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Schafe zählen

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21.11.2020
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Schafe zählen

Das erste Schaf hieß Matilda, hatte dickes, schwarzes Fell und sprang mit Leichtigkeit über den Zaun.
„1“, dachte er und ließ das Schaf Schaf sein.

Das zweite Schaf nannte er Leon – es hatte ebenfalls schwarzes Fell und stand eine Weile lang blökend da, bevor es über den Zaun sprang.
„2“, dachte er und ließ das Schaf Schaf sein.

Das dritte Schaf hatte das Gesicht der Radfahrerin, die heute Mittag den Unfall gehabt hatte. Er versuchte, das Gesicht zu vertreiben, zumal es seltsam aussah – Schafe haben schließlich keine Menschengesichter –, aber es gelang ihm nicht.
„3“, dachte er und ließ das Schaf Schaf sein.

Das vierte Schaf knallte gegen den Zaun, und er musste daran denken, wie ihre Augen sich geweitet hatten, als das Auto sie erwischte. Sie hatte die Einbahnstraße wohl übersehen, war völlig gedankenlos in die falsche Richtung geradelt, und der Benz hatte sie angefahren, hatte sie zusammengefaltet wie eine Puppe, die man nicht mehr braucht. Schrecklich, furchtbar, aber es hatte irgendwie was Schönes gehabt, dieses Existenzielle, dieses Kaputtgehen, das einen so intensiv ins Jetzt zurückruft.

Beim fünften Schaf gab er sich Mühe. Es hatte weißes Fell, sah genauso aus, wie ein Schaf eben aussehen muss, und sprang über den Zaun, so wie es ihm befohlen wurde.
„5“, dachte er und ließ das Schaf Schaf sein.
Sie hatte ihm in die Augen geschaut, kurz bevor er sie überfahren hatte. Jedes Mal, wenn er daran dachte, schien etwas anderes in ihrem Blick zu liegen – Vorwurf, Angst, Bedauern. Sogar etwas Bittendes. Er öffnete die Augen, um sie nicht mehr sehen zu müssen, dann schloss er sie wieder.

Das sechste Schaf schien irgendwie zu flimmern; er versuchte verzweifelt, sich darauf zu konzentrieren – was tat es gerade? Es sprang über den Zaun. Wie sah es aus? Er wusste es nicht, weißes Fell vielleicht, immer wieder sah er ihre Augen, aber das Schaf sprang doch gerade, er durfte nicht dran denken, es war egal, wie sie ihn angeschaut hatte.
Und dann dachte er an seine Frau. Er hatte Sarah auf dem Weihnachtsmarkt kennengelernt; da waren die Zuckergussstände und die sich drehenden Pferdefiguren am Karussell, der Geruch nach Glühwein und die Fausthandschuhe an Kinderhänden, und da war sie, wie sie zitternd hinter dem Autoscooter lag. Sie sagte, ihr sei nicht kalt, sie könne die Lichter nur nicht ertragen, und als er sie fragte, wie sie hergekommen sei, brachte sie kein Wort heraus. Er hatte sie umarmt, fest, und ein Gefühl der Verbundenheit zu dieser Fremden verspürt, das ihn später fragen ließ, ob sie ihn wiedersehen wollte. Sie sagte ja, und am Samstagabend sagte sie ein weiteres Mal ja, und mit jedem Treffen fühlte er sich mehr zu ihr hingezogen. Wie ein seltsam zerbrechliches Wesen kam sie ihm vor, nicht ganz von dieser Welt, sodass er umso mehr den Drang verspürte, sie bei sich zu behalten. Manchmal war sie abwesend, wenn er mit ihr sprach, und manchmal lächelte sie ihn mit einer Art unsicheren Dankbarkeit an und schien ihn völlig zu verehren. Schließlich fragte er, ob sie ihn heiraten wollte, weil er wusste, dass sie nicht ohne ihn konnte und weil er nicht zulassen durfte, dass ihr ohne ihn etwas zustieß.

