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18.04.2002
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Rotverschiebung

Es ist überall rot.

Früher als erwartet, kommt halt darauf an, was man erwartet. Gestern noch dieses zarte Rosa, wie in den letzten Monaten – dann sowas. Die sanften Farbtöne hatten die meisten bald ignoriert, sich damit abgefunden. Es bestand die Hoffnung, dass diese etwas lästige Anomalität jetzt endgültige Normalität war, ungewohnt, aber weitgehend harmlos. Natürlich gibt es einige unangenehme Einschränkungen, darauf hat sich jeder eingestellt, die Umstände gefügig akzeptiert. Nun plötzlich diese kräftigen Rotschattierungen und ein Rest Schwarz. Das Rot hat mit seinen Tentakeln jede Ritze erobert, vibriert durch die Luft, wabert im Wasser. Es existiert wirklich überall, nur Menschen bleiben seltsamerweise von der Umfärbung verschont, wenigstens äußerlich. Ihre so unverschämt vertraut aussehenden Unschuldsmienen ergeben ein verwirrendes Bild: Sie scheinen inmitten dieser Rotheit zu schweben, gespenstische Irrlichter im alle Formen auflösenden Farbbrei. Wer weiß, wie viel davon ihren Köpfen entspringt, eigentlich ein Narr, wer hier rätselt. Unser Innerstes, dieses Menschsein: die Quelle verheerender Einfarbigkeit.

Die Zeit hämmert ihre entropische Beschaffenheit gnadenlos in selbstgerechte Gemüter: Sie ist keineswegs das einzige Problem, es gibt auch noch uns.

Menschliches Tun verwandelt sich in monochromen Rausch, Emotionen oszillieren bis zur Erschöpfungsexplosion in sich aufbäumender Resonanz. Stolz und das sonst allgegenwärtige Aufbegehren zerschellen an der rot-kreischenden, absurden Realität. Ein überhandnehmendes Rot, geboren aus Hochmütigkeit, Ignoranz und Gewalt – immer und immer wieder. Die filigranen Gebilde der Fürsorglichkeit werden rot zerstampft. Wir, nur wir: Wir Menschen haben dieses Monster mit gewissenlosen Taten genährt, gestärkt, lebensfähig gemacht; getrieben von stinkender Gier, pochender Verblendung – bis hin zur taumelnden Vernichtung.

Es ist unser ureigenes ROT.

„Haben Sie sich entschlossen?“

„Ja, wir wollen diesen Weg gehen, klar, ganz sicher. Irgendwie muss man diesem Rot entkommen können. Uns stören jedoch die Digi-Gegner. Tayea, wie gefährlich können solche Querköpfe sein?“

Tayea zoomte mit Hilfe mentaler Aktivierung näher an Putri und Sagittarius heran, jetzt kam ihr freundliches Gesicht mit den goldenen Makropixeln unter der Haut erst richtig zur Geltung. Die Beraterin war bemüht, besonders sachlich zu wirken.

„Tatsächlich gibt es Ignoranten, die verdrängen, in welche Sackgasse unsere physische Existenz geraten ist. Die sind unbedeutend. Problematisch werden höchstens die anarchistischen Avatare, mit denen man Sie belästigt – eventuell sogar Ransome-Hacks. Man wird versuchen, Sie einzuschüchtern.“

„Woher wissen die denn, wenn jemand am Digital-Children Projekt teilnimmt? Könnt ihr das kryptographisch verhindern?“

Putri nippte an ihrem Phytocell-Drink. Früher leuchtete das Getränk hellgelb, nun war es blass rot – ungewohnt, aber immerhin gesund. Die elegante Frau musterte ihren Genpartner intensiv, im Moment erwartete sie von ihm keine Antwort. Er schien abwesend, fast überfordert. Sie streckte ihren schlanken Körper, schüttelte selbstbewusst ihre langen Glossy-but-Sticky-Look Haare, beobachtete konzentriert die DC-Mentorin, wartete auf eine Erklärung.

