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Jörg ist heute nicht dabei
Er zieht an diesem Abend die Geburtstagsparty bei einem Kommilitonen vor. Da niemand da ist, der es falsch verstehen könnte, darf ich ihre Hand halten. Wir gehen durch die Straßen und meine Haut brennt, weil sie Jasmina fühlt.
Als ich aus unserer WG auszog, haben wir uns minutenlang weinend in den Armen gelegen. Dreist küsste ich ihre Wange und drückte dabei einen Rotz- und Spuckefilm auf ihre Tränen. Ein Abschied, jenseits aller Artikulationsfähigkeit. Nur eine gestammelte Litanei, ‚Wir bleiben in Kontakt, wir bleiben in Kontakt ...’, habe ich rausgekriegt. Ob am letzten Schultag, vor dem Umzug in die Studienstadt oder am Ende des Auslandssemesters: Oft hatte ich dieses Versprechen schon gehört und gegeben, ohne dass es erfüllt worden wäre oder ich mich daran gehalten hätte. Gesichter verschwinden, so ist das Leben. Das ist immer traurig, aber normalerweise nicht, wie in diesem Fall, katastrophal. In Jasminas Gesicht habe ich mich im Laufe unseres zweijährigen Zusammenwohnens verliebt.
Am Abend des vorläufigen Rückzugs zu meinen Eltern saß ich schluchzend in meinem Kinderzimmer, zwischen denselben Horrorfilm- und Punkbandpostern, die schon Zeuge gewesen waren, wie ich mit dem Rauchen angefangen, Spickzettel für Mathearbeiten verfasst und Trockenübungen auf dem Skateboard gemacht hatte. Jasmina und ich schrieben uns ungefähr zweihundert sms, versicherten uns gegenseitig, wie fertig wir waren, und schworen uns, ewig beste Freunde zu bleiben. Eine ihrer Nachrichten unterschrieb sie mit ‚Ich hab dich lieb’. Wahrscheinlich war es nur eine gedankenlos dahingetippte Floskel, um den erhabenen Moment der Trauer nicht mit einer peinlichen Trivialität wie LG zu entweihen, aber mich sollten diese Worte in den einsamen Monaten darauf verfolgen, erst wärmend, Hoffnung schürend, dann quälend, als mir zunehmend klar wurde, dass ich eine Chance vergeben, einen zwischenmenschlichen Elfmeter verschossen hatte.
Als ihr Jörg einige Tage später von seinem halbjährigen Praktikum aus Los Angeles zurückkehrte, wurden die sms weniger und klangen nicht mehr großartig anders als die von Kumpels aus dem Sportverein: „Hi, was geht, was machst du gerade, mfg“, etc. Im schmerzhaften Kontrast zu ‚Ich hab’ dich lieb’ wurden die Grüße so kalt, dass ich fürchtete, mein Display könnte zerspringen. Ich spürte, dass ich in ihrem Leben nicht dieselbe Bedeutung hatte wie sie in meinem. Sie hatte Jörg. Ich hatte Erinnerungen, die ich weder umarmen noch küssen konnte.
Ich hatte die Einsamkeit immer geschätzt, bis ich mit Jasmina und einer kettenrauchenden Russin namens Ludmila Jentzsch zusammengezogen war. Meine letzte WG war aufgrund unüberbrückbarer Differenzen (jemand hatte besoffen – hoffentlich besoffen - in die Küchenspüle geschissen) in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst worden. Ludmila, Jasmina und ich waren eine zusammengewürfelte Truppe aus sich bis dato Unbekannten, vom Studentenwerk in eine Dreier WG im Wohnheim gepfercht. Vollidiot, der ich war, gab ich den einsamen Wolf, wie ich es immer getan hatte, teils, um mich interessant zu machen, teils, um meine vermutlich angeborene Unfähigkeit im Umgang mit anderen Menschen und den damit verbundenen Emotionen zu kaschieren. Ständig saß ich alleine in meinem Zimmer, las, schaute DVDs oder fixierte ernst und konzentriert den Bildschirm meines Rechners. Meistens spielte ich Hitman 2.
Jasmina war es gelungen, mich aus der Reserve zu locken, wie keinem Menschen zuvor. Ihre Tür stand fast immer offen, dauernd fragte sie, ob ich Lust auf einen Tee hätte oder ob ich nicht mit ihr zusammen kochen wolle. Und das, obwohl ich nichts, gar nichts tat, was dieses Interesse an meiner Person gerechtfertigt hätte. Dafür habe ich mich in sie ... Natürlich klingt das klischeehaft, aber wie nennt man es sonst, wenn keine Sekunde vergeht, ohne dass man dieses eine Gesicht sieht? Einen Netzhautfehler?
