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Pause müsste man drücken können

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23.11.2016
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Anmerkungen zum Text

Der Text ist ein Experiment. Tempo. Kurze Sätze. Ambivalenz. Und die Frage, ob das funktioniert und die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten rauskommen.

Pause müsste man drücken können

Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla. Wegballern müsste man den. Jetzt. Sofort. Mit einer Pumpgun. Aber das geht nicht. Weißt schon. Polizei und so. Macht ja auch einen riesigen Ärger. So ein Schuss mitten auf der Autobahn. Bei hundertachtzig.
Carlos dreht das Radio voll auf und zieht am Verdampfer. Apfel. Wie konnte er sich nur so einen Dreck andrehen lassen. Aber die Kleine hat so schöne Augen. Maria. Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.
Nach der zwanzigsten Lichthupe fährt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber. Carlos macht einen Schwenk nach links, tritt auf die Bremse. Der Typ zeigt immer noch den Mittelfinger.
Carlos grinst.
Der Typ grinst.
Carlos fährt nach rechts. Reiht sich hinter dem Typen ein. Der Tempomat hält Abstand. Carlos zieht am Verdampfer. Ruft Theo an.
„Ciao Theo. Ja. Bin bald da. Muss noch was erledigen. Was? Die Lieferung? Warte.“
Carlos brüllt: „Alles okay?“ Aus dem Kofferraum kämpft sich ein dumpfer Laut durchs Fahrzeug.
„Lebt noch. Ja, der Schlampe geht es gut. Solange die stöhnt. Ja, ich weiß. Lebendig. Mach dir nicht ins Hemd. Bin ja bald da. Ich muss nur noch … Nein! Ich bin fokussiert.“
Der Typ fährt rechts raus, auf den Rastplatz. Stellt sich auf den Behindertenparkplatz. Passt ja. Nur behindert sieht der gar nicht aus. Luigi. Der ist behindert. Hat nur noch ein Bein. Sitzt im Rollstuhl. War ein Kampf, bis der seinen Behindertenausweis hatte. Der darf dort parken.
Carlos parkt gegenüber. Mustert das Auto des Typen. Blauer Volvo. Hebt einen Stein auf. Ein alter Mann geht vorüber. Carlos schiebt die Sonnenbrille ein wenig nach unten, starrt über den Rand der Sonnenbrille. Der alte Mann dreht sich weg. Die spitze Ecke des Steins gräbt sich eine Bahn durch den Lack.
Der Typ kommt zurück.
Carlos lehnt an seinem Tesla. Mustert ihn.
Der Typ zögert an der Autoseite. Geht in die Knie. Schaut zu Carlos.
Carlos grinst.
Der Typ kommt rüber.
Carlos steigt ein. Schließt die Tür. Sperrt ab. Setzt zurück, sodass der Typ zur Seite springen muss. Sieht im Rückspiegel, wie der Typ zum Volvo rennt.
Carlos gibt Gas. Fädelt ein. Geht auf zweihundert.
Das Telefon klingelt. „Ja, sag ich doch. Halbe Stunde. Ciao!“
Im Rückspiegel ist der blaue Volvo. Carlos zieht am Verdampfer. Der Volvo kommt näher.
In die Eisen müsste man treten. Voll. Dann wäre der Geschichte. Aber nein. Geht ja nicht. Wegen der Maria.
Carlos fährt nach rechts. Der Volvo fährt nach rechts.
Das Telefon klingelt.
„Was ist?“
Der Volvo kommt näher. Klopfgeräusche aus dem Kofferraum.
„Sag das noch mal. Diabetes? Spritze? Warte.“
Carlos wühlt in einer Damenhandtasche auf dem Beifahrersitz.
Das Klopfgeräusch aus dem Kofferraum wird schwächer. Erstirbt.
Carlos schwitzt. Nächster Parkplatz in fünf Kilometern.

Grüne Böschungen fliegen vorbei wie die Zeit. Zeit, die sie nicht mehr haben, vielleicht nie hatten. Pause müsste man drücken können.

Carlos fährt nach rechts. Der Volvo fährt nach rechts.
Carlos hält auf dem Parkplatz. Der Typ parkt neben ihm. Auf dem Behindertenparkplatz. Carlos greift zum Handschuhfach. Der Typ reißt die Tür auf. Pfefferspray. Carlos brüllt auf. Reibt sich die Augen.
Klopfgeräusche aus dem Kofferraum.
Der Typ blickt nach hinten. Carlos wirft die Tür auf, stolpert neben dem Auto. Fällt. Hält sich das Knie. Der Typ kommt.
Carlos steht auf.
Der Typ ist ein Kopf größer.
Rufe nach Carlos aus dem Kofferraum.
Der Typ schaut nach rechts.
Carlos tritt ihm in die Weichteile. Der Typ krümmt sich. Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn, holt die Spritze, sticht in den Oberschenkel von Maria. Streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. Braune Augen blinken ihn an.
Maria lächelt.
Carlos lächelt.
Das Telefon klingelt. „Was?! Ja, der geht es gut. Fahre weiter. Bin gleich da.“
Carlos holt ein Messer aus dem Handschuhfach. Geht zum Volvo. Perforiert alle vier Reifen. Öffnet den Kofferraum vom Volvo. Klappbarer Rollstuhl.
Geht zum Typen, der gerade zu sich kommt. „Wieso hast Du den da im Kofferraum?“
Der Typ stöhnt. Maria im Kofferraum stöhnt. Das Telefon klingelt.
„Nein. Ich fahre gleich los. Was ist mit Luigi?“
Der Typ tritt Carlos in die Weichteile. Carlos atmet aus.
Fertigmachen müsste man den jetzt.
Der Typ grinst.
Maria weint.

 

Wegballern müsste man den. Jetzt. Sofort. Mit einer Pumpgun.
Der Ton ist gesetzt, lieber @Geschichtenwerker, da knallt was los.
Carlos dreht das Radio voll auf und zieht am Verdampfer. Apfel. Wie konnte er sich nur so einen Dreck andrehen lassen. Aber die Kleine hat so schöne Augen. Maria. Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.
Gefällt mir! Also Geschwindigkeit, krasse story, aber jetzt erstmal Setting.
Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber. Carlos macht einen Schwenk nach links, tritt auf die Bremse. Der Typ zeigt immer noch den Mittelfinger.
Da schwanke ich. Er überholt links und der Typ fährt nach rechts, oder? Warum macht Carlos einen Schwenk nach links? Der ist doch schon links. Irgendwas passt da für mich nicht.
Carlos fährt nach rechts. Reiht sich hinter dem Typen ein.
Das kriege ich nicht ganz auf die Reihe.
Der Typ fährt rechts raus, auf den Rastplatz. Stellt sich auf den Behindertenparkplatz. Passt ja. Nur behindert sieht der gar nicht aus. Luigi. Der ist behindert. Hat nur noch ein Bein. Sitzt im Rollstuhl.
Jetzt komme ich ins Schwimmen. Ist es Luigi? Oder erzählt er, dass ein Luigi dort parken dürfte, weil er nur ein Bein hat? Aber es kann ja nicht Luigi sein, den würde er ja kennen.

Carlos steigt ein. Schließt die Tür. Sperrt ab.
Ok, ein alter Mann. Sperrt sich dann so ein aggressiver Typ in seinem Auto ein und zieht den Schwanz ein? Bei einem alten Mann, den er mit einer Pumpgun weghauen wollte?
Grünen Böschungen fliegen vorbei wie die Zeit.
n zuviel
Zeit, die sie nicht mehr haben, vielleicht nie hatten.
Damit kann ich nichts anfangen.
Carlos hält auf dem Parkplatz. Der Typ parkt neben ihm. Auf dem Behindertenparkplatz. Carlos greift zum Handschuhfach. Der Typ reißt die Tür auf. Pfefferspray. Carlos brüllt auf. Reibt sich die Augen.
Du willst extrem viel Speed, hier ist es etwas too much? Der alte Mann greift schnell mit Pfefferspray an, schneller als der Griff zum Handschuhfach, das ist sportlich! Und auch die Beschreibung des Mannes, erst alt, jetzt ziemlich groß. Passt das?
Carlos holt ein Messer aus dem Handschuhfach. Geht zum Volvo. Perforiert alle vier Reifen.
Was ist mit dem alten oder auch großen Mann? Er geht zu den Reifen und achtet nicht auf den?

