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Im Herbst

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21.04.2004
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Im Herbst

Manchmal fiel es ihr schwer, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl sie den Gedanken mochte, am nächsten Tag in einer schöneren Welt aufzuwachen; wenn ich nur den Teppich staubsauge oder meine Wäsche auf die Leine im Garten aufhänge; sobald ich den Tag nutze, ihm eine Bedeutung gebe, etwas Achtsamkeit und Liebe. Aber sie wusste auch, dass der Abend kommt; wenn sie träge, wie betäubt, vorm Fernseher saß, ihr Butterbrot aß und schlechte Filme im ersten Kanal anschaute, bis sie müde war, und sie war früh müde, schon um Acht, manchmal um halb Neun, dann putzte sie sich die Zähne, zog ihr Nachthemd an – und lag im Bett wie ein Kind, wenn die Schatten näherkrochen. Meistens stellte sie das Radio an, Hörbücher um diese Uhrzeit, dazu schlief sie ein ... Und träumte von ihrer Jugendliebe im Sommerlager: Händchenhalten; der erste Kuss. Nachts im Zelt eine warme, verstohlene Hand auf ihrer Brust, die schon wuchs, während der Regen fiel – lang bevor ihr Mann, der Wolfgang, in ihr Leben trat, mit langem Haar und Schlaghosen.

Morgensonne, scharf und golden, hätte sie die Fenster geputzt, heute ein milchiger Fleck. Sie holte Butter und den Käse aus dem Kühlschrank; füllte Wasser in einen Topf, stelle ihn auf den Herd, drehte auf. Sie öffnete die Schublade, um einen Kaffeefilter aus der Packung zu ziehen. Träge setzte sich Renate an den Klapptisch, wartete, bis Dampf aus dem Deckel fauchte. Und frühstückte, obwohl sie keinen Hunger hatte; keine Lust, sich zu duschen, geschweige denn zu baden, schon gar nicht in der Nasszelle für Gäste im Erdgeschoss: ein Bad ohne Fenster, wo der Schaum nie blütenweiß, sondern gelb war durch die Glühbirnen eines Schminkspiegels, vielleicht für Schauspieler, Stripperinnen oder Clowns, den sie, vor Jahren, auf einem Flohmarkt gekauft hatte, um neuen Glanz ins Haus zu bringen. Vergeblich. Dort, in dieser Badewanne, hatte sie Wolfgang gepflegt, als er zu krank, zu erschöpft war durch den Krebs und die Chemo, dass er nur noch unten im Wohnzimmer lag, unter seiner bunten Steppdecke, nicht mehr im Ehebett.

Mit dem Waschlappen und der Seife wusch sie ihr Gesicht, den Hals, unter Achseln und Busen; Scham und Po. Sie trocknete sich ab, kämmte ihr Haar, es war nicht fettig, bloß stumpf von grauen Strähnen, und zog Jeans und T-Shirt an. Danach prüfte sie, ob alle Hähne fest verschlossen waren, ein Kindheitstrauma und Ursache ihrer Angst: Als Mädchen stand sie im Bad, die Wanne war schon randvoll, da platzte die Glühbirne, plötzlich im Dunkeln, bei geschlossener Tür – nur das überlaute Gluckern des Wassers.

Renate ging zum Briefkasten: leer. Gottseidank! Keine Rechnungen. Erwachsen bist du, wenn die Monster unterm Bett dort eingezogen sind ... Ja, sagte sie. So ist das halt. Sie hatte ein paar Mark extra in der Tasche gehabt, solange sie im Tante-Emma-Laden arbeiten konnte, bis Mai: die Regale auffüllen, Waren bestellen; manchmal an der Kasse. Jetzt stand auf dem Kalender von der Apotheke: August 1989, mit einer kitschigen Landschaft – und sie war allein, arbeitslos. Ihre Witwenrente stopfte zwar die Löcher, trotzdem waren keine Sprünge drin.

Sie schloss die Haustür ab, obwohl das nächste Haus einen Kilometer entfernt war, hierhin verirrte sich keine Seele ... Allein mit der verwilderten Katze, die manchmal, im Winter, im Treibhaus schlief und weder Futter noch Milch annahm, solange sie in Reichweite blieb.

Beide Hände in den Taschen folgte sie dem Feldweg zum Wald: Die ersten Pflanzen welkten schon, manche Stängel rotbraun und hart, die Blüten zerfranst vom Unwetter gestern. Von Wolfgang kannte sie ihre Namen, auch die lateinischen: Rainfarn, Goldrute; Urtica, die Brennnessel.

Der Geruch des Sommers war fort, nach Staub, warmem Holz und Kräutern, eine Kühle hing in der Luft, etwas Kaltes. Die Sonne hinter Wolken. Und es war still. Im Schatten der Nadelbäume fror sie. Renate kehrte um.

Hör hin: Etwas passiert.

Wie oft hatte sich Wolfgang als Lehrer aufgespielt, und sie hasste es, immer noch: seine Rechthaberei; aber es wäre wohl seine Bestimmung gewesen, nicht diese öde Arbeit in der Druckerei, die er annahm; sich die Haare abrasierte: Schutzvorschriften. Bevor ihr Kind kam, eine Tochter, Julia.

Ach, wie schön er war!

Beim Unfall mit dem Auto, sie hätte ihn fast vom Fahrrad gefegt, weil er zu schnell, mit wehender Mähne, um die Ecke gerauscht kam – ein Schock; doch er lachte nur, sein freies, wunderbares Lachen, seine grünen Augen; und gab ihr diese Karte fürs Konzert. Und sie ging hin, in die verrauchte Kneipe, die nach Bier und Haschisch stank, heimlich, denn ihre Eltern hätten das nie erlaubt. Und später mit zu ihm, verlor ihre Unschuld. In seinem Bett aufzuwachen, während er am Fenster eine Zigarette rauchte ...

Wind raschelte im Gras.

Kein Spatz im Brombeerstrauch.

Renate betrat das Treibhaus, es war beschädigt: Ein Hagel hatte die Deckgläser zerschlagen, lose geflickt mit Einkaufstüten, mit braunem Tesafilm; es regnete rein. Graue Tomaten. Selbst die Kakteen verschrumpelt und tot. Eine Schande. Hier drin war sie ihm am nächsten, in seinem kleinen Reich; fühlte sich seltsam beschützt zwischen leeren Blumentöpfen, einem Sack voller Erde und Dünger aus Granulat, der chemisch roch. Sie stellte das Radio an, ein Grundig, hörte Schlager, Nachrichten ... wird das Unwetter heftige ...

Sie schaltete ab.

Halb Elf, und sie wusste nichts mit sich anzufangen: Wenn sie jetzt schlief, war sie abends stundenlang wach. Essen wollte sie nicht. Staubwischen? Vielleicht den Rasen mähen. Nein. Stattdessen setzte sie sich auf die klebrige Bank unterm Pflaumenbaum, aus dem Harz tropfte, und starrte auf ihre Hand, auf die Narbe, auf das Lederarmband, das ihm gehört hatte: Glasperlen, Indianerschmuck – und lehnte sich zurück: Am Himmel türmten sich Wolken auf, grell und kränklich.

Das sind Cumulonimbus.

Ja, weiß ich!

Geh rein.

Im ersten Stock war das Kinderzimmer, noch so, wie Julia es verlassen hatte, mit den Stofftieren, dem Schulranzen, den Postern einer Boyband, sogar die selbstgemalten Bilder hatte sie zurückgelassen – und rechts die Nähkammer, sowohl eine antike Maschine mit rostigem Pedal, von Großmutter, als auch die moderne, elektrische. Die Eltern hatten sich durchgesetzt, dass sie Bürokauffrau lernte, anstatt ihren Träumen zu folgen, ausgefallene Mode zu machen, die auf den Laufstegen der Welt gezeigt wird. Oder Ärztin zu werden, vielleicht Biologin. Ja, sie hatte immer gerne genäht, für Wolfgang, für ihre Tochter, sich selbst ... Nach seinem Tod die Klamotten in eine Truhe auf dem Dachboden geworfen, in der seine alten Platten lagen: Pink Floyd, natürlich, Beatles, Zappa. So oft gehört, wenn Renate bei ihm war, in seiner Studentenbude, mit den Fotos von Lennon und Mao an der Wand, eine Hanfpflanze im Topf, klar; und Räucherstäbchen – und dann, eines Tages, Jahre später, nichts mehr, nur Radio.

Von oben, am Fenster, sah sie abgeerntete Felder, deren Stoppeln krause Muster formten – dahinter der Fluss, heute nicht fröhlich glitzernd, sondern stumpf wie Eisen. Am Himmel ragten Wolken auf, jodbraun, fast schwarz. Da kommt was runter, sagte sie. Ich muss den Keller abdichten.

Auf dem Teppichläufer, der muffig roch, ging sie abwärts zum Flur; rechte Tür auf und die Treppe zur Ölheizung hinab, vorsichtig, denn die Stufen waren aus Stein, sehr glatt. Hinten lag die Vorratskammer: Regale voll Einmachgläser, Birnen und Bohnen: eine konservierte Jahreszeit, dazu Marmelade und staubige Kartoffeln in einer Holzkiste. Wein; Bier, längst abgelaufen, noch von ihm; sie selbst trank nicht, hatte es auch nie vertragen ... Alkohol ist der Teufel.

Nur ein Genussgift.

Schlimm genug!

Hastig zerrte Renate eine Mülltüte zwischen Waschmaschine und Trockner hervor, stopfte sie in den Bodenspalt der Tür. Sie prüfte die Luken: beide Riegel fest verschlossen. Gut. Das sollte reichen. Wo sie schon hier unten war, füllte sie einen Beutel mit Kartoffeln, vielleicht ein Pfund – hoch zur Küche, um sie ungeschält mit viel Salz zu kochen. Ihr Mittagessen, dazu Remoulade und Pfeffer. Sie hatte Lust auf Salat, aber nicht die Kraft, ihn zu machen. Müde saß sie am Tisch, strich die Wachsdecke glatt: Staub an ihrer Handfläche.

Nieselregen setzte ein ...

