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Licht!

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Licht!

Wir trafen uns jeden Abend auf der Bank vor der katholischen Kirche. Wir rauchten selbstgedrehte Zigaretten, tranken warmes Dosenbier und erzählten alte Witze. Warum isst Stevie Wonder besonders gerne Mohnbrötchen? Na, weil da so tolle Geschichten drauf stehen natürlich!
Frank wird in sechs Wochen eingezogen und nach Darmstadt versetzt werden. Sie nannten das heimatnah, obwohl es mehr als hundertfünfzig Kilometer weit weg ist. An den Wochenenden werden wir ihn noch ein paarmal wiedersehen, gemeinsam einen Joint rauchen und er wird uns vom Bund erzählen, wie langweilig es ist und wie er sich alleine unter der Dusche einen runterholt und an ein Mädchen aus der Schule denkt, dessen Name er uns nie verrät. Irgendwann werden wir ihn aus den Augen verlieren, er verpflichtet sich als Berufssoldat und wird in eine Kaserne bei Flensburg versetzt. Zweimal telefonieren wir noch miteinander. Der Name von dem Mädchen war Chrisula, die Tochter eines Griechen, dem auf der Kaiserstraße eine Wäscherei gehörte, die explodierte, als wir in der achten Klasse waren. Frank wird eine Fortbildung beginnen, Instandsetzung von Flugzeugen. An irgendeinem Samstagnachmittag fährt er auf der Jägerstraße in einem grünen Golf I an mir vorbei und macht das Victory-Zeichen. Ein paar Jahre später treffe ich seinen Vater an der Kasse vom EDEKA, und als ich ihn nach Frank frage, senkt er den Blick und sagt, sein Sohn sei bei einem Autounfall verunglückt. Ich weiß noch, wie Frank geraucht hat, die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, wie eine Tunte haben wir gesagt, anfangs hat er auch nur gepafft, es aber immer abgestritten. Verunglückt. Damals hatten wir noch keinen Führerschein. Damals saßen wir auf der Bank vor der katholischen Kirche und rauchten und tranken und glaubten, uns gehöre die Welt. Wenigstens ein kleines Stück davon. Christian, den wir nur den Dicken nannten, hatte es noch nie gemacht, und damit zogen wir ihn auf. Wir wollten von unseren ersten Monatslöhnen zusammenlegen und ihm eine Nutte im Laufhaus spendieren, damit er endlich zum Schuss kommt. Christian würde eine Lehre als Koch beginnen und sie bald darauf abbrechen, weil er die Drogen für sich entdeckt hatte. Er würde auch nicht mehr sehr lange dick bleiben, er würde so sehr abmagern, dass ich ihn nicht mehr wiedererkenne, als er in der Fußgängerzone vor dem Kaufhof in seiner eigenen Pisse liegt und mit sich selbst spricht. Bald wird er zum Stadtbild gehören, ein Junkie, der am Marktplatz rumhängt, auf den Stufen beim Engel, das Gesicht voller weißer Schuppen. Irgendwann verschwindet er einfach. Einmal noch sehe ich ihn, wie er am Bahnhof mit einem leeren Becher von McDonald's im Regen steht und fremde Leute nach Kleingeld anbettelt.
Wir saßen auf dieser Bank vor der katholischen Kirche. Wir saßen nebeneinander auf dieser Bank und sprachen davon, im nächsten Sommer mit einem T2 nach Korsika zu fahren, wir hatten sogar schon die Zeiten für die Fähre in Genua in Erfahrung gebracht. Wir saßen auf dieser Bank, das war so, das muss so gewesen sein.
Ich bin siebzehn Jahre alt und glaube, ich werde irgendwann einer der besten Gitarristen der Welt, besser als Slash und Paul Gilbert, stattdessen schwängere ich in drei Monaten ein blondes Mädchen aus Kaldauen, breche meine Lehre nach dem ersten Jahr ab und arbeite im Lager von Reifenhäuser, wo ich als Ungelernter weniger verdiene als alle anderen. Ich halte mich für etwas Besseres, weil ich denke, das hier ist nur vorübergehend und bald spiele ich Gitarre in einer Band und werde berühmt und verdiene viel Geld. Meine Kollegen schneiden mich. Es ist mir egal. Später stellt mich mein Cousin in seinem Betrieb ein, Kernbohrungen und Abriss, ich mache viel schwarz. Meine Tochter sehe ich so gut wie nie. Sie heißt Karla. Aus der Mutter wird ein blondes Flittchen, die alle paar Wochen einen neuen Onkel mit nach Hause bringt. Wir reden schon lange nicht mehr miteinander. Mit Sechsundzwanzig bekomme ich einen Bandscheibenvorfall und beginne ernsthaft mit dem Trinken, weil ich den Schmerz nicht mehr spüren will. Das ist eine Ausrede. Ich will nichts mehr spüren, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Entgiftung und LZT, nach dem zehnten Geburtstag meiner Tochter werde ich rückfällig, ich ziehe drei Tage durch die Gegend und wache halbnackt auf einem Maisfeld in Birk auf. Ein Bauer findet mich mit einer leeren Flasche Apfelkorn in der Hand. Die nächsten Jahre lebe ich wieder bei meinen Eltern, in meinem Kinderzimmer, die Poster von Guns 'n Roses und Mickey Rourke hängen noch an den Wänden. Ich rauche gestopfte Zigaretten, die mir meine Mutter bei Netto kauft, trinke Kaffee und schaue den ganzen Tag Serien. Mein Vater geht nach einem Herzinfarkt in Frührente. Wir sitzen bis Mittags vor dem Fernseher und füttern dann die Enten im Stadtwald. Eine Stelle bei Reifenhäuser wird frei, wieder im Lager, ich lasse mir einen Vollbart wachsen, aber von den alten Kollegen ist keiner mehr da. Ich ziehe in eine Apartment am Stallberg, meine Tochter macht mich zum Großvater, manchmal kommt sie mich besuchen, dann bringt sie mir Aktive mit. Den Kleinen bringt sie nie mit, ihr Mann hat etwas dagegen, er hält mich für einen Säufer und schlechten Einfluss. Nach der Arbeit koche ich mir Tütensuppen und schaue oft die gleichen VHS-Kassetten, Headbangers Ball, GNR in Paris '92, und wenn es ruhig ist im Haus, spiele ich leise auf meiner Akustischen.
Wir saßen auf der Bank vor der katholischen Kirche, und die Kreuzung war von den Lichtern der KEPEC so hell erleuchtet, das es nie richtig dunkel wurde, selbst nachts nicht. Beim Schichtwechsel fuhren die Arbeiter in ihren Autos los und vergaßen oft das Licht einzuschalten, dann sprangen wir halb betrunken von der Bank und schrien: Licht! Licht!, wir rannten ihnen auf der Straße hinterher, winkten und schrien so laut wie wir konnten, Licht!, Licht!, bis sie es endlich begriffen, und dann war es das Beste, wenn die Scheinwerfer endlich angingen, ein kurzer Moment, und du hast gesehen, was vor dir lag, du hast alles vor dir gesehen, alles lag im Licht, alles war hell.

