Was ist neu

Kurzgeschichten frei schreiben?

Mitglied
Beitritt
26.03.2003
Beiträge
72

Kurzgeschichten frei schreiben?

Hey,

ich habe gerade Das Leben und das Schreiben von Stephen King gelesen und konnte viel mitnehmen. Hat mir gut gefallen!

Beeindruckend und überraschend fand ich, dass er seine besten Romane anscheinend ohne konkrete Plotidee geschrieben hat. Er hat eine Welt im Kopf, eine detaillierte Personenkonstellation, und dann lässt er alles aufeinander los und guckt beim Schreiben, was da so passiert. Spannend. Ich kann mir gut vorstellen, dass da sehr lebhafte und bildliche Texte bei entstehen. Und dass das Schreiben unterhaltsamer ist, als wenn man eine Szenenliste von A bis Z durcharbeitet. Allerdings sollte man auch darauf gefasst sein, möglicherweise hunderte Seiten wieder in die Tonne zu kloppen, weil es eben doch nicht aufgeht.

Jetzt frage ich mich, ob das für Kurzgeschichten nicht auch mal ein Ansatz wäre. Erstmal finde ich die Vorstellung merkwürdig, weil KGs so verdichtet, so konzentriert sind. Wie eine Choreographie, in der jeder Satz an genau der richtigen Stelle steht, um die maximale Wirkung zu entfalten. Beim freien Schreiben aber, ohne Plan, hat man das vielleicht nicht. Es ist schwierig, die Dinge aufeinander zulaufen zu lassen, wenn man anfangs noch gar nicht weiß, worauf denn alles hinauslaufen soll.

Hat jemand von Euch hiermit Erfahrungen? Beispielgeschichten? Fände ich spannend und würde gerne mehr darüber hören.

Yo
Mel
 
Mitglied
Beitritt
02.05.2020
Beiträge
79
Na ja, Stephen King hat eine ganze Menge Kurzgeschichten geschrieben. Ich gehe davon aus, dass er dabei in seiner gewohnten Art und Weise vorgegangen ist, sie wären also allesamt Beispiele dafür.
Er schreibt halt nicht Plot-getrieben sondern Charakter-getrieben. Da er sich sowohl Protagonist als auch Antagonist erarbeitet und deren Konflikt definiert, hat er ja alles, um den ersten Entwurf zu schreiben, ohne völlig in der Irre zu landen. Und im ersten Entwurf ist ja noch nichts wirklich fest, nur der grobe Ablauf ist freigelegt.
Ich mochte seine Kurzgeschichtensammlungen "im Morgengrauen" und "der Fornit". Mein Favorit ist "Der Überlebenstyp" aus "Der Fornit".
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
318
Ich versuche mich ja erst seit einigen Monaten am Schreiben, aber die vorherige Geschichte "Zu den Anfängen" habe ich nur mit der Grundidee begonnen, dass Außerirdische sämtliche Häuser samt Inhalt zerstören, und ich hatte eine ungefähre Vorstellung von der Protagonistin.

Ich bin mir nicht sicher, ob das hiermit gemeint ist, aber ich habe letzten Endes von Szene zu Szene überlegt, wie es weitergehen könnte, hatte also vorher keinen durchdachten "Szenenplan".

Es geht m.E., wenn man bereit ist, nicht linear zu arbeiten. Also immer mal wieder auch zu vorherigen Szenen zurückzukehren und diese ggf. inhaltlich überarbeiten. Aber das wird man ja ohnehin müssen.

Bei vorherigen Texten habe ich es schon mal anders versucht, mir einen Handlungsstrang bis zum Ende überlegt. Dabei dann aber immer wieder gemerkt, dass es ohnehin nicht lange dauert, bis ich beim Schreiben neue Ideen habe und davon abweiche. Daher lasse ich es mittlerweile und fange "einfach mal an".

Soweit meine Erfahrungen aus erst einigen Schreibmonaten.

@feurig

Ich habe lange nicht mehr dran gedacht, aber "Der Überlebenstyp" von Stephen King ist mir auch im Gedächtnis geblieben. Immer mit der Frage: Was würde ich zuerst opfern? Ich meine mich zu erinnern, dass er mit dem Ohrläpchen angefangen hat?
 
