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- Anmerkungen zum Text
Mein erster Versuch in Kurzprosa, entstanden aus einem eigenen Gedicht. Ich bin besonders dankbar für jede ehrliche, auch unbequeme Reaktion.
Jagdhaus
Edit: Nach Stureks Anmerkungen überarbeitet. Danke an dieser Stelle nochmal. Konkret geändert: erster Satz, Zeitenfolge im Metzger-Absatz, Bezug beim Ersticken-Bild, Brücke vor dem Schnarchen-Absatz, sowie kleinere inhaltliche Änderungen. Die ursprüngliche Fassung ist im Diskussionsverlauf nachvollziehbar.
Jagdhaus
Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Sie blickte auf die zwei Gestalten im Bett, fuhr mit ihren Augen über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben und Senken ihrer Brust, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment.
Sie saß dort in dem alten Stoffsessel wie ein Pförtner, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen. Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern. Wie jedes Jahr. Wie immer. Abgesehen von Ihr. Nachmittags grillte der Vater Steaks und Würstchen über dem offenen Feuer im Garten. Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf. Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd. Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß. Beim Abschied zwinkerte er ihr zu. Die blutigen Hasensteaks, die ihr Vater später servierte, erinnerten sie an die Kaninchen mit den großen schwarzen Augen, die sie als Kind bei einer Freundin fest auf dem Arm umschlungen hielt. Sie wählte den mayonnaiseschweren Kartoffelsalat. Abends saßen sie auf der Terrasse, es wurde getrunken. Die Männer machten schlechte Witze mit lauten Stimmen und die Frauen lachten in schrillen Tönen dazu. Ihr Kopf dröhnte. Sie flüchtete nach drinnen, hatte lange ausgehalten. An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
Zu früh legte sie sich ins Bett, blieb schlaflos. Gedanken kreisten. Zu der neuen Freundin ihres Onkels, zu Ihr. Stunden später schlich sie los. Saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden musste, um nicht an ihm zu ersticken. Ihr Blick wanderte von der schönen Frau zu dem Mann. Sein Mund war offen, die Glieder ragten in verrenkter Position in alle Richtungen. Ekel biss sich fest. Der Klang ihres Onkels.
Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise, als sie erschrak. Auf dem Flur gingen Schritte. Dann Stille. Dann die Spülung im gemeinsamen Badezimmer am Ende des Flures. Wieder Stille. Wie lange saß sie hier schon in dem alten Sessel? Der weiße Streifen auf dem Holzboden war gewandert. Sie schaute zur Uhr, konnte aber, obwohl sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nichts Genaues erkennen. War es halb drei? Oder bildete sie sich nur ein, die Schemen der Zeiger erfassen zu können? Sie sollte aufstehen, in ihr Bett gehen. Doch ihre Arme blieben reglos im Schoß liegen. Sie spürte das zersessene Polster unter sich, schien damit zu verschmelzen, immer weiter zu versinken. Wieder hörte sie Schritte. Näherten oder entfernten sie sich? Und dann plötzlich zerschnitt eine Flüsterstimme das Ticken der Uhr. Eine Flüsterstimme, die fragte. Was machst du da.