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Leo läuft los

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Leo läuft los

Über den Gleisen wabert der Nebel der Bahnhofslandschaft, legt sich auf Menschen und Züge wie eine zweite Haut. Ich ziehe den Koffer hinter mir her, laufe den Bahnsteig entlang, den Rucksack geschultert, den Mantel zugeknöpft, zum Gleis, begegne wenigen Leuten. Manche wanken und halten Redbulldosen in den Händen. Einer fragt mich nach ein paar Euro, um eine Fahrkarte nach Hause zu lösen. Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.

Am Raucherplatz bleibe ich stehen. Ein junges Pärchen schweigt miteinander. Er trägt Hoody, darunter Kaschmirpullover. Ich mag ihre Sommersprossen, werfe ihr einen Blick zu, den sie mit Glotz-nicht-so-du-bist-viel-zu-alt-als-dass-du-mich-überhaupt-wahrnehmen-darfst-du-Schwein beantwortet. Zwischen den Gleisen laufen Tauben auf und ab, breiten die Flügel aus, als ein Zug einfährt. Zwei Uniformierte, Bahnangestellte, treten von einem Bein auf das andere, halten die Zigaretten wie Fahnen in den Händen, gestikulieren, sprechen sächsisch. Ich trinke gierig Wasser, hole die Fahrkarte aus der Tasche: dreizehn Stunden braucht der Nachtzug. Wie romantisch es ist, durch das abgedunkelte Land zu rasen. Ich schieße Fotos von Koffer und Rucksack, grinse in die Kamera, schreibe Eliska eine Nachricht, Sie schickt einen Smiley und einen Kussmund als Antwort. Eine blecherne Stimme kündigt die Ankunft meiner Bahn an.

Von King’s Cross fährt der Hogwarts Express mit einem schrillen Pfiff ein, Rauch steigt von dem Dampfzug auf. Immerhin quietschen die Bremsen, die Türen zischen, als freuten sie sich, Menschen auszuspucken, die den Stahlkörper eine Zeitlang bewohnt haben. Ich versuche die Kennzeichnungen der Waggons zu erkennen, um festzustellen, ob ich an der richtigen Stelle stehe, gehe ein paar Meter, bis ich die Nummer entdecke. Ich warte, bis die Reisenden ausgestiegen sind. Manche werden begrüßt, in die Arme genommen.

Vor mir hält eine Frau ein Kind an der Hand, das eine Bommelmütze und einen roten Mantel trägt. Sie wuchtet den Koffer auf die Stahlstufen. Ich wage es nicht, ihr zu helfen. Man darf einander nicht nahekommen. Der Mann im Anzug neben mir zerknüllt eine Papiertüte, zielt, trifft den Mülleimer nicht. Der Ball landet daneben. Er zuckt die Achseln und glotzt in alle Richtungen. So sehen Sieger aus. Ich verhindere gerade noch, dass er sich an mir vorbeidrängt, prüfe die Platznummern. Im Großraumabteil halten Reisende Smartphones in den Händen oder betrachten die Bildschirme von Tablets, leben in ihrer eigenen Blase: Verlorene im Meer des Ausnahmezustandes.
Meine letzte Reise ging nach Paris. Auf den Plätzen wehte der Wind das Laub durcheinander. An den Abenden tanzten wir mit fremden Menschen, naschten und tranken vom prallen Leben. In den Medien zeigen sie nun verrammelte Restaurants, Cafés, verwaiste Theater und Museen, leergefegte Straßen. Notredame wird wiederaufgebaut. Was geschieht mit den Städten? Welche Zeit bricht an?

Im Abteil sitzt niemand, obwohl auf dem Display Reservierungen angezeigt werden. Ich verstaue den Koffer, nehme am Fenster Platz. Falls ich alleine bleibe, werde ich es wagen, die Maske abzustreifen. Der Zug setzt sich lautlos in Bewegung. Von den Gleisen her winken mir die Tauben zu. Ich schwenke zum Abschied ein Taschentuch, bis der Bahnhof aus dem Blickfeld verschwindet. Es riecht nach Banane und Schweiß, den schalen Gedanken, die hier drin ausgedünstet wurden.
Als ich die Augen schließe, male ich mir die Begegnung mit Eliska aus: Kerzenlicht im Hintergrund, Lustgeruch, Honig, Erdbeeren, Haut, Hitze. Pünktlich losgefahren, texte ich nach Prag.
Durch einen Luftzug erwache ich aus den Träumen, bemerke, dass die Tür zurückgeschoben wird und öffne die Augen. Die Frau mit dem Kind an der Hand betritt das Abteil. Das Mädchen drückt einen kleinen, grauen Plüschelefanten an sich und streift die Bommelmütze ab, während die Mutter mich anschaut, als ob sie mich wiedererkennen würde. Ich richte mich auf, nehme die korrekte Zugwagenabteilhaltung ein, zwinge mein Gesicht zu lächeln und stehe auf.
„Ich habe den Fensterplatz genommen, weil das Abteil leer war. Sie müssen nur sagen, wo sie reserviert haben.“
„Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich setze mich gegenüber in die Mitte. Eva mag es, aus dem Fenster zu schauen.“
Sie deutet auf das Mädchen, das mich von oben bis unten anschaut, auf der Stelle auf und ab geht, bis es sich auf den Sitz fallen lässt.
"Aber es ist doch schon zu dunkel.“
„Ich habe gute Augen“, sagt das Kind „Und manche Dinge sieht man besser in der Nacht.“
Ich wundere mich über die Worte des Kindes, schaue es mir genauer an. Das Mädchen starrt mich auf eine Art an, als wäre es viel älter. Die Augen strahlen eine wütende Kraft aus, die ich nicht deuten kann, trotz der Maske, die sich über das Gesicht stülpt, so eng anliegend, als handle es sich um ein Pilzgeflecht, das auf der Haut siedelt, ohne ein Recht darauf zu besitzen.
„Eva schaut immer so“
„Eva“, sage ich „ein schöner Name“ und verbiete mir weiterzureden, verbiete mir zu erwähnen, dass meine Frau diesen Namen trug. Tatsächlich verliert sich der Eva-Blick in dem vorbeiziehenden Nebel. Ich überlege, ob ich ein Gespräch anfangen oder irgendetwas ins Smartphone tippen soll, um die Harmlosigkeit der Begegnung zweier Fremder aufrechtzuerhalten.
„Ich heiße Leo“, sage ich, weil der erste Name bereits genannt wurde.
„Wir fahren nach Minsk. Sie können Ira zu mir sagen.“ Dabei flackern ihre Augen, als schämte sie sich, als glaubte sie, ich hätte Vorurteile gegen Russen, Belorussen, gegen Frauen, die im Westen leben und in den Osten gehören. Deshalb nehme ich den Faden nicht auf.
„Minsk, mm. Ich war nie in Russland.“
„Belarus ist nicht Russland.“
„Ja, weiß ich.“ Sie lächelt, kramt in ihrer Tasche, hält mir ein Papier hin, das Zertifikat über den negativen PCR-Test.
„Ist doch verrückt. Um nach Hause zu fahren, muss ich ein Papier vorlegen.“ Sie bekreuzigt sich, aber auf eine Weise, die ich nie zuvor gesehen habe, schlägt sich im Takt auf die Brust, beugt den Kopf, murmelt ein Gebet, das ich nicht verstehe. Eva lehnt an ihre Mutter gepresst, die rechte Backe auf dem Oberschenkel Iras, die Lider fest zugedrückt, schläft so tief, wie es nur Kinder vermögen. Nach dem Gebet sieht sie entspannt aus, die Bewegungen erscheinen weicher, der Blick wärmer.
„Sie glauben nicht an Gott, oder?“
„Nein.“
„Schade. Es lohnt sich. Sie sollten drüber nachdenken, gerade in diesen Zeiten. Ich gehöre zu den Altgläubigen, die Orthodoxen würden sagen, eine Sekte.“
„Als Junge war ich Ministrant.“
„Was ist das?“
„Na ja, dem Priester habe ich geholfen. Ich war katholisch.“
„Jetzt nicht mehr?“
„Nein.“
„Wissen Sie, welches Jahr wir haben?“
„Mm.“ Ich schüttle den Kopf, weiß nicht, was ich sagen soll.
„7522 nach Adam. So viele Jahre, stellen Sie sich das mal vor, so viele Jahre seit die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden.“
Sie schweigt, bewegt die Lippen, als wolle sie Worte formen, streicht über die Haare ihrer Tochter, drückt sie an sich und schließt die Augen.
Die Landschaft rast an mir vorbei, vereinzelte Lichter erscheinen, verschwinden, dunkle Fläche radiert sie aus, während ich das Kind beobachte, diese Eva, wie sie den Brustkorb hebt und senkt und der Rhythmus von Mutter und Tochter sich nach und nach angleichen.
Es gibt Baby-Bilder von mir auf den Armen meiner Mutter. Auf jedem strahlte sie vor Glück. Es gibt Bilder von ihr im Rollstuhl, derselbe Mama-Blick, dahinter Finsternis und Bitterkeit. Als hätte sie zu spät erkannt, was sie angerichtet hat. Wie viele Jahre liegen dazwischen? Sie hat jeden Tag gebetet. Warum? Welche Stimme hat ihr eingeflüstert, man muss hart gegen alle und jeden sein, um im Leben zu bestehen? Ich wünschte mir Liebe, wer nicht?
Später träume ich von Wassermassen, die mich daran hindern, einen Fluss zu überqueren, den ich nicht kenne, blicke in die reißende Flut und suche mir einen anderen Weg.

