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Nachts fliegen sie

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03.09.2024
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Nachts fliegen sie

„Du musst das übernehmen!“, sagte Hartmann.
„Es ist mitten in der Nacht“, entgegnete ich meinem Chef. „Sitze im Auto und bin gleich zu Hause.“
„Bitte, Ich habe hier niemanden, die Presse wird ein Riesenfass aufmachen!“
„Es geht um ein Mädchen, oder? Ein Kind! Dafür bin ich nicht ausgebildet, ist nicht mein Zirkus!“
„Es geht möglicherweise um Mord, Selbstmord, was weiß ich. Ein Mädchen ist verschwunden. Du hast zwanzig Minuten!“, sagte er und legte auf.
Ich fluchte und wendete.
Die Kleine saß verschreckt auf ihrem Stuhl, wenigstens hatten sie ihr eine Limonade besorgt. Draußen war es stockfinster, aber noch warm.
„Hallo, Freya“, begrüßte ich sie und hielt ihr die Hand hin. „Ich bin Emma.“
Sie reagierte nicht, sah mich nur mit großen Augen an. Es war stickig in dem Raum, ich stellte das Fenster auf Kipp.
„Hast du Hunger?“
Keine Antwort.
„Manchmal mag ich Süßes“, sagte ich und stellte Kekse auf den Tisch, nahm mir einen.
Ihre Augen verfolgten jede meiner Bewegungen, blieben an der Kekstüte hängen.
„Nimm ruhig, bevor ich die alle wegmache.“
Ich biss in einen Brownie.
„Lecker“, sagte ich.
Ihre kleinen Beine berührten den Boden nicht, die Schultern waren hochgezogen, die Hände stützten sich auf den Stuhlrahmen. Ich überflog die Seiten der Dokumentenmappe. Freya, fünf Jahre alt, ihr Vater aus dem dritten Stock gestürzt, tot, die elfjährige Schwester verschwunden. Die Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben.
„Waren alle nett zu dir hier?“, fragte ich.
„Komme ich ins Gefängnis?“, fragte sie zurück.
„Natürlich nicht! Hast du schon mal gehört, dass Kinder ins Gefängnis gesteckt werden?“
Sie schien nicht überzeugt.
„Und wo komme ich dann hin?“
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt noch nicht genau, aber es wird alles gut werden. Hast du Verwandte? Opa und Oma vielleicht? Oder eine Tante?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Okay, dann kümmert sich das Jugendamt, das sind sehr nette Leute, die sind bestimmt gleich hier! Ich möchte dir aber vorher ein paar Fragen stellen, ja?“
Freyas Beine wippten hin und her, sie rutschte auf dem Stuhl nach vorn.
„Ich habe eine große Schwester!“, sagte sie.
„Weißt du, wo sie ist?“
Kopfschütteln.
„Aber vorhin war deine Schwester noch da?“
„Ja.“
„Es tut mir sehr leid mit deinem Papa. Er ist aus dem Fenster gefallen, oder?“
Nicken.
„Wie ist das denn passiert?“
Schulterzucken.
„War dein Papa böse zu dir?“
„Nein.“
„Er hat dich nie geschlagen?“
„Manchmal.“
Freya gähnte, hielt den Blick aber auf die Kekse gerichtet. Ich schob das Gebäck in ihre Richtung. Sie angelte einen Brownie aus der knisternden Tüte.
„Warum hat er dich geschlagen?“
„Wenn ich frech war.“
„Deine Schwester auch?“
Sie nickte wieder.
„Wart ihr oft frech?“
„Nur abends“, sagte sie.
„Tagsüber nicht?“
„Da war er nicht da.“
„Was habt ihr denn Freches gemacht abends?“
„Wir haben nicht aufgegessen.“
„Das war alles?“
„Manchmal waren wir laut. Oder konnten nicht einschlafen, dann standen wir am Fenster.“
„Und dann kam euer Papa zu euch ins Kinderzimmer?“
Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.
„Kann ich mit zu dir kommen?“, fragte das Mädchen.
Ich schluckte, bin für sowas nicht ausgebildet. Psychologin ja, Kinderpsychotherapeutin nein. Mörder haben auch schlimme Geschichten, bei einigen hatte ich durchaus Mitleid. Wer keine Distanz aufbauen kann, ist unprofessionell. Ich kann das. Bei Erwachsenen.
„Das geht leider nicht“, sagte ich. Sie blickte auf den Boden, ihre Beine wippten und schlugen gegen die Stuhlbeine.
