- Beitritt
- 03.07.2004
- Beiträge
- 1.650
Kaffeenachmittag
Frau Wehle kommt mir auf dem Flur entgegen. Hut, Mantel, Handtasche.
"Na, wo soll es denn hingehen?"
"Ich gehe jeden Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken."
"Das ist schön, aber heute ist Samstag."
"Oh." Und Frau Wehle kehrt um und geht in ihr Zimmer. Wäre sie zum Ausgang weitergegangen, hätte ein Sensor Alarm gegeben. Eigentlich ist sie mit ihren fünfundachtzig Jahren auch geistig noch fit und mentale Aussetzer sind eher selten. Am Abend erzählt sie dann:
"Wir sind Sonntagnachmittag immer Kaffeetrinken gegangen. Das war unsere Sonntagsfreizeit."
"Aber ihr Ehemann war als Monteur doch viel auf Reisen."
"Was hat mein Mann mit dem Kaffeetrinken zu tun? Ich bin mit meiner Mutter ins Café gegangen und wir haben den Kuchen genossen und geklönt. Mein Vater war nach einem Schlaganfall bettlägerig, aber meine Mutter wollte ihn nicht ins Pflegeheim bringen, sondern hat ihn Tag und Nacht gepflegt. Sonntags kam ihre Nachbarin. Die war Krankenschwester und die beiden haben zusammen Mittag gegessen. und dann hat die Nachbarin bei meinem Vater gesessen und Mama konnte mit mir Kaffeetrinken gehen."
"Das ist schön, aber ja wohl schon länger her."
"Ja, meine Mutter ist vor fünfundzwanzig Jahren gestorben. Sie hat meinen Vater nur um ein Jahr überlebt. Aber nachdem er gegangen war, hatte sie keine Aufgabe mehr und schaffte es nicht, ihr Leben zu genießen. Ich habe mir immer gesagt: 'So will ich im Alter nicht leben.' Aber nun bin ich hier und bringe meine Tage mit Fernsehen und Brettspielen herum. Ich brauche mich nicht zu kümmern. Das ist manchmal langweilig, aber meistes finde ich es gut."
"Würden Sie denn gerne sonntags Kaffee außerhalb des Heims trinken?"
"Na ja, in der Woche gibt es ja immer Angebote, aber sonntags ist nach Gottesdienst im Fernsehen und Mittagessen im Speisesaal nichts mehr los. Kein Programm wie an den anderen Tagen."
Sonntags arbeiteten weniger Mitarbeiterinnen im Heim, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass der Sonntagnachmittag ein Loch der Langeweile für die Bewohnerinnen war. Und dann kam mir eine Idee.
"Wir haben doch unsere Gartenterrasse. Da ist es schön jetzt im Sommer und man kann, geschützt von Hecken, bei den Blumen sitzen. Wollen wir den Kaffee am Sonntag dort draußen anbieten?"
Frau Wehle schwieg. Ich überlegte, ob sie mir zugehört hatte und wollte meine Frage wiederholen, da sagte sie: "Ja, das wäre schön. In einer kleine Gruppe mit Kaffee und Kuchen. Das wäre ein richtiger Sonntagnachmittag."
In der Dienstbesprechung einigten wir uns, versuchsweise einen Sonntagskaffee für sechs Bewohnerinnen im Garten anzubieten. Zwei Schwestern begleiteten das Kaffeetrinken, damit niemand unbemerkt auf Wanderschaft ging. Diese Mehrarbeit wurde durch die zusätzliche Gemeinschaft aufgewogen und nach einem Vierteljahr wurde das Versuchsprogramm zu einem dauerhaften Angebot.