Beim Donner schreckte sie hoch. Jetzt Blitze in rascher Folge, ein Stakkato, ehe der Schauer kam, erst wenige Tropfen, die schlierig auf den Scheiben abflossen, dann heftig: Hart klickerte er aufs Treibhaus und prasselte über den Kies.

Sturmwind raufte die Bäume.

Renate stellte die Kochplatte ab, obwohl die Kartoffeln noch nicht gar waren, und zog sich ins Wohnzimmer zurück: Wenige Orte, an denen sie sich geborgen fühlte, sein Sessel aus Studienzeiten, der Stoff längst verblasst und fadenscheinig, war einer davon. Manchmal sah sie Wolfgang dort sitzen, als Gespenst, im Schein der Glotze, nach der Arbeit, die aus dem lebenslustigen Spinner, in den sie schockverliebt gewesen war, einen bitteren Mann machte; jeden Tag das Bier im Schoß, er trank gierig – später todkrank. Nein, er wurde nie laut, hätte niemals die Hand gegen sie oder ihre Tochter erhoben, sondern zog sich zurück, lebte in einer inneren Welt, zu der sie keinen Zugang finden konnten.

Seitensprünge? Vielleicht; früher ganz bestimmt: Ein Blumenkind, ein Tunichtgut war er, so schlau, voller Witz und Charme; der gerne große Reden schwang: über Spießigkeit, das Bürgertum, über Vietnam und Hồ Chí Minh; über die Ureinwohner der USA – im Sitzkreis mit Freunden und Freundinnen, während sie ihn aushielt, mit dem kleinen Gehalt. Um Wolfgang an sich zu binden, ließ sie die Pille weg, und sie wurde schwanger. Später Hochzeit, ihre Eltern hatten drauf gedrängt, soll das Kind in Schande leben; und die erste Wohnung, klein, ein Küchenfenster zum Hof; der Kochgeruch von Eiern und Speck in den nikotingelben Gardinen.

Als sie das Haus auf Raten kauften, da blühte Wolfgang auf: Er liebte den Garten, das Treibhaus, selbstgebaut, und hatte den grünen Daumen: Auch gebrochene Äste treiben neue Blätter; man kann Stecklinge einpflanzen, sobald sie erste Wurzeln haben ... Doch der Schatten kam zurück.

Sein trauriges Schweigen.

Dieser Tag, als er die Diagnose mit nach Hause brachte – und Wodka, um sich aus der Welt zu schießen; nach einer Stunde konnte er kaum noch stehen, kein gerades Wort rausbringen; lallend kam er zur Küche, stolperte über eine Falte im Teppich, wäre umgekippt, sie wollte ihn fangen, doch er war so schwer! Sie stürzten zu Boden, und dabei schlug die Flasche auf ihre Hand, brach: Eine Scherbe schnitt tief ein, daher die Narbe. Seitdem konnte sie die Finger schlecht bewegen.

Ihr fröstelte. Renate setzte sich, nahm die Steppdecke von der Lehne und mummelte sich darin ein ...

Eingenickt; erst am Abend wieder wach. Der Regen rauschte, ein Strömen, das Haus und Garten umgab. Ich muss im Keller nachsehen, seufzte sie, aber der Klang war tröstend, daher schmiegte sie sich ans Kissen und döste bis zur Nacht.

Benommen, wusste erst nicht, wo sie war, schälte sie sich aus den Polstern. Im Flur knipste Renate die Lampe an, ließ sie brennen, während sie ins Bett ging, ohne Zähne zu putzen. Sie zog die Jeans aus und legte sich hin. Nicht den Arm auf seine Hälfte legen! Aber heute tat sie es doch: das kühle, leere, weiche Laken. Vielleicht noch Radio hören, flüsterte sie zu ihm; war eingeschlafen.

Am Morgen schweres Grau. Noch immer goss es in Strömen: Der Wind trieb Regen gegens Fenster.

Im oberen Flur legte sie den Lichtschalter um: Nichts. Auch unten war es dunkel. Ratlos, in Bademantel und Puschen, stand Renate auf der Treppe, bevor sie ins Nähzimmer ging – und sah beklommen, dass der Fluss übers Ufer getreten war, schlimmer noch: Der untere Rand des Ackers war ausgefranst, sodass Furchen einen Teil des Wassers brachen und nach Süden ablenkten ... zum Haus.

Ich muss die Feuerwehr rufen, keuchte sie. Aber im Dorf gab es keine, und die nächste Stadt war eine Autostunde entfernt.

Mein Gott.

Renate rannte ins Schafzimmer, warf Mantel und Hausschuhe ab und ließ sie liegen, zog ihre Sachen von gestern an. Die Treppen runter; aber im Keller war keine einzige Regenpfütze ... Trotzdem stapelte sie alles, was am Boden stand, in die Regale und legte zwei gerollte Lappen extra vor die Tür.

Gut so.

Wieder am Fenster: Aus der Ferne wie am Meer, sobald die Tide ansteigt, doch keine Möwen über dem Watt wie im Urlaub 1973; sich in der Sonne zu aalen, ein Buch zu lesen; Wolfgang und Julia haben eine Burg für Barbie gebaut. Kein Sand, sondern Schlick kroch langsam näher – urplötzlich schwoll das Wasser an, riss Wildgras und Steine mit sich, bevor der Acker in einem Erdrutsch versank:

Die Schlammlawine rollte auf sie zu!

Die Panik kam, Hände eiskalt: eine Ader klopfte am Hals. Sie wollte zum Sessel und die Decke um ihre Knie schlingen, in Schockstarre, wie im Bad, als die Glühbirne platzte; bis die Mutter reinkam. Aber sie riss sich zusammen. Mechanisch lief sie zur Küche und öffnete den Kühlschrank, nahm so viel Essen, wie sie tragen konnte, Milch und die letzte Sprudelflasche heraus, verstaute alles im Beutel.

Da war ein Schwappen, dann Laute, die nicht von dieser Welt schienen: ein Scharren, ein feuchtes Reißen wie von Hunden, von Wölfen. Als sich der Teppich dunkel färbte, als würde jemand im Flur verbluten, rannte sie los.

Hinter ihr klirrte Glas, und sie sah doch zurück: Ein Holzbalken, der wogend in der Flut trieb, war durchs Fenster geschlagen: gezacktes Loch, durch das Wasser einströmte, bis die Scheibe zerbrach – und ein Schwall ergoss sich auf die Fliesen, graubraun wie Haferbrei, spülte Klapptisch und Stühle krachend gegen die Wand. Sogar der Kühlschrank geriet ins Wanken, kippte, bekam Auftrieb, schwamm wie eine Boje.

Bis zur Hüfte stand sie jetzt im Schlamm, der kühl und klebrig war; mühsam kämpfte sie sich zurück, wobei die Flut das Wohnzimmer nahm, den Sessel verschluckte, gegen die Haustür brandete, deren Angeln knarzten.

Wie ein Vogel stakste Renate die Treppe empor und stellte den triefnassen Beutel ab – hockte sich auf den Absatz: Wütend, trotzig sah sie mit an, wie die braune, stinkende Brühe zu ihr aufstieg, Stufe für Stufe, als hätte sie die Flut angezogen, irgendwie herbeigerufen.

Ein Blitz, grell und kalt auf den Tapeten; ein Donner, der das Haus durchfuhr. Sie löste sich aus ihrer Starre.

Der Dachboden!

Dort bist du sicher.

Sie stapfte ins Bad, stellte die Dusche an: Noch fiel Trinkwasser raus, klar und kalt. Zitternd wusch sie den Dreck von der Haut, nahm ein Handtuch; zog alte Wäsche an.

Füll die Wanne und das Waschbecken voll!

Und sie tat es. Danach holte sie den Hakenstab für die Falttreppe aus einer Ecke, wo auch der Staubsauger stand; und zurück, am Fenster vorbei, und ihr stockte der Atem: Das Treibhaus war nicht geflutet, sondern einfach: weggespült – dafür trieben Autoreifen, Mülltüten, ein Fernseher und ein Fahrrad ohne Kette in den Fluten.

Und da sah sie die Katze, deren Fell wie bei einer Ölpest glänzte; panisch an ein Regalbrett gekrallt, das sich in der Bank verkantet hatte und von dem sie abrutschte. Jaulend! Renate drehte sich weg, wollte es nicht mit ansehen.

Sirenen einer Feuerwehr, weit entfernt.

Sie hakte den Stab in die Öse, zog so die Treppe herunter. Auf der mittleren Stufe sah Renate zurück, doch die Brühe war nicht mehr gestiegen.

Erneut das Geschrei der Katze.

Im Speicher standen Dinge wie Treibgut verstreut: Kartons, stockfleckig, mit Deko drin: eine Lichterkette und Christbaumkugeln. Ihre Schneiderpuppe, längst verstaubt. Und ein Gemälde im Goldrahmen: urige Wälder, davor eine Schafsherde, sehr kitschig, noch von Opa; an der Schrägwand stand auch sein Grammophon.

Blitze flackerten. Und die Katze schrie, schrie!

Ich muss ihr helfen, sie stirbt sonst.

Nein, du bringst dich in Lebensgefahr ...

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie die Hände auf die Ohren presste, wiegte sich vor, zurück – dann, wie abgerissen, waren die Laute fort, nur das Malmen der Wassermassen, die das Haus umspülten.

Ich hätte sie retten müssen.

Nein. Das ist der Lauf der Welt: Menschen, Tiere, alles stirbt: Im Frühling wächst das Kraut; die Blüte bringt die Frucht hervor; später Herbst, der Winter. Und aus den Samen ...

Verdammt, Ich hätte dich nie heiraten dürfen. Ich hätte das Kind abtreiben sollen ...

Was redest du‽

Im Dunkeln, umringt von fahlen, geometrischen Flächen: Kreise, Quadrate, da, plötzlich, hörte sie wieder Geschrei, wie vom Kleinkind. Nein, nein, fluchte sie und sprang auf.

Hastig verstellte sie Kartons, bis Renate den richtigen fand; sie klappte ihn auf, wühlte darin ... das Indianerhemd, die Lederhose, zog beides an. Sie zerrte die Lichterkette heraus, entwirrte sie, auch das Verlängerungskabel für den Weihnachtsbaum.

Was hast du vor?

