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Serie Mondbaden

Wortkrieger-Team
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Anmerkungen zum Text
Fünfter Teil

Mondbaden

Moskau, Russland

Vladimir Alexejewitsch füllt den Picknickkorb, während Olga Iwanowna ein Lied summt. Die Küche duftet nach Kaffee und Teig. Der Korb stammt aus Paris. Sie haben ihn vor dreißig Jahren während der ersten großen Reise nach Westeuropa gekauft. Über dem Eiffelturm leuchtete der Mond und sie hielten sich in den Armen. Seither setzen sie sich vor den Kremlmauern auf eine Bank und warten auf die Abenddämmerung und den Vollmond, weil es nichts Schöneres in Moskau gibt, als den Mond über dem Kreml zu beobachten, weil das Mondlicht für eine Weile sogar das Brausen und Wüten der Stadt besiegt. Deshalb ziehen sie auch an diesem Tag los.

„Bist du dir sicher, Volodja?“
„Natürlich, Lola! Wir gehen seit dreißig Jahren hin.“
„Und wenn die Polizei kommt?“
„Ich habe doch immer noch den Ausweis. Ich bin wer!“
„Du warst wer, Volodja, vergiss das nicht.“
„Ist doch kein Verbrechen, sich auf eine Parkbank zu setzen“

Volodja schüttet den Kaffee in die Thermoskanne und wickelt die Pelmeni in Papier. Lola hat den Teig geknetet, die Füllung selbst gemischt wie all die Jahre zuvor. Dann machen die beiden sich zurecht. Volodja streicht über die Generalsuniform, die er jede Woche ausbürstet. Sie glänzt beinahe wie am ersten Tag und passt immer noch wie angegossen. Darauf hat er geachtet. Die Orden am Revers müssten poliert werden. Lola trägt ein Wollkleid und reicht ihm das Bündel Dollarscheine, das sie aus dem wasserdichten Beutel herausgeholt hat, der im Toilettenkasten versteckt ist.

Sie hören den Hall der eigenen Schritte, so leergefegt wirken die Straßen. Kein Mensch strömt aus den U-Bahn-Schächten der Haltestelle Kropotkinskaya. Wind pfeift über den Platz, aber er fühlt sich frühlingsmild an. Die kalten Tage werden nach dem Vollmond zurückkommen, überlegt sich Olga und betrachtet ihren Volodja. Ein gutaussehender Mann. Er hat ihr von Anfang an gefallen. Selbst nach dem Tschernobyl-Einsatz. Sie hatte so viel Angst um ihn. Als er zurückkam, sah sein Gesicht wie ein schmutziges Schneefeld aus. Er brauchte monatelang, um sich zu erholen, sagte, er dürfe nicht über das Erlebte sprechen.
Am Himmel hören sie Jets donnern. Übungsflüge für die Parade. Der Glorreiche Krieg ist seit 75 Jahren zu Ende. Wer hätte das gedacht? Ob die Parade stattfindet, weiß keiner so recht. Was für eine Gefahr geht schon von einer Parade aus? Während sie sich ihrem Ziel nähern, hören sie von Zeit zu Zeit Sirenen aus der Ferne, aber sonst bleibt es still, Der Lärm des Verkehrs fehlt, der sonst allen anderen Geräuschen wir ein vertrauter Teppich unterlegt ist. Als ob das Herz der Stadt beschlossen habe, etwas langsamer zu pochen.
Beim Gehen spürt Volodja die Gicht in den Gliedern. Er denkt für einen Moment an sein Alter, die achtzig Jahre, die er überschritten hat, und schüttelt den Kopf. Sie war so jung. Zehn Jahre jünger als er, ein gewaltiger Unterschied. Er liebt seine Lola. Zum Kinderkriegen war es nie gekommen. Schicksal, Zeitmangel, wer weiß.
Als eine Böe über sie hinwegfegt, schließt er den obersten Mantelknopf. Er hat schon viel kältere Tage erlebt. Außerdem haben sie heißen Tee in der Thermoskanne. Mit einem klitzekleinen Schuss, damit sie sich von innen wärmen können.

