Hallo @Achillus,
es freut mich sehr, Dich unter meinem Text als Kommentator zu finden.
Ein Intelligenztest sollte der Text (natürlich) nicht sein, wobei jeder Text in gewissem Sinne ein Intelligenztest ist.
Ich verstehe aber, was Du meinst, denn wenn die Lücken zum Selbstzweck werden, dann sind sie ein Ärgernis und kein Stilmittel, das den Leser mit einem befriedigenden Ergebnis zurücklässt.
Das Spannende an diesen Leerstellen ist mehrerlei:
i) Als Autor ist es sehr schwierig zu überprüfen, ob die Leerstellen zu viel sind, weil man schließlich weiß, was hinter der Geschichte steckt.
ii) Beim Leser kommt es darauf an, wie er gestrickt ist, was er alles bereit ist hineinzukonstruieren und was er als noch als realistisch akzeptiert oder schon als reine Autorenphantasie empfindet.
iii) Ich stelle mal in den Raum, dass auch die Haltung eine Rolle spielt, die der Leser einnimmt. Mir geht das jedenfalls so. Wenn ich eine Kurzgeschichte eines "berühmten" Autoren lese, dann gehe ich automatisch davon aus, dass es diese zweite Ebene gibt und versuche sie wahrzunehmen. Da gelten die Leerstellen eher als Qualität. Hier im Form hängt das natürlich davon ab, wer die Geschichte eingestellt hat. Jedenfalls ist man hier - zumindest sehe ich diese Tendenz auch bei mir selbst - eher geneigt, vermeintliche Schwächen oder Leerstellen als handwerklichen Fehler oder als Kritikpunkt wahrzunehmen.
Das macht das Feedback aus meiner Sicht so interessant, aber auch so ambivalent, weil man natürlich schnell geneigt ist, die Tipps oder (vermeintlichen) Schwachstellen sofort auszumerzen, wobei ich mich dann immer frage, ob der Text dadurch wirklich besser wird oder man nur eine gewisse Erwartungshaltung erfüllt. Wie auch immer hilft der Austausch sehr beim Lernen und Optimieren.
Mich freut es, dass Dir das Experiment stilistisch gefällt. Das war eigentlich auch meine Hauptintention dafür, diese Geschichte einzustellen, nämlich herauszufinden, ob diese extrem reduzierte Sprache funktioniert. Wie glatt und konsequent man das durchziehen muss, ist eine andere Frage und ich bin völlig bei Dir, dass das ein Stilmittel ist, welches mich zumindest auf Romanlänge ebenfalls (wahrscheinlich) irgendwann nerven würde.
Für eine Kurzgeschichte ist es aber eines, das ich sicher öfters mal ausprobieren werden.
Jetzt zur Auflösung, was ich mir gedacht habe (und ich nehme Dich hier schon einmal mir rein @Salatze, damit ich das unten nicht noch einmal auflösen muss, wenn ich auf Deinen Kommentar antworte):
Carlos muss Maria zu Theo bringen (Mädchenhändlerring als Background, ohne dass ich das thematisieren wollte). Carlos selbst ist ein unzuverlässiger Typ:
"... Ich muss nur noch … Nein! Ich bin fokussiert."
Er hat also die Tendenz sich nicht strikt an Anweisungen zu unterhalten. Deswegen fährt der "Typ" mit, quasi als Aufpasser, der die Situation bereinigt, falls etwas schiefgeht. Der Typ könnte Maria selbst fahren, aber Carlos hat man erzählt, dass der noch eine Aufgabe bei Theo hat. Carlos weiß also nicht, dass der Typ sein Aufpasser ist und kennt den auch nicht.
Carlos hat sich in Maria verguckt - sie ist der Grund, warum er Apfel raucht. Das zweimalige Verwenden des Worts "blinken" war für mich ein Wink mit dem Zaunpfahl, aber der ist nicht wirklich angekommen, erstaunlicherweise.
