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Knödel

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26.08.2002
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Anmerkungen zum Text

Keine Satire im klassischen Sinn, trotz satirischer Elemente: eher als ‚schwarze Komödie‘ gedacht.

Knödel

Es ist Freitagabend und Horst ist eben aus dem Büro nach Hause gekommen; er betritt das Esszimmer und entdeckt, dass Helga schon wieder Grützenschleimknödel gekocht hat. Sie ist soeben mit Tischdecken fertig.
Er begrüßt sie kurz und fügt hinzu, er wisse nicht, wo überhaupt noch ihre Achtung sei. Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen seien, und sich das sogar aufgeschrieben – doch offensichtlich nur, damit es ihr nicht passiere, eins davon aus Versehen zu kochen. Und diese Knödel hier – er nimmt einen und wirft ihn gegen die Wand – seien weder als Essen noch als Wurfgeschosse geeignet.
Helga verteilt die verbliebenen Knödel auf beide Teller und entgegnet, immerhin falle ihm noch etwas auf, was nichts damit zu tun habe, woran er sonst pausenlos denke – und was es im Übrigen schon ewig nicht mehr gegeben habe.
Er sagt, das sei wohl eine unmögliche Sache, eine Frau, die beim Thema bleibe.
Sie sagt, worüber sie auch noch mal sprechen wolle: Was sei mit der Katze passiert? Sie wisse, er hasse sie. Der gefalle es eben nicht, wenn er mit im Bett sei, da habe sie ihn dann halt mal gekratzt, na und? Und nun sei das kleine Geschöpf seit ein paar Tagen verschwunden, und er habe nur geantwortet «Was, weg ist sie?», und habe blöde gegrinst.
Er sagt, und wieder habe sie das Thema gewechselt, aber sie höre ihm ja überhaupt nie richtig zu.
Doch, sagt sie, sie höre ihm zu, was allerdings kein Vorteil sei.
Beide setzen sich, um zu essen.
Sie erinnert ihn daran, dass sie beide anderntags eingeladen seien, auf die Hochzeit ihrer Freundin Susanne, da müssten sie morgen allerdings schon früh aufstehen. Am besten sie hole seinen guten Anzug schon heute Abend raus und lege ihn bereit. Sie schiebt sich ein Stück Knödel in den Mund. Die Wanduhr schlägt die halbe Stunde.
Ja, sagt er, aber das sei ja nur ihre Freundin, die er gar nicht kenne, und das könne auch ruhig so bleiben.
Gleich nach dem Frühstück müssten sie los, sagt sie, es sei ein langer Weg nach Walldorf.
Er schmeißt einen Grützenschleimknödel auf den Boden, zertritt ihn mit dem Schuh und sagt, dass er nicht zu jener Hochzeit mitfahre. Er kenne diese Susanne gar nicht, und wenn er sie kennen würde, würde er sie voraussichtlich sowieso nicht mögen.
Sie sagt, das Navi habe sie auch schon programmiert.
Er sagt, sie könne das Auto haben und ohne ihn alleine dorthin fahren, wenn sie wolle.
Sie erwidert, schließlich müssten sie pünktlich in der Kirche sein, es wäre ja peinlich, zu spät zu kommen und alle bekämen es mit.
Er antwortet lauter, sie habe wohl nicht gehört, was er gesagt habe. Er komme nicht mit. Er habe das, glaube er, bereits gesagt.
Und dann, sagt sie, würden sie anschließend im Ritz ganz fein essen gehen. Aber vielleicht solle sie ihn besser vorher noch mal an gewisse Tischsitten erinnern.
Er schreit, dass sie von ihm aus zum Mond fliegen könne, nimmt einige der Knödel von seinem Teller und verschmiert sie auf dem Tisch.
Beide hören das Ticken der Wanduhr.
Helga fragt, ob er nicht doch noch einen Knödel will. Dann räuspert sie sich und fragt nach, wie viel genau der neue Wagen gekostet habe und ob die Raten schon abbezahlt seien; und sie wolle gerne endlich wissen, ob er mit dem Verschwinden der Katze etwas zu tun habe oder nicht.
Er erwidert, ja. Er habe die verfluchte Katze hundertzwanzig Kilometer weit weg in einem Wald erst ausgesetzt, es sich dann aber anders überlegt, sie wieder eingefangen und das Problem lieber endgültig geregelt. Er grinst und wischt sich die Hand an der Hose ab.
Sie sagt, es sei angebracht, dass ein Mann wisse, welches Besteck man wofür zu benutzen habe. Vor allem auf Hochzeiten und Beerdigungen.
Ja, sagt er, früher habe er die Suppe immer mit der Gabel gegessen, lächelt.
Genau, sagt sie, lächelt ebenfalls, geht zu ihm und streicht ihm von hinten über das Haar. Er bleibt einen Moment reglos sitzen, steht dann auf und beginnt den Tisch abzuräumen. «Viel Spaß morgen», sagt er zu ihr, als sie das Esszimmer verlässt, ohne ihr nachzusehen. «Und fahr vorsichtig.»