 
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Hey @jimmysalaryman ,

mega starker Text, finde ich. Habe ich sehr genossen, sehr gerne gelesen. In wenigen tausend Zeichen ein tragischer Abriss von Illusionen und Realitäten. Ich habe nicht viel zu meckern, das Kritikergehirn hat sich beim Lesen weitestgehend verabschiedet, und das reicht ja dann vielleicht auch aus als innere Rückmeldung für mich als Leser. Der Text wirkt roh, nimmt sich seine Sätze und Formulierungen selbstbewusst (verrät sich nicht). Es steckt auch eine ganze Portion Jimmysalaryman drin, aber von der sehr frischen Sorte. Das ist kein Text, der wirkt, als wäre er von dir selbst abgeschrieben.

Warum isst Stevie Wonder besonders gerne Mohnbrötchen? Na, weil da so tolle Geschichten drauf stehen natürlich!

Ich habe viiiel zu lange gebraucht, um den Witz zu checken :D der ist eigentlich ziemlich gut.

An den Wochenenden würden wir ihn noch ein paar Mal wiedersehen, gemeinsam einen Joint rauchen und er wird uns vom Bund erzählen, wie langweilig es ist und wie er sich alleine unter der Dusche einen runterholt und an ein Mädchen aus der Schule denkt, dessen Name er uns nie verrät.

später finde ich diesen Wechsel von Konjunktiv zum Indikativ ziemlich genial. Hier frage ich mich, ob es ein Fehler ist. Und wenn nicht, wie du das erklärst. Also die einzige Legitimation sehe ich im Historischen Präsens – aber das wirkt aufs Futur gemünzt wie ein Patzer.

Der Name von dem Mädchen war Chrisula, die Tochter eines Griechen

Hier schaffst du Spannung, weil ich mich frage, wie er das erfahren hat. Glaube, das bleibt uneingelöst, könnte man vielleicht noch was draus machen; muss aber auch nicht.

gehörte die

Komma

Frank wird eine Fortbildung beginnen, Instandsetzung von Flugzeugen.

Hier wieder – aber da ist die Wirkung schon ganz anders als in diesem Hybrid-Satz weiter oben. Da wird klar, dass das eben die Form der Nacherzählung ist. Da funktioniert es für mich als "lebendiges" Historisches Präsens.

zwischen Daumen und Zeigefinger

seehr gut beobachtet. Habe ich dann vor dem Bildschirm gleich mal ausprobiert. Das mache ich oft, auch früher schon, wenn Gesten genau beschrieben werden – mag ich gerne. Und spannend, dass das dann als tuntenhaft gilt. Wo man sich denkt: der gestische Unterschied ist so verdammt klein. Halt nicht Zeigefinger (James Dean), sondern Mittelfinger.

Wir wollten von unseren ersten Monatslöhnen zusammenlegen und ihm eine Nutte im Laufhaus spendieren, damit er endlich zum Schuss kommt.

das wirkt sehr – wo wir ja drüber gesprochen haben – echt. Das kaufe ich. Und sowas kaufe ich nicht so einfach, glaube ich.

Er würde

Du hast dieses Problem, finde ich, durch die Nacherzählung, dass du sehr oft 'würde' schreibst. Das ist einfach nicht so schön. Und vielleicht wäre es nicht zu viel verlangt oder der Roughness oder diesen selbstbewussten Sätzen im Weg, da zu variieren.

Er würde auch nicht mehr sehr lange dick bleiben, er würde so sehr abmagern, dass ich ihn nicht mehr wiedererkenne, als er in der Fußgängerzone vor dem Kaufhof in seiner eigenen Pisse liegt

Hier fand ich den Wechsel in den Indikativ genial. Wirklich sehr gut.

Aktive mit

Da wusste ich nicht, was gemeint ist.

dann bringt sie mir Aktive mit. Den Kleinen bringt sie nie mit

Vielleicht kannst du schreiben: hat sie Aktive dabei. Den kleinen bringt sie nie mit.
Dann hast du nicht zwei mal bringt mit. Dieses doppelt bringt mit, dass dann noch stilistisch als Wiederholung durchgehen soll(?), finde ich dann doch ein bisschen zu schlicht.


Wirklich ein toller Text!
Grüße
Carlo

 
Monster-WG
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Hey @jimmysalaryman,

der Blick zurück auf das was mal gewesen ist, was man geglaubt hat, was einen erwarte und wie trügerisch und anders das Leben einem mitspielt. Es ist dieser Moment, bevor es zerfällt, bevor die Wege sich trennen und zwar so endgültig, dass es keinen Schritt zurück geben kann. Es wird nie wieder so sein, wie es war, die Illusion ist tot. Und auch wenn kurz alles hell erscheint, erleuchtet mit einem Blitzlicht, ist es nur eine Vorstellung davon, wie es hätte werden können. Keine Fahrt im T2 nach Korsika, denn es kommt in jedem Fall anders, das Leben kümmert sich um die Leute. Frank, der Berufssoldat, verunglückt, Christian wird zum Junkie, dem Ich-Erzähler kommt die Vaterschaft dazwischen, Hilfsarbeiter, Säufer, Großvater, Profimusikerpläne eingedampft, zufrieden mit wenig. Runtergefahren auf Grundbedürfnisse, Blue Collar, Arbeiterklasse, ein guter Schuss Lethargie und Ergebenheit, auch eine gewisse Unterwürfigkeit, den Bart wachsen zu lassen wegen der Kollegen. Ein nüchternen Blick hinter die Kulisse, ja, bestimmt, eine glaubhafte Biografie? Keine Ahnung, dir nehme ich das ab.