Und sie kletterte die Treppe runter ... Unten, im Kinderzimmer, sah Renate, dass die Katze vom Brett auf die Pflaume geklettert war, deren Stamm sich gefährlich zur Flutrichtung bog. Sie verzurrte die Kabel, flocht ein paar Halteknoten rein, stieg danach auf den Stuhl, um die Leine am Haken der Lampe festzubinden. Und öffnete dann das Fenster, Regen wehte herein.

Wie willst du sie tragen?

Wirst schon sehen ...

Nein, tu das nicht.

Doch!

Bist du lebensmüde?

Ja, wegen dir, schrie sie heraus. Wegen dir, Wolfgang!

Unterm Sims trieb die Flut vorbei, zäh und braun ... Zwölf Meter bis zur Bank, nur zwölf, nicht mehr, halb so lang wie ein Schwimmbecken mit Kurzbahn. Die Strömung ist nicht sehr stark, weil dein Haus die Wellen bricht, du darfst nur nicht zum Rand, wo das geteilte Wasser zusammenschlägt, siehst du, da: Stromschnellen. Alles nicht tiefer als im Freibad, an der Stelle, wo das 10-Meter-Sprungbrett steht; und es geht hangauf; am Baum wirst du fast stehen können ...

Es wird dich zermalmen.

Sei bloß still!

Unschlüssig starrte Renate auf die wogende Masse, die seltsam organisch schien: wie ein Schleimpilz oder eine Amöbe, die im Zeitraffer ihre Beute verschlang. Mein Gott, was ist in diesem Wasser‽

Sie wich zurück – wieder im Flur. Dort atmete sie tief durch, ehe sie beherzt die Taucherbrille aus der Schublade holte, vom Urlaub 73, sie anlegte.

Renate nahm auch den Schulranzen, drückte auf die Katzenaugen, öffnete den Reißverschluss, kippte Schreibblock und Stifte heraus; verschloss ihn wieder – schnallte ihn verkehrt rum auf der Brust fest. Schließlich schlang sie das Kabel um ihre Hüfte, prüfte den Weberknoten; hielt kurz inne:

Barfuß, mit Brille und Ranzen und der affigen Lederkluft als Rüstung stand sie wie eine Astronautin vor dem Sprung ins Weltall. Sie griente; bückte sich, schob erst ein Bein ins Wasser, das zweite, dann Hüfte, Schultern; schwebend – und die Strömung riss sie mit, das Leder sog sich gleich voll, das Gewicht zerrte sie runter. Bäuchlings glitt sie davon; der Ranzen gab ihr Auftrieb, trotzdem hing sie wie ein Fisch an der Leine, kippelte wie ein Angelschwimmer.

Sie stieß gegen Trümmer, etwas rammte ihr Knie, ein Schmerz im Rücken! Es war kein Fango, mehr wie Kakao, mit Holzsplittern drin; auch nicht eiskalt, trotzdem zitterte sie. Sie versuchte, zu kraulen, ließ sich doch lieber treiben, bis sie glitschiges Gras an den Zehen fühlte und etwas Fremdes, etwas Kühles, wie im Meer, wenn man zu weit rausschwimmt: unter sich: etwas Gefährliches ...

Aber da war nur die Angst.

Schwimm! Sie konnte sich zum Baum vorkämpfen, packte den knorrigen Ast, der morsch knackte, schwang sich auf die Parkbank – und kriegte die Katze zu fassen, die sich nicht wehrte, als Renate sie unsanft im Ranzen verstaute; sie fiepte nur, so erschöpft war sie. Rücklings zog sie sich zum Haus zurück, von Knoten zu Knoten an der schlüpfrigen Leine. Neben ihr trieb ein Hocker, Styropor – und ein Teller wie ein Mond.

Dann riss das Kabel.

Das Wasser drückte sie zum Baum; aus Reflex griff sie nach dem Styropor in der Form eines Fernsehers, schob eine Schulter darauf, trat Wasser wie Julia im Kinderbecken, gern zugesehen, wie die kleine Prinzessin das Seepferdchen machte. Und so fühlte sie sich jetzt: wie ein Kind, verloren im Fluss. Im Ranzen hörte sie die Katze scharren. Noch sechs Meter, fünf ... Sie bekam Schlick in die Nase, prustete. Da ist schon das Fenster; keine Panik.

Sie paddelte mit den Beinen, das Styropor unter sich, das ihren Brustkorb anhob, von der linken Hand gehalten: Bitte, Finger, lasst mich nicht im Stich! Sie biss die Zähne zusammen, bekam jetzt den Sims zu fassen, hakte den Ellenbogen ein, zog sich erst rauf, dann keuchend den Ranzen von der Schulter, ließ ihn samt Katze auf den Teppich plumpsen, danach sich selbst.

Geschafft.

Sie hörte – sah, wie die Pflaume zerbrach, kurz auf der Oberfläche trieb und schwer in den Fluten versank.

Wie eine sich häutende Schlange schälte sich Renate aus dem schlammverdreckten Leder. Ihr Puls raste. Sie befreite auch das Tier, das sich kaum rühren konnte, sonst wäre es weggeflitzt, hätte sich irgendwo versteckt. Behutsam trug sie es ins Bad und legte es auf die Matte; sie drehte am Hahn, doch nichts kam: Die Rohre schienen gebrochen. Also nutze Renate die Mineralflasche, um den Schmutz abzukriegen, füllte in der Wanne gluckend nach – wusch sich selbst, den Schlick aus den Haaren; worauf sie die Katze in ein Frottee wickelte, ihr Fell abrubbelte, sie auf den Speicher trug, dort in einen Schuhkarton legte.

Maunzen.

Tut mir so leid, seufzte sie, während sie sich in ein Tischtuch hüllte, ihre Hand knetete: runzlige Haut. Renate setzte sich, seufzte ... und dann schluchzte sie alles aus sich raus: Die Tränen rannen. Unten knirschte das Wasser, fraß gierig. Schreckliche Laute! Sie wollte das nicht hören. Also holte sie seine Platten hervor und breitete sie wie Tarotkarten aus: Queen. The Doors. Auch poppigere Sachen aus den 70ern und 80ern: Abba. Bee Gees. Michal Jackson. Sie wählte die Musik, zog vorsichtig das Vinyl aus der Hülle, legte die Scheibe auf den struppigen Filz des Grammophons, das sie ankurbelte, die Nadel auf die Rille setze, das Tempo justierte – und da erklang, erst leiernd, dann laut, die Stimme von Janis Joplin, übertönte den Sturm, verdrängte die Schatten und die Angst.

Eingedöst. Als sie erwachte, bibbernd vor Kälte, war es schon hell. Und es war still.

Die Katze schlief.

Treppab. Der Flur schien trocken; auch am Treppenaufgang hatte sich die Flut zurückgezogen, die Haustür stand sperrangelweit offen. Im Erdgeschoss herrschte ein Schlachtfeld: alles verdreckt, die Tapeten wellig abgeschält, die Möbel verstreut wie Schachfiguren. Es roch nach Putz und Nässe, nach Schimmel, nach Fäkalien. In Gummistiefeln, mit einer Taschenlampe prüfte Renate die Schäden im Keller, hier stand das Wasser noch brusthoch, und der Lichtkegel schwamm auf der Oberfläche: ein bunter, schillernder Ölfilm.

Auch im Garten lag Müll, eine Trümmerwüste, die stank: Bauschutt, Geschirr, ein Gartenstuhl; ein Sonnenschirm. Und viele Plastiktüten.

Aber ein Vogel sang. Als Renate die Hand hob, um die Augen gegen die Sonne zu beschirmen, glänzte das Armband auf und brach das Licht zum Regenbogen. Sie nickte.

Gerne hätte sie die Katze mit Thunfisch und Milch aufgepäppelt, doch sie war längst weg, dieses undankbare Mistvieh!

Dann klingelte, wie ein Wunder, das Telefon, und sie ging rein: Julia war dran. Mama! Alles okay bei dir?

Hallo Liebes.

Während das Haus trocknete, wohnte Renate in einer kleinen, gemütlichen Wohnung, drei Haltestellen von der WG entfernt, in der ihre Tochter als Kunststudentin lebte. Sie hatte die Nachbarn kennengelernt, die sehr nett waren; manchmal spielten sie zusammen Karten.

Auf dem Balkon, im Topf am Geländer, stand die Sonnenblume ihrer Vormieterin, grau und verwelkt; doch die Küche roch nach frischen Kräutern ...

Wolfgang schwieg.

FIN.​

 
Monster-WG
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10.07.2019
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Hallo @Dante :-)

hab' ich gern gelesen :-)

Bevor ich diesen Kommentar abschicken wollte, habe ich auf dein Profil geklickt und war auf deiner Internetseite - ja, hm ... weißt du wie ich mich jetzt fühle? So ein bisschen wie ein übereifriger Student, der den Dozenten übertrumpfen will und sich in irgendeine sinnfreie, akademische Detaildiskussion über die Frage verliert, was den Feinsand von dem Grobsand unterscheidet^^. Also, ich habe dir ein paar subjektive Anmerkungen gemacht. Auch zur eigenen Übung. Nimm' was du brauchen kannst - ach, du kennst doch das Spiel als alter Wortkrieger/in :-D

Kleine Frage: Warum schreibst du im Präteritum und nicht im Präsens? Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass du eine typische Präsensgeschichte geschrieben hast ... der Erzähler haftet an Renates Denken und Sehen, ich als Leser werden durch ihr Denken und Sehen geführt.

Natürlich hast du kein neues Thema gewählt, Pflege, Einsamkeit, Erinnerung, aber auch das alte Topos der Katastrophe, die hilft, sich zu überwinden und in ein glücklicheres Leben zu gelangen. Renate hat die Schlammlawine gebraucht, um glücklich zu werden und den Tod sowie die Einsamkeit zu verarbeiten (so meine Interpretation).

Ich kann mir vorstellen, dass die Beschreibungen der Vergangenheit durch genauere Details aussagekräftiger wirken könnten. Gut, jetzt bin ich beeinflusst durch Annie Ernaux und "Die Jahre", ein Buch aus 251 Seiten Erinnerungen vom französischen Alltags. Du beschreibst Epochen und Milieus mit sehr wenigen, einfachen Schlagwörtern, wie Ho Chi Minh, Haschisch, Abba, Bee Gees, Stofftiere ... ist nur eine Idee, aber gerade in deinem Text, der durch und durch von den Erinnerungen an Wolfgang angetrieben wird, könnten anschauliche, spezielle Details der Gefahr eines Klischeevorwurfs vorbeugen.

