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Irrfahrt

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06.08.2020
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Irrfahrt

Wir fahren durch den Wald. Ich beobachte durch die Fensterscheibe die Birken – die an den Gläsern meiner Sonnenbrille vorbeiziehenden Birken. Und ich öffne meine Handtasche und nehme eine Valium und schlucke sie mit etwas Wasser hinunter.

Im Radio läuft Be My Baby von den Ronettes.

»Wie weit ist es noch?«, frage ich und zünde mir eine Zigarette an.

»Bald«, antwortet Matteo und nippt an seiner Flasche. »Bald …«

Schweigend fahren wir durch den Wald. Allmählich wird es dunkel. Noch nie habe ich so viele Birken gesehen. Und Äste. Und Schatten. Und …

»Du, Matteo?«, frage ich. »Wer sind eigentlich die Menschen im Wald?«

»Welche Menschen?«, fragt Matteo, den Blick starr nach vorne gerichtet, mit seinen Händen fest das Lenkrad umklammernd.

»Sieh doch nur, sie winken uns zu!«

»Blödsinn!«, sagt Matteo (und greift wieder nach der Flasche).

Matteos Schweigen und das lange Fahren ermüden mich, und die Birken rasen an uns vorbei, und die Straße ist ein endlos langer, schimmernder schwarzer Fluss, und am nachtblauen Himmel amtiert – umzingelt von den Sternen – der Mond; und obwohl ich nicht sollte, obwohl ich schwor mich zu bessern, nehme ich wieder ohne jeglichen Grund eine Valium, und meine Augen werden schwer, und der Kopf kippt nach rechts, und ich nicke ein.

Ich träume von einer hohen, steilen Wand. Ich hänge an einem Geländer und blicke in die Tiefe. Hinter dem Geländer steht mein Vater und reicht mir die Hand. Meine Kräfte schwinden, ich falle. Als ich zu mir komme, trage ich Ketten und durchschreite eine Wüste; mich quält entsetzlicher Durst. Da sehe ich einen Brunnen. Ich bücke mich und will trinken, einfach nur trinken, den ganzen Brunnen austrinken, aber im Brunnen befindet sich kein Wasser, und ich falle kopfüber hinein. Dann: ein Halbkreis. Sonderbare Menschen, die Kaffee aus Pappbechern trinken und Zigaretten rauchen. Sie bedrängen mich, ans Pult zu schreiten, welches direkt vor uns steht, mit einem Mikrofon, aber ich will nicht und sie umkreisen und mich werden zu Indianern und ...

»Halt!«, brülle ich. »Halt!«

Matteo legt eine Vollbremsung ein. »Was? Was?«

Mein Puls rast. Meine Hände zittern. Ich atme durch.

»Dieses Stoppschild da … «, sage ich und deute nach links. »Und da hinten, auf der rechten Seite – die Holzhütte, siehst du sie? Wir fahren im Kreis! Hier waren wir schon einmal! Wir fahren im Kreis!«

»Bist du sicher?«, fragt Matteo verzweifelt und blickt noch verzweifelter in seine leere Flasche. »Sag: Bist du ganz sicher?«

»Matteo – sieh mich an! Wir dürfen jetzt nicht den Verstand verlieren! Du bist übermüdet und betrunken! Du wirst nun ein Nickerchen machen, während ich uns ans Ziel bringe, hörst du? Ich verspreche dir: Alles wird gut. Wir schaffen das!«

Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel: Da schläft er also, ausgestreckt auf der Rückbank, sich hin- und her wälzend. Nur: Wo ist sein Gesicht geblieben? Keine Augen, keine Nase, kein Mund – was zur Hölle ist hier nur los? Und ich denke: Wenn ich jetzt eine Valium …

Ich krame in der Handtasche nach der Verpackung, nehme den Blisterstreifen heraus und drücke mir sämtliche Tabletten in die Hand. Die Vorstellung des Rausches, den mir diese Dosis bescheren würde, übt einen sehr starken Reiz auf mich aus. Auf der anderen Seite ist da mein Vater, den ich oft verletze und dessen unsicheres Gebaren – die zögernde Art, sich mir zu nähern – mich mit Reue und Mitleid erfüllt. Vermutlich wird es nie wieder so, wie es einmal war. Was habe ich getan?