Ich stehe ja auf so Geschichten, aber hier, habe ich den Eindruck, stimmt einiges nicht. Das ist nur ein erster Leseeindruck. Trotzdem sehr gern gelesen.

Schönen Gruß von

Jaylow

 
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Hallo @Geschichtenwerker

Schön, etwas von Dir zu lesen, habe deine Kritiken und Erläuterungen in anderen Threads mit Interesse verfolgt. Wir sind ja vor Jahren mal aneinandergeraten unter einer deiner Geschichten, aber das Kriegsbeil ist begraben, oder? Jedenfalls schreibe ich als erstes was zu meiner Interpretation bzw. zu meiner Lesart des Textes.

Eine mögliche Lesart ist, dass der Volvo-Fahrer etwas mit Luigi zu tun hat. Der Text führt Luigi auffällig früh ein: Er ist behindert, hat nur noch ein Bein und sitzt im Rollstuhl. Später entdeckt Carlos im Kofferraum des Volvos einen klappbaren Rollstuhl. Dadurch entsteht die Möglichkeit, dass es sich um Luigis Rollstuhl handelt und der Volvo-Fahrer Luigi etwas angetan hat (auch wegen Carlos Frage am Telefon: Was ist mit Luigi?) – vielleicht gehört er zu einer rivalisierenden Gruppe/Gang/Bande und hat Luigi überfallen. Die Begegnung auf dem Rastplatz wäre dann kein blosser Road-Rage-Moment, sondern das Aufeinandertreffen zweier düsterer Geschichten: Carlos transportiert Maria im Kofferraum, während der andere Typ möglicherweise mit Luigi zu tun hatte. Der Text lässt das offen und verstärkt so die Ambivalenz der Situation.

Anmerkungen direkt am Text:

Wegballern müsste man den. Jetzt. Sofort. Mit einer Pumpgun. Aber das geht nicht. Weißt schon. Polizei und so. Macht ja auch einen riesigen Ärger. So ein Schuss mitten auf der Autobahn. Bei hundertachtzig.
Wer 'weiss schon'? Der Leser? Wahrscheinlich soll das hier irgendein Effekt sein, dass ich als Leser eine Komplizenschaft mit Carlos eingehe oder halt zumindest näher an ihn rangerückt werde, aber weil der Text das nur hier an der einen Stelle macht, funktioniert das für mich nicht. Es gab hier vor Kurzem eine Geschichte, wo dieses Anlabern des Lesers konsequent durchgezogen wurde, glaube von Habentus war die, aber hier fällt das komplett aus dem Rahmen. Dann finde ich die Stelle auch zu übererklärend:
Polizei und so. Macht ja auch einen riesigen Ärger.
Vielleicht soll das den Gedankensound der Figur abbilden, aber für mich ist das redundant. Dass ein Pumpgun-Schuss auf der Autobahn Ärger mit der Polizei bedeutet, versteht sich ohnehin.

Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber.
Hier holpert der Text meinem Empfinden nach. 'führt rüber' liest sich für mich sprachlich unsauber. Das müsste 'fährt rüber' lauten. Dann brechen die beiden 'rüber' so kurz nacheinander den Rhythmus, dass liess mich stolpern.

Aus dem Kofferraum kämpft sich ein dumpfer Laut durchs Fahrzeug.
Der Satz wirkt überkonstruiert. Der Text arbeitet sonst mit klaren, physischen Verben, das hier liest sich dann eher indirekt, oder gar metaphorisch. Für mich wie ein Fremdkörper im Stil. Apropos Stil: Diese Nüchternheit und die Härte gefällt mir ansonsten gut. Hier würde ich aber bisschen anpassen, vielleicht einfach: Ein dumpfer Laut aus dem Kofferraum. (allenfalls ergänzt um das Verb 'dringt')

Der Typ fährt rechts raus, auf den Rastplatz. Stellt sich auf den Behindertenparkplatz. Passt ja. Nur behindert sieht der gar nicht aus. Luigi. Der ist behindert. Hat nur noch ein Bein. Sitzt im Rollstuhl. War ein Kampf, bis der seinen Behindertenausweis hatte. Der darf dort parken.
Die Sätze 'Passt ja. Nur behindert sieht der gar nicht aus.' lese ich als knappen und sarkastischen Kommentar von Carlos, das passt sehr gut. Das danach über Luigi liest sich jedoch wie Infodump im Miniformat: Bis hierhin sind die Sätze meist handlungsgetrieben und unmittelbar, aber hier ändert sich der Sound, das klingt plötzlich wie ein Erzählerkommentar, nicht wie unmittelbares Denken im Moment. Ist dieses Denken "realistisch" in Carlos Situation?

Carlos schiebt die Sonnenbrille ein wenig nach unten, starrt über den Rand der Sonnenbrille.
Wortwiederholungen in einem so kurzen, prägnant formulierten und auf den Rhythmus ausgelegten Text sind extrem auffällig. Würde ich meiden.

Das Klopfgeräusch aus dem Kofferraum wird schwächer. Erstirbt.
Wenn ein Satz die beabsichtigte Wirkung schon hat, braucht es keinen Nachsatz. Will sagen, dass das Klopfgeräusch (irgendwann) erstirbt, steckt im ersten schon drin. Der Einwortsatz wirkt wie ein Echo, dass für mich die Energie aus der Stelle eher rausnimmt.

Grüne Böschungen fliegen vorbei wie die Zeit. Zeit, die sie nicht mehr haben, vielleicht nie hatten.
Auch hier stolpere ich. Der Text ist physisch, konkret, filmisch. Das Bild hier ist viel lyrischer als der Rest und haut mich deshalb raus. Dann ist auch der Vergleich nicht so ganz sauber gebaut: Die Böschungen bewegen sich relativ zum Tesla, Zeit hingegen bewegt sich eigentlich ja nicht räumlich. Ich finde es an und für sich gar nicht schlecht, aber in deinem Text fällt sowas einfach sofort auf.

Der Typ blickt nach hinten. Carlos wirft die Tür auf, stolpert neben dem Auto. Fällt. Hält sich das Knie. Der Typ kommt.
Carlos steht auf.
Der Typ ist ein Kopf größer.
Rufe nach Carlos aus dem Kofferraum.
Der Typ schaut nach rechts.
Hier ermüde ich etwas, weil die ganze Zeit 'der Typ, der Typ, der Typ', mir ist das zu viel.

Carlos tritt ihm in die Weichteile.
Der Text benutzt ansonsten raue, direkte Sprache und dann hier so: Weichteile. Ich finde das zu harmlos formuliert, es wirkt beinahe abstrakt. Vielleicht: Eier, Unterleib, zwischen die Beine. Sowas fände ich passender.

Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn, holt die Spritze, sticht in den Oberschenkel von Maria.
So verknappt formuliert wirkt es kurz so, als renne Carlos Knie zum Kofferraum. Da stolperte ich beim Lesen.

Braune Augen blinken ihn an.
Achtung: Das liest sich kitschig, beinahe comic-artig. Es passt nicht zum restlichen Text, zu den sonstigen Formulierungen. Ich finde, stilistisch ist das hier ein Registerbruch.

Nun, ich habe erst einen Kaffee intus, aber hoffe trotzdem, Du kannst mit der ein oder anderen Anmerkungen eventuell etwas anfangen. Habe es gerne gelesen und kommentiert!

Beste Grüsse,
d-m

 

Hallo @Jaylow,

vielen Dank für Deinen Kommentar! Hat mich sehr gefreut, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, Deinen Leseeindruck zu vermitteln. Und den Tippfehler habe ich natürlich gleich verbessert.

