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Serie Kreis mit Kreuz: Doro

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02.09.2015
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Kreis mit Kreuz: Doro


Was ist, wenn wir alles erreicht haben,
um dann festzustellen,
dass wir nichts davon jemals wollten?


Schwarz-Weiß-Fotografien hängen in symmetrischen Abständen an den weiß getünchten Wänden der Pasinger Fabrik. Glänzen im Licht der Deckenstrahler in Lebensgröße.
Doro geht rasch an den ersten drei Bildern vorbei. Richtet sich dabei Haarsträhnen, die ihr in den Augen piksen. Die Absätze ihrer Stiefeletten hinterlassen mit jedem Schritt einen Widerhall, ein regelmäßiges Klacken in kurzen Abständen.
Michi ist mit Finn, Mira und seinen Eltern im Zoo. Doro kann sie bildlich vor sich sehen, wie die Fünf von Gehege zu Gehege schlendern. Hört, wie die Schwiegermutter über sie lästert: Wie kann so eine Ausstellung wichtiger sein, als ein Nachmittag mit der Familie? Michi müsse sich auch einmal durchsetzen. Blablabla.
In ihrer Handtasche nestelt Doro nach den Dulcolax. Immer diese Vorwürfe. Dabei kann sie es kaum fassen, dass sie es tatsächlich noch am letzten Ausstellungstag hierher schaffte. Gerade als sie sich ein Dragee in den Mund schieben will, fällt ihr Blick auf das vierte Bild. Sie bleibt so abrupt stehen, dass die Schuhsohlen hörbar quietschen. Ein paar Blicke anderer Besucher wenden sich ihr zu.
Sie atmet durch. Lässt das Dragee zurück in die Handtasche fallen. Greift sich mit beiden Händen an den Kopf. Vom Drogerie-Haarspray sind die Haare klebrig. Sie wiederholt im Gedanken die Worte: Ich bin tatsächlich hier.
Über ihr knacken die Deckenstrahler. Sie nimmt den Duft der Pasinger Fabrik wahr: eine Mischung aus Putzmittel und Entwickler. Unerwartet erfüllt sie ein Gefühl der Erleichterung.

Für einen Moment verharrt Doro vor dem vierten Bild, einer Flusslandschaft, vermutlich der Jangkok. Dann dreht sie sich um und geht zurück an den Anfang der Ausstellung. Auf dem ersten Foto ist eine alte Dame zu sehen. Das an die Wand geklebte Pappkärtchen weist sie als Frau aus Sumatra aus. Tiefe Furchen zeichnen das Gesicht. Da ist etwas, das Doro stört. Sie beißt sich auf die Lippe. Es ist der Winkel. Oder ... der Zoom. Nein, es sind Winkel und Zoom. Der Fokus hätte auf diesem wunderbaren Muttermal links neben der Oberlippe liegen müssen. Das hätte der Dame einen leicht verschmitzten Gesichtsausdruck geben können. Wie jemand, der viel erlebte, aber trotzdem über dem Leben steht. Aber auf diesem Foto wirkt sie einfach nur alt, dominiert von den Falten, die sie nicht einmal müde erscheinen lassen, sondern auf irritierende Weise versteinert.



Doro blinzelt in das Licht, als sie die Ausstellungsräume verlässt. Michi und die Kinder werden sicher schon wieder zu Hause sein. Sie sollte –
Aber da ist etwas, das sie festhält. Wie ferngesteuert geht Doro zu einem der Bistrotische, die vor dem Gebäude auf Gäste warten. Mit einem leichten Seufzen lässt sie sich nieder, der Klappstuhl quietscht auf dem Kopfsteinpflaster. Sie ist durstig. Im Hintergrund hört sie die ein- und ausfahrenden Züge des Pasinger Bahnhofs.
Ihr Blick wandert zu einem der Nachbartische, bleibt hängen an einer Frau in ihrem Alter mit einem Neugeborenen im Arm. Beobachtet, wie sie es schafft, einen dunkelgrünen Smoothie zu trinken, ohne das Smartphone am Ohr oder das Baby an ihrer Brust fallen zu lassen, geschweige denn einen Flecken auf den weißen Hosenanzug zu produzieren. Diese Frau ist eindeutig eine von diesen Super-Muttis, denkt Doro.
»Haben Sie schon gewählt?« Die Stimme der Kellnerin weckt Doro aus ihren Gedanken.
»Ähm, ja …« Doro blättert durch die Karte. »Ein Wasser.«
»Noch was?« Die junge Frau duftet nach einer Mischung aus Blumen und Frittierfett. In ihrer engen Jeans mit dem schwarzen Schürzchen gäbe sie ein tolles Motiv vor der Hecke ab, unter der sich Bierdeckel halb verrottet sammeln.
»Und – ein Glas Prosecco, bitte.« Mit glühenden Wangen schließt Doro die Getränkekarte. Schaut kurz auf die Hände, den goldenen Ehering mit dem Diamantsplitter.
»Das Wasser mit oder ohne?« Die Kellnerin tippt etwas in ein schwarzes Gerät ein.
»Ohne bitte.« Doro lehnt sich zurück. Sie sollte viel öfters eine Auszeit von ihrer Familie nehmen, als sie es sich bisher gönnte. Einfach etwas tun, das ihr gefällt. Gedankenversunken streift sie den Ehering ab, lässt ihn in die Handtasche fallen. All die Dinge, die Michi hasst und für die Mira und Finn zu ungeduldig sind.
Sie nimmt einen Hauch von französischen Zigaretten wahr, der sie zurück in einer Zeit vor Michi, Mira und Finn versetzt. Damals lebte sie für einige Monate mit Bernd in Nizza.
Doro dreht sich um und lächelt den Herren an, der mit der Gauloise im Mund mit seinem Smartphone spielt, ihr die Erinnerung an das Meer und die erste große Liebe in den Kopf blies.
»Entschuldigung, hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?« Ein wenig rot läuft sie an, so einfach zu fragen.
Der Herr schaut hoch, reicht ihr wortlos die blaue Schachtel. Doro zieht mit feuchter Hand eine Gauloise heraus, riecht bereits jetzt den frischen Tabak.
Der Fremde reicht gibt ihr Feuer und Doro bedankt sich mit einem Nicken. Schaut in den blauen, wolkenlosen Himmel. Es ist ein schöner Sommertag mit guten Lichtverhältnissen.
Die Super-Mutti nebenan legt das Baby zurück in den Kinderwagen. Winkt einem Mann an einem der Tische zu, bevor sie die Bremse löst und durch das Tor Richtung Bahnhof verschwindet.
Die Kellnerin serviert Doro derweilen die Getränke. Der Prosecco sprudelt im Glas.
»Ich würde dann gleich zahlen«, sagt Doro, schaut unruhig auf ihre Armbanduhr. Die Kellnerin nickt, tippt wieder auf dem Gerät herum und hält es ihr schließlich unter die Nase. Doro holt einen Zehneuroschein aus dem Portemonnaie. »Stimmt so.«
Das tat sie schon lange nicht mehr, einfach ausgehen, alleine. Aber sie müsste ... Doro hält inne. Sie muss nichts. Sie würde in Ruhe den Prosecco trinken, die Zigarette rauchen ...
Die Kellnerin verschwindet. Sie ist noch jung. Schätzungsweise Mitte zwanzig. Als Doro so alt war, hatte gerade Bernd mit ihr Schluss gemacht. Der Mann, von dem Doro immer dachte, sie würde ihn heiraten, mit ihm ein Haus bauen, Kinder bekommen und sich zwei Hunde anschaffen. Doch dann lernte Bernd Amelie kennen. Ein französisches Model. Bei einem der Fotoshootings. Es war Liebe auf den ersten Blick. So jedenfalls verkaufte ihr Bernd es bei der Trennung. Und das Schlimme war, sie sah es, das Glühen in seinen Augen jedes Mal, wenn er Amelie sagte.

Doro nimmt einen tiefen Zug der Gaulois, anschließend einen Schluck vom Prosecco. Atmet das Sprudeln ein. Die Perlen kribbeln in ihrer Nase, vermischen sich mit dem Tabak.
Die Kinder haben sicher Spaß im Zoo. Auch ohne sie. Überhaupt ist Michi der geborene Vater, immer gelassen, jederzeit zu einem Spaß bereit, selbst wenn Finn einen seiner berühmten Trotz-Wut-Anfälle bekommt.

Doro mag Zoos nicht. Tiere in Käfigen, in begrenzten Anlagen – sie wollte immer nach Afrika. Tiere in der Freiheit beobachten. Sie fotografieren. Den Löwen beim Absprung auf eine Antilope vor die Linse kriegen. Davon träumte sie, als sie die Realschule verließ und die Ausbildung in einem Fotostudio in Bamberg machte. Sie quälte sich durch die ganzen Hochzeits-, Einschulungs-, Kommunions- und Konfirmationsfotos mit diesem Traum vor Augen. Sie wollte immer reisen und fotografieren. Aber sie wollte auch immer eine Familie, als sei es der natürlichste Wunsch einer Frau.



»Mama, Mama!«, ruft Mira, »Ich habe Hunger. Hun…!«
Doro kommt gerade zur Tür herein. »Ja, Mira. Lass mich doch erst einmal …«
»Hunger!«, schreit Mira nun energischer. Tritt mit dem Fuß auf. »Hun…«
»Hallo, Schatz.« Michi kommt die Treppe hinunter und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Er wirkt erschöpft. »Wie war es im Museum?«
»Mama!« Finn hüpft auf den Stufen. »Wir waren im Zoo und da waren so große Elefanten. Und Pinguine und Lamas und Giraffen. Die hatten ...« Mit ausgestreckten Armen hopst der Neunjährige den letzten Treppenabsatz rauf und runter, sodass es knarzt und knirscht. »Du hättest die fotografieren können!«
»Du sollst nicht immer springen«, sagt Doro mit mütterlicher Routine in der Stimme, während sie ihre Stiefeletten auszieht. Ihr Blick fällt kurz in den Spiegel. Sie richtet sich die Frisur, die sie nach Finns Geburt zu- und nicht mehr ablegte. Es wäre wieder an der Zeit für einen Friseurbesuch. Der Pony hing in den Augen und ... Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, sie wieder wachsen zu lassen.
»Hunger!« Mira zupft an ihrem Pullover. Doros entspannender Nachmittag löst sich auf, wie die Farben auf altem Fotopapier.
Finn bleibt auf der vorletzten Stufe stehen, lässt sich nach vorne fallen und schlingt seine Arme um ihren Hals. Drückt so fest zu, dass Doro fast die Luft wegbleibt. »Hab dich lieb, Mama!«
»Lass los, Finn!« Doro japst.
»Liebling, was gibt es denn heute Abend zu essen?«, fragt nun auch Michi aus der Küche. »Hast du die neue Autozeitschrift mitgebracht?«
»Nein. Finn, lass jetzt los.« Doro schüttelt den Sohn ab. »Ich habe nicht daran gedacht.«
Enttäuschtes Grummeln kommt aus der Küche. »Bist du nicht am Bahnhof vorbeigekommen?«
»Mama, Mama!« Mira kreuzt die Ärmchen. »Wann gibt es endlich was zum Essen?«
Finn klammert sich an einem ihrer Beine fest, lässt sich hängen. Das Gewicht des Sohnes lässt sie straucheln.
Doro atmet tief durch, nimmt Finn an die Hand und geht mit ihm in die Küche. Mira rennt an ihnen vorbei.
Michi steht bereits am geöffneten Kühlschrank. »Hättest du gesagt, dass du so lange weg bist, dann wäre ich mit den Kindern zum Ital...«
»Ich wusste ja nicht, dass es so spät wird.« Doro greift in das Gemüsefach und angelt einen Salatkopf heraus.
»Och nö, keinen Salat.« Finn zieht eine Schnute. »Pizza!«
»Ja, Pizza!«, ruft auch Mira.
»Du weißt nicht, wie lange du im Museum…?«
»Es war eine Ausstellung. Eine Fotoausstellung von Gre…«
»Hast du geraucht?« Michis Nase kommt näher.
Doro drückt sich an den geöffneten Kühlschrank, zuckt mit den Schultern. »Wenn die Kinder keinen Salat wollen, rufen wir eben den Lieferdienst.« Sie legt den Salatkopf zurück. Er ist schon leicht schleimig an den Blättern. Spätestens morgen Abend müsste sie ihn entsorgen.
Michi hat einen enttäuschten Gesichtsausdruck, schluckt aber sichtbar eine Bemerkung herunter. »Sag 'mal, Schatz. Hast du es dir eigentlich überlegt?«
Jetzt schluckt Doro. »Nicht vor den Kindern.«
»Ich meine ja nur, wenn ich jetzt das neue Projekt habe und oft weg bin …«
Brauche ich ein Baby, um beschäftigt zu sein? Sie könnte auch auf eine Vollzeitstelle wechseln. Ihr Chef fragte sie erst vor Kurzem danach, jetzt, wo die Marketing-Agentur in das Asien-Geschäft einsteigt. Das wäre für sie vielleicht auch die Chance, nach Indonesien und China zu kommen.
»Lass uns später darüber reden.« Doro lässt die Kühlschranktür zufallen und greift nach dem Handy, sucht die Nummer vom Italiener. »Funghi?«
Michi setzt sich an den Küchentisch, gibt ein Geräusch von sich. Das heißt wohl »ja«.



Es gibt diese Super-Muttis, die im weißen Hosenanzug im Café neben zwei malenden Kindern an einem Cappuccino nippen, dabei elegant das Baby mit der einen Hand an der Brust halten, gerade so, dass kein bisschen Haut, sondern nur das Köpfchen mit dem flauschigen Haar zu sehen ist, während sie zwischen Ohr und Schulter das Smartphone eingeklemmt halten und Meetings vereinbaren. Ich bin keine von diesen Supper-Muttis, denkt Doro, starrt in die Dunkelheit.
Sie lauscht Michis ruhigem Atem, berührt mit der Hand seine Brust, die sich sanft hebt und senkt. Das Bett ist warm. An der Zimmerdecke summt der Ventilator.
Damals, nachdem Bernd sie verlassen hatte, suchte sie nach jemanden wie Michael. Einen Mann, der wie sie eine Familie wollte. Anders hätte sie es sich gar nicht vorstellen können. Und vermutlich hätte sie jemanden wie Michi ohne den gemeinsamen Wunsch nach einer Schar von Kindern nie geheiratet. Wenn es einen Sinn im Leben gibt, dann ist es doch derjenige, Kinder zu bekommen, sie auf das Leben vorzubereiten auf der Welt, die sie eines Tages von der Elterngeneration übernehmen würden. Dachte so nicht jede Frau? Jedenfalls irgendwann einmal im Leben?
Doros Gedanken wandern zurück zur Ausstellung, zur Frau aus Sumatra. Gregory ist ein guter Fotograf, aber ihm fehlt das Gespür für das Detail. Ein flaues Gefühl bildet sich in Doros Magen. Sie braucht einen Moment, um zu verstehen, dass es Neid ist. Gregory hat die Chance, diese Details zu finden, sie nicht. Sie ist Mutter mit einem Teilzeitjob in einer Marketing-Agentur. Ein Schauer läuft ihr den Rücken herab. Sie tastet nach dem Schalter für den Ventilator, schaltet ihn ab. Wirft einen kurzen Blick auf Michi, der sich nicht rührt. Ihm ist immer zu heiß im Sommer. Im Winter eigentlich auch.
Doro gibt einen leisen Seufzer von sich. Als sie jung war, stellte sie sich immer vor, irgendwann zusammen mit der Familie auf Safari zu gehen, ihren fiktiven Sprösslingen das Fotografieren beizubringen, mit ihnen am Mekong zu wandern oder anfangs einfach nur in den Alpen.
Letzteres versuchte sie sogar, doch das Ergebnis waren zwei quengelnde Kinder, ein Haufen Blasen und ein Sonnenstich bei Mira, der auf dem Weg zurück nach München zu einer vollgekotzten Autorückbank führte.
Und dann war er wieder da, der Gedanke, den Doro gar nicht haben wollte, für den sie sich schämte: Was ist, wenn man alles erreicht hat, um dann festzustellen, dass man nichts davon jemals wollte?



