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Kritik zur Kritik über die Kritik

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07.05.2026
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Kritik zur Kritik über die Kritik

Seit fast zwei Jahrzehnten flimmern MCU-Filme über die Kinoleinwände auf der ganzen Welt und werden dabei von nicht wenigen Menschen lautstark bejubelt. Adornos Kulturindustrie hat damit Maße angenommen, welche einen nur zu einem Kulturpessimisten machen können. Kunst nur als kopfloses Konsummittel, meistens gepaart mit einem Besuch in Multiplexkinos, wo während der Vorstellungen massenhaft Nachos sowie Popcorn inklusive Cola konsumiert werden. Neben diesem Aspekt – also der Einstellung gegenüber dem Kino und der Filmkunst, dass diese lediglich auf den Unterhaltungswert reduziert wird – kommt noch dazu, dass die durchschnittlichen Kinogänger sich nur selten mit dem Gesehenen auseinandersetzen, geschweige denn mit den Kumpanen, mit welchen sie z. B. in der Vorstellung sitzen, reden und über den Film resümieren. Nach der Sichtung eines Films wird letzterer nur auf eine sehr einfältige Form beleuchtet: Hat er mir gefallen oder nicht? Ja oder nein? Und weiter geht es nicht.

Wenn man auch nicht erwarten kann, dass alle Kinogänger:innen grundsätzlich jeden Film innerhalb von 15 Minuten mit akademischem Vokabular durchanalysieren, so ist es ein Armutszeugnis für einen großen Teil dieser Gesellschaft, wenn man davon ausgeht, dass keine andere Form der Besprechung über einen Film möglich ist als das reine Formulieren darüber, ob er denn nun „gut“ oder „schlecht“ sei. Denn genau dazu sind viel mehr Menschen in der Lage, als man denkt. Doch steht es im Interesse der Filmproduzierenden? Macht es einen Unterschied, ob die Leute über das Gesehene nachdenken, oder ist man zufrieden genug, wenn sie die überteuerten Karten bezahlen? Diese rhetorischen Fragen beantworten sich in einem Zeitalter, in welchem sich Kulturindustrie und Unterhaltungsökonomie in der Gesellschaft verfestigt haben, quasi von selbst. Selbst wenn man vom reaktionären Denken weggeht, in welchem man sich sehnlich eine Zeit zurückwünscht, in welcher das Besprechen von Kunst mehr umfasst als bloßes Schwarz-Weiß-Denken, so kommt man nicht drumherum, den Umstand zu kritisieren, dass sich das Kino mit der Art und Weise, wie produziert wird, und vor allem, was produziert wird, seit Jahren in einer Sinnkrise befindet.

Wie etwas rezipiert wird, ist also fast schon zweitrangig, wenn das Problem eigentlich darin liegt, was sich in den Kinosälen mehrheitlich angesehen wird. Anfangs war in diesem Aufsatz die Rede von den Filmen des Marvel Cinematic Universe; neben diesen Filmen sind es vor allem Filme wie aus dem „Fast & Furious“-Franchise sowie zahlreiche Netflix-Produktionen, hauptsächlich in Form von Serien, welche die breite Masse erreichen. Sie schaffen es vor allem durch das Anwenden gängiger Drehbuchregeln und dem Wiederkäuen von den immer selben Handlungsstrukturen mit billigsten Mitteln, die Zuseher vor allem über die emotionale Weise ins Boot zu holen. Durch diese Emotionalität entsteht eine unnatürlich enge Symbiose mit dem Fiktiven, und damit finden sich die Konsumenten jener Erzeugnisse aus der Kulturindustrie in einem Zustand wieder, in welchem das Reflektieren in jeglicher Form durch die emotionale Verblendung fast schon unmöglich ist. Dieser Zustand des „Nicht-Denkens“ ist quasi genau die Falle, in welcher man die Konsumierenden haben möchte; ähnlich wie beim sogenannten „Doomscrolling“ geht es hier nur darum, die Menschen so lange wie möglich an das Produkt zu binden. Ein perfektes Beispiel für so eine Art von Höhepunkt des Konsums ist der von Disney ins Leben gerufene eigene Streamingdienst, welcher genau dann eingeführt wurde, als das Marvel Cinematic Universe nach „Avengers: Endgame“ seine eigenen Rekorde, zumindest wenn es um die Einspielergebnisse geht, doppelt und dreifach gebrochen hat. Es war ein Punkt, an dem man das Publikum so fest in den Händen hatte, dass es Zeit wurde für eine neue Form der Kommerzialisierung. Aus Sicht der Betriebswirtschaft natürlich eine wunderbare Strategie und Umsetzung.