Pillepalle:

würden wir ihn noch ein paar Mal wiedersehen
paarmal.
dem auf der Kaiserstraße eine Wäscherei gehörte(Komma) die explodierte, als wir in der achten Klasse waren
mit einem leeren Becher von McDonalds im Regen steht
McDonald´s
Wir saßen auf dieser Bank, das war so, das muss so gewesen sein.
Warum wird das an der Stelle relativiert? Ist er nicht mehr sicher?
wo ich als Ungelernter weniger verdiene als alle Anderen
alle anderen.
Das ist eine Ausrede - ich will nichts mehr spüren
Halbgeviert statt Minus.
dann bringt sie mir Aktive mit.
wasn dasn?
Licht! Licht!, wir rannten
Licht! Licht! Wir rannten, oder "Licht! Licht!", wir rannten

Peace, l2f

 
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@Carlo Zwei

danke dir sehr für deinen Kommentar. Zur Idee des Textes: Es gibt eine sehr kurze Story von Stuart Dybek, die ähnlich beginnt, und wo es nur um diese Autos ohne Licht geht. Mich hat hier dieser Moment interessiert, der ja sehr symbolhaft ist, sie sitzen da und schreien Licht und dann sehen sie, was vor ihnen und dem Fahrer in der Dunkelheit liegt. Ich wollte das kombinieren mit diesem Schwenk in die Zukunft, und das halt extrem komprimiert und verschränkt mit dieser Szene auf der Bank, wo noch alles möglich erscheint.

Ja, ich muss ehrlich gestehen, ob das alles grammatikalisch richtig ist, keine Ahnung! Ich nehme mal an, eher nicht. Ich habe das so aus Gefühl geschrieben, und muss eventuell nachbessern. Ich werde das nachholen, sobald ich da klarer sehe (oder einer von euch! :D

Hier schaffst du Spannung, weil ich mich frage, wie er das erfahren hat. Glaube, das bleibt uneingelöst, könnte man vielleicht noch was draus machen; muss aber auch nicht.

Wegen dem Telefonat. Vielleicht kommt das noch nicht so ganz rüber, aber das ist sozusagen off screen passiert.

Aktive = Filterzigaretten.

Vielen Dank für deinen Kommentar nochmals, Carlo. Sind so kleine Texte, die ich schreibe, einfach um die Sinne zu schärfen und paar Dinge auszuprobieren.

wird fortgesetzt!

Gruss, Jimmy

 
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Hallo @jimmysalaryman ,

ich habe diese Rückschau auf Vergangenes gerne gelesen. Seltsamerweise ist es gar nicht wichtig, hier Tiefe bei den einzelnen Figuren zu suchen, es reicht tatsächlich aus, dass man in etwa weiß, wie sie sich weiter entwickelt haben.
Ich hatte an keiner Stelle den Eindruck, dass ich zu wenig erfahre. Insoweit gut gemacht und auch in seiner Kürze noch ausführlich genug.
Nur eines hat mich von der Gewichtung her sehr gestört und das ist der Ich-Erzähler, der
für sich viel zu viel Raum beansprucht.
Ich stelle mir den Text irgendwie so vor, dass jemand all seine Kumpel quasi abhakt und nach und nach schildert, was aus denen geworden ist.
Und sich selbst sollte er dann ebenfalls nicht in den Vordergrund stellen, sondern der Subtext ist doch der, dass auf der Bank vor der Katholischen irgendwie noch heile Welt war.
Da reicht es doch, auch dem Protagonisten letztendlich nur einen kurzen Moment zu geben, sein eigenes Scheitern darzulegen.
Etwas anderes wäre es, wenn er im Zusammenhang mit den Schilderungen über seine Kumpels immer auch von sich einen Satz preis gibt und man ganz elegant auch sein Scheitern ablaufen sieht. Dann wäre es nicht so störend, wenn von ihm deutlich mehr im Text berichtet wird.
Das Ende gefällt mir gut, weil eigentlich schon da deutlich wird, wie wenig in den Typen steckt. Dieses Lichtthema passt. Sie sitzen im hellerleuchteten Bereich und glauben, dass sie bereits "große" Leistungen vollbringen, nur weil sie den Autofahrern Warnhinweise geben.
Dieses Licht, das bei jedem immer schwächer geworden ist im Laufe der Zeit ist gut gewählt als Verbindungsglied.

Lieben Gruß

lakita

 
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28.12.2009
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Ein nüchternen Blick hinter die Kulisse, ja, bestimmt, eine glaubhafte Biografie? Keine Ahnung, dir nehme ich das ab.

Hallo @linktofink,

danke dir für deinen Komm. Ja, passt schon.

Es ist dieser Moment, bevor es zerfällt, bevor die Wege sich trennen und zwar so endgültig, dass es keinen Schritt zurück geben kann.
Ich glaube, genau darum geht es. Das ist dieser eine kurze Schritt, und danach passiert das Leben. Da gibt es dann auch keine Möglichkeit mehr, etwas aufzuhalten. Und irgendwo anders abbiegen ist schwer, wenn man einmal auf den Gleisen ist.

Die Rechtschreibfehler etc., merze ich im Laufe des Tages aus.

Auch dir danke ich, @lakita.

Nur eines hat mich von der Gewichtung her sehr gestört und das ist der Ich-Erzähler, der
für sich viel zu viel Raum beansprucht.
Ach, ich finde, der Erzähler darf schon etwas mehr von sich selbst berichten, nee, das passt schon.

Das Ende gefällt mir gut, weil eigentlich schon da deutlich wird, wie wenig in den Typen steckt.
Hm. Das finde ich irgendwie sehr anmaßend. Wo wird denn da schon klar, dass wenig in den Typen steckt? Das klingt mir schon sehr verächtlich, wie ich finde. Der Text sollte ja eben zeigen, dass sie alle mehr oder weniger auf einem Level beginnen und das Leben einfach so ist, es sind ja kleine Tragödien, die sich ereignen, die erstmal nichts damit zu tun haben, was in den Typen steckt.
Sie sitzen im hellerleuchteten Bereich und glauben, dass sie bereits "große" Leistungen vollbringen, nur weil sie den Autofahrern Warnhinweise geben.
Das steht da glaube ich nicht. Dass sie große Leistungen vollbringen, das habe ich da nicht intendiert. Ich glaube auch nicht, dass sie das selbst so sehen, ich denke, das ist eher so ein betrunkenes Spiel. Das Symbol ist eher, dass sie in dem Moment des Licht-Einschaltens alles sehen, was vor ihnen liegt. Etwas war vorher im Dunkeln und wird jetzt beleuchtet, im Sinne einer zeitlichen Chronologie, der Zukunft.

