die Kontrolle über seine Beine verloren hatte. Jetzt
beugten sie ihre Gesichter über ihn. Müde, faltige Gesichter. Gesichter voller Mühsal,
Gram und Entbehrung. Er sah den Hufschmied, den Vetter des Landarbeiters und einige
ihm weniger bekannte Leute. Als er, um etwas zu sagen, den Mund öffnete, setzte der
Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte. Jedes
Geräusch, das er bis dahin gehört hatte, jedes Gefühl und Glück verblasste im dumpfen
Schmerz ihrer Prügel.
Der Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin jagten sich die Böschung hinab zu
den gefrorenen Flussläufen. Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen
Wangen herab, während sie durch den Schnee brachen. Der Zöllnerjunge glaubte, sein
Herz zerspränge, seine Kräfte versagten. Also ergab er sich, indem er sich die Arme vors
Gesicht hielt. Eine Hand packte ihn am Gelenk und zerrte daran, bis er nachgab. Sie
lachten. Dann presste ihn der Sohn der Landgräfin an den Fesseln in die Schneedecke
und er leistete ihm nur so viel Widerstand, wie es ihm angenehm war. So lagen sie da
und er fühlte seine kalte Hand auf der Wange und ihre Lippen berührten sich.
Im Galopp ritten die Männer über das Land und ihre Schwerter blitzten in der Sonne.
Ohne an Tempo zu verlieren hielten sie auf den Brückenkopf zu, der die östlichen
Besitzungen mit den Ländereien der Gräfin verband. Der Zöllner sah sie von weitem
herannahen und pfiff durch die Finger, um den jungen Knecht aufzuwecken. Als der
nicht reagierte, zog er ihn am Ohr, und weil der Zöllner seit einem Jagdunglück
verstummt war, zeigte er auf die Herren, um ihre Ankunft zu verkünden. Sofort sprang
der Knecht auf, um die Seilwinde zu bedienen. Knarrend rührten sich die Ketten der
Zugbrücke. In dem Moment, als sie in der Bodenfassung versank, setzten die Pferdehufe
auf. Ohne ihre Reihe zu verlassen oder den Zöllner zu grüßen, galoppierten die Herren
auf die Brücke. Schweigend beobachteten der Zöllner und sein Knecht den Zug.
Die Reiter hielten auf den Sitz der Fürstin zu, der sich über dem Wald erhob und sie mit
steinernen Stufen in den Trab zwang. Knappen nahmen ihre Pferde und Schwerter
entgegen und geleiteten sie zum Bergfried. Ein Vorsteher führte sie an den Wachen
vorbei in den Tafelraum. Dort saß die Fürstin mit ihrem sabbernden Bruder, dem neuen
Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Die Herren verneigten sich formhalber, aber nicht allzu tief.
Einer von ihnen trat hervor. „Die Dörfer, Herrin, Sie stehen sämtlich in Brand.“
In den Flammen und dem Rauch und den verhallenden Schreien kauerte ein Kind unter
einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an den Vater oder
die Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich
wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem
die Dorfstraße gewesen war. Noch ehe es auf den Kohlwagen kletterte, schlug ein Pfeil
ganz dicht neben ihm in einen der Kohlköpfe. Das Kind drehte sich nach dem Schützen
um, doch der war nicht mehr zu sehen.


Die Stelle fand ich richtig gut, tat mir (fast) körperlich weh beim Lesen!
Hä? Um die Fersen in den Rücken zu pressen müsste er ohne Sattel auf dem Pferd stehen. Dann ginge das mit dem Rest der Beine nicht. Wenn er ganz regulär im Sattel sitzt, sind die Fersen am Bauch, und man treibt auch bei Gangarten, die schneller als Schritt sind, gegen die Flanken.