Ihr Lachen. Sie lacht wie andere atmen. Als wir zusammen wohnten, lachte sie über meine verkrampfte, bemüht intellektuelle Geisteswissenschaftlereloquenz und über Ludmilas von zu Hause mitgebrachtes Borschtsch (weißes und rotes) im Glas. Sie lachte über ihre eigene Ungeschicklichkeit, wenn sie mit dem Staubsauger gegen das Küchenregal stieß und Gläser mit Marmelade oder Nutella auf dem Fußboden zerschepperten.
Nachdem wir ungefähr ein Jahr zusammen gewohnt hatten und ich mich, ohne es zu merken, daran gewöhnt hatte, der wichtigste Mann in ihrem Leben zu sein – der WG-Mitbewohner – war sie mit Jörg zusammen gekommen. Jetzt war sie nur noch ungefähr zwei Stunden am Tag in der Wohnung. Sie kochten dort immer zusammen, weil wir eine Wohnküche hatten und Jörg in seinem Appartement nur eine der berüchtigten Herdplattennischen, an die dann auch gleich die Toilette anschließt. Sie aßen und gingen. Ich saß in meinem Zimmer und hörte Jasmina ‚Tschüss’ rufen. Eine Zeit lang hatte ich es wirklich nicht verstanden, dieses Verlangen, ein Stück aus meinem Schreibtisch zu beißen, wenn ich die beiden Tür hinter den Beiden zuschlagen hörte. Irgendwann wurde mir klar, dass es weder am Wetter noch am Fernsehprogramm lag.
Es war herrlich, als Jörg für sein sechsmonatiges Praktikum in die selbstgewählte Verbannung nach Amerika ging. Natürlich waren die ersten Tage die Hölle für Jasmina, und aus Solidarität zog auch ich fast die ganze Zeit ein Gesicht, aber innerlich feierte ich wie die Ewoks nach der Explosion des Todessterns. Jetzt war sie wieder nur für mich da, schlief jeden Abend in ihrem Zimmer gegenüber meinem! Sechs Monate noch bis zu meinem Auszug, sechs herrlich endlose Monate, alle Zeit der Welt, um ihr irgendwann mal zu sagen ... Aber natürlich verschob ich weiterhin auf Morgen, was ich schon längst hätte besorgen sollen. Dann kam das Ende des Wintersemesters und die Abgabe meiner Magisterarbeit. Ich zog aus, Jörg kam aus den USA zurück. Mein Studium war abgeschlossen und drei Wochen später ging ich für ein Praktikum fort.
Dieses Wochenende bin ich mal wieder zu Besuch bei ihr. Um der alten Zeiten willen, von denen ich weiß, dass sie für Jasmina langsam verblassen – ein Gedanke, bei dem jedes Mal ein Killerzwerg mit einer Rasierklinge versucht, sich von innen aus meiner Brust zu schneiden. Wir gehen die Straße runter, vorbei an mal mehr, mal weniger besoffenen Studenten. In der Stadt, in der ich jetzt lebe, gibt es keine Uni. Besoffene auf der Straße sind einfach nur Besoffene, die weder ihre bestandenen Klausuren noch das Semesterende oder ihre durch das Studium künstlich verlängerte Jugend feiern.
Wir machen, was wir immer machen, wenn ich zu Besuch bin, um mich daran zu erinnern, dass auch ich vor gar nicht so langer Zeit einmal Teil dieser wunderbar sorglosen Prüfungsgestressten war: Einen Spaziergang, vorbei am Multiplex-Kino und an hippen Szenekneipen, in denen AK47 Nachbildungen über der Tür hängen. Dann mal schauen, worauf wir Lust haben. Die letzten Male ist ihr Freund immer dabei gewesen, und dass er Jasmina und mich heute alleine losziehen lässt, ist irgendwie wunderlich. Muss wohl ein sehr wichtiger Geburtstag sein, der da gefeiert wird.
Ich habe längst das Gefühl, dass Jörg meine energischen Bemühungen, mit meiner Ex-Mitbewohnerin in Kontakt zu bleiben, allmählich etwas beargwöhnt. Spätestens bei meinen seitenlangen Briefen dürfte er misstrauisch geworden sein, auch wenn ich das böse L-Wort darin nicht ein einziges Mal benutzt habe. Aber sein Argwohn tut gut, denn er verrät mir, dass ich als Bedrohung wahrgenommen werde. Dem wäre wohl nicht so, wenn Jasmina glaubhaft versichert hätte, dass ich ‚ein guter Freund’ sei. So jedenfalls rede ich mir die Dinge schön. Bestimmt haben sie über mich geredet. 'Ich mag Jan-Christoph halt total ...' 'Aber muss das sein, dass der hier dauernd auf der Matte steht? Hat der kein eigenes Leben, das er voranbringen muss?', etwas in der Art.