Auf dem Roten Platz angekommen, bleiben sie für einen Moment stehen. An den Mauern flanieren Wachen, sonst ist keiner da. Volodja erinnert sich an Menschenmassen, an Banner, die an den Häusern angebracht waren - die zündendroten der Sowjetzeit – darauf Hammer und Sichel. Und überall der Blick Stalins oder der seiner Nachfolger. Damit man wusste, dass man nie allein war. Menschen drängten sich zwischen den Bildern, Menschen, die voranschritten, solange ein Auge auf sie gerichtet war, die in sich zusammensanken und ausspuckten, sobald sie unbeobachtet waren. Damals atmete er im Rhythmus sozialistischer Überzeugungen. Wie jeder.
Sie erreichen eine Bank am Rande des Platzes. Dort hat man freien Blick auf die Basilius-Kirche, auf die Farben und Formen der Zuckertürme, von denen jeder einzelne anders gestaltet ist, andere Rundungen hat, einen veränderten Schwung. Volodja legt Kissen auf die Holzfläche. Dann setzen sie sich. Er seufzt und ergreift die Hand seiner Frau. Die Dämmerung setzt langsam ein, das Blau des Himmels verblasst, Rosatöne entstehen. Sie breiten die Decke aus, essen und trinken, schauen zum Himmel und schweigen, während sie einander über die Handrücken streicheln. Volodja stellt die Tasse ab und schluckt den Bissen Pelmeni herunter, als die beiden Soldaten sich nähern. Die Männer tragen Schutzausrüstung mit Helm. Dort wo Vladimir Alexejewitsch seine Orden trägt, steckt bei ihnen ein Schild mit einer Nummer. Am Gürtel sind Pistolen festgezurrt, an den Schultern baumelt eine Kalaschnikow. Volodja lächelt sie an.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagt einer der beiden.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Sie dürfen hier nicht sitzen!“
„Warum?“
„Wegen der Quarantäne!“
„Wir schauen uns den Sonnenuntergang an, mehr nicht.“
„Sie dürfen hier nicht sitzen!“
„Papperlapapp. Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“
„Sie dürfen hier nicht sitzen!“
„Wer sagt das?“
„Die Vorschriften.“
Der General richtet sich auf, lässt die Orden blitzen, gleichzeitig greift er in die Jackentasche und nimmt einen Teil der Dollarnoten, ballt sie in seiner Generalspranke so, dass sie unsichtbar bleiben und steckt dem Soldaten, der das Wort geführt hat, das Geld zu.
„Jetzt gehen Sie bitte und lassen Sie uns den Mond genießen.“

Die beiden kratzen sich an den Helmen, zögern, drehen sich um und marschieren zur anderen Seite des Platzes. Der General schaut ihnen hinterher, sieht sie gestikulieren und fragt sich, ob die Geldsumme und sein Auftreten ausgereicht haben. Dann lehnt er sich zurück und grinst Lola an.
Der Mond steht mittlerweile fest am Himmel, breitet sich über den Kremltürmen aus, als wolle er mit dem Bauwerk verschmelzen, um aus den Konturen lebende Schatten zu zeichnen. Lola ergreift wieder die Hand ihres Mannes.

Sie genießen den Anblick eine Weile, hängen ihren Erinnerungen nach und achten nicht darauf, was um sie herum passiert, bemerken auch die Soldaten erst im allerletzten Moment, die vor ihnen Haltung annehmen.
Einer der Soldaten reicht dem General ein Smartphone und sagt: „Für Sie!“
Vladimir Alexejewitsch nimmt das Handy entgegen und hält es ans Ohr.
„Ich bin’s, Towaritsch Vladimir Alexejewitsch.“
„Sie, Vladimir Vladimirowitsch. Was für eine Überraschung!“
„Wie geht es Ihnen?“
„Hervorragend, ganz hervorragend.“
„Die Wachen werden Sie nach Hause begleiten.“
„Der Mond über dem Kreml ist was ganz Besonderes, wissen Sie das, Vladimir Vladimirowitsch?“
„Kenne ich. Wirklich recht hübsch.“
„Hübsch ist der falsche Ausdruck, schön, ja schön, anders kann man es nicht bezeichnen!“
„Wie geht es Ihrer Frau, Vladimir Alexejewitsch?“
„Lola sitzt neben mir und lässt Sie grüßen.“
„Meine besten Empfehlungen an Olga Iwanowna. Wie gesagt, die Wachen bringen Sie jetzt nach Hause und ich möchte Sie bitten, die Ausgangsbeschränkungen in Zukunft zu beachten. Nein, ich befehle es Ihnen, verstanden!“
Vladimir Alexejewitsch zögert, räuspert sich und will gerade antworten, da stößt seine Lola ihn an und deutet zum Himmel. Volodja schaut nach oben, kratzt sich am Hals, schaut erneut hin.
„Vladimir Vladimirowitsch!“
„Was gibt’s, Vladimir Alexejewitsch?“
„Ähm, bitte verzeihen Sie, Vladimir Vladimirowitsch, aber ich schätze, Sie sollten aus dem Fenster schauen. Sie befinden sich doch im Kreml?“

