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Kult der ockeren Natter

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03.10.2020
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Anmerkungen zum Text

Geplant ist ein Bestiarium kurzer, auf 500–700 Worte verdichteter Geschichten zwischen Horror, Weird Fiction, Science Fiction und weiteren Zutaten. Jede Erzählung trägt den Namen eines fiktionalen Tieres und bewegt sich in einer eigenen Welt, mit eigenem Stil und Genremix.

Der Kult der ockeren Natter ist der letzte Teil der Serie.

Zum ersten Teil: Der Geigenvogel
Zum zweiten Teil: Der makkabäische Bär

Unerwartet ist dieser Text bereits zum Schluss des Bestiariums geworden. Etwa fünf weitere Tiere sollen noch folgen, auch wenn ich zur Abwechslung wohl zunächst wieder etwas anderes schreiben werde. Obwohl der Kult der ockeren Natter den Endpunkt des Zyklus bildet, ist die endgültige Reihenfolge noch nicht festgelegt.

Kult der ockeren Natter

Unsere Finger an scharfkantigem Stein. Ein Schlag und der Geruch von Pyrit. Der Funke springt über das Ocker unserer Ahnen, verschwindet im trockenen Gras, wir sind Zeugen bei der Geburt der atmenden Schatten, und in ausgeschlagenen Felsbecken zerstoßen wir das Pigment, eingelegt im Talg unserer Haut, im quarzdurchzogenen Herz dieser Erde, wo das Mahlen unser Fleisch und die Höhlen zum Beben bringt.
Die Mütter spitzen die Hölzer der Eibe zu, aus Zweigen frisch geschlagen. Legen sie in die Schalen aus Achat. Verfolgen die Onyxbänder mit den Fingern. Sie nehmen uns an den Händen, und unser Atem wird eins mit der Hitze, vergoren aus zahnlosen Mündern, im Schnalzen der Zungen zerfließen unsere Körper, mit feuerfeuchten Lidern halten wir das nasse Erstgeborene in unserer Mitte. Auf Stechapfelblättern die gehäutete Schlange. Die Fasern der Hölzer eingerieben mit ihrem schwarzen Saft.​

Weicher Mensch.
Der Gegensatz von Stein.
Feine Haut und spitzes Holz.
Eine Wiege.
Ins Leben getragen vom Gift unseres Bluts.

*​

In deiner Handfläche noch die Splitter vom Rad. Getränktes Leder und geschwärzte Nägel. Ein Ring mit unserem Siegel. Wir stechen dir in den Hals und du lebst. Unter den Rußbalken der Pfahlhäuser schreitest du in unseren Reihen, in diesem Land heimgesucht von Fäulnis und Klinge, die Pendel der Ockerschalen trägst du an Ketten, gespaltene Zungen markieren jede Tür, und aus den Bronzegefäßen steigt der Rauch so bitter. Zur Wiedergeburt leiten uns Fackeln aus Pechholz den Weg. Priester ziehen deine Gedärme auf die Speichen des Rads, und wenn die Glocke erklingt, betreten die Mütter die Häuser in Stille, führen den Neugeborenen einen Tropfen auf die Lippen, und die Sonne in der Wärme deines Blutes ertrinkt, das Erz noch in Schwingung.
Wenn die Nacht am tiefsten steht, führen wir dich zum Feuergraben. Dein Gesicht weiß vor Asche, die Wunden eingerieben mit Salz und Salpeter, das Holz für die Eibe in Kreisen gepflanzt, durchstoßen wir deine Haut und den Körper der Zeit, erinnern uns an das Aufwachen in Dunkelheit und Stein. Mit geschmiedetem Stahl unterstützen wir die Häutung, schneiden gründlich und tief, du legst ab den alten Brauch, deine Hände erhoben zur Feier der Taufe. In dein rotes Fleisch fällt Ockerstaub. Linien der Geschichte lesbar im Aderlass des erstgeborenen Kinds.​

Du bist verhärtet.
Dein Blut entweiht.
Versiegelt in dir.
Ein neuer Tod.
Schlafend im Schatten der Ewigkeit.​