Carlos überlegt also, ob er Maria befreien kann. Deswegen auch seine Aggression gegenüber dem Typen. Außerdem hat er Maria gegenüber gewisse Andeutungen gemacht, sodass sie sich Hoffnung macht, dass Carlos ihr Retter sein könnte, auch wenn das nicht gewiss ist.
Luigi ist ein sehr guter Freund von Carlos und ist öfters mit ihm unterwegs. Deswegen reagiert er auch so empfindlich, wenn sich jemand auf den Behindertenparkplatz stellt, weil er aus seiner Erfahrung weiß, wie schwierig solche Falschparker das Leben für einen Kumpel Luigi machen. Als Impulshandlung zerkratzt Carlos das Auto des Typen.
Damit ist schon fast alles gesagt, bis auf das Ende, wo ich dem Leser noch eine Ambivalenz in der Perspektive zugemutet habe, die einfach nicht funktioniert (ich frage mich so etwas ganz oft, gerade bei Kurzgeschichten, die etwas kryptisch sind, aus wessen Perspektive etwas geschrieben ist).
Der Typ tritt Carlos in die Weichteile. Carlos atmet aus.
Fertigmachen müsste man den jetzt.
Der Typ grinst.
Maria weint.
Das "Fertigmachen müsste man den jetzt" hoffte ich ist so ambivalent, dass man als Leser auch auf die Idee kommen könnte, dass das der Typ denkt.
Dann ist es auch konsequent, dass Maria am Ende weint, weil ihre Chance auf Rettung dahin ist.
Und der Rollstuhl im Kofferraum ist ein Hinweis darauf, dass der Typ Luigi aus dem Weg geräumt hat (bzw. haben könnte, das wollte ich offenlassen - könnte ja auch ein anderer Rollstuhl sein, aber Carlos nimmt das in dem Moment kurz als Möglichkeit an). Deserted-Monkey hat das übrigens so gelesen.
Insofern wirft die Geschichte womöglich mehr moralische Fragen auf, als Du herausgelesen hast.
Ich habe den Text jetzt bewusst noch nicht geändert, damit man auf Spurensuche gehen kann, wenn man das denn möchte.
Vielen Dank Achillus, Dein Feedback war sehr hilfreich!
Gruß
Geschichtenwerker
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Hallo @Salatze,
vielen Dank, dass Du Dich meines kleinen Experiments angenommen hast und die Zeit für Deinen Kommentar investiert hast.
Ich habe Dich in der Antwort auf Achillus auch genannt, weil ich dort sozusagen die Backgroundstory kurz erzähle, sodass Du dort nachlesen kannst, was ich mir gedacht hatte, aber wohl nicht deutlich genug transportiert hatte, bei dieser extremen Verknappung.
Carlos fährt nach rechts. Reiht sich hinter dem Typen ein. Der Tempomat hält Abstand. Carlos zieht am Verdampfer. Ruft Theo an.
An der Stelle liegt es wohl daran, dass der Inhalt des Textes langsamer ist. Er reiht sich hinter dem Typen ein, der Tempomat bremst ihn implizit noch ab, er zieht am Verdampfer und ruft erstmal jemanden an. Das wirkt alles sehr ruhig, die Sprache dagegen hektisch. Ansonsten hast du bei den thematisch langsamen Stellen, wie am Anfang, die Gedanken von Carlos drinnen, wie hier:
Das ist ein Nachteil des Stils, der eine Schnelligkeit vermittelt. Man könnte das noch stärker austarieren, da gebe ich Dir Recht, und hier eventuell das Tempo rausnehmen, auch sprachlich. Das wär eine Stelle, in der man auch etwas mehr Gedanken von Carlos reinbringen könnte, sodass der Leser leichter die Geschichte versteht. Der Text wird dadurch natürlich auch länger und hat dann einen anderen Charakter. Ich probiere das mal in verschiedenen Varianten aus.
Die zweite Stelle ist die hier:
Carlos parkt gegenüber. Mustert das Auto des Typen. Blauer Volvo. Hebt einen Stein auf. Ein alter Mann geht vorüber. Carlos schiebt die Sonnenbrille ein wenig nach unten, starrt über den Rand der Sonnenbrille. Der alte Mann dreht sich weg. Die spitze Ecke des Steins gräbt sich eine Bahn durch den Lack.
