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Kaffeekränzchen
Irgendwo am Rande eines Dörfchens, in einem unbedeutsamen Restaurant, wird nach einem wundervollen Abendessen ein heisser Kaffee serviert. Kurz darauf bringt die Bedienung ein kleines Geschirr aus Metall, auf dem in kleinen Becherchen und Tellerchen fein säuberlich Zuckertüten, Rahmportionen und Zahnstocher eingeordnet sind, so wie es sich für ein ordentliches Restaurant gehört. Der Kaffee dampft vor sich hin und wartet im Licht der warmen Abendsonne, das durch die Fenster fällt, bis er kühl genug ist, um getrunken zu werden. Dabei windet und schlängelt sich ein Zuckertütchen bis an die Kante des Bechers, in dem die anderen Tütchen immer noch dicht beieinander zusammengequetscht sind. Schliesslich erreicht es die Kante, fällt darüber hinweg und klatscht auf das Tischtuch.
„Jeder gute Kaffee braucht einen Zucker“, sagt es zum Kaffee, dessen Dampf ruhig in die Höhe steigt. „Hmmm“, antwortet dieser, als wäre er gerade von einem jahrhundertlangen Schlaf erwacht worden. „Weisst du, eigentlich trinkt niemand seinen Kaffee gerne schwarz“, fährt der Zucker fort, während es flach auf dem Tisch liegt. „Und die, die das sagen, wollen nur besonders stark betonen, dass sie Kaffee unter allen Umständen wirklich sehr gerne haben.“ Der Dampf des Kaffees steigt weiterhin ungestört in den Raum. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen wach zu machen, sodass sie einen klaren Kopf bewahren können“, sagt der Kaffee ruhig. „Wenn sie meine Bitterkeit nicht schmecken, könnten sie am Ende noch denken, ich sei einfach ein heisser Sirup“, fährt er besorgt fort. „Aber sicher nicht. Bitterkeit wird durch Süsse nicht negiert, sondern erst schmackhaft gemacht“, beharrt der Zucker. Der Kaffee denkt kurz darüber nach und sagt: „Meine Aufgabe ist es, den Menschen wach zu machen. Das geht nur mit meiner Bitterkeit.“ Das weisse quaderförmige Zuckertütchen windet sich gequält an der Stelle, wie ein Regenwurm, der nicht weiss, wo es sich in den Dreck vergraben kann. „Alleinige Bitterkeit ist wie eine Welt ohne Ausgleich. Du brauchst meine Süsse, die ich dir mitbringe. Erst durch mich kann eine Verbindung von Genuss, Wirkung und Befriedigung für den Menschen entstehen“, sagt der Zucker aufdringlich zum Kaffee. Der Kaffee steht still und die Intensität seines aufsteigenden Dampfes bleibt ungestört. „Meine Aufgabe ist es“, sagt der Kaffee langsam, „den Menschen wach zu machen und seinem Verstand Klarheit zu verschaffen.“ Der Zucker zappelt auf dem Tisch herum, wie ein wütender Fisch, der aus seinem vertrauten Teich geangelt wurde. „Was weisst du schon von Klarheit?“, sagt der Zucker genervt.
„Könnt ihr mal die Klappe halten? Ich versuche hier auf allen Vieren das Gleichgewicht zu finden und muss mich konzentrieren!“, ruft der Tisch hinauf, der auf unebenem Boden steht. „Mach mal keine Wellen“, sagt der Kaffee ruhig, „wir führen hier eine tiefgründige Diskussion.“ Der Tisch wackelt abwechselnd mit zwei seiner Beine und versucht, sich einen stabilen Halt zu ertasten. „Ohne mich seid ihr sowieso nutzlos. Wo sollte man euch sonst hinstellen? Auf den Boden etwa?“, argumentiert der Tisch frustriert. Doch dies lässt den Kaffee und den Zucker kalt.
„Letzten Endes sind wir alle sowieso Mittel zum Zweck“, wirft der Rahm ein und lässt das Gespräch so kurz pausieren. Schliesslich antwortet der Zucker irritiert: „Was soll das schon wieder heissen? Wir sind hier, um unsere Bestimmung zu erfüllen. Meine Bestimmung ist es, den Kaffee geniessbar zu machen und ich werde alles tun, um das zu erreichen!“ Der Rahm sitzt still auf seinem Platz auf dem metallischen Tellerchen und seufzt. „Viele Zuckertütchen vor dir haben das Gleiche gesagt, aber um zu deinem süssen Inhalt zu gelangen, ist ein hoher Preis nötig. Ich habe es schon einige Male gesehen. Die Erfüllung deiner Aufgabe wird dich dein Leben kosten“, sagt der Rahm mit Ehrfurcht erfüllt. Wütend springt der Zucker auf, wie ein Hund, der seine Beute auf einem Baum erreichen will. „Du hast doch keine Ahnung, was meine Aufgabe angeht!“, kläfft das Zuckertütchen zurück. Ängstlich zieht sich der Rahm auf seinem Metalltellerchen zurück und versucht sich noch kleiner zu machen, als er schon ist. „Glaub mir. Du machst einen Fehler“, sagt er mit zitternder Stimme.
Plötzlich macht sich ein Schatten über dem Zuckertütchen breit und es verstummt. Es blickt hinauf und erkennt die Umrisse einer riesigen und furchteinflössenden Hand, die sich vor das warme Abendlicht schiebt. Die Hand wird immer grösser, packt das Zuckertütchen mit zwei dicken Fingern und hebt es in die Höhe. Zwei Finger einer anderen Hand greifen an der oberen Hälfte des Tütchens und beginnen, es entzwei zu reissen. Das Zuckertütchen schafft es noch, einen schmerzhaften Mieps herauszudrücken, bevor es komplett aufgerissen wird, um sein wertvolles Inneres in den Kaffee zu kippen.