„Jeder hinterlässt unabsichtlich Spuren im digitalen System. Wenn jemand mit fanatischem Eifer vermeintliche Übeltäter jagt, gibt es keinen ausreichenden Schutz. Mit Big Data finden Analysten relativ leicht nutzbare Hinweise. Die enorme Größe der für die digitale Zeugung benötigten Datenmenge macht es unmöglich, den Ursprung der transferierten Informationen zu verbergen.“

Das Gespräch hatte Sagittarius bis jetzt mehr oder weniger gestresst erduldet. Dem Zimmer gab er durch Gedanken-Input eine bläuliche Farbe mit einem dezenten Muster aus dunklen Strichen. Binnen weniger Sekunden wandelte sich das Blau in ein auffälliges Rot mit schwarzer Linien-Struktur um. Sagittarius nickte versonnen. Es machte den Eindruck, als wolle er sich vergewissern, inwieweit der Grund für ihre Entscheidung weiterhin existierte. Unvermittelt fixierte er Tayea intensiv mit seinen Sternchenmuster-Augen, ihre Aufmerksamkeit sollte ganz ihm gehören.

„Keine Ahnung, was ein paar ewig Gestrige gegen die Digital Children haben! Sobald man von der Naturgeburt zur Retorte überging, gab es heftige Proteste, ebenso bei der Genom-Optimierung – bis die Gesellschaft die Vorteile erkannte. So viel Leid ist verhindert worden! Anstelle der genetischen Rekombination werden nun halt algorithmische Ableitungen der Erbinformation ausgetauscht. Na und? Wir wünschen das Beste für unsere Tochter, sie soll unter keinen Umständen in einer menschenunwürdigen, von Rot bestimmten Wirklichkeit aufwachsen. Der Digi-Raum bedeutet Zukunft, wer will uns da Vorschriften machen? Niemand hat das Recht dazu.“

„Genau, niemand! Haben Sie noch eine Frage, Sie, Putri?“

„Ja – wie ähnlich wird sie uns sein?“

„Das werden Sie gemeinsam feststellen müssen. Aber Ihre Tochter wird wunderbar sein.“

_

„Warum besucht ihr mich als limitierte Avatare? Kommt doch für immer in den Digi, wenigstens du, Mutter!“

„Liebling … leider geht das nicht, ständig sind Aufgaben zu bewältigen, die man nur mit einem Körper erledigen kann. Jedenfalls solange, bis das autonome Funktionieren des Digi-Raums sicher gestellt ist. Aus gutem Grund hat man vorerst den KI-Robotern bloß bestimmte Verantwortungsbereiche überlassen. Vielleicht wird man ständig einige Spezialisten im analogen Leben brauchen. Kind – zumindest ein Teil der Menschheit hat die Chance auf einen Neuanfang. Bitte begreif endlich – du, du bist gesund, unabhängig, frei von allem Rot.“

Ahmux rief wütend etwas Unverständliches, rannte durch das hohe, feuchte Gras bis sie eine etwa fünf Meter hohe, hölzerne Aussichtsplattform erreichte. Flink kletterte sie die Leiter empor.

„Schaut, ich bin ganz oben … und … und springe!“

Tatsächlich nahm Ahmux Anlauf, spurtete bis zum Geländer des Turms, um sich darüber zu schwingen. Sofort blieb sie in einer Art unsichtbarem, zähen Teig stecken. Notgedrungen musste sie, ein wenig beschämt, einige Schritte zurück gehen. Selbstverständlich hätte eine digitale Person den Sprung unbeschadet überstanden. Doch die nach dem Datentransfer eingesetzte Virtual-Life-Software verbot jegliche Aktionen, die unter analogen Bedingungen zu physischen Konsequenzen geführt hätten.

Mit verschränkten Armen wandte sich Ahmux trotzig an ihre Eltern:

„Ich will auch einen natürlichen Körper, möchte empfinden, wie ihr es könnt! Will unbehütetes Leben erfahren! Warum habt ihr mich zur Beta-Version eines Menschen verdammt!“

Ihr Vater wirkte wie jemand, der gleich die Beherrschung verliert, er schluckte. Nach einem kleinen Seufzer antwortete er mit ruhiger, deutlich rauer Stimme.