„Hör auf damit! Nur noch zwei, drei Fragen, dann lasse ich dich zufrieden: Dein Papa war oben bei euch. Was hat deine Schwester gemacht, wo ist sie hin?“
Sie fing zu weinen an.
„Wenn du deine Schwester wiedersehen möchtest, musst du mir antworten!“
Sie schlug die Kekstüte vom Tisch und strampelte weiter mit den Beinen.
„Die sehe ich sowieso wieder.“
Jetzt war ich überrascht, stand auf, sammelte die Kekse auf und stellte sie wieder auf den Tisch.
„Wirklich? Wann denn?“
Ich nahm ein Taschentuch, tupfte in ihrem Gesicht herum. Freya beruhigte sich etwas.
„Heute Nacht. Sie fliegt immer nachts.“
Meine Überraschung wich der Erkenntnis, wie schlimm es um sie stand.
„Du meinst, wie ein Engel?“
„Ein bisschen.“
„Ja, das ist gut“, sagte ich. „Fliegst du auch manchmal?“
„Ich durfte nicht. Ich bin zu jung. Aber bald.“
Sie wischte sich mit ihrem Ärmel über die Nase.
„Du hast erzählt, dass ihr nachts vor dem Fenster in eurem Kinderzimmer steht. Macht ihr dann immer das Fenster auf?“
Sie nickte. „Natürlich! Sonst kommt man doch nicht raus.“
„Und dein Papa wollte das nicht?“
„Er hat es verboten.“
„Gut“, sagte ich, obwohl gar nichts gut war. Wo blieben die Kollegen vom Jugendamt? Die Kleine musste dringend ins Bett, es war schon spät.
„Wie ist dein Papa aus dem Fenster gefallen? Hat er sich herausgelehnt, ist er gestolpert?“
„Ich will nach Hause!“, sagte sie und gähnte wieder.
Ich ging zu ihr und strich über ihre Haare.
„Du musst bald schlafen, es ist schon spät!“
„Ich muss aufs Klo“, sagte sie und zappelte unruhig auf ihrem Stuhl.
„Komm!“, sagte ich und streckte meine Hand aus, Freya ergriff sie. Wir gingen über den schmalen Flur, sie wich nicht von meiner Seite. Ich führte sie zur Personal-Toilette, die ist angenehmer, öffnete die Tür und hielt sie offen.
„Ich warte hier“, sagte ich.
„Du musst hier stehen bleiben!“
„Ich gehe nicht weg“, beruhigte ich sie.
Als sie drin war, nahm ich mein Handy und rief meinen Chef an.
„Und?“, fragte der.
„Die Kleine ist aufgekratzt, aber völlig übermüdet. Sie muss ins Bett“, antwortete ich. „Was ist mit dem Jugendamt? Kommt da langsam mal jemand? Es ist verdammt spät!“
„Müssen jede Minute da sein“, sagte er. „Hast du was herausfinden können?“
„Der Alte war gewalttätig. Ich vermute, dass es ein Unfall war. Die Mädchen können einen Erwachsenen nicht aus dem Fenster geworfen haben. Die Kleine ist verstört, sie fantasiert. Ich komme da heute nicht mehr weiter, bin sowieso nicht die Richtige. Keine Ahnung, wo die Schwester ist.“
„Sie muss abgehauen sein. Unten lag nur die Leiche des Mannes. Vielleicht weiß die Kleine, wo ihre Schwester hingeht, wenn es Ärger gegeben hat. Irgendeinen Ort, den nur die beiden Mädchen kennen.“
„Sie ist weggeflogen“, sagte ich.
„Sehr witzig!“
„Die Kleine ist überfordert, in einer Ausnahmesituation! Sie hat ihren Vater verloren, egal, was das für ein Arschloch war. Ihre Schwester ist verschwunden. Sie ist ein kleines Kind!“
„Schon gut“, sagte er. „Wo ist sie jetzt?“
„Warte mal, bleib dran“, sagte ich und drückte die Tür zum Sanitärraum auf.
„Freya“, rief ich.
Keine Antwort.
Nochmal: „Freya!“
Ich stieß die Türen der drei Toiletten auf.
Leer.
Das Fenster weit offen.
„Nein!“, brüllte ich. „Hartmann, hilf mir!“
Ich stürzte zum Fenster, unten war nichts zu sehen, zu dunkel. Rannte zum Fahrstuhl, prügelte auf den Sensor, zu langsam, nahm die Treppe. Raste runter. Stolperte über die Stufen in den Hof. Ich keuchte, als ich auf dem gepflasterten Steinboden stand. Da lag niemand. Ich durchsuchte die Büsche an der Häuserwand. Nichts. Sah nach oben und konnte das offene erleuchtete Fenster sehen. Wenn sie gesprungen war, musste sie hier gelandet sein. Türen wurden aufgerissen, Security-Leute kamen durch die zwei Eingänge. Vier, fünf Uniformierte. Wir suchten jeden Zentimeter mit Taschenlampen ab, wir hätten einen Käfer gefunden. Es gab keinen.