Mitglied
Beitritt
10.07.2020
Beiträge
73
Hallo @Mel und @feurig,

ich finde die Frage der Herangehensweise auch sehr, sehr interessant - und Stephen King ist grundsätzlich immer gut. :-)

Es gibt mittlerweile einige Podcasts, die sich mit dem Schreiben auseinandersetzen. "Writing Excuses" finde ich zurzeit sehr spannend. Dort werden die verschiedenen Schreibstile - ich glaube, im Englischen sprechen sie von "Discovery Writing" und "Plotted Writing" - auch oft diskutiert. Sehr zu empfehlen!

Viele Grüße, ich lese mit!

Christophe
 
Mitglied
Beitritt
10.07.2020
Beiträge
73
@feurig und @Rob F,

"Survivor Type" ist eine der effektvollsten Kurzgeschichten, die ich kenne. (Nicht unbedingt eine der schönsten, aber hey, es ist Horror.) Ich weiß natürlich nicht, wie King sie damals geschrieben hat - aber ich finde, sie passt perfekt zu der Theorie der Kurzgeschichte, wie Edgar Allan Poe sie entwickelt hat: Eine Kurzgeschichte muss in einer Sitzung durchgelesen werden können, sie muss einen Sog entwickeln, der immer stärker und stärker und stärker wird - und sie muss auf den letzten, heftigen Effekt hin verfasst sein. ("Butterfingers they taste like butterfingers", glaube ich ... ;-) )

Meine persönliche These wäre ja, dass King an Kurzgeschichten als Plot-Writer herangeht - schlicht und ergreifend, weil seine Kurzgeschichten oft auf einen entscheidenden Wendepunkt, eine Pointe, zielen, während er seine Romane eher als Discovery Writer schreibt. Aber das ist total spekulativ.

Viele Grüße!

Christophe
 
Mitglied
Beitritt
02.05.2020
Beiträge
79
Ich habe lange nicht mehr dran gedacht, aber "Der Überlebenstyp" von Stephen King ist mir auch im Gedächtnis geblieben. Immer mit der Frage: Was würde ich zuerst opfern? Ich meine mich zu erinnern, dass er mit dem Ohrläpchen angefangen hat?
Oh, gute Frage. War es nicht der zeh, der sich entzündet hatte und damit den Amputationen den Weg bereitete?
Ich habe immer das letzte Bild davon im Kopf. Wie er selbst darüber philosophiert, was wohl von ihm übrig ist, falls ihn doch noch jemand findet :sconf:
 
Mitglied
Beitritt
02.05.2020
Beiträge
79
Meine persönliche These wäre ja, dass King an Kurzgeschichten als Plot-Writer herangeht - schlicht und ergreifend, weil seine Kurzgeschichten oft auf einen entscheidenden Wendepunkt, eine Pointe, zielen, während er seine Romane eher als Discovery Writer schreibt. Aber das ist total spekulativ.
Hm, ich bin da unschlüssig, die Herangehensweise bei der oben genannten Kurzgeschichte kann auch schlicht "was macht ein Chirurg, der auf einer Insel ohne Essen strandet?" sein. Der Ausgangspunkt ist klar, das Ziel kann durch die Handlungsweise des Charakters freigelegt werden.
 
Mitglied
Beitritt
26.03.2003
Beiträge
72
@feurig

Stimmt, King hat viele Kurzgeschichten geschrieben! Die sind aber oft viel länger, als die klassische deutsche Kurzgeschichte, oder? Stimmt, man kann sie in einem Rutsch durchlesen, aber sie sind deutlich umfangreicher als viele der Geschichten hier auf wortkrieger, zum Beispiel.

Es gibt auch einige Kurzromane von ihm - auch ein interessantes Genre. Hier kann ich mir richtig gut vorstellen, drauflos zu schreiben: Man ist nicht so festgelegt, kann schauen, wohin die Charaktere einen führen und muss gleichzeitig nicht befürchten, monatelang für die Katz gearbeitet zu haben. (Wobei, selbst wenn man "nur" eine Lernerfahrung mitnimmt, ist das ja schonmal etwas.)

Ich frage mich halt, ob das freie Schreiben klappt bei einer Story, die, sagen wir mal 2.000 Wörter hat.

