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Nur noch Stolpern

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27.04.2026
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Anmerkungen zum Text

Diese Kurzgeschichte habe ich im Jahr 2023 geschrieben.

Nur noch Stolpern

"Du breitest deine Arme aus, schließt die Augen und dann lauf los."
Es war beinahe zehn Uhr abends, als Leonard diesen Satz sagte und mir mit einem breiten Lächeln entgegengrinste. Längst war es dunkel geworden. Graue Wolken schmückten das dunkle Blau, welches näher an tiefes Schwarz herankam als der nächste Morgen der jetzigen Stunde.
Quietschende Reifen, Hupen, erhobene Stimmen, Knallen, Fetzen. Das Leben tobte. Nicht für uns. Wir lauschten allem abseits davon.
Unsere Füße standen auf Beton, elf Stockwerke hoch, unsere Gedanken aber stiegen weiter hinauf in den Himmel. Es war ein unwirklicher Moment. Jeder Schritt in eine falsche Richtung würde mit dem freien Fall in den Tod enden und genau das war uns bewusst.
Leonard schien es nichts auszumachen.
Er genoss das Spiel, den Tanz mit den Seiten, ohne zu wissen, ob es vielleicht die letzte war, die er gerade aufblätterte. Es war ihm egal. Ich hingegen fürchtete mich. Trotzdem tat ich es.
Auch wenn meine Knie weich waren, wollte ich nicht als Angsthase gelten. Also schloss ich die Augen, breitete die Arme wie ein Vogel seine Flügel aus und lief los. Adrenalin, Sehnsucht, völlige Freiheit, Verlust. All das mischte sich in mir zu einem gefährlichen Cocktail, an dem ich nur nippte, während er ihn jeden Tag herunterschüttete.
Abrupt blieb ich stehen und riss die Augen auf. Mir war das zu viel. Leonard liebte es, sich dem Risiko auszusetzen. Ich hasste es. Leonard hing an nichts. Ich an zu vielen Fragen.
"Und wenn du in den Abgrund stürzt?", ich biss mir auf die Zunge, aber es war zu spät. Ich hatte die Frage ausgesprochen und Leonard schaute mich wieder nur breit grinsend an. Dann fing er an zu lachen. "Dort bin ich doch schon längst."
Mich irritierte die Antwort. Zwar wusste ich, was er damit andeuten wollte, aber ich verstand ihn einfach nicht. Nicht mehr. Wir kannten uns schon immer. Wie um alles in der Welt konnten unsere Leben derart verschiedene Wendungen durchlaufen haben?
"Würdest du denn nichts vermissen?“, wollte ich wissen. Leonard schien kurz darüber nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf. "Nicht viel." Er stutzte. "Vielleicht dich." Er zuckte mit den Schultern, zwinkerte mir zu. „Bist doch mein bester Freund.“
War ich das noch? Leonard hatte eine merkwürdige Wandlung durchlebt, sein verändertes Wesen war so weit von dem, das er einmal war, abgerückt, dass ich nun befürchtete, ihn gar nicht mehr zu kennen. Wer war er geworden? Weshalb schien sich der einst einfühlsame Junge, der sich von der Zukunft viel versprach, um nichts mehr zu kümmern. Es war ein Balanceakt, wankende Schritte zwischen Gestern und keinem Morgen.
Seit Wochen machte ich mir Sorgen, verbrachte seinetwegen schlaflose Nächte, in denen er durch die Finsternis geisterte. Wie konnte man angesichts dessen ohne Bangen ein Auge zu bekommen?
Und trotzdem war ich gleichzeitig fasziniert, wofür ich mich schämte. Ich, der Verkopfte, bewunderte ihn, den Waghalsigen. Vielleicht zu sehr. Leonard kam der schmalen Kante zur schier endlosen Tiefe beunruhigend nahe. Nur noch Zentimeter, die entschieden, ob seine Augen geschlossen blieben oder nicht.
"Hast du denn keine Angst?", schrie ich ihn an. Zu meiner Erleichterung suchte er den Blickkontakt und ging einige Schritte zurück. Seine Stimme war geruhsam. "Die habe ich immer, das ist es ja.“ Er nahm einen tiefen Atemzug, streckte den Kopf nach oben und deutete auf die Handvoll Sterne, welche in jener Nacht ihr Antlitz vorführten. „Ich möchte einfach mal eine ganze Nacht lang schlafen."
Plötzlich stolperte Leonard über seine eigenen Füße. So wie er immer sein Leben beschrieben hatte. "Ich falle ständig hin, weil ich mir selbst ein Bein stelle."

 

Hallo @Jauzsoen

Willkommen im Forum! Ich hoffe, Du wirst Dich hier wohlfühlen. Jedenfalls hast Du zwei deiner Texte geteilt und diesen hier habe ich gelesen. Deinem Profil entnehme ich, dass Du wohl schon länger schreibst, ich bin mir aber nicht sicher, wieviele deiner Texte Du schon von Fremdlesern -- also ausserhalb Familie und Freundeskreis -- hast 'prüfen' lassen? Vielleicht fragst Du dich jetzt, warum ich meinen Kommentar so beginne. Das hat einen ganz bestimmten Grund: Ich finde, die Grundlagen sind da, ich sehe das hier an diesem Text, ich finde den grösstenteils gut geschrieben, teilweise vielleicht etwas zu gewollt literarisch, aber vor allem fällt mir eines ganz stark auf: Du vertraust deiner eigenen Schreibe noch nicht so richtig. Gerne schildere ich Dir nachfolgend, warum ich das so empfinde.