Gruss, Jimmy

 
Wortkrieger-Team
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Hej @jimmysalaryman , nur mal kurz, weil ich gerne wissen würde, was es mit dem Text dramaturgisch machen würde, stünde die Szene mit dem Licht am Anfang ? Wenn man den drei Jungs damit gleich zu Beginn kurz aufleuchtend sinnbildlich in die Zukunft weisen würde. Würde es nicht suggerieren, wie hoffnungsfroh sei wären. Sie rufen nach dem Licht. Würde es deiner Meinung nach die Spannung reduzieren? Würde der Leser deren Lebensweg, den du anschließend preisgibst, erwarten? Was macht diese Szene abschließend anders mit der Dramaturgie?

obwohl es mehr als hundertfünzig Kilometer weit weg ist.
fehlt ein f

Der rasche Umriss des Lebens der drei jungen Freunde gefiel mir gut.

Danke und freundlicher Gruß. Kanji

 
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Wenn man den drei Jungs damit gleich zu Beginn kurz aufleuchtend sinnbildlich in die Zukunft weisen würde.
Hallo @Kanji

Ich denke, es würde etwas wegnehmen. Zuerst die Zukunft zeigen und dann die Tragödie ... schwierig. Sie starten auf dem Punkt Null, und der Leser weiß ja erstmal nicht, was passiert. Im Grunde wird nachträglich die Fallhöhe hergestellt, weil da der Leser noch einmal gezeigt bekommt - sieh mal, so hätte es auch ausgehen können, oder wenigstens: da, zu diesem Zeitpunkt, DA war alles super. Ich hatte es vorher mal andersherum, aber der Effekt ist so größer, finde ich.

Gruss, Jimmy

 
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Hi @jimmysalaryman,

schwierig nach der Diskussion um Authentizität und Handwerkskunst nun einen Text von dir zu kommentieren - vor allem, nachdem du selbst geschrieben hast, dass die "Unterschicht" in ist und das Feuilleton damit gerne auf Safari geht. So gesehen top, alles stimmig, die Details passend.

Rein vom Text ausgehend frage ich mich aber, warum das Elend hier so absolut ist. Tod, Drogen, Alkohol und auch noch eine explodierte Wäscherei. Ist das nicht etwas eindimensional? Ok, man kann sagen, den Figuren erscheint ihr Leben genauso: Absolut scheisse und sie sehen keinen Ausweg. Ich hätte aber etwas Kontrast spannender gefunden, neben dem verschwundenen Soldaten wenigstens einen Kerl, der es zumindest ein paar Sprossen hinaufgeschafft hat, vielleicht jetzt einen Supermarkt leitet oder den Meister gemacht hat. Wenn sich die Tristesse in dessen Leben dann im Grunde genauso manifestiert hätte, vielleicht nur andeutungsweise zu sehen hinter dem Focus RS oder dem Weber-Grill, dann wäre das mindestens so ein starkes Bild gewesen, weil es bedeutet, dass man nur physisch-materiell entkommen kann. Ist aber nur ein spontaner Gedanke.

Hier ein paar stilistische Dinge:

Christian, den wir nur den Dicken nannten, hatte es noch nie gemacht, und damit zogen wir ihn auf.

Finde den Kosenamen in dieser Form unstimmig, denn er klingt wie ein Name, den man benutzt, wenn man über jemanden redet. Christian ist aber Teil der Gruppe. M. m. N. wäre besser: "Christian, den wir nur Dicker nannten, ..." oder du sagst "... den wir Fattie nannten".

die Welt der Drogen

Das klingt im Rahmen dieser Story zu bürgerlich-umschreibend.

im Lager von Reifenhäuser
Eine Stelle bei Reifenhäuser wird frei

Hat mich beim ersten Mal irritiert, weil es wie ein Fehler klang. Kannte die Kette nicht. Ist sie wichtig? Sonst würde ich eher etwas Generisches nehmen wie "Reifen Schubert".


Sagt mir auch nichts. Kennt man das?

Hier noch ein Tippfehler:

Ich ziehe in eine Apartment am Stallberg

Grüsse, HK

 
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@Henry K.

Danke dir für deinen Kommentar und deine Zeit.

Tod, Drogen, Alkohol und auch noch eine explodierte Wäscherei. Ist das nicht etwas eindimensional?

Klingt jetzt doof, aber das ist eine true story. Alles ist genauso passiert, bis auf den Erzähler, der ist aus mehreren Personen zusammengeschnitten. Es wäre natürlich auch etwas widersprüchlich zum letzten Teil, wo es ja um die blendende Aussicht in die Zukunft geht - da MUSS es sozusagen vorher richtig reinhauen, es muss einen runterziehen, vor allem auf der Kürze, sonst passt es mit der Dramaturgie nicht.

Finde den Kosenamen in dieser Form unstimmig, denn er klingt wie ein Name, den man benutzt, wenn man über jemanden redet.
So ist es ja auch. Sie (also die anderen beiden) nennen ihn so, es ist kein Eigenname.

Das klingt im Rahmen dieser Story zu bürgerlich-umschreibend.
Hm, wieso? Was wäre denn eine Alternative? Einfach die Drogen? Habe ich mal geändert.
Kannte die Kette nicht. Ist sie wichtig?
Klar, wir kaufen nur regional!
Sagt mir auch nichts. Kennt man das?
https://ga.de/news/wirtschaft/regional/siegburger-kepec-schliesst-im-herbst-die-tore_aid-39882897

Ich bin quasi direkt gegenüber in einem Mietshaus aufgewachsen.

vor allem, nachdem du selbst geschrieben hast, dass die "Unterschicht" in ist und das Feuilleton damit gerne auf Safari geht. So gesehen top, alles stimmig, die Details passend.
Das hier ist keine Unterschicht. Das sind keine Leute, die von der Stütze leben oder sich in beschissenen Bullshitjobs abplackern. Das sind die Söhne von Leuten aus der unteren Mittelklasse, vielleicht noch Arbeiterklasse, wenn man davon sprechen will, keine Söhne von Alkis, Hartzern oder sonst was. Da muss man vorsichtig sein. Die sind ja auch für ihr eigenes Leben verantwortlich, das sagt der Text nur nicht, höchst im Subtext, oder es ist eine Frage, die man an den Text stellen könnte - sind die nicht auch selbst verantwortlich? Wir wissen es nicht, der Text macht darüber keine Aussage.