Wir fanden weder Freya noch ihre Schwester. Die Presse fiel über uns her, der Vorwurf `inkompetenter Haufen´ war noch das Harmloseste. Warum der Vater aus dem Fenster gefallen war? Interessierte keinen, aber die Tatsache, dass es auch hier keine Aufklärung gab, schien das Unvermögen der Polizei nur zu untermauern. Hartmann hat es durchgestanden. Ich nicht. Ich habe gekündigt. Alle waren dankbar, denn zumindest ein Kopf musste rollen.

Wie es wohl ausgegangen wäre, wenn ich Freya nicht in die Personal-Toilette geführt hätte? Alle anderen haben ein Gitter vor dem Fenster. Ein unverzeihlicher Fehler. Ich dachte über ihren letzten Satz nach, als sie sagte, ich solle vor der Toilette stehen bleiben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie wollte, dass ich blieb – oder nicht hereinkam.
Manchmal kann ich nachts nicht schlafen, stehe am offenen Fenster, sehe in die Dunkelheit und frage mich, ob sie dort wohl fliegen.

 
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Hallo @Jaylow

Soviel wie Du zur Zeit veröffentlichst, kommt man ja kaum mit Lesen und Kommentieren nach :D Aber cool, hast Du wieder eine Story eingestellt! Ich habe sie sogleich gelesen, schön runter in einem Zug, das liest sich alles sehr flüssig, aber trotzdem muss ich gleich vornewegstellen, dass ich so über einige Probleme gestolpert bin. Ich schreibe mal mit:

„Du musst das übernehmen!“, sagte Hartmann.
„Es ist mitten in der Nacht“, entgegnete ich meinem Chef. „Sitze im Auto und bin gleich zu Hause.“
„Bitte, Ich habe hier niemanden, die Presse wird ein Riesenfass aufmachen!“
„Es geht um ein Mädchen, oder? Ein Kind! Dafür bin ich nicht ausgebildet, ist nicht mein Zirkus!“
„Es geht möglicherweise um Mord, Selbstmord, was weiß ich. Ein Mädchen ist verschwunden. Du hast zwanzig Minuten!“, sagte er und legte auf.
Dieser ganze Einstiegsdialog hakelt für mich. Also da geht so einiges drunter und drüber. Ich versuche das mal auseinanderzudröseln:
  • „Sitze im Auto und bin gleich zu Hause.“ das liest sich (rein dialogtechnisch gesehen) holperig für mich, weil das elliptisch ist, aber nicht natürlich elliptisch. Es klingt für mich einfach nicht nach gesprochener Sprache. Einfach „Ich bin fast zu Hause.“ würde reichen, oder noch verkürzter: „Es ist mitten in der Nacht. Ich hab Feierabend.“
  • „die Presse wird ein Riesenfass aufmachen!“ klingt (für mich --> ich lasse das ab jetzt weg, Du weisst, wie ich es meine) nach Autorensprache. Information für den Leser. Natürlicher wäre vielleicht sowas wie: „Mir fehlt gerade jede Unterstützung. Das gibt morgen Schlagzeilen!“
  • „ist nicht mein Zirkus“ finde ich den schwächsten Satz im Einstieg. Ich habe das Gefühl, die Figur spricht sonst nicht ganz so stark lässig/zynisch. Redet sie wirklich so mit ihrem Vorgesetzten? Einfach schlicht „Ich bin keine Kinderpsychologin.“ würde ausreichen.
  • „Mord, Selbstmord, was weiß ich“ --> Das entwertet die Autorität der Figur. Der Satz soll wohl die Hektik unterstreichen, zeigt aber eher Inkompetenz. Ich würde Hartmann professioneller auftreten lassen, bestimmter.
Ich fluchte und wendete.
Die Kleine saß verschreckt auf ihrem Stuhl, wenigstens hatten sie ihr eine Limonade besorgt. Draußen war es stockfinster, aber noch warm.
Hier würde ich nach dem ersten Satz einen Absatz machen, ich war kurz verwirrt ob des nicht markierten Szenenwechsels.