Vorausschicken möchte ich noch, dass ich diese Geschicht als Test sehe und befürchte, dass der Text bei Dir nicht gut funktioniert hat, bei deserted-monkey aber schon eher. Und ich möchte jetzt nicht den ganzen Text erklären, weil ich das also kontraproduktiv sehe, gehe aber durch Deinen Kommentar, damit wir beide etwas davon haben.

Deine Schlussfolgerung

Ich stehe ja auf so Geschichten, aber hier, habe ich den Eindruck, stimmt einiges nicht.

Ist aus Deiner Wahrnehmung heraus begründet. Ich denke aber, dass manches einfach nicht (so) interpretiert hast, wie es für mich naheliegt. Das kann jetzt an meinem Text liegen oder an Deiner Lesart. Zur Klärung dieser Frage dient für mich das Forum.

Da schwanke ich. Er überholt links und der Typ fährt nach rechts, oder? Warum macht Carlos einen Schwenk nach links? Der ist doch schon links. Irgendwas passt da für mich nicht.

Fragst Du - in dem Zitat steht dann auch gleich, dass der Typ den Mittelfinger zeigt. Es ist also die Frage, ob der Leser den Schwenk mit dem gezeigten Mittelfinger assoziiiert oder nicht. Du hast es nicht getan. Da habe ich Pech gehabt. Andere machen das vielleicht.

Jetzt komme ich ins Schwimmen. Ist es Luigi? Oder erzählt er, dass ein Luigi dort parken dürfte, weil er nur ein Bein hat? Aber es kann ja nicht Luigi sein, den würde er ja kennen.

Ja, das ist gemein im Text. Ich vermische Gedanken mit der schnellen Erzählung und dann spiele ich noch ein wenig mit der Perspektive. Bei Dir hat es leider nicht funktioniert. Verstehe ich. Mir macht das Spiel trotzdem Spaß und beim deserted-monkey Kommentar sehe ich, dass es bei ihm funktioniert hat.

Ich glaube, man muss sich auf den Text einlassen und darf hier nicht erwarten, dass gleich alles erklärt wird. Wenn man jetzt aber Erklärungen oder mehr Klahrheit oder Direktheit erwartet, dann fliegt man hier raus.

Das gilt auch für diese Stelle:

Damit kann ich nichts anfangen.

Man muss die Assoziationen mitmachen - wie ist das Verhältnis zur Maria im Kofferraum? Warum nennt der Erzähler sie im Gespräch "Schlampe" und sonst nicht?

Wenn man sich diese Fragen nicht stellt, ist man beim Einschub verloren. Der Text ist ein Ritt auf der Rasierklinge.

Du willst extrem viel Speed, hier ist es etwas too much? Der alte Mann greift schnell mit Pfefferspray an, schneller als der Griff zum Handschuhfach, das ist sportlich! Und auch die Beschreibung des Mannes, erst alt, jetzt ziemlich groß. Passt das?

Von einem alten Mann steht nichts im Text. Du has das hineininterpretiert, weil Carlos schnell verschwunden ist (mit einer Person im Kofferraum so verwunderlich?).

Das Pfefferspray kann man entweder Carlos zuordnen oder dem Typen - Du hast es Carlos zugeordnet. Der Text lässt das zu, aber eben auch die andere Interpretation. Das ist das Problem mit Ambiguität. Jetzt kann man natürlich deutlicher werden. Aber will man das immer? Oder nimmt man in Kauf, dass manche Leser falsch abbiegen?

Was ist mit dem alten oder auch großen Mann? Er geht zu den Reifen und achtet nicht auf den?
In dem Moment nicht - aber warum? Da schwingt ja viel mit, wenn man die Frage stellt. Ist das die Aufgabe des Textes, diese Frage zu beantworten? Ich wollte hier den Leser dazu bringen, sich zu überlegen was passiert. Bei Dir hat das wohl nicht funktioniert. Ich bin gespannt, wie das bei anderen ist.

Viele Dank für Deinen Leseeindruck.

Gruß

Geschichtenwerker

 

Hallo @deserted-monkey,

schön, dass Du Dich meinen Text auseinandergesetzt hast. Kriegsbeile grabe ich eher selten aus. Ich bin zwar noch jung genung, um mich aufzuregen, aber zu alt, um in irgendeiner Weise nachtragend zu sein. Ich bin nur auf Effizienz bedacht und damals ging die Diskussion ja weniger um den Text und das, was ich damit erzielen wollte, sondern um andere, textfremde Themen. Da ziehe ich dann gerne den Stecker, bevor ich meine Zeit mit sinnlosen Auseinandersetzungen vertue. Also falls Du Bedenken haben solltest, dass ich in irgendeiner Weise eine negative Emotion in Bezug auf Dich habe, dann sind diese völlig unbegründet. Ich schätze Deine Texte hier und auch die Auseinandersetzung.

Eine mögliche Lesart ist, dass der Volvo-Fahrer etwas mit Luigi zu tun hat. Der Text führt Luigi auffällig früh ein: Er ist behindert, hat nur noch ein Bein und sitzt im Rollstuhl. Später entdeckt Carlos im Kofferraum des Volvos einen klappbaren Rollstuhl. Dadurch entsteht die Möglichkeit, dass es sich um Luigis Rollstuhl handelt und der Volvo-Fahrer Luigi etwas angetan hat (auch wegen Carlos Frage am Telefon: Was ist mit Luigi?) – vielleicht gehört er zu einer rivalisierenden Gruppe/Gang/Bande und hat Luigi überfallen. Die Begegnung auf dem Rastplatz wäre dann kein bloßer Road-Rage-Moment, sondern das zufällige Aufeinandertreffen zweier düsterer Geschichten: Carlos transportiert Maria im Kofferraum, während der andere Typ möglicherweise mit Luigi zu tun hatte. Der Text lässt das offen und verstärkt so die Ambivalenz der Situation.

Danke, das ist sehr hilfreich und ist auch genau das, was ich subtil andeuten wollte und ich freue mich, dass diese Lesart bei Dir angekommen ist.

Es gibt noch die Frage in welcher Beziehung Carlos zu Maria steht, was vielleicht nicht ganz vestanden wurde. Mal sehen.

Vielleicht soll das den Gedankensound der Figur abbilden, aber für mich ist das redundant. Dass ein Pumpgun-Schuss auf der Autobahn Ärger mit der Polizei bedeutet, versteht sich ohnehin.
Ja, diese Redundanz. Ich bin da ja auch immer ganz vorne mit Kritik dabei in meinen Kommentaren. Für mich spricht Carlos hier ein wenig mit sich selbst. Da ist man ja oft sehr redundant. Aber abgesehen davon ist das bewusst gesetzt. Jetzt erkläre ich doch, aber so ist es eben: Dass ein Krimineller Ärger mit der Polizei bekommt ist ja eingepreist. Meine Botschaft aus Autorensicht ist also: wenn sich Carlos damit beschäftigt, dann hat das einen anderen Grund als nur die kriminelle Handlung.

Es ist also die Frage wie man das liest. Ich selbst lese als Kritiker auch anders als als Leser. Das ist übrigens ein Grundproblem von Kritik in diesem Forum, dass nämlich die Kritiker nicht die Lesebrille aufhaben und man dann immer - und da nehme ich mich überhaupt nicht aus - so sensibel auf bestimmte Reize reagiert, wie Redundanz, Wortwiederholungen, etc. Wenn man Texte von sehr guten Autoren liest, dann wimmelt es nur so von diesen vermeintlichen Fehlern.

Deswegen frage ich mich immer: wird der Text automatisch besser, wenn man diese Redundanz rausnimmt oder nicht. Aber das führt zu weit und meistens finden solche Diskussion, in dieser einen Ebene tiefer, hier ja gar nicht statt.