„Jederzeit kannst du die analoge Welt als Simulation erfahren, damit du verstehst, wie viel Aussichtslosigkeit dort herrscht. Wir lieben dich, spätestens seit deiner Zeugung durch Informationsverschränkung haben wir eine bessere Existenz für dich gewollt. Dir soll es gut gehen, ohne Schmerzen oder Alterserscheinungen, ohne dieses Rot, diesen belastenden Fluch. Nutze die riesigen Gestaltungsmöglichkeiten des Digi-Raums, erschaffe mit den anderen Digis einen lebenswerten Ort! Lernt aus unseren Fehlern, damit ihr vom Rot verschont bleibt.“

„Ahmux, versteh uns. Schließlich hast du erlebt, wie dein Vater trotz seiner erst 108 Jahre manchmal kämpfen muss, wenn er seine Pflichten erfüllen will. Er besitzt keinen Regenerationsanspruch mehr. Dir bleiben solche Einschnitte zum Glück erspart.“

Sagittarius saß zusammengesunken am hinteren Ende der Animations-Einheit. Er genoss es, das Grün der künstlichen Natur anzuschauen, den blauen Himmel mit seinen Wolken. Aber im Moment hätte er seinen virtuellen Stellvertreter am liebsten im Digi-Raum abgemeldet. Der erschöpfte Mann unterließ es, das würde ihm seine Partnerin nie verzeihen. Wo waren die tollen Digital-Children-Adviser, wenn man sie brauchte? Gut – sie waren total überlastet, ohne Selbsthilfegruppe waren DC-Familien ziemlich allein mit ihren Problemen.

„Ihr habt für mich, nein, über mich entschieden, mir keine Wahl gelassen, Putri, wie konntest du das zulassen!“

„Mein lieber Schatz! Eltern haben immer unbequeme Entscheidungen getroffen, in jedem Zeitalter. Menschen müssen handeln oder sie bleiben untätig und sind somit leblos: Das ist seit tausenden von Generationen so. Meinst du, es war früher einfach, zu sagen: ‚Dieses Kind adoptiere ich, das da bleibt im Heim? Dieses Kind gebäre ich, selbst wenn gerade Krieg tobt‘? Wir haben uns deine digitale Entstehung ausgiebig überlegt, abgewogen, wollten einen Ausweg aus dem Rot erschließen. Gerne hätten dein Vater und ich manches besser bedacht, nur – jeder Mensch, auch du, kann lediglich das ihm Mögliche tun.“

Ahmux kauerte auf dem Boden, ihr digitaler Körper bebte. Sie weinte nicht – niemand wusste, ob sie es unterdrückte oder diese Emotion praktisch unmöglich war.

„Mutter …“

„… meine Liebe, ihr bestimmt, welche Welt ihr erschaffen werdet. Wir sind die letzte Generation, ihr seid die erste.“

„Rot ist mein Ballon,

er fliegt schnell davon,

in das viele Rot,

morgen sind wir tot,

keiner ist mehr da,

la, la; la, la, la.“

„Kind, lass das! Warum loggst du dich dauernd in die grässliche Realität dieser Kinder ein?“

„Weil ich richtiges Leben spüren will!“

 

Hallo @Woltochinon ,

bei Sci-Fi kann ich nicht widerstehen. Auch wenn du es einem nicht leicht machst.
Ich bin mir absolut nicht sicher, auf was du mit deinem ersten Absatz hinaus willst.
Ich bin jetzt wahrlich kein Physik-Genie, aber weiß so grob was eine Rotverschiebung ist. Nur ob durch räumliche Ausdehnung, Doppler-Effekt oder Gravitation ausgelöst, erschließt sich mir hier nicht. Ich hielt auch ein spätes Entwicklungsstadium der Sonne für möglich, wenn sie sich zu einem roten Riesenstern aufbläht und das Sonnenlicht rot wird. Oder aber, du hast mir bereits die Lösung an die Hand gegeben:

Wer weiß, wie viel davon ihren Köpfen entspringt, eigentlich ein Narr, wer hier rätselt.
Möglicherweise ist es auch nur eine Zunahme der Gewalt. Ich komme ehrlich gesagt nicht drauf. Rot kann vieles sein: Liebe, Blut oder Wut (rot sehen).