Sie reagierte nicht, sah mich nur mit großen Augen an.
Ja, die grossen Augen, das ist schon sehr klischiert, findest Du nicht? ;-)

Ihre kleinen Beine berührten den Boden nicht, die Schultern waren hochgezogen, die Hände stützten sich auf den Stuhlrahmen.
'kleine Beine' wären für mich bei einem Kind eher 'kurze Beine'. Dann habe ich mich gefragt, warum das so passiv formuliert ist, aktiver Ihre kurzen Beine berührten den Boden nicht, sie hatte die Schultern hochgezogen und die Hände auf den Stuhlrahmen gestützt fände ich um einiges besser.

„Waren alle nett zu dir hier?“, fragte ich.
Ich finde, das 'hier' könnte sie sich sparen. Es ist klar, welcher Ort oder wer gemeint ist.

„Natürlich nicht! Hast du schon mal gehört, dass Kinder ins Gefängnis gesteckt werden?
Liest sich brüsk. Sie ist keine Kinderpsychologin, aber trotzdem ... Klingt nach wenig Taktgefühl.

Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt noch nicht genau, aber es wird alles gut werden. Hast du Verwandte? Opa und Oma vielleicht? Oder eine Tante?“
Zu ausgewalzt, der Dialog hier. 'Es wird alles gut werden' sagt man bestimmt in so einer Situation, in einem literarischen Text möchte ich so eine Floskel jedoch nicht unbedingt lesen.

„War dein Papa böse zu dir?“
„Nein.“
„Er hat dich nie geschlagen?“
„Manchmal.“
Auch hier wieder: Sie ist keine Kinderpsychologin (ich übrigens auch nicht :D), aber die Frage „Er hat dich nie geschlagen?“ ist sehr direkt, auch da fehlt mir ein Minimum an Taktgefühl bzw. Empathie.

Freya gähnte, hielt den Blick aber auf die Kekse gerichtet.
Wieso 'aber'?

Wer keine Distanz aufbauen kann, ist unprofessionell. Ich kann das. Bei Erwachsenen.
Wenn diese fehlende Distanz ihr fehlendes Taktgefühl oder die fehlende Empathie erklären soll, so kann ich da nicht mitgehen. Gerade wegen der fehlenden Distanz müsste die Situation bzw. ihre Interkation mit dem Mädchen die Ich-Erzählerin ja viel stärker mitnehmen. Das lese ich so nicht. Eher distanzierte Kälte.

Hör auf damit! Nur noch zwei, drei Fragen, dann lasse ich dich zufrieden: Dein Papa war oben bei euch. Was hat deine Schwester gemacht, wo ist sie hin?“
Zum Durchgestrichenen: Ernsthaft?

Sie fing zu weinen an.
Die Reaktion überrascht mich ehrlich gesagt nicht.

