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Kaffeekränzchen

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09.12.2023
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Kaffeekränzchen

Irgendwo am Rande eines Dörfchens, in einem unbedeutsamen Restaurant, wird nach einem wundervollen Abendessen ein heisser Kaffee serviert. Kurz darauf bringt die Bedienung ein kleines Geschirr aus Metall, auf dem in kleinen Becherchen und Tellerchen fein säuberlich Zuckertüten, Rahmportionen und Zahnstocher eingeordnet sind, so wie es sich für ein ordentliches Restaurant gehört. Der Kaffee dampft vor sich hin und wartet im Licht der warmen Abendsonne, das durch die Fenster fällt, bis er kühl genug ist, um getrunken zu werden. Dabei windet und schlängelt sich ein Zuckertütchen bis an die Kante des Bechers, in dem die anderen Tütchen immer noch dicht beieinander zusammengequetscht sind. Schliesslich erreicht es die Kante, fällt darüber hinweg und klatscht auf das Tischtuch.
„Jeder gute Kaffee braucht einen Zucker“, sagt es zum Kaffee, dessen Dampf ruhig in die Höhe steigt. „Hmmm“, antwortet dieser, als wäre er gerade von einem jahrhundertlangen Schlaf erwacht worden. „Weisst du, eigentlich trinkt niemand seinen Kaffee gerne schwarz“, fährt der Zucker fort, während es flach auf dem Tisch liegt. „Und die, die das sagen, wollen nur besonders stark betonen, dass sie Kaffee unter allen Umständen wirklich sehr gerne haben.“ Der Dampf des Kaffees steigt weiterhin ungestört in den Raum. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen wach zu machen, sodass sie einen klaren Kopf bewahren können“, sagt der Kaffee ruhig. „Wenn sie meine Bitterkeit nicht schmecken, könnten sie am Ende noch denken, ich sei einfach ein heisser Sirup“, fährt er besorgt fort. „Aber sicher nicht. Bitterkeit wird durch Süsse nicht negiert, sondern erst schmackhaft gemacht“, beharrt der Zucker. Der Kaffee denkt kurz darüber nach und sagt: „Meine Aufgabe ist es, den Menschen wach zu machen. Das geht nur mit meiner Bitterkeit.“ Das weisse quaderförmige Zuckertütchen windet sich gequält an der Stelle, wie ein Regenwurm, der nicht weiss, wo es sich in den Dreck vergraben kann. „Alleinige Bitterkeit ist wie eine Welt ohne Ausgleich. Du brauchst meine Süsse, die ich dir mitbringe. Erst durch mich kann eine Verbindung von Genuss, Wirkung und Befriedigung für den Menschen entstehen“, sagt der Zucker aufdringlich zum Kaffee. Der Kaffee steht still und die Intensität seines aufsteigenden Dampfes bleibt ungestört. „Meine Aufgabe ist es“, sagt der Kaffee langsam, „den Menschen wach zu machen und seinem Verstand Klarheit zu verschaffen.“ Der Zucker zappelt auf dem Tisch herum, wie ein wütender Fisch, der aus seinem vertrauten Teich geangelt wurde. „Was weisst du schon von Klarheit?“, sagt der Zucker genervt.
„Könnt ihr mal die Klappe halten? Ich versuche hier auf allen Vieren das Gleichgewicht zu finden und muss mich konzentrieren!“, ruft der Tisch hinauf, der auf unebenem Boden steht. „Mach mal keine Wellen“, sagt der Kaffee ruhig, „wir führen hier eine tiefgründige Diskussion.“ Der Tisch wackelt abwechselnd mit zwei seiner Beine und versucht, sich einen stabilen Halt zu ertasten. „Ohne mich seid ihr sowieso nutzlos. Wo sollte man euch sonst hinstellen? Auf den Boden etwa?“, argumentiert der Tisch frustriert. Doch dies lässt den Kaffee und den Zucker kalt.
„Letzten Endes sind wir alle sowieso Mittel zum Zweck“, wirft der Rahm ein und lässt das Gespräch so kurz pausieren. Schliesslich antwortet der Zucker irritiert: „Was soll das schon wieder heissen? Wir sind hier, um unsere Bestimmung zu erfüllen. Meine Bestimmung ist es, den Kaffee geniessbar zu machen und ich werde alles tun, um das zu erreichen!“ Der Rahm sitzt still auf seinem Platz auf dem metallischen Tellerchen und seufzt. „Viele Zuckertütchen vor dir haben das Gleiche gesagt, aber um zu deinem süssen Inhalt zu gelangen, ist ein hoher Preis nötig. Ich habe es schon einige Male gesehen. Die Erfüllung deiner Aufgabe wird dich dein Leben kosten“, sagt der Rahm mit Ehrfurcht erfüllt. Wütend springt der Zucker auf, wie ein Hund, der seine Beute auf einem Baum erreichen will. „Du hast doch keine Ahnung, was meine Aufgabe angeht!“, kläfft das Zuckertütchen zurück. Ängstlich zieht sich der Rahm auf seinem Metalltellerchen zurück und versucht sich noch kleiner zu machen, als er schon ist. „Glaub mir. Du machst einen Fehler“, sagt er mit zitternder Stimme.
Plötzlich macht sich ein Schatten über dem Zuckertütchen breit und es verstummt. Es blickt hinauf und erkennt die Umrisse einer riesigen und furchteinflössenden Hand, die sich vor das warme Abendlicht schiebt. Die Hand wird immer grösser, packt das Zuckertütchen mit zwei dicken Fingern und hebt es in die Höhe. Zwei Finger einer anderen Hand greifen an der oberen Hälfte des Tütchens und beginnen, es entzwei zu reissen. Das Zuckertütchen schafft es noch, einen schmerzhaften Mieps herauszudrücken, bevor es komplett aufgerissen wird, um sein wertvolles Inneres in den Kaffee zu kippen.