Hier holpert der Text meinem Empfinden nach. 'führt rüber' liest sich für mich sprachlich unsauber. Das müsste 'fährt rüber' lauten. Dann brechen die beiden 'rüber' so kurz nacheinander den Rhythmus, dass liess mich stolpern.
Das stört mich jetzt auch. Muss ich also ändern.

Wortwiederholungen in einem so kurzen, prägnant formulierten und auf den Rhythmus ausgelegten Text sind extrem auffällig. Würde ich meiden.
Das bezieht sich auf die Sonnenbrille - ja, das stört mich jetzt weniger. Ich hätte auch mit Personalpronomen Bezug nehmen können, aber eigentlich ist eine Sonnenbrille eine Sonnenbrille und die Personalpronomen bremsen den Leser. Ich kann das jetzt natürlich generell an der Stelle anders machen, Tempo rausnehmen. Vielleicht mache ich das, aber eigentlich wollte ich das in der Szene nicht tun. Mal sehen, so ein Text ist ja nie fertig.

Wenn ein Satz die beabsichtigte Wirkung schon hat, braucht es keinen Nachsatz. Will sagen, dass das Klopfgeräusch (irgendwann) erstirbt, steckt im ersten schon drin. Der Einwortsatz wirkt wie ein Echo, dass für mich die Energie aus der Stelle eher rausnimmt.
Ich sehe den Punkt. Ist auch sehr bewusst gesetzt, das "Erstirbt". Diesen Echoeffekt wollte ich. Man kann das wieder als Redundanz sehen. ich finde es auch rhythmisch ganz gut und es hat ja eine zweite Ebene. "Erstirbt" kann sich auf vieles beziehen. Klar der Kontext ist ersteinmal das Klopfen, aber es mag ja vielleicht auch mehr bedeuten. Ich weiß nicht, ob der Text besser wird, wenn man ihn so kürzt. Nach meinem Gefühl nicht.


Auch hier stolpere ich. Der Text ist physisch, konkret, filmisch. Das Bild hier ist viel lyrischer als der Rest und haut mich deshalb raus. Dann ist auch der Vergleich nicht so ganz sauber gebaut: Die Böschungen bewegen sich relativ zum Tesla, Zeit hingegen bewegt sich eigentlich ja nicht räumlich. Ich finde es an und für sich gar nicht schlecht, aber in deinem Text fällt sowas einfach sofort auf.
Ja, da soll der Leser auch stolpern. Dieser Bruch ist ja bewusst. Kann ein Bruch organisch sein? Ich weiß es nicht. Das Bild ist schief. Ein wenig sicher, wobei ich jetzt keine Diskussion darüber anstellen möchte, was Zeit wirklich ist. Stört es so? Versteht man es nicht? Ist es ein Bild, das ein Carlos nicht hat?

Macht es den Text besser, wenn man das rausnimmt? Was sagt der Absatz über die Beziehung? Über die Gedanken- und Gefühlswelt von Carlos? Schwingt da etwas mit oder nicht?

Dein Resümee ist, dass es auffällt - aber ist das schlecht, dass es auffällt? Ist es für einen guten Text wichtig, dass etwas nicht auffällt? Das ist ja die Frage, die aus der Schreibsicht dahintersteckt.

Hier ermüde ich etwas, weil die ganze Zeit 'der Typ, der Typ, der Typ', mir ist das zu viel.
Verstehe ich. Vielleicht kann ich das besser lösen. Der Text ist ja bewusst sehr repititiv gestaltet. An der Stelle ist es Dir jetzt zu viel.

So verknappt formuliert wirkt es kurz so, als renne Carlos Knie zum Kofferraum. Da stolperte ich beim Lesen.

Ja, das Knie rennt. Du hast schon recht. Ich hätte das bei jemand anderen mit der Kritikerbrille vielleicht auch kritisiert. Die Frage ist aber für mich nicht, ob der Bezug interpretationsbedürftig ist, sondern ob der Leser wirklich gleich den falschen Bezug im Kopf hat. Ich glaube beim unbedarften Lesen eher nicht, aber das ist meine persönliche Meinung und andere mögen das ganz anders sehen. Ich denke darüber nach, ob ich das klarstelle und was dann mit dem Tempo passiert.

Achtung: Das liest sich kitschig, beinahe comic-artig. Es passt nicht zum restlichen Text, zu den sonstigen Formulierungen. Ich finde, stilistisch ist das hier ein Registerbruch.

Ja, das Blinken. Schade. Das ist ein Bezug auf den Anfang der Geschichte:

Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.

Wahrscheinlich hast Du das nicht bemerkt. Ich habe dieses "Blinken" sehr bewusst genommen, weil ich dachte, dass der Leser das im Kopf behält und es hier dann noch stärker "klick" macht. Hat bei Dir wohl leider nicht funktioniert. Das mit dem Kitschig - ja, kann man so sehen, aber eigentlich ist das doch hier das Vokabular von Carlos. Zeigt das nicht eine empfindsame Seite von ihm? Was bedeutet das, wenn Carlos hier plötzlich kitschig wird?

Der Text benutzt ansonsten raue, direkte Sprache und dann hier so: Weichteile. Ich finde das zu harmlos formuliert, es wirkt beinahe abstrakt. Vielleicht: Eier, Unterleib, zwischen die Beine. Sowas fände ich passender.

Dieses Problem gibt es anderer Stelle auch. Das liegt am Perspektivspiel. Ich gehe mal näher rein und dann wieder weiter weg. Gegen Ende hin bin ich weiter weg, vielleicht schon auktorial. Man kann den drittletzten Satz:

Fertigmachen müsste man den jetzt.

ja auch als Gedanken des Typs lesen. Ich hatte auch überlegt, das Rauhe durchzuziehen, aber das wird dann auch ermüdend und auch etwas sehr platt, sodass ich bisher der Meinung war, dass der Text durch diese bewussten Brüche besser wird. Ja, spannend.

Nochmals vielen Dank, das war sehr wertvoll für mich. Ich lote gerne Grenzen aus, weil man dadurch viel lernen kann. Und es ist sehr hilfreich, zu sehen, was (bei wem) funktioniert und was nicht.

Gruß
Geschichtenwerker

 

Hallo Geschichtenwerker, ich sehe es so, dass sich Dein Experiment um die Thematik der Leerstelle, der Informationslücke beim Erzählen dreht. Du enthältst dem Leser viele essentielle Informationen vor und der Leser baut dann aus dem Gegebenen eine möglichst schlüssige, kohärente Story zusammen.

In Deiner Geschichte klärt sich auch beim zweiten Lesen nicht, wer Luigi ist, in welchem Zusammenhang der Rollstuhl im Kofferraum mit den geschilderten Ereignissen steht usw. Natürlich könnte man eine wilde Konstruktion versuchen, die all die Details irgendwie verbindet, aber alles, was ich mir dazu ausdenke, wirkt wie reine Autorenphantasie und nicht wie eine realistische Kette von Ereignissen.

Ich finde beim (exzessiven) Vorenthalten von Informationen muss man sehr vorsichtig sein, weil das nahezu immer Frustration beim Leser/ Zuschauer auslöst. Denn rein vom handwerklichen her ist das erstmal ein billiger Trick: Man kann jede noch so profane Ereigniskette künstlich aufblasen, indem man wichtige Infos weglässt. Wenn das nicht nur ein Spannungseffekt sein, sondern eine tiefere Ebene in die Geschichte einziehen soll, dann müssen die Leerstellen so angelegt sein, dass die Geschichte im Kopf des Lesers eine Dimension bekommen, die sie sonst nicht hätte.

Und das sehe ich bei Deiner Geschichte nicht so richtig. Es werden durch Deine Weglassungen, Leerstellen beispielsweise keine moralischen Fragen aufgeworfen oder existenzielle Probleme beleuchtet. Es geht lediglich um rein logische Abläufe, also wer kennt wen, wer hat was mit wem zu tun usw. Aber vielleicht übersehe ich etwas.