Gruss, Jimmy

 
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@jimmysalaryman

Das hier ist keine Unterschicht. Das sind keine Leute, die von der Stütze leben oder sich in beschissenen Bullshitjobs abplackern. Das sind die Söhne von Leuten aus der unteren Mittelklasse, vielleicht noch Arbeiterklasse, wenn man davon sprechen will, keine Söhne von Alkis, Hartzern oder sonst was. Da muss man vorsichtig sein.

Ich verstehe, was du meinst. Und das war auch kein vorschnelles Urteil von mir. Ich merke gerade aber, dass du - in anderen Diskussionen auch schon - einen sehr grossformatigen Schichtbegriff hast, der quasi generationenübergreifend funktioniert. Beispiel Clemens Meyer: Du sagtest, seine Grosseltern seien bedeutende Künstler gewesen und seine Eltern hätten viele Bücher im Schrank gehabt. Und klar, hat ihn das sicher massgeblich geprägt. Aber wenn er selbst als Kind dauernd auf der Strasse unterwegs war und entsprechende Freunde hatte und sich danach mit Jobs durchgeschlagen hat, dann ist das ja irgendwann auch ein "echter" Teil seines Hintergrunds (weiss nicht, ob es bei ihm so war, ist nur ein Beispiel).

Genauso hier: Bis auf den Soldaten sind die beiden überlebenden Figuren Junky und Alki geworden, verarmt und ohne Abschluss. Das ist für mich schon Unterschicht, egal, ob ihre Eltern noch Arbeiterberufe hatten. Von mir aus sind die Figuren abgestiegen, aber am Ende sind sie schon ziemlich ganz unten.

Relevant ist das Elternhaus natürlich, wenn du auf die Eigenverantwortung und objektive Chancen hinauswillst - was nicht heisst, dass man diese Fragen nicht gerade auch an der absoluten "Unterschicht" durchdeklinieren kann.

Ich finde es aber auch ziemlich spannend, wie wichtig die eigene Familiengeschichte für den Schichtbegriff ist. Denn, so ist es zumindest in meinen Augen oft: Hier kommen ja bei vielen Menschen unzählige Schichten und Prägungen ins Spiel, die sich dann am Ende in einer einzigen Person vereinigen.

Das klingt im Rahmen dieser Story zu bürgerlich-umschreibend.
Hm, wieso? Was wäre denn eine Alternative? Einfach die Drogen? Habe ich mal geändert.

Na, weil die Jungs ja nicht von gestern sind. Drogen sind also kein abstraktes Konzept für sie, sie kennen sich mehr oder weniger damit aus. Also können sie die Drogen, die er angefangen hat zu nehmen, konkret benennen, so scheint es mir.

 

Bas

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Hey @jimmysalaryman,

ich hab hier in letzter Zeit immer mal wieder Geschichten gelesen, zu Kommentaren angesetzt, mir die Finger verknotet und es wieder bleiben lassen ... Daher schon mal danke dafür, dass du mich mit deiner Geschichte aus der Reserve gelockt hast.

Die klingt nämlich so einfach, dass mir auch das Auseinandersetzen einfach fällt. Einfach im Sinne von locker: Ja, ist halt so, so ist's gewesen oder wird's sein, unausweichlich. Dabei tappst du aber trotz der Kürze nicht in die Falle, die Schicksale nebensächlich abzuhandeln, man spürt beim Erzähler schon so was wie Wehmut. Aber ohne romantischen Kitsch, das ist keine Rückschau mit glasigen Augen, mehr eine sehr rationale Sicht eines rationalen Kerls, den das Leben an der ein oder anderen Abzweigung mal auf's Kreuz gelegt hat, der dann aber wieder aufgestanden ist mit lädiertem Rücken, so gut er's halt konnte.
Und ich mag dieses Spiel von ... hm, der unklaren zeitlichen Position des Erzählers. Steckt er jetzt mittendrin, schaut er zurück, sieht er das voraus. Hat mir gut gefallen.

Paar Kleinigkeiten hab ich im Gepäck:

Frank würde in sechs Wochen eingezogen werden und nach Darmstadt versetzt.

Frank würde in sechs Wochen eingezogen und nach Darmstadt versetzt werden. Ginge das auch? Klänge das besser? So hab ich's jedenfalls vor mir gesehen.

Ich hätte mir hier und da einen Absatz gewünscht, zum Beispiel vor "Ich weiß noch, wie Frank geraucht hat", oder vor "Christian, den wir nur den Dicken nannten", ich finde, das gäbe der Sache einen noch klareren Rhythmus, als du ihn eh schon hast.

Wir saßen auf dieser Bank vor der katholischen Kirche. Wir saßen nebeneinander auf dieser Bank und sprachen davon, im nächsten Sommer mit einem T2 nach Korsika zu fahren, wir hatten sogar schon die Zeiten für die Fähre in Genua in Erfahrung gebracht. Wir saßen auf dieser Bank, das war so, das muss so gewesen sein.

Das wirkt auf mich persönlich zu sehr nach Kunstgriff, diese Dreifachwiederholung. Im letzten Satz macht der Erzähler mir extra deutlich, dass er das mit der Bank wiederholt, um es für sich sich selbst zu einer Tatsache zu machen, aber mir würde es besser gefallen, wenn du es beim zweiten mal weglässt bzw. zumindest die Bank nicht noch mal erwähnst, einfach nur "Wir saßen da", oder eben nur "Wir sprachen davon". So meine ich, die Schemen des Autors zu erkennen, der hinter dem Erzähler steht und ihm Worte einflüstert.

weil ich den Schmerz nicht mehr spüren will. Das ist eine Ausrede. Ich will nichts mehr spüren, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht

Vorgelesen stelle ich mir da eine starke Betonung auf dem "nichts" vor, ohne Ton komme ich da kurz ins Schlingern. Vielleicht "gar nichts"? Hm. Weiß nicht. Vielleicht magst du noch mal draufschauen, ist mir nur so aufgefallen.