„Wenn du deine Schwester wiedersehen möchtest, musst du mir antworten!“
Spätestens hier wirkt die Erzählerin auf mich eher grob und übergriffig als professionell.

Ich ging zu ihr und strich über ihre Haare.
Diese Geste kaufe ich ihr mittlerweile gar nicht mehr ab.

Ich führte sie zur Personal-Toilette, die ist angenehmer, öffnete die Tür und hielt sie offen.
Wieso ist das wichtig?

„Die Kleine ist aufgekratzt, aber völlig übermüdet. Sie muss ins Bett“, antwortete ich. „Was ist mit dem Jugendamt? Kommt da langsam mal jemand? Es ist verdammt spät!
Wie die mit ihrem Chef redet, darauf komm ich einfach nicht klar. Aber der lässt das ja auch mit sich machen, da muss er sich dann halt schon nicht wundern.

„Sie muss abgehauen sein. Unten lag nur die Leiche des Mannes. Vielleicht weiß die Kleine, wo ihre Schwester hingeht, wenn es Ärger gegeben hat. Irgendeinen Ort, den nur die beiden Mädchen kennen.“
Das sagt er ihr erst jetzt?? :confused:

„Nein!“, brüllte ich. „Hartmann, hilf mir!“
Der Hartmann, der am Telefon ist, soll ihr helfen?? :confused:

Wir suchten jeden Zentimeter mit Taschenlampen ab, wir hätten einen Käfer gefunden. Es gab keinen.
Dass sie weder Freya noch die Schwester gefunden haben, so startet der nächste Absatz. Dass sie keinen Käfer finden konnten, kippt die Situation ins Ulkige.

Entschuldige, ich hoffe, ich bin im Verlaufe der Detailarbeit nicht selbst in den Zynismus abgedriftet :lol: Ich empfand die Ich-Erzählerin ohne Mitgefühl. Falls die emotionale Kälte Absicht war, kam sie bei mir deutlich an. Ich habe ihr dadurch die Rolle als Polizistin aber eigentlich zu keiner Zeit wirklich abgekauft.

Um meinen Kommentar zu schliessen, hatte ich leider auch massive Probleme mit dem Ende: Das ist völlig unvorbereitet für mich. Der 'Twist' wirkt nicht organisch vorbereitet, sondern eher wie ein nachträglich aufgesetzter Mystery-Effekt. Die Story funktioniert bis kurz vor Schluss eigentlich als Psychodrama über Kindesmisshandlung, Trauma und Polizeiversagen -- und dann kippt sie plötzlich ins Übernatürliche, ohne dass die Erzählung dafür ein Fundament gelegt hat. Fast die gesamte Geschichte lädt zu einer rationalen Lesart ein, die Ich-Erzählerin interpretiert alles psychologisch und der Text unterstützt das auch permanent. Dadurch erwartete ich am Ende eine realistische Auflösung oder einen Twist, der rückwirkend Hinweise neu codiert. Aber hier passiert für mich eher folgendes: Der Text streckt mir so ein wenig die Zunge raus und sagt Und übrigens: Vielleicht konnten die Kinder wirklich fliegen! Der Text entscheidet sich nicht klar genug. Für einen echten übernatürlichen Twist fehlen stärkere Vorzeichen. Für eine psychologische Geschichte ist das Ende zu paranormal formuliert. Somit stehe ich als Leser zwischen Stuhl und Bank und fühl mich bisschen veräppelt, wenn ich ehrlich bin.

Beste Grüsse,
d-m

 
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Hallo @Jaylow

Du hast hier einen sehr kurzweiligen Text verfasst. In den ersten Abschnitten dachte ich noch, dass der Text unter seiner Geschwindigkeit leidet, aber ich muss leider gestehen, dass die Probleme an anderer Stelle liegen.

„Du musst das übernehmen!“, sagte Hartmann.
„Es ist mitten in der Nacht“, entgegnete ich meinem Chef. „Sitze im Auto und bin gleich zu Hause.“
„Bitte, Ich habe hier niemanden, die Presse wird ein Riesenfass aufmachen!“
„Es geht um ein Mädchen, oder? Ein Kind! Dafür bin ich nicht ausgebildet, ist nicht mein Zirkus!“
„Es geht möglicherweise um Mord, Selbstmord, was weiß ich. Ein Mädchen ist verschwunden. Du hast zwanzig Minuten!“, sagte er und legte auf.