Bremsgeräusche wecken mich. Nürnberg Hauptbahnhof zeigen die Schilder an. Ira und Eva regen sich nicht, als ich mich aus dem Abteil schleiche, nur den Rucksack mitnehme. Am Gleis steht ein Bahnbediensteter. Eine Strähne hängt ihm ins Gesicht. Er schiebt sie beiseite, um mich anzuschauen. „6:37 Uhr fährt der Zug pünktlich weiter", sagt er. Ich nicke und schlendre los. Von weitem sehe ich das junge Pärchen vom Raucherplatz in Frankfurt. Er zieht beide Koffer, den Oberkörper aufgerichtet, sie geht zwei Schritte hinter ihm. 0.54 Uhr.
Am Gleisende angekommen, orientiere ich mich, suche nach einem Laden, der geöffnet hat, einem Ort für die durstigen Seelen der Nacht. Neben einer verrammelten Imbissstube sitzt eine Knochengestalt und lehnt sich an einen Einkaufswagen, der mit allerlei Habseligkeiten beladen ist. Sie schaut mich aus milchigen Augen an, erhebt sich, rückt die Einwegmaske zurecht, kommt auf mich zu und glotzt mich an. Welche Gefahren gehen von ihm aus? „Haben sie einen Euro?", sagt er. Ich zögere, bringe es nicht übers Herz, ihn zu ignorieren, drehe mich weg, ziehe das Portemonnaie aus dem Rucksack und gebe ihm bis auf einen Glückscent alle Münzen. Sein Atem stinkt faul, die Kleider riechen klamm. Für einen Moment leuchten die Augen, dann schwankt er davon.
Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung: zur City weist das Schild. Auf einem Poller vor dem Ausgang ins Freie entdecke ich einen Mann in Camouflage, der mich aufmerksam betrachtet. Er sieht aus, als wäre er für einen Kampfeinsatz gerüstet, schwere Boots mit Eisenkappen, breite Schultern, groß, athletisch, maskenlos, sitzt er da, als würde er auf etwas warten.
„Ich habe dich beobachtet. Du musst besser aufpassen, Junge. Eine Bewegung, der Cracker greift sich deinen Rucksack und verschwindet, so schnell kannst du nicht reagieren.“
„Ich hatte Mitleid.“
„Vergiss dein Mitleid mit Junkies. Die denken nicht mehr. Matsch in der Birne. Ganz arme Schweine.“
„Kann sein, trotzdem.“
„Du bist einer vom Nachtzug, richtig?“
„Ja.“
„In der Unterführung gibt’s einen Rewe, der hat auf. Gehen wir und holen uns ein Bier?“ Ich zucke mit den Achseln. Mir fällt kein Grund ein, der dagegen sprechen würde. Als er aufsteht, kommt er mir noch riesiger vor.
„Karl“, sagt er und reicht mir die Hand. Wann habe ich zuletzt Hände geschüttelt?
„Leo“, antworte ich und folge ihm. Zwei Männer in der Nacht. Auf der Suche nach einem Bier. Ein harmloser Gedanke.
„Dass die Kneipen geschlossen haben …“, seufze ich.

Die Rolltreppe steht still, also steigen wir die Treppe hinab in die Unterwelt. Ein Pärchen liegt neben einem Lüftungsschacht unter einer Decke, Plastiktüten an sich gedrückt. Ihr Hund spitzt kurz die Ohren und entspannt sich wieder, als wir an ihnen vorbei sind. Eine Maus huscht vorüber und verschwindet in einer Ritze der Wand. Der Bahnhof wurde solide gebaut, dicke Mauersteine.
Wir begegnen zwei Sicherheitsleuten in Uniform. Der blonde Zopf der Frau pendelt hin und her. Karl läuft unbeirrt auf sie zu.
„Hier gilt Maskenpflicht!“, sagt die Frau laut, während der Schlagstock des Kollegen ausschwingt.
„Ganz vergessen, dachte, das stört nachts keinen.“ Karl richtet sich gerade, zuckt mit den Achseln und kramt in der Hosentasche.
„Wo habe ich das verfickte Teil bloß.“ Ich krame im Rucksack und reiche ihm eines der Dinger, die Version in Rosa. Er nimmt sie zwischen die Fingerspitzen und setzt sie sich kopfschüttelnd auf. Auf dem Hals Karls prangt ein Fledermaustattoo.
„Zufrieden?“
„Nächstes Mal gibt’s ne Anzeige, klar?“ Karl wirft die Hacken zusammen, salutiert, ruft: „Jawoll“, lacht. Die Sicherheitsleute grinsen, schütteln den Kopf und gehen weg.
„Masken, Masken, bringt doch nichts, Leo, das mit der Seuche, da stimmt was nicht.“
„Wir ändern unser Leben, das ist alles“, antworte ich.
„Das ist erst der Anfang, sag ich dir, da kommt noch was, ich versprech’s dir. Scheiß drauf, jetzt holen wir uns ein paar Bier.“

Wir betreten den Rewe. Der Verkäufer begrüßt Karl wie einen Freund. Ein alter Mann studiert die Preise der Konservendosen und wirft Plastikflaschen in den Pfandautomaten. Außer einem Sixpack kaufe ich Sandwiches, Zigaretten und Original Nürnberger Lebkuchen. Was trinken und zurück in den Zug, ein bisschen schlafen, sage ich mir. Die Rolltreppe nach oben funktioniert. Draußen schlägt uns Nachtkälte entgegen, wenngleich die Luft einen Hauch des Frühlings mit sich führt. Wir setzen uns auf einen Betonblock. Durch einen Lüftungsschacht dringt warme Luft.
Karl entfernt den Kronkorken mit dem Feuerzeug, gibt mir die Flasche. Wir stoßen an.
"Hängst du oft hier am Bahnhof rum?“
„Manchmal. Ich hab meine Wohnung untervermietet, lebe draußen, ist sicherer.“
„Weil du, wegen deiner …“
„Kannst ruhig Schwarzer, Neger, POC sagen, such dir was aus. Nein, nein, ich habe keine Angst. Mir passiert nichts. Wer mich anmacht, kriegt eins auf die Fresse, so einfach ist das. Außerdem mögen die Frauen Kerle wie mich.“
„Wusste nicht, wie du reagierst.“
„Ich schlafe mal hier, mal im Freien, hab mir eine Hütte gebaut, im Wald, findet keiner, bin vorbereitet, habe Vorräte angelegt. Wenn das System zusammenbricht, der Strom ausfällt, die Leute auf die Straße gehen, hau ich ab und mach’s mir dort gemütlich.“
„Glaubst du das?“
„Was weißt du schon? Das mit der Seuche ist bloß der Probelauf, da kommt mehr, viel mehr.“
Ich trinke das Bier leer. Er gibt mir die zweite Flasche.
„Ich hab den Job gekündigt und fahre nach Prag, besuche jemanden, Internetbekanntschaft.“
„Und dann?“
„Wird sich zeigen.“
„Okay, Bruder. Pass auf, mit wem du dich abgibst, immer aufpassen.“
„Vielleicht bleibe ich, vielleicht nicht, vielleicht reise ich woanders hin. Ich bin frei.“
„Hast du Geld?“
„Reicht ne Weile.“
„Gibst du mir was?“
„Warum?“
„Weil ich was brauche.“
„Fünfzig?“
„Du bist ein Vogel. Ich könnte dich ausrauben, kostet mich nichts, geht ganz schnell. In einer Minute verschnüre ich dich zu einem Päckchen und dann wird es nichts mit Prag und deinen Träumen.“
„Ich geb dir Hundert, okay?“
„Bruder, du bist echt ein Arschloch. Ich rede mit dir, ganz normal, ohne Hintergedanken, sag dir, was Sache ist, dass du aufpassen musst, Scheiße. Und du willst dealen, man, ich fasse es nicht.“ Er schüttelt den Kopf.
„Dass es den großen Knall gibt, alles zusammenbricht, glaubst du das wirklich, Karl?“
„Mein heiliger Ernst, wird passieren, so wahr ich hier sitze, so wahr der der Teufel den Himmel beobachtet.“
„Der Teufel?“ Ich proste ihm zu. Trotzdem fühle ich mich langsam unwohl mit dem Kerl. Was macht er auf der Straße? Warum hat er mich angequatscht? Nachdem ich so augenfällig auf die Uhr geschaut habe, dass er es bemerkt, trinke ich einen kräftigen Schluck, leere die zweite Flasche. Karl sitzt mit breiten Beinen da und stiert zuerst zum Himmel, dann zu mir, enttäuscht, in seinem Blick versteckt sich eine Botschaft, die er nicht ausspricht. Sie lautet: Du bist eine Enttäuschung, kapierst gar nichts und jetzt willst du auf dem schnellsten Weg weg von hier, weg von mir, zurück in deine geordnete Schlafwagenwelt. Scheiße, ich hätte dich ausrauben sollen, das hättest du verdient.
„Wann gehst du wieder in den Wald?“
„Bei Morgengrauen, schätze ich.“
„Und dann?“
„Abwarten!“
„Ich bin aufgebrochen, das ist schon was und jetzt gehe ich einen Schritt nach dem anderen, frei und offen für das, was kommt.“

Während ich über den Satz staune, dreht er sich im Rhythmus einer perfekt fließenden Bewegung zu mir, schlingt den Arm um meinen Hals, schnürt die Kehle ab, nimmt mir die Luft und drückt seinen Daumen auf das rechte Auge.
„Junge, du weißt gar nichts, du versteht nichts. Ich habe genug von euch Idioten. Ihr schließt die Augen, die Ohren und eure Gefühle taugen nichts mehr. Du musst nachdenken, Leo, nachdenken, mm? Kapierst du das, geht das in deine Birne?“ Die Worte hämmern auf mich ein. Ebenso plötzlich wie seine Attacke kam, löst sich Karls Griff. Er steht auf und dreht mir den Rücken zu. Ich zittere, versuche die Körperspannung wieder zu gewinnen. „Verschwinde, bevor ich’s mir anders überlege! Hau ab, Leo!“ Seine Stimme klingt ehrlich enttäuscht. Er schnappt sich den Rest des Sixpacks und geht los. Ich zögere, löse mich aus der Starre, während er sich gemächlich Richtung Stadt bewegt.
Weil ich ihm was versprochen habe, laufe ich los, rufe, „Karl,Karl, warte mal, da ist noch was.“ Obwohl er die Schritte verzögert, reagiert er nicht. „Komm schon, Karl, bleib stehen.“ Als ich ihn eingeholt habe, berühre ich ihn an den Schultern.
„Was gibt’s Leo?“
„Ich halte meine Versprechen, ist das klar, Karl!“ Daraufhin ziehe ich das Portemonnaie aus der Tasche, ziehe den Schein heraus und reiche ihn Karl.
„Du bist echt ne Nummer, Leo.“ Er fängt schallend zu lachen an. „Also ich nehm das Geld, aber ich habe dich nur gefragt, um dich zu provozieren.“
„Darum geht’s nicht.“
„So?“
„Ich hab’s versprochen. Außerdem, wer weiß, vielleicht laufen wir uns wieder über den Weg.“
„Wenn du’s schaffst, mich zu finden, kannst du bleiben, Leo, aber ich schätze, du kommst nicht weit.“
„Der größte Teil des Lebens besteht aus Zufall, merk’s dir, Karl. Wir finden oft, was wir gar nicht gesucht haben.
„Bist ein Philosoph, was? Ich muss, Leo. Setz dich in deinen Zug und schlaf. Wirst die Träume brauchen.“ Karls Adamsapfel tanzt beim Lachen.
„Gibst du mir ein Bier?“, frage ich ihn. Er drückt mir die Flasche auf den Bauch. Ich rieche das Adrenalin unter Schweiß und Mann.
„Los jetzt, Leo.“ Obwohl ich nie gedient habe, salutiere ich vor ihm.
„Musst du noch üben, Junge. Bis irgendwann.“