Mira steht mit der knallroten Schultüte vor der Henriette Goldschmidt-Grundschule. Mit ihren blonden Zöpfchen und dem rosafarbenen Dirndl sieht sie entzückend aus. Doro kniet auf dem Asphalt des Schulhofes, fotografiert die Tochter. Es ist wie damals in Bamberg. Aber es waren fremde Kinder und nun ist es ihre kleine Große, die den ersten Schritt in die Zukunft macht.
Miras Gesicht verzieht sich langsam. »Mama, können wir nach Hause?«
»Ja, ja, ein Foto noch. Lächle doch einmal!« Doro rutscht auf dem Boden ein Stück nach rechts. Durch die Jeans stechen Steinchen.
»Du machst dir ja die Hose schmutzig und kaputt.« Die Schwiegermutter hat mittlerweile ein genauso gelangweiltes Gesicht wie Mira, die sich zu einem letzten gekünstelten Grinsen zwingt.
Doro steht auf, klopft sich die Jeanshose ab. »Das geht schon.«
Mira, befreit von dem Modeljob, läuft auf die Oma zu und drückt ihr die Schultüte in die Hand. »Oma, Oma, gibt es jetzt Kuchen?«
»Ja, ja. Wie war denn der erste Schultag?.« Die Oma lacht, streicht Mira über den Kopf, während Doro auf der Digitalkamera die Fotos kontrolliert. Das Licht steht nicht gut. Der rote Backstein sieht bräunlich aus, beißt sich mit Miras Dirndl.
»Ich sitze neben der Laura!« Mira zieht an Doros Pullover. »Hörst du, Mama?«
Doro steckt die Kamera weg. »Neben Laura, das ist ja großartig, Schatz.« Sie nimmt die Tochter auf den Arm. Sie ist mittlerweile so groß. So viele Jahre sind vergangen, verpufft.



Die breiten Flügelfenster in der Marketing-Agentur sind geöffnet. Jetzt, wo Mira, in die Schule geht, könnte sie vielleicht doch die Vollzeitstelle annehmen. Aber Michi liegt ihr in den Ohren mit dem dritten Kind. Das hätte sie doch auch immer gewollt, eine große Familie.
Das stimmte, aber irgendetwas ist jetzt anders. Es war schon immer anders, schleicht sich ein Gedanke durch Doros Kopf. Eigentlich kannte sie die Wahrheit schon seit Finns Geburt: Muttersein ist ganz anders als ihre Vorstellung davon als junge Frau. Sie dachte immer, dass die Leidenschaft, sie ergreifen und die Liebe für ihre Kinder, beflügeln würde. Daneben keine anderen Sehnsüchte beständen. Jedenfalls nicht so überstarke, die sie immer wieder von der Familie wegdrifteten. Wenn sie noch einmal wählen könnte, sie würde nicht mehr Mutter …
»Dorothea? Dorothea aus Bamberg?«
Doro schreckt auf. Sieht in die blauen Augen ihres Gegenübers, der sich an ihrem Schreibtisch in dem luftigen Großraumbüro drückt. Sie braucht einen Moment. Betrachtet den Mann mit dem Vollbart und den wilden Locken.
Schließlich begreift sie. »Karsten! Das ist ja wirklich lange her. Wie geht es dir?«
»Hervorragend. Ich wusste gar nicht, dass du nach München gezogen bist.«
»Ja, ich habe hier geheiratet.« Doro dreht verlegen an ihrem Ehering. Hoffentlich fragt er jetzt nicht …
»Und, du machst sicherlich noch so tolle Fotos.« Karsten lacht.
Ein Stich im Magen ruft ein wenig Übelkeit hervor. Doro erinnert sich. Sie war die Fotografin auf der Silberhochzeit seiner Eltern. Kurz denkt sie an ihre letzte Fotosession mit Mira als unwilliges Model vor der Grundschule. Schüttelt den Kopf. »Nein, das ließ sich nicht mehr mit der Familie vereinbaren. Ich bin nun Assistentin von Dr. Brehm. Kümmere mich um die Termine mit den Fotografen und so weiter.«
Karsten lässt seinen Blick über die Tische des Großraumbüros streifen. »Ach, das ist aber schade. Du warst so talentiert.«
»Und du? Was machst du hier?«, versucht Doro vom Thema abzulenken. Du warst so talentiert, wiederholt sie in ihrem Kopf. Was soll das denn heißen? Ihre Hände unter dem Schreibtisch werden feucht.
»Ich habe dies und das gemacht. Ein paar Reportagen geschrieben. Habe mich dann nach der Scheidung mit meiner eigenen Pferderennsportzeitschrift ganz neu aufgestellt.«
Doro nickt. Für Pferde hatte Karsten schon immer ein Faible. Seine Augen leuchten.
Sie merkt, wie ihre wässrig werden, versucht zu lächeln. »Das klingt gut.«
»Ist es auch. Ich bin viel in England. Bei den Züchtern. Begleite Pferderennen auf der ganzen Welt.«
Er sieht wirklich zufrieden aus, stellt Doro mit Wehmut fest. »Dann hast du keine Kinder?«
»Doch, doch. Drei Stück sogar. Elf, zwölf und fünfzehn. Zwei Jungen und ein Mädchen. Die leben aber seit der Scheidung bei der Mutter. Wir haben eine lockere Vereinbarung. Ich sehe die Kinder, wann ich kann.«
»Und das funktioniert?«
»Hervorragend. Ich bin viel entspannter. Die ganze Zeit unter einem Dach, das war nichts für mich. Aber wir machen oft zusammen Urlaub. Anfangs hatten wir so eine Jedes-Zweite-Wochenende-Regelung, aber das ließ sich auf Dauer nicht mit meinem Job vereinbaren. Ella, meine Ex, ist da glücklicherweise flexibel.«
»Und deine Kinder, vermissen sie dich nicht?« Doros Knie werden etwas zittrig. Karsten scheint wirklich glücklich zu sein mit seiner Teilzeitfamilie.
»Anfangs war es schwierig. Aber irgendwann haben sie auch gemerkt, dass es besser ist, wenn die Eltern sich nicht ständig anschreien und sie kommen mit dem Neuen meiner Frau prima klar. Er hat auch zwei Kinder. Eine richtige Rasselbande.« Karsten lacht. Streicht eine Locke hinter das Ohr. »Und du?«
Doro schaut auf ihre Hände. »Ähm, zwei Kinder. Sechs und neun. Mira und Finn.«
»Ach, schön. Du bist sicher eine tolle Mutter. War nett, dich wiederzusehen. Ich muss jetzt aber, habe einen Termin mit Dr. Brehm wegen einer Werbekampagne. Vielleicht sieht man sich ja wieder.« Karsten schlägt die flache Hand auf den Großraumbürotisch, was ein dumpfes Geräusch hinterlässt. Ihr PC wackelt.
Doro nickt. »Ja, vielleicht.«
Karsten verschwindet, hinterlässt den Geruch eines teuren Afters-Shaves und, Doro könnte schwören, auch ein wenig von Heu und Pferden.



Doro steht vor dem Badezimmerspiegel, bürstet das Haar, das ihr mittlerweile struppig über die Augen hängt, am Hinterkopf kräuseln sich erste Locken.
Michi kommt rein, zieht das Unterhemd aus, um sich zu rasieren. Drängt sich neben sie an das Waschbecken. »Na, Schatz.« Er drückt ihr einen Kuss auf die Wange. »Wie wäre es heute Nacht mit uns beiden?« Er gibt ihr einen Klaps auf den Po.
Doro verstaut die Bürste wieder im Spiegelschrank der Eigentumswohnung. Sie hasst diese Schränke, erinnern sie an den Sechzigerjahremietklotz ihrer Oma. Doch Michi findet das so praktisch. Alles griffbereit für die Familie. Immerhin setzte sie sich bei den weißen Fliesen durch. Doro beißt sich auf die Lippen. »Ich muss – wir müssen reden.«
Michi starrt sie an. »Reden?«
»Ja, das mit dem Kind. Dem Baby. Ich weiß nicht ... Dr. Brehm hat mir ein Angebot gemacht. Ich soll Vollzeit arbeiten und ein Teil des Asiengeschäfts betreuen.«
Michis Augen werden größer. »Das hast du doch gar nicht nötig. Mit dem neuen Job verdiene ich mehr als genug. Da könnten wir noch zwei ...«
»Das ist es nicht«, sagt Doro. »Ich möchte das gerne machen. Ich könnte ihn sogar begleiten nach Indonesien und ...«
Michi setzt sich auf den Badewannenrand. »Du willst mit dem Brehm nach Indonesien? Wie soll ich mir ...«
»Jetzt mach da nicht so eine Nummer draus. Der Brehm ist verheiratet und gar nicht mein Typ.«
»Das hört man ja oft genug. Dass sie dann auf der Geschäftsreise ...«
»Du bist auch ständig auf Geschäftsreise.«
»Das ist doch etwas anderes.«
»Was ist anders?«
Michael schaut zur Decke. »Und überhaupt Indonesien. Wer kümmert sich denn dann um die Kinder?«
»Deine Mutter?« Doro zuckt mit den Schultern. »Mira und Finn sind doch ohnehin oft nach der Schule bei ihr und ...«
Michi schüttelt seinen Kopf, vergräbt das Gesicht kurz in den Händen, bevor er wieder aufschaut. »Wir sind neununddreißig. Wie lange sollen wir mit dem dritten Kind noch warten? Du wirst auch nicht ...«
Doro atmet tief durch. »Gerade jünger? Nein, das werde ich nicht. Deswegen will ich das jetzt versuchen. Ich möchte etwas aus meinem Leben machen, etwas Produktives tun.«
»Aber, du machst etwas Produktives. Du hast eine Familie. Wir waren uns doch einig, dass du Teilzeit arbeitest und dich um die Kleinen kümmerst.«
Doro seufzt, blickt hoch. So steht's auch im Ehevertrag. »Das reicht mir aber nicht. Ich dachte, du würdest das verstehen. Du entwickelst dich doch auch weiter mit dem neuen Job. Das ist ja auch prima, aber ich will auch etwas für mich.« Und ganz sicher kein Jodeldiplom. Doro reibt die Handflächen aneinander. Sie sind nass.
»Du hast doch Finn und Mira und ist das neue Kind erst einmal da ... Und irgendwann sind sie alt genug, dann können wir einmal zusammen nach Indonesien.«
»Einmal zusammen nach Indonesien.« Doro lacht verbittert. »Du verstehst nicht, was ich meine.«
Michael steht auf. Schaut aus dem Badezimmerfenster in den Vorgarten. »Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich dachte immer, es wäre alles in Ordnung.«
»Irgendwie war es das auch. Aber manchmal – manchmal sind mir sogar Finn und Mira zu viel. Ich glaube, ich will kein drittes Kind.«
Michael dreht sich abrupt um. »Was heißt, sie sind dir zu viel?«
»Sie sind – beanspruchend. Mir bleibt kaum Zeit für mich. Und ich frage mich, wann die Zeit kommt, an der ich wieder frei bin, etwas aus meinem Leben zu machen.«
»Etwas aus deinem Leben zu machen?«
Doro nickt.
»Ist das jetzt deine Midlife-Crisis?«



»Haben Sie es sich überlegt?« Dr. Brehm sitzt hinter dem großen Glasschreibtisch, wie immer schaut er in seinen Computer, während er mit seinen Angestellten spricht.
»Ich habe mit meinem Mann geredet.« Doro sieht an dem Chef vorbei aus dem Fenster. »Wir sind uns noch nicht sicher, wegen der Kinder.«
»So klein sind die doch gar nicht mehr.« Der groß gewachsene Mann kratzt sich die Halbglatze. Tippt etwas in den PC.
»Sechs und neun.«
»Kann die Oma nicht aufpassen? Und es wäre ja nur ein- oder zweimal im Jahr, dass wir tatsächlich nach Asien müssten. Und auch nur für wenige Tage. Wird ein voller Terminkalender.« Dr. Brehm gibt ein heiseres Lachen von sich.
Voller Terminkalender, wann soll ich dann ...
Mit einem Schlag wird es Doro klar: Sie will nicht diesen Job. Sie will ...
Doro steht auf. »Bitte geben Sir mir noch eine Woche. Ich muss noch einmal mit meinem Mann sprechen.«
Und mit Ihnen.



In der Nacht träumt Doro von der Frau aus Sumatra. Wie sie auf einem Feld vor ihr hergeht, sich zu ihr umdreht. »Du hättest so viel mehr aus mir machen können.«
»Ja, aber ich habe keine gute Kamera.«
»Du bist Fotografin.«
Die alte Frau lacht laut, bis Doro aufwacht. Schweißperlen laufen über ihr Gesicht.

Doro starrt ins Leere. Denkt an Karsten und seine Pferdezeitschrift. Was Karsten kann, das kann sie auch. Sich selbstständig machen, fotografieren, reisen. Ihrer Leidenschaft nachgehen und den Kindern geht es gut bei Michi und der Oma, die sogar eine viel bessere Mutter ist. Besorgt, interessiert, nicht ständig mit den Gedanken bei etwas anderem.
Michi regt sich neben ihr. »Guten Morgen, Schatz. Schon wach?«
Doro richtet sich auf. »Du hast recht.«
Michi schaut sie irritiert an. »Womit?«
»Es ist wirklich die Midlife-Crisis.«
»Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, Schatz. Wollen wir jetzt doch das dritte Kind?« Michi zwinkert ihr zu und greift sich symbolisch an dem Saum seiner Unterhose.
Doro sieht ihn an. »Nein, ich will die Scheidung.«



