Hallo @linktofink :-)
Mir ist es nicht leicht gefallen, Deinen Text zu kommentieren. In seiner Ganzheit habe ich ihn nicht durchdrungen. Vorsichtig hege ich den Verdacht: Er lässt sich in die Unendlichkeit kommentieren. Dazu sind die angesprochenen Motive, die Perspektive, ja schon die physische Gestalt und die Handlungsmöglichkeiten des Protas - ein Geist, wie du mir ja per PN bestätigt hast - so mannigfaltig, dass ich für jede Interpretation, jede Deutung Argumente finde und Gegenargumente ebenso. Deine Sprachgewalt ist enorm. Dein Blick für Details ist phänomenal. Ähnlich wie @lakita könnte ich eine ganzen Güterzug an "beeindruckend" "beeindruckend" "beeindruckend" abfahren lassen. Und es würde einige Tage dauern, bis der Zug vorbeigedampft ist.
Ich bin dir sehr dankbar, dass du solche Texte schreibst. Die einfach auch herausfordern, wild, gewaltig sind, bunt, massiv. Mich erinnert deine Welt ein bisschen an höhere Mathematik, Orte zur abstrakten Vorstellung, die sich einer schräger Sprache bedient,irgendwie profan ("Ebenen, Kugeln, Sphären"), aber sinnerweiternd ("erreiche ich den Rand einer zweidimensionalen Sphäre, gelange ich zum anderen Rand"). Es braucht zum Genießen einer, äh, Homöomorphie einer dreifachen Mannigfaltigkeit zur 3-Sphäre (mal eben aus Wiki herauskopiert^^) eben eine sehr fundierte, mathematische Ausbildung ...
@lakita hat etwas schön angesprochen -
Ich bin in Sachen Rätselraten nicht gut und fühle mich dann immer in so einer Art Wettbewerb, den ich hochwahrscheinlich eh verlieren werde, kein gutes Gefühl beim Lesen.
- auch wenn ich Rätselraten mag, irgendwie begibt man sich damit auf's Glatteis. "Enträtsel mich! Es gibt nur eine Bedeutung!". Und, ja, da komme ich mir als Leser manchmal ein bisschen dumm vor. Denn nachher taucht der Autor auf und sagt, nee, schau doch mal, der Fluss, der steht für das melancholische Treiben des Menschen im 21. Jahrhundert oder so, ist doch klar. Und ich denke mir, häh, klar? Was ist hier klar? So seltsam es ist: Für mich hast du einen Fachtext geschrieben, für den es eine Ausbildung braucht. Die habe ich nicht.
Also genieße ich den Text einerseits auf einer rein handwerklichen Ebene und kann dir ein paar Gedanken, paar Anmerkungen zur sprachlichen Gestaltung teilen. Das werde ich aber erst im zweiten Teil tun.
Zuerst aber zu zwei anderen Dingen, einmal die Orientierung deines Textes und dann das Motiv des verkohlten Obdachlosen.
Ich gehe durch die Gasse, weiß, wohin sie führt.
Der Protagonist scheint der Geist des ermordeten Obdachlosen zu sein. Das schließe ich aus dem Graffito. Schnee ist das Blut der Geister, in seinen Adern fließt nasser Schnee. Der Protagonist nimmt auf die Stadt, auf die Menschen, keinen Einfluss. Er kann Klagenfurt aber interpetieren und ist in der Lage, Emotionen zu erkennen und auch Traurigkeit zu sehen. Ich lese aus deinem Text einen Zynismus heraus. So, wie er als Geist keine Verbindung zur Welt der Lebenden hat, so ignorieren die Menschen die Obdachlosen. Ob es Obdachlose sind oder irgendwie anders Verlorene, Vereinsamte, Außenseiter, wird mir nicht klar. Der Protagonist scheint nicht in der Lage zu sein, zu handeln und Veränderungen in der Lebendenwelt herbeizuführen. Er kann sie aber auf eine bestimmte Weise sehen. Offensichtlich scheinen Geister Traurigkeit zu sehen. Der Protagonist trägt einen gewissen Stolz mit sich, den er aus seiner Fähigkeit des Durchschauens zieht.