Seine Schritte hallen nach. Ich trage Schuhe mit Gummisohlen. Was, wenn er recht hat und die gewohnte Welt zerbröselt wie eine Scheibe, die bricht? In Bewegung bleiben, egal ob auf Gleisen, auf der Straße, zu Fuß, nicht still stehen, sage ich mir. Der nackte Schwanz einer Ratte schlängelt sich über die Gleise, das Tier läuft vor dem Licht weg. Beim Öffnen zischt mich die Tür an, als wollte sie mich verhöhnen. Ich klettere in den Bauch des Stahlkörpers, komme an Schemen von Menschen vorbei, die sich unter Jacken und Mänteln verbergen, friedlich schlummern.
Als ich die Tür zurückziehe, spüre ich trotz der Dunkelheit, dass das Abteil verlassen ist. Der Koffer liegt in der Ablage, die Sitze fühlen sich kalt an, Eva und Ira sind verschwunden. Während ich mir überlege, ob sie den Speisewagen suchen, die Toilette benutzen oder in der Nacht spazieren gehen, bemerke ich, dass ihr Gepäck fehlt. Auf dem ausgeklappten Tisch entdecke ich ein Stück Papier. Ich schalte die Deckenspots an, betrachte das Kinderbild. Der Hintergrund ist grün schraffiert. In Erwachsenenschrift steht obendrauf: Liebe Grüße von Eva und Ira. Ein Herzchen daneben, Eine Telefonnummer in Mikroschrift statt Signatur. Darunter erkenne ich die Silhouette eines Gebirges, die Sonne am Himmel, Strichfiguren, rechts unten ein Kind, das die Arme ausbreitet, im Zentrum eine Frauenfigur im roten Kleid, die in einer Grasfläche versinkt, darüber einige Bienen. Auf halber Höhe schwebt eine blaue Figur den Bergen entgegen. Ich setze mich und halte das Bild lange in den Händen.

 
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Der nackte Schwanz einer Ratte schlängelt sich über die Gleise, das Tier läuft vor dem Licht weg

wie lichtscheues Gesinde oder auch wie hier schön geschildert in buchstäbliche „flüchtiger“ Bekanntschaft,

lieber Leo,

dass Matthias Claudius` „wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ nebst der Volksweisheit, Vertrauen sei gut, Kontrolle aber besser, hochgehalten werden können. Die einzige Schwäche aber,

lieber Isegrims,

lauert in den Konjunktiefen. Doch vorweg andere Flusen

So gestalten wir die Welt. Die Bremsen quietschen immerhin, die Türen zischen, als freuten sie sich, die Menschen auszuspucken, die den Stahlkörper eine zeitlang bewohnt haben.
die „Zeitlang“

Man darf einander nicht nahe kommen.
„nahekommen“

Das Mädchen drückt einen kleinenKOMMA grauen Plüschelefanten an sich und trägt einen roten Mantel. Ihre Mutter schaut zu mir, als ob sie mich wiederkennen würde. Ich richte mich auf, nehme die korrekte Zugwagenabteilhaltung ein, zwinge mein Gesicht zu lächeln und stehe auf.
Hier besser noch des Mädchens/ „seine“ Mutter – ähnlich hier
Ich wundere mich über die Worte des Kindes, schaue sie mir genauer an.

„Eva schaut immer so“
Satzzeichen … nicht vergessen!, wie auch hier
Sein Atem stinkt faulKOMMA die Kleider riechen klamm.

„Ich schlafe mal hier, mal im FreienKOMMA hab mir eine Hütte gebaut, im Wald, findet keiner, bin vorbereitet, habe Vorräte angelegt.

„Das ist erste der Anfang, sag ich dir, da kommt noch was, ich versprech’s dir. Scheiß drauf, jetzt holen wir uns ein paar Bier.“
ohne auslaufendem e,

hier nun läuft der Fall aus dem Ruder

Ich zögere, löse mich langsam aus der Starre, richte mich auf und bewegt sich langsam Richtung Stadt.

Nun zum Eigentlichen, denn was hier geht als indirekte Rede

Welche Stimme hat ihr eingeflüstert, man müsse hart gegen alle und jeden sein, um im Leben zu bestehen? Ich wünschte mir Liebe, wer nicht?
Geht hier nicht
„Wir fahren nach Minsk. Sie können Ira zu mir sagen.“ Dabei schaut sie mich an, als schäme sie sich, als glaube sie, ich habe Vorurteile gegen …
wenn es eh nix irrealeres gibt als „als-ob-Situationen“ – also „als schämte, glaubte, hätte“,

dank des „wäre“ wirkt hier der Satz zunächst korrekt

Er sieht aus, als wäre er für einen Kampfeinsatz gerüstet, schwere Boots mit Eisenkappen, breite Schultern, groß, athletisch, maskenlos, sitzt er das, als warte er auf etwas.
Bis zum „warten“ eben, das alternativ statt des „wartete“ eine würde-Konstruktion vertrüge

Beim Öffnen zischt mich die Tür an, als wolle sie mich verhöhnen.
wollte

Das wär’s.
Aber mal’n Vorschlag, nicht so sehr ne Grammatik zu studieren, sondern eine relativ kleine Schrift von Paul Tillich zu lesen, dem Theologen im Umkreis der Horkheimer und Adorno – und zwar – jetzt aus’m Gedächtnis, ist fuffzig Jahre her, dass ich mal bei Tillich reinschaute, „Potentialität und Aktualität“, durch die mir anno tobac die Ähnlichkeit des Konjunktiv irrealis zur Wahrscheinlichkeitsrechnung auffiel.

Gleichwohl

nicht ungern gelesen vom

Friedel

 
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Nabend @Isegrims,

mich dünkt, dies ist eine Art Schreibübung auf dem Weg vom Taunus, über Prag und andere östliche Gegenden nach Sibirien? Ist Leo schon losgelaufen?

Na, egal ... hab es ausgedruckt und bei 2 Tassen Kaffee durchgelesen. Dabei fiel mir eine Sache besonders auf ... eine Art Trennlinie zwischen der längeren Anfangsbeschreibung (Bahnhof) und der Fahrt selbst. Mein Lesegefühl sagte mir: als er in den Zug steigt, ist er im Fluss. Ab da, bis zum Ende, fühlte ich mich im Strom deiner Worte mitschwimmend. Davor holperte es, als wärst du auf der Suche nach der Furt, die dir ermöglich, das Boot ins Wasser zu setzen.

Dann fiel mir noch dies hier auf:

Während ich mir überlege
Über diese Doppelungen "ich mir" wäre ich früher nie gestolpert, vor allem, weil es im Süddeutschen gang und gäbe ist, aber neuerdings springt es mir ins Auge. Man kann sie lassen, weil es ja nicht falsch ist, aber "Während ich überlege" klingt nicht weniger schlecht. Man kann es nicht überall weglassen, je nach dem, was noch folgt. Radikal streichen ist auch verkehrt.

Und am Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass es ein "Sog-Text" ist. Ich wäre sofort weitergefahren mit Leo, und freue mich mehr von ihm zu lesen. Aus dem Leben. Astrein.

Grüße
Morphin

 
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Hallo @Isegrims

ich habe Deine Geschichte sehr gerne gelesen. Du entführst mich in die Bahnhofs/ Zugwelt, alles sehr schön beschrieben, die Locations, die Begegnungen. Der Text ist flüssig, zieht mich gleich zu Anfang in seinen Bann. Das Ende hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Ein Reisender, der sich aufmacht und auf bessere Zeiten hofft. Ich entwickle Nähe zu Deinem Prota und begleite ihn gerne. Die Melancholie der Geschichte gefällt mir.

Über den Gleisen wabert der Nebel der Bahnhofslandschaft, legt sich auf Menschen, Poller und Züge wie eine zweite Haut. Ich ziehe den Koffer hinter mir her, laufe den Bahnsteig entlang, den Rucksack geschultert, den Mantel zugeknöpft, zum Gleis, begegne wenigen Leuten. Manche wanken und halten Redbulldosen in den Händen. Einer fragt mich nach ein paar Euro, um eine Fahrkarte nach Hause zu lösen. Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.

Ein sehr schöner, gelungener Einstieg. Ich hab sofort alles bildlich vor Augen.

Mir fällt nicht ein, was ich vergessen habe, irgendetwas fehlt immer, so sorgfältig man auch packt.

Macht den Prota sympathisch. Das kennen wir alle :)

Die Bremsen quietschen immerhin, die Türen zischen, als freuten sie sich, die Menschen auszuspucken, die den Stahlkörper eine Zeitlang bewohnt haben. Ich versuche die Kennzeichnungen der Waggons zu erkennen, um festzustellen, ob ich an der richtigen Stelle stehe, gehe ein paar Meter, bis ich die Nummer entdecke.

Sehr schön beschrieben.

ch wage es nicht, ihr zu helfen. Man darf einander nicht nahekommen.

Du sprichst mir aus der Seele.

Einsame Kämpfer im Meer des Ausnahmezustandes, die sich daran gewöhnen, in Maskenzeiten zu leben.

Auch diese Stelle gefällt mir sehr.

