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Niko
Die Gummisohlen der Treter gaben dabei leichte Seufzer von sich.
Niko zog sie bei jedem Schritt leicht über den betonierten Untergrund.
Das hatte er sich angewöhnt.
Die Sohle war dadurch schon stark abgelaufen.
Ihn störte das nicht, er kaufte seine Schuhe monatlich neu.
Es war wie ein liebgewordenes Hobby. Er kam mit seinen abgelaufenen Schuhen in den Laden und Minuten später mit neuen wieder heraus.
Niko wünschte alles wäre so wie das Schuhekaufen.
Zu gerne wäre er selber ein Schuh. Er würde gebraucht, geliebt und könnte dann sterben.
Einen Sinn konnte er in seinem Leben nicht sehen.
Er war gerade mit der Schule fertig und suchte vergebens nach einer Arbeitsstelle.
Das Jobcenter kannte er schon in und auswendig.
Er hatte dort eine nette Beraterin. Diese hatte ihn schon mehrmals gefragt was er werden wolle.
Eine konkrete Antwort hatte er darauf leider nie geben können, er wusste es nicht.
Er hatte schon seit Wochen darüber nachgedacht, ohne Ergebnis.
Ihm waren zwar Berufe eingefallen, die er sich vorstellen konnte, doch nichts was ihn wirklich faszinierte.
In der Schule war er überall Durchschnitt gewesen.
Nichts hatte ihn besonders interessiert, er fand aber auch nichts uninteressant.
Seine Schuhe quietschten lauter und in kürzeren Abständen.
Scheinbar hatten sie es jetzt eiliger.
Ein Gefühl des Neids durchdrang ihn.
Scheinbar hatten sie ein Ziel.
Zu gerne hätte er das auch.
Er wusste noch nicht mal wohin ihn seine Schuhe führten.
Er beschloss dieses Paar Schuhe schon früher umzutauschen.
Er brauchte immer Schuhe, die zu seiner Lebenslage passten und diese waren definitiv zu schnell.
„Woran das wohl lag?“ fragte er sich murmelnd. „An der roten Farbe?“
Er konnte es nicht beantworten.
Vielleicht war es auch die Marke seiner Sneaker.
„Converse All Star“ stand fett auf der Ferse.
In der Mitte des Schriftzugs war ein leuchtender Stern.
Wie ein solcher fühlte er sich aber ganz und gar nicht.
„Die müssen weg!“ beschloss er.
Sein Magen zwickte.
Das tat er immer, wenn er sich unter Druck fühlte.
Er kannte dieses Gefühl gut.
In der Schule, bei seiner Familie und jetzt auch noch mit seinen Schuhen.
Er drückte die Sohlen seiner Chucks noch tiefer in den rauen Beton.
Kein quietschen mehr, nur Widerstand.
Er kam aus dem Laufschritt und stolperte.
Schnell guckte er, ob jemand sein Missgeschick gesehen hatte. Alles schien normal.
Er beruhigte sich.
Sein Magen entkrampfte.
Er fragte sich, warum er so sensibel sei.
Er machte sich immer um so viele Dinge Gedanken.
Seine Oma kam ihn in den Sinn.
Sie hatte ihm immer gesagt es sei besser nicht viel zu Denken.
Er hatte es aber schon so oft vergebens probiert, funktioniert hatte es nicht.
Er konnte seinen Kopf einfach nicht ausschalten.
Er dachte an seine missglückten Erfahrungen mit Frauen.
Seine Magenwände wölbten sich nach innen.
Er hatte nie mehr als einen gezwungenen Kuss gehabt.
Er sprach lieber mit Frauen als sie zu küssen.
Das hatten die Frauen aber nie verstanden.
Stattdessen hatten sie ihm ihre Leidenschaft versucht aufzuzwingen.
Nachdem er diese nicht erwiderte, hatten die meisten Frauen enttäuscht aufgegeben.
Später hörte er Gerüchte über sich.
Andere Männer bezeichneten ihn als Schlappschwanz und Schwuchtel.
Ihm war das egal.
Er hatte gar keine Vorstellung was ein Schlappschwanz sein sollte. Ein müder Penis?
Und mit dem Bezeichnung Schwuchtel konnte er leben.