Mit der räumlichen Orientierung hatte ich ein paar Probleme, wo das Treibhaus steht, wo das Haus, warum in der Schlammlawine Fernseher schwimmen, warum überhaupt Schlammlawine. Kann aber auch daran liegen, das ich was überlesen habe.

Ich gebe auch ehrlich zu, dass mich die Dramatik der Schlammlawinen-Szene nicht erfasst hat. Muss aber auch nicht. Das mag vlt daran liegen, dass in der Geschichte mit der Schlammlawine ein Bruch einsetzt, den du sprachlich nicht umsetzt. Dass sich etwas verändert, zeigst du mit dem abgesetzten

Hör hin: Etwas passiert.
, wobei mir unklar war, ob hier der Erzähler oder Renate oder Wolfgang oder der Wolfgang in Renates Kopf spricht; so eine Art autonome indirekte Gedankenrede (jetzt gebe ich aber mit einem narratologischen Fachterminus an, wenn das stimmen sollte, aber ich bin erzähltechnisch nicht sehr vertraut, hab' davon nur mal gehört). Mag auf jeden Fall diesen Anschein eines "göttlichen Imperativs".

Die "Gedankenpakete" strukturierst du abwechselnd mit Punkten, Kommata und Semikola. Finde das sehr gelungen.

Jetzt, liebe oder lieber @Dante , klinge ich so schrecklich kritisch. Bitte verzeihe mir das, ich habe deinen Text wirklich gerne gelesen. Ich bin jetzt nicht gaaaanz durchgekommen, d.h. ich habe den ganzen Text gelesen, bin aber nicht jeden Satz bis zum Textende bewusst durchgegangen. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich. Ich hoffe, du kannst alles verstehen, ich neige zu kognitivem Towubawohu und leider schlägt das auf meine Schriftsprache durch^^.

Stellensuche:

Manchmal fiel es ihr schwer, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl sie den Gedanken mochte, am nächsten Tag in einer schöneren Welt aufzuwachen; wenn ich nur den Teppich staubsauge oder meine Wäsche auf die Leine im Garten aufhänge; sobald ich den Tag nutze, ihm eine Bedeutung gebe, etwas Achtsamkeit und Liebe.
Bin beim ersten Lesen über das plötzliche "ich" gestolpert, mir war nicht klar, ob sich Ich auf die Protagonistin bezieht oder nicht. Schöner Eingangssatz! Versteh' ich ihn richtig - die sinnvolle Tätigkeit führt zu einem schöneren nächsten Tag? Über Liebe bin ich gestolpert; die Aufzählung sinnvoller Tätigkeiten klingt nach Pflichten denn nach etwas Schönem ... vielleicht Achtsamkeit und Sorgfalt? Vlt ein Substantiv, das zur Beschreibung von Handwerk verwendet wird?
im ersten Kanal
Kanalfernsehen, bald im Wörterbuch mit Bezeichnung [alt]
und lag im Bett wie ein Kind, wenn die Schatten näherkrochen.
Bin mir unsicher, vlt: "an sie krochen" ?
Meistens stellte sie das Radio an, Hörbücher um diese Uhrzeit, dazu schlief sie ein ... Und träumte von ihrer Jugendliebe im Sommerlager:
und (oder?)
Händchenhalten; der erste Kuss.
Hier vlt besser Komma. Dieses lose Kommen und Gehen von mentalen Bildern ist ja ein Kennzeichen von Träumen, ein Semikolon trennt den mental stream.
Nachts im Zelt eine warme, verstohlene Hand auf ihrer Brust, die schon wuchs, während der Regen fiel
Bin mir unsicher! Aber: "während" bezieht sich auf das Wachsen der Brust - ist das beabsichtigt?
Morgensonne, scharf und golden, hätte sie die Fenster geputzt, heute ein milchiger Fleck.
Find' ich eine schöne Konstruktion!
Sie öffnete die Schublade, um einen Kaffeefilter aus der Packung zu ziehen.
Hier vlt "...Schublade, zog einen Kaffeefilter aus der Packung."
bis Dampf aus dem Deckel fauchte.
Vlt "bis der Topf Dampf von sich gab"? "Fauchen" klingt so böse.
wo der Schaum nie blütenweiß, sondern gelb war durch die Glühbirnen eines Schminkspiegels, vielleicht für Schauspieler, Stripperinnen oder Clowns, den sie, vor Jahren, auf einem Flohmarkt gekauft hatte, um neuen Glanz ins Haus zu bringen.
Hm Hm, bin über das "vielleicht für" gestolpert, scheint sich ja auf den gelb beleuchteten Schaum zu beziehen. Vlt das Fettgedruckte streichen und durch "[...]Schminkspiegels, den sie, vor Jahren, auf einem Flohmarkt aus den Resten eines fahrenden Zirkus gekauft hatte, aufpoliert und repariert für neuen Glanz im Haus." Könntest so das Motiv des Vergänglichen einbauen.
Dort, in dieser Badewanne, hatte sie Wolfgang gepflegt, als er zu krank, zu erschöpft war durch den Krebs und die Chemo, dass er nur noch unten im Wohnzimmer lag, unter seiner bunten Steppdecke, nicht mehr im Ehebett.
Hm, hier könntest du auch genauer sein, vlt "in dieser Wanne ... gebadet". Pflegen bedeutet ja sehr viel mehr als reines Baden ... statt "als" vlt "wenn" - und nur Chemo schreiben? Ach ich bin aber heute auch ein Erbsenzähler, tschuldige. "Nicht mehr im Ehebett", vlt sowas wie "Sie schlief allein im Ehebett"? Ist ja auch ein Absatzende, der Satz wirkt in die Leerzeile darunter nach.
Ja, sagte sie. So ist das halt. Sie hatte ein paar Mark extra in der Tasche gehabt, solange sie im Tante-Emma-Laden arbeiten konnte, bis Mai: die Regale auffüllen, Waren bestellen; manchmal an der Kasse. Jetzt stand auf dem Kalender von der Apotheke: August 1989, mit einer kitschigen Landschaft – und sie war allein, arbeitslos.
Kann man gaaaanz vage ankreiden, da hier zwischen Wolfgangs Tod und ihrer Arbeitslosigkeit ein kausaler Zusammenhang gesetzt wird. Ich finde, du könntest Tante-Emma-Laden durch oder Konsum, Kaufhalle oder Supermarkt ersetzen, du beschreibst hier realistisch.
Sie schloss die Haustür ab, obwohl das nächste Haus einen Kilometer entfernt war, hierhin verirrte sich keine Seele ...
Lasse mich gerne eines besseren belehren, aber wer schließt denn im ländlichen deutschsprachigen Raum seine Haustür nicht ab?
Vielleicht den Rasen mähen. Nein. Stattdessen setzte sie sich auf die klebrige Bank unterm Pflaumenbaum, aus dem Harz tropfte, und starrte auf ihre Hand, auf die Narbe, auf das Lederarmband, das ihm gehört hatte: Glasperlen, Indianerschmuck – und lehnte sich zurück: Am Himmel türmten sich Wolken auf, grell und kränklich.
Hatte hier kurz Probleme, Renate zu verorten. Das Treibhaus liegt von Renates Haus ab, richtig? Also ein kleiner Schrebergarten? Oder ist das Grundstück so groß?
Pflaumenbäume sind Laubbäume, aus ihnen tropft kein Harz (lasse mich eines besseren gerne belehren).
Kränklich for Cumulonimbus? Hm...sehe ich anders^^.
Ein Hagel hatte die Deckgläser zerschlagen
Kurz zurück: Vlt Hagelsturm? Oder "Der Hagelsturm von gestern"?
und Dünger aus Granulat, der chemisch roch. Sie stellte das Radio an, ein Grundig, hörte Schlager, Nachrichten ... wird das Unwetter heftige ... Sie schaltete ab.
Vlt hier Gedankenstrich, die Rede bricht ab.
Im ersten Stock war das Kinderzimmer, noch so, wie Julia es verlassen hatte, mit den Stofftieren, dem Schulranzen, den Postern einer Boyband, sogar die selbstgemalten Bilder hatte sie zurückgelassen –
Hatte hier ein geographisches Problem, ist sie zurück ins Haus gegangen? Frage: Der Zustand des Kinderzimmers entspricht dem Alter, in dem Julia das Haus verlassen hat. Stofftiere, Schulranzen, Boyband, das klingt alles kindlich und adoleszent.
Die Eltern hatten
Hatte hier kurz das Problem, welche Eltern gemeint sind: Julias Eltern (Renate abstrahiert hier) oder Renates Eltern? Der Absatz scheint sich ja auf Renate zu beziehen, beginnst ihn jedoch mit Julias Kinderzimmer. Vlt "Nähkammer" stärker von Kinderzimmer trennen. "Sie ging in die Nähkammer", sowas.
Wenige Orte, an denen sie sich geborgen fühlte, sein Sessel aus Studienzeiten, der Stoff längst verblasst und fadenscheinig, war einer davon. Manchmal sah sie Wolfgang dort sitzen, als Gespenst, im Schein der Glotze, nach der Arbeit, die aus dem lebenslustigen Spinner, in den sie schockverliebt gewesen war, einen bitteren Mann machte; jeden Tag das Bier im Schoß, er trank gierig – später todkrank.
Hm hm, das ist jetzt eine reine Geschmacksfrage. Aber ich finde, sie denkt mit Anbeginn des Unwetters viel zu oft an Wolfgang. Sie ist ja in einer unruhigen Situation, Adrenalin, Sorge, Angst, jetzt folgen aber wieder Erinnerungsgedanken.
Um Wolfgang an sich zu binden, ließ sie die Pille weg, und sie wurde schwanger.
Das ist recht banal in den Text eingeflochten. Ist das extra so gemacht?
Als sie das Haus auf Raten kauften, da blühte Wolfgang auf: Er liebte den Garten, das Treibhaus, selbstgebaut, und hatte den grünen Daumen: Auch gebrochene Äste treiben neue Blätter; man kann Stecklinge einpflanzen, sobald sie erste Wurzeln haben ... Doch der Schatten kam zurück.
Vlt "pflegte seine Pflanzen mit grünem Daumen"
Ich würde "Doch" kleinschreiben, deine Auslassungspunkte zeigen ja eine Pause im Gedankenfluss an.
Die Schlammlawine rollte auf sie zu!
Geographische Frage: Ist das Land flach oder nicht?
Vlt passt zu deiner ja ansonsten eher ruhigen, melancholischen Story eine "reaktivierte Abflussbahn", ein "Bach, der hier mal floss" oder "ein Bach, umgelegt wurde" besser als die Schlammlawine. Etwas altes wird reaktivert, ähnlich wie Renates Glück am Ende der Story. Aber das nur als Idee (könntest sogar soweit gehen und das Treibhaus auf dem Grundstein einer kleinen Mühle errichten lassen).