Meine letzte Reise ging nach Paris. Auf den Plätzen wehte der Wind das Laub durcheinander. An den Abenden tanzten wir zwischen fröhlichen, fremden Menschen, naschten und tranken vom prallen Leben. In den Medien zeigen sie nun verrammelte Restaurants, Cafés, verwaiste Theater und Museen, leergefegte Straßen.

So schön ausgedrückt. Gefällt mir.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.

Ganz liebe Grüße,
Silvita

 
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Lieber Fredrichreich @Friedrichard

wie immer freue ich mich sehr über deinen Besuch, allein, weil ich gespannt bin, welche Flusen, trotz mittlerweile intensiver Suche mir entgangen sind. Dankeschön für dein friedelgenaues Auge!

wie lichtscheues Gesinde oder auch wie hier schön geschildert in buchstäbliche „flüchtiger“ Bekanntschaft,
die Ratten eben, dabei habe ich befürchtet, dass der Vergleich etwas verbraucht ist.
dass Matthias Claudius` „wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ nebst der Volksweisheit, Vertrauen sei gut, Kontrolle aber besser, hochgehalten werden können.
ja, das Reisen, zu sich selbst und überhaupt, eine große Sehnsucht, gerade jetzt
Die einzige Schwäche aber, lieber Isegrims, lauert in den Konjunktiefen. Doch vorweg andere Flusen
mm, die Konjunktive, wie wär's wenn du einen Online-Kurs zur korrekten Verwendung anbietest? Im Schreibfluss entgeht mir allzuoft die korrekte Verwendung.
Habe ich nach deinen Hinweisen verändert, die angesprochenen Stellen
Aber mal’n Vorschlag, nicht so sehr ne Grammatik zu studieren, sondern eine relativ kleine Schrift von Paul Tillich zu lesen, dem Theologen im Umkreis der Horkheimer und Adorno – und zwar – jetzt aus’m Gedächtnis, ist fuffzig Jahre her, dass ich mal bei Tillich reinschaute, „Potentialität und Aktualität“,
oha, Tillich, der mir bestenfalls als Name was sagt, ob wir potentiell, aktuell von seinem Werl lernen können?

viele Grüße aus dem Impfherdenland
Isegrims

Hi @Morphin

freue mich sehr über deinen hilfreichen Kommentar, schließlich kennst du den Zusammenhang zwischen der Zugreise und der Eremitin, zwischen dem Taunus und Sibirien.

mich dünkt, dies ist eine Art Schreibübung auf dem Weg vom Taunus, über Prag und andere östliche Gegenden nach Sibirien? Ist Leo schon losgelaufen?
Ja, Leo, der läuft und läuft und läuft, während Agafja zu den Bergen schaut.
Dabei fiel mir eine Sache besonders auf ... eine Art Trennlinie zwischen der längeren Anfangsbeschreibung (Bahnhof) und der Fahrt selbst. Mein Lesegefühl sagte mir: als er in den Zug steigt, ist er im Fluss. Ab da, bis zum Ende, fühlte ich mich im Strom deiner Worte mitschwimmend. Davor holperte es, als wärst du auf der Suche nach der Furt, die dir ermöglich, das Boot ins Wasser zu setzen.
Gute Beobachtung. Der erste Versuch bestand darin, zu beschreiben, wie Leo den Job kündigt und letzte Vorbereitungen für die Reise trifft. Habe ich verworfen, um mit der Zugreise direkt zu starten. Die Schilderung der Zeit, bevor er einsteigt, soll etwas wie eine Verortung darstellen, vielleicht zu lang, vielleicht langatmig für den Leser, ich weiß es (noch) nicht, wollte aber eine Trennlinie zwischen der Stagnation und der Bewegung setzen.
Über diese Doppelungen "ich mir" wäre ich früher nie gestolpert, vor allem, weil es im Süddeutschen gang und gäbe ist, aber neuerdings springt es mir ins Auge.
gehe ich durch, interessantes stilistisches Detail, wobei mich das "mir" nicht stört.
Und am Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass es ein "Sog-Text" ist. Ich wäre sofort weitergefahren mit Leo, und freue mich mehr von ihm zu lesen. Aus dem Leben. Astrein.
gut, dann liege ich richtig.

Liebe Grüße und einen angenehmentspannten Kaffeetag
Isegrims

 
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29.12.2013
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Hallo @Isegrims

Ich schließe mich den bisherigen Kommentaren an: ich hab den Text gern gelesen! Liest sich flüssig, man hat Lust einfach "mitzulaufen".

Aber bei einer Stelle bin ich rausgekommen:

„Bist ein Philosoph, was?“ Karls Adamsapfel tanzt beim Lachen.
„Ich muss, Leo. Setz dich in deinen Zug und schlaf. Wirst die Träume brauchen.“
„Gibst du mir ein Bier?“ Er drückt mir die Flasche auf den Bauch. Ich rieche das Adrenalin unter Schweiß und Mann.
„Los jetzt, Leo.“ Obwohl ich nie gedient habe, salutiere ich vor ihm.
„Musst du noch üben, Junge. Bis irgendwann.“
Spricht sich der Leo da selbst mit Leo an? Spricht er in der dritten Person von sich? Oder fehlen da Anführungszeichen udn Zeilenumbrüche?

viele Grüße
pantoholli

 
Mitglied
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08.11.2020
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Hallo @Isegrims,

als Leo, der selbst häufiger mal los läuft, hat mich dein Text sehr interessiert. :) Den Einstieg fand ich stimmig, aber an einigen Stellen vielleicht etwas zu ausufernd. Jedenfalls hat da irgendetwas den Lesefluss etwas gestört.
Als dann die Zugfahrt beginnt stört dann aber nichts mehr und es liest sich sehr gut.

Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass es vor allem um Flucht geht, weil alle Figuren vor irgendwas zu fliehen scheinen. Dabei geht die Atmosphäre aber eher in richtig nostalgisch bis bedrückt. Besonders die Pandemieelemente, also Abstand und Masken usw., haben viel Stimmung erzeugt.


Einige Anmerkungen:

Sie schickt ein Smiley und einem Kussmund als Antwort
Müsste einen heißen, oder?

Hogwart Express
Hogwarts Express

Einsame Kämpfer im Meer des Ausnahmezustandes, die sich daran gewöhnen, in Maskenzeiten zu leben.
Hier finde ich das Bild ein bisschen schief, weil für mich Kämpfer und Meer nicht so richtig zusammenpassen. Wäre sowas wie: "verlorene Schwimmer im Meer des Ausnahmezustandes" stimmiger?

Er sieht aus, als wäre er für einen Kampfeinsatz gerüstet, schwere Boots mit Eisenkappen, breite Schultern, groß, athletisch, maskenlos, sitzt er das, als würde er auf etwas warten.
... , sitzt er da, ...

der Cracker greift sich deinen Rucksack und ist ist verschwunden
ein ist zu viel

Bist ein Philosoph, was?“ Karls Adamsapfel tanzt beim Lachen.
„Ich muss, Leo. Setz dich in deinen Zug und schlaf. Wirst die Träume brauchen.“
„Gibst du mir ein Bier?“ Er drückt mir die Flasche auf den Bauch. Ich rieche das Adrenalin unter Schweiß und Mann.
Bei den Dialogen bin ich an einigen Stellen durcheinandergekommen, also mir war nicht zu jedem Zeitpunkt klar, wer was sagt. Für mich verschwimmen die Figuren dadurch etwas, was aber auch irgendwie ein interessantes Element ist.

Der nackte Schwanz einer Ratte schlängelt sich über die Gleise, das Tier läuft vor dem Licht weg
Das Verb schlängeln passt nicht so recht, weil schlängeln sich so langsam anhört mE.

Der Hintergrund ist grün schraffiert. In Erwachsenenschrift steht obendrauf: Liebe Grüße von Eva und Ira. Ein Herzchen daneben. Darunter erkenne ich die Gebirgssilhouette, die Sonne am Himmel, Strichfiguren, rechts unten ein Kind, das die Arme ausbreitet, im Zentrum eine Frauenfigur im roten Kleid, die in einer Grasfläche versinkt, darüber einige Bienen. Auf halber Höhe schwebt eine blaue Figur den Bergen entgegen. Ich setze mich und halte das Bild lange in den Händen.
Schwierig zu entschlüsseln, da ich allerhand damit zu tun habe mir das Bild vorzustellen. Habe ich jetzt durch die blaue Figur auch als Fluchtmotiv verstanden.

Insgesamt hat mir die Geschichte gut gefallen und ich habe sie gerne gelesen. Hoffe, du kannst etwas mit meinen Anmerkungen anfangen.


Beste Grüße
Klamm

 
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Haha,

Isegrims,

man kann die "flüchtige Bekanntschaft" auch auf die zwo Mitreisenden und hernach Verschollenen beziehen - oder?

Tschüss

Friedel

 
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Guten Abend @Silvita @pantoholli @Klamm
Kaffee über den Laptop gekippt … geht jetzt nicht mehr … hoffe wenn das Ding getrocknet ist fährt es wieder hoch … scheisse …
Kurzum ich kann eure Kommentare nur aus dem Gedächtnis beantworten … jedenfalls bis ich kapiert habe wie ich auf dem Handy organisiere Zitate einzufügen …
@Silvita: danke für das Lob … bedeutet mir was … dass Stil und Sprache funktionieren ist wichtig für mich …
@pantoholli: den Anfang werde ich einkürzen sobald das mit dem Kaffee sich ausgetrocknet hat … Vielen dank … Änderungen habe ich ein paar schon erledigt
@Klamm feiner Kommentar … vieles habe ich übernommen …
Werde noch mal genauer auf eure wertvollen Kommentare eingehen …
Liebe Grüße aus dem Taunus
Isegrims

 
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Hallo @Isegrims,

ich mag es total gerne, wenn Geschichten so beginnen, dass ich gleich in der Stimmung verortet bin. Das gelingt dir mit deinem ersten Satz total gut. Der wabernde Nebel, der sich über alles im Bahnhof legt, da weiß ich nicht nur, wir sind auf einem Bahnhof, sondern ich spüre gleich auch eine gewisse Melancholie. Allerdings hadere ich ein wenig mit dem Bild der zweiten Haut. Für mich passt das nicht so richtig zusammen, Haut ist für mich etwas sehr klar abgegrenztes, im Gegensatz zum diffusen Nebel. Aber egal, ich lese weiter und zwar mit recht hohen Erwartungen, weil mir dein Einstieg so gut gefällt. Mir gefällt dein Text auch beim Weiterlesen, aber meine Erwartungen erfüllen sich nicht ganz und ich versuche mal herauszufinden, woran das liegt bzw. was ich überhaupt erwarte.
Zum einen gab es immer mal wieder Stellen über die ich gestolpert bin, zb hier:

Ich mag ihre Sommersprossen, werfe ihr einen Blick zu, den sie mit diesem Glotz-nicht-so-du-bist-viel-zu-alt-als-dass-du-mich-überhaupt-wahrnehmen-darfst-du-Schwein beantwortet. Zwischen den Gleisen laufen Tauben auf und ab, breiten die Flügel aus, als ein Zug einfährt.
Fehlt da nicht was, nach SChwein? Ist es nicht ein "Glotz-nicht-so...du-Schwein-Blick"? Vielleicht ist es richtig, wie es ist, es liest sich für mich aber komisch. Auch bei den Tauben kam ich kurz ins Stocken. Habe überlegt, ob "die Flügel ausbreiten" ein Synonym für wegfliegen sein soll. Oder ob der Zug auf einem anderen Gleis einfährt und deswegen die Tauben kurz die Flügel ausbreiten und quasi überlegen wegzufliegen, es aber dann nicht tun. Das haut mich dann kurz raus, aber ich komme schnell wieder rein.
Die Stimmung oder auch die Stimme des Erzählers zeigt sich im Verlauf nicht ganz so melancholisch, wie ich am Anfang dachte, vielleicht ist das meine enttäuschte Erwartung, dass ich Melancholie erwartet habe, zB beim Nebel am Anfang oder auch hier:
Einer fragt mich nach ein paar Euro, um eine Fahrkarte nach Hause zu lösen. Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.
Das klingt schon sehr traurig. Aber immer wieder kriege ich den Erzähler dann doch nicht so richtig zu fassen. Ich spüre das schon etwas Düsteres, also da ist nicht nur Eliska, die in Prag wartet, da ist noch irgendetwas anderes, aber dann grinst er in die Kamera oder er denkt, wie romantisch es ist, durch die Nacht zu fahren, seine Beschreibungen der Szenerie sind aber eben alles andere als romantisch mMn. Ich empfinde das "den Mantel zugeknöpft" auch als Metapher seines seelischen Zustands, also als zugeknöpft und zurückgezogen von der Welt, so beschreibt er die Welt für mein Empfinden auch, irgendwie kühl, als wäre er nicht Teil von ihr, als wäre sie ein Beobachtungsgegenstand.

Auch das hier kriege ich dann nicht so richtig mit dem Erzähler zusammen, das klingt eher so lebensbejahend, sinnlich:

Als ich die Augen schließe, male ich mir die Begegnung mit Eliska aus: Kerzenlicht im Hintergrund, Lustgeruch, Honig, Erdbeeren, Haut, Hitze. Pünktlich losgefahren, texte ich nach Prag.
Und dann wieder:
Verlorene im Meer des Ausnahmezustandes, die sich daran gewöhnen, in Maskenzeiten zu leben.
Menschen als verloren zu betrachten, heißt für mich: selbst verloren zu sein.
Falls ich alleine bleibe, wage ich es, die Maske abzustreifen.
Müsste es nicht heißen: "werde ich es wagen"?

Ich schwenke zum Abschied ein Taschentuch , bis der Bahnhof aus dem Blickfeld verschwindet.
Das zum Beispiel kann ich gar nicht einordnen. Das hat für mich eher etwas klamaukiges, wenn jemand sich allein in einen Zug setzt und niemandem winkt, sondern ganz allein mit sich und dem bahnhof ein Taschentuch schwenkt.
Es riecht nach Banane und Schweiß, den schalen Gedanken, die hier drin ausgedünstet wurden.
"schale Gedanken" ... das ist für mich wieder total depri, also seine Stimmung

trotz der Maske, die sich über ihr Gesicht stülpt, so eng anliegend, als handle es sich um ein Pilzgeflecht, das auf ihrer Haut siedelt, ohne ein Recht darauf zu besitzen.
Metaphern und Vergleiche sind ja immer so eine Sache. Für mich funktioniert das nicht, eine solide Maske mit einem Geflecht zu vergleichen, aber was ich eigentlich sagen will, ist, dass dieses auf der Haut siedelnde Pilzgeflecht wieder für mich zeigt, wie er die Welt wahrnimmt und das ist eben ... ja ... irgendwie ... in Ermangelung besser Wörter: depressiv vielleicht?

Eva“, sage ich „ein schöner Name“ und verbiete mir weiterzureden, verbiete mir zu erwähnen, dass meine Frau diesen Namen trug.
Ok, daher die Depressivität? Vielleicht, frage ich mich gerade, habe ich Melancholie erwartet, irgendetwas schönes, um drin zu schwelgen und dann habe ich Depression bekommen ...

Es gibt Baby-Bilder von mir auf den Armen meiner Mutter. Auf jedem strahlte sie vor Glück. Es gibt Bilder von ihr im Rollstuhl, derselbe Mama-Blick, dahinter Finsternis und Bitterkeit. Als hätte sie zu spät erkannt, was sie angerichtet hat. Wie viele Jahre liegen dazwischen? Sie hat jeden Tag gebetet. Warum? Welche Stimme hat ihr eingeflüstert, man muss hart gegen alle und jeden sein, um im Leben zu bestehen? Ich wünschte mir Liebe, wer nicht?
Oder ist das der Grund für seine Depressivität? Ich verstehe ehrlich gesagt, nicht so richtig, worauf du hier hinauswillst. Als er ein Baby war, was sie glücklich. Dann im Rollstuhl (war sie da alt und deswegen im Rollstuhl?) war sie es nicht mehr, sondern verbittert. Und dann: "Als hätte sie zu spät erkannt, was sie angerichtet hat?" Verstehe ich nicht. Also ich denke, ihm angetan hat, also an ihm angerichtet hat. Aber deswegen der verbitterte Blick? Aber wenn man erkennt, was man schlechtes angerichtet hat, ist man dann nicht eher traurig? Finster und verbittert... hat man da irgendwas erkannt? UNd dann: Ich wünschte mir Liebe. Das heißt, er hat keine bekommen. Weil sie finster und verbittert war (ein wenig wie er jetzt, vielleicht?), hat er keine Liebe bekommen? Oder weil sie zu spät erkannt hat, dass sie ihm keine Liebe gegeben hat und darum verbittert und finster wurde? Das macht irgendwie nicht so richtig sinn.

6:37 Uhr fährt der Zug pünktlich weiter, sagt er. Ich nicke und schlendre los. Von weitem sehe ich das junge Pärchen vom Raucherplatz in Frankfurt. Er zieht beide Koffer, den Oberkörper aufgerichtet, sie geht zwei Schritte hinter ihm. 0.54 Uhr.
Blöde Frage, ich bin noch nie Nachtzug gefahren. Der kommt um 0:54h an und fährt 6:37 weiter und nennt sich Nachtzug, obwohl der die ganze Nacht steht?

„In der Unterführung gibt’s einen Rewe, der hat auf. Gehen wir und holen uns ein Bier?“ Ich zucke mit den Achseln. Mir fällt kein Grund ein, der dagegen sprechen würde. Als er aufsteht, kommt er mir noch riesiger vor.
Hier wirkt er, finde ich, total verloren. Der Erstbeste, der ihn anquatscht, mit dem geht er dann mit ... Auch dann im weiteren Verlauf mit Karl, da wirkt er ja etwas planlos, fast kindlich-naiv, aber dann auch wieder ganz klar, fast bestimmt:
„Der größte Teil des Lebens besteht aus Zufall, merk’s dir, Karl. Wir finden oft, was wir gar nicht gesucht haben.

Der nackte Schwanz einer Ratte schlängelt sich über die Gleise
Ich muss grinsen, wenn ich das lese, weil ich den Schwanz einer Ratte (nur den Schwanz, ohne die Ratte) sich wie eine Schlange über die Gleise schlängeln sehe ;-)

„Los jetzt, Leo.“ Obwohl ich nie gedient habe, salutiere ich vor ihm.
Dann das. Ich krieg ihn einfach nicht richtig zu fassen. Das ist gar nicht negativ gemeint, sondern einfach so als Tatsache. Ich weiß noch nicht mal, ob ich ihn mag, oder nicht. So richtig sympathisch ist er nicht, aber auch nicht unsympathisch. Ja, keine Ahnung, ich bin etwas ratlos.

Vielleicht ja genau, was du bezweckt hast?

Hoffe, es ist etwas hilfreiches dabei. Vielleicht habe ich auch gar nichts kapiert, gut möglich.

Viele Grüße
Katta

 

CoK

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Hallo @Isegrims

deine Geschichte hat mir gefallen. Eine Zugfahrt bietet auch für mich immer wieder die Gelegenheit, Begegnungen zu erfahren und meine Gedanken schweifen zu lassen. Es ist interessant zu lesen, wie du deinen Protagonisten reagieren lässt, auch deine Gedanken sind Neuland für mich. Doch nichts ist unmöglich und ich war gerne mit auf deiner Zugfahrt.

Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.
Hier habe ich überlegt was du mit diesem Satz wohl sagen möchtest, hat er kein zu Hause, bedeutet zu Hause für ihn etwas ganz anderes?
Mir fällt nicht ein, was ich vergessen habe, irgendetwas fehlt immer, so sorgfältig
Setz dieser Gedanke nicht voraus, dass er weiß etwas vergessen zu haben?
Ein junges Pärchen raucht synchron, schweigt miteinander. Er trägt Hoody, darunter Kaschmirpullover. Ich mag ihre Sommersprossen, werfe ihr einen Blick zu, den sie mit Glotz-nicht-so-du-bist-viel-zu-alt-als-dass-du-mich-überhaupt-wahrnehmen-darfst-du-Schwein beantwortet
So ein Satz, warum Kashmir Pullover was ist das für ein Typ der so ein Pullover trägt und darüber einen Hoody. Es ergeht mir oft in deiner Geschichte so, dass ich Details erfahre und mir dann meine eigenen Gedanken dazu machen. Mir gefällt das.
Ich schreibe Eliska eine Nachricht, schieße Fotos von Koffer und Rucksack, grinse in die Kamera. Sie schickt einen Smiley und einem Kussmund als Antwort.
Hier wird mir klar er fährt zu einer Bekanntschaft.
Fiktion und Wirklichkeit mischen sich in unseren Köpfen. So gestalten wir die Welt.
Gerade auf dem Bahnhof empfinde ich das extrem. Weil wir uns aus kurzen Begegnungen schon eine Geschichte bauen mit der Fiktion unserer Wirklichkeit.
Der Mann im Anzug neben mir zerknüllt eine Papiertüte, zielt, trifft den Mülleimer nicht. Der Ball landet daneben. Er zuckt die Achseln und grinst in alle Richtungen. So sehen Sieger aus
Schön diese Ironie.
m Großraumabteil befinden sich wenige Passagiere, halten Smartphones oder Tablets in den Händen, verstecken die Augen. Verlorene im Meer des Ausnahmezustandes, die sich daran gewöhnen, in Maskenzeiten zu leben.
Ich denke sie haben sich schon daran gewöhnt.
. Von den Gleisen her winken mir die Tauben zu. Ich schwenke zum Abschied ein Taschentuch
Wirklich, er winkt mit dem Taschentuch den Tauben zu. (Nichts ist unmöglich)
Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich setze mich gegenüber in die Mitte. Eva mag es, aus dem Fenster zu schauen.“
Hier wird mir dein Prota sympathisch.Die Augen strahlen eine wütende Kraft aus,
Augen die Blüten sind kann ich mir vorstellen aber eine wütende Kraft ausstrahlen? (Vielleicht fehlt es mir ja nur in Fantasie)
Ich überlege, ob ich ein Gespräch anfangen oder irgendetwas ins Smartphone tippen soll, um die Harmlosigkeit der Begegnung zweier Fremder aufrechtzuerhalten.
Die Szene kann ich mir richtig gut vorstellen.
Sie glauben nicht an Gott, oder?“
Was bringt die Zufallsbekanntschaft zu dieser Frage.
Als hätte sie zu spät erkannt, was sie angerichtet hat. Wie viele Jahre liegen dazwischen? Sie hat jeden Tag gebetet. Warum? Welche Stimme hat ihr eingeflüstert, man muss hart gegen alle und jeden sein, um im Leben zu bestehen? Ich wünschte mir Liebe, wer nicht?
Später träume ich von Wassermassen, die mich daran hindern, über einen Fluss zu kommen, den ich nicht kenne, blicke in die reißende Flut und suche mir einen anderen Weg.
Hier stellen sich mir wieder Fragen: Was hat sie angerichtet? Warum war sie so hart? War die Mutter die reißende Flut und suchte er zu ihr einen Weg?
zieht beide Koffer, den Oberkörper aufgerichtet, sie geht zwei Schritte hinter ihm. 0.54 Uhr.
Auch hier hast du wieder mein Kopfkino eingeschaltet: War sie Muslim?!
Er sieht aus, als wäre er für einen Kampfeinsatz gerüstet, schwere Boots mit Eisenkappen, breite Schultern, groß, athletisch, maskenlos, sitzt er da, als würde er auf etwas warten.
Um diesen Mann würde ich einen Riesenbogen machen.
Die Rolltreppe funktioniert nicht, also steigen wir die Treppe herab in die Unterwelt.
Da hätte ich hinunter geschrieben.
„Wo habe ich das verfickte Teil bloß.“ Ich krame im Rucksack und reiche ihm eines der Dinger, die Version in Rosa.
Denkt er hier schon an seine Bekanntschaft und hat ihr einen rosafarbenen Mundschutz mitgenommen? ( Auch als Frau ich würde keinen rosafarbenen Mundschutz tragen)
Wir ändern unser Leben, das ist alles“, antworte ich.
Diesen Satz hätte es für mich nicht gebraucht zumal ich es nicht verstehe.
Wusste nicht, wie du reagierst.“
Ebenso ergeht es mir bei diesen Satz
Fünfzig?“
Auch hier, fällt es mir schwer.( hätte ich auch weggelassen)
Während ich über den Satz staune, dreht er sich im Rhythmus einer perfekt fließenden Bewegung zu mir, schlingt den Arm um meinen Hals, schnürt die Kehle ab, nimmt mir die Luft und drückt seinen Daumen auf das rechte Auge.
So jetzt bringt er ihn um denke ich.
In Bewegung bleiben, egal ob auf Gleisen, auf der Straße, zu Fuß, nicht still stehen, sage ich mir.
Warum sagt er das hier?
Auf halber Höhe schwebt eine blaue Figur den Bergen entgegen.
Wie schön hier gib mir meine Fantasie zwei Möglichkeiten vor, entweder ist das dein Prota oder Gott!

Du lässt mir und meiner Fantasie in deiner Geschichte viel Spielraum, ich mag das auch. Frage mich nur, ob das von dir immer so gewollt ist oder ob ich vielleicht deine Geschichte nicht richtig verstehe.

Ich wünsche dir einen schönen Tag
Liebe Grüße CoK

 
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Den Laptop auseinandergenommen, zwei Tage trocknen lassen, eine Taste mit Klebeband fixiert, damit er wieder hochfährt. Externes Keyboard angeschlossen. Jetzt warte ich auf die neue Tastatur und kann das Ding dann wieder in Einzelteile zerlegen.. Also Leute: Kaffee, Bojarski, was auch immer weg vom Gerät, richtet nur Chaos an.

Den Text überarbeite ich gerade, kürze einige Stellen heraus und werde in den kommenden Tagen eine neue Version einstellen. habe aber vorab manches korrigiert

Bisschen ausführlicher zu den Kommentaren:

Ein Reisender, der sich aufmacht und auf bessere Zeiten hofft. Ich entwickle Nähe zu Deinem Prota und begleite ihn gerne. Die Melancholie der Geschichte gefällt mir.
ja, geht's uns nicht allen so?

Ein sehr schöner, gelungener Einstieg. Ich hab sofort alles bildlich vor Augen
Ich schließe mich den bisherigen Kommentaren an: ich hab den Text gern gelesen! Liest sich flüssig, man hat Lust einfach "mitzulaufen".
das ist gut

Spricht sich der Leo da selbst mit Leo an? Spricht er in der dritten Person von sich? Oder fehlen da Anführungszeichen udn Zeilenumbrüche?
habe ich geändert, damit die Positionen zwischen den Sprechern sichtbarer werden, aber ich halte es für den Lesefluss noch viel unangenehmer, sagte er/sie zu lesen

Danke dir @Silvita


Den Einstieg fand ich stimmig, aber an einigen Stellen vielleicht etwas zu ausufernd. Jedenfalls hat da irgendetwas den Lesefluss etwas gestört.
ja, den Einwand habe ich bereits von @Morphin gehört, ich werde kürzen. Da der Text aber Teil eines größerem Vorhabens ist, möchte ich schon ein wenig verorten.

Als dann die Zugfahrt beginnt stört dann aber nichts mehr und es liest sich sehr gut.
fein
Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass es vor allem um Flucht geht, weil alle Figuren vor irgendwas zu fliehen scheinen.
Flucht, ja, aber auch Bewegung, was mMn unsere Zeit widerspiegelt
Dabei geht die Atmosphäre aber eher in richtig nostalgisch bis bedrückt. Besonders die Pandemieelemente, also Abstand und Masken usw., haben viel Stimmung erzeugt.
Leo reist weiter und er wird auch fröhliche Tage erleben
Hier finde ich das Bild ein bisschen schief, weil für mich Kämpfer und Meer nicht so richtig zusammenpassen. Wäre sowas wie: "verlorene Schwimmer im Meer des Ausnahmezustandes" stimmiger?
Die Stele habe ich geändert, wenn auch nicht wortgenau nach deinem Vorschlag.
Bei den Dialogen bin ich an einigen Stellen durcheinandergekommen, also mir war nicht zu jedem Zeitpunkt klar, wer was sagt. Für mich verschwimmen die Figuren dadurch etwas, was aber auch irgendwie ein interessantes Element ist.
siehe oben; den Effekt, dass die Positionen nicht ganz klar sind, ineinander verschwimmen, wenn der was verstärkt, dann finde ich passend zu der beschriebenen Situation

Schwierig zu entschlüsseln, da ich allerhand damit zu tun habe mir das Bild vorzustellen. Habe ich jetzt durch die blaue Figur auch als Fluchtmotiv verstanden
Das Bild, das Eva malt, ein Kinderbild, auf solchen Zeichnungen fliegen Figuren oft

Insgesamt hat mir die Geschichte gut gefallen und ich habe sie gerne gelesen. Hoffe, du kannst etwas mit meinen Anmerkungen anfangen.
sehr viel kann ic damit anfangen, dankeschön!
man kann die "flüchtige Bekanntschaft" auch auf die zwo Mitreisenden und hernach Verschollenen beziehen - oder?
stimmt:Pfeif:

@Katta @CoK : bald mehr zu euren hilfreichen Anmerkungen

Liebe Grüße aus dem trüben Taunus
Isegrims

 
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@Isegrims

ja, den Einwand habe ich bereits von @Morphin gehört, ich werde kürzen. Da der Text aber Teil eines größerem Vorhabens ist, möchte ich schon ein wenig verorten.
Dann würde ich da nichts ändern, denn mein Eindruck ist dann der eines aus dem Kontext genommenen Teils, also verfälscht. Lass es doch so und ich freue mich auf das Gesamtpaket.

 
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So, jetzt schaffe ich es, die anderen, so wertvollen Kommentare zu beantworten. Da ist eine Menge drin, dankeschön!