Erzähltechnisch habe ich hier etwas zu bemängeln. Ich kann durchaus verstehen, dass du einen schnellen Einstieg möchtest und dass ein Wechseldialog Geschwindigkeit erzeugt. Allerdings fehlen mir hier die Zwischenteile. Ein paar kleine erzählerische Einschübe würden das Hin und Her des Dialogs etwas aufbrechen. Es könnte beispielsweise dunkel sein und ein Nieselregen herabfallen, der dem Protagonisten die Sicht auf die Straße erschwert. Hier hätte mit nur wenigen Worten Atmosphäre erzeugt werden können. Die Konstruktion des Textes würde bei einem eskalierenden Konflikt oder einer Actionszene besser funktionieren.

„Es geht um ein Mädchen, oder? Ein Kind! Dafür bin ich nicht ausgebildet, ist nicht mein Zirkus!“

Dieser Satz hier ist seltsam. Erst fragt er nach einem Mädchen, und anschließend stellt er fest, dass es sich um ein Kind handelt. Das wirkt seltsam redundant und auch vom roten Faden her disjunkt. Irgendetwas fehlt in diesem Teil – ein innerer Monolog oder ein Gedanke.

„Es geht möglicherweise um Mord, Selbstmord, was weiß ich. Ein Mädchen ist verschwunden. Du hast zwanzig Minuten!“,

Warum weiß Hartmann, dass die Presse ein Riesenfass aufmachen wird, obwohl er keine Ahnung hat, worum es geht? Mord? Selbstmord? Ein Mädchen ist verschwunden? Ja, was denn nun? Wenn ein Mädchen verschwunden ist, wie kommt er da auf Selbstmord? Ich meine, klar, es gibt Charaktere, die derart erratisch kommunizieren, aber eine solche Persona sollte eingeführt werden, damit die Leser wissen, woran sie sind. Ansonsten wirkt dieser Einstieg sehr gewollt und forciert.

Ich fluchte und wendete.
Die Kleine saß verschreckt auf ihrem Stuhl, wenigstens hatten sie ihr eine Limonade besorgt. Draußen war es stockfinster, aber noch warm.
„Hallo, Freya“, begrüßte ich sie und hielt ihr die Hand hin. „Ich bin Emma.“
Sie reagierte nicht, sah mich nur mit großen Augen an. Es war stickig in dem Raum, ich stellte das Fenster auf Kipp.
„Hast du Hunger?“
Keine Antwort.
„Manchmal mag ich Süßes“, sagte ich und stellte Kekse auf den Tisch, nahm mir einen.

In diesem Auszug wird die Geschwindigkeitsproblematik meiner Ansicht nach noch deutlicher. Sie fluchte und wendete – und schon sitzt ein kleines Mädchen verschreckt auf ihrem Stuhl. Beim ersten Lesen hatte ich den Eindruck, dass die Kleine sich vor unserer Protagonistin erschrocken hat. Auch hier fehlt etwas. Wo sind wir gerade? Ein Revier? Ein Krankenhaus? Woher wusste unsere Protagonistin, wohin sie sollte? Hartmann hat ihr ja nichts gesagt. Da hätte ein Zwischensatz geholfen. Apropos: Ich dachte, das Mädchen wäre verschwunden?

Draußen war es stockfinster, aber noch warm.

Hier gibst du eine kurze Beschreibung. Leider ist diese redundant. Wir wissen bereits, dass es Nacht ist. Ich bin mir auch nicht sicher, was uns die Information über die Temperatur bringen soll. Ich meine, beschreibe doch konstruktive Dinge, die den Lesern Strukturhilfen beim Verstehen der Situation geben – und weniger Beiwerk.

„Manchmal mag ich Süßes“, sagte ich und stellte Kekse auf den Tisch, nahm mir einen.

Wo hat sie die Kekse her? Interessiert mich einfach mal.