Es ist still am Frühstückstisch. Selbst Mira und Finn sind leise, beißen brav in ihre Schokoladencremeschnitten. Fast so, als würden sie die Spannung in der Luft spüren.
»Möchtet ihr nicht spielen gehen?« Doro räumt das Geschirr ab.
Finn nickt, nimmt die Schwester an die eine Hand und das restliche Brot in die andere. Sein Mund ist total verschmiert. Für einen Moment muss Doro lächeln.
»Mag nicht mehr«, sagt Mira und wirft das angebissene Brot zurück auf den Teller.
»Schon gut.« Doro nimmt den Teller und leert ihn über den Biomülleimer.
Mira sieht die Mutter mit großen Augen an.
»Geht ruhig«, sagt Michi, zieht Mira zärtlich am Zopf. Die Kinder verschwinden in den Garten, werfen sich in das abgefallene Laub.
»Ich verstehe nicht ...« Michis Blick ist versteinert, furchig wie der der alten Frau aus Sumatra.
»Glaub mir.« Doro setzt sich ihm gegenüber. »Ich mache mir das nicht leicht.«
»Warum machst du das überhaupt?« Verzweiflung klingt aus seiner Stimme. Die blauen Augen wirken glasig.
»Weil ich nicht glücklich bin.« Doro schaut auf die Hände. Ein weißer Streifen am rechten Ringfinger markiert die Stelle, an der sie im Sommer den Ehering trug.
»Weil du nicht glücklich bist mit was? Mit mir? Gibt es einen ander...«
»Nein. Ich. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.« Doro streicht sich das Haar aus dem Gesicht. »Ich saß beim Brehm im Büro und er fragte nach wegen der Vollzeitstelle. Und dann dachte ich an Karsten und ...«
»Karsten?« Schweißtropfen bilden sich auf Michis Stirn. Er sucht nach seinem Gleichgewicht. Er ist nicht der Typ, der aus der Haut fährt. Er möchte immer alles unter Kontrolle halten. In Ordnung.
»Ja, den kenne ich aus Bamberg«, fährt Doro fort. »Der stand plötzlich vor mir im Büro. Er hat jetzt eine eigene Zeitschrift und ...«
»Ich verstehe nicht ... Läuft was mit diesem Karsten?« Jetzt wird Michis Stimme doch lauter.
»Nein, nein.« Doro steht auf, lehnt sich an die Wand, verschränkt ihre Arme. »Es ist nur, mir wurde auf einmal klar, dass ich diese Vollzeitstelle vom Brehm gar nicht will, sondern ich will etwas machen wie Karsten. Etwas, wofür ich glühe. Etwas mit Leidenschaft.«
»Leidenschaft?« Michi gibt ein glucksendes Geräusch ab. »Bin ich dir nicht mehr Leidenschaft genug?« Sein Gesicht wird rot. Unter dem Küchentisch tritt er abwechselnd mit den Füßen auf den Marmorboden. Rückt den Stuhl zurecht, sodass es beständig quietscht.
Doro atmet tief durch. »Nein. Und ich weiß nicht, ob das jemals der Fall war. Was ist, wenn wir alles erreicht haben, um dann festzustellen, dass wir nichts davon jemals wollten?«
»Was meinst du damit?«
Doro überlegt, wie sie Michi erklären soll, was sie selbst erst gerade begreift: Sie will keine Teilzeitjobberin sein, sondern eine Teilzeitmutter. Mit selbstsicherer Stimme sagt sie schließlich: »Ich dachte immer, dass mich das glücklich machen würde. Heiraten, die Kinder, eine eigene Wohnung mit Garten, der Job in der Marketingagentur ... ich habe aber nicht gemerkt, dass ich schon längst gefunden habe, was mich glücklich macht.«
»Und was soll das sein?«
»Das Fotografieren.«



Die langen Locken kleben verschwitzt an Doros Schultern, als sie im Gunung Leuser, einem der größten Nationalparks Indonesiens, im Gebüsch sitzt. Vor ein Haufen Steine, der in der tropischen Hitze vor den Augen zu vibrieren scheint. Die Anspannung lässt sie zittern. Sie traut sich kaum zu atmen. Und dann – kommt er.
Mit geschickten Klimmzügen angelt sich der rotbraune Orang-Utan auf einen der Steine. Ein weiterer folgt, setzt sich zu ihm, laust ihm das Fell.
Klick, klick, klick.
Ihr Herz schlägt schneller. Weitere Affen kommen aus dem Gebüsch gegenüber hervor. Doro strahlt und mit einem Male ist ihre Aufregung verschwunden.
Klick, klick, klick.
Die heiße Luft riecht nach Sand, den roten Kelchblüten neben ihr, die in die Luft ragen, sich ihren Weg durch das dichte Grün suchen.
Die Affen auf dem Felsen sind kräftig, fröhlich. Springen auf den Steinen. Unabhängig. Frei.

Am Abend sitzt sie in einem der für Touristen hergerichteten Häuser des Nationalparks. Es ist angenehm kühl und duftet nach Stroh. Eine SMS erreicht ihr Handy. Mira. Sie ist mittlerweile zehn und geht auf das Gymnasium. Eine richtige Streberin ist sie.
»Wie ist es in Indonesien?«, schreibt sie.
Doro lächelt. »Endlich Orang-Utans fotografiert! Nach sechs Wochen auf der Lauer!«, schreibt sie zurück und hängt das Foto einer Orang-Utan-Dame mit ihrem Kleinen auf dem Rücken an.
Bereits im Kongo konnte sie in den letzten Jahren Schimpansen und Gorillas fotografieren. Als sie nach Sumatra umzog, dachte sie, sie würde die rotbraunen Vetter und Cousinen ebenfalls schnell vor die Kamera kriegen. Aber die Orang-Utans zogen ihr einen Strich durch die Rechnung. Doro lacht. Es ist ein guter Tag, vielleicht der beste in ihrem Leben.
Sie legt das Handy weg, denkt kurz zurück an die Zeit in Deutschland. An die kalten und verregneten Sommer, die stickigen Münchner U-Bahnen und die teure Eigentumswohnung, die Michael nun mit seiner neuen Frau bewohnt. Zwillinge bekamen sie vor zwei Jahren. Zwei Jungs.
Bald würde Finn sie besuchen kommen, hier auf Sumatra.

Das Smartphone bimmelt und vibriert auf dem Tisch, wandert ein Stück zur Kante.
Auf dem Display erscheint: »Süüüüüüüß!!!!!!!«

 
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Jetzt habe ich so viel umgeschrieben, neu geschrieben, gelöscht, reaktiviert ... jetzt musste ich sie posten, um nicht noch irre zu werden. :silly:
Ich vermute aber, dass ich vor nächstes Wochenende nicht sinnvoll auf die Kommentare eingehen kann. Ich gebe mir Mühe, aber gerade viel um die Ohren. :aua:

 
Wortkrieger-Team
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Mahlzeit,

na, bei dem Michi hätte ich aber auch das Weite gesucht (unabhängig von der eigenen Situation). Aber erst mal ...

wie die fünf von Gehege
die Fünf
Doro blinzelt in das Licht, als sie die Pasinger Fabrik verlässt
Da es zuvor schon zwei Mal das mit der ... gab, würde ich schreiben: ... als sie die Ausstellung verlässt.
Sie vergaß die Zeit
Sie kommt raus und vergaß die Zeit? Das wär schlecht. Ne, sie hat sie ja drin vergessen, also "sie hatte (ganz) die Zeit vergessen." Oder: "Über all die Gedanken, Zweifel und Fotos hatte sie ganz ..."
Ein wenig rot läuft sie an, so einfach zu fragen
Das liest sich auch ein wenig wie ein alter Feldweg. "Einfach so zu fragen, lässt sie erröten." Oder so ...
Trotz-Wut-Anfälle
Als Papa kann ich sagen, Trotz-Anfälle reicht. Da ist die Wut schon eingebaut.
Sag einmal, hast du geraucht
Sag einmal ... das klingt nach Thomas Mann. Sag mal, ...
Sag einmal, Schatz. Hast du es dir eigentlich überlegt?
dito
Eigentlich kannte sie sie schon seit Finns Geburt: Die Wahrheit. Dass sie sich Muttersein ganz anders vorstellte. Sie immer dachte, dass die Leidenschaft sie ergreifen würde, die Liebe, die sie für ihre Kinder spürte, sie beflügeln würde. Daneben keine anderen Sehnsüchte beständen. Jedenfalls nicht so überstarke. Wenn sie noch einmal wählen könnte, sie würde nicht mehr Mutter …
Hier haben wir einen inflationären Zustand ...
So steht sogar im Ehevertrag
es ... wobei 'sogar' nicht mein Freund ist. "es auch" wäre mein Favorit.
Und ganz sicher kein Jodeldiplom
:confused:
Es ist eine guter Tag,
Si, Senior ...

Hm, es geht ja um Frauen, die es bereuen, Mütter geworden zu sein (Thema aus Zoom). Aber hier geht es ja - finde ich - um einiges mehr. Ich denke, dass man es durchaus unterteilen könnte, als Thema. Denn sie hat ja nicht erst seit sie Mutter ist diesen unterdrückten Drang danach, ihr Talent zu entwickeln, hat dieses aber allgemein Partner, Job, Haus etc. untergeordnet. Nicht speziell der Mutterschaft. Ansonsten hätte es ja genügt, mit dem Boss nach Indonesien zu gehen, also in der Firma zu bleiben. Dann wäre sie die Kinder/Mann ja losgewesen. Von daher ist aus meiner Sicht MEHR im Thema, als tatsächlich nötig wäre. Bei "regretting motherhood" hätte ich mir jetzt vorgestellt, dass NACH der Geburt von einem oder mehreren erst das Bereuen kommt. Hier bereut sie aber alles. Mann, Job, Hütte, den ganzen Weg. Und es ist klar, dass sie sich vorher was vorgemacht hat. Wenn dieser Michi frisch im Kopf wäre, hätte er gesagt: Null Problemo, dann wandere mal durch die Welt. Nimm dir eine Familienauszeit solange du willst. Freiheit und Selbstentwicklung geht auch durchaus innerhalb eines solchen Konstruktes.

Ich kann das Thema nachvollziehen, verstehen, so weit alles okay, aber in deinem Text habe ich für mich noch nicht den richtigen Anschluss gefunden. Das liegt am Anfang des Textes durchaus auch an der Sicht auf die Kinder und die Behandlung der Kinder. Da sieht man schon deutlich die emotionale Distanz. Aber man sieht sie nicht wachsen und die Erklärung danach kann das nicht aufwiegen.

Hm ... mal sehen, was du dazu sagst.

Griasle
Morphin

 
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Hallo @Morphin ,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Das Sprachliche bearbeite ich etwas später (kriegst also noch ein zweites Feedback), da ich heute etwas zu müde zum Umformulieren bin.

Zu dem Inhaltlichen meine folgenden Überlegungen:

Hm, es geht ja um Frauen, die es bereuen, Mütter geworden zu sein (Thema aus Zoom). Aber hier geht es ja - finde ich - um einiges mehr.
Bei der “Kreis mit Kreuz”-Serie geht es erst einmal um Frauen, die sich aus ihren Beziehungen befreien. Jede Frau hat einen anderen Grund. Insoweit ist das “Regretting Motherhood”-Thema hier in eine Trennungsgeschichte eingebettet. Insofern hast Du recht, dass es bei Doro eigentlich ein “Regretting Family” ist.
Denn sie hat ja nicht erst seit sie Mutter ist diesen unterdrückten Drang danach, ihr Talent zu entwickeln, hat dieses aber allgemein Partner, Job, Haus etc. untergeordnet. Nicht speziell der Mutterschaft.

Hier muss ich noch einmal überlegen, ob ich das noch deutlicher rüberbringe. Partner, Job und Haus waren Mittel zum Zweck zur Mutterschaft. Sie hat einen Partner gesucht, um Mutter zu werden. Haus und Teilzeitjob passten zum Muttersein bzw. waren eine Begleiterscheinung (so jedenfalls meine Intention). Doro hasst ihren Job oder das Haus auch nicht, sie hasst auch nicht ihre Kinder oder den Mann. Das sagt sie auch an keiner Stelle. Sie ist aber auch nicht glücklich.

Bei "regretting motherhood" hätte ich mir jetzt vorgestellt, dass NACH der Geburt von einem oder mehreren erst das Bereuen kommt.

So eine Geschichte ließe sich auch schreiben, aber ich habe mich orientiert an der Regretting Motherhood-Diskussion vor einigen Jahren. Es ging dabei schwerpunktmäßig um Frauen, denen es gut ging (also keine Erschwernisse hatten wie kein KiTa-Platz, keine Kinderbetreuung, kranke oder drogensüchtige Kinder), die aber trotzdem für sich meinten, sich nicht noch einmal für Kinder zu entscheiden. Und zwar nicht mangels Liebe für die Kinder, sondern weil ihnen die Mutterrolle nicht liegt/nicht gefällt.

Ich weiß nicht, ob man direkt nach der Geburt schon sagen kann, dass einem die Mutterrolle nicht liegt. So ein Neugeborenes ist ja irgendwie immer überfordernd und dann gibt es auch Themen wie Schwangerschaftsdepression oder beanspruchende Schreibabies. Darüber ließen sich natürlich auch Geschichten schreiben.

Mir war aber wichtig, dass Doro schon einige Jahre mit den Kindern verbracht hat und natürlich mit ihrem Mann. Dass sie sich auf der einen Seite bemühte, irgendwie auch zufrieden ist, aber eben nicht richtig glücklich.

Ich habe heute noch einen Artikel gelesen zum Thema, in dem stand, dass sich alles ändern lässt: Frau kann sich scheiden lassen und den Mann nie wieder sehen, man kann auch noch im hohen Alter ein neues Studium oder eine neue Ausbildung beginnen, also etwas Neues anfangen. Kinder sind aber eine Entscheidung, bei der es nicht so einfach einen Neustart gibt, wenn man merkt, das Mutter- oder Vatersein liegt einem doch nicht so.

Ich wollte hier Doro eine Lösung für dieses Problem finden lassen. Deswegen trifft sie Karsten, den Teilzeitpapa und sie sieht darin ein Modell, eine neue Form von Mutterrolle zu leben, da sie eben nicht so einfach überhaupt nicht mehr Mutter sein kann und, da sie die konkreten Kinder auch liebt, aber eben nicht die klassische Mutterrolle.
Ihre Distanziertheit sollte auch eigentlich eher ein Zeichen dafür sein, dass sie nicht in die Mutterrolle findet (ich weiß nicht, ob das gut gelungen ist und bin hier sehr gespannt auf die Diskussion) und nicht dafür, dass sie die Kinder von sich stoßen will oder diese gar hasst.

Und zum letzten Punkt: Die Serie erfordert die Trennung vom Mann. Deshalb habe ich auch den unüberwindbaren Konflikt zwischen den beiden aufgebaut: Sie will durch die Welt reisen (würde das auch mit der Familie tun), aber ihre Kinder sind noch nicht so weit und ihr Mann will noch mehr Kinder. Ein Warten auf sie kommt daher für ihn nicht in Betracht. Doro ist ja in der Schlussszene bereits seit fünf Jahren in Afrika und Indonesien. Also zwischenzeitig 44. Dass er nicht auf sie wartet und nicht seinen Wunsch nach einer Großfamilie aufgibt, würde ich ihm nicht vorwerfen wollen (kommt es so rüber?).

Ich habe die Geschichte ziemlich hin- und hergeschüttelt. Meine erste Doro war eine total gestresste Mutter mit abgeknabberten Nägeln, kettenrauchend und mit vollgekotzten Shirts. Das gefiel mir aber nicht, weil ihr dann vielleicht bereits “Entlastung“ gereicht hätte.
Die zweite Doro war viel distanzierter zu den Kindern und hat am Ende einen totalen Bruch gemacht, ist also bei Nacht und Nebel verschwunden. Gefiel mir aber auch nicht, weil Doro eben ihre Kinder nicht hassen sollte.

Dass mir diese Version schon perfekt gelungen ist, bezweifle ich stark. Deswegen bin ich aber sehr gespannt, wie Doro ankommt und welchen Eindruck sie hinterlässt.
Danke schon einmal für Deinen Input. Sobald ich den Text korrigiert habe, melde ich mich noch einmal.

Liebe Grüße
Mae

 
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Liebe @Maedy

ich hab mich ziemlich schwer getan mit der Geschichte. Im Vergleich zum Teil I, der mir gut gefallen hat, bin ich mit den Protagonisten nicht wirklich warm geworden. Ich hab beim Lesen auch das Gefühl, dass Du die Geschichte nicht mit so ner Begeisterung geschrieben hast wie die erste. Kann das sein? Irgendwie war vieles nicht rund, hat mich immer wieder aus dem Fluss gerissen. Dann hab ich mich gefragt, ob Doro sympathisch sein soll. Ich bin da hin und hergerissen. Im Verlauf der Geschichte und vor allem am Ende bringst Du die Leidenschaft für Fotografie zur Sprache.
Die könnte ich mir super in der Einstiegsszene vorstellen. Dort kommt das nicht so rüber. Sie ist halt auf ner Austellung, gönnt sich mal was und als ich Winkel und Zoom lese, merke ich, sie hat ne Ahnung vom Fotografieren, aber ich fänds klasse, wenn da während der Ausstellung schon ihre Liebe zur Fotografie und auch die Sehnsucht rüberkämen, dann hätte ich sofort ne viel tiefere Bindung zu ihr.