*​
Mein Gesicht in gebrochenem Glas. Bewegung hinter kalter Scheibe. Meine Lunge verklumpt von Diesel, Öl und Gas. Ich drück den Schalter für das Licht der toten Sonne. Trag ein Spiegelamulett, ganz nah an meinem Körper. Meine Finger kleben auf der glatten Oberfläche. Ich suche nach dem letzten Staub der Erde. Aufgekochtes Pulver flutet meine Venen, reinigendes Gift im leeren Tempel der Häutung. Ich fahre durch vertikale Gräber, steige aus in Schlangen rostzerfressener Gänge, wo der Funke jetzt erloschen ist. Nur das spitze Eibenholz ist mir noch geblieben, verborgen im Aufschlag meines Mantels. In Glas eingeschlossen, trage ich weiter den Traum unserer alten Begehrlichkeit.​

Allein unter allen.
Die Häutung missglückt.
Fremd in der Natur.
Vergiftet.
Und am eigenen Werkzeug erstickt.

 

Hallo @deserted-monkey

Ganz so schlimm wie @Frieda Kreuz erging es mir nicht. :) Die wichtigste Anforderung an das Genre Weired Fiction hat diese Geschichte voll erfüllt, nämlich sonderbar zu sein. Für mich ist das eine Variation des Vampirmythos. Ja, man kann solche Geschichten einfach auf sich wirken lassen und die Atmosphäre zu genießen versuchen, aber aus einem Reflex heraus bin ich immer bemüht, die Story hinter dem sonderbaren Schleier zu entschlüsseln:

Ein seltsames Ritual, der Erstgeborene wird durch Schlangengift zum Leben erweckt und sein Blut Neugeborenen gegeben, wonach er gehäutet wird, um wieder einmal zu sterben. Bei der letzten Häutung ist etwas misslungen und der Erstgeborene befindet sich in der Gegenwart. Als eine Art Vampir? Solche Entschlüsselungsversuche bereiten mir grundsätzlich Vergnügen, aber ohne weitere Hilfestellung geht es für mich hier nicht weiter. Und um die Atmosphäre zu genießen, müssten für mich Bilder aufploppen, aber das klappt oft nicht, weil die Sätze so sperrig sind. Außerdem hast du gleich zweimal einen Perspektivwechsel drin, wenn ich das richtig verstanden habe, ganz schön viel für diesen kurzen Text, zudem nicht ohne weiteres erkennbar.

Weil der Text für mich insgesamt zu verrätselt ist, kann ich auch nicht nachvollziehen, was die Geschichte mit "Philosophisches" zu tun hat.

Hier noch ein paar Details, die mir aufgefallen sind:

Der Funke springt über das Ocker unserer Ahnen, verschwindet im trockenen Gras, wir sind Zeugen bei der Geburt der atmenden Schatten, und in ausgeschlagenen Felsbecken zerstoßen wir das Pigment, eingelegt im Talg unserer Haut, im quarzdurchzogenen Herz dieser Erde, wo das Mahlen unser Fleisch und die Höhlen zum Beben bringt.
Ein Monstersatz gleich zu Beginn. Das ist mühsam zu lesen. Eine Flut von rätselhaften Informationen prasselt, in einen einzigen Satz zusammengepresst, auf den Leser ein Ich würde den Satz mindestens einmal teilen.
Die Mütter spitzen die Hölzer der Eibe zu, aus Zweigen frisch geschlagen.
Aus Zweigen frisch gebrochen. Für mein Empfinden werden Bäume geschlagen und Zweige gebrochen.
Sie nehmen uns an den Händen,
Erst ziemlich spät wird die Erzählperspektive deutlich. Die Kinder. Das Problem ist nur, was für Kinder sind das, die sich so literarisch auszudrücken wissen?
mit feuerfeuchten Lidern halten wir das nasse Erstgeborene
Feuerfeucht? Feuer wirkt doch eher nicht befeuchtend. Einfach nur feucht. Außerdem. Sie halten das Erstgeborene doch nicht mit ihren Lidern. So liest es sich aber.
Ins Leben getragen vom Gift unseres Bluts.
Das ist jetzt die Perspektive der Schlange, oder? Später erleben wir noch die Perspektive des Erstgeborenen.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Frieda Kreuz

Das tut mir leid. Trotzdem meinen besten Dank fürs Lesen und deinen Kommentar!

Beste Grüsse,
d-m



Hallo @Sturek

Vielen Dank für dein Feedback und deine Beschäftigung mit dem Kult der ockeren Natter! Habe mich sehr gefreut, von Dir zu lesen.