Zwischen Beginn des Unwetters und der Schlammlawine liegen fast 24 Stunden (wenn ich das richtig gelesen habe) - wäre eine Evakuierung nicht erfolgt? Das ist ja ein sehr langer Zeitraum. Aber hier bin ich vorsichtig, ist nur so ein Nebengedanke.

dafür trieben Autoreifen, Mülltüten, ein Fernseher und ein Fahrrad ohne Kette in den Fluten.
Geographie: Du schreibst vorher, dass das nächste Haus kilometerweit entfernt stand. Wo kommen dann die Mülltüten, Fernseher her?

Soweit bin ich gekommen.
Lg aus Leipzig
kiroly

 
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An @Dante :Pfeif:, diese Geschichte zu kommentieren ist ein musst-do für mich. Ich kenne Frauen. Bin ja eine von ihnen. :shy: Ich mag diese coming in ... emancipation-Geschichten (den Begriff hab ich mir gerade ausgedacht :sealed:)
Nur diese kommentiere ich quasi unter ... Zwang, einem inneren Zwang, denn in meinem Hirn hängt und zwackt sie an vielen Ecken und Enden. Dann lese ich auch noch zufällig, wie unterschiedlich wir, du und ich, überhaupt zu lesen scheinen (s. Trinkertrikolore) und es kommt mir nicht richtig vor, sie zu kommentieren, zu kritisieren. Aber so ist es eben mit Zwängen. Da musst du jetzt durch! :D

Zum Warmwerden: zuallererst empfinde ich sie als zu lang und zu voll mit allem, zu detailliert, zu sehr Innenschau, zu viele Themen, zu viele Sprünge, auch stilistisch, hin und her. Da finde ich nichts, um in meinen Lesefluss zu gelangen. Dabei ist es in der Sache super:
Eine mittelalte (?) Frau, Witwe, alleinlebend, abseits der Gesellschaft, auch geografisch nahezu isoliert, dümpelt in ihrem Leben herum, dann kommt die Wende in Form von den Folgen des Klimawandels im Herbst (oder eben ohne Klimawandel, weil ja Herbst und nicht Sommer :rolleyes:) und Renate kriegt den Kick und wächst über sich hinaus. Ich erlebe eine abenteuerliche Rettungsaktion (die Katze im Baum) und am Schluss rettet die Tochter die Mutter mit einem Satz. Und ich habe Fragen über Fragen.

Manchmal fiel es ihr schwer, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl sie den Gedanken mochte, am nächsten Tag in einer schöneren Welt aufzuwachen; wenn ich nur den Teppich staubsauge oder meine Wäsche auf die Leine im Garten aufhänge; sobald ich den Tag nutze, ihm eine Bedeutung gebe, etwas Achtsamkeit und Liebe.
Im Laufe der Geschichte habe ich aber eher den Eindruck, dass es ihr nicht manchmal, sondern generell schwerfällt Sinnvolles zu tun, oder überhaupt etwas zu tun, etwas Schöneres aus Staubsaugen schon mal gleich gar nicht. :( Und schon bin ich irritiert, weil du kurz in eine andere Erzählstimme wechselst und ich das nicht verstehe und schon gar nicht nachempfinden kann. Diese Heimpflege, wenn die Frau für die Familie sorgt, kann bedeutungsvoll und schön werden, zur Achtsamkeit und einem Gefühl von Liebe führen ... ja, klar. Aber hier wird’s nur aufgezählt. :Pfeif:Eine rückblickende Szene, lebhaft beim Wäscheaufhängen, neben einer schaukelnden Julia, einem Wolfgang der mit beiden Unterarmen in der Erde steckt ... ja, so schon. Und im Verlauf denke ich das immer wieder.
Aber sie wusste auch, dass der Abend kommt; wenn sie träge, wie betäubt, vorm Fernseher saß, ihr Butterbrot aß und schlechte Filme im ersten Kanal anschaute, bis sie müde war, und sie war früh müde, schon um Acht, manchmal um halb Neun, dann putzte sie sich die Zähne, zog ihr Nachthemd an – und lag im Bett wie ein Kind, wenn die Schatten näherkrochen. Meistens stellte sie das Radio an, Hörbücher um diese Uhrzeit, dazu schlief sie ein ... Und träumte von ihrer Jugendliebe im Sommerlager: Händchenhalten; der erste Kuss. Nachts im Zelt eine warme, verstohlene Hand auf ihrer Brust, die schon wuchs, während der Regen fiel – lang bevor ihr Mann, der Wolfgang, in ihr Leben trat, mit langem Haar und Schlaghosen.
Same here. betäubt, müde, nur Brot mit Butter - wieso geißelt sie sich so? Gurken kosten nicht die Welt und schon wäre das Abendbrot auch grün. Ich bin fies, ich weiß, aber anders kann ich dir nicht erklären, was diese Art über Renate zu schreiben mit mir macht. Renate wollte Ärztin werden, war wie alle Mädchen (die meisten) lebenshungrig und zuversichtlich, wieso isst sie jetzt nur Butterbrot vor dem Fernseher? Weil es dramatischer ist? In meinem Kopf klingt das aber gewollt - sagt man wohl. Im TV wären diese Szenen sicher auch in s/w gedreht worden. Ich finde aber, das braucht es nicht. Renate ist von innen leer. Warum muss auch alles andere grise et triste sein? Ich fände einen Kontrast spannender, einer Herausstellung der Gegensätze interessanter. Und wo ist Julia? Wieso kommt sie erst, wenn die Katze schon auf dem Baum gelandet ist? Oder das Kind in den Brunnen. Hab ich diese Passage überlesen?
Und nein! Renate träumt nicht meistens von einer Jugendliebe, von einer verstohlenen Hand auf ihrem wachsenden Busen, wenn der Regen fällt. Nicht in meinem Kopf. Denn Renate ist längst in Aufbruchstimmung. Tief in ihr zweifelt sie und kämpft sie sich schon hoch, denn die Überflutung und der Herbst sind bereits auch im Anmarsch. So nimmlich! :lol:

Morgensonne, scharf und golden, hätte sie die Fenster geputzt, heute ein milchiger Fleck.
Aber geh, Morgensonne kann selbst von einer deprimierten Frau nicht als scharf empfunden werden. Und schmutzige Fenster machen aus ihm keinen milchigen Fleck, sondern mehr eine milchig-goldene Fläche. Warte, ich beruhige mich erst wieder.:shy:

Sie holte Butter und den Käse aus dem Kühlschrank; füllte Wasser in einen Topf, stelle ihn auf den Herd, drehte auf. Sie öffnete die Schublade, um einen Kaffeefilter aus der Packung zu ziehen. Träge setzte sich Renate an den Klapptisch, wartete, bis Dampf aus dem Deckel fauchte. Und frühstückte, obwohl sie keinen Hunger hatte; keine Lust, sich zu duschen, geschweige denn zu baden, schon gar nicht in der Nasszelle für Gäste im Erdgeschoss: ein Bad ohne Fenster, wo der Schaum nie blütenweiß, sondern gelb war durch die Glühbirnen eines Schminkspiegels, vielleicht für Schauspieler, Stripperinnen oder Clowns, den sie, vor Jahren, auf einem Flohmarkt gekauft hatte, um neuen Glanz ins Haus zu bringen. Vergeblich. Dort, in dieser Badewanne, hatte sie Wolfgang gepflegt, als er zu krank, zu erschöpft war durch den Krebs und die Chemo, dass er nur noch unten im Wohnzimmer lag, unter seiner bunten Steppdecke, nicht mehr im Ehebett.
In einem Film hätte ich diese Szene gerne sehen: eine graue Frau, wie sie nur das Nötigste unternimmt, um nicht einfach zu sterben. So wie in im weiteren immer wieder den Eindruck hatte, es werden Szenen beschrieben. Soll mir der Fehlkauf des Schminkspiegels andeuten, dass Renate nie wusste, wie sie Glanz in ihr Leben bringen konnte, weil sie weder Schaupielerin, Stripperin oder Clown gewesen ist? Wollte sie?
Den Zusatz am Ende benötigt es meiner Meinung nach nicht.
Mit dem Waschlappen und der Seife wusch sie ihr Gesicht, den Hals, unter Achseln und Busen; Scham und Po. Sie trocknete sich ab, kämmte ihr Haar, es war nicht fettig, bloß stumpf von grauen Strähnen, und zog Jeans und T-Shirt an.
Auch diese Szene verdeutlicht ja nur noch einmal, wie öde und fade Renates Morgen vergehen und ich finde, es ist nicht notwendig. Und ja, vermutlich ist sowohl ihre Jeans als auch ihr T-Shirt grau.
Danach prüfte sie, ob alle Hähne fest verschlossen waren, ein Kindheitstrauma und Ursache ihrer Angst: Als Mädchen stand sie im Bad, die Wanne war schon randvoll, da platzte die Glühbirne, plötzlich im Dunkeln, bei geschlossener Tür – nur das überlaute Gluckern des Wassers.
Klar braucht die Geschichte ein Trauma mit Wasser. ;) Aber diese Situation löst in meinem Kopf keine Ängste bei einem Kind aus. Nicht in dieser Form.
Renate ging zum Briefkasten: leer. Gottseidank! Keine Rechnungen. Erwachsen bist du, wenn die Monster unterm Bett dort eingezogen sind ... Ja, sagte sie. So ist das halt. Sie hatte ein paar Mark extra in der Tasche gehabt, solange sie im Tante-Emma-Laden arbeiten konnte, bis Mai: die Regale auffüllen, Waren bestellen; manchmal an der Kasse. Jetzt stand auf dem Kalender von der Apotheke: August 1989, mit einer kitschigen Landschaft – und sie war allein, arbeitslos. Ihre Witwenrente stopfte zwar die Löcher, trotzdem waren keine Sprünge drin.
Wandernde Monster vom unterm Bett in den Briefkasten sind drollig. ;)
So oder so ähnlich dachte ich mir Renates Werdegang schon und dass sie allein ist, wusste ich bereits. Aber warum benötige ich ein eindeutiges Jahr ? Ich bin jetzt echt eine Nervensäge und möchte mir auch gar nicht mehr selbst zuhören. Ich will dich nicht verärgern, es ist bloß ein random Leseeindruck einer mittelalten Frau. :kuss:
Der folgende Spaziergang mit den Erinnerungen an ihr Leben mit Wolfgang sehe ich wie in einem Film und ich will gar nicht alles so explizit erklärt bekommen, wie toll und lebendig ihr Mann gewesen ist. Es ist mir schnuppe, wie schön und wild Wolferl war, warum er in die Druckerei musste, dass er Krebs bekam, sein Umgang mit dieser Erkrankung. Ob das Radio von Grundig ist. Natürlich gab es einen Grund für Renate ein Leben mit Wolfgang zu führen und ja, es war sicher auch schön... Mir hätte genügt, bei Renate zu bleiben, die es selbst mit Wolfgang und Julia nicht geschafft hat, ihrem Leben einen eigenen Sinn zu geben, die bis zu diesem Zeitpunkt des Spaziergangs, Jahre nach seinem Tod, immer wieder auf Wolfgangs Worte zurückgreifen muss, die aus dem Off kommen, sich hat belehren lässt und ist inaktiv geblieben. Erst als Tochter, dann als Ehefrau. Das ist richtig, das musst du zeigen, aber nur die einzelnen Etappen aufzuzählen genügt mir einfach nicht.
Kein Spatz im Brombeerstrauch.
Das ist richtig schön! Eine Szene, die man nicht zeigen kann, die deswegen hier so viel aussagt. Im übrigen wäre das der perfekte Titel für deine Geschichte. :D:teach:
Halb Elf, und sie wusste nichts mit sich anzufangen: Wenn sie jetzt schlief, war sie abends stundenlang wach. Essen wollte sie nicht. Staubwischen? Vielleicht den Rasen mähen. Nein. Stattdessen setzte sie sich auf die klebrige Bank unterm Pflaumenbaum, aus dem Harz tropfte, und starrte auf ihre Hand, auf die Narbe, auf das Lederarmband, das ihm gehört hatte: Glasperlen, Indianerschmuck – und lehnte sich zurück: Am Himmel türmten sich Wolken auf, grell und kränklich.
Für mich hätte sie jetzt im Gewächshaus langsam räumen können, bedächtig, nicht Ordnung schaffen, aber langsam aktiv werden, um wieder aufzublühen. Stattdessen benimmt sie sich wie immer und langsam werde ich sauer auf Renate. Ist ja auch was, nicht wahr? :lol:
Von oben, am Fenster, sah sie abgeerntete Felder, deren Stoppeln krause Muster formten – dahinter der Fluss, heute nicht fröhlich glitzernd, sondern stumpf wie Eisen. Am Himmel ragten Wolken auf, jodbraun, fast schwarz. Da kommt was runter, sagte sie. Ich muss den Keller abdichten.
Aha. Nun kommt Leben in die Renate.
Auf dem Teppichläufer, der muffig roch, ging sie abwärts zum Flur; rechte Tür auf und die Treppe zur Ölheizung hinab, vorsichtig, denn die Stufen waren aus Stein, sehr glatt. Hinten lag die Vorratskammer: Regale voll Einmachgläser, Birnen und Bohnen: eine konservierte Jahreszeit, dazu Marmelade und staubige Kartoffeln in einer Holzkiste. Wein; Bier, längst abgelaufen, noch von ihm; sie selbst trank nicht, hatte es auch nie vertragen ... Alkohol ist der Teufel.
und ich frage mich immer wieder: muss ich das alles wissen? Was krieg ich damit mitgeliefert, um Renates Rettungsaktion für Katz und sich selbst zu verstehen? Ich komm nicht drauf. :(
Hastig zerrte Renate eine Mülltüte zwischen Waschmaschine und Trockner hervor, stopfte sie in den Bodenspalt der Tür. Sie prüfte die Luken: beide Riegel fest verschlossen. Gut. Das sollte reichen. Wo sie schon hier unten war, füllte sie einen Beutel mit Kartoffeln, vielleicht ein Pfund – hoch zur Küche, um sie ungeschält mit viel Salz zu kochen. Ihr Mittagessen, dazu Remoulade und Pfeffer. Sie hatte Lust auf Salat, aber nicht die Kraft, ihn zu machen. Müde saß sie am Tisch, strich die Wachsdecke glatt: Staub an ihrer Handfläche. Nieselregen setzte ein ... Beim Donner schreckte sie hoch. Jetzt Blitze in rascher Folge, ein Stakkato, ehe der Schauer kam, erst wenige Tropfen, die schlierig auf den Scheiben abflossen, dann heftig: Hart klickerte er aufs Treibhaus und prasselte über den Kies. Sturmwind raufte die Bäume.
Komm, das wäre doch gegangen, schon um den fortschreitenden Wandel anzudeuten.
Sie bemerkt ja schon, wie schnell es jetzt alles gehen könnte.
Nein, er wurde nie laut, hätte niemals die Hand gegen sie oder ihre Tochter erhoben, sondern zog sich zurück, lebte in einer inneren Welt, zu der sie keinen Zugang finden konnten.
Und warum ist sie denn kein kleines Bisschen auch erleichtert? Wie versteinert?
Seitensprünge? Vielleicht; früher ganz bestimmt: Ein Blumenkind, ein Tunichtgut war er, so schlau, voller Witz und Charme; der gerne große Reden schwang: über Spießigkeit, das Bürgertum, über Vietnam und Hồ Chí Minh; über die Ureinwohner der USA – im Sitzkreis mit Freunden und Freundinnen, während sie ihn aushielt, mit dem kleinen Gehalt. Um Wolfgang an sich zu binden, ließ sie die Pille weg, und sie wurde schwanger. Später Hochzeit, ihre Eltern hatten drauf gedrängt, soll das Kind in Schande leben; und die erste Wohnung, klein, ein Küchenfenster zum Hof; der Kochgeruch von Eiern und Speck in den nikotingelben Gardinen. Als sie das Haus auf Raten kauften, da blühte Wolfgang auf: Er liebte den Garten, das Treibhaus, selbstgebaut, und hatte den grünen Daumen: Auch gebrochene Äste treiben neue Blätter; man kann Stecklinge einpflanzen, sobald sie erste Wurzeln haben ... Doch der Schatten kam zurück.
Und es nimmt kein Ende, mir den doofen Wolfgang haarklein vorzustellen. Ich will aber alles über Renate wissen! Warum will sie den an sich binden und nein, der braucht kein Gewächshaus, um aufzublühen. Renate hätte das gut getan!
Sie stürzten zu Boden, und dabei schlug die Flasche auf ihre Hand, brach: Eine Scherbe schnitt tief ein, daher die Narbe. Seitdem konnte sie die Finger schlecht bewegen.
Und ich hab geglaubt, man würde diese Finger noch einmal im Verlauf, meinetwegen während der Rettungsaktion, wiederlesen. Naja.
Ich muss die Feuerwehr rufen, keuchte sie. Aber im Dorf gab es keine, und die nächste Stadt war eine Autostunde entfernt.
Warum ruft sie die denn nicht trotzdem an? Dann kommt die eben aus einem anderen Ort. kann ihr doch egal sein. :whocares:
Renate rannte ins Schafzimmer, warf Mantel und Hausschuhe ab und ließ sie liegen, zog ihre Sachen von gestern an. Die Treppen runter; aber im Keller war keine einzige Regenpfütze ... Trotzdem stapelte sie alles, was am Boden stand, in die Regale und legte zwei gerollte Lappen extra vor die Tür.
na geht doch. Das Zwiegespräch, das Renate in diesen Momenten mit Wolfgang führt, ist voranbringend, sowohl für das Geschehen, als auch für den Charakter deiner Protagonistin.
Wieder am Fenster: Aus der Ferne wie am Meer, sobald die Tide ansteigt, doch keine Möwen über dem Watt wie im Urlaub 1973; sich in der Sonne zu aalen, ein Buch zu lesen; Wolfgang und Julia haben eine Burg für Barbie gebaut. Kein Sand, sondern Schlick kroch langsam näher – urplötzlich schwoll das Wasser an, riss Wildgras und Steine mit sich, bevor der Acker in einem Erdrutsch versank: Die Schlammlawine rollte auf sie zu!
Wir befinden uns in einem fragwürdigen Augenblick, plötzlich anschwellendes Wasser und ich lese eine ... Jahreszahl, die mich aus dem Mitfiebern treibt.
Die Panik kam, Hände eiskalt: eine Ader klopfte am Hals. Sie wollte zum Sessel und die Decke um ihre Knie schlingen, in Schockstarre, wie im Bad, als die Glühbirne platzte; bis die Mutter reinkam. Aber sie riss sich zusammen. Mechanisch lief sie zur Küche und öffnete den Kühlschrank, nahm so viel Essen, wie sie tragen konnte, Milch und die letzte Sprudelflasche heraus, verstaute alles im Beutel.
Also Panik und Schockstarre, dann reisst die sich zusammen und handelt mechanisch und kalkuliert. Das ist zu viel für mein Gehirn. But so. Just saying, wie meine Tochter immer sagt.
Da war ein Schwappen, dann Laute, die nicht von dieser Welt schienen: ein Scharren, ein feuchtes Reißen wie von Hunden, von Wölfen. Als sich der Teppich dunkel färbte, als würde jemand im Flur verbluten, rannte sie los.
Es ist aber bloß die Katze, oder? Der Vergleich ist toll und zum Glück löst sich die Starre gänzlich und sie rennt. Renate rennt! :D
Hinter ihr klirrte Glas, und sie sah doch zurück: Ein Holzbalken, der wogend in der Flut trieb, war durchs Fenster geschlagen: gezacktes Loch, durch das Wasser einströmte, bis die Scheibe zerbrach – und ein Schwall ergoss sich auf die Fliesen, graubraun wie Haferbrei, spülte Klapptisch und Stühle krachend gegen die Wand. Sogar der Kühlschrank geriet ins Wanken, kippte, bekam Auftrieb, schwamm wie eine Boje.
Es liest sich beobachtend, dabei ist doch da Rambazamba im Haus und Renate müsste außer sich sein. Na wie gut, dass sie Ruhe bewahrt.
mühsam kämpfte sie sich zurück,
Wütend, trotzig sah sie mit an, wie die braune, stinkende Brühe zu ihr aufstieg,
Sie löste sich aus ihrer Starre.
Sie stapfte ins Bad, stellte die Dusche an: Noch fiel Trinkwasser raus, klar und kalt. Zitternd wusch sie den Dreck von der Haut, nahm ein Handtuch; zog alte Wäsche an. Füll die Wanne und das Waschbecken voll! Und sie tat es. Danach holte sie den Hakenstab für die Falttreppe aus einer Ecke, wo auch der Staubsauger stand; und zurück, am Fenster vorbei, und ihr stockte der Atem: Das Treibhaus war nicht geflutet, sondern einfach: weggespült – dafür trieben Autoreifen, Mülltüten, ein Fernseher und ein Fahrrad ohne Kette in den Fluten.
So, na also, mithilfe der mahnenden Worte des verstorbenen Gatten aus dem Off meistert Renate diese Tragödie. Wir haben es ja mitunter im letzten Sommer mitangesehen :(
Übertragen liest es sich gut, denn alles, was sie nicht mehr braucht, sie lähmt und hindert, kann weg(gespült werden).
Aber ein Vogel sang. Als Renate die Hand hob, um die Augen gegen die Sonne zu beschirmen, glänzte das Armband auf und brach das Licht zum Regenbogen. Sie nickte. Gerne hätte sie die Katze mit Thunfisch und Milch aufgepäppelt, doch sie war längst weg, dieses undankbare Mistvieh!
Zu der vorangegangenen expliziten Katzen-Rettung sag ich nix. Da könnte meiner Meinung nach auch ausgemistet werden, aber für Renate ist die wichtig. Klar. Ich würde den Zusatz streichen, weil es ein Sinnbild für Renate sein könnte, dass Dankbarkeit keine gesunde Bindung mit sich bringt, eher Abhängigkeit. Oder so ähnlich habe ich das empfunden. Grob.
Dann klingelte, wie ein Wunder, das Telefon, und sie ging rein: Julia war dran. Mama! Alles okay bei dir? Hallo Liebes.
Kann man nur hoffen, das Wolfgang jetzt Ruhe gibt. Wunder braucht’s eben auch.
Während das Haus trocknete, wohnte Renate in einer kleinen, gemütlichen Wohnung, drei Haltestellen von der WG entfernt, in der ihre Tochter als Kunststudentin lebte. Sie hatte die Nachbarn kennengelernt, die sehr nett waren; manchmal spielten sie zusammen Karten. Auf dem Balkon, im Topf am Geländer, stand die Sonnenblume ihrer Vormieterin, grau und verwelkt; doch die Küche roch nach frischen Kräutern ... Wolfgang schwieg.
Diese zusammenfassende Beschreibung aus der Distanz wird Renate meines Empfinden nach nicht gerecht. Ich hätte mir abschließend und zur Vollendung einen Dialog mit Menschen, Nachbarn, ihrer Tochter gewünscht, um deutlich zu machen, das Wolfgang der Vergangenheit angehört und sie weiter aktiv bleibt. Auch verbal und zwischenmenschlich.

