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Nachts sind alle Katzen grau

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26.06.2005
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Nachts sind alle Katzen grau

Phrasenhafte Unterwürfigkeit einer degenerierten Masse von Idioten zwingt mich zum Rückzug in die Dunkelheit. Zwingt mich zur Farblosigkeit der Nacht. Schwärze allüberall und Stille sanft. Mein Jagdrevier.
Morgengrauen. Mir graut vor dem Morgen, vor dem Licht, das letztendlich parteilos scheint. Es weckt eine jede Ratte in ihrem Loch, auf das sie erneut heraus gekrochen kommt, erneut die Welt mit dem Pestgestank menschlichen Unvermögens überschwemmt. Aber die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte, sagt die Bibel. Bei soviel Gleichberechtigung halte ich es lieber gleich mit dem Teufel. Zum Teufel mit diesem Märchenbuch.

Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich will das nicht mehr ertragen. Ich will endlich erschossen werden. Ich will gevierteilt werden.
Reißt meine Gedärme aus diesem unwürdigen Leib!
Sucht mit heißen Messern nach meiner Seele!

Lief ich einst herum wie ein Vampirjäger in schlechten B-Movies, so verweigere ich mich jetzt der Schublade. Ich passe nämlich nicht mehr rein. Ich bin zu fett, zu träge geworden. In der Regel zu faul um über die Launen des Schicksals zu grübeln, zu bequem, um über den schwarzen Humor des Lebens zu lachen. Ich hänge in einer Höhle ab, in einem unwürdigen Bau und dröhne mir den Sinn mit allem zu, was das Vergessen im Schlepptau hat. Mit ein wenig mehr Gleichgewichtssinn könnte ich bereits über all die leeren Flaschen laufen, in meiner Stumpfsinnigkeit jedoch schlurfe ich mittendurch und wecke damit klirrend das Aas in den angrenzenden Höhlen. Dann bekomme ich Hunger und dann passiert wieder eine süße Katastrophe.

Zwischendurch, so wie jetzt, wenn mir der Stoff ausgeht und meilenweit kein Delirium zur Rettung am schwarzen Nachthimmel aufleuchtet, da beginnt es dann hässlich zu werden. Graugrüne Haut platzt unaufhörlich von dem Konstrukt, das mein Scheißleben bedeutet. Blättert ab wie Goldfarbe von Plastikheiligen. Eine zerlumpte Gartenlaube fauliger Existenz. Meine stinkt bereits bis zum Himmel. Ein Teufelsfest des Verfalls. Ohne Ende.

Und was tut man dagegen? Wenn man ein Weichei ist, so wie ich, dann versucht man zu vergessen. Wenn man krank ist, so wie ich, dann sucht man nach jemandem, der einen heilt. Wenn man traurig ist, so wie ich, dann sucht man nach Trost. Und wenn man wahnsinnig ist, so wie ich, dann sperrt man sich besser weg. Die Nacht ist mein Mantel, bedeckt die Beulenpest meines jämmerlichen Daseins, das niemals etwas zustande brachte als irgendwelche krummen Sachen, und selbst die gingen schief. Verdammt schief, wenn man an dieses scheiß Ritual denkt und was es aus mir gemacht hat.
Im Dunkel lässt sich jedenfalls vortrefflich die schwärende Schwärze des Nichts feiern, lässt sich die private Inquisition durchführen bis die Qual ein abstrakter Sing-Sang höllischer Geister geworden ist. Daumenschrauben bis das Blut spritzt. Und dann schlürfen wir es locker weg.
Carpe diem. Hasse den Tag. Carpe noctem. Lass dich von der Nacht sanft entmaterialisieren. Zerfleischen, hahaha.

Denn entmaterialisiert bin ich. Sinnlos in meiner Sinnsucht. Ein Teufelskreis. Ich beneide diejenigen, die es gesehen haben und weitermachen, als sei nichts gewesen. Die gesehen haben, welch ein Tier in uns steckt. Ein blutgeiles Monster. Ein Satan.
Darum wäre ich gern ein Roboter wie sie. Darum würde ich gern vergessen was ich weiß, was ich sah, was ich jedes Mal sehe, wenn ich in diesen beschissen ehrlichen Spiegel sehen muss. Schaltkreise kann man reparieren, meine schwarze, pulverisierte Seele aber nicht.
Also mache ich das Beste draus. Ich drehe ich ein bisschen am Rad, belaste diese verlogene Gesellschaft mit meinem Schmarotzertum, sauge sie aus, fresse mich durch sie hindurch wie der Bandwurm durch den Darm.
Nachts sind alle Katzen grau und ich falle nicht weiter auf.
Denn ich bin ein Geschwür und übergebe mich gern an mir selbst.