Du schreibst über Suizidalität. Ich habe das Gefühl, das ist ein Thema, dem sich auch viele Neulinge bedienen oder annehmen. Vielleicht, um grösstmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen? Gut, das will erstmal nicht so viel heissen. Aber: Du benutzt mehrere, sehr starke und direkte Marker, die das Thema für mich als Leser eindeutig und sehr rasch festnageln. Das kann natürlich gewollt sein. Aber das meine ich mit dem Vertrauen: Meiner Meinung nach muss nicht alles so direkt benannt werden, ruhig auch mal etwas mehr dem Leser vertrauen, manchmal reicht schon ein Stimmungsbild aus, um dem Lesenden -- auf subtile Weise! -- die zentralen Themen eines Textes zu vermitteln bzw. näher zu bringen. Du hast hier Dinge wie

"Du breitest deine Arme aus, schließt die Augen und dann lauf los."
Das Leben tobte. Nicht für uns.
Unsere Füße standen auf Beton, elf Stockwerke hoch, unsere Gedanken aber stiegen weiter hinauf in den Himmel.
Jeder Schritt in eine falsche Richtung würde mit dem freien Fall in den Tod enden und genau das war uns bewusst.
den Tanz mit den Seiten, ohne zu wissen, ob es vielleicht die letzte war, die er gerade aufblätterte
"Und wenn du in den Abgrund stürzt?"
"Dort bin ich doch schon längst."
wankende Schritte zwischen Gestern und keinem Morgen
schlaflose Nächte, in denen er durch die Finsternis geisterte
Leonard kam der schmalen Kante zur schier endlosen Tiefe beunruhigend nahe.
Nur noch Zentimeter, die entschieden, ob seine Augen geschlossen blieben oder nicht.
"Hast du denn keine Angst?"
"Die habe ich immer, das ist es ja.“
„Ich möchte einfach mal eine ganze Nacht lang schlafen."
Plötzlich stolperte Leonard über seine eigenen Füße. So wie er immer sein Leben beschrieben hatte. "Ich falle ständig hin, weil ich mir selbst ein Bein stelle."

und ich finde, das ist alles übermässig klar formuliert und der Text bemüht sich sehr darum, dass Kernthema immer und immer wieder sehr konkret in den Fokus zu rücken. Ich finde, damit tut sich der Text so ein wenig einen Bärendienst, also der erschöpft sich geradezu an seiner Thematik. Ehrlich gesagt wusste ich bereits nach dem ersten Satz, um was es in dem Text (ungefähr) gehen wird. Nach den Sätzen Das Leben tobte. Nicht für uns. war es dann für mich eindeutig. Das nimmt extrem Spannung aus dem Text. Für mich stellte sich 'nur' noch die Frage: Wird Leonard sich umbringen oder nicht? Verstehst Du, was ich meine? Ich finde, eine subtilere Herangehensweise könnte hier helfen, es mag aber sein, dass dies nur mein persönlicher Eindruck ist und andere Leser das ganz anders beurteilen.

Dann habe ich weiter oben geschrieben, der Text sei stellenweise zu gewollt literarisch. Ich zeige Dir gerne ein paar Stellen dazu auf:

Graue Wolken schmückten das dunkle Blau
Das Verb 'schmücken' wirkt hier auf mich -- vor allem im Kontext der Geschichte -- fast schon kitschig.

welches näher an tiefes Schwarz herankam als der nächste Morgen der jetzigen Stunde.
Das soll wohl poetisch klingen, ist aber unnötig kompliziert formuliert und bremst den Lesefluss.

Er genoss das Spiel, den Tanz mit den Seiten, ohne zu wissen, ob es vielleicht die letzte war, die er gerade aufblätterte.
Auch das finde ich zu gewollt, dieses Bild mit den Seiten, die er aufblättert, sozusagen im Buch des Lebens, es erscheint mir auch reichlich abgegriffen.

Also schloss ich die Augen, breitete die Arme wie ein Vogel seine Flügel aus und lief los.
Hier übererklärst Du das Bild. Im Kontext, dass die beiden da elf Stockwerke über Grund stehen, wird das auch ohne die Flügel eines Vogels klar.

All das mischte sich in mir zu einem gefährlichen Cocktail, an dem ich nur nippte, während er ihn jeden Tag herunterschüttete.
Das hier wirkt eher konstruiert als intuitiv. Mischen + Cocktail + Nippen + Herunterschütten ist vielleicht auch einfach etwas zu viel für nur einen Satz.

Insgesamt merke ich deutlich, dass Du Spass am Schreiben und Formulieren hast. Das ist eine sehr gute Grundlage, um Dich hier weiterzuentwickeln. Ich fand den Text jetzt nicht schlecht, bitte verstehe mich nicht falsch, aber aus oben genannten Gründen sehe ich noch eine Menge Potential. Und dann noch ein Tipp: Wenn Du ernsthaft an Entwicklung interessiert bist, dann ist auch extrem hilfreich, wenn Du anderen Autorinnen und Autoren deine Sicht auf deren Texte schilderst. Da fällt einem teilweise eine Menge auf, was man besser machen könnte, und verinnerlicht das so auch selbst, damit man die Fehler später nicht wiederholt. Zudem machst Du mit Kommentaren auch auf deine eigenen Texte aufmerksam, also nur Mut, und falls Du noch zögerst: Man kann keine falschen Kommentare schreiben, es ist ja immer ein persönlicher Eindruck, und der kann doch eigentlich gar nicht falsch sein, oder?

Beste Grüsse,
d-m

 

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