So. Genug genörgelt.

Danke, dass du eine Geschichte über eine Frau geschrieben hast.

Kanji

 
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Hey kiroly, hey Kanji!

Ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr so genüsslich zerpflückt worden, vielen Dank dafür^^.

Ja, also ich werde jetzt nicht zu jeder Anmerkung von euch Stellung beziehen; manches sehe ich ähnlich kritisch, manches weniger, sprich: Ich würde die Geschichte jetzt nicht mehr komplett aufgraben ... :)

Vielleicht schreibe ich kurz meine eigenen Gedanken dazu:
Am Schwierigsten war es für mich, die Story auf diesen wenigen Zeichen - sind jetzt etwa 23.000 - "ans Laufen zu kriegen". Gerade diese Katzenrettung, eben DIE Schlüsselszene, kommt eben auch nur mit einem blauen Auge davon: Sie ist "plausibel", so plausibel wie man eine Schallplatte auf einem Grammophon abspielen kann; aber jeder Plattenliebhaber kreischt dann direkt auf, weil die alten Nadeln wohl mittelfristig das Vinyl beschädigen ... Also beides wohl nicht sehr realistisch.

Ein Kumpel, und ja: er ist parteiisch^^, hat mir folgendes Feedback zurückgeflankt:

Die Details machen es so authentisch und man wird richtig reingezogen in diese Trostlosigkeit. Nichts wirkt konstruiert. Da kam mir das Ende etwas zu happy, bzw hatte ich den Eindruck, dass du den Leser dann doch nicht so verwüstet stehen lassen willst. Aber trotzdem ein legitimes Ende. 2 kleine Anmerkungen: Seite 11 "Als sie erwachte..." ein t vergessen. Und Grammophone sind der Vorläufer des Plattenspielers, als die Qualität noch scheiße war. Sie spielten noch Schellack Platten. Vinyl spielen die heutigen Plattenspieler, eine Grammophon Nadel würde das Vinyl kaputt machen.

Und Details mache ich gerne, weil mein Stakkato-Stil es mir erlaubt, sie mehr oder weniger elegant einzubinden.

Wolfgang, der - nun: strahlende Held ihrer Jugend^^ - ist eben doch nicht so freigeistig und individuell gewesen, wie er sich vielleicht damals selbst gesehen hat, sondern eben auch nur ein Klischee in den Klischees der Hippie-68er-Kultur. Deswegen würde ich jetzt auch keine realistischere Vita für ihn oder beide ausarbeiten. Es bleiben letztlich "Reizworte" für den Leser, um die "Epoche" in aller Kürze wachzurufen.

Zur Verortung: Ach, ich denke, es passt so. Klar bleibt es für den Leser etwas vage, wo jetzt genau der Pflaumenbaum steht, aber ich würde mich jetzt nicht in einer ausführlichen Landschaftsbeschreibung ergehen.

Zum angeschwemmten Müll: Der kann entweder aus dem eigenen Haus kommen - oben eben vom Fluss mit angetrieben worden sein; so weit entfernt ist das nächste Dorf nicht. Und es ist ja nicht "verdichtet", sonst könnte Renate da gar nicht drin schwimmen, sondern wäre ganz schnell tot. Auch das letztlich nur "plausibel".

Aber ich finde, sie denkt mit Anbeginn des Unwetters viel zu oft an Wolfgang. Sie ist ja in einer unruhigen Situation, Adrenalin, Sorge, Angst, jetzt folgen aber wieder Erinnerungsgedanken.
Das ist eine Schwäche, die der Kürze des Textes geschuldet ist: Wo bringe ich die Infos unter? Genauso, dass sie mitten in den Fluten an die Seepferdchenprüfung ihrer Tochter denkt. Kann sein, ist "plausibel", aber wohl alles nicht allzu realistisch.

Mir hätte genügt, bei Renate zu bleiben, die es selbst mit Wolfgang und Julia nicht geschafft hat, ihrem Leben einen eigenen Sinn zu geben, die bis zu diesem Zeitpunkt des Spaziergangs, Jahre nach seinem Tod, immer wieder auf Wolfgangs Worte zurückgreifen muss, die aus dem Off kommen, sich hat belehren lässt und ist inaktiv geblieben. Erst als Tochter, dann als Ehefrau. Das ist richtig, das musst du zeigen, aber nur die einzelnen Etappen aufzuzählen genügt mir einfach nicht.
Ja, aber das ist es doch: Diese Fremdbestimmheit, die sie ja überwindet. Denn Wolfgangs Gedanken und Ratschläge sind ja letztlich ihre eigenen; es ist ein inneres Zwiegespräch. Auch das will ich nur andeuten, nicht zeilenlang ausarbeiten. :)

Klar braucht die Geschichte ein Trauma mit Wasser. ;) Aber diese Situation löst in meinem Kopf keine Ängste bei einem Kind aus. Nicht in dieser Form.
Das musste rein. :D Das ist zwar typische Drehbuch-Schreibe, generell ist die Story schon recht verkopft, aber hey^^: Ich mag sie. :)

So. Das für's Erste.

Danke nochmals. <3

Der Dante

 
Wortkrieger-Team
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vielen Dank dafür^^.
gern geschehen :shy:
Diese Fremdbestimmheit, die sie ja überwindet. Denn Wolfgangs Gedanken und Ratschläge sind ja letztlich ihre eigenen; es ist ein inneres Zwiegespräch. Auch das will ich nur andeuten, nicht zeilenlang ausarbeiten. :)
nur eben, weil ich noch so an Renate dran bin: das sehe ich schon, aber ich hätte lieber Renate rangezoomt dafür ... gelesen. :sealed:
Das musste rein. :D Das ist zwar typische Drehbuch-Schreibe, generell ist die Story schon recht verkopft, aber hey^^: Ich mag sie. :)
das is ja die Hauptsache :Pfeif:

Tschüssle.

 
Mitglied
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Hallo Dante,

mir hat deine Geschichte gut gefallen - anders als anderen auch (oder gerade - vermutlich weil es in meinem Kopf auch öfter springt) die Sprünge, die Zeitwechsel, die Schilderung ihrer fast schon depressiven Lethargie. Wolfgang aus dem Off - ich kann mir das alles gut vorstellen. Aber wie traurig, dass sie seinerzeit keine Idee hatten, wie Wolfgangs Arbeitsverbitterung und ihre Fremdbestimmung hätten verändert werden können. Und wie haben sie es geschafft, eine letztlich doch patente Kunststudentin groß zu ziehen? Wahrscheinlich könnte sie auch anders auf die Vergangenheit schauen - alles war wohl nicht so trist, wie es ihr in ihrer Einsamkeit vorkommt. Die Urlaubsszene mit Sandbau deutet es ja auch an.