 

Hallo @craooo ,
nochmals Danke für deine Kritik von gestern. Ich will also mal Versuchen mich zu revanchieren.

Der Kaffee dampft vor sich hin und wartet im Licht der warmen Abendsonne, das durch die Fenster fällt, bis er kühl genug ist, um getrunken zu werden.
Klingt für mich, als würde er sich gewaltig langweilen. Vielleicht kann man darauf verzichten?

Dabei windet und schlängelt sich ein Zuckertütchen bis an die Kante des Bechers, in dem die anderen Tütchen immer noch dicht beieinander zusammengequetscht sind.
Ich finde das Wort zusammengequetscht passt noch nicht in deinen Schreibstil. Das ist irgendwie zu schlicht.

dessen Dampf ruhig in die Höhe steigt.
zur Decke wäre für mich ein bildhafteres Erlebnis.

als wäre er gerade von einem jahrhundertlangen Schlaf erwacht worden.
aus einem Jahrhundertschlaf erwacht, wäre eine runde Alternative

fährt der Zucker fort, während es flach auf dem Tisch liegt.

er, der Zucker oder es, das Zuckertütchen?

Der Dampf des Kaffees steigt weiterhin ungestört in den Raum.
verteilt sich weiterhin ungestört im Raum

wie ein Regenwurm, der nicht weiss, wo es sich in den Dreck vergraben kann.
wo er sich vergraben soll.

„Könnt ihr mal die Klappe halten? Ich versuche hier auf allen Vieren das Gleichgewicht zu finden und muss mich konzentrieren!“, ruft der Tisch hinauf, der auf unebenem Boden steht.
Hier stelle ich mir pingelig die Frage, in welchem guten Restaurant wackelt der Tisch? Du betonst ja im oberen Teil der Geschichte, dass sich die Unterhaltung in einem ordentlichen. Restaurant abspielt. Kaufe ich dann nicht so ganz ab. Wirkt für mich mehr, als würdest du einfach einen Grund suchen, den Tisch ins Gespräch miteinzubinden.

Ohne mich seid ihr sowieso nutzlos. Wo sollte man euch sonst hinstellen? Auf den Boden etwa?
Hier finde ich den Tisch etwas hochnäsig. Schließlich ist er es, der eine untergeordnete Rolle spielt, sich aber anmaßt die Bedeutung von Kaffe und Zucker in Frage zu stellen.

„wir führen hier eine tiefgründige Diskussion.“
Das behauptet er.

wie ein Hund, der seine Beute auf einem Baum erreichen will.
ich finde der Vergleich hinkt etwas. Irgendwie sehe ich den Hund nicht springen.


Mir gefällt deine Art zu Schreiben und zu erzählen. Ich finde aber, dass du in deiner Geschichte, nur die Spitze des Eisbergs angekratzt hast. Mir fehlt da ein bisschen die Substanz. Warum will das Tütchen unbedingt in den Kaffee? Nur weil es seine Bestimmung ist? Das ist dann schon ein sehr einfaches Gemüt des Tütchens. Will es sich vielleicht verwirklichen? Oder will es einfach endlich etwas anderes machen bzw. sein als einfach nur ein eingequetschtes Tütchen in einem metallenen Gefäß? Das gilt eigentlich für alle deine Charaktere in der Geschichte. Du wirst verstehen, dass ich jetzt nicht jeden einzeln analysieren werde. :)

Ich hoffe, ich konnte dir ein paar Denkanstösse geben.

Gruß

Sam

 

Hallo @Sam O.

