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Nachmittagsvorstellung

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03.09.2024
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Nachmittagsvorstellung

Das Mädchen kommt immer zur 16-Uhr-Vorstellung. Nicht täglich, aber alle zwei, drei Tage steht es vor mir und sieht mich an. Ich tue so, als würde ich nichts bemerken, kümmere mich um die anderen Besucher. Verkaufe Karten, gebe Getränke heraus, Schokoriegel, Gummibärchen, Erdnüsse. Früher hatten wir auch Popcorn, aber das war immer eine Riesensauerei. Ich bin froh, dass wir das nicht mehr anbieten. Zur Nachmittagsvorstellung findet sich nur wenig Publikum ein, meist ältere Leute. Im Laufe der Jahre, in denen ich hier arbeite, ist ihre Zahl stetig zurückgegangen. Die große Masse erreicht ein Programmkino ohne Blockbuster sowieso selten.
Meist ist sie die mit Abstand jüngste Person. Wenn alle im Saal sind, steht sie immer noch geduldig vor dem Tresen und wartet. Die meisten Filme hat sie schon fünf- oder sechsmal gesehen. Aber sie hat noch nie ein Wort mit mir gewechselt.
Anfangs habe ich Dinge gefragt, wollte ihren Namen wissen, ob sie in der Gegend wohnt, Geschwister hat. Eine Antwort kam nie. Vielleicht versteht sie kein Deutsch. Ich habe es nicht herausfinden können. Die Kleine steht immer nur da und schaut mich an, wartet auf mein Kopfnicken in Richtung Kinosaal, dann stürzt sie los und setzt sich in die erste Reihe.
Bezahlt hat sie nie. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie keinen Cent hat. Die zu großen Klamotten hängen lose an ihrem Körper, ein bisschen schmuddelig und immer dieselben. Im Winter würde ich ihr am liebsten einen Mantel kaufen.
Das Foyer hat sich geleert, bis auf das Mädchen, das mich beobachtet, während ich die Theke wische. Ich mache eine Kopfbewegung in Richtung Kinosaal, aber die Kleine bleibt stehen und nestelt in ihrer Hosentasche herum, holt einen Fünf-Euro-Schein hervor und hält ihn mir hin. Ich schaue auf den zerknitterten Geldschein und schüttele den Kopf. Ihre ernsten Augen lassen mich nicht los, die Hand bleibt ausgestreckt, die Lippen sind zusammengepresst. Zögernd nehme ich den Schein und bedanke mich mit einer kleinen Verbeugung. Das Mädchen macht einen kleinen Hopser und stürmt in den Saal.

 

Hallo @Jaylow,

für mich ist das ausgehend vom Volumen und der Beschränkung auf den Minitwist keine Kurzgeschichte sondern Flash Fiction. Gerade deshalb sollte jedes Wort sitzen. Einige Formulierungen finde ich noch zu unpräzise:
- kümmere mich um die anderen Besucher. Könntest du weglassen, weil du im Anschluss das Kümmern genauer beschreibst.
- Früher hatten wir auch Popcorn, aber das war immer eine Riesensauerei. Streichkandidat, fällt aus der ansonsten nüchternen Sprache.
- Vielleicht spricht sie eine andere Sprache und versteht (sie) kein Deutsch
- "Die Kleine steht immer nur da und schaut mich an, wartet auf mein Kopfnicken in Richtung Kinosaal, dann stürzt sie los und setzt sich in die erste Reihe." Der ganze Satz müsste in die Vergangenheit, weil es sonst beim Lesen ein Durcheinander mit der aktuellen Szene gibt. Und der nächste Satz "Bezahlt hat sie nie." steht ja im Präteritum. Überhaupt finde ich das Springen zwischen den Zeiten im Text sehr anstrengend.
- Im (Für den) Winter würde ich ihr am liebsten einen Mantel kaufen.
- Das Mädchen macht einen kleinen Hopser. Schwaches Verb. Das Mädchen hopst zur Tür, ...

Das Mädchen kommt immer zur 16 Uhr Vorstellung.
16-Uhr-Vorstellung oder um 16 Uhr zur Vorstellung oder als Substantivierung Sechzehnuhrvorstellung.

Die Geschichte dreht sich um den einen Moment, in dem das Mädchen zum ersten Mal für den Eintritt bezahlen will. Da ich sonst über sie kaum etwas weiß, kann ich nur spekulieren, da klingt so etwas wie Stolz und Selbstbestimmung an. Ohne weitere Hintergrundinfo ist das jedoch schwer einzusortieren und bleibt in der Luft hängen.

Peace, l2f

 

Hallo @Jaylow ,
ein bisschen zu Gutmenschmäßig. So nette Kinokassiererinnen gibt es ja gar nicht. Vielleicht hat Faßbinder Junior ja auch so jemanden gekannt, der ihm freien Eintritt in seine geliebten Filme ermöglichte. Das Mädel wird bestimmt später eine Regisseurin. Oder ein Filmstar. Auch ich war früher ganz verrückt nach Kino. Wenn ich drinsaß, versank die Welt um mich herum. Jetzt nur noch Streamen. Kennst du den Film "Die letzte Vorstellung". Dort sind das Kino und sein Besitzer eine Zuflucht für die Kleinstadtjugend.
Gruß und Frohe Ostern Frieda

 

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