Hier meine detaillierten Leseeindrücke:

Was ist, wenn wir alles erreicht haben,
um dann festzustellen,
dass wir nichts davon jemals wollten?

Der philosophische Einstieg hat mir gut gefallen. Eine sehr interessante Frage. Hat mich gleich neugierig gemacht.

Schwarz-Weiß-Fotografien hängen in symmetrischen Abständen an den weiß getünchten Wänden der Pasinger Fabrik. Glänzen im Licht der Deckenstrahler in Lebensgröße.

Das liest sich holprig. Bei mir entsteht da kein richtiges Bild im Kopf. "Glänzen im Licht der Deckenstrahler in Lebensgröße" - was meinst Du damit? Kann mir nicht wirklich was drunter vorstellen.

Michi ist mit Finn, Mira und seinen Eltern im Zoo. Ohne dort zu sein, sieht Doro, wie die fünf von Gehege zu Gehege gehen. Hört, wie die Schwiegermutter über sie lästert. Wie eine solche Ausstellung wichtiger sein kann als ein Nachmittag mit der Familie. Michi sich einmal durchsetzen müsste.

Hier werden erstmal ne Menge Personen eingeführt, bevor ich mir die Prota selbst richtig vorstellen kann. Das fand ich etwas verwirrend und hab dann ein bisschen Zeit gebraucht, um zu verstehen, wer wer ist.

Insgesamt liest sich diese Stelle auch ein wenig holprig.

Vorschlag: Doro kann sie bildlich vor sich sehen, wie die fünf von Gehege zu Gehege schlendern. Hört, wie die Schwiegermutter über sie lästert: wie kann so eine Ausstellung wichtiger sein als ein Nachmittag mit der Familie und dass Michi sich mal durchsetzen müsste.

In ihrer Handtasche nestelt Doro nach den Dulcolax. Immer nur diese Vorwürfe. Dabei kann sie es kaum fassen, dass sie es tatsächlich noch am letzten Ausstellungstag hierher schaffte.

"nur" würde ich streichen
... geschafft hat würde sich flüssiger lesen.

Die Schuhsohlen quietschen hörbar, so abrupt bleibt sie stehen.

Vorschlag: Sie bleibt so abrupt stehen, dass die Schuhsohlen hörbar quietschen.

Sie nimmt den Duft der Pasinger Fabrik, eine Mischung aus Putzmittel und Entwickler, wahr.

Klingt holprig.

Vorschlag: Sie nimmt den Duft der Pasinger Fabrik wahr: eine Mischung aus Putzmittel und Entwickler.

Tiefe Furchen zeichnen das Gesicht. Doch da ist etwas, das Doro stört. Sie beißt sich auf die Lippe. Es ist der Winkel.

Doch würde ich streichen

Wie jemand, der viel erlebte, aber trotzdem über dem Leben steht. Aber auf diesem Foto wirkt sie einfach nur alt, dominiert von den Falten, die sie nicht einmal müde erscheinen lassen, sondern auf irritierende Weise versteinert.

Könnte man ein wenig flüssiger gestalten.

Vorschlag: Wie jemand, der viel erlebt hat, aber trotzdem über dem Leben steht. Auf diesem Foto wirkt sie einfach nur alt. Dominiert von den Falten, die sie nicht nur müde erscheinen lassen, sondern auf irritierende Weise versteinert.

Doro blinzelt in das Licht, als sie die Pasinger Fabrik verlässt. Sie vergaß die Zeit. Michi und die Kinder werden sicher schon wieder zu Hause sein. Sie sollte –

Sie hat die Zeit vergessen.

Diese Frau ist eindeutig eine von diesen Super-Muttis, denkt Doro. Beobachtet, wie die Tischnachbarin es schafft, einen dunkelgrünen Smoothie zu trinken, ohne das Smartphone am Ohr oder das Baby an ihrer Brust fallen zu lassen, geschweige denn einen Flecken auf den weißen Hosenanzug zu produzieren. Wer auch immer Smoothies erfand, er tat es für diese Sorte von Frau.

Ich würde erst die Szene schreiben und dann den Gedanken nachfügen. Den letzten Satz würde ich streichen.

Doro beobachtet fasziniert, wie ihre Tischnachbarin es schafft, einen dunkelgrünen Smoothie zu trinken, ohne das Smartphone am Ohr oder das Baby an ihrer Brust fallen zu lassen, geschweige denn einen Flecken auf dem weißen Hosenanzug zu produzieren. Diese Frau ist eindeutig eine von diesen Super-Muttis, denkt Doro.

Sie sollte viel öfters eine Auszeit von ihrer Familie nehmen. Einfach etwas tun, das ihr gefällt. Gedankenversunken streift sie den Ehering ab, lässt ihn in die Handtasche fallen. All die Dinge, die Michi hasst und für die Mira und Finn zu ungeduldig sind.

Diese Gedankengänge kann ich sehr gut nachvollziehen. Da stimme ich ihr zu. Auch eine verheiratete Frau, die Kinder hat sollte sich Zeit für sich nehmen. Sich nicht selbst aufgeben, auch für sich sorgen. Da war ich ganz bei Doro. Zum Glück kenne ich viele Mütter, die trotz Kinder und Familie auch ein eigenes Ich haben, Hobbys, eigene Freunde. Aber ich kenne auch die, die sich komplett aufgeben.

Den Ehering verschwinden zu lassen fand ich bisschen too much, aber hat mich auch neugierig gemacht, was sie vorhat. Hab erstmal gedacht, sie ist auf der Suche nach einer Affäre :D

Doro dreht sich um und lächelt den Herren an, der mit der Gaulois im Mund mit seinem Smartphone spielt, ihr die Erinnerung an das Meer und die erste große Liebe in den Kopf blies.

Herrn
Gauloises

muss es nicht bläst heißen? Der Rest ist im Präsens.

»Entschuldigung, hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?« Ein wenig rot läuft sie an, so einfach zu fragen.

Klingt holprig.
Vorschlag: Sie spürt, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Ein wenig unverschämt, einfach so zu fragen / oder: fühlt sich wie eine Schnorrerin.

Der Herr schaut hoch, reicht ihr wortlos die blaue Schachtel. Doro zieht eine Gaulois heraus, riecht bereits jetzt den frischen Tabak.
Der Fremde reicht ihr Feuer und Doro bedankt sich mit einem Nicken.

Doppelung und holprig.
Vorschlag: Der Herr schaut hoch, reicht ihr wortlos die blaue Schachtel. Doro zieht eine Gauloises heraus, riecht den frischen Tabak. "Feuer?", fragt sie und nimmt das Feuerzeug von dem Fremden entgegen, bedankt sich mit einem Nicken.

Der Prosecco sprudelt im Glas, wirft Bläschen.

Ist für mich redundand.

Das tat sie schon lange nicht mehr, einfach ausgehen, alleine. Aber sie müsste ... Doro hält inne. Sie muss nichts. Sie würde in Ruhe den Prosecco trinken, die Zigarette rauchen ...
Die Kellnerin verschwindet. Sie ist noch jung. Schätzungsweise Mitte zwanzig. Als Doro so alt war, hatte gerade Bernd mit ihr Schluss gemacht.

Das hat sie schon lange nicht mehr getan ...
Als Doro so alt war, hatte Bernd gerade mit ihr Schluss gemacht

Ich kann mir vorstellen, dass sie das genießt. Hab mich auch gefragt, warum sie das schon so lange nicht mehr gemacht hat. Anscheinend sind die Kinder nach der Schule öfters bei Oma. Hatte sie ein schlechtes Gewissen? Anderes zu tun? Mitleid hab ich nicht mit ihr. Ich finde, sie hätte einfach früher schon mal für sich einstehen sollen.

Doch dann lernte Bernd Amelie kennen. Ein französisches Model. Bei einem der Fotoshootings. Es war Liebe auf den ersten Blick. So jedenfalls verkaufte ihr Bernd es bei der Trennung. Und das Schlimme war, sie sah es, das Glühen in seinen Augen jedes Mal, wenn er Amelie sagte.

Das tut weh. Da fühle ich mit.

Doro nimmt einen tiefen Zug der Gaulois, anschließend einen Schluck vom Prosecco. Atmet das Sprudeln ein.

Gauloises

Sie wollte immer reisen und fotografieren. Aber sie wollte auch immer eine Familie, als sei es der natürlichste Wunsch einer Frau.

An sich finde ich beide Wünsche total legitim. Und lassen sich doch sicherlich irgendwie miteinander vereinbaren. Vielleicht nicht gerade, wenn die Kinder ganz klein sind, aber später. Man muss vielleicht nicht grad ne halbe Weltreise machen. Aber es gibt auch interessante Länder mit tollen Fotomotiven in der Nähe.

Sie richtet sich die Frisur, die sie nach Finns Geburt zu- und nicht mehr ablegte.

Das hab ich nicht verstanden. Was willst du damit sagen?

Drückt so fest zu, dass Doro fast die Luft wegbleibt. »Hab dich lieb, Mama!«
»Lass los, Finn!« Doro japst.

Hier tut mir Finn leid, weil er so ignoriert wird von der Mama. Da hat sie von mir Minuspunkte bekommen.

nttäuschtes Grummeln kommt aus der Küche. »Bist du nicht am Bahnhof vorbeigekommen?«
»Mama, Mama!« Mira kreuzt die Ärmchen. »Wann gibt es endlich was zum Essen?«
Finn klammert sich an einem ihrer Beine fest, lässt sich hängen.
Doro atmet tief durch, nimmt Finn an die Hand und geht mit ihm in die Küche. Mira rennt an ihnen vorbei.

Hier bedienst Du ein bisschen Klischees. Die Frau, die immer für alles sorgen soll, die Einkäufe erledigen, sich ums Essen kümmern. Kann schon verstehen, dass Doro da genervt ist.

»Ich wusste ja nicht, dass es so lange wird.« Doro greift in das Gemüsefach und angelt einen Salatkopf heraus.

Vorschlag: "Ich wusste ja nicht, dass es so spät wird / dass ich so lange unterwegs bin."

Hier tut Doro mir leid. Hätte ihr da mehr Zuspruch gewünscht.

Sag einmal, hast du geraucht?« Michis Nase kommt näher. Doro drückt sich an den geöffneten Kühlschrank, zuckt mit den Schultern. »Wenn die Kinder keinen Salat wollen, rufen wir eben den Lieferdienst.« Sie legt den Salatkopf zurück. Er ist schon leicht schleimig an den Blättern. Spätestens morgen Abend müsste sie ihn entsorgen.

Hier finde ich Michi richtig doof. Also durchgängig in der Geschichte hat er von mir kaum Sympathiepunkte bekommen. Ihn bringst Du richtig gut rüber, denn ich denke, er soll auch nicht sympathisch sein, oder?

Michi hat einen enttäuschten Gesichtsausdruck, schluckt aber sichtbar eine Bemerkung herunter. »Sag einmal, Schatz. Hast du es dir eigentlich überlegt?«

Sag mal

Ihr Chef fragte sie erst vor Kurzem danach, jetzt, wo die Marketing-Agentur in das Asien-Geschäft einsteigt. Das wäre für sie vielleicht auch die Chance, nach Indonesien und China zu kommen.

Ihr Chef hat sie erst vor Kurzem danach gefragt

Damals, als Bernd sie verließ, suchte sie nach jemanden wie Michael. Einen Mann, der wie sie eine Familie wollte. Anders hätte sie es sich gar nicht vorstellen können. Wenn es einen Sinn im Leben gibt, dann ist es doch derjenige, Kinder zu bekommen, sie auf das Leben vorzubereiten auf der Welt, die sie eines Tages von der Elterngeneration übernehmen würden. Dachte so nicht jede Frau? Jedenfalls irgendwann einmal im Leben?

Flüssiger würde klingen: Damals, als Bernd sie verlassen hat, war sie auf der Suche nach jemandem wie Michael.

Ich kann Doros Gedanken verstehen. Und ich denke auch, dass jede Frau sich im Laufe ihres Lebens Gedanken um die Kinderfrage macht.

Gregory ist ein guter Fotograf, aber ihm fehlt das Gespür für das Detail.

für Details

Doro kniet auf dem Asphalt des Schulhofes, fotografiert die Tochter. Es ist wie damals in Bamberg. Aber es waren fremde Kinder und nun ist es ihre kleine Große, die den ersten Schritt in die Zukunft macht.

die Tochter - das klingt so lieblos. Ist das beabsichtigt?
Sonst würde ich eher ihre Tochter schreiben.

»Ja, ja, ein Foto noch. Lächele doch noch einmal!« Doro rutscht auf dem Boden ein Stück nach rechts. Durch die Jeans stechen Steinchen.

Lächle

Mira, befreit von dem Modeljob, läuft auf die Oma zu und drückt dieser die Schultüte in die Hand.

ihr

igentlich kannte sie sie schon seit Finns Geburt: Die Wahrheit. Dass sie sich Muttersein ganz anders vorstellte. Sie immer dachte, dass die Leidenschaft sie ergreifen würde, die Liebe, die sie für ihre Kinder spürte, sie beflügeln würde. Daneben keine anderen Sehnsüchte beständen. Jedenfalls nicht so überstarke. Wenn sie noch einmal wählen könnte, sie würde nicht mehr Mutter …

Uff. Hier bin ich echt hin und hergerissen. Ich kann irgendwie nachvollziehen, dass sich das Muttersein anders entpuppt in der Phantasie, aber die Aussage, sie würde es praktisch nicht noch einmal machen. Die ist heftig. Hoffentlich hören die Kinder das nie.

Michi kommt rein, zieht das Unterhemd aus, um sich zu rasieren. Drängt sich neben sie an das Waschbecken. »Na, Schatz.« Er drückt ihr einen Kuss auf die Wange. »Wie wäre es heute Nacht mit uns beiden?« Er gibt ihr einen Klaps auf den Po.
Doro verstaut die Bürste wieder im Spiegelschrank der Eigentumswohnung. Sie hasst diese Schränke, erinnern sie an den Sechzigerjahremietklotz ihrer Oma. Doch Michi findet das so praktisch. Alles griffbereit für die Familie. Immerhin setzte sie sich bei den weißen Fliesen durch. Doro beißt sich auf die Lippen. »Ich muss – wir müssen reden.«

Die Szene find ich bezeichnend und da musste ich grinsen.
Er - wie er sich an sie ranmacht und auf eine Nummer hofft - und sie, mit Gedanken bei den Schränken :D

Hier finde ich es gut, dass sie ihn anspricht, sagt, dass sie reden will.

Doro seufzt, blickt hoch. So steht sogar im Ehevertrag

Nee oder? Im Ehevertrag? Ernsthaft?

»Das reicht mir aber nicht. Ich dachte, du würdest das verstehen. Du entwickelst dich doch auch weiter mit dem neuen Job. Das ist ja auch prima, aber ich will auch etwas für mich.« Und ganz sicher kein Jodeldiplom. Doro reibt die Handflächen aneinander. Sie sind feucht.

Ich finds mega mutig, dass sie sich ihm gegenüber öffnet, ihm mitteilt, was in ihr vorgeht. Hut ab!