Bei Tempo hundert, in einer leichten Rechtskurve, öffne ich das Seitenfenster und werfe mein gesamtes Valium aus dem Fenster. Tränen steigen mir in die Augen, und ich kann nicht sagen, ob ich wegen des Valiums oder wegen meines Vaters weine. Ich fahre in die schwarze Nacht …

»Wie weit ist es noch?«, gähnt Matteo, als er wieder zu sich kommt; er streckt seine Glieder und reibt sich den Sand aus den Augen. »Ich hatte einen entsetzlichen Alptraum … Ich träumte von einem riesigen Schwimmbecken und davon, wie ich darin ertrinken würde, und dann kamst du und wolltest mich retten, aber du hattest kein Gesicht.«

»Du hast sicher Hunger nach der langen Fahrt?«, sage ich.

»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagt Matteo. »Ich könnte einen Ochsen zerreißen, so hungrig bin ich. Ich will Burger und Pommes. Und Cola. Und dann will ich ein großes Eis mit viel Schokolade.«

Ich nehme die Ausfahrt und halte an einem riesigen Parkplatz.

Ich öffne die Tür, und Matteo öffnet die Tür, und wir steigen aus.

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Und wir – wir stehen nur so da.

»Na los, erzähl mir schon von deinem Traum«, sage ich – und wir setzen uns ins Bewegung und Matteo erzählt mit sich überschlagener Stimme von den Qualen des Ertrinkenden, der um sein Leben kämpft, und wie erleichtert er war, als dieser Alptraum endlich sein Ende fand.
 
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Hallo @Eule ,

willkommen bei den Wortkriegern!

Toll fand ich, dass junge Leute ab und zu doch wieder die ollen Kamellen hören:
Be My Baby von den Ronettes. Ich glaube so um 1963/66, da durfte man schon ein bisschen lasziv mit den Hüften ausschwingen.

Aber zum Inhalt:
Ich habe die Geschichte jetzt zweimal gelesen und dabei versucht, meine Sinneszellen für Horror zu aktivieren.
Es will mir nicht gelingen.

Ich sehe immer nur Matteo, wie er sich schläfrig säuft und später gesichtslos auf der Rückbank so tief ratzt, dass er die wilden Aktionen der Prota einfach verschläft.

Die wirft bei Tempo Hundert viele Zigaretten weg, damit sie der Vergänglichkeit anheimfallen.
Guter Vorsatz! Besser wäre es aber gewesen, sie hätte zum Beenden von Süchten mit dem Valium begonnen.

Das Gaspedal durchtreten und mit beiden Händen gegen das Lenkrad trommeln.
Kann man machen! Aber vielleicht nicht mit zwei Valium im Blut und im dunklen Wald.
Ich würde bei durchgetretenem Gaspedal eher das Lenkrad fest umklammern, wie Matteo zuvor.
Alarmzeichen ist auch, wenn einem die Leitpfosten langsam pinguinisch vorkommen.

Links und rechts pinguinische Leitpfosten mit roten Reflektoren
Hey, die pinguinischen Leitpfosten haben es mir angetan!
Welch eine Wortschöpfung!

Ich träume von einem verfallenen Haus, das mich nicht ans Ziel führt, und überall tote Schlangen.
Der Satz ist irgendwie syntaktisch unsauber. Wenn ich den Relativsatz weglasse, bleibt
Ich träume von einem verfallenen Haus und überall tote Schlangen.
Vielleicht: Ich träume von einem verfallenen Haus … und toten Schlangen überall.

So, in der kurzen Traumschilderung kommt jetzt ein bisschen Horror.
Dann: Stille, rohe Gewalt in einer düster-monochromen Landschaft. Und zuletzt: Eine hohe, steile Wand. Ich hänge an einem Geländer und blicke in die Tiefe. Hinter dem Geländer steht mein Vater und reicht mir die Hand. Meine Kräfte schwinden, ich spüre, dass ich bald abstürzen werde …

Ich schließe daraus:
Jemand, vielleicht sogar der Vater hat sie früher mal übers Geländer gehängt. Sie ist abgestürzt, hat den Sturz aber überlebt, hat vielleicht noch ein posttraumatisches Belastungssyndrom, deshalb die Valiumsucht.