Als könne er ihm zeigen, was er meint, was er klar vor Augen hat, hebt Volodja den Arm mit dem Handy zum Himmel. Inmitten des Blutmondes fliegt eine nackte Frauengestalt auf einem Besen über den Kreml. Ihre Haare wehen im Wind, die Haut nimmt die Farbe des Mondes an, die Augen leuchten und lachen und die Brüste hüpfen vor Freude.
 
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Hallo Isegrims,

da es eine Serie ist und ich die davor liegenden Geschichten nicht gelesen habe, ist das hier eine Momentaufnahme.
Du bist mit deinem Prot. in Moskau, er ist ein ehemaliger General und zieht immer noch gern seine Paradeuniform an, um mit seiner Frau Olga auf den Roten Platz zu gehen und den Mond über dem Kreml zu bewundern. Sie werden von Soldaten oder der Miliz aufgefordert den Platz zu verlassen wegen der Coronaregeln. Dass zum Schluss eine nackte Frauengestalt auf einem Besen über dem Kreml auftaucht, lasse ich jetzt mal außen vor, das hat in der Serie bestimmt seine Berechtigung.

Ich hab beim Lesen bisschen was gefunden:

Seither setzt er sich regelmäßig vor den Kremlmauern auf eine Bank und wartet mit Olguscha auf die Abenddämmerung und den Vollmond
Die Koseform von Olga lautet u. a. Oluschka. Die Form Olguscha gibt es nicht. Alle weiblichen Koseformen und Verniedlichungen enden im Russischen auf ka.

„Und wenn die Polizei kommt?“
Die Russen sagen eher Miliz als Polizei.

Ich habe doch immer noch den Ausweis. Ich bin wer!
Ich glaube, er würde auch hier eher von einem Dokument reden als von einem Ausweis.

Von der Ulitska Volkonka kann man in zehn Minuten den Kreml erreichen.
Uliza. Wenn du hier eine Gasse meinen solltest so gibt es da eigene Wörter, die nicht von Uliza abgewandelt werden.

Kropotkinskaya
Kropotkinskaja, da im Russischen am Ende der Buchstabe "ja" steht, der auch allein stehend ich bedeutet.

Olguscha hat keine Lust, auf ihn zu warten, obwohl sie sich gerne bei ihm eingehakt hätte, obwohl sie findet, dass es schön aussieht, wenn ein Paar im Gleichklang spaziert, im selben Moment die Beine bewegt.
Ww

Während sie sich ihrem Ziel nähern, hören sie von Zeit zu Zeit Sirenen, aus der Ferne, aber sonst bleibt es still, Der Lärm des Verkehrs fehlt, der sonst allen anderen Geräuschen wie ein vertrauter Teppich unterlegt ist.
Komma hinter Sirenen weg

und heißen Tee mit einem klitzekleinen Schuss in der Thermoskanne
Wieso Tee? Er hat doch Kaffee eingefüllt.

die kerzengerade voranschritten, solange ein Auge auf sie gerichtet war, die in sich zusammensanken und nach der Wodkaflasche suchten, sobald sie unbeobachtet waren.
sobald sie sich unbeobachtet fühlten. Sie wissen es nicht, dass sie nicht mehr beobachtet werden.

Er gehörte zu all diesen Leuten, atmete im Rhythmus ihrer Überzeugungen.
im Rhythmus ihrer Überzeugung. Er bekäme Schnappatmung.