Ich rauche gestopfte Zigaretten, die mir meine Mutter bei Netto kauft, trinke löslichen Kaffee und schaue den ganzen Tag Pro 7.

Schwierig, kaufe ich einerseits, gleichzeitig empfinde ich das als fast zu viel: Die Zigaretten natürlich gestopft, der Kaffee natürlich löslich ... Stände da jetzt noch RTL II statt Pro 7 ... Ähnlich ging es mir später bei den Tütensuppen. Aber ja, unrealistisch ist es nicht.

so hell erleuchtet, das es nie richtig dunkel wurde,

dass

Hab ich gerne gelesen, danke dafür.

@jimmysalaryman, Nachtrag, irgendwo steht noch "eine Apartement" ...

Bas

 
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Ich verstehe, was du meinst. Und das war auch kein vorschnelles Urteil von mir. Ich merke gerade aber, dass du - in anderen Diskussionen auch schon - einen sehr grossformatigen Schichtbegriff hast, der quasi generationenübergreifend funktioniert.

Genau, ich denke, Herkunft ist schon auch eine Generationensache. Aber klar, du hast natürlich Recht, jeder macht eigene Erfahrungen, jeder hat eine eigene Empirie, und das ist auch, was zählt. Ich will das keinem in Abrede stellen. Ich arbeite seit dem ich 17 Jahre alt bin sozialversicherungspflichtig, habe aber nie für nötig gehalten, das zu erwähnen, wenn es ums Schreiben geht. Es spielt im Grunde keine Rolle. (Jetzt habe ich es erwähnt!)

Schicht und Unterschicht und so, ich finde, das sind alles sehr belastete Begriffe, deswegen verwende ich die nicht. Du kannst auch Kafka im Sozialbau lesen, wenn du weißt, was ich meine. Du hast eine Menge Menschen mit kulturellem Kapital, die aber keine Kohle haben und auch keine Möglichkeiten. Da fließt vieles ineinander.

@Bas

nur kurz, ich antworte nachher noch. Hab mal einiges geändert. Nur die dreifache Versicherung, dass sie auf der Bank sitzen, davon kann ich mich noch nicht trennen. Ich weiß, es ist ein offensichtlicher Trick, aber für kill your darlings brauche ich einen Moment der Eiseskälte. Er wird alsbald kommen!

Gruss, Jimmy

 
Seniors
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@jimmysalaryman ,

ich geb dir Recht, so wie ich es formuliert habe klingt es ziemlich abschätzig über diese Jungen und führt nachvollziehbar zu deinem Widerspruch.
So krass hatte ich es auch nicht gemeint, das hätte ich deutlich anders formulieren müssen. Pardon insoweit.
Ich habe damit gemeint, dass du in der Lichtszene schon die Ansätze dafür anlegst, dass sie nicht erfolgreich im Leben sein würden. Sie sitzen draußen halbbetrunken zusammen auf einer Bank. Sie sitzen nicht in irgendwelchen Fortbildungskursen, sie sitzen nicht zu Hause zusammen, um gemeinsam zu büffeln, sie sind nicht woanders zusammen, um an ihren Autos oder Motorrädern, Mofas zu schrauben, sie sind nicht zusammen beim Sport, beim Musizieren. Das alles hätten sie ja auch tun können und natürlich bin ich nicht so drauf, dass ich Jugendlichen, die wo sitzen und trinken sogleich das böseste Ende ihrer Karriere voraussage, wie denn auch? Aber auch kein gutes Ende.

Ich lese die Lichtszene anders als du und leite aus ihr schon auch so eine Art Blick in die Zukunft ab und zwar in eine Zukunft des Scheiterns.
Klar kannst du mir immer und ewig vorhalten, dass ich nicht in die Zukunft schauen kann, es ist auch eher so eine Art Spekulation, die ich mir erlaube, aus dem Text zu entnehmen.

und dann war es das Beste, wenn die Scheinwerfer endlich angingen, ein kurzer Moment, und du hast gesehen, was vor dir lag, du hast alles vor dir gesehen, alles lag im Licht, alles war hell.
Das ist dein Fokus auf die Dinge. Deine Jugendlichen sehen Licht und meinen zu sehen, was vor ihnen liegt. Natürlich können sie auch nicht in ihre Zukunft schauen, es dürfte wohl eher so eine Art Hoffnung sein, die durch das Licht symbolisiert wird. Aber mehr als das sicher nicht, denn du hast diese Jungen nicht so angelegt, dass sie symbolträchtig ins Licht schauen. So wie ich deinen Text lese, ist dieses "was vor uns lag" schon eine Ecke drüber über der Realität.
dann sprangen wir halb betrunken von der Bank und schrien: Licht! Licht!, wir rannten ihnen auf der Straße hinterher,
Das ist das, was ich lese. Sie sind halb betrunken und natürlich ist es ein kleiner Triumph, wenn man so einen Autofahrer dazu gebracht hat, das Licht anzumachen. Aber es ist auch nicht mehr als eine Form von gemeinsamen Jux, es ist nicht angetrieben von dem Wunsch, diesen Autofahrern mehr Sicherheit im Verkehr abzuverlangen oder sie gar vor Unfällen zu retten.

Lieben Gruß
lakita

 

MRG

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12.03.2020
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Hallo @jimmysalaryman,

nach dem Lesen dachte ich, ja, das ist ein "Jimmy"-Sound. Ich finde, dass du einen ganz eigenen Stil hast, der für mich oft wie ein Weckruf ist: "Guck mal, nicht alle sind so privilegiert wie du, mach davor nicht die Augen zu." Gut gefallen hat mir auch, dass alle Figuren vorgestellt werden und ich das Gefühl habe, sie greifen zu können. Ansonsten denke ich, dass die Geschichte auch deshalb so gut funktioniert, weil du mit "Wir" startest und dann die einzelnen Figuren vorstellst. Mein Eindruck war folgender: Eine Gruppe, die zusammenhält, fällt nach und nach auseinander. Ich mag deine Geschichten und bin immer wieder erstaunt, was für einen Sog und Wirkung sie auf mich ausüben. Danke fürs Teilen.