Wichtig scheint mir, dass man einen Text nicht als quasi Intelligenztest anlegt, so nach dem Motto: Der kluge Leser kapiert, was hier vor sich geht, der liest zwischen den Zeilen. Dann gibt es nämlich nur ein »Bestanden« oder »Durchgefallen«. In den Filmen von Lynch z.B. lassen sich die Leerstellen immer vieldeutig interpretieren. Es gibt nicht nur eine codierte richtige Interpretation.

Was die Sprache betrifft, gefällt mir das Ganze sehr gut. Ich mag den Stil. Ob ich einen ganzen Roman so lesen könnte ist eine andere Frage. Mich hat z.B. »22 Bahnen« etwas unterfordert. Dort finden sich ja auch diese kurzen, wenig komplexen Sätze.

Wenn Du genug Rückmeldungen bekommen hast, würde mich interessieren, wie Du Dir den Plot gedacht hast. Dann könnte ich auch mehr sagen zur Frage, ob ich Deine Intentionen gelungen finde.

Gruß Achillus

 

Hallo @Geschichtenwerker,

vorweg – an den meisten Stellen funktionieren die kurzen Sätze für mich, es gab nur zwei Stellen, an denen mich stilistisch was störte, die zitiere ich vorweg.

Carlos fährt nach rechts. Reiht sich hinter dem Typen ein. Der Tempomat hält Abstand. Carlos zieht am Verdampfer. Ruft Theo an.
An der Stelle liegt es wohl daran, dass der Inhalt des Textes langsamer ist. Er reiht sich hinter dem Typen ein, der Tempomat bremst ihn implizit noch ab, er zieht am Verdampfer und ruft erstmal jemanden an. Das wirkt alles sehr ruhig, die Sprache dagegen hektisch. Ansonsten hast du bei den thematisch langsamen Stellen, wie am Anfang, die Gedanken von Carlos drinnen, wie hier:

Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla. Wegballern müsste man den. Jetzt. Sofort. Mit einer Pumpgun. Aber das geht nicht. Weißt schon. Polizei und so. Macht ja auch einen riesigen Ärger.

Da ist das, was tatsächlich geschieht ja auch eher langsam – der Typ schnarcht auf der linken Spur. Tempo kommt durch die kurzen Gedankensätze von Carlos rein. Wirkte für mich darum stimmiger – Inhalt und Tempo durch Stil.

Die zweite Stelle ist die hier:

Carlos parkt gegenüber. Mustert das Auto des Typen. Blauer Volvo. Hebt einen Stein auf. Ein alter Mann geht vorüber. Carlos schiebt die Sonnenbrille ein wenig nach unten, starrt über den Rand der Sonnenbrille. Der alte Mann dreht sich weg. Die spitze Ecke des Steins gräbt sich eine Bahn durch den Lack.
Hier kann ich's nicht ganz festmachen. Vielleicht liegt es auch nur am letzten Satz, der einerseits länger ist und andererseits so geschrieben ist, als würde der Stein sich von selbst in das Auto graben, vielleicht auch nur ein Bruch in der Perspektive?

Hier die allgemeinen Anmerkungen:


Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla.
Das ist natürlich subjektiv, aber mich hat der Einstieg in die Geschichte irritiert. Ich hab erst an der Stelle, an der Carlos das Radio aufdreht begriffen, dass die Geschichte aus seiner Sicht erzählt wird. Jetzt weiß ich natürlich "Wie immer" ist ein Gedanke von Carlos und danach folgt eine Einordnung, Autobahn, Carlos in Carlos Tesla. Ich hab das im ersten Moment aber so gelesen, dass ein Beifahrer neben Carlos in Carlos Auto sitzt, weil Carlos bei seiner ersten Erwähnung im Genetiv steht. Grundsätzlich, bei nem Ich-Erzähler kein Problem, weil dann steht da "Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor meinem Tesla" und die Perspektive ist ganz klar. In dem Fall war ich aber irritiert. Kann aber gut sein, dass es da nur mir so geht. :)

Wegballern müsste man den. Jetzt. Sofort. Mit einer Pumpgun.
Das wiederum finde ich sehr gut, da bin ich sofort drinnen.

Weißt schon.
Hier die nervige Frage: Wem erzählt er das denn? Spricht er mich als Leser an?

Aber die Kleine hat so schöne Augen. Maria. Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.
Find ich gut, die Stelle. Übers "blinken" bin ich gestolpert - ist das was Regionales? Ich kenn nur blinzeln. :)

Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch.
fährt?

Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber. Carlos macht einen Schwenk nach links, tritt auf die Bremse.
Den Schwenk nach links verstehe ich nicht, ich dachte er fährt schon hinter ihm auf der linken Spur und der Typ wechselt dann auf die rechte oder hab ich das falsch verstanden?

Der Typ fährt rechts raus, auf den Rastplatz. Stellt sich auf den Behindertenparkplatz. Passt ja. Nur behindert sieht der gar nicht aus. Luigi. Der ist behindert. Hat nur noch ein Bein. Sitzt im Rollstuhl.
Find ich auch sehr gut die Stelle. Nur würd ich nen Absatz vor "Luigi" machen, weil er da nen Gedankenbruch hat.

Aber nein. Geht ja nicht. Wegen der Maria.
Guter Plotttwist, gefällt mir.

Rufe nach Carlos aus dem Kofferraum.
Das verstehe ich nicht bzw. kann ich nicht einordnen. Hier hätte ich mir gewunschen, zu "hören/sehen" wie genau sie ihn ruft. Weil das kann von "Du Schwein, lass mich endlich raus" bis zu "Hilfe, ich sterbe" alles sein. :)

Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn
Das hört sich so an, als würde Carlos Knie zum Kofferraum rennen und ihn öffnen.

Braune Augen blinken ihn an.
Hier wieder das "blinken".

Der Typ grinst.
Maria weint.
Das Ende kam mir zu schnell, weil ich auch die Reaktionen gar nicht verstehe. Dass der Typ grinst, ja, der hat Carlos in die Weichteile getreten, da würd ich auch grinsen, wenn der mir vorher den Lack zerstört hat. Aber wieso weint Maria? Aus Erleichterung? Ist Carlos ihr Liebhaber und die haben ne eigenartige Art und Weise ihre Fantasien auszuleben? Im Text steht noch, dass sie eine Ware ist (so hab ich es zumindest gelesen) und sie wohl irgendwo abgeliefert werden soll. Vielleicht ist da noch mehr im Text, was mir entgangen ist, aber mit den Informationen, die ich rausgelesen habe, kann ich mir da keinen Reim drauf machen, also auf Marias Reaktion. Und was mir auch noch ein bisschen fehlt, ist das Ende aus Carlos Sicht. Klar, da steht noch "Fertig machen müsste man den", aber einerseits kommen da danach die Reaktionen von Typ und Maria und andererseits hilft mir das auch nicht wirklich bei der Einordnung.

Kurz gesagt: Das Ende kommt mir persönlich zu plötzlich – ich hab das Gefühl, dass der Text viele Fragen aufwirft, aber keine so wirklich behandelt.

Ich hoffe du kannst mit meinen Eindrücken was anfangen.
Liebe Grüße
Salatze

 

Hallo @Achillus,

es freut mich sehr, Dich unter meinem Text als Kommentator zu finden.

Ein Intelligenztest sollte der Text (natürlich) nicht sein, wobei jeder Text in gewissem Sinne ein Intelligenztest ist.

Ich verstehe aber, was Du meinst, denn wenn die Lücken zum Selbstzweck werden, dann sind sie ein Ärgernis und kein Stilmittel, das den Leser mit einem befriedigenden Ergebnis zurücklässt.