Auf mich schien der graue Alte eine Art Vermittler zu sein, der zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten sehen kann. Er erneuert eine Botschaft an der Wand. Ein bisschen dachte ich an Charon, den Fährmann über den Styx, das Flussmotiv taucht ja auch auf. Auch Kanal, Wehr, Nebenfluss.
Es ist mir absolut klar, dass du sehr gute, sehr treffende Argumente gegen diese Zusammenfassung hast und es ganz anders siehst und liest. Für mich ist es eher eine vorsichtige Annäherung zu dem, um was es hier geht. Anders kann ich mich nicht orientieren. Ich denke, dass dies ein Problem sein kann. Die vorherigen Kommentare gingen ja in eine ähnliche Richtung, auch sie ließen eine gewisse Ratlosigkeit erkennen. Nicht falsch verstehen. Klingt sehr negativ meinerseits, sehr kritisch.
Obwohl der Geist in einer surrealen Welt lebt, kann ich einiges über diese surreale Welt aussagen. Ich erfahre, dass Geister keinen Einfluss auf die Welt der Lebenden ausüben. Ich erfahre, dass Schnee durch die Adern fließt. Hier bin ich so schräg und behaupte: Es ist wirklicher Schnee. Die surreale Welt ist keine beliebige. Sie gehorcht Gesetzen und Regeln. Inwiefern also die Traurigkeit aus dem Fluss personifiziert ist, wie jimmysalaryman anmerkt, weiß ich nicht zu sagen. Mir erscheint alles denkbar. Traurigkeit steigt aus dem Fluss? Natürlich tut sie das.
In gewisser Weise übernimmt der Erzähler eine übersetzende Funktion aus der Geisterwelt in die Lebendenwelt. Ich kann mir vorstellen, dass die deutsche Sprache für diese surreale Welt ja gar keine Wörter hat, weil sie nicht das kennt, was in dieser Welt normal ist. Wieder der mathematische Hinweis. Hui, langsam schwirrt der Kopf ....
Oder ist das alles symbolisch gemeint? Ich glaube, was eine Leserin oder ein Leser benötigt, ist wenigstens eine gewisse, grobe Orientierung. Welche Gestalt hat der Geist? Wie ist die Welt des Geistes? Wo ist der Geist? Mehr nicht. (So etwas wie die Preisauszeichnung im Himmel des Planetens Magrathea aus dem Anhalter der Galaxis, der mir als Leser klar macht: Okay, dieser Planet steht ist nur ein Verkaufsvorschlag. Ohne die Preisauszeichnung wäre es nicht möglich, Realität und Irrealität zu trennen).
Sorry. Harter Bruch. Zum Motiv des verkohlten Obdachlosen ...
Der zerfledderte Brief in meiner Gesäßtasche raunzt ungehalten, möchte ein letztes Mal gelesen werden. Ich hole ihn heraus, falte ihn auseinander, werfe ihn in die Luft, wo ich ihn mit einem gezielten Feuerspuck auflodern lasse. Knisternde Ascheflocken mit glimmenden Rändern segeln Richtung Wasser.
Durch die Luft schweben glühende Buchstabenketten, das flirrende Geht nicht lese ich und das Sorry, das so leichtfertig ist, dass es erst weit auf dem Fluss bei den Kiesinseln niedersinkt, wo das bekannte Begleittier es aufschnappt und über dem entblößten Rücken der Geht-nicht-Frau ausrülpst. Die richtet sich auf und rümpft die Nase, weil der Rülps nach Hund riecht und ein wenig nach Süden und verbranntem Schlafsack.