Ganz so schlimm wie @Frieda Kreuz erging es mir nicht. :)
Na, da bin ich doch schon ein wenig beruhigt! :-) Aber klar, der Text geht natürlich einige Risiken ein: Es gibt keinen handelnden Charakter, keinen 'echten' Plot, die Sprache kratzt gefährlich am Kipppunkt entlang, die sie leicht ins Überhöhte oder gar Lächerliche ziehen könnte, und ausserdem -- so denke ich -- wirkt der Text auch sehr hermetisch, also wenig zugänglich. Das sind Punkte, die mir durchaus bewusst waren, dennoch wollte ich dieses Risiko eingehen.

Die wichtigste Anforderung an das Genre Weired Fiction hat diese Geschichte voll erfüllt, nämlich sonderbar zu sein. Für mich ist das eine Variation des Vampirmythos.
Danke! Und sehr spannend, dass Du es als eine Anlehnung an den Vampirmythos liest. Daran habe ich gar nicht gedacht, aber ich finde den Vergleich bzw. deine Lesart eigentlich ganz treffend.
Ein seltsames Ritual, der Erstgeborene wird durch Schlangengift zum Leben erweckt und sein Blut Neugeborenen gegeben, wonach er gehäutet wird, um wieder einmal zu sterben. Bei der letzten Häutung ist etwas misslungen und der Erstgeborene befindet sich in der Gegenwart. Als eine Art Vampir?
Ja, die Struktur ist vielleicht nicht ganz einfach zu durchblicken. Also ich lese es so: Am Anfang (im ersten Abschnitt) wird der Kult ins Leben gerufen, es entsteht eine Gemeinschaft, das 'Wir'. Im nächsten Abschnitt haben sich innerhalb dieser Gemeinschaft bereits Strukturen und Hirarchien gebildet, ein neues Kultmitglied wird aufgenommen, das 'Du', wobei das Ritual mittlerweile angepasst wurde an die neue Zeit (Rad, Leder, Nägel etc.). Am Ende -- vielleicht in heutiger Zeit oder in naher Zukunft -- existiert nur noch das Individuum, das 'Ich', die Gemeinschaft scheint auseinandergebrochen, ist vielleicht gar nicht mehr existent, und das 'Ich' erinnert sich wehmütig an die Vergangenheit bzw. kann diese nicht ablegen.

Weil der Text für mich insgesamt zu verrätselt ist, kann ich auch nicht nachvollziehen, was die Geschichte mit "Philosophisches" zu tun hat.
Verstehe ich, hatte auch etwas Mühe, die Tags zu setzen, 'Horror' war irgendwo klar, aber der Rest schien nicht zu passen. Mit 'Philosophisches' schien mir der Text noch am meisten gemeinsam zu haben ... Vielleicht nehme ich ihn auch noch raus, danke für die Anmerkung.

Ein Monstersatz gleich zu Beginn. Das ist mühsam zu lesen. Eine Flut von rätselhaften Informationen prasselt, in einen einzigen Satz zusammengepresst, auf den Leser ein Ich würde den Satz mindestens einmal teilen.
Kann ich auch nachvollziehen und schaue mal, wie ich es alternativ machen könnte. Es ist schon gewollt, dass der Text mit kurzen und ellenlangen Sätzen 'spielt', gerade die Monstersätze sollen eine Art Gesangsstruktur etablieren, also die Sprache soll dieses Kultische, Liturgische und Archaische mittragen.

Aus Zweigen frisch gebrochen. Für mein Empfinden werden Bäume geschlagen und Zweige gebrochen.
Verstehe den Einwand. Ich hatte erst 'abgeschlagen', habe es dann aber verkürzt zu 'geschlagen'. Ich überlege mal noch. 'Gebrochen' klingt intuitiv weniger ritualisiert, weniger handwerklich, bin mir nicht sicher, obs zur Materialsprache des Kults insgesamt passen würde. Danke aber für den Denkanstoss.

Erst ziemlich spät wird die Erzählperspektive deutlich. Die Kinder. Das Problem ist nur, was für Kinder sind das, die sich so literarisch auszudrücken wissen?
Interessant, dass Du das 'Wir' als Kinder liest. Also klar, ich sehe diese Lesart schon auch, mir war -- wie schon weiter oben geschrieben -- wichtig, dass das 'Wir' als kultisch-kollektiv funktioniert, als Gemeinschaft. Ich lese es nicht unbedingt als Kinder- sondern eher als Ritualsprache.