»Einmal zusammen nach Indonesien.« Doro lacht verbittert. »Du verstehst nicht, was ich meine.«
Michael steht auf. Schaut aus dem Badezimmerfenster in den Vorgarten. »Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich dachte immer, es wäre alles in Ordnung.«
»Irgendwie war es das auch. Aber manchmal – manchmal sind mir sogar Finn und Mira zu viel. Ich glaube, ich will kein drittes Kind.«

Und er so gar nicht verständnisvoll. Ich finds schade, dass er nicht mitgeht, sie unterstützt, ihr Zuspruch gibt.

»Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, Schatz. Wollen wir jetzt doch das dritte Kind?« Michi zwinkert ihr zu und greift sich symbolisch an dem Saum seiner Unterhose.
Doro sieht ihn an. »Nein, ich will die Scheidung.«

Heftige Szene!
Um Michi tuts mir gar nicht leid, nur um die Kinder.

Glaube mir.« Doro setzt sich ihm gegenüber. »Ich mache mir das nicht leicht.«

Glaub mir

»Nein. Ich. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.« Doro streicht sich das Haar aus dem Gesicht. »Ich saß beim Brehm im Büro und er fragte nach wegen der Vollzeitstelle. Und dann dachte ich an Karsten und ...«
»Karsten?« Schweißtropfen bilden sich auf Michis Stirn. Er sucht nach seinem Gleichgewicht. Er ist nicht der Typ, der aus der Haut fährt. Er möchte immer alles unter Kontrolle halten. In Ordnung.
»Ja, den kenne ich aus Bamberg«, fährt Doro fort. »Der stand plötzlich vor mir im Büro. Er hat jetzt eine eigene Zeitschrift und ...«

Hier kann ich Michis Reaktion nachvollziehen. Er hört erstmal nen Männernamen, klar, dass er dann denkt, sie hat nen anderen.
Alles in allem schimmert er aber immer wieder als sehr eifersüchtiger Typ rüber. Ich würde den auch nicht als Mann haben wollen.

»Leidenschaft?« Michi gibt ein glucksendes Geräusch ab. »Bin ich dir nicht mehr Leidenschaft genug?« Sein Gesicht wird rot. Unter dem Küchentisch tritt er abwechselnd mit den Füßen auf den Marmorboden. Rückt den Stuhl zurecht, sodass es beständig quietscht.

Hier wirkt er wie ein bockiges Kind.

ich habe aber nicht gemerkt, dass ich schon längst gefunden habe, was mich glücklich macht.«
»Und was soll das sein?«
»Das Fotografieren.«

Okay, hab ich mir gedacht. Und warum geht nicht beides? Familie UND Fotografieren?

Sie legt das Handy weg, denkt kurz zurück an die Zeit in Deutschland. An die kalten und verregneten Sommer, die stickigen Münchner U-Bahnen und die teure Eigentumswohnung, die Michael nun mit seiner neuen Frau bewohnt. Zwillinge bekamen sie vor zwei Jahren. Zwei Jungs.
Bald würde Finn sie besuchen kommen, hier auf Sumatra.

Das Ende finde ich ok. Sie verwirklicht ihren Traum, die Kinder scheinen damit im Einklang zu sein. Michi hat sich über sie hinweggetröstet.
Die Geschichte lässt mich ein wenig ratlos zurück. Obwohl ich ein ganz kleines bisschen die Ansicht von Doro verstehen kann, kommt sie bei mir doch auch sehr egoistisch rüber. Generell finde ich, jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, sich selbst zu verwirklichen - und sie macht das und obwohl ich tolerant bin, sträubt sich in mir so einiges gegen ihr Verhalten. Vielleicht hast Du das beim Schreiben auch so beabsichtigt. Ich weiß es nicht.
Auf jeden Fall hat der Text zum Nachdenken angeregt.

Liebe Grüße und einen tollen Tag,
Silvita

 
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Liebe @Silvita ,

danke für Deinen Kommentar und die sprachlichen Anmerkungen. Wie bei @Morphin auch, wirst Du noch am Wochenende dazu eine Antwort erhalten, weil ich vorher nicht zur sprachlichen Überarbeitung komme. Du hast jedenfalls sehr guten Input, den ich auch in einem nicht unerheblichen Maße umsetzen will.

Dennoch möchte ich die Mittagspause nutzen, um inhaltlich etwas zu schreiben, denn die Geschichte und das Thema bewegen mich sehr. Sie ist nicht nicht weniger Leidenschaft geschrieben, aber mit weniger Flow. Mir war auch klar, dass Doro es nach der heiteren Heike schwer haben wird. Es ist keine Geschichte, die zum Lachen bringt, sondern eine, die zum Nachdenken anregen soll. Ich bin daher froh, dass die Geschichte an vielen Stellen bei Dir so angekommen ist, wie sie ankommen sollte.

Das Ende finde ich ok. Sie verwirklicht ihren Traum, die Kinder scheinen damit im Einklang zu sein. Michi hat sich über sie hinweggetröstet.
Die Geschichte lässt mich ein wenig ratlos zurück. Obwohl ich ein ganz kleines bisschen die Ansicht von Doro verstehen kann, kommt sie bei mir doch auch sehr egoistisch rüber. Generell finde ich, jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, sich selbst zu verwirklichen - und sie macht das und obwohl ich tolerant bin, sträubt sich in mir so einiges gegen ihr Verhalten. Vielleicht hast Du das beim Schreiben auch so beabsichtigt. Ich weiß es nicht.
Auf jeden Fall hat der Text zum Nachdenken angeregt.

Die Geschichte hat für mich zwei große Themen:

1. Regretting Motherhood (vielleicht hier sogar “Family”): Es geht mir hierbei um das Thema, dass es Frauen gibt, die ihre Kinder zwar lieben, aber die das Muttersein, die Mutterrolle nicht glücklich macht. Die also sagen, dass sie – könnten sie in die Zeit zurückreisen – die Entscheidung anders getroffen hätten. Diese Frauen haben mit den Vorurteilen der Gesellschaft zu kämpfen, sie wären Rabenmütter, Egoistinnen oder bestenfalls einfach nur überfordert und mit einer guten Infrastruktur und 100 Euro mehr Kindergeld wäre alles bestens. Das ist aber nicht der Punkt: Sondern die persönliche Einsicht, dass es Rollen gibt, mit denen man glücklicher wäre, als mit der Mutterrolle.

2. Gleichberechtigung: Regretting Fatherhood wird von der Gesellschaft ganz anders bewertet. Karsten merkt, dass er nicht mit seiner Familie unter einem Dach leben kann, er ein besserer Vater ist, wenn er die Kinder nur im Urlaub sieht und dann und wann am Wochenende, er ohnehin mit Leidenschaft seinem Beruf nachgeht und Familie daneben keinen übergeordneten Platz hat. Das ist nicht der Idealvorlauf, aber okay, solange er Unterhalt zahlt und sich dann und wann um die Kinder kümmert, für sie da ist, wenn sie ihn brauchen und außerdem kümmert sich ja die Mutter und die hat sogar einen neuen Mann, den die Kinder akzeptieren. Besser könnte es doch nicht laufen.
Aber was ist bei Doro anders? Sie merkt, dass die klassische Mutterrolle sie nicht glücklich macht, sie lieber beruflich durchstarten will. Sie weiß dabei, dass Michi ein super Vater ist und die Schwiegermutter im Grunde genommen eine super Oma. Michi findet am Ende sogar eine neue Frau und gründet seine Großfamilie, die er immer wollte.
Ich habe hier mit Absicht keine weiteren Konflikte eingebaut bzw. diese wieder ausgebaut (Kinder, die von der Mutter nichts mehr wissen wollen; ein Michi, dem es schlecht geht etc.). Die Situation ist genauso ideal wie bei Karsten, aber trotzdem wird Doros Verhalten anders bewertet, als das von Karsten.

Genau darüber nachzudenken und darüber, warum das so ist, war Absicht dieser Geschichte. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Ob ich noch irgendwo nacharbeiten muss (Morphin hat mir gezeigt, dass es da an ein paar Stellen Bedarf gibt), aber wenn ich eine Diskussion oder eine innere Auseinandersetzung anrege, dann bin ich schon froh.

In meiner Kreis mit Kreuz-Serie geht es um Frauen, die sich aus Beziehungen befreien, aber damit auch aus “Rollen”, die ihnen zugedacht werden. Kritikpunkt bei Heike war, dass Heike nicht einmal versucht, die Beziehung zu retten. Ich frage warum, wenn sie offensichtlich ohne ihren Mann glücklicher ist.

Hier frage ich sehr provokant, warum eine Mutter nicht das tun können soll, was viele Väter unbehelligt von der Gesellschaft seit Menschengedenken tun.

Damit entlasse ich Dich in den Mittag.
Du hörst dann noch einmal von mir wegen der sprachlichen Anregungen. 😘


Liebe Grüße
Mae

 
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Liebe @Maedy,

der Versuch einer Interpretation:

Doro fühlt sich eingeengt von der Ehe und den Kindern, will einen Ausgang, sucht Selbstverwirklichung in der Fotografie. Ihren bisherigen Lebensentwurf als Mutter bereut sie, also lässt sie sich scheiden.
Ihr Mann, Michi, ist ganz anders: Er träumt von Kindern und Familie und vom Vater sein, was sich hier zeigt:

Überhaupt ist Michi der geborene Vater, immer gelassen, jederzeit zu einem Spaß bereit, selbst wenn Finn einen seiner berühmten Trotz-Wut-Anfälle bekommt.

Da treffen zwei Vorstellungen vom idealen Leben aufeinander, die nicht zusammen funktionieren können. Und dann die entscheidenen Szenen: Doro will die Scheidung. Weil wir in Doros Kopf sind, fiebern wir mit ihr mit, sehen sie als die Gefangene und Michi als den Wärter, aber kann man es ihm verübeln, wie er reagiert?
Michi starrt sie an. »Reden?«
»Ja, das mit dem Kind. Dem Baby. Ich weiß nicht ... Dr. Brehm hat mir ein Angebot gemacht. Ich soll Vollzeit arbeiten und ein Teil des Asiengeschäfts betreuen.«
Michis Augen werden größer. »Das hast du doch gar nicht nötig. Mit dem neuen Job verdiene ich mehr als genug. Da könnten wir noch zwei ...«
»Das ist es nicht«, sagt Doro. »Ich möchte das gerne machen. Ich könnte ihn sogar begleiten nach Indonesien und ...«
Michi setzt sich auf den Badewannenrand. »Du willst mit dem Brehm nach Indonesien? Wie soll ich mir ...«
Zu Misstrauisch ist er am Ende und mehr auf sie eingehen sollte er, aber hier wird sein Traum, seine aufgebaute Vorstellung von der Zukunft, zunichte gemacht. Dass er da nicht gleich aufspringt und schreit: Ja, tu was du willst! ist verständlich. Auch verständlich ist Doro, denn sie will ihre Zukunft selbst gestalten.
Scheidung also, eigentlich unausweichlich. Für Michi kommt das plötzlich. Hätte er anders gehandelt, hätte sie ihm klar gemacht, dass es ihr so ernst ist und ihn dann nochmal vor die Entscheidung gestellt? Wie viel bedeutet sie ihm und wie sehr sieht er in ihr nur eine Kinderproduzentin? Wer weiß.
»Leidenschaft?« Michi gibt ein glucksendes Geräusch ab. »Bin ich dir nicht mehr Leidenschaft genug?« Sein Gesicht wird rot. Unter dem Küchentisch tritt er abwechselnd mit den Füßen auf den Marmorboden. Rückt den Stuhl zurecht, sodass es beständig quietscht.
Michi ist hier kein Monster, sondern ein Mensch mit Fehlern, wie wir alle, und jemand, dessen Vorstellungen in einer Beziehung nicht mit denen Doros zu vereinen sind. Als Leser hasse ich ihn nicht, ich fühle mit ihm, und bin doch auf Doros Seite.
Und Doros ist nicht das unschuldige Lamm, dass unterdrückt wird und sich nun heldenhaft freikämpft. Sie hat das ja irgendwo gewählt. Ein Fehler, denn jetzt bereut sie es. Und bereuen ist ein Scheißgefühl, überhaupt ist die Vergangenheit ein verflixtes Ding. Scheidung ist da eine Lösung, um die Fehler auszubügeln, aber darunter Leiden müssen eben Michi und die Kinder. Auch wenn es denen am Ende nicht schlecht zu gehen scheint:
Bald würde Finn sie besuchen kommen, hier auf Sumatra. Das Smartphone bimmelt und vibriert auf dem Tisch, wandert ein Stück zur Kante.
Auf dem Display erscheint: »Süüüüüüüß!!!!!!!«
Konflikt wäre hier aus meiner Sicht interessanter, um die Folgen ihrer Entscheidungen mehr auszuarbeiten.

Sie legt das Handy weg, denkt kurz zurück an die Zeit in Deutschland. An die kalten und verregneten Sommer, die stickigen Münchner U-Bahnen und die teure Eigentumswohnung, die Michael nun mit seiner neuen Frau bewohnt. Zwillinge bekamen sie vor zwei Jahren. Zwei Jungs.
Das finde ich aber gut. Für mich repräsentiert er hier eine Sorte Mensch, die ich nicht verstehen kann: diese Leute, die damit zufrieden sind, ihr Leben irgendwie zu verleben, ohne irgendetwas je zu schaffen - im Sinne des erschaffens. Aber verstehen muss man nicht jeden und jeder soll so leben, wie er es für richtig hält. Und es braucht auch diese Menschen. Doros ist da eher wie ich, so wie ich mir ein Leben vorstelle: Was machen, was erleben, was erschaffen.

#​

Wie du siehst, macht deine Geschichte mich nachdenklich, und das ist gut! Ich bin verwundert von den anderen Kommentatoren (nur grob in Teilen überflogen), die scheinbar keine rechte Bindung zu der Geschichte aufbauen konnten. Ich konnte das, obwohl ich nie selbst in einer solchen Situation war. Aber mich berührt die moralische Frage, die du stellst. Dieser Aspekte am Leben, der mich immer beschäftigen: Dilemmata, Grautöne und Themen, die beim Nachdenken immer komplexer werden und sich irgendwann bedrohlich auftürmen. Dann sitzt man da und stellt fest: Das Leben ist dieser große Haufen und eigentlich gibt es keine Ordnung. Alles ist Wirr. Hoffen wir, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen. Als junger Mensch ist das für mich angsteinflößend, wie es wohl später aussieht? Und hat Doros richtig gehandelt? Die Frage wäre interessanter, wenn die Kinder am Ende böse auf sie wären, oder so. Wäre ja keine abwegige Situation.

Sprachlich habe ich da auch nichts zu meckern. Dein Prosa ist durchweg souverän und interessant genug, um die Geschichte zu tragen. Haut mich nicht vom Hocker, aber das würde auch nicht zur Geschichte passen. Man muss als Autor nur wissen, was man in den Fokus stellt.

Drei handwerkliche Vorschläge will ich doch machen:

1. einen Konflikt mit den Kindern etablieren, um Doros' Entscheidung im Nachgang mehr Tiefe zu verleihen.
2. Die Szene mit Karsten anders aufziehen. Das schreit mir doch sehr nach Plot-Device. Sie zweifelt gerade irgendwue an der Ehe und da kommt dieser Typ und erzählt seine Erfolgsgeschichte und hat zufällig genau die richtige Lösung für sie. Am Anfang dachte ich noch: Ach, sowas kann man mal machen, is schon okay, aber je mehr ich von der Szene gelesen habe, desto aufdringlicher wurde mir das Ganze. Hat mich dann irgendwann wirklich gestört.
3.

So steht['s / es] sogar im Ehevertrag.