Ein ganzer Seuchenherd des Sich-selbst-Bemitleidens bin ich. Eine Epidemie der Erregung öffentlicher Übelkeit. Wenn, ja wenn es denn jemand wüsste, wenn es überhaupt jemand wissen wollte!
Ich hasse mich nicht. Ich bin nämlich gar nicht ich. Ich bin entfremdet worden. Ich bin bestohlen worden. Ich bin beraubt worden.
Meine Eltern stahlen mir meine Persönlichkeit, das System raubte mir meinen freien Willen und das, was übrig blieb war ein Sturm aus emotionalen Extrema. Psychischer Vampirismus. Langsam aber sicher fraß es mich auf und verwandelte meine Seele in Antimaterie. Und ich wurde, was ich bin.
Schau mich an, holde Welt! Ich bin dein eigenes Exkrement.

Psychologen und Psychiater helfen da nicht mehr. Leichte Tendenz zu illusorischer Geisteshaltung, nicht weiter bedenklich. Hier, ein Medikament gegen unruhigen Schlaf.
Wie bitte? Schlaf? Ich brauche was gegen meine Zerstörungswut, gegen diesen Selbstzerfleischungsdrang, gegen meinen abartigen Hunger nach BLUT! Nach allem was KRANK ist! Ich brauche was gegen WAHNSINN, Onkel Doc! Fuck you, Seelenklempner, denn du weißt gar nichts!

Was für ein goldener Irrtum. Ich gehöre weggesperrt und die Welt denkt, ich sei nur ein bisschen Gaga. Ironie des Schicksals? Eher der beknackte Plan einer stumpfsinnigen Evolution.

Und nun ist mir zu allem Überfluss auch noch das Koks ausgegangen. Bier ist ebenfalls alle. Scheiße, jetzt sehe ich mein Leiden, klar und deutlich. Kein Kater könnte schlimmer sein, als auf einer Müllhalde auch noch den Schatten dieser klaren Nacht zu ertragen. Gestank, Fäulnis, Verwesung. Die Dreifaltigkeit meines Lebensweges, Götter der ewigen Dunkelheit. Dumm nur, das ich ewig faule, ewig lebe.
Aber mir glaubt ja niemand.

Wer ahnt denn schon, dass ich für mein Leben gern Fleisch fresse? Dass ich darauf stehe, das Fleisch von lebenden Knochen zu reißen, die Innereien des warmen Lebens zu kosten und aufzulecken, bis ich kotzen muss. Und dann schlürfe ich das Erbrochene erneut in mich hinein.
Dann spüre ich nämlich meine Kälte nicht, meine innere Nacht des ewigen Todes, den Ekel über meine Verwandlung, den Abort in den sich meine Träume verwandelt haben.
Warmes Menschenfleisch. Blutende, sprudelnde Quelle des Geheimnisses, voll sehniger Spannkraft, die sich zäh zwischen meinen Reißzähnen manifestiert. Knochen als Zahnstocher und zum Nachtisch ein wenig geistige Leichenschändung.

In irgendeinem von ihnen steckt die Lösung und ich will sie haben, will sie in mich aufnehmen, assimilieren. Ich will endlich wissen, wie ich vergessen kann und wenn ich dafür die halbe Menschheit zerstören muss. Ich will mein Glück zurück.

Morgen besorge ich mir wieder Koks. Und massenhaft Bier. Oder ich lasse es von meinem nächsten Opfer bezahlen.
Dann werde ich wieder schöne Träume haben, von einer Zeit, in der ich noch Mensch war, eine Zeit in welcher der Schlusssatz konsequent hieß: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Und ich werde wieder für eine Zeitlang vergessen, was ich bin.

Denn nachts sind alle Zombies grau.