Ihre Augen verfolgten jede meiner Bewegungen, blieben an der Kekstüte hängen.
„Nimm ruhig, bevor ich die alle wegmache.“
Ich biss in einen Brownie.

Hier scheint es einen Anschlussfehler zu geben. Sie hat eine Kekstüte und meint, dass sie diese gleich wegisst, und plötzlich hat sie einen Brownie in der Hand? Kommen Brownies in Kekstüten? Doch eher in kleinen Schachteln.

„Lecker“, sagte ich.
Ihre kleinen Beine berührten den Boden nicht, die Schultern waren hochgezogen, die Hände stützten sich auf den Stuhlrahmen. Ich überflog die Seiten der Dokumentenmappe. Freya, fünf Jahre alt, ihr Vater aus dem dritten Stock gestürzt, tot, die elfjährige Schwester verschwunden. Die Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben.

Das hier ist schon besser. Klare Linien und Informationsbrocken. Die Beschreibung des Kindes hätte aber, meiner bescheidenen Meinung nach, hinterher kommen sollen. Frei nach dem Motto: Jetzt wissen wir etwas über ihre Geschichte, und nun betrachten wir das Ganze einmal aus einem neuen Winkel.

Ich hätte vielleicht noch eingefügt, dass sich Emma neben sie setzt oder dass sie eine Akte in der Hand hat etc. Ich meine, auch Polizisten bekommen nicht einfach so eine Krankenakte – noch dazu nachts. Ist Emma allein mit dem Kind? Und noch einmal: Wo sind wir eigentlich?

Waren alle nett zu dir hier?“, fragte ich.
„Komme ich ins Gefängnis?“, fragte sie zurück.
„Natürlich nicht! Hast du schon mal gehört, dass Kinder ins Gefängnis gesteckt werden?“
Sie schien nicht überzeugt.
„Und wo komme ich dann hin?“
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt noch nicht genau, aber es wird alles gut werden. Hast du Verwandte? Opa und Oma vielleicht? Oder eine Tante?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Okay, dann kümmert sich das Jugendamt, das sind sehr nette Leute, die sind bestimmt gleich hier! Ich möchte dir aber vorher ein paar Fragen stellen, ja?“
Freyas Beine wippten hin und her, sie rutschte auf dem Stuhl nach vorn.
„Ich habe eine große Schwester!“, sagte sie.
„Weißt du, wo sie ist?“
Kopfschütteln.
„Aber vorhin war deine Schwester noch da?“
„Ja.“
'
Vorhin war ihre Schwester noch da? Also räumlich anwesend? Und schon steht in der Akte dass sie verschwunden ist? So schnell hab ich Bürokratie und Polizeiermittlung noch nie arbeiten sehen.

„Es tut mir sehr leid mit deinem Papa. Er ist aus dem Fenster gefallen, oder?“

Ehrlich, ich habe keine Ahnung, was sie beruflich macht. Entweder sie ist Polizistin oder Sozialarbeiterin. Was ich sagen will: In beiden Fällen hätte sie das Kind nicht direkt nach den Todesumständen des Vaters gefragt – das wäre wirklich geschmacklos und auch sehr verletzend gegenüber dem Kind.

Nicken.
„Wie ist das denn passiert?“
Schulterzucken.
„War dein Papa böse zu dir?“
„Nein.“
„Er hat dich nie geschlagen?“
„Manchmal.“

Wo kommt das denn her? Das ist eine so unverblümte und dreiste Fragestellung seitens der Protagonistin. An solchen Stellen bräuchte es Überlegungen, was ein vernünftiger Umgang zwischen den Beteiligten wäre. Der Vater ist gerade gestorben, das Mädchen ist vermutlich traumatisiert, und die Schwester ist seit mindestens 20 Minuten aktenkundig verschwunden. Entweder weiß Emma an dieser Stelle mehr als die Leser, oder sie ist wirklich sehr unprofessionell. Sollte Emma tatsächlich mehr wissen als die Leser, sollte das zumindest angedeutet werden.

Ich schluckte, bin für sowas nicht ausgebildet. Psychologin ja, Kinderpsychotherapeutin nein.