Mit dem Dialog bombardierst du mich dann mit futuristischen Begriffen, die zwar irgendwann einen Sinn ergeben, aber ein flüssiges Lesen erschweren.

schüttelte selbstbewusst ihre langen Glossy-but-Sticky-Look Haare,
Würde man in Deutschland wahrscheinlich mit Glo-bu-sti-Look abkürzen. Wie Vokuhila. :lol:

„Keine Ahnung, was ein paar ewig Gestrige gegen die Digital Children haben! Sobald man von der Naturgeburt zur Retorte überging, gab es heftige Proteste, ebenso bei der Genom-Optimierung – bis die Gesellschaft die Vorteile erkannte. So viel Leid ist verhindert worden! Anstelle der genetischen Rekombination werden nun halt algorithmische Ableitungen der Erbinformation ausgetauscht. Na und?
Na von natürlicher Geburt, Retorte und Genom-Optimierung sprechen wir immer noch von einem physischen Menschen. Da finde ich das schon noch einen großen Schritt zu einem "digitalen Wesen".

An sich eine interessante Überlegung. Will man als Eltern eine digitale Version des Kindes haben, um es vor Gefahren zu beschützen? Bin da eher auf der Seite des Kindes: Dagegen.

Auf jeden Fall eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Leider finde ich praktisch keine echten Verbesserungsvorschläge.
Hab es zwar nicht ganz verstanden, aber habe es gern gelesen.

Schöne Grüße
Tsunami

 

Hallo @Tsunami,

freut mich, wenn du nix zu verbessern findest - ein Traum wird wahr! (Er wird, wie ich die 'Wortkrieger' kenne, nicht lange bestehen :D).

bei Sci-Fi kann ich nicht widerstehen.
Geht mir auch so, leider liest man hier nicht mehr so viel Sci-Fi.

Nur ob durch räumliche Ausdehnung, Doppler-Effekt oder Gravitation ausgelöst, erschließt sich mir hier nicht. Ich hielt auch ein spätes Entwicklungsstadium der Sonne für möglich, wenn sie sich zu einem roten Riesenstern aufbläht und das Sonnenlicht rot wird.
Es war nicht beabsichtigt, den Leser mit der Rotverschiebung auf die falsche Spur zu bringen (hatte erst auch einen anderen Titel, der war mir dann aber zu simpel).

Das hat mich dann doch gerettet:

Oder aber, du hast mir bereits die Lösung an die Hand gegeben:
Wer weiß, wie viel davon ihren Köpfen entspringt, eigentlich ein Narr, wer hier rätselt.
Möglicherweise ist es auch nur eine Zunahme der Gewalt. Ich komme ehrlich gesagt nicht drauf. Rot kann vieles sein: Liebe, Blut oder Wut (rot sehen).
Genau, ich sehe das noch grundsätzlicher, aber die Assoziationen des Lesers sind letztlich entscheidend.

Mit dem Dialog bombardierst du mich dann mit futuristischen Begriffen, die zwar irgendwann einen Sinn ergeben, aber ein flüssiges Lesen erschweren.
Mit diesen Begriffen wollte ich den Text mehr Authentizität verschaffen, die Rahmenbedingungen dieser Welt beschreiben. In 'zeitgenössigen' Texten wird das auch gemacht.

Würde man in Deutschland wahrscheinlich mit Glo-bu-sti-Look abkürzen. Wie Vokuhila.
Gute Idee! Wobei Glo-bu-sti mich an 'Globuli' erinnert (Vielleicht hat sie die falschen geschluckt ...).

Na von natürlicher Geburt, Retorte und Genom-Optimierung sprechen wir immer noch von einem physischen Menschen. Da finde ich das schon noch einen großen Schritt zu einem "digitalen Wesen".
Stimmt. Deshalb das drastische Setting am Anfang, um genügend 'Handlungsdruck' zu legitimieren. (Die Transhumanisten haben durchaus solche Ideen, weniger aus einer Hilfe- bzw. Auswegsmotivation heraus sondern sehen das als 'Weiterentwicklung'.