Erst als er allein ist, zieht er den Zettel aus der Tasche, den er auf der Kommode im Flur gefunden hat. In Helgas Schrift stehen darauf seine Rentenzahlen; darunter, unter ihrem Namen, eine kleinere, daraus berechnete Summe. Er legt ihn auf den Tisch, blickt hoch zur Wanduhr und greift zu den Gläsern.

 

Hallo @FlicFlac,

Horst und Helga beim Grützenschleimknödel-Essen als satirisches Kammerspiel, das ich vermutlich nicht verstanden habe. Aber von vorn:

Er begrüßt sie kurz und fügt hinzu, er wisse nicht, wo überhaupt noch ihre Achtung sei.
Durchaus witzig. Und auch der Folgesatz:
Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben – doch offensichtlich nur, damit es ihr nicht passiere,
Wobei ich vermutet hätte, dass es nicht ein monatelanges, sondern jahrelanges Zusammenleben gewesen sei (vielleicht ein Teil des Witzes?), unwichtig, denn spätestens hier würde mir der Kopf rauchen vor lauter Konjunktiven, die, würden sie durchgehalten, einem das Lesen nicht wirklich flüssig ermöglichten. Da ich weiß, dass du schreiben kannst, muss ich von Vorsatz ausgehen. Denn du hältst es durch. Dem Lesefluss ist es aus meiner Sicht nicht zuträglich.
Du hast Satire getagt, Satire überspitzt, das Grützenschleimknödel-Zertreten und -Schmeißen ist für mich trotzdem etwas too much.

Die Wanduhr schlägt die halbe Stunde.
Beide hören das Ticken der Wanduhr.
blickt hoch zur Wanduhr
Hat sich mir nicht erschlossen, die Wanduhr, genauso wenig wie die Pointe zum Schluss mit dem gefundenen Zettel. Ihre anteilige Rente hat sie offenbar bereits ausgerechnet und möchte deshalb auch den Stand der Ratenzahlungen des Autos in Erfahrung bringen, aber das kann ja nicht alles sein. Offenbar habe ich etwas nicht begriffen, bitte mir nachsehen! Dann greift er nicht zu einem Glas, sondern zu den Gläsern. Ich bin gespannt auf die Auflösung, wollte aber zumindest meinen Leseeindruck teilen.

Besten Gruß und schönen Abend von

Jaylow

 

Grützenschleimknödel
Ein Worterfinder?!

Ich glaube, dass die letzten zwei Absätze einen Ausblick auf die zukünftige Beziehung bzw. das Wohlbefinden geben sollen. Allerdings verstehe ich es leider auch nicht. Die schwierigen Punkte sind: 1. Sie weiß ebenfalls, wie er früher Suppen gegessen hat, 2. Sie steht plötzlich neben ihm und ist zärtlich (woraufhin er auch ihren Teller abräumt?) und 3. die Rentengeschichte.

Die viele indirekte Rede finde ich anstrengend. Ich glaube auch, dass es ohne Bindestriche geht.