Er wusste ja nicht ob er schwul sei.
Er hatte nie die Möglichkeit gehabt dies raus zu finden.
Einen Mann hatte er noch nie geküsst.
In Gedanken versunken bemerkte er, dass seine All Stars die U-Bahnstation erreicht hatten.
Neugierig guckte er sich um, alles wirkte steril und eckig.
Er fühlte sich wohl. Er dachte an seine Mathelehrerin.
In Gedanken fand er sich auf der Rolltreppe wieder.
Faul war seine Besohlung also auch noch.
Zur Strafe rubbelte er die Sohlen seiner Snikers, an der Rolltreppe.
Er spürte schon die kalte Rolltreppe.
Diese Aktion ließ sein Verdauungsorgan weiter entspannen.
Jetzt merkte er, dass sein Magen leer war. Er hatte nichts gegessen gehabt.
Seine Schuhe gaben ihm einfach keine Zeit zum Essen.
Er dachte wieder an seine Oma.
„Du musst mehr Essen, du bist nur Haut und Knochen“ hatte sie ihm öfters vorgehalten.
Auch die Ärzte in seiner Kindheit hatten ihn zu etlichen Kuren geschickt.
Die Ergebnisse waren aber immer nur von kurzer Dauer.
Sobald er wieder in seinem Alltag war, verkrampfte sich sein Magen und er bekam nichts runter.
Ihm war es unangenehm wie mitleidsvoll ihn anderen Menschen anguckten.
Er wusste nicht wie er mit diesem Mitgefühl umgehen sollte.
Er hatte kein Mitleid mit seinem Körper.
Er hasste ihn aber auch nicht. Er war ihm einfach nur egal.
Er wusste nicht für wen er zunehmen sollte.
Seine Eltern hatten nie wirklich Interesse an ihm gezeigt.
Einzig seine Oma. Sie war ein Schatz.
Aber er hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie ihn wirklich verstand.
Sie gab ihm einfach nur bedingungslose Aufmerksamkeit.
Er hätte zu gerne etwas zurückgegeben, konnte es aber irgendwie nicht.
Er konnte nicht verstehen, warum seine Oma ihm so viel Zeit und Ratschläge schenkte.
Er hatte ja schließlich nur ein paar Gene von ihr.
Die Rolltreppe hatten ihn und seine Schuhe in das Erdreich gezogen.
Sein Magen zog sich zusammen.
So viele eilige Menschen, die ihm mitleidsvolle Blicke zuwarfen.
Vor allem die zusammengepressten Lippen und hochschnellenden Augenbrauen empfand er als unangenehm.
Er duckte sich zusammen und seine Schultern schoben sich nach vorne.
In einem Fenster sah er seinen leichten Buckelansatz.
Ihm tat es Leid, dass andere diesen sehen mussten.
Er bemerkte wie sein Spiegelbild eine noch gedrungenere Haltung einnahm.
Identifizieren konnte er sich mit diesem noch nie.
Er wusste nicht wer diese Person war, die ihn immer so lustlos anguckte.
Er wollte es auch nicht wissen.
Sie wirkte ihm zu langweilig.
Wie alle Mitmenschen, die er bisher getroffen hatte.
Eine leichte Traurigkeit überkam ihn.
Hatte er gerade vielleicht Mitleid mit sich selbst gehabt? Er wusste es nicht.
Seine Treter hatten ihn auch schon in die U-Bahn getragen.
Nun war er gefangen!
Engster Raum und mitleidigen Gesichtern...
Sein Magen baute ein Vakuum auf.
Das Atmen wurde schwer.
Mit viel Anstrengung presste er stickige Luft in seine Lunge.
Ein sehr bekannter Druck im Kopf baute sich auf.
Er kannte dieses Gefühl aus der Schule. Dort hatte er es beinahe täglich.
Kopf- und Magenschmerzen gehörten erfahrungsgemäß so zu ihm, wie seine Schuhe.
Er sendete nervöse Blicke durch die U-Bahn.
Die Leute hatten ihren starren Blick aufgesetzt.
Entspannung!...
Sein Bauch gab nach und die Schläfe pulsierte langsamer.
Er schaute sich genauer um.