Vielleicht lag es am Ende an den Kindern. Vielleicht auch an der verstrichenen Zeit. Denn wenn er abends nach Hause kam und sie zitternd auf dem Bett fand, war er wütend. Er verstand nicht, was sie jetzt schon wieder bedrückte und sie verstand nicht, warum er sie nicht verstand. Manchmal bekam er Anrufe vom Kindergarten, dass Matilda und Leon nicht abgeholt worden waren, und er klagte sie wegen ihrer Vergesslichkeit und Selbstbezogenheit an. Sie wurde darauf immer ganz aufgeregt, lief hektisch herum und murmelte, er liebe sie nicht mehr, sie habe es doch gewusst, dass er eines Tages fortgehen würde; dann fing sie an zu weinen, bis er ihr versicherte, dass er sie niemals verlassen würde. Seine Träume von einem Familienleben gab er nach und nach auf – er wollte seine Kinder gut erziehen, aber er konnte nicht gleichzeitig zur Arbeit gehen und Vater sein. Wenn er sah, wie sie mit Dingen wie Windelwechseln heillos überfordert war, konnte er seine Frustration nur schwer verbergen; sie antwortete für gewöhnlich darauf, indem sie sich zurückzog. Einmal verschwand sie für drei Tage, während derer er krank vor Sorge wurde, und als sie wiederkam, war sie noch zerbrechlicher als sonst und bedankte sich bei ihm. Du bist der einzige, bei dem ich nicht alleine bin, sagte sie, danke, dass du auf mich aufpasst, du weißt ja gar nicht, wie sehr ich dich brauche. Er antwortete, doch, das wisse er, nahm sie in den Arm und versicherte, dass er sie niemals verlassen würde. Und als sie zu Bett gegangen war, saß er vor dem ausgeschalteten Fernseher und weinte, weil er wusste, dass es stimmte.
Vor knapp einer Woche war sie erneut verschwunden. Er meldete sich bei der Arbeit krank, erzählte seinen Kindern, sie sei zu einer Freundin aufs Land gefahren, und rief die Polizei. Er stellte sich vor, wie sie einsam durch verlassene Straßen lief, fragte sich, wo sie nachts schlief und hatte Angst, sie könnte sich etwas antun. In Gedanken sah er sie schon von einer Brücke springen oder sich einen Strick um den Hals legen, sah den Lokführer panisch die Bremse ziehen – aber mehr als alles andere fürchtete er, dass sie allein war, wenn es passierte. Als er am Freitag in die Küche ging, sah er Matilda und Leon am Tisch sitzen, wie sie sich Brote schmierten, und ihm fiel auf, dass er die beiden seit Tagen nicht gesehen hatte. Nichts zu machen… Er warf ihnen ein „Hallo“ hin und ging Richtung Einfahrt.

Es war die Entscheidung eines Sekundenbruchteils. Er war unterwegs, um sie zu suchen, und er fand sie. Im einen Moment fragte er sich noch benommen, wo sie das Rad aufgetrieben hatte, im nächsten stand ihm die Lösung vor Augen. Er musste nur ein kleines bisschen weiter nach links fahren, ein kleines bisschen aufs Gaspedal drücken – gut möglich, dass er das ohnehin getan hätte. Er konnte sich nicht erinnern, gelenkt zu haben, aber auf einmal war sie da, direkt vor ihm, schaute ihn mit einem Ausdruck an, der von Dankbarkeit hätte sprechen können, und war ganz für ihn verschwunden.
„Gute Nacht“, sagte er leise.

„7“, dachte er sich und ließ das Schaf Schaf sein. Es würde noch lange dauern, bis er einschlief.
 
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Monster-WG
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10.09.2014
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Hola @SophiaY,

wenn ein neues Mitglied so gut schreiben kann wie Du, sollte man es besonders herzlich willkommen heißen! Dein Text hat mich beeindruckt, da steckt viel drinnen - so schöne Sachen wie:
… zusammengefaltet wie eine Puppe, die man nicht mehr braucht. Schrecklich, furchtbar, aber es hatte irgendwie was Schönes gehabt, dieses Existenzielle, dieses Kaputtgehen, das einen so intensiv ins Jetzt zurückruft.
Er öffnete die Augen, um sie nicht mehr sehen zu müssen, ...
und vieles mehr. Da wird auf wenig Raum sehr viel erzählt; das hat schon Klasse.