Wir sitzen bis Mittags vor dem Fernseher und füttern dann die Enten im Stadtwald.
Ich bin kurz über das Wort "Stadtwald" gestolpert. Habe es in meinem Kopf dann zu Stadtpark verändert, weil ich da nicht direkt ein Bild vor Augen hatte.


Beste Grüße
MRG

 
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Hallo @jimmysalaryman,

als erstes ist mir aufgefallen, dass die Geschichte in der 1.Person Plural startet. Auch weil ich ja gerade über Erzähler nachdenke und es schön fand, das hier so gut funktionierend zu sehen.

Frank würde in sechs Wochen eingezogen und nach Darmstadt versetzt werden.
Ich habe keine Ahnung, wie das heißt, hab gerade mal nachgesehen. Konjunktiv 2 im Futur 1, wenn ich das auf die Schnelle richtig gesehen hab. Na, du hast sicher auch nicht nachgeschaut, sondern dich treiben lassen. Ich finde deutsche Grammatik schon toll. Du kannst mit diesem Satz in der Vergangenheit bleiben und sie doch aus dem Präsens erzählen. Es ist nicht: Wir rauchten und Frank wurde sechs Wochen später eingezogen. Nein, wir rauchten damals auf dieser Bank und ich sitze mit auf der Bank in der Vergangenheit und weiß, Frank ist sechs Wochen später nicht mehr dabei. Das ist toll und hat einen großen atmosphärischen Effekt (was nicht negativ klingen soll, sondern einfach, dass es Atmosphäre schafft).
Sie nannten das heimatnah, obwohl es mehr als hundertfünfzig Kilometer weit weg ist.
Hier stolpere ich über das "ist". Klar, Darmstadt ist natürlich immer noch, auch jetzt, 150kg weit weg, aber die Geschichte spielt ja in der Vergangenheit, darum fände ich Vergangheit hier besser, aber das ist nur mein Leseeindruck. Was korrekt ist, weiß ich nicht.

An den Wochenenden würden wir ihn noch ein paarmal wiedersehen, gemeinsam einen Joint rauchen und er wird uns vom Bund erzählen, wie langweilig es ist und wie er sich alleine unter der Dusche einen runterholt und an ein Mädchen aus der Schule denkt, dessen Name er uns nie verrät.
Hier switcht du dann ins Futur 1. So richtig klar, warum, ist mir der Wechsel aber nicht. Du wolltest vermutlich nicht die ganze Zeit im Konkunktiv bleiben? Ich würde in diesem Satz aber noch nicht wechseln, wieder nur Leseeindruck, der mich das schreiben lässt, keine grammatikalische Kompetenz oder so. Im nächsten Satz könntest du dann ins Futur wechseln, ohne dass ich rausgerissen werden.
dessen Namen
Der Name von dem Mädchen war Chrisula, die Tochter eines Griechen, dem auf der Kaiserstraße eine Wäscherei gehörte, die explodierte, als wir in der achten Klasse waren.
Mir gefällt total gut, wie du mit den verschiedenen Zeitebenen spielst, es wirkt aber nicht kognitiv konstruiert, sondern emotional geleitet, sehr schön, find ich das. Hier eben auch: Eben erzählt er noch, dass Frank den Namen nie verrät und hier machst du dann in einem Satz eine Geschichte in der Geschichte auf, also eigentlich zwei. Einmal die Geschichte von Chrisula und der Wäscherei usw. und dann, was ich die eigentlich tolle Geschichte finde, dass der Erzähler eben doch noch herausfindet, wer das Mädchen war und es hier preisgibt.
Dann erzählt er weiter von Frank und du (als Autor) schreibst ja nicht viel. Ausbildung. Vorbeigefahren. Victory Zeichen. Vater getroffen. Verunglückt. Das sind ja nur so Versatzstücke, die aber so viel Inhalt transportieren. Also da kommt ja erst so ein bisschen Lebenslauf-Gefühl, als ob es relevant wäre, weil es eben relevant ist, keine Ahnung, kann das schlecht ausdrücken, es ist die ganze Zeit ein sowohl-als-auch in dem Text. Du brichst es dann, den Lebenslauf mit dem Vorbeifahren, also große Entscheidungen wie Ausbildung und dann so Details wie das, dass er mit dem Auto an ihm vorbeigefahren ist, da haben sie sich ja schon aus den Augen verloren, und klar, da können ja viele Leser andocken, denk ich mir, das sind so allgemeine Erfahrungen, runtergebrochen auf einen Satz (und das ist wieder nicht negativ, sondern positiv gemeint). Ich muss bloß etwas aufpassen, dass ich nicht alles hier zitiere.
und fremde Leute nach Kleingeld anbettelt.
mglw regional bedingt. Ich würde "um Kleingeld betteln"
Wir saßen auf dieser Bank vor der katholischen Kirche. Wir saßen nebeneinander auf dieser Bank und sprachen davon, im nächsten Sommer mit einem T2 nach Korsika zu fahren, wir hatten sogar schon die Zeiten für die Fähre in Genua in Erfahrung gebracht. Wir saßen auf dieser Bank, das war so, das muss so gewesen sein.
ja, sie hatten sogar schon die Zeiten. Das sind so Details, die so viel ausmachen. Die dreimalige Bank ist mir etwas viel. Für mich liest sich das nicht richtig. Da stimmt auch etwas für mich mit dem Rhythmus nicht, zumindest wie ich es lese. Das "nebeneinander" bringt mich aus dem Tritt. Wenn dann vielleicht das "nebeneinander" in den letzten Satz?

Ich bin siebzehn Jahre alt und glaube, ich werde irgendwann einer der besten Gitarristen der Welt,
Oh, nee, ich will nicht wissen, dass er siebzehn ist. Ich war gerade so schön im Diffusen, in der Stimmung und so und nu wirste so konkret ...
Ich halte mich für etwas Besseres,
Das hätte ich auch nicht gebraucht. Mir hätte gereicht, wenn er sagt: Ich denke, dass hier ist nur vorübergehend ...
ich mache viel schwarz.
arbeite?
dann bringt sie mir Aktive mit
???