Ein paar Männer im Anzug, ein paar Hausfrauen und ...
...ein Schimmern...
Er fokussierte.
Augen küssten ihn.
...Pause...
Blut schoss in sein vertrocknetes Herz.
Magen und Lunge tauschten Plätze.
Er guckte einige Zentimeter tiefer. Kleine zart gefüllte Lippen.
Sanft formten sie ein Lächeln
Nikos Augen schssen die Zentimeter höher und suchten die Augen.
Sie strahlten jetzt noch viel stärker, oder bildete er sich das ein?
Sein Herz raste.
Er wollte weg gucken, um nicht unhöflich zu sein, konnte es aber nicht.
Eine alte Frau schaute verwundert vom Engel zu ihm.
Hatte er sie gerade Engel genannt?
Ja, das war sie.
Er erweiterte den Blick.
Kurzes blondes Haar und weiche kindliche Gesichtszüge.
Beim erneuten Blick in ihre kleinen versteckten Augen war die Verbindung noch stärker als zuvor.
Ihre Pupillen waren ruhig, wirkten aber unglaublich lebendig.
Ein Gefühl der Angst kam in ihm auf.
Er wollte die Verbindung nicht verlieren.
Er zwang sich zu einem verkrampften Lächeln.
Das Feuer in den Augen des Engels wurde schwächer.
Er entspannte sich wieder und es loderte erneut auf.
Diesmal huschte ein ungeplantes Lächeln über seine Mundwinkel.
Die Augen des Engels schienen gläsern zu werden.
Zwei Tränen liefen über ihre weich geformten Wangepartien.
Er hatte Angst sie verletzt zu haben und der Drang zu ihr zu eilen kam in ihm auf.
Seine Schuhe hielten ihn. Er zuckte nur im Oberkörper.
Sein Anblick vor anderen war ihm egal.
Eine Welle von Egoismus flutete seine Sinne.
Sein Herz pumpte weitere Energie hinzu. Er zitterte.
Langsam löste er seinen linken Schuh vom Kunststoffboden der U-Bahn.
Er machte einen Schritt.
Einige Leute guckten völlig verwundert.
Blicke zu ihm und dem Engel wurden geworfen.
Niko zog seinen rechten Fuß nach und plötzlich war ein unbewusster Bann gebrochen.
Die Schuhe bewegten sich. Nein! Er bewegte die Schuhe.
Die Selbstkontrolle nahm von Schritt zu Schritt zu.
Der Engel bewegte sich nicht.
Niko überkamen kurz Zweifel,
doch sein hungriges Herz schlug sein Gehirn KO.
Jetzt schwebte der Engel empor.
Nikos Herz raste.
Sie gab ihm etwas weiches in die Hand.
Ein Brot.
Ohne zu überlegen aß er es langsam.
Er war von seiner eigenen Aktion überrascht.
Der pausenlose Augenkontakt ließ aber kein Unbehagen zu.
Jedes Blinzeln bereitete ihn Sore sie zu verlieren.
Er hatte gerade den letzten Bissen geschluckt, da umarmte ihn der Engel...
Ein surreales Gefühl floss durch sein abgemagertes Herz.
Er fühlte wie sein Herz wuchs.
Die U-Bahnstationen flogen an ihnen vorbei.
Station
um
Station
...Wachstum...
Niko fühlte sich geborgen.
Die Bahn fuhr bis zur Endstation und zurück.
Niko wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war.
Er lauschte nur der ruhige Atmung und den Puls von ihr.
Sein Herz verarbeitete sein Leben.
Er empfand Mitleid und Mitfreude.
Er wollte den Moment nicht enden lassen.
Er stellte sich eine Zukunft mit dem Engel vor.
Glückshormone wurden in seine Venen gepumpt.
Sorge glich die Ladung wieder aus.
Sorge vor Verlust.
Ein unbekanntes Gefühl
Ihre Körper schmiegten sich weiter zusammen. Sie hatte scheinbar seine Gefühle gelesen.
Wie hatte sie das gemacht?
Er wusste es nicht, doch ihm wurde klar, dass er sie loslassen müsste.
Tränen durchzogen seine eingefallenen Wangenknochen.
Sie hielt ihn noch fester.
Er wachte auf.