So, jetzt nimmt die Sache Fahrt auf, denke ich. Jetzt kommt der Horror oder der schmerzliche Versuch, die Gewalterlebnisse hinter sich zu lassen. Wenigstens ein paar Sätze.
Aber nein!
Kurz danach wacht Matteo auf, reibt sich die Augen, und die Prota beschreibt, wie es draußen so ist, und dann sind beide da.

Ich öffne die Autotür, trete zuerst mit dem linken Fuß auf den Schotter, ehe ich schließlich ganz aussteige und mich umsehe.
Das machen sicher alle Autofahrer, die links sitzen, außer vielleicht abergläubische.

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Und ich sage: »Wir sind da.«

Ich will dir kein Unrecht tun, aber ich habe die Geschichte nicht ganz gerafft.
Ich muss mir so viel dazudenken, um den Sinn herauszudröseln oder soll ich es lassen?

Die Beiden sind da.
Ich bin nicht da, ich bin erst mal weg.

Gruß kathso60
 
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Hallo, @kathso60,

ja, ich mag gerne Oldies und den Zeitgeist der 60ger und 70ger!

Zur Sache:

Mir ging es nicht darum, eine Horrorgeschichte zu schreiben - der Text enthält ein paar wenige Elemente und so wollte ich das kennzeichnen.

Ich stelle mir die Geschichte so vor:

Zwei junge Leute fahren im Auto und verfahren sich, verlieren das Zeitgefühl (zuerst der Junge am Steuer, dann das Mädchen - das ist wichtig). Als das Mädchen ihre letzte Valium nimmt, hat sie einen Traum (der Traum sollte eine Wende in ihrem Leben beschließen, das Ende ihrer Sucht bedeuten - tote Schlangen im Traum bedeuten, man besiegt Feinde oder eben eine Sucht). Dazu passt auch das Stoppschild als Warnung und die Tatsache, dass sie immer im Kreis fahren (Stichwort Teufelskreis). Kurz darauf nimmt Matteo seinen letzten Schluck aus der Flasche. Die Protagonistin übernimmt das Fahrzeug; Matteo, der der schwächere Part ist und zum Schluss wie ein Baby auf der Rückbank liegt, verliert sein Gesicht, Stichwort Scham. Die Zigaretten sollten Sucht im Allgemeinen symbolisieren. Vielleicht sollte sie besser die Valiums aus dem Fenster werfen - obwohl das auch nicht sehr verantwortungsvoll ist ... Ja, der vorletzte Satz ist redundant - er ist nur da, um die neue Gefühlslage und die neue Reife der Protagonistin darzustellen, die nicht nur ihre Sucht besiegt, sondern auch Matteo gerettet hat, wenn man so will.

Da dies leider alles nicht ankommt, scheint die Story nicht zu funktionieren. Ich befürchte, mit ein paar Änderungen ist es nicht getan: Sie muss zum Großteil neu verfasst werden, da zu viel im Argen liegt. Ich könnte den Traum ändern, um die veränderte Gemütslage zu beschreiben, allerdings wäre das zu einfach, im Schlaf eine Sucht zu besiegen.

Ich finde es übrigens gut, dass hier viel auf die Grammatik geschaut wird, da ich mich bei der Satzbildung wenig auskenne und hoffe, dadurch lernen zu können.

Den Schlangensatz habe ich vorerst korrigiert - ich hoffe, es ist nun besser.

Danke fürs Lesen und freundliche Grüße

Eule
 
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15.09.2008
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Hallo @Eule ,
ich melde mich noch mal kurz.
Du sagst in deiner Antwort zu meinem Kommentar, dass du keine Horrorgeschichte verfassen wolltest.
Du hast deine Geschichte aber in die Rubrik Horror gesetzt.
Wenn ein Autor diesen Zusatz angibt, gehe ich beim Kommentieren auch aus diesem Blickwinkel an die Geschichte heran.
Mit der Rubrik Horror und dann auch noch Märchen hast du mich auf eine falsche Fährte gesetzt.
Da habe ich so ein märchenhaftes Horrorgemisch erwartet, obgleich im Text keine Komponenten für ein Märchen zu finden sind.
Dass hier Süchte im Spiel waren, war mir klar. Und dass zumindest die Prota sich aus einer / der Sucht lösen wollte, habe ich auch erwähnt.
s. 1. Komm.: Die wirft bei Tempo Hundert viele Zigaretten weg, damit sie der Vergänglichkeit anheimfallen.
Guter Vorsatz! Besser wäre es aber gewesen, sie hätte zum Beenden von Süchten mit dem Valium begonnen.