Du hast dich für einen extrem heftigten Tod entschieden. Doch von Schmerzen berichtet er nicht. Offenbar hat die Verbrennung auch die Schmerzrezeptoren zerstört, was ich durch den Hinweis auf Verkohlung bestätigt sehe. Hier ist ein Mensch verkohlt. Was mich aber verwundert, sind zwei Hinweise. Zum einen, wie passiv der Geist von seinem Tod berichtet. Auf mich wirkt das wie ein Akzeptieren. Zynisch gesagt: Da kommen Jugendliche, die zünden mich an, das akzeptiere ich jetzt. Er entscheidet sich ja nicht selbst dafür. Er wird ermordet. Also ... dieses Nichtreagieren auf irgendwas, dieses völlige Nichtspüren von Angst, auch gar keine Hinweise auf die anfangs extrem heftigen Schmerzen ... hier scheint ein Mensch innerhalb von kürzester Zeit verkohlt zu sein ... ist das in deiner Geschichte möglich? Merkwürdigerweise dachte ich ... hier krümmt sich die mögliche Kritik am Zynismus in die sprachliche Gestaltung. Schön, die Buchstabenketten zu sehen und es knistert sogar, aber der Protagonist verbrennt mit dem mentalen Zustand eines Steins. Und nicht dem eines Menschen.
Sprachliches -
Sie hocken auf den Brücken, stecken Beine durch Geländerstäbe und baumeln mit den Füßen in der Luft. Ich bin einer von wenigen, die sie sehen. Dabei sind es so viele, die Stadt ist gestopft mit ihnen. Dort, wo Leben ist, bilden sie Rudel, um es anzuzapfen und sich einzuverleiben. Gemütsvampire, die ihren Liebsten zuschauen bei dem, was sie selbst nicht mehr zu tun vermögen. Sie zerren an den Köpfen und ziehen die Gedanken der Lebenden zu ihnen hin
Vampire - ihr Biss verändert das Opfer. Bin mir unsicher, ob das Bild passt, da ich aus deinem Text eher etwas Passives herauslese, das Ignorieren der Obdachlosen, die Spaltung zwischen den Welten. Auch im ersten Satz ... sie baumeln mit den Füßen schreibst du, in den nächsten Sätzen aber greifen die Vampire an. Da hätte ich einen ersten Satz erwartet, in dem aufgelauert oder abgewartet wird.
"gestopft" klingt schön oberdeutsch.
Liebsten könnte auch ironisch sein.
Ich gehe durch die Gasse, weiß, wohin sie führt. Ein Graffito, rot auf einer weißen Wand. Oft schon wurde es übermalt, es kehrt zurück, niemand hat je gesehen wie. Als würde die Wand selbst die Schrift ausbluten, ein Stigma dieser Mauerecke als Wundmal dieser Stadt. Schnee ist das Blut der Geister. Das Rot sticht in die Augen. Ich kann ihn sehen, den alten Grauen, er hockt auf dem Mauervorsprung und wartet. Vom Pinsel in der Rechten tropft rote Farbe auf das Pflaster. Ich nicke ihm zu, er nickt zurück. Auch durch meine Adern fließt Schnee. Nasser Schnee.
Hier meine Frage, warum sich der Prota des Graffiti versichert. Er weiß ja, wohin die Gasse führt, er kennt die Schrift. Klingt für mich nach Leserführung, mehr nach Erzähler denn nach Protagonist. Und warum geht er? Wie bewegt sich ein Geist? Oder doch die Zwischenwelt? Neulich am Klagenfurter Styx ...
Das Rot sticht in die Augen - anders gefragt, warum? Wenn der Prot ein Geist ist, ist es sinnvoll, dass Rot sticht? Also, der Geist nimmt ja die Welt recht anders wahr, und diese veränderte Wahrnehmung könntest du so oft wie möglich zeigen. Wenn schon Schnee durch die Adern fließen kann, dann braucht das Rot nicht stechen. Aber das nur als Idee.
