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Jagdhaus

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09.05.2026
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Anmerkungen zum Text

Mein erster Versuch in Kurzprosa, entstanden aus einem eigenen Gedicht. Ich bin besonders dankbar für jede ehrliche, auch unbequeme Reaktion.

Jagdhaus

Edit: Nach Stureks Anmerkungen überarbeitet. Danke an dieser Stelle nochmal. Konkret geändert: erster Satz, Zeitenfolge im Metzger-Absatz, Bezug beim Ersticken-Bild, Brücke vor dem Schnarchen-Absatz, sowie kleinere inhaltliche Änderungen. Die ursprüngliche Fassung ist im Diskussionsverlauf nachvollziehbar.

Jagdhaus

Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Sie blickte auf die zwei Gestalten im Bett, fuhr mit ihren Augen über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben und Senken ihrer Brust, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment.

Sie saß dort in dem alten Stoffsessel wie ein Pförtner, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen. Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern. Wie jedes Jahr. Wie immer. Abgesehen von Ihr. Nachmittags grillte der Vater Steaks und Würstchen über dem offenen Feuer im Garten. Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf. Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd. Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß. Beim Abschied zwinkerte er ihr zu. Die blutigen Hasensteaks, die ihr Vater später servierte, erinnerten sie an die Kaninchen mit den großen schwarzen Augen, die sie als Kind bei einer Freundin fest auf dem Arm umschlungen hielt. Sie wählte den mayonnaiseschweren Kartoffelsalat. Abends saßen sie auf der Terrasse, es wurde getrunken. Die Männer machten schlechte Witze mit lauten Stimmen und die Frauen lachten in schrillen Tönen dazu. Ihr Kopf dröhnte. Sie flüchtete nach drinnen, hatte lange ausgehalten. An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.

Zu früh legte sie sich ins Bett, blieb schlaflos. Gedanken kreisten. Zu der neuen Freundin ihres Onkels, zu Ihr. Stunden später schlich sie los. Saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden musste, um nicht an ihm zu ersticken. Ihr Blick wanderte von der schönen Frau zu dem Mann. Sein Mund war offen, die Glieder ragten in verrenkter Position in alle Richtungen. Ekel biss sich fest. Der Klang ihres Onkels.

Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise, als sie erschrak. Auf dem Flur gingen Schritte. Dann Stille. Dann die Spülung im gemeinsamen Badezimmer am Ende des Flures. Wieder Stille. Wie lange saß sie hier schon in dem alten Sessel? Der weiße Streifen auf dem Holzboden war gewandert. Sie schaute zur Uhr, konnte aber, obwohl sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nichts Genaues erkennen. War es halb drei? Oder bildete sie sich nur ein, die Schemen der Zeiger erfassen zu können? Sie sollte aufstehen, in ihr Bett gehen. Doch ihre Arme blieben reglos im Schoß liegen. Sie spürte das zersessene Polster unter sich, schien damit zu verschmelzen, immer weiter zu versinken. Wieder hörte sie Schritte. Näherten oder entfernten sie sich? Und dann plötzlich zerschnitt eine Flüsterstimme das Ticken der Uhr. Eine Flüsterstimme, die fragte. Was machst du da.

 

Hallo Chinanski und herzlich willkommen hier im Forum.

Du beschreibst hier eine geheimnisvolle nächtliche Szene in einem Landhaus. Die Protagonistin ist vor dem Trubel einer Party in ein fremdes Schlafzimmer geflüchtet und am Anfang fragte ich mich, wer die Personen in dem Schlafzimmer sind, dann, warum sie dort so lange verweilt. Später erfahre ich aber nur, dass es sich bei einer der Personen um den Onkel der Erzählerin handelt. Die Frage „Was machst du hier?“ am Ende bleibt unbeantwortet. Und ich habe auch keine Idee, wie sie zu beantworten ist. Dadurch bleibt der Text meiner Meinung nach auf halber Strecke zur Kurzgeschichte leider stecken. Positiv anmerken will ich aber, dass der Text angenehm zu lesen ist und du mit vielen konkreten Bildern Atmosphäre erzeugst. Der alte Stoffsessel, das Ticken der Wanduhr, die kurzen, prägnanten Beschreibungen der Party, der ausgestopfte Bussard – da habe ich als Leser Bilder vor Augen und werde in das Geschehen hineingezogen..