Mit dem letzten Absatz tue ich mich etwas schwer. Ich fand dann das Wiederaufnehmen der Bank etwas zu viel des Guten, etwas zu dick. Für mich hätte es auch nach der Akustischen enden können. Aber ich mag auch sehr das Ende, um das wäre es schon schade.

und dann war es das Beste, wenn die Scheinwerfer endlich angingen, ein kurzer Moment, und du hast gesehen, was vor dir lag, du hast alles vor dir gesehen, alles lag im Licht, alles war hell.
Da liegt dann soviel dazwischen, zwischen diesem Licht, diesem Wissen, wie alles werden würde und dem Besuch seiner Tochter, die nie das Enkelkind mitbringt. Und wie er dann leise auf seiner Akustischen spielt und ich ihn kurz wieder sehen kann, zwischen der Einsamkeit und dem Suff, ihn, der Musiker werden wollte, der Träume hatte und Ideen und etwas wollte. Hach, so traurig. Und obwohl ich es weiß, macht der letzte Satz alles wieder anders, als wäre das, was er beschrieben hat, nur ein mögliches Leben, denn ich - als leserin - ende nicht im Dunklen, sondern im Hellen, alles liegt vor ihnen, alles ist möglich, trotz allem ...

Viele Grüße
Katta

 
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@lakita @Bas @MRG @Katta

Ich antworte mal zusammenfassend, da sich ja einige Dinge überschneiden. JA!, das Triple mit der Bank haue ich raus. Ich kann gar nicht sagen, dass ich über den Text viel nachgedacht habe, ich hatte nur diese Bank und das Licht als Ausgangspunkt, der Rest hat sich drumherum entwickelt. Ich wusste, das ich mit der Bank enden will, denn das Licht spielt hier für mich eine große Rolle, das ist dieser Trick, mit dem der Text arbeitet, weil im Grunde doch die Figuren nur anhand tragischer Eckdaten erzählt werden. Aber da ist dieser letzte Schimmer, das Licht ganz am Ende, und obwohl wir wissen, dass es so läuft wie es läuft, könnte es doch auch anders gewesen sein. Das ist sozusagen die Währung der Hoffnung. Ich habe mir das etwas bei Filmen angeguckt, wo nach der eigentlichen Handlung oft noch der weitere Verlauf der einzelnen Charaktere kurz erzählt wird, oder aber auch in einer Montage, spontan fällt mir das grandiose Ende von Six Feet Under ein, daran habe ich mich vielleicht, so im Nachhinein, unbewusst orientiert.

Ich bin mir auch nach wie vor nicht sicher, wie das korrekt grammatikalisch aussieht, das war wirklich eher so eine Sache nach Jeföhl!, wie man hier im Rheinland sagen würde.

Das Ende muss glaube ich so sein, weil es die Klammer ist, die alles zusammenhält. Es ist ja wie eine Pendelbewegung im Text, von der Bank ausgehend, mal wieder zurück, dann wieder weg, vielleicht ist das auch zu viel für den Text, weil es eben so sehr komprimiert ist. Na ja, ich stelle mir den in einem größeren Zusammenhang vor, nicht so losgelöst, ein kleines Intermezzo.

Ich habe ein paar Sachen rausgenommen, einiges geändert, ich überlege auch noch mal auf dem Text herum, was ich einfügen oder rausnehmen könnte.

Gruss, Jimmy

 
Seniors
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Warum isst Stevie Wonder besonders gerne Mohnbrötchen?

Flachfritzfreitag, würden meine Schwäger in Anspielung auf eine Rubrik im Stern frotzeln, aber in der Erinnerung bekommen auch Frotzeleien von Mund zu Mund eine andere Bedeutung als am Tage der Veröffentlichung, als wäre die gestern erst gewesen (https://www.stern.de/neon/feieraben...e-wonder-so-gerne-mohnbroetchen--7912448.html) und da wirds in Siegburg nicht wesentlich anders zugegangen sein als im Pott, da hat das produzierende Gewerbe eine gleichmachende Wirkung, nur dass auf halbem Wege zwischen Lippe und Ruhr die Emscher renaturiert werden musste, um den beißenden Gestank nicht nur in heißen Sommern loszuwerden. Und knapper kann man an sich gar nicht über vertane Chancen in der Jugend erzählen.

Und warum schau ich hier vorbei? Weil’s eine gute Geschichte ist und vor allem, weil das schlichte Futur derzeit zunehmend mit dem Konjunktiv verwechselt und "eigentlich" unzulässig verwurstet und missbraucht wird.

Frank würde in sechs Wochen eingezogen und nach Darmstadt versetzt werden.

Da bistu nicht allein,

lieber jimmy,

es ist wie eine Seuche, als wäre nicht ein schlichtes „wird werden“ schon offen genug in seiner binären Wertigkeit, entweder es wird oder eben nicht. Da muss man nicht den Konjunktiv 2 (potentialis und/oder irrealis) nutzen.

Der Konj. II ist so was wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Mathematik, die zwischen den Werten 0 (irreal, nicht wirklich, unmöglich, Lüge) und 1 (wahr, wirklich, existierend) arbeitet und der Mittelwert ist ein sowohl als auch, das werden "kann", aber nicht "muss".

So, wie es da steht bedeutet es, dass Frank sich Hoffnung machen kann (andere "würden" könnte wählen), eben nicht eingezogen zu werden (was mir übrigens widerfahren ist, Kurzsichtigkeit in Kombination mit Schwerhörigkeit hätte da bei Ersatzreserve 2 nicht wirklich was verhindern können – aber der Lehrvertrag … und wem hätten zwo Ausbildungen je geschadet?)

Und auch hier

Damals saßen wir auf der Bank vor der katholischen Kirche und rauchten und tranken und glaubten, uns gehöre die Welt.
empfehle ich Konj. II, „gehörte“ die Welt, denn eben der Glaube ist stärker als eine aufs Wesentliche (Besitz!) begrenzte indirekte Rede (wird niemand einen Glaubenssatz des Types „mir/ihm/ihr/uns/ihnen gehört die Welt“ wegen eines Buchstabens zusammendampfen wollen

Wir sitzen bis Mittags vor dem Fernseher und füttern dann die Enten im Stadtwald.
„bis Mittag“ oder „mittags“

Gern gelesen &

schönen Gruß von nördlich der Emscher

Friedel

 

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