Meine unmaßgeblichen Anmerkungen haben keine Kritikfunktion, lediglich wollen sie meinen persönlichen Leseeindruck wiedergeben.
Tarnen und Enttarnen. Ich denke nicht, dass Dir die Leser das verübeln - obwohl es denkbar wäre:
der Benz hatte sie angefahren
Mit Autopilot?
kurz bevor er sie überfahren hatte.
Ah so.
… das Gesicht der Radfahrerin, die heute Mittag den Autounfall gehabt hatte.
...Gesicht der (ihm selbstverständlich unbekannten) Radfahrerin -
ob ein Radfahrer einen Autounfall haben kann? Ich weiß nicht so recht ...

Nur mit der Kälte seinen Kindern gegenüber kam ich nicht zurecht:
… ihm fiel auf, dass er die beiden seit Tagen nicht gesehen hatte.
und diese unerwartete Schroffheit:
Nichts zu machen…

Okay, SophieYpsilon - prima Text - mir hat er sehr gefallen. Weiterhin viel Spaß bei uns!

José
 
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21.11.2020
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Hallo @josefelipe,

hab mich unglaublich über Deine Rückmeldung gefreut, dankeschön! Ein bisschen Bammel hatte ich ja schon, als ich den Text hochgeladen habe – jetzt bin ich beruhigt, dass er im Großen und Ganzen so wirkt, wie ich es beabsichtigt hatte; auch Dein Leseeindruck ist sehr wertvoll für mich.

Zum Tarnen und Enttarnen: Stimmt schon, die Leser werden irgendwie in die Irre geführt – ich wollte die Informationen sozusagen parallel zu den Schafen herausgeben, um immer wieder ein kleines Überraschungsmoment drin zu haben.

... das Gesicht der Radfahrerin, die heute Mittag den Autounfall gehabt hatte.
Guter Punkt, ist mir gar nicht aufgefallen. Das ändere ich gleich mal – ist auch schön, wenn man erst später erfährt, dass es ein Autounfall war.

Die Kälte gegenüber seinen Kindern wollte ich als Konsequenz seiner Sorge um Sarah einbringen, aber auch als Motiv für den "Unfall": Sarahs mentale Instabilität zwingt ihn, seine Kinder zu vernachlässigen, was ihm an der Stelle bewusst wird.
Du hast aber recht, im Kontrast zu seinen Träumen vom Familienleben kommt es etwas aus dem Nichts... Ich lass es mir mal durch den Kopf gehen, vielleicht fällt mir noch eine gute Möglichkeit ein, das in Kontext zu bringen.

Danke auf jeden Fall für deine aufmerksamen Bemerkungen!

Sophia
 
Wortkrieger-Team
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07.09.2014
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Hallo @SophiaY,

herzlich willkommen hier im Forum. Du bringst ja einen interessanten Einstieg mit, kombinierst Elemente aus beschaulichen Schafgeschichten mit einem Ehedrama, baust das langsam auf, zeigst das Grauen, bleibst aber immer ein wenig auf Distanz. Genau wie dein schäfchenzählender Protagonist, der noch unter Schock zu stehen scheint. Ich habe das gerne gelesen.