Schönen Gruß
khnebel
 
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Inmitten des Blutmondes fliegt eine blendendnackte Frauengestalt auf einem Besen über den Kreml. Ihre Haare wehen im Wind, die Haut nimmt die Farbe des Mondes an, die Augen leuchten und lachen und die Brüste hüpfen vor Freude.

Nur ein kurzer Besuch und auf die Schnelle, regnet ausgerechnet jetzt nicht mehr, und auch nur, was beim ersten Lesen auffällt – wie etwa, dass der Schluss mich an Dein Ich bin Gott, deswegen! erinnert und
das Bündel Dollarscheine
das da spazierengetragen wird und schließlich seiner Bedeutung nachkommt,

Isa,

zumeist Flüchtigkeit

„Ist doch kein Verbrechen, sich auf eine Parkbank zu setzen[.]“
Sie ziehen sich ihre Schals über Mund und Nase, ..
Nicht falsch, aber eine unnötige modische Erscheinung hierorts – dem Personalpronomen und dem Possessivpronomen ein Refelxivpronomen zu gönnen - warum das entbehrliche Reflexivpronomen – oder ist es eine Vorsichtsmaßnahme, dass der Leser nicht glaube, dass er seinen und sie ihren Schal „über Mund und Nase“ zöge?

Kein Mensch strömt aus den U-Bahn-Schächten heraus.
Falsches Verb, wenn es nicht mal tropft … Warum nicht schlicht „kommt“?

Er brauchte monatelang, um sich zu erholen[,] und sagte, er dürfe nicht über das Erlebte sprechen.

Olguscha hat keine Lust, auf ihn zu warten, obwohl sie sich gerne bei ihm eingehakt hätte, obwohl sie findet, dass es schön aussieht, wenn ein Paar im Gleichklang spaziert, im selben Moment die Beine bewegt.

Warum die unnötige Doppelung „obwohl“? „Olguscha hat keine Lust, auf ihn zu warten, obwohl sie sich gerne bei ihm eingehakt hätte, und findet, dass es schön aussieht, …“?

Als ob die Seele der Stadt beschlossen habe, eine Kur zu absolvieren, etwas langsamer zu pochen, um sich von den Jahren der Anspannung zu erholen.
Warum Konj. I? „Als ob“-Situatione sind i. d. R. alles andere als wirklich, also besser konjunktiv irrealis, „hätte“

„Entschuldigen Sie bitte“, sagt einer der beiden.
„Was kann ich für Sie tun?“
...
„Jetzt gehen sie bitte und lassen sie uns den Mond genießen.“
(kommt nochmals vor!, musstu schauen ..)

Als könn[t]e er ihm zeigen, was er meint, was er klar vor Augen hat, hebt Volodja den Arm mit dem Handy zum Himmel.
s.. o.
 
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Wortkrieger-Team
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19.05.2015
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Hallo @khnebel

dankeschön für deine hilfreichen Anmerkungen. Ich habe hier und da geändert und verbessert.

Dass zum Schluss eine nackte Frauengestalt auf einem Besen über dem Kreml auftaucht, lasse ich jetzt mal außen vor, das hat in der Serie bestimmt seine Berechtigung.
Zu die nackte Frau, die auf dem Besser über Moskau fliegt, spielt auf eines meiner Lieblingsromane an - Bulkaovs "Meister und Margarita" Wer's nicht kennt, ich kann den Roman wirklich empfehlen. War unter Stalin verboten und zeigt, wie die Sowjetunion funktionierte.

Die Koseform von Olga lautet u. a. Oluschka. Die Form Olguscha gibt es nicht. Alle weiblichen Koseformen und Verniedlichungen enden im Russischen auf ka.
es gibt eine ganze Menge Varianten russischer Kosenamen.
Olga:Olja, LjaljaOlen'ka, Olguntschik, Olguscha, Ljalenka, (Ljal'ka), (Ol'ka)
Eine russische Freundin nennt ihre Tochter unterschiedlich, je nach Stimmung, meistens "Lola". Ich habe jetzt auf "Lolka" geändert.