Hastig verstellte sie Kartons, bis Renate den richtigen fand;
Insgesamt formulierst du toll, hier allerdings fände ich 'Renate verstellte hastig die Kartons, bis sie den richtigen fand;' besser.
Auch im Garten lag Müll, eine Trümmerwüste, die stank: Bauschutt, Geschirr, ein Gartenstuhl; ein Sonnenschirm. Und viele Plastiktüten. Aber ein Vogel sang. Als Renate die Hand hob, um die Augen gegen die Sonne zu beschirmen, glänzte das Armband auf und brach das Licht zum Regenbogen. Sie nickte.
Fast ein bisschen Noah-Feeling: Erst die Sintflut und die durch sie ausgelösten Zerstörungen, ein Vogel (bei Noah die Taube) verkündet, dass alles wieder gut werden kann und schließlich sogar der Regenbogen - Verheißung und Versprechen einer besseren Zukunft.

War schön zu lesen,
herbstliche Grüße
Eva

 
Monster-WG
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Ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr so genüsslich zerpflückt worden, vielen Dank dafür^^.
Waaaas, zerpflückt? :-D Aber bitte nicht im Sinne eines "Verreißens" oder "Miesmachens", sondern im Sinne einer kindlichen Anschauungslust. Stichwort: Das Gänseblümchen und seine Gänseblümchenblätter.

Ein Kumpel, und ja: er ist parteiisch^^, hat mir folgendes Feedback zurückgeflankt:
Die Details machen es so authentisch und man wird richtig reingezogen in diese Trostlosigkeit. Nichts wirkt konstruiert. Da kam mir das Ende etwas zu happy, bzw hatte ich den Eindruck, dass du den Leser dann doch nicht so verwüstet stehen lassen willst. Aber trotzdem ein legitimes Ende. 2 kleine Anmerkungen: Seite 11 "Als sie erwachte..." ein t vergessen. Und Grammophone sind der Vorläufer des Plattenspielers, als die Qualität noch scheiße war. Sie spielten noch Schellack Platten. Vinyl spielen die heutigen Plattenspieler, eine Grammophon Nadel würde das Vinyl kaputt machen.
Und Details mache ich gerne, weil mein Stakkato-Stil es mir erlaubt, sie mehr oder weniger elegant einzubinden.
Ja klar, ich bin ja nur subjektiv, geht ja gar nicht anders. Ich bin kein Experte, ich lese gerne und gebe gerne Senf. Das klingt jetzt so hochtrabend und fast schon angeberisch, aber ich arbeite halt viel in der ambulanten Pflege und naja - die einsame Witwe am trostlosen Küchenfenster, die ihrem Ehemann nachtrauert (ob wegen Tod, Heim oder Wegdriftens in in die alte Kindheit) ist da keine Ausnahme sondern der Normalzustand. Das schärft halt den Blick für die eine Postkarte vom Plattensee oder gesammelten Sand von den Ostseestränden oder was weiß ich. Meine ich jetzt ohne jegliche emotionalen Impetus - rein sachliche, arbeitstechnische Feststellung. Wenn es für dich passt, dann ist doch alles prima :-)

Lg aus Leipzsch
kiroly

 
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Hey Eva.

Danke für dein Feedback!

@all: Ich werde den Text noch anfassen und die kleineren, auch stilistischen Unstimmigkeiten ändern. Und zwar ... bald. :D

Fast ein bisschen Noah-Feeling: Erst die Sintflut und die durch sie ausgelösten Zerstörungen, ein Vogel (bei Noah die Taube) verkündet, dass alles wieder gut werden kann und schließlich sogar der Regenbogen - Verheißung und Versprechen einer besseren Zukunft.
Ja, genau. So würde ich das auch interpretieren. Nach der Vollendung eines Textes ist der Autor ja auch nur wieder Leser ... ^^ (kiroly weiß hier bestimmt ein passendes, literaturwissenschaftliches Zitat. ;))

Danke.

Der Dante

 
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«…
Sdaeh rieht edih dna nur yeht semoc niar eht fI»

schloss seinerzeit Lennon/McCartney’s “Rain“, was so wenig mit Deiner,

Dante,
Hüter des Semikolons und seiner Verwandtschaft,

Geschichte zu tun hat (die Beatles traten so wenig in Woodstock auf wie Dylan, der ja direkt nebenan wohnte) und doch hat auch der nächste einleitende Satz mit der aktuellen Flutkatastrophe zu tun, denn Ende des vergangenen Jahrtausends tönte die (damals noch „sogenannte“) Bundesbahn, „alle reden vom Wetter. Wir nicht!“, und doch ist ihrer Nachfolgeverunstaltung auch inzwischen der Spruch vergangen, wenn man eher zufällig durch „die Sendung mit der Maus“ erfährt, dass neue Waggons der DB in Österreich hergestellt und zur weiteren, inneren Bearbeitung „per Lastkraftwagen“ über die Autobahn an den Niederrhein verfrachtet werden.

Ja, ich komm von Höcksken auf Stöcksken zu Deiner m. E. gelungenen Apokalypse, wenn nur noch Erinnerungen bleiben für den kleinen „Eigentümer“ und wie (eher vermeintlich) in der letzten Stunde das Leben an einem vorbeizieht, so hier die Erinnerung an bessere Tage. Ein kleines Gemälde gegen den Freiheitsbegriff, der vom Eigentum abhängig ist, dessen Aussage im ersten Satz

Manchmal fiel es ihr schwer, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl sie den Gedanken mochte, am nächsten Tag in einer schöneren Welt aufzuwachen; wenn ich nur den Teppich staubsauge oder meine Wäsche auf die Leine im Garten aufhänge; sobald ich den Tag nutze, ihm eine Bedeutung gebe, etwas Achtsamkeit und Liebe
verherrlicht wird. Ich finde den Detailreichtum geradezu naturalistisch, was mich aber nicht erschreckt, selbst wenn ich die bloße Andeutung oder auch das epische Theater vorzöge, aber nichts gegen Sätze kleist’schen Formates habe.

Aber sie wusste auch, dass der Abend kommt; wenn sie träge, wie betäubt, vorm Fernseher saß, ihr Butterbrot aß und schlechte Filme im ersten Kanal anschaute, bis sie müde war, und sie war früh müde, schon um Acht, manchmal um halb Neun, dann putzte sie sich die Zähne, zog ihr Nachthemd an – und lag im Bett wie ein Kind, wenn die Schatten näherkrochen.
Womit wir auch schon in der Flusenlese sind, denn „acht“ und „neun“ stehen symbolisch für ein abgekürztes „acht / halb neun Uhr“ (musstu weiter unten noch mal schauen, hier nämlich
Halb Elf, und sie wusste nichts mit sich anzufangen: ...

Sie holte Butter und den Käse aus dem Kühlschrank; füllte Wasser in einen Topf, stelle ihn auf den Herd, drehte auf.
Einheit der Zeit im Satz beachten!

Sie hatte ein paar Mark extra in der Tasche gehabt, solange sie im Tante-Emma-Laden arbeiten konnte, bis Mai:
Nix falsch, aber das temporale „solange“ erspart eigentlich das gedoppelte „haben“

Der Wind trieb Regen gegens Fenster.
Ja, so spricht man wohl und zum Glück ist „gegen“ vom Genitiv befreit, aber der vom Aussterben bedrohte Apostroph hat auch seine unterschätzte Bedeutung und „macht“ hier durchaus Sinn.
(im Ruhrjargon "gegen dat" wärs klanglich mit der Gegend verwandt ...)

Unschlüssig starrte Renate auf die wogende Masse, die seltsam organisch schien: wie ein Schleimpilz oder eine Amöbe, die im Zeitraffer ihre Beute verschlang.
Hm, ich freu mich immer, eine uralte Geschichte auszugraben, denn mein Deutschlehrer an der Realschule behauptete immer, nur die Sonne scheine und selbst der Mond habe sein Licht nur geliehen. Darum erleide „scheinen“ zumeist das Schicksal des „brauchen“, von dem gesagt wird, wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen, und er hat recht! („scheinen“ kommt eben selten als Vollverb, sondern überwiegend als Modalverb). Die Dudenredaktion umgeht das Problem zumeist, indem sie es mit der Vorsilbe „er“ zum Vollverb adelt.

Ebenso hier:

Die Rohre schienen gebrochen [zu sein].

Dort atmete sie tief durch, ehe sie beherzt die Taucherbrille aus der Schublade holte, vom Urlaub 73, sie anlegte.
Ja, da kommt die Liebe zum Satzzeichen durch -
es ginge auch einfacher, zerschlüge aber das Trio

„Dort atmete sie tief durch, ehe sie beherzt die Taucherbrille vom Urlaub 73 aus der Schublade holte, sie anlegte."
(die Schublade wird ja nicht gemeint sein …)

Sie versuchte, zu kraulen, ließ sich doch lieber treiben, …
Komma weg, da bilden das Modalverb „versuchen“ und das Vollverb „treiben“ ein komplexes Prädikat, das sonst zerschlagen würde ...


Sofern man es bei einems solchen Thema sagen kann:

Gern gelesen vom Friedel,

der gar nicht mehr weiß, ob wir uns in der frühen Götterdämmerung schon einmal begegnet sind. Aber schaden kanns ja nicht:

Also auch willkommen hierorts!,
meint dat Dante Friedchen

 
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Hey Friedrichard,

vielen Dank für deinen hilfreichen, dabei sehr amüsanten Kommentar. :handshake: Kann man unkommentiert so stehen lassen, denke ich (Gut, das erspart mir Arbeit :D). Fehlerteufel jage ich noch; ich wollte mir die Story erst einmal vom Hals schaffen. Aber Geschichten sind ja eh nie wirklich fertig, sondern werden dann einfach - nun: verlassen. ;)

Grüße!

Der Dante

 

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