 

Hallo Judas,

in der Wortgewalt habe ich deinen Text gerne gelesen. Dennoch habe ich meine Schwierigkeiten mit ihm. Ich verstehe ihn schlicht nicht. Auch liest er sich mir manchmal zu selbstmitleidig in dieser merkwürdigen Kombination aus Übersteigerung und Selbstverachtung. Es wirkt wie eine einzige weinerliche Anklageschrift gegen alles und nichts, ohne dass ich in irgendweiner Form eine Idee hätte, wie sich die Anklage konkretisiert. So, als wollte sich der Autor einfach mal auskotzen. Dadurch verpufft er meines Erachtens. Es bleibt trotz der Wortgewalt nichts hängen, weil es so beliebig ist.
Texte, die ich nicht verstehe finde ich ohnehin immer ärgerlich. Wer lässt sich von einem Autor schon gern das Gefühl vermitteln, dumm zu sein?

Lieben Gruß, sim

 

Hallo Sim,

es gibt zwei Möglichkeiten der Interpretation für diesen Text:

1. der Erzähler ist ein.... Zombie (in guter alter Horrormanier)

2. (und ich gebe zu, das ist nicht ganz einfach zu erkennen) der Erzähler ist eines dieser speziellen Individuen, die andere einfach nur ausnutzen, weil sie von sich aus nicht in der Lage sind, glücklich zu sein (psychischer und materieller Vampirismus).

Vielleicht hilft dir das weiter?

meine Intention war es sicher nicht, irgendwen als dumm dastehen zu lassen. Wenn ich das will, rede ich mit dem Alki von nebenan über Literatur... ^^

 

Hallo Judas,

die Möglichkeit, dass du einen tatsächlichen Zombie meintest, hatte ich durch die Wahl der Rubrik schon mal völlig ausgeklammert. Eher dachte ich, dass sich dein Erzähler wie einen Zombie sieht.
Den psychischen und materiellen Vampirismus erlebe ich meistens bei Menschen mit akutem Helfersyndrom. Sie richten alles so ein, dass sie sich ausgenutzt fühlen können, während die Ausbeutung, die sie betreiben, vor allem an Energie, im Verborgenen bleibt und oft sogar für die Ausgebeuteten schlecht zu erkennen ist.
Vielleicht bin ich deshalb nicht auf den Zusammenhang gekommen, denn um das aus der Ich-Perspktive zu beschreiben muss der Prot ja schon fast so reflektionsfähig sein, seine Haltung als die wahrhaft ausbeuterische zu erkennen.

Lieben Gruß, sim, der sich jetzt ein bisschen weniger dumm fühlt. ;)

 
Zuletzt bearbeitet:

:)

Genau! Solchen Vampirismus (sehjr weit verbreitete Form!)und dann gibt es noch anderen Vampirismus, Sozialschmarotzerei, den Eltern auf der Tasche liegen, Oma und Opa ausnehmen, anderen Hilfsbedürftigkeit vorheucheln und so absahnen, jemanden heiraten wegen der Asche und mit seinen Gefühlen spielen, sowas alles. Da gibts teilweise total dreiste Sachen und die Liste ansich ist schier endlos.

Darum auch die Rubrik. Und natürlich geht es hier um Reflektion, ein "Vampir" der seine widerliche Lebensweise erkennt und reflektiert.
Der "echte" Zombie, bzw. dass der Erzähler einer ist, sollte dafür sorgen, dass sozusagen auf zwei Hochzeiten gespielt werden kann und es sollte das Bild der Abscheu verstärken!

Liebe Grüsse
Judas

 

Hallo Judas,

mir hat dein Text gefallen. Das lag besonders an dieser speziellen, oppulenten Sprache. Nur an einigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass sie für die Textlänge fast schon zuviel ist.

Mit Sicherheit auch durch die Wahl der Rubrik habe ich beim Lesen in die Richtung gedacht, auf die du offenbar hinaus wolltest. Wie viele Menschen saugen andere aus, wie viele "Energie-Vampire" gibt es. Für mein Gefühl machst du allerdings die Gesellschaft zu sehr verantwortlich für die Situation deines Prots - nahc dem Motto "ich habe so lange unter ihr gelitten, bis ich den Spieß irgendwann umgedreht habe". Genau wie sim hätte auch ich mir einige konkrete Beispiele seines vampirartigen Verhaltens gewünscht. Das hätte dem Text mehr Handlung gegeben.

Liebe Grüße
Juschi

 

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