Mir fiel auf, weil ich einen ähnlichen Text hochgeladen habe, dass das Ticken der Uhr sehr erwartbar ist. Ich habe es bei mir weggelassen. Der Text erinnert mich an ein Theaterstück, wo es plötzlich richtig eskaliert und absurd wird. Da könnte es außer der Uhr etwas anderes sein, was man im Hintergrund hört. Sein Umgang mit den Klößen, die bizarre Unterhaltung und die Katzengeschichte... Ich finde es auch etwas drüber, aber da es Satire ist, wundert es mich nicht. Meine Gedanken waren beim Theaterstück.

 

Hallo @FlicFlac

Ich habe mich bei deiner Geschichte gut unterhalten gefühlt. Es war keine seichte Unterhaltung, sondern eine mit Tiefgang, finde ich. Eine skurrile bis groteske Szene, die das Thema „Du kannst mich einfach nicht verstehen“ zwischen Mann und Frau behandelt, wie man es von Loriot-Stücken kennt (Erna, das Ei ist hart), aber dahinter steckt dieses Aneinander-vorbei-Reden, eigentlich ein ernstes Thema, und die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Ich hätte gedacht, dass sie schon Jahrzehnte zusammenleben.

Besonders gefällt mir die Verwendung der indirekten Rede, deren Sperrigkeit zu einem guten Teil zu der grotesken Wirkung beiträgt. Ich kenne ganze Romane, die durchgängig in indirekter Rede verfasst sind („Die Holländerinnen“, „Die Vermessung der Welt“), warum also nicht mal eine Kurzgeschichte in diesem Erzählstil. Man muss sich aber erstmal darauf einlassen. Und dann natürlich die köstliche Situationskomik, die aus dem Zusammenprall der beiden Charaktere entsteht. Da könnte ich beinahe jeden zweiten Satz zitieren.

Etwas unsicher war ich dann am Ende. Helga hat sich über seine zu erwartende Rente informiert. Die kleinere Summe ist wohl die Witwenrente, die sie daraus errechnet hat? Das wäre allerdings ein Alarmsignal und würde den Text noch mehr in Richtung „Schwarzer Humor“ verschieben. Eine dezente Warnung? Oder sollte er den Zettel gar nicht finden?

Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben
Wenn schon Konjunktiv, dann auch number one: "seien". Oder?
Und diese Knödel hier – er nimmt einen und wirft ihn gegen die Wand – seien weder als Essen noch als Wurfgeschosse geeignet.
Also doch als Wurfgeschoss geeignet. Aber das ist sicher Absicht.

Grüße
Sturek

 
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Hallo @FlicFlac ,

also ... äh ... Dorothee Elmiger räumt ja keine Preise und Übersetzungen in Fremdsprachen ab, weil sie einen gesamten Roman im Konjunktiv schrieb, sondern, weil dieser Roman eine Unzahl sehr, sehr geschickter Ebenen und Bezüge aufweist.

Tut mir leid, aber imA rechtfertigt dieser Text keine so sperrige Form, weil er unterkomplex ist. Ich denke es wäre günstiger, hier eine Form zu wählen, mit der du flüssig vermitteln kannst, was du vermitteln willst.

Herzlichst,
Katla

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @FlicFlac!

Zwei Menschen, die schon lange zusammenleben, mittlerweile jeden Seelenwinkel ihres Partners kennen und sich im Prinzip hassen, wie das ja häufig der Fall ist. Ich kenne zB keine Langzeit-Beziehung die nicht irgendwie, irgendwo toxisch ist oder kurz davor steht.
Sie kocht Essen, das er nicht will, er wirft damit herum, zertritt es mit den Füßen, vielleicht dient der Knödel als Ersatz für die Partnerin?
Er tötet ihre geliebte Katze, deretwegen sie ihn sogar aus dem Ehebett wirft, das Tier bloß auszusetzen war ihm zuwenig Rache, auch darin sehe ich wiederum ein Ersatzopfer, sie schielt auf seine Pensionszahlung und rechnet sich bereits ihren Witwenanspruch darauf aus. Heißt: Sie hofft auf sein möglichst baldiges Ableben. Ihre zärtliche Schlussgeste und seine Hilfe beim Abräumen, übertünchen bloß die gegenseitige Hassliebe der beiden.
Sprachlich alternativ dargebracht, liegt sicher nicht jedem, ich habe deinen Text gerne gelesen.
LG

 

Hallo @Jaylow - danke für deinen Kommentar und den ehrlichen Leseeindruck!