Hier kann ich's nicht ganz festmachen. Vielleicht liegt es auch nur am letzten Satz, der einerseits länger ist und andererseits so geschrieben ist, als würde der Stein sich von selbst in das Auto graben, vielleicht auch nur ein Bruch in der Perspektive?
Der letzte Satz ist so eine Spielerei mit der Kameraführung. Ich wollte einfach ganz nah dran sein, wie eine Großaufnahme, bei der man nur den Stein sieht, wie er den Lack zerkratzt.
Das ist für mich so eine Stelle, bei der ich mich frage, stört das wirklich oder nimmt das nur wahr, wenn man im Kommentator-/Kritikermodus ist. Bei mir jedenfalls sind das zwei Modi. Jetzt kann man sagen, dass das handwerklich besser ist, hier bei Carlos zu bleiben. Ich probiere es aus. Ich kenne das Problem auch aus der Malerei, wenn alles fotorealistisch ist, dann wird es uninteressant. Bei Texten denke ich mir das auch. Wenn alles nur noch glatt ist, ist es dann automatisch besser? Ich weiß es nicht, ich muss das einfach ausprobieren, aber dafür sind eben die Kommentare so hilfreich.
Wie immer. Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor Carlos Tesla.
Das ist natürlich subjektiv, aber mich hat der Einstieg in die Geschichte irritiert. Ich hab erst an der Stelle, an der Carlos das Radio aufdreht begriffen, dass die Geschichte aus seiner Sicht erzählt wird. Jetzt weiß ich natürlich "Wie immer" ist ein Gedanke von Carlos und danach folgt eine Einordnung, Autobahn, Carlos in Carlos Tesla. Ich hab das im ersten Moment aber so gelesen, dass ein Beifahrer neben Carlos in Carlos Auto sitzt, weil Carlos bei seiner ersten Erwähnung im Genetiv steht. Grundsätzlich, bei nem Ich-Erzähler kein Problem, weil dann steht da "Der Typ schnarcht auf der linken Spur vor meinem Tesla" und die Perspektive ist ganz klar. In dem Fall war ich aber irritiert. Kann aber gut sein, dass es da nur mir so geht.
Den Icherzähler hatte ich mal in den ersten Absätzen ausprobiert und das hat mir gar nicht gefallen. Ich würde den Text dann wahrscheinlich völlig anders schreiben. Vermutlich auch nicht mehr mit den kurzen Sätzen. Das klang irgendwie völlig schrecklich.
Hier die nervige Frage: Wem erzählt er das denn? Spricht er mich als Leser an?
Den Leser wollte ich nicht ansprechen. Für mich war das eher ein Selbstgespräch. Ich hatte auch mal die Idee, dass er an dieser Stelle schon irgendwie nach hinten in den Kofferraum ruft, aber das funktioniert auch nicht so richtig. Könnte ich streichen, wäre die einfachste Lösung.
Aber die Kleine hat so schöne Augen. Maria. Kaum blinkt sie dich an, schon rauchst du Apfel.
Find ich gut, die Stelle. Übers "blinken" bin ich gestolpert - ist das was Regionales? Ich kenn nur blinzeln.
Ich wüsste nicht, dass das regional ist und es meint mehr flirten. Ich fand das Wort in dem Zusammenhang passend, zu Carlos, zur Autobahn und ich verwende es ja später noch einmal, damit der Leser merken kann, dass Carlos nur wegen Maria Apfel raucht, was aber nicht funktioniert hat (was mich immer noch verwundert, weil das für mich schon sehr holzhammermäßig ist ... aber so kann man sich täuschen).
Rufe nach Carlos aus dem Kofferraum.
Das verstehe ich nicht bzw. kann ich nicht einordnen. Hier hätte ich mir gewunschen, zu "hören/sehen" wie genau sie ihn ruft. Weil das kann von "Du Schwein, lass mich endlich raus" bis zu "Hilfe, ich sterbe" alles sein.