Feuerfeucht? Feuer wirkt doch eher nicht befeuchtend. Einfach nur feucht. Außerdem. Sie halten das Erstgeborene doch nicht mit ihren Lidern. So liest es sich aber.
Zum ersten Punkt: 'Feuerfeucht' stelle ich mir so vor, dass die Augen(lider) feucht sind wegen des Rauchs und der Hitze. Zum zweiten Punkt: Nun, ich denke, das ist verkürzt/komprimiert geschrieben. Dass sie das Erstgeborene nicht mit den Lidern halten, sondern mit den Händen, sollte klar bzw. logisch sein. Aber ich merke schon, dass ist alles ziemlich an der Grenze zum Verständlichen geschrieben, vielleicht muss ich das wirklich stellenweise klarer machen.

Vielen Dank für deine intensive Beschäftigung mit dem Text, Sturek! Du hast mir mit deinem Feedback sehr weitergeholfen und mich auch dazu gebracht, weiter an dem Text zu studieren und mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen.

Beste Grüsse,
d-m

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @deserted-monkey

Ich habe deine Geschichte schon vor einer Weile gelesen, aber kam leider noch nicht dazu, dir ein Feedback zu schreiben.

Wenn man deinen Text zum ersten Mal sieht, steht man wirklich an einer Wand. Sätze, die zwar geschliffen sind, aber so undurchdringlich wie eine Mauer wirken. Und erst, wenn man mehr oder weiter liest und wieder etwas zurückgeht, beginnt man plötzlich zu verstehen (oder man glaubt zu verstehen).
Der Text ist aufgrund seiner Erzählweise nicht so einfach zu lesen. Nehmen wir mal die chronologsiche Einordnung der einzelnen Abschnitte, dann haben wir zunächst den Hinweis auf die Umgebung der handelnden Menschen: Steine, Felsen und Höhlen. Offenbar sind wir in der Steinzeit. Die Menschen dort vollführen ein Ritual. Die Menschen bleiben dabei etwas diffus, wir haben "uns" und "eine Mutter". Die Menschen scheinen das Ritual zu machen, weil sie wahrhaftig an das Ritual glauben. Ob es sich um eine Art Taufritual oder doch ein Opferritual geht, kann ich aber ehrlich gesagt nicht genau sagen. Ich vermute aber eher letzteres.

Im zweiten Abschnitt verändert sich die Umgebung: Die Menschen haben ein Rad, sie haben hölzerne Gegenstände, auch Bronze wird erwähnt und Pfahlhäuser oder ein Siegelring. Hier sind wir wohl in der Bronze- oder Eisenzeit.
Die Gesellschaft ist hier schon komplexer, wir ein "Wir" und ein "Du" sowie auch noch "die Priester". Hier haben wir gesellschaftliche Hierarchien, die Menschen leben nicht mehr in einer gemeinsamen Höhle, sondern in einem Dorf. Im Zentrum des Rituals steht die "Du-Person" und das Ritual scheint alles andere als angenehm zu sein.
Wenn wir jetzt die handelten Personen vergleichen, dann hat sich die Art und Weise des Rituals verschoben. In der Steinzeit hatte es noch keinen Priester, jetzt aber schon. Es hat auch keine Unterteilung in ein "Du" oder "Wir" gegeben. Das Ritual war in der Steinzeit ein Ritual, mit dem die Menschen aus eigenem Antrieb daran teilgenommen haben, weil sie es inbrünstig geglaubt haben. In der Steinzeit aber scheint die Religion stärker verwendet zu werden um die Gesellschaft zu formen, auch wenn sie immer noch grundsätzlich daran zu glauben scheinen. Das Ritual scheint sich auch insofern verschoben zu haben, weil es in der Eisenzeit kollektiver ist. Im ersten Teil ist nur ein Neugeborener und in der Eisenzeit handelt sich um mehrere Neugeborene und mehrere Mütter, die daran teilnehmen. Während das Ritual also in der Steinzeit individuell bei der Geburt des Erstgeborenen stattfindet, scheint es in der Steinzeit eher an einem bestimmten Zeitpunkt stattzufinden und alle Erstgebornenen werden auf einmal dem Ritual unterzogen.