Die Russen sagen eher Miliz als Polizei.
stimmt

Ich glaube, er würde auch hier eher von einem Dokument reden als von einem Ausweis.
mm, mag sein, vielleicht ändere ich die Stelle noch

Uliza. Wenn du hier eine Gasse meinen solltest so gibt es da eigene Wörter, die nicht von Uliza abgewandelt werden.
habe ich mich verschrieben und jetzt Ulitsa geschrieben

Kropotkinskaja, da im Russischen am Ende der Buchstabe "ja" steht, der auch allein stehend ich bedeutet.
die Metrostation am Riten Platz heißt tatsächlich Kropotkinskaya, das hat nichts mit dem Anhängsel -ja zu tun.

mm, vielleicht ändere ich die Stelle mit dem aufeinanderfolgendem "obwohl", wollte an der Stelle aber bewusst wiederholen.

im Rhythmus ihrer Überzeugung. Er bekäme Schnappatmung.
ja, mag sein, aber ich mag den Vergleich.

Viele Grüße und einen perfekten Start in die Woche
Isegrims
 
Wortkrieger-Team
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19.05.2015
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Lieber Friedel,

vielen Dank für den Besuch, die Zeit und den genauen Blick auf den Text.:thumbsup::eek:;)

und auch nur, was beim ersten Lesen auffällt – wie etwa, dass der Schluss mich an Dein Ich bin Gott, deswegen! erinnert
Manche Bilder prägen sich eben ein. In diesem Fall wollte ich das Schlusstableau mit einer literarischen Anspielung versehen. Außerdem: Das Bild einer Hexe, die im Licht des Vollmonds über den Kreml fliegt, mag ich sehr.

das da spazierengetragen wird und schließlich seiner Bedeutung nachkommt,
so ist das mit den Dollarbündeln, dem Geld, dessen Wert nicht so leicht verfällt und das doch versteckt werden muss

Nicht falsch, aber eine unnötige modische Erscheinung hierorts – dem Personalpronomen und dem Possessivpronomen ein Refelxivpronomen zu gönnen - warum das entbehrliche Reflexivpronomen –
hastu schon öfters hierunddortorts angemerkt, nimmt, lässt sich sparsamer einsetzen

liebe Grüße und eine perfektfriedelsche Woche für dich
Isegrims

Hallo @Lenz Harjesd

treffende Anmerkungen, vielen Dank. Vielleicht werde ich die eine oder andere Stelle noch entsprechend verändern. Grundsätzlich finde ich aber, dass ein Text ruhig ein paar Rätsel aufweisen kann. So kann der Leser sich für die eine oder andere Entschlüsselung entscheiden.

Die Geschichte ist gut und spannend geschrieben. Da nicht jeder weiß, dass Putin mit Vornamen Vladimir Vladimirowitsch heißt, könnte es noch einen Tick deutlicher gemacht werden, wer da anruft.
wäre allerdings zu deutlich, mm, vielleicht fällt mir noch was ein; eine weitere Andeutung zum Beispiel

Der Schluss ist, ja nun, ist etwas überraschend, weil da plötzlich ein Fantasy-Element rein kommt.
Ich würde das nicht als Fantasy-Element bezeichnen. Eher verwende ich ein Element, das in russischen Literatur verbreitet ist, etwas magisches, das von Gogol bis zu modernen Schriftstellern verwendet wird.

Da der Text als Satire getaggt ist, könnte es eine Anspielung auf den (vorgeblichen) Corona-Virus, die (vorgebliche) Pandemie oder die (übertriebenen) Massnahmen dagegen sein. Wenn dem so ist, wären einige ähnliche, vorgängige Momente gut, und als Schlussakkord die fliegenden Hexe.
interessante Deutung, es könnte aber auch einfach darauf anspielen, dass die Situation widernatürlich erscheint, dass die Geister geweckt wurden und auch dem Kreml gefährlich werden können.

viele Grüße und schau ruhig mal ab und zu zum Mond
Isegrims
 
Mitglied
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25.05.2014
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Hi Isegrims, ich noch mal,

ich kann den Roman wirklich empfehlen. War unter Stalin verboten und zeigt, wie die Sowjetunion funktionierte.
Klingt interessant. Muss ich mal suchen.

es gibt eine ganze Menge Varianten russischer Kosenamen
Ich hatte auch gegoogelt, aber so viele hatte ich nicht gefunden. Ich ziehe meinen Kritikpunkt zurück! :google:

die Metrostation am Riten Platz heißt tatsächlich Kropotkinskaya, das hat nichts mit dem Anhängsel -ja zu tun.
Ja, das ist die Lautschreibung. Wenn ich das Wort in kyrillischen Buchstaben lese, spreche ich eindeutig ein j. So hatten wir es auch gelernt. Lass es aber so.