#​

Ich habe jetzt lange schwadroniert, ich hoffe du bist nicht eingeschlafen und meine Gedanken bringen dir irgendetwas. Mich würde interessieren, was du dazu zu sagen hast. Habe ich das so interpretiert, wie du es geplant hattest?

Betonen will ich noch: Sehr, sehr tolle Geschichte, die nachdenklich macht. Das sagt man ja immer so halbherzig: Die Geschichte regt zum Nachdenken an und dann denkt man doch nicht, aber ich habe Kreis mit Kreuz: Doro gestern Abend gelesen und bis jetzt gedanklich herumgewälzt. Vielen, vielen Dank dafür.

Liebe Grüße,
Manfred

 
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Lieber @Manfred Deppi ,

lieben Dank für Deinen langen Kommentar, den ich noch heute beantworte. Änderungen an der Geschichte nehme ich aber erst am Wochenende vor, da ich dafür einfach ein bisschen Zeit und Ruhe brauche.

Doro fühlt sich eingeengt von der Ehe und den Kindern, will einen Ausgang, sucht Selbstverwirklichung in der Fotografie. Ihren bisherigen Lebensentwurf als Mutter bereut sie, also lässt sie sich scheiden.
Das ist eine gute Zusammenfassung meiner Intention. Sie merkt, dass sie einen falschen Weg eingeschlagen hat, aber Familie lässt sich nicht so einfach widerrufen, vor allem Kinder nicht.
Da treffen zwei Vorstellungen vom idealen Leben aufeinander, die nicht zusammen funktionieren können
So war es gemeint. Deswegen sehe ich das auch anders als @Silvita, die das Bedürfnis hatte zu sagen, dass auch Familie und Fotografieren geht. Natürlich ist so etwas möglich, aber eben nicht zwischen den beiden.
Michi ist hier kein Monster, sondern ein Mensch mit Fehlern, wie wir alle, und jemand, dessen Vorstellungen in einer Beziehung nicht mit denen Doros zu vereinen sind. Als Leser hasse ich ihn nicht, ich fühle mit ihm, und bin doch auf Doros Seite.
So war es auch gemeint. Freut mich, dass Du das so siehst bzw. meine Intention erkennst. Als Autorin habe ich immer das Problem, dass die Sympathie auf Seiten der Protagonistin ist und der Gegenspieler (und das ist hier eben Michi) immer ein wenig unsympathisch wirkt. Ich wollte ihn aber auf keinen Fall als Monster darstellen. Er sollte menschlich reagieren: Ein bisschen eifersüchtig, ein bisschen ratlos und, wie @Silvita so schön schrieb, ein bisschen wie ein trotziges Kind. Er war sich ja seiner Situation sicher. Doro hat einen Mann gesucht, mit dem sie eine Familie gründen konnte, sie wollte Kinder und aus dem Text ist zu entnehmen, hoffe ich, dass es auch viele Kinder sein sollten. Sie hat aber auf halber Strecke realisiert, dass das doch nicht ihr Ding ist. Wie soll man da als Mann reagieren? Ich lasse offen, wie sehr die beiden eigentlich einander lieben. Aber erkennbar reicht die Liebe nicht, dass einer bereit wäre, für den anderen noch mehr zu opfern.
freikämpft. Sie hat das ja irgendwo gewählt. Ein Fehler, denn jetzt bereut sie es
Genau. Sie wurde zu nichts gezwungen. Das ist das Dilemma. Ich habe mich mit dem Thema “Regretting Motherhood” in den letzten Tagen vertieft beschäftigt. Da berichten Frauen, dass die Gesellschaft suggeriert, dass nichts glücklicher machen würde als die eigenen Kinder, dass ein Kinderlächeln alle schlaflosen Nächte negiert, sie das aber nicht nachempfinden können und sich nach einer Zeit zurücksehnen, in der sie weniger Sorgen hatten (um die Kinder, um die Familie, das Geld für die Familie usw.) Und zu allem übel werden sie stigmatisiert als Rabenmütter, wenn sie diese Zweifel und Ängste äußern. Und was natürlich viele Frauen kennen, die (noch) keine Kinder haben, äußert man tatsächlich Zweifel daran, Mutter werden zu wollen, dann heißt es: Warte einmal ab. Wenn das Kind erst einmal da ist, dann wirst Du das ganz anders sehen. Aber was ist, wenn das nicht so ist?
Scheidung ist da eine Lösung, um die Fehler auszubügeln, aber darunter Leiden müssen eben Michi und die Kinder. Auch wenn es denen am Ende nicht schlecht zu gehen scheint:
Die Scheidung negiert die Ehe für die Zukunft, aber eben nicht die Kinder. Ich lasse Doro einen krassen Weg gehen. Sie entscheidet sich tatsächlich dafür, die Kinder nur noch gelegentlich zu sehen. Viele Mütter haben aber gar nicht die Chance, die Doro hat, sondern sind vielleicht alleinerziehend oder zu emotional an die Kinder gebunden, um diese wirklich zu verlassen.
Das finde ich aber gut. Für mich repräsentiert er hier eine Sorte Mensch, die ich nicht verstehen kann: diese Leute, die damit zufrieden sind, ihr Leben irgendwie zu verleben, ohne irgendetwas je zu schaffen - im Sinne des erschaffens. Aber verstehen muss man nicht jeden und jeder soll so leben, wie er es für richtig hält. Und es braucht auch diese Menschen. Doros ist da eher wie ich, so wie ich mir ein Leben vorstelle: Was machen, was erleben, was erschaffen.
Das ist schön, dass Du das so siehst. Doro trifft eine nicht salonfähige Entscheidung, desto wichtiger war mir, dass ihre Beweggründe nachvollziehbar sind und nicht zu egoistisch rüber kommen.
Als junger Mensch ist das für mich angsteinflößend, wie es wohl später aussieht? Und hat Doros richtig gehandelt? Die Frage wäre interessanter, wenn die Kinder am Ende böse auf sie wären, oder so. Wäre ja keine abwegige Situation.
Angst wollte ich Dir keine machen. Aber “ja”, man muss in seinem Leben Entscheidungen treffen. Und wir wissen nicht, ob es die richtigen Entscheidungen sind. Wir können auch nicht alles negieren, aber was ich mit der Geschichte transportieren will ist, dass man sich nicht einer Situation fügen muss, nur weil man sich einmal für sie entschieden hat. Wenn man wirklich unglücklich ist, dann muss man etwas ändern. Das muss nicht so krass sein wie bei Doro, aber sein Leben irgendwie verleben, ist auch keine Lösung. Und wichtig ist eben, dass die Gesellschaft nichts tabuisiert, sondern die neuen Frauen- und auch Männerrollen ernst nimmt. Ansonsten ist Gleichberechtigung nichts weiter als eine Fassade.

Es gab ein Ende bei der Entwicklung der Story, in dem die Kinder sich abgewandt haben. Das ist natürlich spannender, aber ich wollte die Story nicht mit einem weiteren Konflikt belasten. Ich wollte die Leser/innen gerade damit provozieren, dass alles in Ordnung ist, aber sie zu einem nicht unerheblichen Teil trotzdem anders über Doro denken werden als über Karsten, und zwar weil Doro Mutter und nicht Vater ist.

Haut mich nicht vom Hocker, aber das würde auch nicht zur Geschichte passen. Man muss als Autor nur wissen, was man in den Fokus stellt.
Ich möchte auch gar nicht so “literarisch” schwer schreiben. Vielleicht kann ich das auch gar nicht 😬

Die Szene mit Karsten anders aufziehen. Das schreit mir doch sehr nach Plot-Device.
Da werde ich noch einmal drüber nachdenken. Ich brauche den Karsten, damit der Leser idealerweise merkt, dass er Karstens Verhalten anders beurteilt als Doros, obwohl sie unter dem Strich das gleiche tun. Aber klar, die Szene hat schon eine deutliche Funktion. Plot-Device ist ein cooles Wort 😄.
Ich habe jetzt lange schwadroniert, ich hoffe du bist nicht eingeschlafen und meine Gedanken bringen dir irgendetwas. Mich würde interessieren, was du dazu zu sagen hast. Habe ich das so interpretiert, wie du es geplant hattest?
Bin noch wach. Und ja, wie Du siehst, hast Du meine Intention verstanden und ich freue mich darüber, dass Du sie verstanden hast.
halbherzig: Die Geschichte regt zum Nachdenken an und dann denkt man doch nicht, aber ich habe Kreis mit Kreuz: Doro gestern Abend gelesen und bis jetzt gedanklich herumgewälzt. Vielen, vielen Dank dafür.
Das freut mich ☺️. Die Geschichte soll zum Nachdenken anregen. Also lieben Dank für Deinen langen Kommentar. Ich melde mich noch einmal, sobald ich die erste Bearbeitungsrunde hinter mir habe.

Eine Gute Nacht!
Mae

 
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Liebe @Maedy

mir kommt es vor, als hättest du diesen Text sehr behutsam geschrieben. Sehr durchdacht. Weil dir bewusst ist, wie schwierig dieses Thema ist. Und ich finde, man merkt, dass du möchtest, dass die Leser*innen nachvollziehen können, warum Doro am Ende diese Entscheidung trifft.
Der Aufbau des Textes erklärt alles. Geschickt fügst du Gegenwart und Vergangenheit zusammen, um klar zu machen, warum Doro da raus muss.
Aber mir ist das ganze zu rational. Die Wurzel aus Fotografie + Freiheitsliebe – mittelprächtiger Ehemann – nicht passende Mutterrolle * Pi = Doro wird Teilzeitmutter.

Mir fehlen die Gefühle! Und auch so ein bisschen der Durchbruch, der Punkt an dem bei Doro alle Dämme brechen und ihr klar wird, so geht es nicht weiter.

Ich stelle mir diese Situation sehr schwierig vor. Die Mütter, die sich zwar als Mutter nicht wohl fühlen, lieben ihre Kinder meistens doch – was Doro ja auch tut, wenn ich das richtig gelesen habe. Das muss einen doch innerlich zerreissen. Sie weiß, dass sie mit ihrem Handeln Menschen verletzt, Menschen, die sie liebt. Und sie gibt hier ja nicht nur ihre Mutterrolle auf, nein, sie gibt zu, dass ihr Lebenstraum ein Irrweg war. Sich das einzugestehen, das kann doch nicht leicht sein.

Eine Frau, die diese Entscheidung trifft, stellt sich außerdem gegen die allgemeinen Erwartungen aus dem Freundeskreis, der Familie, der Gesellschaft. Oft ja auch gegen das, woran man selbst lange geglaubt hat, weil einem das so eingetrichtert wurde.

Mir fehlt diese Befreiungskampf. Dieses Losreissen, das Sprengen der Ketten.

Die Einstiegsszene finde ich etwas sperrig. Ich glaube, du willst dort zu viel. Vllt wäre es sinnvoll, die Familie, die Schwiegermutter erst später einzubringen. Die erste Szene: nur Doro und ihre Faszination für die Fotografie, sie vergisst die Zeit. Vllt reisst sie ein Anruf von Michi aus den Gedanken. Er fragt, wo sie bleibt.

Einfach etwas tun, das ihr gefällt. Gedankenversunken streift sie den Ehering ab, lässt ihn in die Handtasche fallen. All die Dinge, die Michi hasst und für die Mira und Finn zu ungeduldig sind
Ich weiß nicht. Mir ist das zu deutlich. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, worauf es hinaus läuft, dass ich weiß, worum es hier geht.
Leser*innen, die sich noch nicht mit Regretting Motherhood beschäftigt haben, finden es wahrscheinlich sowieso schwer nachzuvollziehen was hier passiert. Vielleicht sind solche Sätze für sie.
Aber es geht ja auch um viel mehr als einfach nur mal das machen zu können, was man gerne möchte, wofür man sonst keine Zeit hat. Es geht ja nicht nur um das, was nicht ist, sondern eben um das, was ist.
Da ist mir die Gewichtung zu stark auf die Dinge ausgerichtet, die sie nicht tun kann, und zu wenig auf ihr aktuelles Leben und die Probleme damit.

Sie richtet sich die Frisur, die sie nach Finns Geburt zu- und nicht mehr ablegte. Es wäre wieder an der Zeit für einen Friseurbesuch. Der Pony hing in den Augen und ... Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, sie wieder wachsen zu lassen.
Hier wieder. Das ist mir zu deutlich: Das alte ist doof, was neues muss her.

»Ich meine ja nur, wenn ich jetzt das neue Projekt habe und oft weg bin …«
Puhh, wenn das mal ein guter Grund für ein Kind ist.

Seine Augen leuchten.
Sie merkt, wie ihre wässrig werden, versucht zu lächeln. »Das klingt gut.«
»Ist es auch. Ich bin viel in England. Bei den Züchtern. Begleite Pferderennen auf der ganzen Welt.«
Er sieht wirklich zufrieden aus, stellt Doro mit Wehmut fest. »Dann hast du keine Kinder?«
Bei dieser Stelle spürt man diese Sehnsucht, diesen Schmerz in Doro. Davon hätte ich gerne mehr.

»Ist das jetzt deine Midlife-Crisis?«
Na, das ist doch die Reaktion, die man sich vom Partner erhofft, wenn man so ein ernstes Thema anspricht.

»Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, Schatz. Wollen wir jetzt doch das dritte Kind?« Michi zwinkert ihr zu und greift sich symbolisch an dem Saum seiner Unterhose.
Hier wirkt er schon sehr eklig. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde, dass der Michael nicht grade ein Traummann ist. Das lässt so ein bisschen die Tür offen, dass Doro vor ihm flieht. Wie schwierig wäre es erst, wenn sie ihren Mann lieben würde, aber ihre Mutterrolle trotzdem nicht leben will?

Die Schlussszene ist dann sehr Happy End. Doro kann ihre Leidenschaft leben und hat trotzdem guten Kontakt zu ihren Kindern. Das freut mich für Doro. Und es macht auch Sinn, dass das Ende positiv ist, sonst könnte man es so lesen, als würden Frauen, die ihre Mutterrolle nicht annehmen, unglücklich werden.
Trotzdem erscheint es mir etwas übertrieben. Ich glaube, dass es Frauen, die diesen Schritt gehen, nicht leicht haben. Dieser Kampf und auch die Verluste, die mit diesem Schritt einhergehen, fehlen mir. Wie du sagst, eine Mutter, die diese Entscheidung trifft, wird ganz anders gesehen als ein Vater, der das gleiche tut. Wie viele Freunde, vllt auch die Familie wenden sich deswegen von ihr ab? Ich glaube, ich wäre für ein Ende in dem Doro trotz Verluste glücklicher ist als sie es vorher war.

Ich finde es so toll, dass du dich an dieses sensible Thema gewagt hast. Und wie man an den Kommentaren sieht, hast du auf jeden Fall erreicht, dass darüber nachgedacht wird. Vielleicht würden mehr Emotionen auch für mehr Verständnis sorgen. Wenn du zeigst, wie sehr Doro leidet, wird man ihre Entscheidung vielleicht eher nachvollziehen können. Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht, sondern einfach darauf aufmerksam zu machen, welchen gesellschaftlichen Zwängen Frauen ausgesetzt sind und zu was diese führen können.

