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Ihr Name war Emma (1. Überarbeitung)
Es war ein üblicher Arbeitsmontag im Krankenhaus. Wir saßen zum Dienstbeginn im kahlen und in Kälte gehüllten Aufenthaltsraum. Emma war mir zugeteilt als Partnerin.
Das Handtelefon klingelte und der erste Auftrag kam herein. Ein Patient musste mit dem Bett in das CT gebracht werden. Ich notierte die Daten auf meinem Notizblock, trank meinen Kaffee aus und Emma checkte noch eben ihre Emails auf dem Handy. Anschließend nickte ich ihr zu und wir gingen los. Auf dem langen Korridor des Krankenhauses herrschte Ruhe. Um diese Zeit sind hauptsächlich nur die Schwestern und Pfleger auf den Gängen zu sehen. Emma ist eine Frohnatur. Sie ist immer gut gelaunt. Sie selbst bezeichnet sich lieber als verrückt. Doch ihre Mitmenschen beschreiben sie gerne als liebenswerte Optimistin. Man muss an der Stelle erwähnen, dass es schier unmöglich ist, bei Emma zu Wort zu kommen, wenn sie nicht gerade eine ihrer Fragen stellt. Und Emma stellt viele Fragen. Was denkst du gerade? Was meinst du, ist die Rolle der Frau in der modernen Familie? Kennst du schon die neue Klasse in Baldur‘s Gate 3? Ist nur ein Auszug aus ihrem farbenfrohen Repertoire an Fragen. Sie erzählte also. Vom Judo, wie man seine Gegner richtig wirft und was das Besondere an asiatischen Kampfkünsten sei. Während sie von ihren Abenteuern sprach, bemerkte ich, wie sich in meinem Kopf eine dunkle Wolke anbahnte. Ich wusste genau: Das wird ein Schub. Solche Schübe sehen in der Regel so aus, dass ich langsam beginne, Realität und Fiktion nicht mehr voneinander trennen zu können.
Wir fuhren also unseren ersten Patienten in das veraltete CT und im weiteren Verlauf des Tages stiegen Emma‘s Erzähldrang und mein Realitätsverlust Hand in Hand bergauf. Es gab einen Moment, als Emma mich lächelnd fragte, was los sei. Ich sähe so niedergeschlagen aus. Dieser Moment sollte eine mentale Lawine bei mir auslösen. Paranoid, wie ich bei einem Schub bin, war ich überzeugt davon, dass Emma der personifizierte Teufel sein muss. Der mich mit seinem schelmischen Lächeln verspottet. Der mir bewusst Fragen stellt, die mich wie Nadelstiche treffen und der meine Hilflosigkeit genießt. Und er, der Teufel, weiß, dass er mir überlegen ist. Er kennt meine Antworten schon längst und stellt mir die Fragen nur, um mich wissen zu lassen, dass ich ahnungslos bin. Um mich in Widersprüche zu verknüpfen. Um mich bloßzustellen. Auf diese Kampfansage wollte ich kontern. Scheiterte aber. Seine Fragen führten in ein gedankenloses Vakuum in die dunklen Tiefen meines Kopfes. Keine Antwort. Keine zündende Idee, um Paroli zu bieten. Also verstummte ich einfach. Sah ihn mit leerem Blick an. Sein Lächeln strahlte Frieden aus. Es schien fast, als würde er mich auslachen.
Die nächsten Tage verliefen gleich. Schübe kamen regelmäßig. Und ich verlor mich in den Versuchen, Emma's Lächeln zu entzaubern. Ich sah es als Fassade. Ihr wahres Ich konnte nicht so sorglos sein. Ich versuchte ihr die Augen zu öffnen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass das Leben nunmal nicht auf Watte gebaut sei. Wahrscheinlich habe ich versucht, sie zu enttäuschen. Nur, um nicht allein im Schatten zu stehen. Sie nahm sich meiner Probleme an wie immer. Indem sie einfach mit Optimismus dagegen hielt. Sie forderte mich auf, die Dinge nicht immer so schwarz zu sehen. Auch mal über etwas lachen zu können. Ich wäre immer viel zu ernst.
Es sollte die gesamte Woche dauern, bis ich schließlich aufgab. Ich realisierte, dass ich ihr nicht die Augen öffnete, sondern sie mir. Nicht sie war es, deren Realität verzerrt war. Die eine scheinheilige Blase ihre Welt nannte, wie ich es im Laufe der Woche einmal gesagt hatte. Sondern ich war das Problem. Meine Welt war ein dunkles Verlies, in das ich mich zurückgezogen hatte. In dem nichts und niemand einen Platz finden konnte. Schon gar kein Licht.