Hier noch etwas Detailkritik:

Mit kalten, aber feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer.
Gleich im ersten Satz bin ich gestolpert. Warum das „Aber“? Gibt es einen Widerspruch zwischen kalt und feucht?
Draußen herrschte Nacht, die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen.
„Draußen herrschte Nacht“ ist überflüssig, denn gleich darauf hat der Mond seinen Auftritt.
Sie war dabei, als sie zusammen am Vormittag bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf eingekauft hatten.
„Sie war dabei gewesen“. Sonst haben wir in dem Satz zwei verschiedene Zeitformen.
Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd. Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß. Beim Abschied zwinkerte er ihr zu.
Der Metzger bekommt hier sehr viel Raum in Anbetracht der Kürze des gesamten Textes. Warum eigentlich? Er spielt doch später gar keine Rolle mehr.
An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
Das geht hier aber ganz schön durcheinander mit den verschiedenen Zeiten und Orten. Erst ist sie im Schlafzimmer. Jetzt betritt sie nach der Party das Wohnzimmer. Gleich darauf hört sie es schnarchen. Wo ist sie denn jetzt? Plötzlich wieder im Schlafzimmer?!
Sie hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden muss, um nicht zu ersticken.
Fehler beim Bezug. Der Kloß muss besiegt werden, um nicht zu ersticken? „Um nicht an ihm zu ersticken“ macht es klar.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,

vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen und so genau gelesen hast. Das hilft mir wirklich.

Bei mehreren deiner Detailpunkte muss ich dir sofort recht geben:

Warum das „Aber“?
Das „aber" im ersten Satz ist tatsächlich unmotiviert. Stolperstein, weg damit.

„Sie war dabei gewesen“. Sonst haben wir in dem Satz zwei verschiedene Zeitformen.
Stimmt, da habe ich beim letzten Überarbeiten was kaputtgemacht.

Fehler beim Bezug. Der Kloß muss besiegt werden, um nicht zu ersticken? „Um nicht an ihm zu ersticken“ macht es klar.
Guter Punkt, klarer Bezug, übernehme ich.

Das geht hier aber ganz schön durcheinander mit den verschiedenen Zeiten und Orten. Erst ist sie im Schlafzimmer. Jetzt betritt sie nach der Party das Wohnzimmer. Gleich darauf hört sie es schnarchen. Wo ist sie denn jetzt? Plötzlich wieder im Schlafzimmer?!
Der für mich wichtigste Hinweis, danke. Den Übergang vom Bussard zurück ins Schlafzimmer hatte ich selbst nicht als Bruch wahrgenommen, aber jetzt, wo du es schreibst, sehe ich es. Der Bericht über die Party sollte eine gedankliche Rückblende sein, die mit dem Absatz endet. Danach wechselt die Erzählung wieder in die erste Ebene, das Schlafzimmer. Da fehlt eine Brücke, das werde ich definitiv überarbeiten.

Der Metzger bekommt hier sehr viel Raum in Anbetracht der Kürze des gesamten Textes. Warum eigentlich? Er spielt doch später gar keine Rolle mehr.
Beim Metzger bin ich unentschieden. Für mich trägt er ein Motiv mit, das im Text untergründig laufen soll. Jagd, Beute, Fleisch, das Zwinkern als kleine Grenzüberschreitung. Aber wenn das beim Lesen nicht ankommt, sondern als Überdimensionierung wirkt, ist das ein Hinweis, dass ich dieses Motiv vielleicht zu versteckt eingebaut habe.

Und ich habe auch keine Idee, wie sie zu beantworten ist. Dadurch bleibt der Text meiner Meinung nach auf halber Strecke zur Kurzgeschichte leider stecken.
Hierzu muss ich sagen, der offene Inhalt/ das offene Ende war meine bewusste Entscheidung. Mir ging es nicht um eine Kurzgeschichte mit Auflösung, sondern um eine kürzere Prosaform, in der der Schluss-Satz selbst der Beat ist und der Rest beim Leser passiert. Ob das trägt oder ob ich damit zu wenig liefere, ist genau die Frage, die mich am meisten beschäftigt, insofern ist deine Rückmeldung sehr wertvoll, auch wenn ich an der Form vorerst festhalten möchte. Aber ich nehme den Punkt mit und denke nochmal drüber nach, ob ich dem Text vielleicht durch etwas mehr Inhalt auch mehr "Spur" geben kann.

Nochmal danke für die Mühe.

Liebe Grüße
Chinanski

 

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