Das Spannende an diesen Leerstellen ist mehrerlei:

i) Als Autor ist es sehr schwierig zu überprüfen, ob die Leerstellen zu viel sind, weil man schließlich weiß, was hinter der Geschichte steckt.

ii) Beim Leser kommt es darauf an, wie er gestrickt ist, was er alles bereit ist hineinzukonstruieren und was er als noch als realistisch akzeptiert oder schon als reine Autorenphantasie empfindet.

iii) Ich stelle mal in den Raum, dass auch die Haltung eine Rolle spielt, die der Leser einnimmt. Mir geht das jedenfalls so. Wenn ich eine Kurzgeschichte eines "berühmten" Autoren lese, dann gehe ich automatisch davon aus, dass es diese zweite Ebene gibt und versuche sie wahrzunehmen. Da gelten die Leerstellen eher als Qualität. Hier im Form hängt das natürlich davon ab, wer die Geschichte eingestellt hat. Jedenfalls ist man hier - zumindest sehe ich diese Tendenz auch bei mir selbst - eher geneigt, vermeintliche Schwächen oder Leerstellen als handwerklichen Fehler oder als Kritikpunkt wahrzunehmen.

Das macht das Feedback aus meiner Sicht so interessant, aber auch so ambivalent, weil man natürlich schnell geneigt ist, die Tipps oder (vermeintlichen) Schwachstellen sofort auszumerzen, wobei ich mich dann immer frage, ob der Text dadurch wirklich besser wird oder man nur eine gewisse Erwartungshaltung erfüllt. Wie auch immer hilft der Austausch sehr beim Lernen und Optimieren.

Mich freut es, dass Dir das Experiment stilistisch gefällt. Das war eigentlich auch meine Hauptintention dafür, diese Geschichte einzustellen, nämlich herauszufinden, ob diese extrem reduzierte Sprache funktioniert. Wie glatt und konsequent man das durchziehen muss, ist eine andere Frage und ich bin völlig bei Dir, dass das ein Stilmittel ist, welches mich zumindest auf Romanlänge ebenfalls (wahrscheinlich) irgendwann nerven würde.

Für eine Kurzgeschichte ist es aber eines, das ich sicher öfters mal ausprobieren werden.

Jetzt zur Auflösung, was ich mir gedacht habe (und ich nehme Dich hier schon einmal mir rein @Salatze, damit ich das unten nicht noch einmal auflösen muss, wenn ich auf Deinen Kommentar antworte):

Carlos muss Maria zu Theo bringen (Mädchenhändlerring als Background, ohne dass ich das thematisieren wollte). Carlos selbst ist ein unzuverlässiger Typ:

"... Ich muss nur noch … Nein! Ich bin fokussiert."

Er hat also die Tendenz sich nicht strikt an Anweisungen zu unterhalten. Deswegen fährt der "Typ" mit, quasi als Aufpasser, der die Situation bereinigt, falls etwas schiefgeht. Der Typ könnte Maria selbst fahren, aber Carlos hat man erzählt, dass der noch eine Aufgabe bei Theo hat. Carlos weiß also nicht, dass der Typ sein Aufpasser ist und kennt den auch nicht.

Carlos hat sich in Maria verguckt - sie ist der Grund, warum er Apfel raucht. Das zweimalige Verwenden des Worts "blinken" war für mich ein Wink mit dem Zaunpfahl, aber der ist nicht wirklich angekommen, erstaunlicherweise.

Carlos überlegt also, ob er Maria befreien kann. Deswegen auch seine Aggression gegenüber dem Typen. Außerdem hat er Maria gegenüber gewisse Andeutungen gemacht, sodass sie sich Hoffnung macht, dass Carlos ihr Retter sein könnte, auch wenn das nicht gewiss ist.

Luigi ist ein sehr guter Freund von Carlos und ist öfters mit ihm unterwegs. Deswegen reagiert er auch so empfindlich, wenn sich jemand auf den Behindertenparkplatz stellt, weil er aus seiner Erfahrung weiß, wie schwierig solche Falschparker das Leben für einen Kumpel Luigi machen. Als Impulshandlung zerkratzt Carlos das Auto des Typen.

Damit ist schon fast alles gesagt, bis auf das Ende, wo ich dem Leser noch eine Ambivalenz in der Perspektive zugemutet habe, die einfach nicht funktioniert (ich frage mich so etwas ganz oft, gerade bei Kurzgeschichten, die etwas kryptisch sind, aus wessen Perspektive etwas geschrieben ist).

Der Typ tritt Carlos in die Weichteile. Carlos atmet aus.
Fertigmachen müsste man den jetzt.
Der Typ grinst.
Maria weint.

Das "Fertigmachen müsste man den jetzt" hoffte ich ist so ambivalent, dass man als Leser auch auf die Idee kommen könnte, dass das der Typ denkt.

Dann ist es auch konsequent, dass Maria am Ende weint, weil ihre Chance auf Rettung dahin ist.

Und der Rollstuhl im Kofferraum ist ein Hinweis darauf, dass der Typ Luigi aus dem Weg geräumt hat (bzw. haben könnte, das wollte ich offenlassen - könnte ja auch ein anderer Rollstuhl sein, aber Carlos nimmt das in dem Moment kurz als Möglichkeit an). Deserted-Monkey hat das übrigens so gelesen.

Insofern wirft die Geschichte womöglich mehr moralische Fragen auf, als Du herausgelesen hast.

Ich habe den Text jetzt bewusst noch nicht geändert, damit man auf Spurensuche gehen kann, wenn man das denn möchte.

Vielen Dank Achillus, Dein Feedback war sehr hilfreich!

Gruß
Geschichtenwerker

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Hallo @Salatze,

vielen Dank, dass Du Dich meines kleinen Experiments angenommen hast und die Zeit für Deinen Kommentar investiert hast.

Ich habe Dich in der Antwort auf Achillus auch genannt, weil ich dort sozusagen die Backgroundstory kurz erzähle, sodass Du dort nachlesen kannst, was ich mir gedacht hatte, aber wohl nicht deutlich genug transportiert hatte, bei dieser extremen Verknappung.

Carlos fährt nach rechts. Reiht sich hinter dem Typen ein. Der Tempomat hält Abstand. Carlos zieht am Verdampfer. Ruft Theo an.
An der Stelle liegt es wohl daran, dass der Inhalt des Textes langsamer ist. Er reiht sich hinter dem Typen ein, der Tempomat bremst ihn implizit noch ab, er zieht am Verdampfer und ruft erstmal jemanden an. Das wirkt alles sehr ruhig, die Sprache dagegen hektisch. Ansonsten hast du bei den thematisch langsamen Stellen, wie am Anfang, die Gedanken von Carlos drinnen, wie hier:

Das ist ein Nachteil des Stils, der eine Schnelligkeit vermittelt. Man könnte das noch stärker austarieren, da gebe ich Dir Recht, und hier eventuell das Tempo rausnehmen, auch sprachlich. Das wär eine Stelle, in der man auch etwas mehr Gedanken von Carlos reinbringen könnte, sodass der Leser leichter die Geschichte versteht. Der Text wird dadurch natürlich auch länger und hat dann einen anderen Charakter. Ich probiere das mal in verschiedenen Varianten aus.

Die zweite Stelle ist die hier:
Carlos parkt gegenüber. Mustert das Auto des Typen. Blauer Volvo. Hebt einen Stein auf. Ein alter Mann geht vorüber. Carlos schiebt die Sonnenbrille ein wenig nach unten, starrt über den Rand der Sonnenbrille. Der alte Mann dreht sich weg. Die spitze Ecke des Steins gräbt sich eine Bahn durch den Lack.
Hier kann ich's nicht ganz festmachen. Vielleicht liegt es auch nur am letzten Satz, der einerseits länger ist und andererseits so geschrieben ist, als würde der Stein sich von selbst in das Auto graben, vielleicht auch nur ein Bruch in der Perspektive?

Der letzte Satz ist so eine Spielerei mit der Kameraführung. Ich wollte einfach ganz nah dran sein, wie eine Großaufnahme, bei der man nur den Stein sieht, wie er den Lack zerkratzt.

