Ihr Name war Emma
Ich habe in den letzten zehn Jahren an etlichen Schauplätzen mit mir selbst gekämpft. Habe dabei Schlachten gewonnen und Kriege verloren. War mal Krieger mal Narr. Habe lange im Schatten gelebt. Doch am Ende siegt immer das Licht. Egal wie dunkel es um dich herum ist. Mit einem Licht an deiner Seite kommst du durch die Nacht. Licht ist immer da. Wir sehen es nur manchmal nicht.
Über Jahre hinweg hab ich eine schizophrene Ader entwickelt, während ich mich auf Reisen begeben habe dieses Licht zu finden. Stets die Hoffnung etwas oder jemandem zu begegnen, der es in sich trägt. Ein Mensch, der mir zeigen kann wie man leuchtet. Doch waren sämtliche Reisen eine Odyssee in die Irre gewesen. Während ich im Wechselschritt Mal Gott und Mal dem Teufel buchstäblich an den Versen hing. Ich habe Antworten erfahren und Gespräche geführt, die einem normalen Verstand im Leben verborgen bleiben. In meinen Hochphasen habe ich das Göttliche auf Erden in den Augen der Menschen gesehen und das Erblinden in der Hölle erlebt. Doch bis dahin kein Licht.
Als ich nach mehreren Jahren im Stil des Alchimisten wieder am Ursprung meiner Reise ankam, landete ich nach geraumer Zeit in einem Krankenhaus. Nicht als Patient sondern als Mitarbeiter. Um genauer zu sein, war ich dafür verantwortlich, die Patienten zu den Untersuchungen zu bringen und sie wieder abzuholen. Ich arbeitete in einem Team. Hauptsächlich Männer aber auch ein paar Frauen. Eine Mitarbeiterin war umgeben von einer ganz besonderen Aura. Diese sollte ich in den nächsten Jahren kennenlernen.
Ihr Name war Emma.
Eine junge Asiatin, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Deren gute Laune das Krankenhaus erhellt und die für jeden ein offenes Ohr hat. Dieses Mädchen brachte mir bei, wie ich mein inneres Licht entfachen kann. Doch um das genauer zu erklären, müssen wir einen Sprung in die nähere Vergangenheit machen.
Es war ein üblicher Arbeitsmontag. Ich hatte einen starken mentalen Schub, da ich meine Anti-Depressiva nicht eingenommen hatte. Die Folgen daraus waren unangenehm. Mein Verstand konnte keinen klaren Gedanken fassen. Mich auf eine Sache zu fokussieren war eine Unmöglichkeit. Wir saßen zum Dienstbeginn im Aufenthaltsraum und Emma war mir zugeteilt als Partnerin.
Das Telefon klingelte und der erste Auftrag kam herein. Ein Patient musste mit dem Bett in das CT gebracht werden. Ich notierte die Daten, trank meinen Kaffee aus und Emma checkte noch eben ihre Emails. Anschließend nickte ich ihr zu und wir gingen los. Auf dem langen Korridor des Krankenhauses herrschte ein ruhiges Treiben. Um diese Zeit sind hauptsächlich nur die Schwestern und Pfleger auf den Gängen zu sehen. Emma ist eine Frohnatur. Sie redete auch schon fleißig. Man muss an der Stelle erwähnen, dass es fast unmöglich ist bei Emma zu Wort zu kommen, wenn sie nicht gerade eine ihrer Fragen stellt. Und Emma stellt viele Fragen. Was denkst du gerade? Was meinst du, ist die Rolle der Frau in der modernen Familie? Kennst du schon die neue Klasse in Baldur‘s Gate 3? Ist nur ein Auszug aus ihrem Repertoire an Fragen. Sie erzählte also, vom Judo, wie man seine Gegner richtig wirft und was das besondere an asiatischen Kampfkünsten ist. Während sie von ihren Abenteuern sprach, bemerkte ich, wie sich in meinem Kopf eine dunkle Gedankenwolke anbahnte. Ich wusste genau: Das wird ein Schub. Solche Schübe sehen in der Regel so aus, dass ich langsam beginne Wahrheit und Fiktion nicht mehr voneinander trennen zu können.
Wir fuhren also unseren ersten Patienten in das CT und im weiteren Verlauf des Tages stiegen Emma‘s Erzähldrang und mein Realitätsverlust Hand in Hand bergauf. Ich weiß nicht mehr genau wann es war aber es gab diesen einen Moment, als Emma mich lächelnd fragte, was los sei. Ich sähe so niedergeschlagen aus. Ab diesem Moment war ich, paranoid wie ich bei einem Schub bin, überzeugt davon, dass Emma der personifizierte Teufel sein muss. Der mich mit seinem schelmischen Lächeln verspottet. Der mir bewusst Fragen stellt, die mich wie Nadelstiche treffen und der meine Hilflosigkeit genießt. Und Er, der Teufel, weiß, dass er mir überlegen ist, weil er meine Antworten schon kennt und mir nur Fragen stellt, um mich zu lehren, dass ich falsch liege. Mir Fragen stellt, um mich in Widersprüche zu verknüpfen. Um mich bloßzustellen. Auf diese Kampfansage wollte ich kontern. Scheiterte aber. Ihr Lächeln, der Frieden den sie ausstrahlte, blockte meine verbalen Attacken gegen sie einfach ab. Es schien fast, als würde sie garnicht realisieren, dass ich gerade versuchte, sie auf meine dunkle Seite zu zerren. So dass sie verstünde, welche emotionale Talfahrt ich gerade durchmachte. Sie lächelte. Und erzählte weiter.
Die nächsten Tage verliefen gleich. Jeglicher Versuch ihr Lächeln zu zerschlagen, um ihr vermeintlich die Augen zu öffnen, schlug fehl. Vergebens war die Mühe, ihr zu erklären, dass das Leben nunmal kein Ponyhof sei. Sie nahm sich meiner Probleme an wie immer. Mit einem Lächeln.
Es sollte die gesamte Woche dauern, bis ich schließlich kapitulierte. Ich realisierte, dass nicht ich ihr die Augen öffnete, sondern sie mir. Nicht sie war es, deren Realität verzerrt war. Die eine heile Scheinblase ihre Welt nannte. Sondern ich war das Problem. Meine Welt war ein dunkles Verlies, in das ich mich zurückgezogen hatte. In dem nichts und niemand einen Platz finden konnte. Schon gar kein Licht.
Durch Emma habe ich gelernt was Licht ist und wie du es in dir erleuchten kannst.
Die Formel ist so einfach wie genial. Versuche positiv zu sein. Denke optimistisch. Selbst wenn die Aussichten noch so düster sind. Nutze Worte, die für etwas sprechen anstatt dagegen. Und wenn du das Gefühl hast, das Licht blendet dich jetzt zu sehr, dann wechsel für eine Zeit die Seiten. Spiel für das andere Team. Setz dich im Schatten ab. Wer zu lange in der Sonne steht bekommt einen Sonnenbrand. Es sei denn, man heißt Emma und ist Asiatin. Der passiert das nicht. Aber wir normal Sterblichen müssen ab und an auch mal im Schatten parken, um ein bisschen abzukühlen. Aber vergiss nicht daraus wieder herauszutreten bevor du unterkühlst. Balance ist das Gleichgewicht des Lebens.