Der letzte Abschnitt wiederum macht einen ziemlichen Zeitsprung, wir haben hier plötzlich Glas, Gas und Diesel. Und "vertikale Gräber", was wohl Hochhäuser sein sollen. Hier scheint eine Person, ein "ich", sich an das Ritual zu erinnern, an ein Echo. Die "Ich"-Person scheint ziemlich desillusioniert zu sein. Das vorherrschende Gefühl ist hier eine Leere, die aber durch permanente Bewegung übertüncht wird.

Müsste ich raten, würde ich sagen, dass wir hier die Geschichte der Religion selbst als Protagonisten haben. Viele religiöse Überzeugungen, wie etwa die Vorstellung vom Jenseits, könnten durchaus in der Steinzeit entstanden sein. Auch die Bibel enthält Passagen, die man als eine Übergangsgeschichte von Stein- und die Bronzezeit interpretieren kann (David kämpft ja z. B. mit einer Steinschleuder gegen den Goliath in seiner Bronzerüstung). Im Lauf der Zeit veränderte sich dann die Religion, weil sie institutionalisiert wurde und auch mit gesellschaftlichem Druck Aufrecht erhalten wurde. Der moderne Typ, der das individuelle Ich darstellt, scheint noch an das Ritual zu glauben, ist allerdings traurig weil es nicht funktioniert hat (weil offensichtlich der Kult langsam ausstirbt oder sogar ausgestorben ist).

Wenn man die Geschichte liest, dann ist man permanent gefordert sie zu decodieren. Zuerst muss man die Zeiten decodieren, um überhaupt zu verstehen, in welchem Kontext das geschieht. Dann muss man die handelten Personen decodieren, nur um dann auf einer höheren Ebene nochmal zu decodieren, dass das Ritual / die Religion selbst die Hauptfigur ist. Sollte man so schreiben? Ich finde, es lohnt sich schon, es ist ein interessantes Gefühl, sich auf den Text einzulassen und ihn zu decodieren. Dass das allerdings nicht alle Leser möchten, ist natürlich klar.

Als ich den modernen Teil gelesen habe, erschien mir plötzlich ein Bild vor Augen. Ich sah einen Typen, der durch eine Grosstadt geht und Hochhäuser verlässt - dabei sagte eine Stimme aus dem Off "ich fahre durch vertikale Gräber". Das war für mich ein guter Payoff - plötzlich eine Art inneres Kino zu erhalten. Gleichzeig fand ich aber auch, dass die Erzählstimme sich etwas verhält wie ein Erzähler im Noir-Film. Beim Noir-Film funktioniert es natürlich besser, weil wir als Zuschauer auch ein Bild haben um den Text zu verstehen. Bei deinem Text fehlt das Bild jedoch - wir müssen es als Leser selbst heraufbeschwören, was allerdings gar nicht so einfach ist, weil man wie gesagt, zu erst ein Verständnis erreichen muss. Gross ändern würde ich aber an der Geschichte ehrlich gesagt nicht viel, es gefällt mir ganz gut so wie es ist. Das Spannende an dem Text ist ja, dass man ihn entschlüsseln kann.

Sprachlich gibst du uns vor allem mit Kulturgegenständen oder Werkzeugen einen Halt: Zunächst Steine und Höhlenwände, dann Räder, Ringe und Bronze und zum Schluss ein Glas, das man offenbar transportiert. ;) Die Sprache ist sehr präzise und bewusst, gleichzeitig auch sehr bildreich.

Die drei "Gedicht-Einschübe" nach den Abschnitten haben mir übrigens sehr gut gefallen, sie haben einen sehr guten Klang und heben sich sprachlich von den stellenweisen doch längeren Sätzen wohltuend ab.

Du hast geschrieben, dass du diesen Teil versehentlich als letzter Teil des Bestiariums geschrieben hast. Vielleicht wäre es auch eine Idee, bewusst ein erster Teil zu schreiben? Wenn wir diese Geschichte lesen, dann sind wir als Leser permanent gefordert die Geschichte zu verstehen, wir müssen Setting, Kontext, Figuren und Handlung erst decodieren. Vielleicht könnte dir ein erster Teil die Gelegenheit geben, eine Art Einstiegstext zu schreiben? Ein Text, wo es vielleicht um eine Kreatur vom Ursprung aller DInge geht oder so und wo du mehr einfach deutlich benennen könntest, so dass man als Leser mehr Ankerpunkte hat und auch einfacher lesen kann?

So viel zu meinen Gedanken. Hoffe, das hilft dir etwas.

Liebe Grüsse
Lazar

 

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