Das ist für mich so eine Stelle, bei der ich mich frage, stört das wirklich oder nimmt das nur wahr, wenn man im Kommentator-/Kritikermodus ist. Bei mir jedenfalls sind das zwei Modi. Jetzt kann man sagen, dass das handwerklich besser ist, hier bei Carlos zu bleiben. Ich probiere es aus. Ich kenne das Problem auch aus der Malerei, wenn alles fotorealistisch ist, dann wird es uninteressant. Bei Texten denke ich mir das auch. Wenn alles nur noch glatt ist, ist es dann automatisch besser? Ich weiß es nicht, ich muss das einfach ausprobieren, aber dafür sind eben die Kommentare so hilfreich.

Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla.
Das ist natürlich subjektiv, aber mich hat der Einstieg in die Geschichte irritiert. Ich hab erst an der Stelle, an der Carlos das Radio aufdreht begriffen, dass die Geschichte aus seiner Sicht erzählt wird. Jetzt weiß ich natürlich "Wie immer" ist ein Gedanke von Carlos und danach folgt eine Einordnung, Autobahn, Carlos in Carlos Tesla. Ich hab das im ersten Moment aber so gelesen, dass ein Beifahrer neben Carlos in Carlos Auto sitzt, weil Carlos bei seiner ersten Erwähnung im Genetiv steht. Grundsätzlich, bei nem Ich-Erzähler kein Problem, weil dann steht da "Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor meinem Tesla" und die Perspektive ist ganz klar. In dem Fall war ich aber irritiert. Kann aber gut sein, dass es da nur mir so geht. :)

Den Icherzähler hatte ich mal in den ersten Absätzen ausprobiert und das hat mir gar nicht gefallen. Ich würde den Text dann wahrscheinlich völlig anders schreiben. Vermutlich auch nicht mehr mit den kurzen Sätzen. Das klang irgendwie völlig schrecklich.

Weißt schon.
Hier die nervige Frage: Wem erzählt er das denn? Spricht er mich als Leser an?
Den Leser wollte ich nicht ansprechen. Für mich war das eher ein Selbstgespräch. Ich hatte auch mal die Idee, dass er an dieser Stelle schon irgendwie nach hinten in den Kofferraum ruft, aber das funktioniert auch nicht so richtig. Könnte ich streichen, wäre die einfachste Lösung.

Aber die Kleine hat so schöne Augen. Maria. Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.
Find ich gut, die Stelle. Übers "blinken" bin ich gestolpert - ist das was Regionales? Ich kenn nur blinzeln. :)

Ich wüsste nicht, dass das regional ist und es meint mehr flirten. Ich fand das Wort in dem Zusammenhang passend, zu Carlos, zur Autobahn und ich verwende es ja später noch einmal, damit der Leser merken kann, dass Carlos nur wegen Maria Apfel raucht, was aber nicht funktioniert hat (was mich immer noch verwundert, weil das für mich schon sehr holzhammermäßig ist ... aber so kann man sich täuschen).

Rufe nach Carlos aus dem Kofferraum.
Das verstehe ich nicht bzw. kann ich nicht einordnen. Hier hätte ich mir gewunschen, zu "hören/sehen" wie genau sie ihn ruft. Weil das kann von "Du Schwein, lass mich endlich raus" bis zu "Hilfe, ich sterbe" alles sein. :)

Guter Punkt, verstehe ich auch. Ich dachte sie ruft halt einfach nur "Carlos", so wie es da steht. Aber da sieht man wieder, wie wenig Kontrolle man über Assoziationen und Interpretationen beim Leser hat. Aber das ist eine Stelle, in der man in der nächsten Version mehr Klarheit reinbringen könnte.

Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber. Carlos macht einen Schwenk nach links, tritt auf die Bremse.
Den Schwenk nach links verstehe ich nicht, ich dachte er fährt schon hinter ihm auf der linken Spur und der Typ wechselt dann auf die rechte oder hab ich das falsch verstanden?

Den Schwenk nehme ich wahrscheinlich raus. Oder ich mache "Schlenker" daraus, dann ist es klarer. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass er so auf diesen Mittelfinger starrt und in diesem Moment mit seiner Aggression kämpft, dass er einen kleinen Fahrfehler macht. Das muss ich besser ausdrücken oder weglassen.

Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn
Das hört sich so an, als würde Carlos Knie zum Kofferraum rennen und ihn öffnen.

Ja, das stimmt. Aber ist das wirklich die Assoziation, die man als Leser hat? Ist das eher ein theoretisches Problem oder ein tatsächliches. Ich kann natürlich einfach schreiben: "Er rennt zum Kofferraum", aber rhythmisch ist das völlig anders. Was findest Du besser?

Braune Augen blinken ihn an.
Hier wieder das "blinken".

Wie gesagt mein Holzhammer, der wohl keiner war: Er raucht Apfel wegen Maria ... :Pfeif:

Der Typ grinst.
Maria weint.
Das Ende kam mir zu schnell, weil ich auch die Reaktionen gar nicht verstehe. Dass der Typ grinst, ja, der hat Carlos in die Weichteile getreten, da würd ich auch grinsen, wenn der mir vorher den Lack zerstört hat. Aber wieso weint Maria? Aus Erleichterung? Ist Carlos ihr Liebhaber und die haben ne eigenartige Art und Weise ihre Fantasien auszuleben? Im Text steht noch, dass sie eine Ware ist (so hab ich es zumindest gelesen) und sie wohl irgendwo abgeliefert werden soll. Vielleicht ist da noch mehr im Text, was mir entgangen ist, aber mit den Informationen, die ich rausgelesen habe, kann ich mir da keinen Reim drauf machen, also auf Marias Reaktion. Und was mir auch noch ein bisschen fehlt, ist das Ende aus Carlos Sicht. Klar, da steht noch "Fertig machen müsste man den", aber einerseits kommen da danach die Reaktionen von Typ und Maria und andererseits hilft mir das auch nicht wirklich bei der Einordnung.

Ich hatte es oben auch an Achillus geschrieben - da habe ich offenbar zu viel vom Leser erwartet, dass er nämlich kurz stockt und sofort auf die Idee kommt, dass das fettgedruckte

Der Typ tritt Carlos in die Weichteile. Carlos atmet aus.
Fertigmachen müsste man den jetzt.
Der Typ grinst.
Maria weint.

auch der Gedanke des Typen sein könnte und Maria weint, weil ihre einzige Hoffnung auf Rettung, nämlich Carlos, von dem Typen fertiggemacht wird. Wenn man das versteht, dann sollte es eigentlich stimmig sein. Wenn ich diesen Satz dem Typen sinngemäß in den Mund lege, dann ist alles klar. Ich fand nur diese Wiederholung hier spannend und war neugierig, ob da jemand mitgeht. Offensichtlich nicht. :Pfeif:

Ich habe die Geschichte noch nicht geändert, damit man noch einmal mit meinen Gedanken den Text lesen kann, wenn man das möchte.

Vielen Dank für Deine Zeit und Dein Feedback, das war sehr hilfreich für mich, die Wirkung des Experiments zu verstehen.

Gruß

Geschichtenwerker

 

Hey @Geschichtenwerker

nur kurz, wegen der Frage:

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Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn Erweitern ... Das hört sich so an, als würde Carlos Knie zum Kofferraum rennen und ihn öffnen.
Ja, das stimmt. Aber ist das wirklich die Assoziation, die man als Leser hat? Ist das eher ein theoretisches Problem oder ein tatsächliches. Ich kann natürlich einfach schreiben: "Er rennt zum Kofferraum", aber rhythmisch ist das völlig anders. Was findest Du besser?
Nein, natürlich ist es kein Verständnisproblem und als Leser denke ich an der Stelle nicht, dass das Knie grade läuft, es steht nur faktisch da. Und darum kommt es einem wie ein Fehler vor.

Anders ist es bei dem Satz "Die Augen des Mädchens verfolgen mich". Wer? Subjekt: Die Augen. Die können natürlich auch nicht von sich aus jemanden verfolgen, aber die Interpretationsebene ist klar: Mit den Augen sehen wir, das Mädchen starrt ihn an. Obwohl das Mädchen nicht das Subjekt im vorherigen Satz ist, gehe ich als Leser mit, weil Sehen etwas ist, was ich mit den Augen mache.