@Christophe

Danke für die Liste, schau (hör) ich mir an!

@Rob F
Ich denke, das macht King auch so - er wird nicht von jedem seiner Sätze überrascht sein, weil er das ja gar nicht so kommen gesehen hat. :D Ich nehme an, er hangelt sich geschickt von Szene zu Szene durch, genau wie Du beschrieben hast.
 
Mitglied
Beitritt
02.05.2020
Beiträge
79
Die sind aber oft viel länger, als die klassische deutsche Kurzgeschichte, oder?
Also "Der Überlebenstyp" oder "Morgenlieferungen" sind in meiner Erinnerung wirklich kurz, es ist allerdings die Frage, wie lang die "klassische deutsche" Kurzgeschichte denn genau ist.
Die bekanntere "Der Nebel" ist eine der längsten in den beiden Sammlungen. "The Body" oder "das heimliche Fenster" sind soweit ich weiß als Novellen eingestuft.
Es gibt noch die Sammlung "Frühling, Sommer, Herbst und Tod", die enthält wirklich etwas längere Kurzgeschichten. Wenn ich mich richtig erinnere. Ich lese recht schnell, ich bin daher wahrscheinlich ein schlechtes Maß.
Ich frage mich halt, ob das freie Schreiben klappt bei einer Story, die, sagen wir mal 2.000 Wörter hat.
King macht grob gesagt Charakterstudien in seinen KGs. Er nimmt eine Situation und erforscht, wie ein spezieller Charakter sich darin verhält. Das geht auch komprimiert, würde ich behaupten.
Einen Versuch ist es bestimmt wert, ich würde halt nicht mit einer Prämisse sondern einer Frage starten.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wortkrieger-Team
Beitritt
21.04.2015
Beiträge
1.282
Hallo zusammen,

ich habe gerade DAS MÄDCHEN von Stephen King gelesen und könnte mir auch hier (trotz Roman) vorstellen, dass da vieles unterm Schreiben passiert ist. Ich meine auch, mal in einem Interview von ihm gelesen zu haben, dass seine Charaktere ihm oft während des Schreibens entgleiten, plötzlich Dinge tun, die er davor gar nicht im Kopf hatte, eine Art Eigenleben entwickeln.

Ich persönlich schreibe nie wirklich nach einem präzisen Plan.
Nicht mal meinen Roman. Da habe ich mich von Kapitel zu Kapitel gehangelt. Klar, grobe Struktur gab es, allein schon, weil man gleich vorab das Exposé erstellt, an dem man dann kontinuierlich weiterarbeitet, welches immer präziser wird. Und klar, ab einer gewissen Menge an Text, habe ich mir dann die einzelnen Verbindungen zwischen den Figuren aufgemalt und Stichpunkte aufgeschrieben, was wann und wo passiert ist, damit ich die Fäden nicht unterwegs verliere. Und das hat tatsächlich gut funktioniert.

Ich habe ein Grundgerüst im Kopf und auch, worauf ich hinaus will in etwa. Egal, ob nun Roman oder Kurzgeschichte. Das betrifft aber nicht mal das genaue Ende, sondern eher die Stimmung, die ich erzeugen will. Manchmal will ich auch ein Gefühl beschreiben (z.B. in sehr reduzierten Flash Fiction-Texten) und entwerfe eine Szene anhand eines Gefühls. Aber wirklich geplant ist es nie bei mir.
Es entwickelt sich tatsächlich unterm Schreiben, vor allem die Figuren, was sie sagen, wie sie sich bewegen, usw. Ich habe über die Jahre festgestellt, dass Planen bei mir nichts bringt, ich fühle mich da eingeengt und kriege Blockaden im Kopf. Deshalb habe ich mich damit abgefunden, dass ich manchmal mehr, manchmal weniger strukturiert drauf los schreibe - manchmal funktioniert es, manchmal muss ich danach richtig am Text arbeiten, damit dann auch wirklich was dabei rauskommt - und ab und zu kloppe ich es auch in die Tonne. Dieser Prozess macht mir aber deutlich mehr Spaß und fühlt sich für mich einfach freier an.