Hi @Katta

super. wie genau du den Text liest, den Stimmungen nachspürst, die Leo transportiert bzw. transportieren soll

ich mag es total gerne, wenn Geschichten so beginnen, dass ich gleich in der Stimmung verortet bin. Das gelingt dir mit deinem ersten Satz total gut.
:Pfeif: fein, erste Sätze sind ja ziemlich wegweisend
Allerdings hadere ich ein wenig mit dem Bild der zweiten Haut. Für mich passt das nicht so richtig zusammen, Haut ist für mich etwas sehr klar abgegrenztes,
mm, ich finde das Bild schon passend, über unser Leben legt sich ja ständig eine imaginäre zweite Haut, denke aber noch mal darüber nach
Fehlt da nicht was, nach SChwein? Ist es nicht ein "Glotz-nicht-so...du-Schwein-Blick"?
habe ich neu und wie ich hoffe verständlicher formuliert
Auch bei den Tauben kam ich kurz ins Stocken. Habe überlegt, ob "die Flügel ausbreiten" ein Synonym für wegfliegen sein soll.
Leo sieht die Tauben so und im Flügelausbreiten spiegelt sich seine eigene Welt, denn er breitet ja auch die Flügel aus, um wegzufliegen
Das klingt schon sehr traurig. Aber immer wieder kriege ich den Erzähler dann doch nicht so richtig zu fassen. Ich spüre das schon etwas Düsteres, also da ist nicht nur Eliska, die in Prag wartet, da ist noch irgendetwas anderes, aber dann grinst er in die Kamera oder er denkt, wie romantisch es ist, durch die Nacht zu fahren, seine Beschreibungen der Szenerie sind aber eben alles andere als romantisch
okay, verstehe ich, da der Text aber Teil eines größeren ist, klären sich nicht alle Andeutungen sofort, zudem ist er schon eine widersprüchliche Figur, die man nicht unbedingt sofort vollständig greifen muss
Ich empfinde das "den Mantel zugeknöpft" auch als Metapher seines seelischen Zustands,
empfinde ich auch so
Metaphern und Vergleiche sind ja immer so eine Sache. Für mich funktioniert das nicht, eine solide Maske mit einem Geflecht zu vergleichen, aber was ich eigentlich sagen will, ist, dass dieses auf der Haut siedelnde Pilzgeflecht wieder für mich zeigt, wie er die Welt wahrnimmt und das ist eben ... ja ... irgendwie ... in Ermangelung besser Wörter: depressiv vielleicht?
siehe oben
Oder ist das der Grund für seine Depressivität? Ich verstehe ehrlich gesagt, nicht so richtig, worauf du hier hinauswillst. Als er ein Baby war, was sie glücklich.
das ist so ein Beispiel: er erinnert sich an die Mutter, die ihm die gewünschte Liebe nicht geben konnte der wollte, erinnert sich an sie, das Ganze muss aber im Lauf der weiteren Erzählung noch verdeutlicht werden
Auch dann im weiteren Verlauf mit Karl, da wirkt er ja etwas planlos, fast kindlich-naiv, aber dann auch wieder ganz klar, fast bestimmt:
ist doch kein Widerspruch, zeigt ihn eher als ein Indiviuum, das mehrere Seiten hat

Liebe Grüße und einen Sonnenstart in den Feiertag
Isegrims


Hallo @CoK

schön, dass du vorbeischaust und deine Gedanken zu dem Text hinterlässt, hilft mir!

Es ist interessant zu lesen, wie du deinen Protagonisten reagieren lässt, auch deine Gedanken sind Neuland für mich. Doch nichts ist unmöglich und ich war gerne mit auf deiner Zugfahrt.
:Pfeif:
Hier habe ich überlegt was du mit diesem Satz wohl sagen möchtest, hat er kein zu Hause, bedeutet zu Hause für ihn etwas ganz anderes?
vielleicht fühlt er sich in Zeiten wie diesen in seinem Zuhause nicht mehr wohl-
Hier wird mir dein Prota sympathisch.Die Augen strahlen eine wütende Kraft aus,
Augen die Blüten sind kann ich mir vorstellen aber eine wütende Kraft ausstrahlen? (Vielleicht fehlt es mir ja nur in Fantasie)
in ihren Augen ist eben beides, Wut und Kraft widersprechen sich mMn nicht
Du lässt mir und meiner Fantasie in deiner Geschichte viel Spielraum, ich mag das auch. Frage mich nur, ob das von dir immer so gewollt ist oder ob ich vielleicht deine Geschichte nicht richtig verstehe.
lass dich einfach mitziehen, verstehen kommt von allein

Liebe Grüße aus dem Leoland
Isegrims

Dann würde ich da nichts ändern, denn mein Eindruck ist dann der eines aus dem Kontext genommenen Teils, also verfälscht. Lass es doch so und ich freue mich auf das Gesamtpaket.
ei wenig ändere, ein wenig streiche ich gerade, aber doch nicht so viel, wie ich anfangs dachte, dass ich müsste.

viele Grüße und ich hoffe, ich schaffe es heute Abend
Isegrims

 
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Hallo @Isegrims,

leider warst du gestern schon weg, als es nach der Lesung um Corona-Texte ging. Da habe ich nämlich schon über deine Geschichte gesprochen. Für mich ist das der beste Corona-Text, den ich bisher gelesen habe.
Obwohl wir nach wie vor mittendrin stecken in dieser absurden Situation, schafft es der Text, mir eine Draufsicht zu vermitteln, die mir wie aus einem Paralleluniversum oder einer Science Fiction Geschichte vorkommt. Zeitgleich hatte ich durch den Einstieg das Bild einer Bahnhofsszenerie aus dem 19. Jahrhundert vor Augen, sah Männer mit Zylindern und Frauen in langen Kleidern vor mir, obwohl du das mit keiner Silbe erwähnt hast, und Red Bull Dosen ja nun wirklich nicht in diese Zeit passen.
Es ist wohl die Art des Erzählens und Beschreibens, die diese Bilder in mir auslösten, mich in Vergangenheit und Zukunft führten, aber nicht in die Gegenwart. Und dabei ist alles, was passiert, so real und gegenwärtig, wie es heutzutage eben ist.
Auch wenn die einzelnen Szenen mittlerweile Alltag sind, wirken sie durch die spezielle Auswahl so surreal und gruselig auf mich, dass ich mir denke: Wie schrecklich! In so einer Gesellschaft würde ich um keinen Preis leben wollen, um mir im nächsten Moment bewusst zu machen, dass ich genau das aber tue. Das finde ich sehr gut gemacht.

Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.
Schöner Satz. Zeigt gut die Verlorenheit der Gesamtsituation. Nichts scheint mehr vertraut.

Ein junges Pärchen raucht synchron, schweigt miteinander.
Tolles surreales Bild.

Zwischen den Gleisen laufen Tauben auf und ab, breiten die Flügel aus, als ein Zug einfährt.
Auch ein schönes Detail. Sie breiten die Flügel aus, fliegen aber nicht.

Sie schickt einen Smiley und einem Kussmund als Antwort.
einen

Fiktion und Wirklichkeit mischen sich in unseren Köpfen. So gestalten wir die Welt.
Könntest du streichen. Das Gefühl stellt sich bei mir von selbst ein, und an dieser Stelle wirkt es, als müsstest du es mir noch mal erklären.

Sie wuchtet den Koffer
Es

Er zuckt die Achseln und grinst in alle Richtungen.
Kann man das Grinsen sehen? Trägt er keine Maske?

Verlorene im Meer des Ausnahmezustandes, die sich daran gewöhnen, in Maskenzeiten zu leben.
Auch das hätte es für mich nicht gebraucht.

als wäre sie viel älter.
es

trotz der Maske, die sich über ihr (sein)Gesicht stülpt, so eng anliegend, als handle es sich um ein Pilzgeflecht, das auf ihrer (seiner) Haut siedelt, ohne ein Recht darauf zu besitzen.

Später träume ich von Wassermassen, die mich daran hindern, über einen Fluss zu kommen, den ich nicht kenne, blicke in die reißende Flut und suche mir einen anderen Weg.
Auch schön. Könnte man als Metapher auf die nächste Coronawelle verstehen.

6:37 Uhr fährt der Zug pünktlich weiter
Ich verstehe nicht, warum die wörtliche Rede hier kursiv gesetzt wird. Vorher hast du ja Anführungszeichen verwendet.

Er schaut mich aus milchigen Augen an
Sie

Haben sie einen Euro?, sagt er.
Auch wieder kursiv. Auf mich wirkt das, als würde sich der Erzähler das nur einbilden.
Ich würde "er" durch "der Mann" ersetzen, sonst geht es immer noch um sie, die Knochengestalt.


Sein Atem stinkt faul, die Kleider riechen klamm.
Riecht er das durch die Maske? Der Mann hat sich ja vorher die Einwegmaske zurechtgerückt.

„Wo habe ich das verfickte Teil bloß.“
Das sagt doch Karl, oder? Ich würde es eine Zeile höher setzen, sonst denke ich, es ist der Erzähler.

Ich krame im Rucksack und reiche ihm eines der Dinger, die Version in Rosa.
:D

Auf dem Hals Karls prangt ein Fledermaustattoo. Er nimmt sie zwischen die Fingerspitzen und setzt sie sich kopfschüttelnd auf.
Ich würde die beiden Sätze vertauschen. Der letzte bezieht sich ja noch auf die Maske, also wirkt das Fledermaustattoo deplatziert dazwischen.

„Manchmal. Ich hab meine Wohnung untervermietet, lebe draußen, ist sicherer.“
Das verstehe ich nicht. Wieso ist er mit seiner Hautfarbe draußen sicherer?

„Fünfzig?“
Das kommt mir zu schnell. So als ob der Erzähler schon wusste, dass die Frage kommt. Ich würde ihn noch kurz stutzen lassen.

der der Teufel
Ein der zuviel.

„Abwarten!“
„Ich bin aufgebrochen, das ist schon was und jetzt gehe ich einen Schritt nach dem anderen, frei und offen für das, was kommt.“ Während ich über den Satz staune,
Hier bin ich ins Schleudern gekommen. Der Erzähler sagt, er sei aufgebrochen und staunt über den Satz? Verstehe ich nicht.

Ebenso plötzlich wie sein Zugriff, löst sich Karls Griff.
Hier bin ich über den doppelten Griff gestolpert. Vielleicht: Ebenso plötzlich wie er mich gepackt hat, löst sich Karls Griff.

Was, wenn er recht hat und die gewohnte Welt zerbröselt wie eine Scheibe, die bricht? In Bewegung bleiben, egal ob auf Gleisen, auf der Straße, zu Fuß, nicht still stehen, sage ich mir.
Schönes Bild mit der zerbröselnden Welt. Und auch mit dem Gedanken danach kann ich mich gut identifizieren.