Besten Dank für deinen Kommentar. Ich gehe direkt auf deine Punkte ein:

Der Kaffee dampft vor sich hin und wartet im Licht der warmen Abendsonne, das durch die Fenster fällt, bis er kühl genug ist, um getrunken zu werden.
Klingt für mich, als würde er sich gewaltig langweilen. Vielleicht kann man darauf verzichten?
Genau dieses Bild versuchte ich eigentlich auch zu vermitteln. So stelle ich mir den Kaffee in dieser Geschichte auch vor: Verschlafen und Gelangweilt.

Dabei windet und schlängelt sich ein Zuckertütchen bis an die Kante des Bechers, in dem die anderen Tütchen immer noch dicht beieinander zusammengequetscht sind.
Ich finde das Wort zusammengequetscht passt noch nicht in deinen Schreibstil. Das ist irgendwie zu schlicht.
Ja, da kann ich dir zustimmen. „Zusammengequetscht“ ist vielleich ein zu sperriges Wort. Möglicherweise würde sich hier ein Synonym besser machen.

fährt der Zucker fort, während es flach auf dem Tisch liegt.
er, der Zucker oder es, das Zuckertütchen?
In der Geschichte referenziere ich immer zum Zuckertütchen, auch wenn ich es der Leserlichkeit manchmal einfach als „Zucker“ abkürze.
Bin mir an dieser Stelle nicht mal sicher, ob es ein grammatikalischer Fehler ist. Habe mich dann aber trotzdem entschieden es so drinn zu lassen.

„Könnt ihr mal die Klappe halten? Ich versuche hier auf allen Vieren das Gleichgewicht zu finden und muss mich konzentrieren!“, ruft der Tisch hinauf, der auf unebenem Boden steht.
Hier stelle ich mir pingelig die Frage, in welchem guten Restaurant wackelt der Tisch? Du betonst ja im oberen Teil der Geschichte, dass sich die Unterhaltung in einem ordentlichen. Restaurant abspielt. Kaufe ich dann nicht so ganz ab. Wirkt für mich mehr, als würdest du einfach einen Grund suchen, den Tisch ins Gespräch miteinzubinden.
Da hast du recht.
Ich stelle mir da eher ein Restaurant vor, das dem Begriff einer Kneipe knapp davongekommen ist. Darum ist das „ordentlich“ auch eher ironisch gemeint, aber ist wohl doch etwas zu subtil. Vielleicht kann ich in der Einleitung ein paar Wörter mehr darüber verlieren, um das Bild besser hinzukriegen.

Ohne mich seid ihr sowieso nutzlos. Wo sollte man euch sonst hinstellen? Auf den Boden etwa?
Hier finde ich den Tisch etwas hochnäsig. Schließlich ist er es, der eine untergeordnete Rolle spielt, sich aber anmaßt die Bedeutung von Kaffe und Zucker in Frage zu stellen.
Dass der Tisch hochnäsig ist, sollte auch so sein. Die Bedeutung von Kaffee und Zucker interessiert den Tisch eigentlich überhaupt nicht. Es ist einfach ein frustrierter Tisch, der schon viel zu viel erlebt hat und seine Ruhe haben will.

wie ein Hund, der seine Beute auf einem Baum erreichen will.
ich finde der Vergleich hinkt etwas. Irgendwie sehe ich den Hund nicht springen.
Diese Schwachstelle ist mir auch schon ins Auge gefallen.
Das Zuckertütchen wird im Text zuerst mit einem Wurm, dann mit einem Fisch und dann mit einem Hund verglichen. Der Vergleich mit dem Hund ist etwas weit hergeholt, habe aber keine bessere Alternative gefunden.

Mir fehlt da ein bisschen die Substanz. Warum will das Tütchen unbedingt in den Kaffee? Nur weil es seine Bestimmung ist? Das ist dann schon ein sehr einfaches Gemüt des Tütchens. Will es sich vielleicht verwirklichen? Oder will es einfach endlich etwas anderes machen bzw. sein als einfach nur ein eingequetschtes Tütchen in einem metallenen Gefäß? Das gilt eigentlich für alle deine Charaktere in der Geschichte. Du wirst verstehen, dass ich jetzt nicht jeden einzeln analysieren werde. :)
So eine Geschichte kann man natürlich beliebig aufblasen, aber das wollte ich hier verhindern. Darum habe ich mich darauf konzentriert, eine angenehme und kurze Geschichte zu schreiben.

Ich muss noch sagen, dass das meine erste Geschichte ist, wo ich einige Charaktereigenschaften definiert habe, bevor ich angefangen habe, die Geschichte zu schreiben. Darum ist das für mich eher noch Neuland.

Gruss
Carlo

 

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