Es bleibt eine schöne Geschichte!

Wünsche dir eine erfolgreiche Woche
khnebel
 
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Es bleibt eine schöne Geschichte!
schließt @khnebel seinen Beitrag – und natürlich hat er Recht.

Aber wo bleibt da die angekündigte Satire,

lieber Isegrims?

Nun, beim genaueren Lesen geht mir auf, dass ich sie in dem Satz
Kein Mensch strömt aus den U-Bahn-Schächten heraus.
hätte finden können, wenn ich Dumpfbacke (die ist seit Corona mächtig unter einem bakunin-marx‘schen Bart verschwunden und nicht mehr zu erkennen), was auch für meine frischen Äuglein gilt, freilich hängen die Augenbrauen neuerdings immer im Honig, dass ich sie anschließend im Süppchen spülen muss) nicht allzu pingelig gewesen wäre. Aber eben an der Stelle entdeck ich einen, wenn auch verschwiegenen, bisher unentdeckten Bezug zur Serie und dem Brotbrechen, wenn wir um das Werk des Namensspenders der
Kropotkinskaya,
wissen: „Die Eroberung des Brotes“ (1892), ein Titel, der natürlich umfassender verstanden werden muss, lebt der Mensch bekanntermaßen doch nicht nur vom Brot allein. (ganz kurzer Ausschnitt aus ihm
»Aber wir erwarten auch noch etwas anderes von der Revolution. Wir sehen, dass der Arbeiter, gezwungen, hart um das Leben zu kämpfen, niemals in die Lage kommt, an jenen hohen Genüssen – den höchsten, welche dem Menschen zugänglich sind – teilzunehmen, jenen Genüssen, welche die Wissenschaft und namentlich die wissenschaftliche Entdeckung, die Kunst und namentlich das künstlerische Schaffen gewähren. Um jedermann diese Freuden, die heute nur das Vorrecht einer kleinen Minderzahl sind, zu sichern; um ihm die Muße, die Möglichkeit zu schaffen, seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, muss die Revolution zuerst jedem das tägliche Brot sichern. Die nötige Mußezeit, das ist nach dem Brote ihr höchstes Ziel.« aus Peter Kropotkin „Die Eroberung des Brotes“, S. 77 f., Anpassung an die neuere deutsche Rechtschreibung durch mich, im Netz eingestellt unter Die Eroberung des Brotes – Wikisource). Kropotkin hielt auch nicht viel von der Entlohnung und war einer der ersten mit der Prämisse, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Doch zurück zu den trivialen Dingen der Schreibkunst:

Ich stelle mir Vladimir Alexejwitsch als sehr höflichen (und zugleich freundlichen) Menschen vor
Wissen sie überhaupt, wer ich bin?“

Bis bald

Friedel
 
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21.12.2015
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Lieber @Isegrims ,

ein paar Anmerkungen zum Text, der mir gut gefallen hat. Das alte Paar ist, so weit ich das beurteilen kann, recht lebensnah (und liebevoll) gestaltet. Ich wollte etwas mehr über die russischen Kriegsveteranen erfahren und habe deshalb gegoogelt. Sonst kenne ich sie ja nur aus Fotos und Videos zu den Paraden. Dort sehen sie immer sehr stolz und auf Hochganz getrimmt aus. In Wirklichkeit werden sie bei weitem nicht so respektvoll vom Staat so unterstützt, wenn man der Gesellschaft zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland e.V. glauben darf.



Vladimir Alexejewitsch schüttet den Tee in die Thermoskanne und wickelt die Pelmeni in Papier. Olga Iwanowna hat den Teig geknetet, die Füllung selbst gemischt wie all die Jahre zuvor

Zum Serienthema also "Pelmeni", das russische Nationalgericht. Eine Art Krapfen und daher bin ich einverstanden: Der Bezug zur Serie ist da und das gemeinsame Essen unter besonderen Umständen auch.