Die Nachricht im Zug und das Bild von Eva geben Hoffnung auf ein bisschen menschliche Wärme, obwohl das Bild auch wieder das Versinken der Welt, gleichzeitig aber das Davonfliegen zeigt. Im Positiven könnte ich es als Fluchtmöglichkeit aus der Situation deuten, aber vielleicht ist es auch die Welt, die gleichzeitig versinkt und sich verflüchtigt.

Danke für diese wunderbare Geschichte.

Viele Grüße,
Chai


 
Wortkrieger-Team
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Dann würde ich da nichts ändern, denn mein Eindruck ist dann der eines aus dem Kontext genommenen Teils, also verfälscht.
Ich hab's geschafft, die leicht gekürzte und an manchen Stellen verbesserte Version einzustellen.

Auf den feinen Kommentar von dir @Chai gehe ich noch genauer ein, vielen Dank!

 
Wortkrieger-Team
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Guten Morgen @Isegrims,

zuerst:

legt sich auf Menschen, Poller und Züge wie
Als alter Eisenbahnfreak und Trainsimulator-Spieler, muss ich über den POLLER stolpern. Menschen und Züge, das ist lyrisch, die "Poller" stören. Nicht nur technisch, weil ich nicht weiß, was du meinst. Prellböcke? Schwellen? Oberleitungsmasten? Signalsockel? In der Infrastruktur der Bahn gibt es den 'Poller' nicht.
aus dem Paradies ertrieben wurden.“
nur ein 'v'

Der Übergang im Text:
Ich empfinde ihn als runder. Wechsel von Gleisanlagen, Bahnhof, Bahnsteig zu Abteil, Abfahrt, bis dann der Dialog mit Frau und Tochter beginnt. Ich bin nicht mehr aus der Kurve geflogen ... so mein Leseeindruck. Der restliche Text war eh ein ruhiger Strom.

Daumen hoch und in freudiger Erwartung auf Leos Weiterreise.

Grüße
Morphin

 
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Lieber @Isegrims , zuerst kurz und eindeutig: Deine Geschichte hat mir sehr gefallen. Es kommt mir vor, du hast deinen Stil etwas verschlankt, weniger lyrisch und wortspielereiverliebt, für mich sehr maßvoll und daher gut erträglich. Vielleicht habe ich mich aber auch bloß ordentlich eingelesen bei dir.

Ich mag ihre Sommersprossen, werfe ihr einen Blick zu, den sie mit Glotz-nicht-so-du-bist-viel-zu-alt-als-dass-du-mich-überhaupt-wahrnehmen-darfst-du-Schwein beantwortet.
Das hat mir gefallen, allerdings habe ich vielleicht eine falsche Schlussfolgerung gezogen, was das Alter deines reisenden Protas ist. Scheint mir aber, finde ich, nicht so wichtig, denn sich auf die Reise begeben kann man in jedem Alter.
Nach Hause, denke ich, nach Hause, schüttle den Kopf und gehe an ihm vorbei.
Nicht alle Reisen führen nach Hause, auch hier nicht. Der Weg ist das Ziel" scheint mir hier das Leitbild für den Prota zu sein. Der Weg führt durch ein Europa, das corona-geprägt ist, mit Menschen, die sich sehr eigenwillige Vorstellungen machen, wie die Zukunft aussehen wird. Eindeutige Zuordnungen sind schwierig, Normen verlieren sich im Nebel von Ängsten. Ethische Prinzipien geraten ins Wanken.
„Ich hab den Job gekündigt und fahre nach Prag, besuche jemanden, Internetbekanntschaft.“
„Und dann?“
„Wird sich zeigen.“
„Okay, Bruder. Pass auf, mit wem du dich abgibst, immer aufpassen.“
„Vielleicht bleibe ich, vielleicht nicht, vielleicht reise ich woanders hin. Ich bin frei.“
Der Freiheitsbegriff, vielfältig in diesen Tagen diskutiert, bleibt vage. Die Maske gilt manchen als Symbol von Verlust der (heiligen) Grundrechte, reich oder arm sein ist relativ., auch die Hautfarbe.
Was geschieht mit den Städten? Welche Zeit bricht an?
Ja, das werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Ich habe noch eine Frage. In deiner ersten Version meine ich, dass das Mädchen im Zug keine Bommelmütze, sondern einen roten Mantel anhatte. Das löste bei mir sofort Kopfkino aus, du weißt schon, "Schindlers Liste". Ich dachte, das sollte eine Spur sein. Immerhin ist Prag ebenfalls ein Schlüsselwort für Erinnerungskultur. aber da habe ich mich wohl getäuscht.

Sehr gerne gelesen.
wieselmaus

 
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Ausgerechnet gegen Schalke verlieren, mannonmann SGE, aber das kann mir die Laune heute nicht verderben.

Liebe @Chai

schöner Kommentar, danke! Auch für die Draufsicht, die Streichkandidaten, Änderungsvorschlägen: vieles habe ich übernommen.

eider warst du gestern schon weg, als es nach der Lesung um Corona-Texte ging. Da habe ich nämlich schon über deine Geschichte gesprochen. Für mich ist das der beste Corona-Text, den ich bisher gelesen habe.
oho, das lasse ich einfach stehen, wirklich schade, dass ich es nicht mehr reingeschafft habe
schafft es der Text, mir eine Draufsicht zu vermitteln, die mir wie aus einem Paralleluniversum oder einer Science Fiction Geschichte vorkommt. Zeitgleich hatte ich durch den Einstieg das Bild einer Bahnhofsszenerie aus dem 19. Jahrhundert vor Augen, sah Männer mit Zylindern und Frauen in langen Kleidern vor mir, obwohl du das mit keiner Silbe erwähnt hast,
war natürlich riskant, wusste nicht, ob die Leser dieselben Bilder wie ich beim Schreiben erzeugen, sonst funktioniert das nicht. Aber ich glaube, dass Zugfahren schon an sich Assoziationen hervorruft und ein passendes Bild ist.
Könntest du streichen. Das Gefühl stellt sich bei mir von selbst ein, und an dieser Stelle wirkt es, als müsstest du es mir noch mal erklären.
d'accord, gestrichen
Auch wenn die einzelnen Szenen mittlerweile Alltag sind, wirken sie durch die spezielle Auswahl so surreal und gruselig auf mich, dass ich mir denke: Wie schrecklich! In so einer Gesellschaft würde ich um keinen Preis leben wollen, um mir im nächsten Moment bewusst zu machen, dass ich genau das aber tue. Das finde ich sehr gut gemacht.
Ich glaube, dieses Staunen durchzieht unsere Realität unterhalb der Bewusstseinsschwelle.
Auch das hätte es für mich nicht gebraucht.
habe ich teilweise drin gelassen, verloren, denke ich aber weiter drüber nach
Ich würde die beiden Sätze vertauschen. Der letzte bezieht sich ja noch auf die Maske, also wirkt das Fledermaustattoo deplatziert dazwischen.
sehr gute Idee!
Die Nachricht im Zug und das Bild von Eva geben Hoffnung auf ein bisschen menschliche Wärme, obwohl das Bild auch wieder das Versinken der Welt, gleichzeitig aber das Davonfliegen zeigt. Im Positiven könnte ich es als Fluchtmöglichkeit aus der Situation deuten, aber vielleicht ist es auch die Welt, die gleichzeitig versinkt und sich verflüchtigt.
Das Bild mag jeder für sich interpretieren, ich wollte Möglichkeiten zeigen.

viele Grüße aus dem Taunusregen
Isegrims

Hi @Morphin

muss ich über den POLLER stolpern. Menschen und Züge, das ist lyrisch, die "Poller" stören. Nicht nur technisch, weil ich nicht weiß, was du meinst. Prellböcke? Schwellen?
okay, die Poller braucht es nicht; Prellböcke meinte ich, was auch ein hübsches Bild wäre, müsste ich dann aber ausführlicher beschreiben.
Der Übergang im Text:
Ich empfinde ihn als runder. Wechsel von Gleisanlagen, Bahnhof, Bahnsteig zu Abteil, Abfahrt, bis dann der Dialog mit Frau und Tochter beginnt. Ich bin nicht mehr aus der Kurve geflogen ...
:Pfeif:

Danke dir!

Liebe @wieselmaus

freut mich sehr, dass du deine Gedanken zu der Geschichte formulierst, auch weil wir unsere Texte ganz gut kennen.

zuerst kurz und eindeutig: Deine Geschichte hat mir sehr gefallen. Es kommt mir vor, du hast deinen Stil etwas verschlankt, weniger lyrisch und wortspielereiverliebt, für mich sehr maßvoll und daher gut erträglich.
Na ja, die Phase der Selbstvergewisserung ist vorbei, ich suche nicht mehr nach dem Besonderen, sondern nach dem Passenden.
was das Alter deines reisenden Protas ist. Scheint mir aber, finde ich, nicht so wichtig, denn sich auf die Reise begeben kann man in jedem Alter.
Ich habe mir nicht so viele Gedanken über das Alter Leos gemacht, glaube mittlerweile, er ist um die 40.
Der Weg führt durch ein Europa, das corona-geprägt ist, mit Menschen, die sich sehr eigenwillige Vorstellungen machen, wie die Zukunft aussehen wird.
das ist die Wirrnis unserer Zeit
Der Freiheitsbegriff, vielfältig in diesen Tagen diskutiert, bleibt vage. Die Maske gilt manchen als Symbol von Verlust der (heiligen) Grundrechte, reich oder arm sein ist relativ., auch die Hautfarbe.
die Seuche ist zwar nicht in jeder Hinsicht ein Gleichmacher, aber doch ein Symbol an sich.
Ich habe noch eine Frage. In deiner ersten Version meine ich, dass das Mädchen im Zug keine Bommelmütze, sondern einen roten Mantel anhatte. Das löste bei mir sofort Kopfkino aus, du weißt schon, "Schindlers Liste". Ich dachte, das sollte eine Spur sein. Immerhin ist Prag ebenfalls ein Schlüsselwort für Erinnerungskultur. aber da habe ich mich wohl getäuscht.
Mm, ich habe den roten Mantel wieder drin, dachte mir zunächst, den Verweis kapiert sowieso keiner, aber nachdem du erkannt hast, weshalb der Mantel rot ist, passt es wieder.

viele Grüße in den Süden
Isegrims

 

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