Ich denke aber auch, das ist totale Typsache, da muss man sich ausprobieren, womit man sich besser fühlt und was besser funktioniert.

Liebe Grüße
RinaWu
 
Beitritt
23.11.2016
Beiträge
464
Hallo @elaine,

mit der Frage habe ich mich auch schon öfters intensiv auseinandergesetzt.

Stephen King ist - so viel ich weiß - einer der bekanntesten (und vielleicht auch wenigen) Vertreter des "Discover Writings":

Beeindruckend und überraschend fand ich, dass er seine besten Romane anscheinend ohne konkrete Plotidee geschrieben hat.
Man darf bei Stephen King nicht vergessen, dass er schon sehr früh intensiv geschrieben hat. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er schon als Schüler/Student Fortsetzungsgeschichten verkauft.

Außerdem ist Schreiben sein Beruf und er erwähnt im zitierten Werk auch, dass er an einem Projekt praktisch täglich arbeiten muss, damit die Charaktere nicht verblassen. Diese Art von intensivem Schreiben ist als Hobbyautor im Normalfall gar nicht möglich.

Ich habe aus diesen Informationen verknüpft mit meiner eigenen Schreiberfahrung gelernt, dass das Discovery Writing für einen "Gelegenheitsautor" eher nicht geeignet ist, denn es resultiert oftmals in gescheiterten Projekten, weil man nämlich auf dem Weg feststellt, dass die Anfangsidee sich für das Ziel-Projekt gar nicht eignet oder man plötzlich in einer Sackgasse steckt, es langweilig wird, unlogisch, etc.

Solche Probleme fallen einem vorher auf, wenn man erst den Plot erstellt (und bspw. sich am Dreiakter oder Heldenreise oder dergleichen orientiert), nach einer Prämisse sucht, etc., und dann den Text schreibt, mit dem Vorteil, dass man den "Mist" vorm Schreiben aussortiert und nicht erst hinterher.

Außerdem ist es gerade bei längeren Geschichten sehr schwer, ohne Plotplan nach längeren Pausen wieder nahtlos anzuknüpfen, sich wieder in die Stimmung und genau den Charakter hineinzuversetzen, etc. Diese Schwierigkeiten hätte Stephen King wohl auch, weswegen er als Profi einfach keine längeren Pausen während eines Projekts macht (s. o.), was aber als Hobbyautor unter Umständen schwer zu realisieren ist.

Von Stephen King kann ich mich in Bezug auf Kurzgeschichten übrigens auch sinngemäß daran erinnern, dass er das auffinden von Plots mit einer Sammlung von Tassen und Henkeln vergleicht, die er im Kopf hat, und manchmal gibt es einen "Match" zwischen einer besonderen Tasse und einem besonderen Henkel, welcher dann in einem außergewöhnlichen Plot für eine Kurzgeschichte mündet.

Wenn man natürlich so eine außergewöhnlich Plot-Konstellation gefunden hat, benötigt man im Zweifel auch keinen Plotplan mehr, denn die besondere Geschichte muss dann "nur" noch erzählt werden (für mich ist das überhaupt die Stärke von King, dass er gute Plotideen hat, die per se schon spannend oder interessant sind).

Lange Rede, kurzer Sinn: Discovery Writing ist für mich eher eine gute Übung, um sich z. B. in einen Charakter richtig tief hineinzuversetzen, aber wenn man ernsthaft viele Projekte zu Ende bringen möchte und ggf. auch komplexe Themen/Plots angehen möchte, ist es aus meiner Erfahrung nicht geeignet.

Gruß Geschichtenwerker
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
02.09.2015
Beiträge
758
Liebe @elaine ,

ich schreibe Kurzgeschichten oft so; getrieben von einer Idee oder einer Charaktere. Manchmal weiß ich nur, ich will über eine einsame ältere Dame oder ich möchte über ein Weltuntergangsszenario schreiben und dann lasse ich mich treiben.

So habe ich auch meinen allerersten Roman ganz ohne Plotplanung und Exposé geschrieben. Ich wusste nur, es sollte um eine Liebesgeschichte im Krieg und Fremdenlegionen gehen. Das hat schon geklappt. Aber am Ende bedarf es einer Überarbeitung, um den roten Faden einzuarbeiten. Und beim Roman damals hatte ich auch noch mehrere Stunden am Tag Zeit, mich damit zu beschäftigen, beim Schreiben den Plot zu entwickeln, zu zerreißen und neu zu schreiben. Das ist schon eine aufwendige Methode, die für mich beim Roman so nicht mehr funktioniert.