Hättest du deine Geschichte in die Rubrik Gesellschaft gesetzt, dann wäre ich stärker auf die suchtproblematik der beiden jungen Leute eingegangen.
Du könntest die Rubrik von den Mods ändern lassen, damit auch andere Kommentatoren den Texrt richtig sehen.
Im Übrigen könntest du die Geschichte mit kleineren Ergänzungen in der Qualität steigern. Sie wird dann funktionieren.
Lieben Gruß
kathso60
 
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Wortkrieger-Globals
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24.01.2009
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Du könntest die Rubrik von den Mods ändern lassen, damit auch andere Kommentatoren den Texrt richtig sehen.
Das können die User auch selbst tun. Dazu einfach auf den kleinen Kofferanhäger (oder was immer das ist) vor den tags klicken und violá.
 
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06.08.2020
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Okay, ich habe hier wohl die Macht des Genres unterschätzt :D

Was du sagst, macht mir aber Mut. Ich dachte, die Geschichte würde nicht funktionieren.

Ich denke, ich muss beim Traum ansetzen und diesen stärker auf die Überwindung der Sucht trimmen. Und vielleicht wirklich die Valium aus dem Fenster werfen.

Ich sehe mir heute nochmals den Text an und versuche, dabei noch mehr herauszuholen.

Ach ja: Genre wurde geändert.

Vielen lieben Dank

Eule
 
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06.08.2020
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So - habe den Text verändert. Der Text ist nun einen Tick länger und ausführlicher; die Stimmung ist eine andere. Vieles liegt sicher noch im Argen, besonders, was den Stil betrifft. Aber die Logik sollte nun eine bessere sein. Ich hoffe, ich habe den Text nicht verschlimmbessert.

Liebe Grüße und Gute Nacht
Eule
 

AWM

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26.03.2018
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Hallo @Eule ich verstehe die Geschichte nicht. Sie hat aber schon ihre Atmosphäre.
Wir fahren durch den Wald, es ist Winter und es ist kalt. Ich beobachte durch die Fensterscheibe die Birken – die an meiner dunklen Sonnenbrille vorbeiziehenden Birken. Und ich öffne meine Handtasche und nehme eine Valium und schlucke sie mit etwas Wasser hinunter.
Finde diesen ersten Satz mit dem Reim ungeschickt. "Dunkle" Sonnenbrille ist auch überflüssig. Wenn damit die Gläser gemeint sind, ist eine Sonnenbrille immer dunkel. Wenn nicht, wüsste ich nicht, was die Farbe der Sonnenbrille für eine Relevanz haben sollte. Es ist aber hier so herausgestellt, auch durch die Wiederholung der Birken, als hätte es eine ganz besondere Relevanz. Verstehe ich nicht.
Schweigend fahren wir durch den Wald. Allmählich wird es dunkel und es fühlt sich an, als führen wir schon lange so. Noch nie habe ich so viele Birken gesehen. Und Äste. Und Schatten. Und …
es fühlt sich so an..." Ist doch klar, dass sie schon lange so fahren, wenn es dunkel wird.
Als ich zu mir komme: Ein Halbkreis.
nach dem Doppelpunkt klein
und werfe mein gesamtes Valium beim Fenster hinaus.
aus dem Fenster.

AWM
 
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06.08.2020
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Hallo, @AWM,

schade, dass die Story noch immer nicht verständlich ist. Leider habe ich mich mit dem Text etwas übernommen, komplexe Storys sind sehr schwierig zu schreiben - komplex, weil ja beide süchtig sind und irgendwie beide einen Abschluss durchmachen müssen. Kurzgeschichten aus nur einer Perspektive und ohne großartige Ortswechsel sind da leichter- auch beim Korrigieren.

Matteo ist wohl als Charakter nicht perfekt - eigentlich ein Erwachsender, wirkt er fast wie ein Kind.

Stil werde ich mich morgen einmal widmen. Dann werde ich auch deine Vorschläge übernehmen.

Freundliche Grüße
Eule
 

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