Wir entfernen uns aus dem Stadtkern. Der Trubel wird weniger, die Stimmen leiser und besser artikuliert. Auf unseren Smalltalk über die letzten Ein- und Auszüge im Wohnheim kann ich mich kaum konzentrieren. Nur ihre Hand in meiner ist wichtig. Ich will den Klugscheißer erschlagen, den das Studium aus mir gemacht hat. Den Typen, der ich nie werden wollte. Den Banalitäten wie Händchen halten zynisch mit den Augen rollen lassen. Anglist. Historiker. Ein großer Denker. Bücherleser. Ich hasse Philip Roth, ich hasse William Faulkner, ich hasse David Benioff. Nichts haben sie mir darüber beigebracht, wie wunderschön es ist, eine Hand zu halten. Nie wieder will ich lesen, wenn ich stattdessen mit Jasmina zusammen sein darf. Für immer. Schwerter zu Pflugscharen, Schwarten zu Klopapier.
Jasmina liest keine Bücher. Jedenfalls keine ohne Zahlen. Sie studiert BWL und hat keine Zeit für Menschen, die es nie gegeben hat. In ihren Klausuren würden ihr die nicht weiterhelfen können. Ich habe einmal geglaubt, dass ich mich niemals jemandem nahe fühlen könnte, der nicht liest. Einem Materealisten und FDP-Wähler. Jemandem, der von den Arbeitslosen spricht, als handele es sich bei ihnen um eine Geschlechtskrankheit. Auf Jasminas Fensterbank steht das Modell einer schwarzen Mercedes-Limousine mit getönten Scheiben. Als wir gerade zusammen gezogen waren, fand ich das peinlich und oberflächlich. Jetzt finde ich mich peinlich, weil ich mich einmal daran gestört habe. Was immer es ist, das mein Herz schneller schlagen lässt, wenn ich ihre Stimme höre, ist stärker als unsere entgegengesetzten Meinungen zur Unternehmenssteuer.
Sie lacht, als sie davon erzählt, dass die zwei Neuen aus dem Stock über uns beim Bongrauchen fast die Küche abgefackelt hätten und jetzt wahrscheinlich rausfliegen. Sie sagt immer noch ‚bei uns’, obwohl wir seit Monaten nicht mehr zusammen wohnen. Uns. Aus ihrem Mund steckt in diesem einen Wort mehr Poesie als in jedem Gedicht dieser Welt. Ich gehe noch einmal die Sätze durch, die ich sorgfältig vorbereitet habe in den unzähligen, wachen Nächten, während die Tränen mein Kopfkissen durchnässten und ich mich schämte für das verdammte Weichei, das ich bin.
Ich werde am Sonntag zurück fahren, zu meinem Praktikum, zu meiner Stadt im Nirgendwo mit dem Flair des gewissen Nichts. Endlose fünf Autostunden von ihr entfernt. Ich muss reden. Und egal, was sie sagt, ich werde wenigstens nicht mehr grundlos in Selbstmitleid schwelgen, weil ich mich nicht getraut habe, es ihr zu sagen, vielleicht aus Angst, es könnte nicht so perfekt sein wie in einem Buch.
„Jasmina?“
„Mmmh, Jan-Christoph?“ Sie äfft meine Stimme nach, meinen ernsten Ton, und lacht. Ich möchte auf die Knie fallen und ihr dafür danken.
„Als wir zusammen gezogen sind, als wir so ein halbes Jahr zusammen gewohnt haben, wir haben uns doch super verstanden? Von Anfang an?“
„Jetzt wo du’s sagst, stimmt, so scheiße fand ich dich gar nicht.“ Lachen.
„Wenn ich damals ... Nicht so zurückgezogen gewesen wäre, nicht so in mich gekehrt ... Glaubst du ...“ Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, zu ersticken. „Wenn ich zu dir gekommen wäre, und dir gesagt hätte ... Dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals wieder ohne dich zu sein. Dass ich immer stolz darauf war, ein einsamer Cowboy zu sein, es genossen habe, anderen vorzuspielen, dass ich gerne alleine bin, weil ich mich für scheiß Clint Eastwood halte. Und dass ich, seit ich dich kenne, weiß, dass Einsamkeit so cool ist wie Urlaub mit den Eltern, wenn man sechzehn ist.“ Ursprünglich habe ich viel mehr Pointen eingebaut, aber das ist die einzige, an die ich mich jetzt noch erinnern kann. „Wenn ich ... mich vor Jörg getraut hätte, auf dich zuzugehen. Glaubst du, dass wir dann heute zusammen wären?“
Wir bleiben stehen und meine Hand ist plötzlich wieder frei, ein unglücklicher, befreiter Sklave, der von der Rückkehr in die Sicherheit der Knechtschaft träumt. Jasmina lacht nicht mehr. Ihr Haar hängt wie ein Schleier über ihren Augen. Sie unternimmt keinen Versuch, sich einen freien Blick zu verschaffen. Dann redet sie.