Dann dürfte sie unter diesen Umständen – nachts – nicht mit dem Kind sprechen. Dazu gibt es Zuständigkeiten. Überhaupt: Wenn Emma Psychologin ist, wer ist dann Hartmann? Doch auch ein Psychologe, oder? Dann müsste er als Vorgesetzter doch eingangs auch mehr über den Fall gewusst haben.

Mörder haben auch schlimme Geschichten, bei einigen hatte ich durchaus Mitleid. Wer keine Distanz aufbauen kann, ist unprofessionell. Ich kann das. Bei Erwachsenen.

Nach der Nummer mit dem Kind glaube ich ihr das nicht. Außerdem wäre hier eine zusammenhängende Formulierung besser, denke ich. ‚Eigentlich kann ich das gut, leider nur bei Erwachsenen.‘ So etwas in der Art eben.

„Das geht leider nicht“, sagte ich. Sie blickte auf den Boden, ihre Beine wippten und schlugen gegen die Stuhlbeine.
„Hör auf damit! Nur noch zwei, drei Fragen, dann lasse ich dich zufrieden: Dein Papa war oben bei euch. Was hat deine Schwester gemacht, wo ist sie hin?“
Sie fing zu weinen an.
„Wenn du deine Schwester wiedersehen möchtest, musst du mir antworten!“

Mein lieber Schwan, das ist glatt 'ne Drohung! Das Kind ist nach dem Verhör viel Schlimmer dran als vorher.

„Nein!“, brüllte ich. „Hartmann, hilf mir!

Diese Reaktion verstehe ich nicht. Hartmann kann ihr nicht helfen. Auch als geflügelter Ausspruch taugt es nicht wirklich etwas. Auf mich wirkt es wie forcierte Dramatik.

Ich stürzte zum Fenster, unten war nichts zu sehen, zu dunkel. Rannte zum Fahrstuhl, prügelte auf den Sensor, zu langsam, nahm die Treppe. Raste runter. Stolperte über die Stufen in den Hof. Ich keuchte, als ich auf dem gepflasterten Steinboden stand. Da lag niemand. Ich durchsuchte die Büsche an der Häuserwand. Nichts. Sah nach oben und konnte das offene erleuchtete Fenster sehen. Wenn sie gesprungen war, musste sie hier gelandet sein. Türen wurden aufgerissen, Security-Leute kamen durch die zwei Eingänge. Vier, fünf Uniformierte. Wir suchten jeden Zentimeter mit Taschenlampen ab, wir hätten einen Käfer gefunden. Es gab keinen.

Diesen Abschnitt finde ich an sich gut, nur hättest du die Reihenfolge der Geschehnisse umdrehen müssen. Emma verständigt zuerst die Security-Leute, dann rennt sie erst hinunter und durchsucht alles. Sonst kommen wieder die Fragen auf: Wie haben die Security-Leute davon erfahren, und warum brauchen sie bei einem Akutfall wie diesem so lange?

Nun zum Hauptproblem in deinem Text: Du präsentierst hier eine Idee und nutzt den Text als Vehikel. Die meisten Kritikpunkte, die ich an diesem Text hatte, sind meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen. Du hast Handlungssprünge erzeugt und Ortsbeschreibungen weggelassen, um möglichst schnell von A nach B zu kommen. Du hast auf Dialoge gesetzt, um deine Intentionen sichtbar zu machen, nicht die der Protagonisten.

Mein Vorschlag ist folgender: Wenn du eine Idee hast, überlege dir Charaktere, durch welche die Geschichte getragen und nicht nur präsentiert wird. Überlege dir Charaktereigenschaften der Figuren und mach dir einen Plan, was diese Figuren in dieser und jener Situation sagen würden. Die Story mit dem Mädchen hätte auch funktioniert, wenn der Vorwurf der Misshandlung durch den Vater nicht im Raum stehen würde. Die Story hätte auch funktioniert, wenn das Mädchen ein paar Tage oder sogar Wochen nach dem Unglück befragt worden wäre. Der Twist am Ende hätte auf diese Weise auch besser vorbereitet werden können – beispielsweise durch das Verhalten des Mädchens usw.

So viel erst mal von mir.
Scratch

 

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