Vielen Dank und liebe Grüße,
NGK

 
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Liebe alle,

danke für die Geduld. Ich habe den Text etwas überarbeitet.

na, bei dem Michi hätte ich aber auch das Weite gesucht (unabhängig von der eigenen Situation). Aber erst mal ...
So schlimm sollte er gar nicht rüberkommen. Aber ich habe schon gemerkt, dass die Leser sich ganz unterschiedlich stark mit Doro identifizieren und aus dieser Position heraus auch den Michi anders beleuchten. Für mich ist das in Ordnung. Ihn zu nett erscheinen zu lassen, würde m. E. Doros Position schwächen.
Da es zuvor schon zwei Mal das mit der ... gab, würde ich schreiben: ... als sie die Ausstellung verlässt.
Danke. Hast recht.
Sie kommt raus und vergaß die Zeit? Das wär schlecht. Ne, sie hat sie ja drin vergessen, also "sie hatte (ganz) die Zeit vergessen." Oder: "Über all die Gedanken, Zweifel und Fotos hatte sie ganz ..."
Ich habe den Satz mit der Zeit jetzt ganz gestrichen. Aber auch weil @Silvita es öfters anmerkt: Ich schreibe ja im Präsens, um die Vorvergangenheit (die mit Wortwiederholungen und Klangwiederholungen immer etwas sperrig ist) zu vermeiden. Meines Erachtens wäre es dann richtig, Vergangenes im Perfekt/Imperfekt zu schreiben und Dinge, die noch davor passierten, im Plusquamperfekt. Man möge mich korrigieren.
Als Papa kann ich sagen, Trotz-Anfälle reicht. Da ist die Wut schon eingebaut.
Ich wollte diese Übertreibung ganz bewusst.
Hier haben wir einen inflationären Zustand ...
Danke. Komplett umformuliert.
Das Jodeldiplom. Okay, das ist ein Insider für Loriot-Fans. Von meinen anderen Testlesern bekam ich dafür gutes Feedback. Ich lasse es erst einmal drin. Mag es einmal ein Lektor streichen, wenn es einer Veröffentlichung im Wege stehen sollte.
Si, Senior ...
:lol:

Danke für Deine Anmerkungen. Ich habe eine Menge umgesetzt.

Liebe @Silvita ,

Der philosophische Einstieg hat mir gut gefallen. Eine sehr interessante Frage. Hat mich gleich neugierig gemacht.
Das freut mich. Als ich diesen Satz im Kopf hatte, dachte ich mir, der muss unbedingt rein.
Das liest sich holprig. Bei mir entsteht da kein richtiges Bild im Kopf. "Glänzen im Licht der Deckenstrahler in Lebensgröße" - was meinst Du damit? Kann mir nicht wirklich was drunter vorstellen.
Das habe ich jetzt so gelassen, weil Du bislang die Einzigste warst, die darüber gestolpert ist. Gemeint ist, dass das Fotopapier glänzt und die Fotos sind lebensgroß.

Vorschlag: Doro kann sie bildlich vor sich sehen, wie die fünf von Gehege zu Gehege schlendern. Hört, wie die Schwiegermutter über sie lästert: wie kann so eine Ausstellung wichtiger sein als ein Nachmittag mit der Familie und dass Michi sich mal durchsetzen müsste.
Danke. Annähernd so überarbeitet.

"nur" würde ich streichen
... geschafft hat würde sich flüssiger lesen.
Yep.
Ich würde erst die Szene schreiben und dann den Gedanken nachfügen. Den letzten Satz würde ich streichen. Doro beobachtet fasziniert, wie ihre Tischnachbarin es schafft, einen dunkelgrünen Smoothie zu trinken, ohne das Smartphone am Ohr oder das Baby an ihrer Brust fallen zu lassen, geschweige denn einen Flecken auf dem weißen Hosenanzug zu produzieren. Diese Frau ist eindeutig eine von diesen Super-Muttis, denkt Doro.
Gekauft!
Den Ehering verschwinden zu lassen fand ich bisschen too much, aber hat mich auch neugierig gemacht, was sie vorhat. Hab erstmal gedacht, sie ist auf der Suche nach einer Affäre :D
Dazu hat auch @Nichtgeburtstagskind etwas geschrieben, aber ich mochte die Symbolik. Sie ist an einem Punkt angekommen, an dem sie sich langsam aber sicher löst.
Herrn
Gauloises
Ui. Ich habe extra nachgeschlagen, dass Gaulois das Singular von Gauloises ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das für die Zigaretten auch so gilt. Vielleicht kann jemand helfen, der gut in französisch ist, @RinaWu vielleicht? :confused:
muss es nicht bläst heißen? Der Rest ist im Präsens.
An der Stelle “blies”, weil die Erinnerung in dem Moment zurückliegt.
Ist für mich redundand.
Danke. Hast recht.
Ich kann mir vorstellen, dass sie das genießt. Hab mich auch gefragt, warum sie das schon so lange nicht mehr gemacht hat. Anscheinend sind die Kinder nach der Schule öfters bei Oma. Hatte sie ein schlechtes Gewissen? Anderes zu tun? Mitleid hab ich nicht mit ihr. Ich finde, sie hätte einfach früher schon mal für sich einstehen sollen.
Da habe ich etwas nachgebessert. Ich schreibe nun sinngemäß, dass sie sich noch öfters Auszeiten nehmen will. Die Oma bringt ja schon zum Ausdruck, dass Doro öfters ausreißt (Michi solle sich einmal durchsetzen).
An sich finde ich beide Wünsche total legitim. Und lassen sich doch sicherlich irgendwie miteinander vereinbaren. Vielleicht nicht gerade, wenn die Kinder ganz klein sind, aber später. Man muss vielleicht nicht grad ne halbe Weltreise machen. Aber es gibt auch interessante Länder mit tollen Fotomotiven in der Nähe.
Das funktioniert in dieser Geschichte natürlich nicht. Doro hat es mit den Alpen ja versucht und es war ein Drama. Und so klein sind die Kinder ja nicht mehr.
Das hab ich nicht verstanden. Was willst du damit sagen?
Sie legte sich die (praktische) Kurzhaarfrisur als junge Mutter zu und blieb dabei.
Hier bedienst Du ein bisschen Klischees. Die Frau, die immer für alles sorgen soll, die Einkäufe erledigen, sich ums Essen kümmern. Kann schon verstehen, dass Doro da genervt ist.
Diese Klischees werden heute noch gelebt. Gerase jetzt in Corona-Zeiten gelten Frauen als besonders belastet zwischen Homeoffice und Homeschooling.
Hier finde ich Michi richtig doof. Also durchgängig in der Geschichte hat er von mir kaum Sympathiepunkte bekommen. Ihn bringst Du richtig gut rüber, denn ich denke, er soll auch nicht sympathisch sein, oder?
Er soll kein absoluter Unsympath sein, aber er vertritt ein anderes Weltbild als Doro. Wenn man sich mit Doro identifiziert, wird er natürlich automatisch unsympathisch. @Manfred Deppi hat es ja super auf den Punkt gebracht.
die Tochter - das klingt so lieblos. Ist das beabsichtigt?
Sonst würde ich eher ihre Tochter schreiben.
Ja.
Uff. Hier bin ich echt hin und hergerissen. Ich kann irgendwie nachvollziehen, dass sich das Muttersein anders entpuppt in der Phantasie, aber die Aussage, sie würde es praktisch nicht noch einmal machen. Die ist heftig. Hoffentlich hören die Kinder das nie.
Das war meine Absicht. :D
Die Szene find ich bezeichnend und da musste ich grinsen.
Er - wie er sich an sie ranmacht und auf eine Nummer hofft - und sie, mit Gedanken bei den Schränken :D
Ja, die hat mir auch viel Spaß gemacht.
Hier finde ich es gut, dass sie ihn anspricht, sagt, dass sie reden will.
Hier ist Doro ganz anders als Heike.
Nee oder? Im Ehevertrag? Ernsthaft?
Yo. Das steht oft im Ehevertrag. Eigentlich soll es etwas “Gutes” für die Frau sein. Wenn sie wegen der Kinder auf ein Teil der Karriere verzichtet, soll sie dafür bei einer Scheidung einen finanziellen Ausgleich kriegen. Ich schlucke aber auch immer, wenn ich das lese: Die Ehepartner sind sich einig, dass sie Kinder bekommen wollen. Die Ehepartnerin ist bereit, hierfür auf eine Teilzeitstelle wechseln. Im Falle einer Scheidung ...
Und er so gar nicht verständnisvoll. Ich finds schade, dass er nicht mitgeht, sie unterstützt, ihr Zuspruch gibt.
Nun ja, seine Wünsche werden gerade völlig missachtet.
Hier kann ich Michis Reaktion nachvollziehen. Er hört erstmal nen Männernamen, klar, dass er dann denkt, sie hat nen anderen.
Alles in allem schimmert er aber immer wieder als sehr eifersüchtiger Typ rüber. Ich würde den auch nicht als Mann haben wollen.
Ist das nicht die Reaktion von jedem? Diese Angst, der Partner, die Partnerin hat einen neuen, wenn es an die Grundfesten der Beziehung geht? Ich hatte jedenfalls keine Trennung, bei der das nicht eine der ersten Fragen war (gleich von welcher Seite).
Hier wirkt er wie ein bockiges Kind.
Super. :)
Okay, hab ich mir gedacht. Und warum geht nicht beides? Familie UND Fotografieren?
Weil das nicht gehen soll. Achtung Spoiler:
Die Serie handelt von Frauen, die sich aus destruktiven Beziehungen befreien. Es muss daher immer mit einer Trennung enden.
Aber ganz konkret: Doros Wünsche sind nicht familienkompatibel. Sie geht ja für mehrere Jahre nach Afrika/Indonesien. Sie möchte als Fotografin richtig durchstarten und das nicht erst mit fünfzig.
Generell finde ich, jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, sich selbst zu verwirklichen - und sie macht das und obwohl ich tolerant bin, sträubt sich in mir so einiges gegen ihr Verhalten.
Genau das möchte ich hinterfragen: Warum? Und ging es Dir bei Karsten ähnlich?


Vielen Dank! Das Sprachliche habe ich größtenteils umgesetzt. Das war ein gutes Lektorat.

Liebes @Nichtgeburtstagskind

mir kommt es vor, als hättest du diesen Text sehr behutsam geschrieben. Sehr durchdacht. Weil dir bewusst ist, wie schwierig dieses Thema ist. Und ich finde, man merkt, dass du möchtest, dass die Leser*innen nachvollziehen können, warum Doro am Ende diese Entscheidung trifft.
Das stimmt. Ich wollte eine nachvollziehbare Entscheidung, aber nicht unbedingt eine, mit der man sich identifizieren muss. Es gibt ja auch viele Mütter, die sagen, sie würden nicht noch einmal Mutter werden, sich aber gerade nicht von ihren Kindern trennen können. Da ist Doro schon etwas Besonderes.
Aber mir ist das ganze zu rational. Die Wurzel aus Fotografie + Freiheitsliebe – mittelprächtiger Ehemann – nicht passende Mutterrolle * Pi = Doro wird Teilzeitmutter.
Wir begegnen Doro zu einem Zeitpunkt, an dem sie schon etwas abgeklärt ist.
Mir fehlen die Gefühle! Und auch so ein bisschen der Durchbruch, der Punkt an dem bei Doro alle Dämme brechen und ihr klar wird, so geht es nicht weiter.
Einen emotionalen Kampf wollte ich nicht. Ich wollte zwar Gefühle, da habe ich noch etwas nachgearbeitet, aber nichts übertrieben Emotionales. Dadurch könnte Doro auch schnell unsympathisch werden, ihr Verhalten weniger nachvollziehbar. Wenn ich das so aufbauen wollte, bräuchte ich mehr Raum. Vielleicht einen Roman zum Thema.
Eine Frau, die diese Entscheidung trifft, stellt sich außerdem gegen die allgemeinen Erwartungen aus dem Freundeskreis, der Familie, der Gesellschaft. Oft ja auch gegen das, woran man selbst lange geglaubt hat, weil einem das so eingetrichtert wurde. Mir fehlt diese Befreiungskampf. Dieses Losreissen, das Sprengen der Ketten.
Das habe ich ausgelassen, weil mir das zu viele Personen und Konflikte wurden. Stellvertretend hätte ich die Oma nehmen können, aber mit der ist sie ja ohnehin nicht so “grün”. Keine Ahnung, ob so ein Dialog zwischen Oma und ihr noch einen Mehrwert hätte.
Die Einstiegsszene finde ich etwas sperrig. Ich glaube, du willst dort zu viel. Vllt wäre es sinnvoll, die Familie, die Schwiegermutter erst später einzubringen. Die erste Szene: nur Doro und ihre Faszination für die Fotografie, sie vergisst die Zeit. Vllt reisst sie ein Anruf von Michi aus den Gedanken. Er fragt, wo sie bleibt.
Die habe ich nach Silvitas Vorschlag etwas angepasst, aber nicht ganz aufgelöst.
Leser*innen, die sich noch nicht mit Regretting Motherhood beschäftigt haben, finden es wahrscheinlich sowieso schwer nachzuvollziehen was hier passiert. Vielleicht sind solche Sätze für sie.
Das war meine Hoffnung, dass die über diese Sätze stolpern.
Aber es geht ja auch um viel mehr als einfach nur mal das machen zu können, was man gerne möchte, wofür man sonst keine Zeit hat. Es geht ja nicht nur um das, was nicht ist, sondern eben um das, was ist.
Ja, das stimmt. Ich hoffe, das kommt in der Küchenszene rüber. Dass ihr Alltag sie nicht erfüllt. Ich habe die Szene auch noch etwas angepasst.
Puhh, wenn das mal ein guter Grund für ein Kind ist.
Typisch unbeholfener Männersatz, gell?
Hier wirkt er schon sehr eklig. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde, dass der Michael nicht grade ein Traummann ist. Das lässt so ein bisschen die Tür offen, dass Doro vor ihm flieht. Wie schwierig wäre es erst, wenn sie ihren Mann lieben würde, aber ihre Mutterrolle trotzdem nicht leben will?
Also eklig sollte er nicht wirken :eek:. Das sollte ein vertrautes Späßchen sein. Lief halt 💩 für ihn. Ich will ja nicht sagen, dass sie ihn gar nicht liebt. Es reicht nur nicht.
Die Schlussszene ist dann sehr Happy End. Doro kann ihre Leidenschaft leben und hat trotzdem guten Kontakt zu ihren Kindern. Das freut mich für Doro. Und es macht auch Sinn, dass das Ende positiv ist, sonst könnte man es so lesen, als würden Frauen, die ihre Mutterrolle nicht annehmen, unglücklich werden.
Ja, eine Leserin meinte, dass das ein schöner Traum ist. Die meisten Frauen sich nicht so befreien können in der Realität. Ich gebe zu, dass es für Doro ideal lief. Sie hatte durch Michi und die gute, wenn auch verteufelte, Oma eine Chance, die viele Frauen in ihrer Situation nicht haben: Sie konnte gehen und wusste ihre Kinder in guten Händen. Und offenbar hatte sie auch ein Startkapital (vermutlich guter Ehevertrag :D). Aber ich wollte eben gerade nicht ein Ende, das Müttern suggeriert, dass alles zwangsläufig schlecht sein muss. Dass ist es ja auch nicht, wenn Männer sich von ihrer Familie trennen. Ich kenne zwar Familien, wo das gar nicht klappt, aber auch welche, bei denen sich der Teilzeitpapa super eingespielt hat. Warum dann nicht auch die Teilzeitmutter (und man muss ja nicht gleich nach Indonesien auswandern).
Trotzdem erscheint es mir etwas übertrieben. Ich glaube, dass es Frauen, die diesen Schritt gehen, nicht leicht haben.
Sicher nicht. Es ist eine Vision.
Vielleicht würden mehr Emotionen auch für mehr Verständnis sorgen.
Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Ich will, dass sich die Lesenden mit widersprüchlichen Gefühlen auseinandersetzen und ihr Frauen- und Familienbild hinterfragen.
Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht, sondern einfach darauf aufmerksam zu machen, welchen gesellschaftlichen Zwängen Frauen ausgesetzt sind und zu was diese führen können.
:)

Lieben Dank für Deinen Kommentar und Dein Engagement. Diskutiere immer wieder gerne mit Dir. Und ich arbeite daran, dass Carmen (Teil 3) einen echten Befreiungskampf und viele Emotionen hat. Irgendwann schaffe ich Dich :xxlmad:

Lieber @Manfred Deppi ,

jetzt habe ich Dir doch nicht mehr so viel zu schreiben. Die sprachliche Anmerkung/Korrektur habe ich umgesetzt. Nochmals lieben Dank für Deinen Kommentar.


