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Knödel

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26.08.2002
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Anmerkungen zum Text

Keine Satire im klassischen Sinn, trotz satirischer Elemente: eher als ‚schwarze Komödie‘ gedacht.

Knödel

Es ist Freitagabend und Horst ist eben aus dem Büro nach Hause gekommen; er betritt das Esszimmer und entdeckt, dass Helga schon wieder Grützenschleimknödel gekocht hat. Sie ist soeben mit Tischdecken fertig.
Er begrüßt sie kurz und fügt hinzu, er wisse nicht, wo überhaupt noch ihre Achtung sei. Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben – doch offensichtlich nur, damit es ihr nicht passiere, eins davon aus Versehen zu kochen. Und diese Knödel hier – er nimmt einen und wirft ihn gegen die Wand – seien weder als Essen noch als Wurfgeschosse geeignet.
Helga verteilt die verbliebenen Knödel auf beide Teller und entgegnet, immerhin falle ihm noch etwas auf, was nichts damit zu tun habe, woran er sonst pausenlos denke – und was es im Übrigen schon ewig nicht mehr gegeben habe.
Er sagt, das sei wohl eine unmögliche Sache, eine Frau, die beim Thema bleibe.
Sie sagt, worüber sie auch noch mal sprechen wolle: Was sei mit der Katze passiert? Sie wisse, er hasse sie. Der gefalle es eben nicht, wenn er mit im Bett sei, da habe sie ihn dann halt mal gekratzt, na und? Und nun sei das kleine Geschöpf seit ein paar Tagen verschwunden, und er habe nur geantwortet «Was, weg ist sie?», und habe blöde gegrinst.
Er sagt, und wieder habe sie das Thema gewechselt, aber sie höre ihm ja überhaupt nie richtig zu.
Doch, sagt sie, sie höre ihm zu, was allerdings kein Vorteil sei.
Beide setzen sich, um zu essen.
Sie erinnert ihn daran, dass sie beide anderntags eingeladen seien, auf die Hochzeit ihrer Freundin Susanne, da müssten sie morgen allerdings schon früh aufstehen. Am besten sie hole seinen guten Anzug schon heute Abend raus und lege ihn bereit. Sie schiebt sich ein Stück Knödel in den Mund. Die Wanduhr schlägt die halbe Stunde.
Ja, sagt er, aber das sei ja nur ihre Freundin, die er gar nicht kenne, und das könne auch ruhig so bleiben.
Gleich nach dem Frühstück müssten sie los, sagt sie, es sei ein langer Weg nach Walldorf.
Er schmeißt einen Grützenschleimknödel auf den Boden, zertritt ihn mit dem Schuh und sagt, dass er nicht zu jener Hochzeit mitfahre. Er kenne diese Susanne gar nicht, und wenn er sie kennen würde, würde er sie voraussichtlich sowieso nicht mögen.
Sie sagt, das Navi habe sie auch schon programmiert.
Er sagt, sie könne das Auto haben und ohne ihn alleine dorthin fahren, wenn sie wolle.
Sie erwidert, schließlich müssten sie pünktlich in der Kirche sein, es wäre ja peinlich, zu spät zu kommen und alle bekämen es mit.
Er antwortet lauter, sie habe wohl nicht gehört, was er gesagt habe. Er komme nicht mit. Er habe das, glaube er, bereits gesagt.
Und dann, sagt sie, würden sie anschließend im Ritz ganz fein essen gehen. Aber vielleicht solle sie ihn besser vorher noch mal an gewisse Tischsitten erinnern.
Er schreit, dass sie von ihm aus zum Mond fliegen könne, nimmt einige der Knödel von seinem Teller und verschmiert sie auf dem Tisch.
Beide hören das Ticken der Wanduhr.
Helga fragt, ob er nicht doch noch einen Knödel will. Dann räuspert sie sich und fragt nach, wie viel genau der neue Wagen gekostet habe und ob die Raten schon abbezahlt seien; und sie wolle gerne endlich wissen, ob er mit dem Verschwinden der Katze etwas zu tun habe oder nicht.
Er erwidert, ja. Er habe die verfluchte Katze hundertzwanzig Kilometer weit weg in einem Wald erst ausgesetzt, es sich dann aber anders überlegt, sie wieder eingefangen und das Problem lieber endgültig geregelt. Er grinst und wischt sich die Hand an der Hose ab.
Sie sagt, es sei angebracht, dass ein Mann wisse, welches Besteck man wofür zu benutzen habe. Vor allem auf Hochzeiten und Beerdigungen.
Ja, sagt er, früher habe er die Suppe immer mit der Gabel gegessen, lächelt.
Genau, sagt sie, lächelt ebenfalls, geht zu ihm und streicht ihm von hinten über das Haar. Er bleibt einen Moment reglos sitzen, steht dann auf und beginnt den Tisch abzuräumen. «Viel Spaß morgen», sagt er zu ihr, als sie das Esszimmer verlässt, ohne ihr nachzusehen. «Und fahr vorsichtig.»

Erst als er allein ist, zieht er den Zettel aus der Tasche, den er auf der Kommode im Flur gefunden hat. In Helgas Schrift stehen darauf seine Rentenzahlen; darunter, unter ihrem Namen, eine kleinere, daraus berechnete Summe. Er legt ihn auf den Tisch, blickt hoch zur Wanduhr und greift zu den Gläsern.