Auf jeden Fall eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.
Freut mich!

aber habe es gern gelesen.
Danke für deine Zeit und deine Gedanken!

LG,

Woltochinon

 

Hallo @Woltochinon

Bei deinem Text ploppte sofort die Geschichte von RinaWu über die Farbe Rosa auf: Gestrichen voll
Je mehr ich lese, desto klarer wird, dass es da quasi keine Gemeinsamkeiten gibt. So unterschiedlich können Herangehensweisen sein.

Zu meinem Leseerlebnis: Ich habe große Schwierigkeiten in den Text rein zu finden, komme in keinen Lese-Flow, sondern muss mir teilweise den Text Zeile für Zeile erarbeiten.
Was ich in der Exposition verstanden habe: mit einem Mal ist alles Rot. Eine lästige Anomalie, die erwartet worden war, jetzt jedoch schneller als erwartet fortschreitet.

Unser Innerstes, dieses Menschsein: die Quelle verheerender Einfarbigkeit.
Menschen bleiben verschont, sind aber auch durch ihr Innerstes dafür verantwortlich.
Die Zeit hämmert ihre entropische Beschaffenheit gnadenlos in selbstgerechte Gemüter: Sie ist keineswegs das einzige Problem, es gibt auch noch uns.
Dann kommt keine Erklärung, sondern ein unverständlicher Satz, bei dem ich auch per Nachschlagen und Draufrumkauen kaum zu einem Sinngehalt komme. Entropie hat unterschiedliche Bedeutungen in Chemie, Physik, Informationstheorie, sowie Sozialwissenschaften. Am naheliegendsten ist die abgeleitete Bedeutung aus der Physik, Entropie gleich ein Maß für die Unordnung, Zufälligkeit oder den Grad der Zerstreuung in einem System. Ich streiche die Segel, ich verstehe nicht, wo das hinführen soll.
Emotionen oszillieren bis zur Erschöpfungsexplosion in sich aufbäumender Resonanz.
Noch schlimmer geht es mir mit diesem Satz. Für mich persönlich ist das unverständlicher Nonsens und ohne Challenge wäre ich hier ausgestiegen.
Ich lese weiter quer, zum Glück wird es verständlicher. Okay, die Menschen haben das Rot geschaffen aus "Hochmütigkeit, Ignoranz und Gewalt",
Irgendwie muss man diesem Rot entkommen können.
aber was genau ist das eigentliche Problem mit dem Rot? Welche Auswirkungen hat das Leben in konsistenten Rot? Warum ist die Parallelwelt nötig?

Weiter. Wenn ich die ganzen Ablenkungen beiseite lasse, Digi-Gegner, Putri und Sagittarius (wer ist das?), goldene Makropixel, Ransom-Hacks, Phytocell-Drinks, Glossy-but-Sticky-Look Haare, DC-Mentorin bleibt das Digital Children Projekt, der Übergang von der Naturgeburt zu einer digitalen Retorte, durch Informationsverschränkung, inkl. Genom Optimierung und dem Aufwachsen in einer digitalen Parallelwelt, dem Digi-Raum ohne Monochromie, auch wenn der noch nicht ohne KI-Roboter funktioniert.

Ahmux, das Kind, das in dieser Digi-Welt lebt, rebelliert, will von einem Turm springen und bleibt in einem virtuellen Teig stecken.