Liebe Grüße
Mae

 
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21.04.2015
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Ui. Ich habe extra nachgeschlagen, dass Gaulois das Singular von Gauloises ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das für die Zigaretten auch so gilt. Vielleicht kann jemand helfen, der gut in französisch ist, @RinaWu vielleicht?
Liebe @Maedy,

du hast schon recht, dass Gaulois der Gallier und Singular von Gauloises ist, hier müsste es dann aber Doro nimmt einen tiefen Zug der Gauloise heißen, da die Zigarette auch im Französischen weiblich ist. Das könnte man meiner Meinung nach machen, da der Franzose hier ebenfalls den Singular benutzt, wenn er von einer Zigarette der Marke Gauloises spricht: Je fume ma gauloise.

Très cordialement,
RinaWu

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Guten Morgen liebe @Maedy

jetzt komm ich endlich zum Antworten. Was freu ich mich! Erstmal sorry, dass das jetzt so ewig gedauert hat. Im Büro die Hölle los, aber jetzt hab ich 2 Wochen Urlaub und kann mich endlich mal wieder meinem Hobby widmen. :) Habe gerade die Überarbeitung gelesen und der Text ist jetzt deutlich flüssiger und runder.

Doro nimmt einen tiefen Zug der Gaulois, anschließend einen Schluck vom Prosecco.

Hier ist es noch falsch.

danke für Deinen Kommentar und die sprachlichen Anmerkungen. Wie bei @Morphin auch, wirst Du noch am Wochenende dazu eine Antwort erhalten, weil ich vorher nicht zur sprachlichen Überarbeitung komme. Du hast jedenfalls sehr guten Input, den ich auch in einem nicht unerheblichen Maße umsetzen will.

Gern geschehen. Freu mich über diese Rückmeldung.

ennoch möchte ich die Mittagspause nutzen, um inhaltlich etwas zu schreiben, denn die Geschichte und das Thema bewegen mich sehr. Sie ist nicht nicht weniger Leidenschaft geschrieben, aber mit weniger Flow. Mir war auch klar, dass Doro es nach der heiteren Heike schwer haben wird. Es ist keine Geschichte, die zum Lachen bringt, sondern eine, die zum Nachdenken anregen soll. Ich bin daher froh, dass die Geschichte an vielen Stellen bei Dir so angekommen ist, wie sie ankommen sollte.

Danke für die Info. Ja, zum Nachdenken regt sie auf jeden Fall an.

1. Regretting Motherhood (vielleicht hier sogar “Family”): Es geht mir hierbei um das Thema, dass es Frauen gibt, die ihre Kinder zwar lieben, aber die das Muttersein, die Mutterrolle nicht glücklich macht. Die also sagen, dass sie – könnten sie in die Zeit zurückreisen – die Entscheidung anders getroffen hätten. Diese Frauen haben mit den Vorurteilen der Gesellschaft zu kämpfen, sie wären Rabenmütter, Egoistinnen oder bestenfalls einfach nur überfordert und mit einer guten Infrastruktur und 100 Euro mehr Kindergeld wäre alles bestens. Das ist aber nicht der Punkt: Sondern die persönliche Einsicht, dass es Rollen gibt, mit denen man glücklicher wäre, als mit der Mutterrolle.

Das kann ich nachvollziehen. Ein schwieriges Thema. Kann mir vorstellen, dass solche Mütter darunter leiden, denn in dem Moment, wo die Kinder erstmal auf der Welt sind, ist die riesige Verantwortung da.

2. Gleichberechtigung: Regretting Fatherhood wird von der Gesellschaft ganz anders bewertet. Karsten merkt, dass er nicht mit seiner Familie unter einem Dach leben kann, er ein besserer Vater ist, wenn er die Kinder nur im Urlaub sieht und dann und wann am Wochenende, er ohnehin mit Leidenschaft seinem Beruf nachgeht und Familie daneben keinen übergeordneten Platz hat. Das ist nicht der Idealvorlauf, aber okay, solange er Unterhalt zahlt und sich dann und wann um die Kinder kümmert, für sie da ist, wenn sie ihn brauchen und außerdem kümmert sich ja die Mutter und die hat sogar einen neuen Mann, den die Kinder akzeptieren. Besser könnte es doch nicht laufen.
Aber was ist bei Doro anders? Sie merkt, dass die klassische Mutterrolle sie nicht glücklich macht, sie lieber beruflich durchstarten will. Sie weiß dabei, dass Michi ein super Vater ist und die Schwiegermutter im Grunde genommen eine super Oma. Michi findet am Ende sogar eine neue Frau und gründet seine Großfamilie, die er immer wollte.
Ich habe hier mit Absicht keine weiteren Konflikte eingebaut bzw. diese wieder ausgebaut (Kinder, die von der Mutter nichts mehr wissen wollen; ein Michi, dem es schlecht geht etc.). Die Situation ist genauso ideal wie bei Karsten, aber trotzdem wird Doros Verhalten anders bewertet, als das von Karsten.

Oja. Gleichberechtigung. Gar nicht einfach. Hab mir viele Gedanken gemacht und muss ehrlich sagen, dass ich da durch unsere Gesellschaft auch irgendwie nicht mehr neutral bin. Beim Vater hab ich automatisch gedacht, okay, die Mutter ist die Hauptbezugsperson, wenn der Vater nicht jeden Tag allgegenwärtig ist, nicht so schlimm. Aber wenn Doro das selbe macht, regt sich bei mir doch auch Unverständnis und der Gedanke kommt auf: "Wie kann sie ihren Kindern das antun? So egoistisch sein?". Teilweise hab ich auch gedacht, vielleicht tut sie ihren Kindern sogar was Gutes damit, in dem sie ihnen vorlebt, wie es eben auch sein kann.
Aber so tief im Inneren haben mir halt durchweg die Kinder leid getan.

Genau darüber nachzudenken und darüber, warum das so ist, war Absicht dieser Geschichte. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Ob ich noch irgendwo nacharbeiten muss (Morphin hat mir gezeigt, dass es da an ein paar Stellen Bedarf gibt), aber wenn ich eine Diskussion oder eine innere Auseinandersetzung anrege, dann bin ich schon froh.

Ich finde, das hast Du sehr gut umgesetzt. Die Geschichte wirft definitv Fragen auf und regt zum Nachdenken an.

In meiner Kreis mit Kreuz-Serie geht es um Frauen, die sich aus Beziehungen befreien, aber damit auch aus “Rollen”, die ihnen zugedacht werden. Kritikpunkt bei Heike war, dass Heike nicht einmal versucht, die Beziehung zu retten. Ich frage warum, wenn sie offensichtlich ohne ihren Mann glücklicher ist. Hier frage ich sehr provokant, warum eine Mutter nicht das tun können soll, was viele Väter unbehelligt von der Gesellschaft seit Menschengedenken tun.

Uff. Da hast Du Dich an eine sehr heikle Thematik rangewagt. Finde ich total mutig.
Ich würd mich ja selbst gern freimachen von einigen Gedanken, aber so ganz schaffe ich das grad nicht.

eswegen sehe ich das auch anders als @Silvita, die das Bedürfnis hatte zu sagen, dass auch Familie und Fotografieren geht. Natürlich ist so etwas möglich, aber eben nicht zwischen den beiden.

Klar. Im Nachhinein muss ich Dir Recht geben. Zwischen den beiden geht es nicht. Dennoch bleibt irgendwie der Gedanke, warum tut sie den Kindern das an? Irgendwie erwartet man immer, dass eine Mutter die eigenen Bedürfnisse hintenanstellt.

Das liest sich holprig. Bei mir entsteht da kein richtiges Bild im Kopf. "Glänzen im Licht der Deckenstrahler in Lebensgröße" - was meinst Du damit? Kann mir nicht wirklich was drunter vorstellen.
Das habe ich jetzt so gelassen, weil Du bislang die Einzigste warst, die darüber gestolpert ist. Gemeint ist, dass das Fotopapier glänzt und die Fotos sind lebensgroß.

Okay. Danke für die Erklärung.

Den Ehering verschwinden zu lassen fand ich bisschen too much, aber hat mich auch neugierig gemacht, was sie vorhat. Hab erstmal gedacht, sie ist auf der Suche nach einer Affäre :D
Dazu hat auch @Nichtgeburtstagskind etwas geschrieben, aber ich mochte die Symbolik. Sie ist an einem Punkt angekommen, an dem sie sich langsam aber sicher löst.

Okay. Das kann ich jetzt verstehen.

Herrn
Gauloises
Ui. Ich habe extra nachgeschlagen, dass Gaulois das Singular von Gauloises ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das für die Zigaretten auch so gilt. Vielleicht kann jemand helfen, der gut in französisch ist, @RinaWu vielleicht?

Und das wurde dann geklärt und ich hab auch was gelernt :thumbsup:

Ich kann mir vorstellen, dass sie das genießt. Hab mich auch gefragt, warum sie das schon so lange nicht mehr gemacht hat. Anscheinend sind die Kinder nach der Schule öfters bei Oma. Hatte sie ein schlechtes Gewissen? Anderes zu tun? Mitleid hab ich nicht mit ihr. Ich finde, sie hätte einfach früher schon mal für sich einstehen sollen.
Da habe ich etwas nachgebessert. Ich schreibe nun sinngemäß, dass sie sich noch öfters Auszeiten nehmen will. Die Oma bringt ja schon zum Ausdruck, dass Doro öfters ausreißt (Michi solle sich einmal durchsetzen).

Das ist jetzt besser.

An sich finde ich beide Wünsche total legitim. Und lassen sich doch sicherlich irgendwie miteinander vereinbaren. Vielleicht nicht gerade, wenn die Kinder ganz klein sind, aber später. Man muss vielleicht nicht grad ne halbe Weltreise machen. Aber es gibt auch interessante Länder mit tollen Fotomotiven in der Nähe.
Das funktioniert in dieser Geschichte natürlich nicht. Doro hat es mit den Alpen ja versucht und es war ein Drama. Und so klein sind die Kinder ja nicht mehr.

Ja, das stimmt. Aber wirklich groß sind sie auch nicht. Denke halt, für die Kinder muss das schwierig sein. Die Mutter war ja doch viel für sie da und dann von jetzt auf gleich, komplett weg. Ist heftig.

Das hab ich nicht verstanden. Was willst du damit sagen?
Sie legte sich die (praktische) Kurzhaarfrisur als junge Mutter zu und blieb dabei.

Ach so :D

Hier bedienst Du ein bisschen Klischees. Die Frau, die immer für alles sorgen soll, die Einkäufe erledigen, sich ums Essen kümmern. Kann schon verstehen, dass Doro da genervt ist.
Diese Klischees werden heute noch gelebt. Gerase jetzt in Corona-Zeiten gelten Frauen als besonders belastet zwischen Homeoffice und Homeschooling.

Ja, das ist mir leider klar. Grins schief. Wobei ich zum Glück gerade auch an meinem Arbeitsplatz die andere Seite kennenlernen konnte. Bei uns gibt es viele Väter, die Elternzeit nehmen, oder sich die Elternzeit gemeinsam mit der Frau teilen.

Hier finde ich Michi richtig doof. Also durchgängig in der Geschichte hat er von mir kaum Sympathiepunkte bekommen. Ihn bringst Du richtig gut rüber, denn ich denke, er soll auch nicht sympathisch sein, oder?
Er soll kein absoluter Unsympath sein, aber er vertritt ein anderes Weltbild als Doro. Wenn man sich mit Doro identifiziert, wird er natürlich automatisch unsympathisch. @Manfred Deppi hat es ja super auf den Punkt gebracht.

Ja, das stimmt.

Uff. Hier bin ich echt hin und hergerissen. Ich kann irgendwie nachvollziehen, dass sich das Muttersein anders entpuppt in der Phantasie, aber die Aussage, sie würde es praktisch nicht noch einmal machen. Die ist heftig. Hoffentlich hören die Kinder das nie.
Das war meine Absicht.

Gut :thumbsup:

Hier finde ich es gut, dass sie ihn anspricht, sagt, dass sie reden will.
Hier ist Doro ganz anders als Heike.

Ja, das finde ich klasse. Ich bin immer für offene Kommunikation.

Nee oder? Im Ehevertrag? Ernsthaft?
Yo. Das steht oft im Ehevertrag. Eigentlich soll es etwas “Gutes” für die Frau sein. Wenn sie wegen der Kinder auf ein Teil der Karriere verzichtet, soll sie dafür bei einer Scheidung einen finanziellen Ausgleich kriegen. Ich schlucke aber auch immer, wenn ich das lese: Die Ehepartner sind sich einig, dass sie Kinder bekommen wollen. Die Ehepartnerin ist bereit, hierfür auf eine Teilzeitstelle wechseln. Im Falle einer Scheidung ...

Das finde ich echt krass und heftig. Hat mich schockiert.

Und er so gar nicht verständnisvoll. Ich finds schade, dass er nicht mitgeht, sie unterstützt, ihr Zuspruch gibt.
Nun ja, seine Wünsche werden gerade völlig missachtet.

Oooh, der arme Mann! "Sarkasmus"

Hier kann ich Michis Reaktion nachvollziehen. Er hört erstmal nen Männernamen, klar, dass er dann denkt, sie hat nen anderen.
Alles in allem schimmert er aber immer wieder als sehr eifersüchtiger Typ rüber. Ich würde den auch nicht als Mann haben wollen.
Ist das nicht die Reaktion von jedem? Diese Angst, der Partner, die Partnerin hat einen neuen, wenn es an die Grundfesten der Beziehung geht? Ich hatte jedenfalls keine Trennung, bei der das nicht eine der ersten Fragen war (gleich von welcher Seite).

Wohl wahr. Ja, da hast Du Recht. Die Frage kommt dann immer auf.

ber ganz konkret: Doros Wünsche sind nicht familienkompatibel. Sie geht ja für mehrere Jahre nach Afrika/Indonesien. Sie möchte als Fotografin richtig durchstarten und das nicht erst mit fünfzig.

Ich frag mich, hat sie nie ein schlechtes Gewissen wegen der Kinder?

Generell finde ich, jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, sich selbst zu verwirklichen - und sie macht das und obwohl ich tolerant bin, sträubt sich in mir so einiges gegen ihr Verhalten.
Genau das möchte ich hinterfragen: Warum? Und ging es Dir bei Karsten ähnlich?

Das hatte ich oben etwas erklärrt. Will mich selbst auch gerne von Rollenklischees freimachen. Aber der erste Gedanke ist immer - die Mutter ist die Hauptbezugsperson, sprich, die Kinder können eher auf den Vater verzichten, der vielleicht eh schon die ganze Zeit hauptberuflich tätig war / auf Geschäftsreisen etc. Dabei ist mir bewusst, dass nicht alle Kinder-Mutter Beziehungen toll sind, dass viele Kinder den Vater mehr lieben als die Mutter.

ielen Dank! Das Sprachliche habe ich größtenteils umgesetzt. Das war ein gutes Lektorat.

Gern geschehen.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.

Liebe Grüße,
Silvita

 

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