Guter Punkt, verstehe ich auch. Ich dachte sie ruft halt einfach nur "Carlos", so wie es da steht. Aber da sieht man wieder, wie wenig Kontrolle man über Assoziationen und Interpretationen beim Leser hat. Aber das ist eine Stelle, in der man in der nächsten Version mehr Klarheit reinbringen könnte.
Nach der zwanzigsten Lichthupe führt der Typ endlich rüber und Carlos tritt voll durch. Der Typ schaut rüber. Carlos macht einen Schwenk nach links, tritt auf die Bremse.
Den Schwenk nach links verstehe ich nicht, ich dachte er fährt schon hinter ihm auf der linken Spur und der Typ wechselt dann auf die rechte oder hab ich das falsch verstanden?
Den Schwenk nehme ich wahrscheinlich raus. Oder ich mache "Schlenker" daraus, dann ist es klarer. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass er so auf diesen Mittelfinger starrt und in diesem Moment mit seiner Aggression kämpft, dass er einen kleinen Fahrfehler macht. Das muss ich besser ausdrücken oder weglassen.
Carlos Knie trifft mitten ins Gesicht. Rennt zum Kofferraum, öffnet ihn
Das hört sich so an, als würde Carlos Knie zum Kofferraum rennen und ihn öffnen.
Ja, das stimmt. Aber ist das wirklich die Assoziation, die man als Leser hat? Ist das eher ein theoretisches Problem oder ein tatsächliches. Ich kann natürlich einfach schreiben: "Er rennt zum Kofferraum", aber rhythmisch ist das völlig anders. Was findest Du besser?
Braune Augen blinken ihn an.
Hier wieder das "blinken".
Wie gesagt mein Holzhammer, der wohl keiner war: Er raucht Apfel wegen Maria ...
Der Typ grinst.
Maria weint.
Das Ende kam mir zu schnell, weil ich auch die Reaktionen gar nicht verstehe. Dass der Typ grinst, ja, der hat Carlos in die Weichteile getreten, da würd ich auch grinsen, wenn der mir vorher den Lack zerstört hat. Aber wieso weint Maria? Aus Erleichterung? Ist Carlos ihr Liebhaber und die haben ne eigenartige Art und Weise ihre Fantasien auszuleben? Im Text steht noch, dass sie eine Ware ist (so hab ich es zumindest gelesen) und sie wohl irgendwo abgeliefert werden soll. Vielleicht ist da noch mehr im Text, was mir entgangen ist, aber mit den Informationen, die ich rausgelesen habe, kann ich mir da keinen Reim drauf machen, also auf Marias Reaktion. Und was mir auch noch ein bisschen fehlt, ist das Ende aus Carlos Sicht. Klar, da steht noch "Fertig machen müsste man den", aber einerseits kommen da danach die Reaktionen von Typ und Maria und andererseits hilft mir das auch nicht wirklich bei der Einordnung.
Ich hatte es oben auch an Achillus geschrieben - da habe ich offenbar zu viel vom Leser erwartet, dass er nämlich kurz stockt und sofort auf die Idee kommt, dass das fettgedruckte
Der Typ tritt Carlos in die Weichteile. Carlos atmet aus.
Fertigmachen müsste man den jetzt.
Der Typ grinst.
Maria weint.
auch der Gedanke des Typen sein könnte und Maria weint, weil ihre einzige Hoffnung auf Rettung, nämlich Carlos, von dem Typen fertiggemacht wird. Wenn man das versteht, dann sollte es eigentlich stimmig sein. Wenn ich diesen Satz dem Typen sinngemäß in den Mund lege, dann ist alles klar. Ich fand nur diese Wiederholung hier spannend und war neugierig, ob da jemand mitgeht. Offensichtlich nicht.
Ich habe die Geschichte noch nicht geändert, damit man noch einmal mit meinen Gedanken den Text lesen kann, wenn man das möchte.
Vielen Dank für Deine Zeit und Dein Feedback, das war sehr hilfreich für mich, die Wirkung des Experiments zu verstehen.
Gruß
Geschichtenwerker