Du hast den Text mit "Satire" getaggt. Wenn Satire davon lebt, dass sie Missstände durch Übertreibung an den Pranger stellt, so weiß ich nicht genau, wo hier die Übertreibung bleibt. Mir kommt es eher so vor, als ob du eigentlich nur die Realität abbildest. Es kann natürlich sein, dass die Realität derzeit die Satire weit hinter sich lässt, wenn man nur die autokratischen "Führer" rund um den Erdball betrachtet.

Volodja streicht über die Generalsuniform, die er jede Woche ausbürstet, in einer Hülle aufbewahrt und mit Seidenpapier umwickelt hat. Sie glänzt beinahe wie am ersten Tag: keine Mottenlöcher, kein speckiger Kragen.

Der General richtet sich auf, lässt die Orden blitzen, gleichzeitig greift er in die Jackentasche und nimmt einen Teil der Dollarnoten, ballt sie in seiner Generalspranke so, dass sie unsichtbar bleiben und steckt dem Fragenden das Geld zu.

Hm, stelle ich mir schwierig vor. Der Soldat wird ja nicht strammstehen und sich das Geld in die Uniformhosen stecken lassen. Und der zweite, was tut der?

„Meine besten Empfehlungen an Olga Iwanowna. Wie gesagt, die Wachen bringen Sie jetzt nach Hause und ich möchte Sie bitten, die Ausgangsbeschränkungen in Zukunft zu beachten. Nein, ich befehle es Ihnen, verstanden!“

Ist dieses Umkippen von scheinbarer Höflichkeit in eiskalte Befehlsstruktur nicht typischfür autokratische Systeme?

Ich weiß, dass Bulganows Roman "Der Meister und Margarita" auch satirisch gemeint war. Insofern nehme ich den Bezug dazu, vor allem natürlich das Schlussbild, als Referenz an einen Klassiker der russischen Literatur gerne wahr. Du bewegst dich derzeitimmer wieder in Gesellschaft von literarischen Schwergewichten wie Goethe und Thomas Mann. Ich bin gespannt, wen du als nächsten Autor auswählst. Ein Vorschlag: Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder einen der bekannten Schweizer Größen. Nein, es ist nicht ironisch gemeint. Mir macht es Spaß, den inhaltlichen Bezügen nachzuspüren. Wird aber vielleicht nicht allen so gehen.

Inmitten des Blutmondes fliegt eine blendendnackte Frauengestalt auf einem Besen über den Kreml. Ihre Haare wehen im Wind, die Haut nimmt die Farbe des Mondes an, die Augen leuchten und lachen und die Brüste hüpfen vor Freude.

Ja, da ist sie, die verführerische magische Weiblichkeit, die auch einen hochbetagten Veteranen bezirzen kann. Ach, was hat Olga Iwanova doch für ein Glück!

Bin gespannt auf die nächste Folge.

wieselmaus
 
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Lieber Friedel,

das war aber ein erkenntnisreicher Folgebesuch!

Aber wo bleibt da die angekündigte Satire,
Ach, einerseits, je höher man aufsteigt, gesellschaftlich, aber auch zum Himmel hin, desto satirischer werden die Figuren per se. Ich glaube nicht, dass ich die Herrscher dieser Welt anders darstellen will, vielleicht kann man's auch gar nicht, oder nur sehr schwer.

(die ist seit Corona mächtig unter einem bakunin-marx‘schen Bart verschwunden und nicht mehr zu erkennen),
tsts: Rasierer, Schere?

freilich hängen die Augenbrauen neuerdings immer im Honig, dass ich sie anschließend im Süppchen spülen muss)
:D

„Die Eroberung des Brotes“ (1892), ein Titel, der natürlich umfassender verstanden werden muss, lebt der Mensch bekanntermaßen doch nicht nur vom Brot allein.
Wär's jetzt ne Kurzgeschichte außerhalb der Serie, hätte sich der Titel angeboten, so mag ein versteckter Hinweis durch die Nennung der Metrostation enthalten sein. :Pfeif: Zumal es auch andere Metrostationen am Roten Platz gibt. Respekt für deine Recherchegaben!

um ihm die Muße, die Möglichkeit zu schaffen, seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, muss die Revolution zuerst jedem das tägliche Brot sichern. Die nötige Mußezeit, das ist nach dem Brote ihr höchstes Ziel.
und hierzulande gibt's genug zu essen, sogar richtig - billiges Fleisch (in dem gewiss - Vorsicht Verschwörungstheorien - reichlich Verblödungstropfen enthalten sind. Schluckbares Desinfektionsmittel sozusagen.