Die Entfremdung des menschlichen Subjekts, welche hier stattfindet, sorgt also eben für die unmündige Haltung gegenüber der Filmlandschaft, und die Hemmschwelle dafür, diese Filme kritisch zu betrachten oder sogar den massiven Schritt zu gehen, Filme außerhalb dieser Franchises zu sehen, wird immer höher. Man suhlt sich in Sicherheit. Man weiß, was auf einen zukommt, auch wenn man für manche Momente im Film glaubt, der titelgebende Held sei kurz davor, eine Niederlage zu erleiden (oder man redet sich eben ein, dass man es glaubt).

Hier sind also bereits alle Vorlagen dafür gegeben, dass die Kulturindustrie Subjekte formt, welche nicht weiter darüber nachdenken, was sie wie konsumieren. Und sie formt sich sogar eine eigene Armee an Menschen, welche diese Vormachtstellung vollkommen verteidigt und jegliche Form der Kritik abwehrt. Es geht hierbei nicht einmal um die formelle Kritik über die Filme, sondern vielmehr darum, dass die Kritik an den Franchises selbst kritisiert wird. Dass manche MCU-Filme „schwächer“ sein sollen, wenn es um Kameraarbeit oder Schauspiel geht, darüber werden sich selbst die Fans einig. Doch versucht man, wie gerade hier in diesem Essay, die Strukturen dahinter als Ganzes genauer unter die Lupe zu nehmen, dann hört man besonders einen Satz ganz häufig: „Ja, aber es ist ja nur Unterhaltung.“ Diese „Nicht-Haltung“, welche man dann einnimmt und vehement verteidigt, ist der letzte Baustein, welchen man für die autoritären Züge braucht, die z. B. das MCU als transzendentale Entität einnimmt, um Kritikunfähigkeit salonfähig zu machen.

Das Kunstkino ist mittlerweile eine elitäre Nische geworden; wenn es auch selbst Probleme hat und mittlerweile voller Klischees ist, werden in zahlreichen Kinos in Wien auch sehr interessante Retrospektiven gezeigt. Ein anderer gesellschaftlicher Umgang ist nötig, um diese Möglichkeiten wahrzunehmen, jedoch muss dies auf eine ungezwungene Weise geschehen. Der Versuch, Jugendliche oder auch jüngere Schüler und Schülerinnen mit Arthouse-Filmen und Klassikern zu indoktrinieren, kann nämlich in einer Rebellion enden. Welcher Schüler möchte schon vorgelegt bekommen, was er oder sie sich anzusehen hat? Idealerweise zerfallen die Franchises selbst so sehr, dass die Leute ihrer müde werden. Und im besten Fall trauen sie sich dann zu, Filme außerhalb ihrer Bubble zu genießen, diese zu besprechen und auch zu lieben, zu hassen oder zu hasslieben. Ein deutscher Filmregisseur meinte einst, Kino sei subversiv. Doch eine elitäre Nische ist genau das nicht. Sie grenzt aus, auf ihre eigene Weise, ähnlich wie es die MCU-Filme machen. Erstere vielleicht aus Snobismus, letztere definitiv des Geldes wegen.

Das Kino sollte nicht selbst Teil dieser schwarz-weißen Welt werden, sondern klar darüber stehen. Es muss nicht aufklären, aber es kann den Horizont erweitern. Es kann als Ort des Rückzugs wahrgenommen werden, welcher einen wiederum darin bestärkt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das Kino muss nicht größer als das Leben sein, aber es kann einem überhaupt erst das Potenzial des Lebens aufzeigen. Gehen Sie ins Kino!

 

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