Nasser Schnee würde ich streichen. Wirkt für mich wie eine "Plausibilitätsstütze". Schnee kann nicht fließen? Naja, nasser Schnee aber ein bisschen besser. Oder ist der Protagonist noch zwischen den Welten? Halb lebend, halb tot, also deswegen der Fluss als Motiv? So ein Klagenfurter Styx? Warum hat er dann keine Münze im Mund? Ist der graue Mann der Fährmann? (jetzt fühle ich mich doch ein bisschen altphilologisch aktualisiert, dass ich mich noch daran erinnern kann).
Irgendwer legt immer Blumen ab und stellt Kerzen auf. Und ein anderer Irgendwer sagt immer, das darf sich nie wiederholen, und jeder weiß, morgen schon ist das lauwarme Luft von gestern.
Wenn die Offiziellen ihrer Pflicht nachgekommen sind und in ihre Welt zurückchauffieren, kommt die Traurigkeit.
Du beginnst mit "Irgendwer", benennst sie aber im nächsten Satz.
Eines davon kenne ich, weiß um den Menschen, den es begleitet.
Für mich eine sehr schwierige Stelle, da mir der Mensch nicht klar wurde. Hier fokussierst du ja stark auf einen bestimmten Menschen. Wer ist es also? Hui, oder eine Art zweite Seele, die ein Mensch besitzen kann? Aber dieser Prota.
Flussabwärts knacken Deep-House-Beats vom Club am Brückenpfeiler übers Wasser.
Er kennt sich aber gut aus ('tschuldige, das klingt ein bisschen spöttisch).
Dementsprechend mager ist die Dichte von Ihnen auf dieser zu lauten Insel im trägen Sommerbrei.
Hier taucht das Vampirmotiv auf, oder?
Meine Hand wandert zur Gesäßtasche, es ist keine Sorglosigkeit darin, nur ihr zerfledderter Brief und ein Rest Lebensgeist, gefangen in einer Flasche, die ich an die Lippen führe.
Hier deutest du eine Trennung und einen sozialen Abstieg infolge der Trennung an.
Das Motiv des "Anzapfens am Leben", hier tritt es in Form von Alkohol auf? Warum jetzt der Alkohol?
Ich heiße es willkommen zurück, das kleine bisschen Blöd.
Schöner Satz!
Sie erkalten zu puderigen Kratern aus Asche und Schlafsack.
Hm, kurz zurück, ein Krater entsteht durch Krafteinwirkung. Ein Asteroid erkaltet nicht zu einem Krater. Ein Tropfen hinterlässt einen Krater. Ein Asteroid zB das Nördlinger Ries.
Nasser Schnee rauscht durch meine Adern, die Glieder werden schwer, der Kopf wird leicht.
Wenn hier der Tod dargestellt wird ... wie kann er als verkohlter Mensch Glieder spüren?
Grausam gut finde ich die Stellen um den Alkohol, diese assoziative Kraft zwischen Verbrennung und Alk.
ein Morsecode, der Scheitern verschleiert,
Hm, Morsecode ist ja mehr die Reduktion eines Wort auf ein winziges Signal ... verschleiern assoziiere ich eher in etwas Flächiges, Nebliges, Kaschierendes im Großen ....
Die Wirklichkeit der letzten Jahre, verlebte Zeit voller Tristesse und Streit, mit zwei Wochen Balkone voller Geranien, um es rauszureißen. Logisch, dass das auf Dauer nicht reicht, nicht reichen kann bei dreihunderteinundfünfzig Tagen Hochglanzsumpf.
Ah, kurz zurück. Er ist aber ein mathematischer Mensch! :-D 365-14=351. Ich denke, der Text spielt nicht 2020. Da war Schaltjahr.^^
Lieber @linktofink :-)
Das war's ... bestimmt nicht.
Lg aus Leipzig-Stadt
kiroly