 

Hallo @FlicFlac,

Horst und Helga beim Grützenschleimknödel-Essen als satirisches Kammerspiel, das ich vermutlich nicht verstanden habe. Aber von vorn:

Er begrüßt sie kurz und fügt hinzu, er wisse nicht, wo überhaupt noch ihre Achtung sei.
Durchaus witzig. Und auch der Folgesatz:
Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben – doch offensichtlich nur, damit es ihr nicht passiere,
Wobei ich vermutet hätte, dass es nicht ein monatelanges, sondern jahrelanges Zusammenleben gewesen sei (vielleicht ein Teil des Witzes?), unwichtig, denn spätestens hier würde mir der Kopf rauchen vor lauter Konjunktiven, die, würden sie durchgehalten, einem das Lesen nicht wirklich flüssig ermöglichten. Da ich weiß, dass du schreiben kannst, muss ich von Vorsatz ausgehen. Denn du hältst es durch. Dem Lesefluss ist es aus meiner Sicht nicht zuträglich.
Du hast Satire getagt, Satire überspitzt, das Grützenschleimknödel-Zertreten und -Schmeißen ist für mich trotzdem etwas too much.

Die Wanduhr schlägt die halbe Stunde.
Beide hören das Ticken der Wanduhr.
blickt hoch zur Wanduhr
Hat sich mir nicht erschlossen, die Wanduhr, genauso wenig wie die Pointe zum Schluss mit dem gefundenen Zettel. Ihre anteilige Rente hat sie offenbar bereits ausgerechnet und möchte deshalb auch den Stand der Ratenzahlungen des Autos in Erfahrung bringen, aber das kann ja nicht alles sein. Offenbar habe ich etwas nicht begriffen, bitte mir nachsehen! Dann greift er nicht zu einem Glas, sondern zu den Gläsern. Ich bin gespannt auf die Auflösung, wollte aber zumindest meinen Leseeindruck teilen.

Besten Gruß und schönen Abend von

Jaylow

 

Grützenschleimknödel
Ein Worterfinder?!

Ich glaube, dass die letzten zwei Absätze einen Ausblick auf die zukünftige Beziehung bzw. das Wohlbefinden geben sollen. Allerdings verstehe ich es leider auch nicht. Die schwierigen Punkte sind: 1. Sie weiß ebenfalls, wie er früher Suppen gegessen hat, 2. Sie steht plötzlich neben ihm und ist zärtlich (woraufhin er auch ihren Teller abräumt?) und 3. die Rentengeschichte.

Die viele indirekte Rede finde ich anstrengend. Ich glaube auch, dass es ohne Bindestriche geht.

Mir fiel auf, weil ich einen ähnlichen Text hochgeladen habe, dass das Ticken der Uhr sehr erwartbar ist. Ich habe es bei mir weggelassen. Der Text erinnert mich an ein Theaterstück, wo es plötzlich richtig eskaliert und absurd wird. Da könnte es außer der Uhr etwas anderes sein, was man im Hintergrund hört. Sein Umgang mit den Klößen, die bizarre Unterhaltung und die Katzengeschichte... Ich finde es auch etwas drüber, aber da es Satire ist, wundert es mich nicht. Meine Gedanken waren beim Theaterstück.

 

Hallo @FlicFlac

Ich habe mich bei deiner Geschichte gut unterhalten gefühlt. Es war keine seichte Unterhaltung, sondern eine mit Tiefgang, finde ich. Eine skurrile bis groteske Szene, die das Thema „Du kannst mich einfach nicht verstehen“ zwischen Mann und Frau behandelt, wie man es von Loriot-Stücken kennt (Erna, das Ei ist hart), aber dahinter steckt dieses Aneinander-vorbei-Reden, eigentlich ein ernstes Thema, und die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Ich hätte gedacht, dass sie schon Jahrzehnte zusammenleben.

Besonders gefällt mir die Verwendung der indirekten Rede, deren Sperrigkeit zu einem guten Teil zu der grotesken Wirkung beiträgt. Ich kenne ganze Romane, die durchgängig in indirekter Rede verfasst sind („Die Holländerinnen“, „Die Vermessung der Welt“), warum also nicht mal eine Kurzgeschichte in diesem Erzählstil. Man muss sich aber erstmal darauf einlassen. Und dann natürlich die köstliche Situationskomik, die aus dem Zusammenprall der beiden Charaktere entsteht. Da könnte ich beinahe jeden zweiten Satz zitieren.

Etwas unsicher war ich dann am Ende. Helga hat sich über seine zu erwartende Rente informiert. Die kleinere Summe ist wohl die Witwenrente, die sie daraus errechnet hat? Das wäre allerdings ein Alarmsignal und würde den Text noch mehr in Richtung „Schwarzer Humor“ verschieben. Eine dezente Warnung? Oder sollte er den Zettel gar nicht finden?

Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben
Wenn schon Konjunktiv, dann auch number one: "seien". Oder?
Und diese Knödel hier – er nimmt einen und wirft ihn gegen die Wand – seien weder als Essen noch als Wurfgeschosse geeignet.
Also doch als Wurfgeschoss geeignet. Aber das ist sicher Absicht.

Grüße
Sturek

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @FlicFlac ,

also ... äh ... Dorothee Elmiger räumt ja keine Preise und Übersetzungen in Fremdsprachen ab, weil sie einen gesamten Roman im Konjunktiv schrieb, sondern, weil dieser Roman eine Unzahl sehr, sehr geschickter Ebenen und Bezüge aufweist.

Tut mir leid, aber imA rechtfertigt dieser Text keine so sperrige Form, weil er unterkomplex ist. Ich denke es wäre günstiger, hier eine Form zu wählen, mit der du flüssig vermitteln kannst, was du vermitteln willst.

Herzlichst,
Katla

 

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