LG
Mae
 

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
380
hey @elaine
dass er seine besten Romane anscheinend ohne konkrete Plotidee geschrieben hat
Ich glaube ihm das, weil ich leider finde, dass man es oft merkt. Es gibt wenig Autoren, die so oft unbefriedigende Enden haben. Ist oft so, dass man merkt: Er wusste nicht wie er alle Fäden zusammenführen soll oder wie es überhaupt enden soll. Nicht falsch verstehen: Ich lese ihn (meist) gerne und ich habe das Buch auch gelesen.
 
Mitglied
Beitritt
26.03.2003
Beiträge
72
Hallo liebe Rina,

an Das Mädchen kann ich mich auch noch erinnern, aber lustigerweise nicht mehr so arg an die Story. Mädchen verläuft sich irgendwie im Wald und irrt dann irre lange darin herum. Klingt jetzt nicht so spannend, ne? Aber beim Lesen fand ich es total mitreißend und konnte es nicht mehr aus der Hand legen - wie immer bei King eigentlich.

@AWM (Hi!) schreibt weiter unten etwas Interessantes - dass man es Kings Geschichten anmerkt, dass sie spontan entstehen. Das passt auf jeden Fall insoweit, als dass ich mich an so gut wie alle Gefühle erinnern kann, an die nervenzerreißende Spannung - aber tatsächlich bei kaum einem Buch an das konkrete Ende.

Spannend, wie viele unterschiedliche Herangehensweisen es gibt. Ich schreibe gerade nach zwei Fachbüchern meinen ersten Roman, und gerade fällt mir auf, dass ich es bei allen drei Büchern gleich gemacht habe: Grobe Skizze, und dann immer weiter verfeinern, bis man quasi eine Szenenliste hat, die dann "nur" noch gefüllt werden muss. Das fühlt sich insofern gut an, als dass man wie eine To-Do-Liste alles nacheinander abhaken kann. Ist erfüllend und befriedigend, aber nicht so spontan. Ich möchte es gerne beim nächsten Projekt mal anders angehen!
 
Senior
Beitritt
02.01.2011
Beiträge
809
Ich hab schon viel Skepsis entgegen bekommen, wenn ich andere Autoren nach ihrer Meinung zu Discovery Writing gefragt habe. Sich ein wenig dagegen zu positionieren ist natürlich einerseits bequem, denn Ausplotten hat Hand und Fuß, ist ein wenig Malen nach Zahlen und funktioniert nachweislich. Andererseits fühlen sich Autoren, die nicht auch in Teilen entdeckerisch schreiben (können), durch solche Fragen - meiner Ansicht nach - unterbewusst angegriffen, weil das natürlich am Ego kratzt, wenn sie nicht produktiv "drauf los" schreiben können, wie man das eben stereotyp vom Schriftsteller erwartet.

Discovery hat auch seine Vorteile: Du schreibst automatisch sehr organisch und hast einen besseren Zugang zu den Bildern und Prämissen deines Unterbewusstseins. Vielleicht kriegst du nie eine wirklich gute Tiefe in Texte, wenn du nicht auch mal während des Schreibprozesses lernst, deiner Intuition zu folgen. (Meine Meinung) Aber vielleicht funktioniert das bei jedem anders.

Ich hab mal von so einem Ami, der in Hollywood arbeitet, das geile Konzept gehört, dass man sich selbst während dem Schreibprozess wie ein Reiter auf einem Pferd vorstellen soll. Der Reiter ist das Konzeptionelle, Rationale, das technische Wissen, das man sich angeeignet hat; das Pferd ist die Intuition. Um von A nach B zu kommen, reicht es, wenn der Reiter den Weg vorgibt und das Pferd dirigiert. Aber von Zeit zu Zeit sollte man die Leinen los lassen und das Pferd einfach gehen lassen; nie würde man schönere Oasen finden.
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
318
Das hat er sogar in seinem Camoe-Auftritt in Es integriert
Immer gut, wenn jemand etwas Selbstironie hat!