Du hast Satire getagt, Satire überspitzt, das Grützenschleimknödel-Zertreten und -Schmeißen ist für mich trotzdem etwas too much.
Ja, das ist auch keine klassische Satire, sondern – im Infofeld hab ich das erwähnt – eigentlich eine schwarzhumorige Geschichte.

Offenbar habe ich etwas nicht begriffen, bitte mir nachsehen! Dann greift er nicht zu einem Glas, sondern zu den Gläsern. Ich bin gespannt auf die Auflösung, wollte aber zumindest meinen Leseeindruck teilen.
Das ist das Risiko dabei, der Schluss beendet die Sache nicht, sondern sollte noch mal was 'öffnen'. An der Stelle will ich aber noch nicht selbst interpretieren.

Mit den Konjunktiven hast du was angesprochen, das allerdings Absicht ist: Ich wollte diese eigentümliche Distanz und Trostlosigkeit der Szene auch sprachlich durchhalten. Klar, dass das auf Kosten von Flüssigkeit gehen kann – das ist also ein Einwand, den ich gut nachvollziehen kann, auch wenn ich mich bewusst dafür entschieden habe. Der Konjunktiv schafft Distanz, weil er das Geschehen nicht unmittelbar zeigt, sondern wie durch eine sprachliche Glasscheibe vermittelt, wie ein Protokoll, und die emotionale Kälte der Szene formal untermauert.

Die Wanduhr ist nicht als eigentliche Pointe gedacht, sondern eher als stumme dritte Instanz im Raum: Sie misst die Leere, das Stocken, das Weiterlaufen der Situation. Ist offenbar für dich nicht 'aufgegangen', darüber muss ich nachdenken, warte aber auch noch auf weitere Anmerkungen dazu.

Beim Zettel am Schluss steckt tatsächlich mehr als nur die Autofrage dahinter ...

Das Knödelwerfen sollte an die Grenze gehen – und darüber. Dass es dir „too much“ war, kann ich aber auch verstehen; genau an dieser Überzeichnung tastet sich der Text entlang.
Insgesamt weiß ich, dass der Text, was die Resonanz betrifft, 'riskant' ist; so ziemlich das Böseste, was ich bisher gemacht habe, ein Versuch ...

Danke dir!

Gruß Flic

 

Hallo @XVIII !

Danke dir für die genaue Rückmeldung! Werde über deine Einwände nachdenken ...

Zu deinen Punkten:

„Grützenschleimknödel“ ist tatsächlich ein bewusst gebautes (erfundenes) Wort – es sollte schon im Klang etwas Überzogenes und leicht Monströses haben. Zeigen, dass das, was kommt, keine 'realistische Fiktion' sein wird.

Zu den letzten Absätzen: Du liest richtig, dass dort ein Ausblick steckt; mir ging es darum, den Blick noch einmal zu verschieben. Bis dahin scheint vor allem er die eindeutig widerwärtige Figur zu sein, am Schluss sollte aber sichtbar werden, dass auch sie innerlich längst rechnet, taxiert und sich auf ein Danach einstellt. Die Geste mit dem Haar ist entsprechend nicht als Zärtlichkeit gemeint, sondern eher als ihr letzter, leicht unheimlicher Moment in der Szene.

Dass sie auf seine Bemerkung über die Suppe so reagiert, ist dabei weniger realistisch gemeint, sondern Teil des kalten, eingespielten Gegenspiels. Die beiden sind ein 'eingespieltes Paar' in ihren als 'Kommunikation getarnten' Machtkampfs.