Sie hatte die Einbahnstraße wohl übersehen, war völlig gedankenlos in die falsche Richtung geradelt, und der Benz hatte sie angefahren, hatte sie zusammengefaltet wie eine Puppe, die man nicht mehr braucht.
Interessantes Bild mit der Puppe. Denn in der Art, wie die beiden sich aneinander binden, steckt auch so etwas drin, dass sie die zerbrechliche Puppe ist, die er "bei sich behält". Sie wird niemals zur Partnerin, lässt ihn im Alltag im Stich, entgleitet ihm, manipuliert ihn mit ihrer Hilflosigkeit. Sein Verantwortungsgefühl kippt in Hass, mündet in diese Tat und diese merkwürdige, kalte Art von Gleichgültigkeit.
Wie ein seltsam zerbrechliches Wesen kam sie ihm vor, nicht ganz von dieser Welt, sodass er umso mehr den Drang verspürte, sie bei sich zu behalten.
Das, was ihn anfangs anzieht, wird irgendwann zum Fluch, treibt ihn in eine Spirale, aus Angst um sie und Frustration. Er ist im Grunde ein pflegender Angehöriger und irgendwann komplett überlastet.
Schrecklich, furchtbar, aber es hatte irgendwie was Schönes gehabt, dieses Existenzielle, dieses Kaputtgehen, das einen so intensiv ins Jetzt zurückruft.
Für mich wirkt er wie benommen, so distanziert. Es gibt diese Seite, dass ihr Tod, der Mord an ihr eine Erlösung für ihn ist und er macht da so eine intellektuelle Beobachtung daraus. Du entlarvst erst nach und nach, dass es seine Frau ist und dass er es ist, der sie überfahren hat. Das finde ich sehr gut gemacht.
und da war sie, wie sie zitternd hinter dem Autoscooter lag. Sie sagte, ihr sei nicht kalt, sie könne die Lichter nur nicht ertragen, und als er sie fragte, wie sie hergekommen sei, brachte sie kein Wort heraus.
Sehr fein komponiert. Es beginnt hinter dem Autoscooter und endet unter dem Auto. Man könnte sagen, das konnte man doch alles kommen sehen. Und es geht ja sehr stringend den Bach runter. Ich überlege, ob es nicht doch eine Zeit geben könnte, wo es ein wenig Hoffnung gibt, wo sich sein Wunsch, sie retten zu können zu bewahrheiten scheint.
Manchmal war sie abwesend, wenn er mit ihr sprach, und manchmal lächelte sie ihn mit einer Art unsicheren Dankbarkeit an und schien ihn völlig zu verehren. Schließlich fragte er, ob sie ihn heiraten wollte, weil er wusste, dass sie nicht ohne ihn konnte und weil er nicht zulassen durfte, dass ihr ohne ihn etwas zustieß.
An einigen Stellen finde ich, dass du zuviel erklärst, benennst. Du könntest etwas mehr Raum lassen, so dass ich als Leserin selbst meine Schlüsse ziehen kann. Hier zum Beispiel, finde ich beides Schwarzgedruckte überflüssig. Denn du zeigst ja, wie sie ist und indem er sie heiraten will, zeigst du auch, dass da was ist, was ihn an ihrer Hilflosigkeit und Bewunderung anzieht. Ich nehme ihm auch das Zweite nicht so ganz ab. Das klingt sehr, sehr fürsorglich, blendet aber aus, inwiefern er ja offenbar zunächst von einer abhängigen Frau profitiert. Interessanter, als seine Erklärungen finde ich Situationen, in denen du uns die Dynamik der Beziehung erleben lässt. Also zum Beispiel:
Wenn er sah, wie sie mit Dingen wie Windelwechseln heillos überfordert war, konnte er seine Frustration nur schwer verbergen; sie antwortete für gewöhnlich darauf, indem sie sich zurückzog.
Nur als Idee: vielleicht hier noch mehr "Show" statt "Tell". Was passiert da genau? Vergisst sie die Windeln zu wechseln und sitzt stattdessen vor dem Fernseher, ist sie nicht in der Lage das Kind zu handeln, wenn es zappelt und schreit selber los? Vielleicht sprengt es den Rahmen dieses Textes, aber es würde mir diese Frau individueller vor Augen stellen, wenn ich dabei bin und sehe, wie überfordert sie ist, anstatt, dass ich es berichtet bekomme. Wobei ich finde, dass der Text auch so sehr gut funktioniert.

„7“, dachte er sich und ließ das Schaf Schaf sein. Es würde noch lange dauern, bis er einschlief.
Knackiger fände ich es ohne das Fettgedruckte. Du hättest auch wieder so einen Zirkel zum Anfang und es wäre skurriler.

Interessant ist für mich die Frage, warum du das Schäfchenzählen mit dem Mord verknüpfst. Es ist originell und überraschend. Und es hat auch etwas sehr kindliches. Die Sehnsucht nach dem Heilen, vielleicht spiegelt es auch die Naivität, mit der er in diese Beziehung geschlittert ist. Die echten Kinder in der Geschichte scheinen am Ende komplett für sich alleine zu sorgen.

Liebe Sophia, nimm von meinen Anregungen das, was du brauchen kannst. Ich freue mich auf weitere Geschichten von dir.

Liebe Grüße von Chutney
 

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