Ich habe nochmal in meiner Ausgabe von "Der Fornit" von 1986 gelesen. Da warst du näher dran, er amputiert zuerst den ganzen Fuß, wegen dem bei einem Sturz gebrochenen Knöchel. Zitat:

Ich habe mich entschieden, den Fuß zu amputieren. Vier Tage lang kein Essen. Wenn ich noch länger abwarte, werde ich vielleicht beim Operieren vor Hunger ohnmächtig und blute mich zu Tode. Und so kaputt bin ich auch nicht, ich will immer noch leben. (...)

Der nächste Tagebucheintrag beginnt dann mit:

Hab´s getan. (...)

So formuliert es der Großmeister :)
 
Mitglied
Beitritt
26.03.2003
Beiträge
72
Ich hab schon viel Skepsis entgegen bekommen, wenn ich andere Autoren nach ihrer Meinung zu Discovery Writing gefragt habe. Sich ein wenig dagegen zu positionieren ist natürlich einerseits bequem, denn Ausplotten hat Hand und Fuß, ist ein wenig Malen nach Zahlen und funktioniert nachweislich. Andererseits fühlen sich Autoren, die nicht auch in Teilen entdeckerisch schreiben (können), durch solche Fragen - meiner Ansicht nach - unterbewusst angegriffen, weil das natürlich am Ego kratzt, wenn sie nicht produktiv "drauf los" schreiben können, wie man das eben stereotyp vom Schriftsteller erwartet.
Hi @zigga,

oh ja, bloß keine Grundsatzdisussion! :drool::D Schreibstile und Herangehensweisen gibt es so viele, wie es AutorInnen gibt. Wenn sich etwas gut liest, die Menschen bewegt oder gut unterhält, dann sehe ich nicht, wieso es ein Richtig oder Falsch geben sollte. Vermutlich gibt es irgendwo jemanden, der seine Bücher komplett von hinten nach vorne schreibt - wieso auch nicht? :D

Nur, weil einem eine Sache nicht liegt, muss man sich nicht schlecht fühlen. Aber ist für manche vielleicht in der Theorie leichter als in der Praxis - Schreiben ist etwas höchst Persönliches, etwas, was eben sehr nahe an die eigene Persönlichkeit geht. Zu lernen, Kritik (selbst- oder fremdgeäußert) nicht als Angriff aufzufassen, sich nicht davon runterziehen zu lassen, ist ein großer Schritt.

Back to topic... Discovery Writing für eine 2.000-Wort Story? Ich stell's mir schwierig vor! Man schweift doch zwangsläuft etwas ab dabei, oder? Ich werd's auf jeden Fall einmal ausprobieren.
 
Mitglied
Beitritt
02.05.2020
Beiträge
79
Discovery Writing für eine 2.000-Wort Story? Ich stell's mir schwierig vor! Man schweift doch zwangsläuft etwas ab dabei, oder? Ich werd's auf jeden Fall einmal ausprobieren.
Auch Discovery Writing schützt dich nicht vor dem Überarbeiten. Es macht das Überarbeiten nur wichtiger. Denn du musst halt nach dem ersten Entwurf das ganze in eine Form bringen, die dem dabei erarbeitetem Thema und der gefundenen Prämisse dient. Die Länge ist dabei ja "nur" das Resultat vom Streichen von Überflüssigem.
Letztendlich sparst du dir einen Szenenplan und investierst diese Zeit später beim Überarbeiten.

Ich habe zwei Romane mit Discovery Writing geschrieben und beim dritten drei Anfänge mit insgesamt 200 DIN A4 Seiten (ungefähr doppelte Normgröße) in die Tonne getreten. Ich lerne jetzt lieber mit Planung umzugehen. Muss aber wahrscheinlich einen Mittelweg finden. Mein Hirn blockiert bei gängigen Planungsmethoden.
Mit Kurzgeschichten habe ich erst vor kurzem angefangen und bei der, die ich geschrieben habe, wusste ich bereits wie die ablaufen muss. Wirklichen Praxisbezug kann ich da leider (noch) nicht einbringen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Neue Beiträge

Anfang Bottom