Bei dem Knie hier ist das anders

"Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht" - Wer (Subjekt), das Knie. Bis daher passt das. Aber dann kommt kein neues Subjekt und auf einmal läuft das Knie zum Kofferraum und öffnet ihn. Ich denke, dass ist eher ein grammatikalischer Fehler (oder Ausdrucksfehler? k. P.), als dass es ein Verständnisproblem ist. Ich hatte hier als Leser einfach das Gefühl, dass mit der Sprache was nicht passt. :)

Wenn ich das Augen-Beispiel fortführe, ungefähr so:
""Die Augen des Mädchens verfolgen mich. Packen mich an der Hand, ziehen mich mit sich."

Ob sich "Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Er rennt zum Kofferraum, öffnet ihn" rhythmisch so viel anders anhört, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, da haben Autoren und Leser immer ganz eigene Stimmen im Kopf. - Ich habe bis gerade eben an einem meiner Texte gearbeitet und da hatte ein Kommentator ganz oft im inneren Monolog das Wort "so" rausgestrichen, bei Sätzen wie: "Mir ist als könnte ich fliegen, fast so wie ein Vogel." Weil das für mich (grade auch auf den Charakter bezogen), stimmiger klang, den Kommentator hat es in seinem Leserhytmus gestört. Damit will ich sagen, dass wir alle beim Lesen wohl, auch wenn die Worte da stehen, unseren eigenen Rhythmus haben - mich persönlich würde daher das Wort "er" jetzt nicht stören, weil ich die Rhythmusänderung nicht höre. Aber das kann für dich schon wieder ganz anders sein. :)


?
Braune Augen blinken ihn an. Erweitern ... Hier wieder das "blinken".
Wie gesagt mein Holzhammer, der wohl keiner war: Er raucht Apfel wegen Maria ... :Pfeif:
Ich hab schon gecheckt, dass Carlos auf sie abfährt - nur nicht, dass sie mit ihm flirtet. Ich dachte halt, okay, er steht auf sie, raucht wegen ihr Apfel und sie blinzelt ihn (aus seiner Perspektive) süß an. Spätestens als ich dann aber las, dass sie im Kofferaum steckt, war für mich der Groschen eher in Richtung gefallen, dass das wohl nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

DIe Auflösung finde ich auch spannend! Einige DInge sehe ich jetzt klarer, wie etwa das mit dem Menschenhandel, das hätte man durchaus raus lesen können oder auch, dass Carlos sich leicht ablenken lässt. Die Sache mit dem Rollstuhl ist mir zwar aufgefallen, aber Anfangen konnt ich damit nichts, da war mir die Verbindung zwischen den Gedanken die Carlos denkt und dem - für mich - random-Typen auf der Autobahn zu weit weg. Auch, dass der Typ ein Aufpasser ist, hätte ich jetzt nicht geschlussfolgert. GIbts dafür auch einen Hinweis irgendwo Anfang/Mitte Text oder ist das nur die Reaktion am Ende? :)

Was die evt. Rettung von Maria angeht, das konnte ich aus dem Text nicht herauslesen. Nicht, weil ich nicht verstanden habe, dass Carlos sie toll findet, sondern weil Maria

a) im Kofferraum ist und sie wäre leider nicht die erste Frau, die im Kofferraum eines Mannes landet, der sich in sie verkuckt hat und viel wichtiger

b) es keine sichbtbare Interaktion zwischen den beiden gibt.

Mir ist zwar aufgefallen, dass er sie in Gedanken nicht Schlampe nennt, sondern nur im Gespräch, das habe ich aber weniger als Hinweis über ihre Beziehung zueinander bewertet, sondern rein als Carlos Beziehung zu Maria (als Objekt) und seiner Beziehung zu dem Typen, mit dem er telefoniert (vor dem muss er ja der harte Macho sein). Maria selbst und was sie denkt, tut und empfindet spielt in der Ebene eig. keine Rolle. Weshalb mir ihre Reaktion am Ende auch unverständlich bleibt.

Dazu kommt, dass das Szenario eines ist - also Frau im Kofferraum, entführt von einem Typen, der auf sie steht - dass man kennt. Damit meine ich: Da ist man dann schon festgefahren, der ist der Böse. Das muss dann erst mal aufgebrochen werden - schwierig in einem Text, der so wenig wie möglich festschreiben will. Aber vielleicht hilft eine kleine Interaktion zwishcen den beiden, irgendetwas, was belanglos wirkt, aber die Beziehung, die die beiden zueinander haben, definieren kann. Etwa sowas wie:
"Na, alles gut da hinten."
"Recht eng hier"/"Das zahl ich dir zurück" "Na warte"

Keine Ahnung. Irgendetwas, bei dem man merkt, Maria ist zwar grade scheinbar in der Opferrolle, im Kofferraum, aber ihre Reaktion, die Art wie sie mit Carlos redet, passt da nicht ganz zusammen. So dass man als Leser vielleicht misstrauisch wird? Aber vielleicht sagt das dann auch schon zu viel und lenkt wieder zu sehr in eine Richtung, was ja auch nicht gewollt ist.

Aber ja, insgesamt spanned. Ich hab den Text auf jeden Fall gerne gelesen (und ebenfalls die Auflösung! Ich bleib nicht gern im Dunkeln ;D)

Liebe Grüße
Salatze

 

Hallo @Salatze,

noch kurz hierzu:

Ich denke, dass ist eher ein grammatikalischer Fehler (oder Ausdrucksfehler? k. P.), als dass es ein Verständnisproblem ist. Ich hatte hier als Leser einfach das Gefühl, dass mit der Sprache was nicht passt. :)

Das Problem entsteht ja durch die Ellipse, also das Weglassen von "Er". Die Frage ist also nicht, ob das grammatikalisch falsch ist, sondern ob der Leser "er" oder "es" ergänzt. Du hast natürlich recht, dass der Leser den Sprung zu Carlos machen muss. Wobei ich mich bei solchen Themen immer frage, wo der Leser wirklich ist, bei Carlos oder seinem Knie? Du verstehst, was ich meine. Aber gut zu wissen, dass Dich das "er" nicht im Rhythmus stören würde. Wie gesagt, das ist ja leicht zu beheben.

Wenn ich das Augen-Beispiel fortführe, ungefähr so:
""Die Augen des Mädchens verfolgen mich. Packen mich an der Hand, ziehen mich mit sich."
Ich glaube das Beispiel passt nicht ganz, weil du jetzt in die Ichperspektive gewechselt bist, die ich nicht verwende.
Das Beispiel müsste eher lauten. "Sophia warf ein Auge auf den Typ. Sophias Auge verfolgte den Typ. Rannte zum Auto."

Jetzt stellt sich wieder eher die Frage, ob der Leser bei der Ellipse "sie" ergänzt oder "es".

Keine Ahnung. Irgendetwas, bei dem man merkt, Maria ist zwar grade scheinbar in der Opferrolle, im Kofferraum, aber ihre Reaktion, die Art wie sie mit Carlos redet, passt da nicht ganz zusammen. So dass man als Leser vielleicht misstrauisch wird? Aber vielleicht sagt das dann auch schon zu viel und lenkt wieder zu sehr in eine Richtung, was ja auch nicht gewollt ist.

Ja, das muss ich wohl klarer herausarbeiten.

GIbts dafür auch einen Hinweis irgendwo Anfang/Mitte Text oder ist das nur die Reaktion am Ende?

Keinen direkten, außer dass der Text eben anfängt mit:

Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla.

"Wie immer" und "Der Typ" Das kann man als kleinen Hinweis darauf sehen, dass die beiden ein minimal Beziehung zueinander haben. Das ist aber sehr niederschwellig.

Vielen Dank für das Nachfassen!

Gruß
Geschichtenwerker

 

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