Die indirekte Rede ist Absicht, weil sie für mich Distanz und Trockenheit herstellt – ich verstehe aber auch, dass sie beim Lesen als anstrengend empfunden werden kann. Ich hab da weiter oben schon gesagt, wozu ich die verwende.

Die Uhr war von mir als stumme dritte Instanz gedacht, nicht als Überraschungsmoment; dein Hinweis, dass sie schnell erwartbar wirkt, ist also hilfreich. Muss ich drüber nachdenken ...

Und ja, die Nähe zum Theater oder Kammerspiel sehe ich selbst auch. Dass es dir stellenweise „drüber“ vorkommt, kann ich gut nachvollziehen – genau an dieser Grenze wollte ich mich hier bewegen. Es ist weder realistische Fiktion noch 'echte' Satire, sondern eine Schwarzkomödie mit grotesken und satirischen 'Tönen'. Das wollte ich probieren.

Gruß
Flic

 

Hallo @Sturek !

Herzlichen Dank für deinen wohlwollenden Kommentar, und es freut mich, dass er für dich 'funktioniert'.

Besonders gefällt mir die Verwendung der indirekten Rede, deren Sperrigkeit zu einem guten Teil zu der grotesken Wirkung beiträgt. Ich kenne ganze Romane, die durchgängig in indirekter Rede verfasst sind („Die Holländerinnen“, „Die Vermessung der Welt“), warum also nicht mal eine Kurzgeschichte in diesem Erzählstil. Man muss sich aber erstmal darauf einlassen.
Freut mich besonders, dass du den 'Klang' der indirekten Rede so auffasst, wie er gedacht war. Und, stimmt, darauf muss man sich einlassen, und das ist nicht jedermanns Sache.

Schön, dass du den Text nicht nur als skurril oder grotesk gelesen hast, sondern dass für dich auch das Ernstere darunter spürbar wurde – genau dieses Aneinander-vorbei-Reden, das längst mehr sein soll als bloß eine Kommunikationsstörung.

Der Loriot-Bezug liegt natürlich nahe; mir ging es allerdings darum, das Komische nicht im Komischen zu lassen, sondern darunter etwas Kälteres und Trostloseres sichtbar werden zu lassen. Insofern ist meine Geschichte deutlich 'kälter' als es Loriot je gemacht hat oder hätte. (Mich in einem Satz mit Loriot zu stellen, ehrt mich übrigens, aber wirklich vergleichen würde ich mich nicht trauen).
Dass du dich gefragt hast, wie es überhaupt so weit kommen konnte mit den beiden, ist übrigens genau die Frage, die im Text aufploppen sollte.

Beim Ende ist die Unschärfe durchaus gewollt. Ja, die kleinere Summe lässt sich als abgeleitete Witwenrente lesen (das stand anfangs direkt drin, war mir dann aber zu plump – doch genau diese Lesart sollte 'kurz aufblitzen'). Auch bei ihr musste etwas Kaltes, Rechnendes sichtbar werden. Nicht unbedingt als fertiger Plan, aber als Bewegung, die den Text ins noch Bösere kippt.

Schließlich habe sie doch nach monatelangem Zusammenleben herausgefunden, was seine Lieblingsessen wären, und sich das sogar aufgeschrieben
Wenn schon Konjunktiv, dann auch number one: "seien". Oder?

Ja – du hast recht: Wenn ich den Konjunktiv an der Stelle streng durchhalte, müsste dort „seien“ stehen. Wird geändert, ein Fehler von mir :)

Der Satz mit dem Wurfgeschoss ist übrigens auch Absicht – dieser kleine Selbstwiderspruch sollte den Ton noch klarstellen ...

Danke dir für das aufmerksame Lesen!

Gruß Flic

 

Hallo @Katla !

Danke dir für die offene und klare Rückmeldung.

Mit Elmiger würde ich mich nicht vergleichen (wollen) – ich habe deinen Einwand daher vor allem als Maßstab für die Frage verstanden, wann eine sperrige Form literarisch wirklich trägt. Für einen längeren/langen Text würde ich mir diese 'sperrige' indirekte Rede auch nicht zutrauen.