Doch die nach dem Datentransfer eingesetzte Virtual-Life-Software verbot jegliche Aktionen, die unter analogen Bedingungen zu physischen Konsequenzen geführt hätten.
Soweit so gut. Das Kind empfindet sich als "Beta-Version eines Menschen", will einen natürlichen Körper, echte Gefühle und das echte Leben spüren, kann die analoge Realität aber nur umgekehrt als virtuelle Realität erfahren.
„Mein lieber Schatz! Eltern haben immer unbequeme Entscheidungen getroffen, in jedem Zeitalter. Menschen müssen handeln oder sie bleiben untätig und sind somit leblos: Das ist seit tausenden von Generationen so. Meinst du, es war früher einfach, zu sagen: ‚Dieses Kind adoptiere ich, das da bleibt im Heim? Dieses Kind gebäre ich, selbst wenn gerade Krieg tobt‘? Wir haben uns deine digitale Entstehung ausgiebig überlegt, abgewogen, wollten einen Ausweg aus dem Rot erschließen. Gerne hätten dein Vater und ich manches besser bedacht, nur – jeder Mensch, auch du, kann lediglich das ihm Mögliche tun.“
Gut! Warum nicht den ganzen Text so verständlichen schreiben wie diesen Absatz?

Mein Fazit: Die Idee finde ich sehr interessant, doch die literarische Umsetzung ist nichts für mich. Ohne Challenge hätte ich mich nicht durch den Text gekämpft, sondern wäre anfangsnah ausgestiegen, was schade ist, denn bei entsprechender Aufbereitung wäre das komplett anders.

Peace, l2f

 

Hi @Woltochinon,

find ich ganz gut gemacht, so alles in allem. Ihaltlich ist mir vielleicht nicht alles verständlich, das kann ich aber shcon auch akzeptieren, da du ja eine Welt zeigst, die ich nicht kennen kann. Dass ich davon nur einen Ausschnitt sehe, gehört eigentlich fast zwingend dazu.

Den ersten Satz:

Früher als erwartet, kommt halt darauf an, was man erwartet.
- fand ich anfangs etwas unrund: kommt halt drauf an, was man erwartet verangt eigentlich danach, dass früher als erwartet in Frage gestellt worden ist. Jetzt denke ich mir aber, das reicht vielleicht, wenn das mitschwingt, die Infragestellung durch den Nachsatz quasi gleich mit ausgesprochen wird. Hat dann dadruch vielleicht noch eine Spur mehr Abgeklärtheit. Jedenfalls würde ich sagen, eine eine unmittelbare Schnelllösung wie Früher als erwartet, oder auch nicht, kommt halt darauf an, was man erwartet würde schon mal nicht besser klingen.

Du hast manchmal diese Satzsturktur, in der ein Komma das "Und" ersetzt:

hatten die meisten bald ignoriert, sich damit abgefunden.

darauf hat sich jeder eingestellt, die Umstände gefügig akzeptiert.
Das sieht ein bisschen aus wie der Versuch, Wiederholungen von "und ... und" gleich von Anfang an zu vermeiden. Für mich klingt das aber noch nicht ganz ausgereift, irgendwie lese ich das als zu deutlich erkennbare Absicht (auch wenn ich gar nicht mal sicher bin, ob ich da richtig liege).
Zum Vergleich hier:
Das Rot hat mit seinen Tentakeln jede Ritze erobert, vibriert durch die Luft, wabert im Wasser.
-- Das macht mir keine Probleme, weil das Komma durch die Mehrgliedrigkeit viel natürlicher wirkt.

Hier:

eigentlich ein Narr, wer hier rätselt.
-- muss ich mich gemeint fühlen, denn ich rätsle an der Stelle ... Macht mir aber nichts :)

Dieser Satz:

Die Zeit hämmert ihre entropische Beschaffenheit gnadenlos in selbstgerechte Gemüter: Sie ist keineswegs das einzige Problem, es gibt auch noch uns.
-- klingt einerseits pompös, das ist schon eine ordentliche sprachliche Salve. Das Wort entropisch macht das für mich passend, das bekommt dadurch eine etwas nerdige Note, dadurch klingt es für mich im Setting authentisch. Da steckt so ein sympathischer Widerspruch drin zwischen behaupteter Rationalität und emotionaler Zuneigung zur Welt der abstrakten Entitäten. (Ich meine, Leute zu kennen, die so reden.)
Dasselbe Register hier:
Menschliches Tun verwandelt sich in monochromen Rausch, Emotionen oszillieren bis zur Erschöpfungsexplosion in sich aufbäumender Resonanz.