So, jetzt muss ich aufhören, Glühwürmchenschlaf suchen
viele Grüße
Isegrims
 
Wortkrieger-Team
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19.05.2015
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Liebe @wieselmaus

es freut mich, dass du der Serie folgst, mit den Panoramen, die über den Globus verteilt sind. Die Welt ist klein und groß zugleich. Und wenn in China ein Sack Reis umfällt, spüren wir das Gewicht.
Vielen Dank für deine Anmerkungen, schätze ich sehr.

ein paar Anmerkungen zum Text, der mir gut gefallen hat. Das alte Paar ist, so weit ich das beurteilen kann, recht lebensnah (und liebevoll) gestaltet.
:Pfeif:

In Wirklichkeit werden sie bei weitem nicht so respektvoll vom Staat so unterstützt, wenn man der Gesellschaft zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland e.V. glauben darf.
stimmt natürlich, aber viele (auch das geschilderte Paar) leben kostenfrei in Staatswohnungen, die zentral liegen und gut ausgestattet sind.

Zum Serienthema also "Pelmeni", das russische Nationalgericht. Eine Art Krapfen und daher bin ich einverstanden: Der Bezug zur Serie ist da und das gemeinsame Essen unter besonderen Umständen auch.
wär auch unglaubwürdig gewesen, wenn sie Butterbrote eingepackt hätten :D

Du hast den Text mit "Satire" getaggt. Wenn Satire davon lebt, dass sie Missstände durch Übertreibung an den Pranger stellt, so weiß ich nicht genau, wo hier die Übertreibung bleibt. Mir kommt es eher so vor, als ob du eigentlich nur die Realität abbildest.
Ich glaube nicht, dass jede Satire Missstände zeigen muss. Manchmal reicht ein Blick auf eine absurde Wirklichkeit.

Hm, stelle ich mir schwierig vor. Der Soldat wird ja nicht strammstehen und sich das Geld in die Uniformhosen stecken lassen. Und der zweite, was tut der?
der zweite schaut weg und wenn sie außer Sicht sind, teilen sie. Die Stelle enthält tatsächlich eine Übertreibung. Der General drückt ihm ein Geldbündel in die Hand und hat so große Pranken, dass das Geld darin verschwindet.

Ist dieses Umkippen von scheinbarer Höflichkeit in eiskalte Befehlsstruktur nicht typischfür autokratische Systeme?
und auch ziemlich typisch für Putin. Ich schätze übrigens, der fände die Geschichte amüsant.

Ich weiß, dass Bulganows Roman "Der Meister und Margarita" auch satirisch gemeint war. Insofern nehme ich den Bezug dazu, vor allem natürlich das Schlussbild, als Referenz an einen Klassiker der russischen Literatur gerne wahr.
als Referenz an einen ganz großartigen Roman

Du bewegst dich derzeitimmer wieder in Gesellschaft von literarischen Schwergewichten wie Goethe und Thomas Mann. Ich bin gespannt, wen du als nächsten Autor auswählst. Ein Vorschlag: Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder einen der bekannten Schweizer Größen.
mm, Schweizer Größen? Meinst du Gottfried Keller oder neuerdings @Peeperkorn :D Der "Mann ohne Eigenschaften" wäre eine hübsche Referenz. Ich bewege mich übrigens nicht in der Gesellschaft solcher Schwergewichte, finde allerdings, dass wir ja immer, wenn wir etwas schreiben, auf einer Tradition fußen. "Kunst" wird sehr selten radikal neu gedacht.

Ja, da ist sie, die verführerische magische Weiblichkeit, die auch einen hochbetagten Veteranen bezirzen kann. Ach, was hat Olga Iwanova doch für ein Glück!
:Pfeif:ja, die Magie

viele Grüße aus einem Sonntagmorgen nach dem Regen
Isegrims
 

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