Dass dir der Text für diese Form nicht komplex genug erscheint, ist ein verständlicher Einwand. Ich habe die indirekte Rede bewusst gewählt, weil mir gerade ihre Distanz, Trockenheit für die Konstellation geeignet schienen.
Für mich ist indirekte Rede grundsätzlich eine mögliche Form und nicht bloß ein Manierismus..

Dass du den Text für diese Form als zu unterkomplex empfindest, ist ein nachvollziehbarer Einwand. Man kann es aber auch anders sehen: Eben weil der Text auf eine radikal einfache, festgefahrene Situation reduziert ist, wollte ich eine Form, die die gezeigte Verhärtung nicht glattmacht, sondern sprachlich spürbar. Die Komplexität liegt hier tatsächlich nicht in einer Vielzahl von Ebenen, sondern entsteht aus der Reibung zwischen formaler Distanz und emotionaler Verwahrlosung (so ist das gedacht).
Ich wollte hier buchstäblich eine sprachliche Sperrigkeit, weil sie für mich zur Distanz, zur emotionalen Verhärtung und zu diesem verschobenen Miteinander der beiden gehört. Ich kann gleichzeitig verstehen, aus welchem Grund das für dich nicht aufgeht; also etwas zum drüber nachdenken ;)

Danke dir fürs genaue Lesen und deine Klarheit!

Gruß Flic

(to be continued)

 

@FlicFlac

Das wird so ein typischer Kommentar der Sorte "Ich hätte das aber so und so gemacht, weil so und so und so und so".
Ich hoffe, das ist für dich soweit okay.
Was haben wir? Eine Mann, eine Frau, gemeinsam selbsterzwungen im Bund der ewigen Ehe. Aber natürlich geht es nie um den Mann und die Frau, sondern um einen Kampf zweier Systeme, der sich am Grützenschleimknödel manifestiert. Ein System der vernünftigen Haushalts- und Lebensabschnittsplanung seitens der Frau wird durch den hilflosen Verzweiflung-Aktionismus des Ehemanns bekämpft. Ein sinnloser Systemkampf. Insofern fühlte ich mich weniger an Loriot, als vielmehr an "Einer flog übers Kuckucksnest" erinnert. Das kochwaschende Lebensstruktursystem, institutionalisiert in einer Psychiatrie, gegen den Mann, der macht, was er will, weil er macht, was er kann. Während die 1960-Psychiatrie lobotomisiert, alkoholisiert sich hier der Ehemann (zumindest wird das vage angedeutet).

Der Text ist superkurz. Du bringst ja diese deskriptive Ping-Pong-Sprache (Sie macht das und das. Er macht das und das), das schafft vor allem Struktur und die braucht ein so kurzer Text. Gewissermaßen die Aufstellung zweier Armeen. Stärker könnte man den Schleimknödel ins Zentrum rücken.

Es ist Freitagabend und Horst ist eben aus dem Büro nach Hause gekommen; er betritt das Esszimmer und entdeckt, dass Helga schon wieder Grützenschleimknödel gekocht hat. Sie ist soeben mit Tischdecken fertig.
Ich finde den Ersten Satz (ganz bewusst groß geschrieben) nicht gut. Es ist Freitagabend, ja. Vielleicht eher mit dem Grützenschleimknödel beginnen, ihn beschreiben, ihn bewundern lassen, irgendwas. Du willst ins Groteske und alles Groteske lebt von so einer spannungsvollen Distanz zwischen dem einen und dem anderen. Dass der Ehemann so schnell eskaliert (gastronomische Gewalt) empfinde ich irgendwie unpassend. Da ist einfach zu viel Einleitung drin, als dass der Gewaltimpuls so aktiv wird. Trockener vielleicht. Den Knödel zerstören, zerschmieren, aber mit einem Ruhepuls von 45 Herzschlägen pro Minute. Er will sie doch besiegen, verletzen, angreifen. Aber diese Frau ist eine glatte Wand aus Psychoteflon:
Er schmeißt einen Grützenschleimknödel auf den Boden, zertritt ihn mit dem Schuh und sagt, dass er nicht zu jener Hochzeit mitfahren.
Warum das? Ich glaube, es wäre wichtig, den Knödel immer heftiger zu malträtieren, während die Frau sehr ruhig reagiert. Eigentlich muss die Frau auch gar nicht angreifen. Sie muss nur da sein. Das System arbeitete sie aus. Und es arbeitet einfach gut.
Sie sagt, das Navi habe sie auch schon programmiert.
Phantastischer Satz, weil hier das System ein bisschen überkorrekt ist. Ein Navi programmieren, sie fliegen ja nicht durch den Asteroidengürtel mit einer künstlichen Intelligenz, sondern fahren mit einem Auto zu einer Freundin. Hier wird die Frau grotesk. Ich würde daran arbeiten, solche Feinheiten auszubauen. Sortierte Bleistifte in Schubladen, Kalenderplanung, der neue Swiffer wuschelt besser, Staubsaugerroboter, die Handtuchheizung funktioniert nicht richtig. Diese Wunderlichkeiten der Haushaltsführung. Da arbeitet sich die Frau ins Groteske ein.