Kritisch sehe ich im zweiten Teil die gelgentlichen Erklärungen fürs Publikum in den Dialogen. Das würde einem Erzähler besser stehen zu sagen. Beispiel:
Uns stören jedoch die Digi-Gegner.
-- Das dürfte doch zwischen den Gesprächspartnern nicht gesagt werden müssen, das wissen doch wohl alle Beteiligten (eher: uns stören nur immer noch die Digi-Gegner oder so, dann wäre die neue Info, dass sich entegegen möglicher Erwartungen die Einstellung nicht geändet hat.)

Fast noch deutlicher finde ich das Zuviel an Info im Dialog hier:

Die enorme Größe der für die digitale Zeugung benötigten Datenmenge
und hier:
Sobald man von der Naturgeburt zur Retorte überging, gab es heftige Proteste, ebenso bei der Genom-Optimierung – bis die Gesellschaft die Vorteile erkannte.
und auf einer etwas anderen Ebene vielleicht auch hier:
„Ja – wie ähnlich wird sie uns sein?“
-- hätte sie diese Frage nicht längst schon gestellt?

Ungelenk finde ich an dieser Stelle:

Kommt doch für immer in den Digi, wenigstens du, Mutter!
-- das Wort "Mutter", aber gerade deswegen nicht unpassend. Da klingt an, dass das Kind sich nicht frei entfaltet, sondern ein Stück weit programmiert ist(?).

Der Name:

Ahmux rief wütend etwas Unverständliches
-- kommt unvermittelt, das fänd ich anders eleganter - wenn der Name irgendwie früher käme.

Besonders hübsch finde ich ja das hier:

Sofort blieb sie in einer Art unsichtbarem, zähen Teig stecken. Notgedrungen musste sie, ein wenig beschämt, einige Schritte zurück gehen.
-- Hab ich sehr schön vor Augen.

Ach so, und dann noch mal eine Stelle mit für meinen Geschmack zu viel Infolast für den Dialog:

seit deiner Zeugung durch Informationsverschränkung
-- das macht ja fast nur dann Sinn, wenn man in anderen Fällen sagen würde: seit deiner Zeugung durch Koitus mit eiaculatio.

Eine kleine Unschärfe finde ich hierin:

Sie weinte nicht – niemand wusste, ob sie es unterdrückte oder diese Emotion praktisch unmöglich war
-- das Weinen ist ja genau genommen nicht die Emotion, sondern deren Ausdruck. Möglich wäre zu diesem emotionalen Ausdruck, aber das würde nicht ganz dasselbe bedeuten.

Den Schluss:

„… meine Liebe, ihr bestimmt, welche Welt ihr erschaffen werdet. Wir sind die letzte Generation, ihr seid die erste.“ „Rot ist mein Ballon, er fliegt schnell davon, in das viele Rot, morgen sind wir tot, keiner ist mehr da, la, la; la, la, la.“ „Kind, lass das! Warum loggst du dich dauernd in die grässliche Realität dieser Kinder ein?“
-- finde ich nicht so richtig verständlich, was ist das für ein Lied, was steckt dahinter? So ganz heftig stört mich die Unklarheit aber gar nicht, vielleicht, weil das etwas leicht Unheimliches hat, so scheinbar harmlos von ziemlich dramatischen Dingen zu reden (oder zu singen). Kann auch reichen: dass man einfach mit einem Gefühl des Unbehagens da raus geht.

Also, wie gesagt, insgesamt fand ich das stimmig: sprachlich, inhalich, auch formal (die Strukturierung bzw. Unterteilung in drei Abschnitte). Die Überinformation aus den Dialogen würde ich tendenziell ändern, wobei mir auch das nicht total unpassend erscheint: Es macht die Reden etwas spröder, aber spiegelt sich darin nicht gerade die durchtechnisierte Welt? Ich würde so sagen: Wenn es mir nicht als relativ häufig vorkommendes Problem in der Gestaltung von Dialogen bekannt wäre, würde ich es hier als Stilmittel möglicherweise anstandslos akzeptieren.

Besten Gruß
erdbeerschorsch

 

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