lg
kiroly

 

Hallo @FlicFlac,

amüsanter Text, der mir viele Gluckser entlockt hat. Allein das Wort Grützschleimknödel ist schön eklig, hat eine Konnotation Richtung Erkältungsrotz. Ich dachte direkt an die Kotzgurken (snozzcumber) aus Roald Dahls auf Menschenfleisch verzichtenden "The BFG".
Zu dem Schlagabtausch gab es schon viel Rückmeldung, ich finde das gelungen und hatte auch mit der Form keinerlei Probleme. Die Länge ist gut und das Match ausgewogen bösartig.
Deshalb nur zu zwei Punkten Anmerkungen.
Was mich beim ersten Lesen gestört hat, war das Knödel an die Wand und unter den Tisch werfen samt Platttreten. Das ist mir an der Stelle zu plakativ unbeherrscht und zu wenig subtil perfide. Und weil es zudem extrem unwahrscheinlich ist, ist es mir eine Spur zu absurd.
Könnte mir vorstellen, dass ihm der Grützknödel samt Schleimsoße von der Gabel glischt und - ups - in ihrer Lieblings-Topfpflanze landet. So was.
Das Ende ist gut eingeleitet durch die Frage nach dem Wert und der Finanzierung des Autos. Sie berechnet ihren Anteil an seinem Rentenanspruch und es ist klar, sie will ihn loswerden. Ich hätte von ihm jedoch erwartet, dass er eine Antwort parat hat, bspw. die Rosenschere in die Schublade legt, mit der er den Bremsschlauch durchgeschnitten hat. Dann hätte auch sein "und fahr vorsichtig" eine andere Note. Stattdessen lässt du das offen und statt einer geschmetterten Rückhand im Gehässigkeiten-Pingpong greift er zu den Gläsern? Für mich eine verschenkte Chance.

Peace, l2f

 
Zuletzt bearbeitet:

Die Komplexität liegt hier tatsächlich nicht in einer Vielzahl von Ebenen, sondern entsteht aus der Reibung zwischen formaler Distanz und emotionaler Verwahrlosung (so ist das gedacht).
Hallo @FlicFlac ,

da würde ich widersprechen: du beschreibst eindeutig keine Komplexität, sondern eine Verbindung von einem Thema / literarischer Gegebenheit und einem Symbol. Das ist eine 1:1 Sache, also das Gegenteil von Komplexität.

Ehrlich gesagt sehe ich auch nicht, warum sich das reiben sollte. Distanziertheit oder Nähe sind (unabhängig von der Erzählstimme, Stil oder show / tell) zwei Haltungen mit denen sich eine Geschichte erzählen lässt, da gibt es keine Reibung bzw. unbedingten Konflikt mit dem Inhaltlichen.

Nur zur Sicherheit: Ich bin nicht per se gegen die Verwendung von Symbolen oder Bildern. Aber das geht auch weniger manieriert.

Herzlichst,
Katla

 

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